C. Verhältnis der afrikanisch-amerikanischen Gruppe zur ostasiatischen.

[64] Ehe wir in der Übersicht fortfahren, ist es an der Zeit, das Verhältnis der afrikanisch-amerikanischen Gruppe zur ostasiatischen festzustellen. In Buchstaben ausgedrückt bestehen sie ans folgenden Teilen:


Afrikanische und amerikanische:

1:A1A2B1B2B4

2:A1A2A3B1B2B4

3:A2B1B2B3

4:A1A2B1B2B4

5:AB1B2B4

6:B1B2B4B5[64]

7:A1A2A3B2B4

8:A3B1B2B4

9:A+A3B1B2B3

10:AB1B2B4

11a:A1A2B1B2B4

11b:A1A2B1B2B4B5

12:A+A3B1B2B3

13:A2B1B2B3(B4?)

14:A1A2A3[B1 fehlt!!]B2B3

15:AB1B2B3


Ostasiatische:

17:A1A2B1B2B4

18:A1A2B1A2B3

19:A1A2A3B1B2B4

20:A+A3B1B2B3

21:A+ A2B1B2B4

22:A1A2A3B1B2B3


Aus dieser Zusammenstellung folgt die gleichsam mathematische Gewißheit, daß die ostasiatische Gruppe Nr. 17–22 im wesentlichen dieselben Bestandteile enthält, wie die afrikanisch-amerikanische.

Vielleicht kommt noch eine weitere Übereinstimmung hinzu. In Nr. 18 bis 22 spielt sich der Wettlauf am Wasser ab, und ebenso läuft in Nr. 12 a die Schildkröte im Wasser, das Reh am Ufer, in Nr. 11 b laufen beide an je einem Ufer, in Nr. 12 c schwimmen Muschel und Schildkröte im Flusse. Da nun die weitreichende Wirkung gerade dieses Wassermotivs auch weiterhin sich zeigen wird, so dürfte jene Übereinstimmung kaum auf Zufall beruhen.

Wie dem auch sei, die sonstige Ähnlichkeit der beiden Gruppen beruht jedenfalls nicht auf Zufall, sie muß durch Wanderung erfolgt sein. Und da bietet sich ganz von selbst der Schluß, daß der Weg zuerst nach Ostafrika ging. Daß eine starke indische Kultureinwirkung in dieser Richtung stattgefunden hat, braucht hier nicht näher bewiesen zu werden. (Siehe Schurtz in Helmolts Weltgeschichte III, 425.) Es sei nur auf zwei Tatsachen hingedeutet: im zehnten Jahrhundert n. Chr. berichtet der arabische Schriftsteller Massudi von dem lebhaften Handelsverkehr, der damals zwischen dem alten asiatischen Kulturlande und Ostafrika bestand, und die erste portugiesische Flotte, die hier erschien, erhielt in Malindi ohne Mühe einen Lotsen, der sie nach dem an der Malabarküste liegenden Kalikut hinüberführte. (Vgl. Merensky, Deutsche Arbeit am Njassa, S. 2.)1[65]

Da die Märchenforschung – was liier nur angedeutet werden kann – Beispiele genug kennt, wo indischer Erzählungsstoff nach Afrika gelangt ist2, so darf man auch in diesem Falle den gleichen Weg annehmen. Von der Ostküste kam der Stoff durch Zentralafrika nach dem Westen. Welch gewaltige Völkerverschiebungen im dunkeln Erdteil vorgekommen sind, wer vermag es zu sagen? Sicher ist, daß Stämme aus dem Innern an die Küste drängten oder gedrängt worden sind, und so finden wir unser Märchen auch in Kamerun. Daß es in Zentralafrika bekannt war und gewiß noch heute bekannt ist, beweist eine unten zu erwähnende Parallele, die einer etwas andersgearteten Form angehört (Nr. 41). Vom Westen Afrikas brachten dann, wie schon erwähnt, die Negersklaven den Stoff nach Amerika, und zwar zuerst nach Brasilien, von wo er sich auch unter den Indianern verbreitete.

Es wäre übrigens nicht ausgeschlossen, daß auch arabische Vermittlung neben der indischen mitgespielt hätte. Es gibt nämlich in Algerien folgende kabylische Variante:


[A1 entstellt:] Schakal und Schildkröte streiten, wer den andern fressen solle. [A2] Die Schildkröte schlägt vor, es im Wettlauf zu entscheiden. Der Wettlauf soll an der Waldgrenze sein. Der Schakal läuft auf der Wiese, die Schildkröte im Wald, [B1] wo sie ihre Verwandten in Zwischenräumen aufgestellt hat. [B2] Wenn, der Schakal ruft, antwortet immer eine Schildkröte vor ihm. [B4] Der Schakal läuft sich zu Tode, [B5] und die Schildkröten freuen sich, daß sie ihn fressen können.


  • Literatur: La Tradition 20, 1906, 270.

[66] Da indessen, wie sich zeigen wird, die übrigen arabischen Varianten in Nordafrika ein anderes Aussehen haben, so halte ich es für wahrscheinlicher, daß umgekehrt die Kabylen jene Variante von Negern übernommen haben.

Fußnoten

1 Eine merkwürdige Sitte, die auf Indien weist, erwähnt Casati, Zehn Jahre in Äquatoria 1, 308: den Gebrauch der sogenannten Kauris als Münze in Ostafrika und als Schmuck in Zentralafrika. »Als im 14. Jahrhundert Ibn Batuta, ein Berber, der größte Reisende, der in arabischer Sprache schrieb, das Reich von Mali oder Meile besuchte, fand er ein Schneckenhaus als Münze in Gebrauch, das Kauri (cypria moneta) hieß. Er sagt, daß er weder in China, noch in Zentralasien, noch an irgend einem Orte der Welt, den er besuchte, dieses Schneckenhaus als Geld verwendet gefunden habe, außer bei einem Teile der indischen Kasten.

Die cypria moneta findet sich auch, aber selten und in etwas anderer Gestalt, im Mittelmeer und im Atlantischen Ozean, jedoch kann man den Indischen Ozean als ihre wahre Heimat ansehen. Wie konnte nun aber dieser Gebrauch, sie als Münze zu verwenden, von Indien auf ein schwarzes Reich des Sudan übergehen? Wie geschah die Übertragung der Muschel selbst? Auf dem Landwege gewiß nicht, nicht nur, weil die Schneckenhäuser dieselbe nicht gelohnt hätten, sondern auch, weil man weiß, daß der Gebrauch der Kauris als Münze sich vom westlichen Sudan aus nach dem Zentralsudan ausgebreitet hat. Gab es also schon vor dem 14. Jahrhundert einen Seehandel zwischen Indien und der östlichen Küste Afrikas einerseits und der Westküste andererseits? Man muß annehmen, daß, wenn man die unendliche Anzahl von Kauris, die herübergebracht wurde, in Betracht zieht, – eine Anzahl, die ausreichen mußte, um als Münze zu dienen, – ein solcher Transport nur auf dem Niger hätte vor sich gehen können« – Über die Frage, ob malaiische Seeleute zur Westküste vordrangen, s. Schurtz, S. 425.


2 Dabei mag der Insel Madagaskar, die ethnographisch zu Indonesien gehört, eine besondere Wichtigkeit zukommen. Z.B. weist R. Basset in dem Bulletin de correspondance africaine II, 33 darauf hin, daß in einer madagassischen Erzählung, zu der arabische Parallelen fehlen – indischer Einfluß vorliegt und daß dieser von Madagaskar auf das Festland hinübergegangen ist. Madagassische Versionen unseres Märchens siehe unten.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 67.
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