D. Der Krieg zwischen Haustieren und Waldtieren.

[209] Außer den Kriegen der Vögel gegen die Vierfüßler und Fische gibt es in literarischer und mündlicher Überlieferung auch einen Kampf zwischen den Haustieren und den Waldtieren.1

Bereits im Ysengrimus, der von einem flandrischen Dichter etwa um 1148 verfaßt ist, erscheint dieses Märchen als Bertilianas, der Rehgeiß Betfahrt.2 Die wichtigsten Züge der Handlung sind hier folgende:


1. Der Fuchs veranlaßt die Haustiere (Ziegenbock, Widder, Esel, Gänserich, Hahn), die zu einer Hochzeit geschlachtet werden sollen, mit ihm eine Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Hirsch und Rehgeiß schließen sich den Haustieren erst später an.3

2. Die Tiere kehren in einer Waldherberge ein, um zu übernachten. Der Wolf folgt ihnen, und gibt sich als frommen Einsiedler aus.

3. Beim Mahle wird er gewaltig erschreckt durch das Vorlegen angeblich mehrerer Wolfsköpfe, – die bekannte, vom Fuchs erdachte List, um den Wolf glauben zu machen, er habe es mit kühnen Jägern zu tun.

4. Der Wolf entflieht und wird von seinen Gegnern durch Stöße und Bisse übel zugerichtet.

5. Er kehrt mit anderen Wölfen zurück, um Rache zu nehmen. Beim Versuche sich auf den Heuboden zu retten, stürzt der Esel ab und erschlägt zwei Wölfe. Hier durch und infolge des Geschreies der Tiere entfliehen die Wölfe.[209]


Dieses Tiermärchen (A), das sich im 12. Jahrhundert in der 8. branche des Roman de Renart wiederfindet4 und wahrscheinlich auch im Reinhart Fuchs Heinrichs des Glichezare seinen Platz gehabt hat5, begegnet uns im 16. Jahrhundert in einem Meisterliede des Hans Sachs6 und im Froschmeuseler Rollenhagens.7

Außerordentlich stark verbreitet ist es auch in der mündlichen Tradition, und zwar, wie ich aus den Aufzeichnungen Boltes ersehe, besonders in den romanischen Ländern, aber auch in Deutschland und auf den britischen Inseln. Nicht selten tritt es ferner in den slawischen Gebieten auf, wo es in einer ganzen Anzahl von Varianten aufgezeichnet worden ist.8.

Auf eine genaue Betrachtung der Herkunft und Wanderungen dieses Märchens kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden9, sondern hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß es einen anderen Stoffkreis stark beeinflußt zu haben scheint, der in seiner Haltung die jüngere Erfindung verrät, in dessen Mittelpunkt jedoch ebenfalls ein Kampf von Haustieren gegen die Waldtiere steht. Diese in der Fassung des 48. Märchens der Brüder Grimm – »der alte Sultan« – am meisten bekannte und nur in mündlicher Tradition lebende Erzählung10 (B) weicht in manchen wesentlichen Punkten[210] von A ab und beweist dadurch ihre ursprüngliche Selbständigkeit, zeigt aber in andern Übereinstimmungen, die nicht zufällige sein können. Abweichend sind gegenüber A die folgenden der wichtigeren Züge:

1. Die Vorgeschichte in zahlreichen Varianten: Der altersschwache Hund sucht seine Brauchbarkeit zu erweisen; der Kater wird von den Waldtieren zu Gast geladen usw. Doch findet sich das Motiv einer den Haustieren drohenden Gefahr in zahlreichen Varianten, so auch bei Grimm.

2. Der Kampf findet meist auf Verabredung statt oder wird vorher angedroht. (Der wichtigste Unterschied!) Öfter ist er auch ersetzt durch die Flucht der Waldtiere vor dem Kater.

3. Angreifer sind die Haustiere.

4. Der Kater (die Katze) ist die Hauptperson in der Partei der Haustiere, nicht der Fuchs.

5. Die Waldtiere sind nicht nur Wölfe, wie meist in den Varianten von A, sondern gewöhnlich Bär, Eber und Wolf.

6. Die Szene spielt sich unter Bäumen, nicht in einem Hause ab.

Zieht man dagegen die übereinstimmenden Züge in Betracht, so ergibt sich folgendes:

1. Die Grundidee und das Hauptmotiv der Handlung sind die gleichen: der Sieg der Schwachen über die Starken, der Haustiere über die Waldtiere.

2. Das Personal der Haustiere, denen sich der Fuchs stets beigesellt, ist im allgemeinen dasselbe wie in den ältesten literarischen Fassungen von A.11

3. In beiden Märchengruppen versteckt sich einer der Verteidiger (Haustiere in A, Waldtiere in B) auf erhöhtem Punkte und fällt auf seine Gegner herab.

Summiert man die Übereinstimmung im ganzen mit den identischen Einzelzügen, so wird man eine Beeinflussung von B durch A nicht in Abrede stellen können.12 Allein nur durch genaueste Untersuchungen ließe sich feststellen, ob diese Einwirkung erst durch die literarischen Fassungen von A erfolgt ist, was uns an sich wahrscheinlicher dünkt, oder ob schon vor der Abfassungszeit des Isengrimus die Gruppe B von A beeinflußt worden ist.[211] Immerhin dürfte die Berührung schon relativ alt sein, denn B hat sich ein weites Verbreitungsgebiet besonders nach Nordosten über Kußland bis nach Finnland und Sibirien errungen. Hier trifft man auch Fassungen an, die interessante Mischformen zwischen A und B darstellen. So beginnt bei Afanasjev Nr. 19 a die Handlung mit dem Renkontre des Katers und Hammels mit den Wölfen, und es fehlt hier auch die köstliche, aus dem Isengrimus bekannte Düpierungsszene nicht, bei der ein Wolfskopf zwölfmal vorgezeigt wird. Dann aber schwenkt die Handlung nach B ein und der Fuchs er hält den Auftrag, Kater und Hammel zum Mittagessen einzuladen. Es spielt sich alsbald die übliche Szene unter den Bäumen ab, alle Tiere des Waldes entfliehen und überlassen dem Kater reichen Fraß. Auch die hervorragende Rolle, die der Kater in einer Variante zu A bei Afanasjev Nr. 19 b spielt, dürfte sich aus der zweiten Märchengruppe erklären lassen. Aus dem Kreise von A ist mir nur eine ätiologische Fassung bekannt geworden. Sie ist zudem stark verderbt, läßt aber im Verhalten des Wolfes zu den Haustieren den alten Hergang noch durchschimmern. Die Anpassung an die Ätiologie hat die Umformung des Stoffes gewiß erheblich beeinflußt und vor allem die Einführung des Nordwindes veranlaßt. Daß die Haustiere ein eigenes Wohnhaus im Walde besitzen (ursprünglich nur zum Überwintern?) kommt öfter vor.13 Die Variante ist eine lettische aus der Sammlung von Brihwsemneek Muhsu Tautas pasakas I Nr. 3, übersetzt ins Russische Živaja Starina 5, 442.


In den ältesten Zeiten lebten die Haustiere beieinander in Freundschaft. Im Walde hatten sie ein Haus aus Moos. Doch nicht lange sollten sie sich des Friedens erfreuen, der Wolf brach einstmals ein und raubte ein Ferkel. Als dieses sich aber vom ersten Schreck erholt hatte, rief es: »Wo sind die Männer, wo sind die Männer!?« (»kur vīri, kur vīri!«) Sogleich kamen der Stier und der Ziegenbock und befreiten das Ferkel. Der Wolf wollte sich rächen und schickte nun eine Menge wilder Tiere den Friedferti gen auf den Hals. Doch die Haustiere gingen stets einmütig vor und konnten jeden Überfall abschlagen. Da wandte sich der Wolf an den Nordwind, den furchtbarsten Sohn der Mutter aller Winde, mit der Bitte, ihm beim Verjagen der Haustiere zu helfen. Der Nordwind, der solche Sachen liebt, fing an so furchtbar zu blasen, daß das Wasser gefror und der Himmel in Massen Schnee herunterschüttete. Da konnte es auch der Stier vor Kälte nicht mehr aushalten, er kroch in die Hütte, verhakte sich aber im Versehen mit den Hörnern und das Häuschen stürzte ein. Da sahen die Haustiere, daß sie sich nicht anders retten könnten und gingen zu den Menschen und blieben bei ihnen bis auf den heutigen Tag.


  • Literatur: (Wenn Kinder fragen, woher die jungen Haustiere gekommen sind, antwortet die Mutter: »Aus dem Walde sind sie hergelaufen.«)

In der Märchengruppe B ist die Zahl der ätiologischen Fassungen eine größere. Sie sind sämtlich jenseits der russischen Grenzpfähle und in[212] Finnland aufgezeichnet, allein in Anbetracht ihrer geringen Zahl wird man in diesem Umstände nicht mehr als einen Zufall erblicken dürfen, der dadurch veranlaßt sein mag, daß sich das Märchen überhaupt unter den Slawen einer großen Beliebtheit erfreut. Die Naturdeutungen sind stets willkürlich angehängt; zumeist sind es die billigen Feindschaftsätiologien, die sich ja so leicht an alle möglichen Stoffe heften. Zu beachten sind auch die humorvollen Beschreibungen der anrückenden feindlichen Tiere, sowie die Stimmdeutungen und gelegentlichen -nachahmungen.

1. Im Gouvernement Minsk ist die folgende weißrussische Variante aufgezeichnet; zum Eingang mit dem singenden Wolf vgl. unten S. 233.


[Der Hund eines reichen Herrn, in dessen Hause ein Fest gefeiert wird, hat sich sattgefressen, geht abends aufs Feld hinaus und begegnet dort dem Wolf. Dieser fragt ihn, woher er so satt sei. Da erzählt ihm der Hund vom Fest und fordert ihn auf, sich's ebenfalls bei seinem Herrn gütlich zu tun, denn es sei ja schon finster und im Hause alles betrunken. Der Wolf furchtet sich zwar vor den Menschen, willigt aber schließlich ein, geht mit dem Hunde und frißt sich voll. Und als er hört, wie nebenan Lieder gesungen werden, schlägt er die Warnungen des Hundes in den Wind und fängt an mitzuheulen. Das hören die Leute, kommen hinzu und verprügeln den Wolf, der nur mit Mühe zu entweichen vermag.

Später kehrt er ins Dorf zurück, ruft den Hund und erklärt ihm wegen des angeblichen Verrats den Krieg: der Sieger solle den Unterlegenen fressen dürfen. Am andern Morgen zieht der Hund in Begleitung des Hammels, des Hahns und der Gans hinaus. Beim Wolf befinden sich Wildschwein, Hase und Luchs. Der Hase wird als Späher ausgesandt, kehrt zurück und erzählt:] »Brüder! durch jenes Heer werden wir zugrunde gehn: der Hund allein ist schon so groß und kräftig; dann ist da noch ein anderer14 mit roter Kupfermütze, riesigem Besen hinten und scharfem Messer im Munde, der geht so daher und sagt zum Hunde: ›Wohin, wohin gehst du? ich werd allein alle be siegen.‹ Ein anderer ist riesen-, riesengroß, zottig behaart und mit ungeheuren Gabeln auf dem Kopf, der geht und sagt: ›Bäh! ich werde sie alle auf die Gabeln nehmen!‹ Der Dritte trägt eine gebogene Stange, deren Ende ein scharfer Haken ist und sagt: ›Wo sind sie, wo sind sie? ich werde sie alle zertreten.‹« Da erschrak das Heer des Wolfes und versteckte sich: das Wildschwein wühlt sich unter Blättern ein und liegt, kaum daß es atmet; der Luchs springt auf einen Baum und hält den Atem an, der Wolf aber sieht, daß er sich nicht mehr retten kann, erhebt sich auf den Hinterbeinen zum Heer des Hundes und steht. »Sie werden glauben, ich sei ein Baumstamm und mich nicht erkennen,« meint er bei sich; der Hase aber versteckt sich hinter ihm und steht dort. Unterdessen nähert sich der Hund mit den Seinen. Der Hammel kam zum Wolf heran, wollte ein wenig spielen, aber der Baumstamm bog sich zusammen, und der Hammel stieß mit der Stirn auf den Wolf, doch so stark, daß diesem das Hirn heraussprang. Der Hase erschrak, wollte entfliehen, aber der Hund war hinter ihm, schnapp! und er hatte ihn gefangen. Der Hahn aber stieg auf das Wildschwein und fing an die Blätter auseinanderzuscharren und zu picken, dabei traf er gerade auf die Haut des Wildschweines und pickte ein Loch hinein. Das Wildschwein hielt lange aus, aber als es merkte, daß es schmerze, glaubte es mit Messern geschnitten[213] zu werden, raffte sich auf und lief davon. Der Luchs sieht, es steht schlimm, – er sitzt still auf seinem Baum und keiner achtet auf ihn. Das Heer des Hundes aber schaute umher, – da war niemand mehr zu sehen – und so gingen sie denn nach Hause.

Sowie aber seit der Zeit der Wolf merkt, daß irgendwo ein Fest gefeiert wird, läuft er was er kann.


  • Literatur: Šejn, Materialy 2, Nr. 11, S. 20–22.

2. Polnische Variante.


Es war einmal ein Wolf und ein Hund. Der Hund war groß, und zu ihm ging der Wolf. Einmal spricht er zu diesem Hund, daß er ihn auffressen werde. Und der Hund antwortet ihm: »Mein Schöner, friß mich nicht auf, ich werde dir Stiefel machen.« »Gut, mach' mir welche!«

Eines Tages kam auch der Wolf zum Hund, und der Hund sagte: »Ich werde gleich fertig sein. Ich werde dir Stiefel machen, aber daß du mir in diesen Stiefeln weder im Tau noch im Wasser gehst!«

Da nahm der Hund den Wolf, befahl ihm in einen Dreckhaufen zu treten und da ging der Wolf in diesen Dreckhaufen und besudelte sich die Beine bis zu den Knien. Dann befahl er ihm aus dem Dreckhaufen herauszugehen und sagte zu ihm: »Jetzt hast du Stiefel. Wenn du nicht glauben magst, so sieh dir einen Bauer an, der in solchen Stiefeln geht.« Und dann sagte er zu ihm: »Nun hast du fertige Stiefel, aber bedenke, was ich dir sagte, daß du weder im Tau noch im Wasser gehst. Denn andere werde ich dir nicht machen. Gehst du dennoch ins Wasser, so wird dir das Wasser die Stiefel nehmen.« Der Wolf gehorchte, legte sich ruhig hin und ging weder am ersten Tag, noch am zweiten Tag, noch am dritten Tag, bis ihn zu essen verlangte. Und da ging der Wolf Nahrung suchen, um sich zu kräftigen. Nach einem Jahre ging er in den Wald ins Wasser, schritt hinüber zum andern Ufer, besieht sich seine Beine: die Stiefel sind nicht da, denn sie sind vom Wasser abgewaschen. Ging zurück zum Hund und fragte ihn: »Was hast du mir für Stiefel gemacht, die ich jetzt schon nicht mehr habe, jetzt werde ich dich fressen.« Der Hund antwortete: »Ich sagte dir ja, daß du nicht in Tau noch in Wasser gehen solltest, so würdest du deine Stiefel behalten. Hast doch gehört, daß ich dir sagte, daß ich dir zum zweitenmal keine Stiefel machen will. Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst, ich werde dir keine andern Stiefel machen. Wir wollen uns wegen dieser Stiefel gerichtlich auseinandersetzen.« »So gehen wir zum Gericht,« sagte der Wolf, und sie gingen. Der Wolf nahm als Zeugen zu Hilfe einen Bär und das Wildschwein, der Hund nahm die Katze und den Kapaun, und sie gingen zum Gericht. Und als sie dorthin kamen, ging der Wolf zuerst, dann der Bär und das Wildschwein vorwärts. Da sagte der Wolf zum Bären: »Geh du hinauf auf die Kiefer.« Und dem Wildschwein sagte er: »Du vergrabe dich in Laub und sitze dort. Wenn wir zurückkommen, so werden wir uns hier selbst unser Recht verschaffen. Wenn ihr sehen werdet, daß ich den Hund packe, so wird den Hund niemand weiter bemerken. Wenn ich mit ihm nicht fertig werde, so kommt mir zu Hilfe, wir werden den Hund alle zusammen packen und ihn zerreißen.« Da ging denn der Hund und wußte nicht, welche Tücken ihn erwarteten, er wußte nicht, daß. der Wolf ihm ans Leben wolle. Dem Hund folgten der Kapaun und die Katze; sie gehen zusammen zum Gericht, zuerst der Hund, hinter ihm der Kapaun, zuletzt die Katze. Da geht der Kapaun und sagt zu sich: Tak, tak, tak, tak!15 Der Bär hört es[214] in der Kiefer und denkt, daß man ihm zuruft: ja! ja! nämlich, daß der Wolf umgebracht werden solle. Die Katze ging hinter ihnen zuletzt hinauf und richtete den Schwanz hoch auf, und der Bär sagt zum Wolf: »Weißt du was, es steht schlecht mit uns! Siehst du, wie der diese Lanze hoch trägt. Uns wird er mit der Lanze durchbohren.« Der Wolf entgegnet dem Bären: »Was meinst du? Wir werden mit ihnen fertig werden, wir sind ihnen über! Für uns ist das alles noch zu wenig. Gibt es doch keine stärkeren Tiere als wir drei! Ich allein bin ja fast imstande jene drei zu verschlingen.« Antwortet der Bär: »Freilich, wenn ich sie anpacke, so mucksen sie nicht mehr. In Fetzen zerreiß ich sie.« Das Wildschwein sagte nichts, bewegte bloß den Schwanz im Laube. Die Katze sieht das, springt zu und faßt es beim Schwanz, denn sie dachte, daß es eine Maus sei, die dort raschele. Das Wildschwein, hast du nicht gesehen! springt aus dem Laube auf. Die Katze erschrickt, sie dachte, daß es der Hund sei. Husch! war sie oben auf der Kiefer, wo der Bär in den Zweigen saß. Der Bär dachte, daß sie das Wildschwein bereits durchbohrt habe und nun auch ihn durchbohren wolle. Holla! Der Bär noch oben auf der Kiefer flieht vor der Katze aus Furcht, daß sie ihn durchbohren würde. Die Katze auf der Kiefer aber immer hinter ihm her. Der Bär konnte nicht weiter fliehen, denn »es fehlte an Kiefer« (der Baum war zu Ende). Er sprang auf den Gipfel, fiel vor Angst hinab und blieb tot. Die Katze blieb auf der Kiefer, das Wildschwein floh in den Wald, aber der Wolf und der Hund blieben auf dem Platze. Der Wolf ging auf den Hund los, denn er wußte nicht, was mit seinen Helfern geschehen war.

Der Wolf war hungrig, denn er hatte drei Tage nichts gegessen, und der Hund war groß und stark. Der Wolf dachte, daß er die Hilfe hinter sich hatte, doch war es nichts damit! Er packte den Hund und wollte ihn fressen. Der Hund sprang auf den Wolf und beide packten sich. Aber der Wolf war schwach, und der Hund war stark und fraß den Wolf.

So hatte der Wolf verloren, der Hund blieb auf dem Platz und versteckte sein Recht unter ein Strohdach, aber die Mäuse aßen ihm das Schriftstück auf. Seit jener Zeit ist der Hund böse auf die Katze! Wo immer er sie sieht, verfolgt er sie. Warum ließ sie zu, daß die Mäuse sein Recht auffraßen? Die Katze ›hatte schon keine andre Art‹. Seit jener Zeit erst frißt die Katze Mäuse. Wo sie diese antrifft, werden sie von ihr gefressen. Seit dieser Zeit kommt es, daß der Hund böse auf die Katze ist, die Katze auf die Maus, der Wolf auf den Hund.


  • Literatur: Zbiór wiadom. do antrop. Krajowej 15, 42. – Zum Schluß vgl. oben S. 119.

3. Lettische Varianten.


a) Der Kampf der Waldtiere mit den Haustieren ist in lettischen Märchen in zahlreichen Varianten vertreten, die zum Schluß meist eine ätiologische Anwendung haben. So hat z.B. der Wolf den Bären und den Fuchs, der Hund die Katze und den Hahn zu Helfern gewählt. In Erwartung des Feindes klettert der Bär auf einen Baum, während der Fuchs in einen Reisighaufen schlüpft. Unterdessen kommt die Katze mit einem großen Hebebaum auf den Schultern und der Hahn mit einem Rutenbund bewaffnet. Die Katze hascht den Fuchsschwanz, der Fuchs rennt gegen den Hahn, dieser fliegt auf den Baum und bewirkt, daß der verschlafene Bär hinabstürzt. Dabei quetschte er sich seinen langen dünnen Hals, so daß er seitdem kurz und dick wurde. Auch waren von nun an Hund und Wolf Todfeinde. Der Hahn muß seitdem, ebenso wie damals, einen Rutenbund tragen und die Katze einen Hebebaum. Dem Fuchs aber sind am Schwanzende lange Haare[215] gewachsen, so daß sein Schwanz jetzt eher einer Handvoll Reisig gleicht, wovor der Katze die Hosen zittern, wie einer Maus. Und seit der Zeit hat auch die Katze niemals einen Fuchsschwanz statt einer Maus erhascht.


  • Literatur: Mitgeteilt von M. Boehm = Magazin der lett. literar. Gesellsch. 19, 162 ff. Nr. 24.

b) In alten Zeiten, als die Wölfe und Hunde noch gute Freunde waren, klagt der Hund dem Wolf seine Not, und der Wolf gibt ihm den Rat, wie er durch eine verabredete Rettung des Kindes die Dankbarkeit der Bäuerin erwerben könne. Das geschieht, doch der Hund hat in der Hitze den Wolf gebissen. Dafür grollt ihm dieser, und es kommt zum Kriege zwischen den Wald- und Haustieren unter den bekannten Umständen. Die Erzählung bedient sich der Deutung des Hahnen-, Gänse- und Katerrufs.

Die Waldtiere unterliegen und seit der Zeit herrscht dauernde Feindschaft zwischen allen Hunden und Wölfen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis IV, 40, Auszug von M. Boehm.

4. Aus Estland.


a) Der Fuchs fragte einst die Katze: »Willst du meine Frau werden?« – »Kurrnaun! Jawohl!« war die Antwort. Sie vermählten sich. Der Fuchs ging der jungen Gattin Essen suchen. Ihm begegnete der Wolf, welcher ihn fragt, wohin er gehe. Der Fuchs erzählt. Der Wolf will seine junge Frau sehen. Der Fuchs stellt eine Bedingung, unter welcher er seine Frau sehen könne: er müsse ein Lamm vor das Haus des Fuchses tragen.

Der Fuchs geht weiter. Ein Bär kommt. Ihm erzählt er dasselbe und verlangt von dem Bär, er solle eine Kuh seiner Frau als Geschenk bringen, dann könne er sie sehen.

Der Fuchs streicht durch den Wald. Als er nach Hause kommt, sind Wolf und Bär mit dem Schaf und der Kuh schon da. Der Wolf versteckt sich unter einem Busch und der Bär kriecht auf eine Fichte, um von dort aus die Gattin des Fuchses zu sehen. Die Katze kam auch und fing an die Kuh zu fressen, wobei sie immer schnurrte: »Närrnärr, närrnärr, weidu-weidu, weidu-weidu!« (»weidu« heißt »zuwider«). Der Fuchs aß ruhig sein Lamm. Wolf und Bär wunderten sich über die Katze, daß sie mit der großen Kuh unzufrieden war, wie sie glaubten. Zuweilen blickte die Katze auf und blickte zum Busch, worunter der Wolf lag, welcher jedesmal dann freudig mit dem Schwanz wedelte. Die Katze aber glaubte, daß da eine Maus sei und sprang auf den Schwanz des Wolfes. Dieser lief vor Schreck in den Wald. Die Katze erschrak auch und kletterte auf die Fichte und sprang dem Bär ins Gesicht. Dieser lief auch was er konnte davon.

Am anderen Tage, als Wolf und Bär den Fuchs trafen, sagten sie, er habe eine böse Frau. Er aber lobte seine Frau und war stolz auf sie. Als der Fuchs aber nach Hause kam, fand er seine Frau nicht mehr vor. Der Katze wurde es dort unheimlich und sie lief fort. Das verzieh der Fuchs ihr nie, daß sie ihm untreu geworden, und deswegen ist er ihr bis heute Feind.

b) Früher waren der Bär, der Wolf und der Fuchs große Freunde gewesen und hatten einander alles gesagt. Eines Tages fanden sie sich wieder im Walde zusammen, der Wolf und der Bär begrüßten sich freundlich, aber der Fuchs stand von ferne und tat fremd. Die beiden anderen fragen: »Was ist denn mit dir heute, Gevatterchen?« Der Fuchs sagt, er sei nicht mehr Junggeselle, er habe geheiratet, es habe keinen Sinn mehr, ihre Freundschaft zu suchen. Interessiert fragen die anderen nach dem Namen der jungen Frau. »Miili Massinge« sagte der Fuchs. Der[216] Bär und der Wolf möchten gern die junge Frau sehen. Sie veranstalteten ein großes Festessen und laden den Fuchs mit seiner Frau ein. Alles ist bereit, eine Menge Wild ist zum Essen besorgt, die beiden Gastgeber warten und warten, das junge Paar kommt nicht. Der Wolf spricht zum Bären: »Du hast, Brüderchen, starke Tatzen, klettre mal auf die hohe Tanne und lug aus, ob sie nicht kommen sollten.« Der Bär tut es. Ruft dann von oben: »Sie kommen schon über den Morast, der Fuchs pantscht durchs Wasser, aber die junge Frau will sich wohl die Füße nicht naß machen, sie hüpft von Rasenhügel zu Rasenbügel.« Bald aber sagt er: »Ich fürchte, es ist ein Jäger, er hat so etwas wie eine Flinte über der Schulter!« (Gemeint der Schwanz der Katze.) Der Wolf gerät in große Angst, weiß nicht, wie sich verstecken. Der Bär macht ihn auf einen großen Haufen Reisig und dürres Laub aufmerksam. Der Wolf verkriecht sich darin. – Der Fuchs und seine Frau, die Katze, kommen an, wundern sich, daß die Gastgeber fehlen, machen sich aber an den schönen Braten. Die Katze springt hinauf auf das Fleisch und sucht sich die besten Stücke, die sie knurrend verzehrt. Der Wolf und der Bär wundern sich: so viel gutes Essen haben sie vorgesetzt bekommen und doch knurrt die junge Frau! Der Bär kann von der Tanne aus die Gäste gut beobachten, der Wolf aber sieht nicht gut, er versucht leise den Kopf etwas zu heben. Dabei knackt das Reisig, – die Katze denkt, es sei eine Maus und springt hin, schlägt ihre Krallen in das Gesicht des Wolfes und zerkratzt es stark. Der Wolf springt heraus und läuft davon, aber seit der Zeit hat er das zerschrammte bunte Gesicht und heißt Buntgesicht (estn. Kriimhilm). Als der Wolf heraussprang, erschrak die Katze sehr. Sie fürchtete verfolgt zu werden und lief auf die Tanne, auf welcher der Bär saß. Der Bär kletterte in seiner Angst höher hinauf, – da brach der Wipfel und der Bär fiel schwer zu Boden und unglücklicherweise gerade auf den Hals. Seitdem hat der Bär den kurzen plumpen Hals.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von Hurt.

5. Eine finnische Variante mit der beliebten Ätiologie zur Hasenscharte ist oben Bd. 3, 23 mitgeteilt.


Fußnoten

1 Die eingehende von Johannes Bolte begonnene Untersuchung über dieses Thema soll, wie ich höre, nicht erscheinen. Statt dessen ist demnächst eine Arbeit von Kaarle Krohn zu erwarten, die dem gleichen Stoff gewidmet sein wird. – Für die gütige Erlaubnis zur Benutzung seines Manuskriptes spreche ich Prof. Bolte auch an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aus. Einige Angaben und weiter unten erwähnte Hinweise sind diesen Aufzeichnungen entnommen. – Vorläufig vergleiche man zum Thema: Voigt, Ysengrimus S. LXXX, Haltrich-Wolf, Zur Volkskunde etc. S. 494. 519, Sudre, Les sources p. 205–225, Grimm, KHM. Anmerkung zu Nr. 27, Köhler, Kl. Schriften 1, 58. 187. 424, Cosquin, Contes pop. Nr. 45, Kolmačevskij, Životn. epos S. 123 ff.


2 Voigt, Ysengrimus S. 194. – Im Ysengrimus abbreviatus um 1300 erscheint die gleiche Erzählung mit einigen Abänderungen, vgl. Grimm, Reinhart Fuchs S. LXII und 19.


3 Vgl. v. 825.


4 Edit. Martin 1, 265–278.


5 Vgl. die Anspielung v. 551 ff. bis zur Lücke; dafür erklärten sich J. Grimm, Reinhart Fuchs, Einl. S. 103, Martin, Observations p. 52, Kolmačevskij S. 132 und Sudre, Les sources p. 209, dagegen Voretzsch, Zeitschr. f. roman. Phil. 15, 177.


6 Schwänke hrsg. von Goetze und Drescher 5, 211 Nr. 735.


7 Buch 3, Teil 1, Kap. 9 = 2, 154 ed. Goedeke (1876), abgedruckt auch bei Grimm, KHM. 33, 48.


8 Vgl. Kolmačevskij S. 123, Ončukov Nr. 149 dazu Archiv f. slaw. Phil. 31, 279, Sadovnikov Nr. 51, Zapiski krasnojarsk. podotděla I, 1, 37 Nr. 15, Grinčenko 2 Nr. 181, Wisïa 1889 S. 777, Strohal, Hrvatsk. nar. prip. 3, 169 Nr. 17, Sbornik otděl. russk. jaz. 73, Nr. 5, S. 9; 78 (Baudouin) S. 29, Romanov S. 21 Nr. 15 u. fünf Varr., Vladimirov, Vvedenije S. 161. Vgl. außerdem Mordovskij etnograf. sbornik S. 315 ff. ed. Šachmatov (1910), Variante der Mordvinen.


9 Über diese Fragen wird K. Krohns Abhandlung Aufschluß geben. Hier sei nur bemerkt, daß die von Voigt, Ysengrimus S. LXXX versuchte Ableitung aus einer äsopischen Fabel (Halm Nr. 323–323 b) kaum zu halten sein dürfte; Bolte weist sie in seiner begonnenen Untersuchung mit guten Gründen zurück.


10 Vgl. Willibald Müller, Beiträge zur Volkskunde der Deutschen in Mähren S. 44–48 (Wien und Olmütz 1893), Blätter f. pomm. Volkskunde 1899 Bd. 7, 14, Zeitschrift d. Ver. f. Volkskunde 15, 346, Vernaleken KHM. Nr. 9, s.a. Bartsch 1, 516 (oben S. 201), Haupt und Schmaler, Volkslieder der Wenden II, 167 Nr. 8 = Haupt, Sagenbuch der Lausitz II, 209 Nr. 313, Veckenstedt, Wendische Sagen S. 423 Nr. 3, Zbiór wiadom. do antrop. Krajowej 5, 214 Nr. 21, Wisła 1889 S. 776–777, Valjavec, Narodne pripoviedke S. 269–272 = Afanasjev, Nar. russk. skazki3 1, 31, B. Niemcova, Slovenské pohádky a povésti S. 582–585 (1856), Karadschitsch, Volksmärchen Nr. 49 = Krauss, Sagen u. Märchen, der Südslawen 1 Nr. 5, Erlenvejn, Nar. russk. skazki Nr. 32. 39 (Moskau 1863), ders. in der 2. Aufl. Moskau 1883 S. 9–11, Afanasjev3 Nr. 18 = Nar. dětskija skazki Nr. 2 (1870), (vgl. La Tradition I, 1887, p. 184 ff., Leger, Recueil de contes popul. slaves p. 223 ff.), Šejn, Materialy 2, 257 Nr. 120, ebenda 2, 259 Nr. 122, Sadovnikov, Skazki Nr. 52, Verchratskij, Pro govor galick. lemk. S. 169 f., Kallas, Achtzig Märchen Nr. 74, Rußwurm, Sagen aus Hapsal Nr. 172 aus Rosenplänters Beiträgen VIII, 123 f. = Grimm, Reinh. Fuchs, Einleit. S. 285 f., Schreck, Finn. Märchen S. 195. 239, eine Variante aus dem hdschr. Nachlaß von Hurt, aus Hulgas in Estland, sign. H. I, 4. pag. 107 Nr. 18, Buch, Die Wotjäken S. 115 Nr. 5, Journal de la Soc. Finno-Ougr. 12, 152 Nr. 18 (mordvinisch) Potanin, Očerki 4, 178 Nr. 5 (Erzählung eines Teleuten), Rob. Felkin, Fabeln und Sagen aus dem Innern Afrikas in der Zeitschr. f. vgl. Lit.-Gesch. 1, 308 f., Journal of Americ. Folklore 6, 180, Strohal 1, 248 Nr. 88, Zapiski krasnojarsk. podotd. I, 1, Nr. 15, Sbornik mater. po etnogr. izdav. pri Daškovsk. Etnograf. Muzeě 2 Nr. 31–33, FFCommunications Nr. 5. 6 = Märchenkataloge von Aarne und Hackmann, Nr. 103. 104.


11 Daß die Katze in B eine so wichtige Rolle spielt, ist nicht überraschend, denn auch in den mündlichen Varianten von A fehlt sie fast keinmal, während die anderen Tiere häufig wechseln.


12 Daß B außerdem auch mit dem Krieg der Vögel gegen die Vierfüßler Berührungen zeigt, ist schon von den Brüdern Grimm bemerkt worden, vgl. die Anm. zu KHM. Nr. 48.


13 Vgl. Kolmačevskij S. 134 f.


14 Im Text ›moskal'‹, Schimpfname für den Großrussen.


15 Tak heißt poln. ja!


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 217.
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