I. Der Fischfang.

[219] Eine der beliebtesten und schon im Mittelalter weit verbreiteten Erzählungen handelt von dem Fischfang auf dem Eise.6 Sie enthält wohl die lebendigste und am meisten plastisch herausgearbeitete Episode des gesamten Sagenkreises, und ihr merkt man es so recht deutlich an, daß sie der Wirkung einer langen, feilenden Tradition unterworfen gewesen ist.[219]

Die Handlung spielt ursprünglich, wie Kolmačevskij7 nachgewiesen hat, zwischen Bär und Fuchs, nicht wie in den meisten westeuropäischen und russischen Varianten berichtet wird, zwischen Wolf und Fuchs. Die Situation ist bekanntlich folgende: Der Bär wird von seinem heimtückischen und schlauen Widersacher, dem Fuchs, dazu verleitet, seinen Schwanz bei starkem Frost durch ein Eisloch ins Wasser zu stecken, um Fische zu fangen; das Wasser gefriert, und der Bär muß sich mit Gewalt losreißen und seinen Schwanz opfern, um freizukommen. – Hier setzt nun in einer Reihe von Varianten die Ätiologie ein, die in der Regel so lautet: ›Seither hat der Bär nur noch einen Stummelschwanz‹.

Es wird die Frage auftauchen und zu beantworten sein: ist dieser Schluß untrennbar mit dem Gefüge der kleinen Erzählung verbunden, d.h. ist er ursprünglich? oder mit anderen Worten: ist die Erzählung dazu erfunden, um die Kurzschwänzigkeit des Bären in volkstümlicher, anschaulicher Weise zu erklären, oder könnte der ätiologische Schluß erst später angehängt worden sein, weil die Situation ihn nahelegte? Daß die Mehrzahl der bisher aufgezeichneten mündlichen und sämtliche literarische Varianten ihn nicht haben, kann allein noch nichts beweisen, denn die Ätiologie mag in den mündlichen Fassungen vergessen und in den schriftlich überlieferten von den Bearbeitern absichtlich fortgelassen worden sein. Es scheint mir, daß wir ausschlaggebende Gründe, um die eine Frage mit Sicherheit zu bejahen, die andere unbedingt verneinen zu dürfen, nicht haben, sondern nur auf Vermutungen angewiesen sind. Einerseits darf nicht übersehen werden, daß eine Ätiologie als ein Element mit betont lehrhaftem Zweck nicht recht passen will zu jenen alten Tiergeschichten, die man sich doch nur mit feinem Anflug von Humor vorgetragen denken hann. Eine Zugabe ist sie hier auf jeden Fall, denn die Handlung ist nicht derartig auf sie zugeschnitten, daß sie unentbehrlich wäre, sondern ruht durchaus in sich und ist vielleicht besser pointiert und abgerundet, als sonst die Handlung in den ad hoc erfundenen ätiologischen Sagen zu sein pflegt.8

Dagegen sprechen andere Gründe doch dafür, daß die Erzählung von vornherein zum Zweck der Naturdeutung erdacht worden ist.9 Das Motiv des Abreißens des Schwanzes ist nämlich auch in zahlreichen andern, unabhängig voneinander entstandenen und inhaltlich sonst ganz abweichenden Sagen unmittelbar dazu benutzt, um die Kurzschwänzigkeit eines Tieres zu erklären.10 Das Motiv ist demnach als ein typisch ätiologisches anzusehen und fordert scheinbar den naturdeutenden Schluß von allen Fassungen, in[220] denen es vorkommt. Bezeichnenderweise haftet dieser gelegentlich so fest im Gedächtnis des volkstümlichen Erzählers, daß er nicht einmal dort verschwunden ist, wo der Wolf an die Stelle des Bären getreten ist, und die Pointe nun infolgedessen gar] nicht mehr paßt.11 Eine keltische Variante lautet nämlich folgendermaßen:


1. Eines Tages gingen der Wolf und der Fuchs zusammen aus und stahlen eine Schüssel mit Mehlbrei. Der Wolf aber war das größere Tier von beiden und hatte einen langen Schwanz, wie ein Windhund und große Zähne. Der Fuchs fürchtete sich vor ihm und wagte kein Wort zu sagen, als der Wolf fast den ganzen Mehlbrei aß und ihm nur ein ganz kleines Bißchen auf dem Teller ließ, aber er beschloß bei sich, ihn dafür zu strafen, darum sagte er, als sie die nächste Nacht wieder zusammen aus gingen: »Ich rieche einen guten Käse,« und – damit zeigte er auf den Mondschein auf dem Eis – »da ist er ja auch.« »Und wie willst du ihn bekommen?« fragte der Wolf. »Du mußt hierbleiben, bis ich nachgesehen habe, ob der Pächter schläft, und wenn du deinen Schwanz auf den Käse hältst, wird niemand dich sehen oder wissen, daß der Käse da ist. Halte ihn ruhig darauf, es kann einige Zeit dauern, bis ich wiederkomme.« So legte sich nun der Wolf hin und hielt seinen Schwanz auf den Mondschein auf dem Eis und hielt ihn eine Stunde darauf, bis er angefroren war. Dann lief der Fuchs, der ihn beobachtet hatte, zum Bauern hinein und rief: »Der Wolf ist da, der wird alle deine Kinder fressen, der Wolf, der Wolf.« – Da kamen der Bauer und seine Frau mit Knüppeln heraus, um den Wolf zu töten, aber der Wolf lief davon und ließ seinen Schwanz zurück. Darum hat der Wolf bis auf den heutigen Tag einen Stumpfschwanz, während der Fuchs einen langen, buschigen hat.


  • Literatur: Campbell, Popular Tales of the West Highlands 1, 272 = Folklore Journal VI, 249.

Die vorliegende Fassung, die übrigens eine Motivmischung zeigt, von der weiter unten12 noch die Rede sein wird, zeigt sehr deutlich, wie stark der Erzähler von dem rein ätiologischen Charakter der Sage durchdrungen ist, da er vollständig vergißt, wie schlecht sein Schlußsatz auf den Wolf zutrifft.

Einen ganz vereinzelt dastehenden Eingang hat die folgende vlämische Variante:


2. Es war im Winter. Der Kanal war zugefroren, aber der Fuchs, der dort gerade hungrig vorbeikam, hätte sich gar zu gern Fische gefangen, um seinen Hunger zu stillen. Er machte eine Öffnung in das Eis, legte sieh dicht heran, ließ die Fische gerade nur bis zum Rand kommen um Luft zu schnappen und fing sie dann mit seinen Vorderklauen. Als er genug hatte, zog er weiter. Unterwegs kam ihm der Bär entgegen. »Fuchs,« sagt der Bär, »wo und wie habt ihr die delikaten Fische gefangen?« – »Ha, Vetter,« sagt Reinecke, »kommt einmal mit mir, ich werde es euch zeigen.« [Nun führt der Fuchs den Bären zu der Stelle, wo er so viele Fische gefangen hat und rät ihm den Schwanz ins Wasser zu stecken: die Fische würden dann anbeißen. Als der Bär lange genug gesessen ist und der Fuchs glaubt, der Schwanz sei inzwischen angefroren, sagt er: ›Nun zieh ihn heraus,[221] er hängt schon voller Fische.‹ Der Bär tut es, aber der Schwanz bricht ab und bleibt im Eise stecken. Daher haben die Bären keinen Schwanz.]


  • Literatur: Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 89 = Volkskunde 2, 65. Aus der Antwerpener Gegend.

3. Keine besonderen Züge enthält eine Variante aus Zaanstreck in Holland, wo es zum Schluß heißt: »Soviel der Bär auch zog, es half ihm nichts. Endlich tat er einen so starken Ruck, daß sein Schwanz abriß, und seit der Zeit hat der Bär nur einen Stumpfschwanz.«

4. O. Dähnhardt wurde die Sage auch im Oberengadin von Chr. Cavegu, Bevers, erzählt.


Fuchs und Bär wandern zusammen, wobei der Fuchs dem Bären stets Nahrung verschaffen muß. Als jener sich aber nicht mehr zu helfen weiß, sagt er dem Bären, er solle mit dem Schwanz fischen. Dieser tut es, und der Schwanz friert fest. Der Fuchs gibt ihm den Rat: »Bleib recht lange drin.« Als der Bär den Schwanz herausziehen will, reißt er ab; daher haben die Bären einen Stummelschwanz. Der Bär sucht darauf den Fuchs, allein, der ist verschwunden.


Aus dem skandinavischen Norden, der vielleicht als die Urheimat unserer Tiersage zu gelten hat13, sind uns zwei ätiologische Fassungen bekannt.


5. Aus Norwegen.


Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische angeschlichen kam. Die hatte er gestohlen. »Wo hast du die her?« fragte der Meister Petz. »Ich habe sie mir geangelt,« antwortete der Fuchs. Da bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm doch zu sagen, wie er es machen müßte. »Das ist eine leichte Kunst und sehr bald gelernt,« erwiderte der Fuchs. »Du mußt nur aufs Eis gehen, dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann mußt du ihn recht lange drein halten und dich nicht darum kümmern, wenn's ein bißchen weh tut. Denn das ist ein Zeichen, daß Fische dran beißen. Und je länger du's aushalten kannst, desto mehr Fische kriegst du. Aber wenn's zuletzt recht tüchtig kneift, dann mußt du hochziehen.«

Der Bär tat, wie der Fuchs ihm geraten, und hielt den Schwanz solange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er hoch – und der Schwanz blieb im Eise stecken. Und nun geht er noch heutigen Tages mit einem Stumpfschwanz.


  • Literatur: Asbjörnsen, Norweg. Volksmärchen, übers. von Bresemann = Dähnhardt, Naturgesch. Volksmärchen Nr. 93 (1. Aufl.).

6. Aus Frostviken, nördliches Jämtland, Schweden.


[Der Fuchs hat Fische gefangen und frißt sie; der Bär kommt hinzu und fragt, wie er zu den Fischen gelangt sei. Der Fuchs erklärt es ihm auf seine Weise und will ihn fischen lehren:] »Du mußt deinen Schwanz durch das Loch [ins Wasser] hineinstecken und ganz still bis zum Morgen sitzen, und dann mußt du ihn herausziehen und losreißen.« [Der Bär gehorcht, sein Schwanz friert ein und reißt beim Herausziehen ab.] Darum hat der Bär seither keinen Schwanz mehr.

[Darauf verfolgt der Bär den Fuchs, der sich unter einer Fichtenwurzel versteckt, und beißt ihn in eine Pfote.] Da sagte der Fuchs: »Ho, ho, nu bet han uti[222] roten, ock mente, det vär foten.« Nun ließ der Bär die Pfote los und biß in die Wurzel. Da lief der Fuchs seiner Wege.14


  • Literatur: Waltman, Lidmål S. 48–50.

7. Aus Estland.


a) Der Buschwächter15 Mihkel fangt im Winter aus dem Fluß Fische. Der Fuchs sieht es. Er hätte große Lust, beim Herausholen der Fische mit dabei zu sein, aber er wagt es nicht; er hat das blanke Instrument gesehen, womit der Mann das Loch in das Eis hieb. Aber er sitzt Tag für Tag hinter dem Busch und beobachtet den Vorgang. Ein Bär kommt an dem Busch vorbei und sieht den Fuchs. Es kommt zu Frage und Antwort. Der Fuchs erzählt, er sei der Gehilfe des Buschwächters und stehe nun auf der Wache, damit die Fische nicht aus dem Loch herauskämen, während der Buschwächter die erste Beute nach Hause bringe. Der Bär hat Hunger und möchte gern ein Fischlein fangen. Der Fuchs lehrt es ihn. Der Bär steckt seinen Schwanz ins Loch und wartet, bis sich die Fische daranhängen würden. Der Fuchs steht unterdes auf der Lauer, um zu melden, wenn der Buschwächter mit seinem Hunde in Sicht kommt. Dem Bär befiehlt er, sich ganz still zu verhalten. Der Bär zittert vor Kälte, wagt aber nicht, den Schwanz zu heben. Der Schwanz friert ein. Der Fuchs ruft: »Der Buschwächter kommt!« Der Bär reißt mit Anstrengung aller Kräfte, bis der Schwanz im Eise stecken bleibt, und er blutend davonläuft. Seitdem ist der Bär ohne Schwanz und geht nicht mehr aufs Eis.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von Hurt.

Die folgende, ebenfalls aus Hurts Nachlaß stammende Variante führt an Stelle des Bären den Wolf ein und verzichtet daher folgerichtig auf eine Ätiologie.


Der Wolf fragt den Fuchs, wie er seinen Fischvorrat für den Winter gesammelt habe. Der Fuchs erklärt: »Ich fange die Fische im Winter mit meinem Schwanz. Ich stecke meinen Schwanz in ein Fischloch und warte, bis er mir ganz schwer wird. Ein paar Mal brauche ich nur so zu fischen, so habe ich genug. Nur muß es bereits strenger Winter sein.« Kaum war die erste Kälte eingetreten, so ging der Wolf zum Fuchs fragen, ob man jetzt fischen könne. »Wenn das Meer fest gefroren ist und die Menschen darauf fahren können, dann ist es Zeit. Ich werde dich alsdann schon abholen,« war des Fuchses Antwort. Er wartete nun die Zeit ab, wo der Frost am stärksten war, dann ging er zum Wolf. Es war früh am Morgen, als sie sich beide auf den Weg machten. Der Fuchs heißt ihn den Schwanz in ein Loch stecken und ja den Schwanz ruhig halten, sonst bissen die Fische nicht an. Der Wolf tut es. Der Fuchs aber geht hin und her, weil ihm die Kälte nicht erlaubt, auf einem Fleck zu stehen. Nach geraumer Zeit fragt er den Wolf, ob der Schwanz schwer sei. »Ja, so schwer, daß ich ihn mit eigener Kraft nicht herausziehen kann.« – »Ich werde dir vom Dorf Hilfe holen,« sagt der Fuchs, »es müssen sehr viel Fische dran sein.« Der Wolf ist es zufrieden. Der Fuchs holt die Katze und den Hund zu Hilfe. Die Katze hat einen Stock und der Hund pflückt Steine. Das ist dem Wolf verdächtig. Er fürchtet sich vor ihnen und versucht, seinen Schwanz allein herauszuziehen. Es geht nicht. Immer näher kommen Hund und Katze. Da zieht er noch einmal mit aller Kraft und reißt sich den Schwanz ab, der festgefroren war. So betrog der schlaue Fuchs den dummen Wolf.[223]


In dieser Variante ist der Zug auffallend, daß der Fuchs angeblich zur Hilfe Hund und Katze herbeiholt. Hier liegt wiederum Motivmischung vor. Ursprünglich wurde, und zwar vermutlich zum Zweck der Verknüpfung unserer Sage mit einer anderen, die Hausfrau in die Handlung eingeführt. Diese stürzt sich, vom Fuchse gerufen, auf den Bären und veranlaßt ihn dadurch, sich gewaltsam zu befreien.16 An die Stelle der Hausfrau traten gelegentlich männliche Hausbewohner und schließlich auch Hunde17, nachdem der ursprüngliche Zweck der Einführung neuer Personen vergessen war. Aus den Hunden konnten aber leicht Katze und Hund werden unter dem Einfluß derjenigen Märchen, die von den ›Haustieren im Walde‹ erzählen.18 Auch dort erschrickt nämlich der Wolf vor den Heranziehenden, und hält den hochaufgerichteten Katzenschwanz für einen Stock oder ein Schwert und sucht sich in Sicherheit zu bringen.19

8. In einem längeren kirgisischen Daumerlingsmärchen findet sich folgende, augenscheinlich vom ›Schwanzfischer‹ beeinflußte, aber stark verderbte Episode:


Der Wolf hat Eingeweide eines geschlachteten Kamels mitsamt dem Daumerling verschluckt, hört seitdem eine Stimme in seinem Bauch und klagt dem Fuchs sein Leid. Dieser gibt ihm den Rat, zuerst tüchtig zu laufen und sich dann aufs Eis zu setzen. Der Wolf gehorcht, setzt sich schweißtriefend auf das Eis, verbringt so die ganze Nacht und friert mit Schwanz und Hinterbeinen an. Er wird von einem vorübergehenden Menschen erschlagen.


  • Literatur: Etnograf. Obozrěnije 21, 4, 93 (1909); aufgezeichnet in dem Gebiete Syr-darja.

9. Eine aus Amerika stammende, aber zweifellos von den Europäern entlehnte Fassung des Schwanzfischers findet sich bei Harris, Uncle Remus p. 57 (= Sudre, Les sources p. 168).20 Sie bietet nur in einem Punkte etwas Besonderes: Hier tritt nämlich das Kaninchen an die Stelle des Bären und läßt sich vom Fuchs verleiten, seinen Schwanz während einer Frostnacht ins Wasser hängen zu lassen. Schließlich reißt sich das Kaninchen los, sein Schwanz aber bleibt im Eise stecken. Darum haben alle Kaninchen einen so kurzen Schwanz oder keinen buschigen mehr, wie es in einer Variante21 heißt.

Wie auch in anderen afrikanischen, aber nicht ätiologischen Fassungen tritt die Hyäne an die Stelle des Bären in dem folgenden Märchen, das außerdem den Fuchs durch das Wiesel ersetzt und aus dem Fischen das Herausholen eines Stückes Fleisch gemacht hat.


10. Aus Bournou in Afrika.


Das Wiesel sagt zur Hyäne: »Ich habe in der und der Grube ein Stück Fleisch[224] gesehen. Es ist zu schwer für mich, aber du kannst deinen Schwanz hineintauchen, und ich will das Fleisch daran befestigen.« – »Gut,« sagte die Hyäne. Als der Schwanz sich senkte, befestigte das Wiesel einen starken Kreuzstock daran und gab das Zeichen zum Hinaufziehen. Zuerst glückte es nicht, da rief das Wiesel: »Das Fleisch ist schwer, zieh mit aller Kraft!« Beim zweiten Anziehen blieb der Schwanz zurück, und seitdem haben die Hyänen Schwänze, die kaum der Rede wert sind.


  • Literatur: Kennedy, Legendary Fictions of the Irish Celts p. 16.

Dem Anbinden des Stockes, der das Herausziehen des Schwanzes verhindert, lassen sich Motive aus europäischen Fassungen zur Seite stellen.22 So wird z.B. im Roman de Renart (br. III, 377–510 in der Ausgabe von Martin) und im Reinhart Fuchs v. 736 ein Eimer angebunden, in der 9. Extravagante (Oesterley S. 208) ein Brotkorb, in einigen aus mündlicher Überlieferung aufgezeichneten Varianten23 ein Eimer, Topf, Korb etc. und im Romulus Monacensis (Hervieux2 2, 282) schließlich ein Netz.

In diesen Zusammenhang gehört schließlich auch die folgende Variante aus Frankreich, wo allerdings das Fischen mit dem Schwanz verschwunden ist und dem einfachen Anbinden an einen Glockenklöppel24 Platz gemacht hat.


11. [Der magere Wolf fragt den wohlgenährten Fuchs, wie er zu diesem Aussehen gekommen sei und erhält zur Antwort: »Ich habe an meinen Schwanz mit einem Knoten den Glockenklöppel befestigt und diesen darauf gezogen, bis ich so fleischig geworden bin.« Der Wolf versucht es mit dem gleichen Mittel, aber der Schwanz reißt ab, darum ist der Wolf gestutzt wie der Hase.

Der Wolf macht darauf dem Fuchs Vorwürfe; dieser meint aber, daß das Unglück nicht so groß sei und rät ihm, den Schwanz in einen Ameisenhaufen zu stecken. Der Bär geht abermals auf den Leim und muß fürchterliche Schmerzen ausstehen.]


  • Literatur: Mélusine X, col. 211.

Fußnoten

1 Die reiche Literatur über die gegenseitigen Beziehungen und die Entstehung dieser Gattungen ist übersichtlich zusammengestellt und kritisch behandelt von Prof. Daškevič in den Universit. Izvestija Bd. 44 Nr. 12, Kijev. Dez. 1904; eine brauchbare Übersicht über die gesamte Forschung gibt auch Sucher, Tierfabel, Tiermärchen und Tierepos, Programm Reutlingen 1905, vgl. Voretzsch, Preuß. Jahrbücher 80, 417. – In dem vorliegenden Kapitel wird der Terminus ›Tiermärchen‹ in der allgemein üblichen Geltung verwendet, vgl. Dähnhardt, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 17 S. 2. Wenn dagegen Wundt, Völkerpsychologie II, 3, 123 und III2, 464 den Ausdruck ›Tierfabel‹ dafür einführt, so bedeutet das eine wenig glückliche Erweiterung des Begriffs der Fabel, und die herrschende Unsicherheit im Gebrauch der Definitionen von Sage, Märchen, Fabel, Legende etc., über die jüngst wieder von Günter (Die christliche Legende des Abendlandes S. 199 Anm. 35) mit Recht Klage geführt wird, dürfte dadurch noch erhöht werden. Als ›Tiersage‹ dagegen ist jede ursprünglich vielleicht als Märchen, Legende oder Schwank auftretende Erzählung anzusehen, die auf eine Ätiologie hin komponiert ist und damit das wichtigste Merkmal der Sage – die explikative Tendenz – aufweist (vgl. hierzu Folkers, Zur Stilkritik der deutschen Volkssage S. 31, Diss. Kiel 1910. Dähnhardt a.a.O.S. 2 f.).


2 Vgl. die Fabeln von der Eule, der Fledermaus, dem Hasen u.a.


3 Bär (Wolf) and Fuchs. Eine nordische Tiermärchenkette. Aus dem Finnischen übersetzt von Oskar Hackmann. (Journal de la Société Finno-Ougrienne VI. Helsingfors 1889.) Cit. Krohn.


4 Vereinzelt kommen vor:

a. Schuldigbleiben der Zeche (unten S. 259).


b. Beißen der Baumwurzel (unten S. 245).


5 Vgl. Krohn passim.


6 Vgl. Krohn S. 26, Bolte in der Zeitschrift des Vereins f. Volkskde. 15, 345 Anm. 1, Voretzsch, Zeitschrift für roman. Phil. 15, 348, Sudre, Les sources p. 159, Köhler, Kleinere Schriften 1, 70. 197, Cosquin, Contes populaires 2, 157. 160, Sébillot, Folklore de France 3, 64. 66, Romulus Monacensis fab. 35 (Hervieux, Les fabulistes2 2, 282), Odo fab. 74 (Hervieux 4, 245), Kurz zu Waldis 3, 91, H. Sachs, Fabeln und Schwanke 5, Nr. 789, vgl. 4, S. 470 Nr. 659, Bechsteins Märchenbuch S. 93 (6. Aufl.), Fischer, E.L., Grammatik und Wortschatz der plattdeutschen Mundart S. 249–251, Wisser, Wat Grotmoder verteilt 2, 3 7 f., Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 3, 172, Birlinger, Nimm mich mit S. 55, Lehemrbe, Volksvertelsels S. 51, J. Jacobs, More Celtic Tales p. 129. 230, dieselbe Version bei Douglas, Scottish Fairy and Folk Tales p. 26, Jacobs, J., The Jews of Angevin England p. 170–172 (Berachyah Nakdan, Fox Fables Nr. 100), Papahagi, Din literat. popor. a Aromînilor p. 814, Léger, Recueil de contes popul. slaves p. 220 f. (aus Afanas'jev, Russkija dětskija skazki 2 Bde. Moskau 1870), Šejn, Materialy 2 Nr. 10, Archiv f. slaw. Phil. 17, 582 (zu Ciszewski, Krakowiacy 1 Nr. 267). 19, 249, Szym. Gonet, Opowiad. Ludowe S. 272 Nr. 38 (Materyaly Antrop.-Archeol. i Etnogr. Akad. Um. w. Krakowie IV, 2 Abt. 1900), Zbiór Wiadom. 16, 61 Nr. 4, Gliński, Bajarz polski 2 Nr. 9 S. 114, Dowojna-Sylwestrovicz, Podania źmujdzkie 1, 224 f. (Bibl. Wisły XII), Poestion, Lappländ. Märchen S. 7 f., 17 f. und im folgenden mitgeteilten Fassungen (s.a. ›Ketten‹, unten S. 252 ff.), Sbornik v čest' semidesjatilětija Potanina S. 34, Jefimenko, Materialy 2, 233. Bronisch, Kaschubische Dialektstudien 2, 47 Nr. 5.


7 Kolmačevskij, Životnyj epos S. 89, vgl. Krohn S. 34, 38.


8 Vgl. die Tiergeschichten in Band III.


9 Dieser Meinung sind Krohn S. 29, Sudre p. 167.


10 Vgl. Krohn S. 42, Kolmačevskij a.a.O.S. 82, Tylor, Forschungen S. 459, Natursagen Bd. III, 54. 103.


11 Vgl. Kolmačevskij S. 89 Anm., Krohn S. 30. 38.


12 Vgl. S. 230.


13 Vgl. Krohn S. 40.


14 Zum Beißen in die Wurzel vgl. unten S. 245.


15 Forstgehilfe.


16 Vgl. Krohn S. 31.


17 Vgl. Krohn S. 32.


18 Vgl. oben S. 210 ff.


19 Vgl. oben S. 215. – Der Eindruck, daß der Hund ›Steine pflückt‹ oder aufliest, wird vermutlich dadurch erweckt, daß er mit tiefer Nase der Spur des Fuchses folgend angelaufen kommt, oder aber er hinkt, und es scheint dem Wolf, als beuge er sich oft zur Erde.


20 Krohn S. 38 Anm. 2.


21 Harris a.a.O.p. 92.


22 Vgl. Krohn S. 35, Voretzsch, Zeitschr. f. rom. Phil. 15, 349.


23 Krohn S. 29. 35.


24 Das Motiv des Glockenläutens könnte aus den Epen stammen, wo es aber im Rahmen des Abenteuers ›der singende Wolf in der Kirche‹ erscheint, vgl. Sudre p. 240 ff.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 225.
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