17. Der treue Diener

[87] Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Nun wollte er sie gern einmal prüfen, welcher der klügste wäre, und zu diesem Zwecke gab er jedem fünf-, sechshundert Rubel und sagte: »Geht, tut mit dem Geld, was ihr wollt; unterhaltet euch gut!«

Die beiden ältesten Söhne fanden bald Freunde, mit denen sie das Geld verjubelten; der jüngste suchte, fand aber keinen passenden und beschloß, etwas Nützliches anzufangen. Da kam er durch einen Friedhof und sah da einen Mann, der mit einem Stock ein Grab schlug.18 Er näherte sich dem Manne und frug ihn, warum er das tue. »Der Tote da ist mir siebzig Rubel schuldig geblieben und deshalb schände ich sein Grab«, antwortete der Mann. Der Königssohn aber zog sofort diese Summe hervor, gab sie dem Manne und sagte ihm, er solle seine schandvolle Handlung einstellen und das Grab in Ruhe lassen. Dann ging er nach Hause, fürchtete sich aber sehr, seinem Vater Rechenschaft ablegen zu müssen. Auch die beiden anderen Brüder kamen jetzt von ihrem lustigen Zeitvertreib nach Hause.

Drei Tage danach ließ der König seine Söhne zu sich kommen und frug sie, was sie mit dem Gelde angefangen hätten, wo sie gewesen wären und was sie alles erlebt hätten. Die beiden ältesten erzählten, wie lustig sie gelebt und wie sie ihr Geld ausgegeben hätten; der jüngste aber berichtete von dem, was er auf dem Friedhof erlebt hatte. »Außer den siebzig Rubeln, die ich dem Grabschänder gab, habe ich nichts ausgegeben, das übrige hab ich noch«, setzte er hinzu.

Der König war sehr böse über seine beiden Ältesten; den Jüngsten aber lobte er mächtig ob seines klugen[88] Verhaltens und versprach ihm, ihn nach seinem Tode zum König zu machen. »Für jetzt aber«, fuhr er fort, »sollst du dein eigenes Haus haben und Geld, soviel du brauchst. Erwirb dir etwas und halte dir einen Diener; nimm aber nur einen solchen, der, wenn du ihm beim Essen sagst: ›Komm her, iß mit mir‹, deiner Aufforderung nicht Folge leistet.«

Ein paar Tage später ging der Jüngste auf den Basar, um sich einen Diener zu dingen. Er fand einen, und abends, als er sich zum Essen hinsetzte, lud er ihn ein, sich zu setzen und mitzuessen. Der Diener nahm die Einladung an; der Prinz aber, der die Mahnung seines Vaters nicht vergessen hatte, entließ ihn gleich am folgenden Tage und holte sich einen anderen. Auch diesen mußte er aus demselben Grunde gleich wieder entlassen; erst der dritte schlug seine Einladung, gemeinsam zu essen, ab mit den Worten: »Iß, Herr! Was übrigbleibt, werde ich essen.« Und so oft der Prinz auch seine Einladung wiederholte, der Diener blieb fest und sagte nur immer wieder: »Nach dir, Herr.« »Das ist der Diener, von dem mein Vater gesprochen hat«, sagte der Prinz zu sich selbst, »den behalte ich.« Und er mietete ihn für 70 Rubel.

Der Diener war in der Tat sehr brauchbar und sehr klug und der Prinz gewann ihn sehr lieb. Nach einiger Zeit stellte der Prinz eine Karawane zusammen, um sie in ein benachbartes Land zu führen. Es schlössen sich ihm auch einige andere Kaufleute an. Nun führten in jenes Land zwei Wege, ein siebentägiger und einer, der drei Monate erforderte; aber der kürzere Weg war sehr gefährlich: wer ihn wählte, verschwand, niemand wußte, wohin. Trotzdem riet der Diener dem Prinzen zu diesem kürzeren Weg. »Aber wer auf diesem Wege reist, kommt ja nicht mehr zurück«, sagte der Prinz. »Es ist nicht deine Sache, dich darum zu kümmern,« antwortete der Diener, »ich bitte dich, den kürzeren Weg zu wählen.« Der Prinz, der ja seinen Diener sehr liebte, willigte ein und gab bekannt,[89] daß er den kurzen Weg gewählt habe. Die anderen Kaufleute, die sich ihm angeschlossen hatten, baten ihn, das zu unterlassen, aber der Prinz bestand auf seinem Entschluß.

Sie machten sich also auf den Weg. Am Abend schlugen sie an einer gewissen Stelle ihr Lager auf, aßen und legten sich dann zur Ruhe. Der Diener hielt Wache. Um Mitternacht fing der Hund des Prinzen zu bellen an und der Diener hörte, wie hinter einem Busch jemand den Hund ansprach: »He, Hund, dein Herr wird dich wohl bald töten und dein Blut auf sein Auge schmieren, laß mich seine Waren nehmen.« Aber der Hund bellte bis zum Morgen und der Diener wachte ebensolange.

Bald erreichten sie glücklich ihr Ziel, verkauften ihre Ware, kauften neue ein und waren mit allen ihren Geschäften schon fertig, als jene Kaufleute, die den langen Weg gewählt hatten, erst ankamen. Die wunderten sich nun nicht wenig, daß die Karawane des Prinzen ungefährdet durchgekommen war. Der Diener lud sie ein, wenigstens auf dem Rückweg sich dem Prinzen anzuschließen und den kurzen Weg zu wählen. Diesmal willigten sie ein und sie brachen alle zusammen auf. Nun hielten sie einmal Nachtlager an demselben Orte, wo früher die Karawane des Prinzen genächtigt hatte. Als alles schlief und nur der Diener wachte, ertönte um Mitternacht wieder das Gebell des Hundes des Prinzen und wieder hörte der Diener jene Stimme hinter einem Busch: »Hund, dein Herr wird dich bald töten und dein Blut auf seine Augen schmieren; laß mich seine Waren nehmen.« Der Diener weckte den Prinzen und sagte ihm, er habe eine Stimme gehört und wolle ihr nachgehen und der Prinz solle ihm folgen. »Gut,« sagte der Prinz, »geh voraus.« Der Diener ging also in der Richtung hin, aus der die Stimme gekommen war und erblickte alsbald einen Menschen, der irgendwohin floh. Er lief ihm nach und bemerkte, daß der Fliehende plötzlich in den Boden hinein verschwand. Näher[90] gehend, sah er, daß ein Loch im Boden war. Inzwischen war auch der Prinz herbeigekommen und der Diener sagte: »Ich steige jetzt da hinunter; laß du einen Strick hinab und was ich daranbinde, das wirst du hinaufziehen.«

Als der Diener aber in das Loch hinuntergestiegen war, fand er unten Zimmer ganz aus Gold und Silber und darin sitzen drei Mädchen, eines schöner als das andere. »Warum bist du hierhergekommen?« sagten sie zu ihm, »dies alles gehört den sieben Divs; auch wir gehören ihnen, und sie haben jede von uns aus einem anderen Teil der Welt geholt. Wenn sie dich finden, fressen sie dich auf.« »Wo sind sie denn?« fragte der Diener. »In jenem Zimmer.« Der Diener ging hinein, hieb die sieben Divs in Stücke und legte ihre Ohren in ein Tuch. Dann nahm er die Mädchen mit sich, band sie eine nach der anderen an den Strick und der Prinz zog sie hinauf. Dann sammelte der Diener alles Gold und Silber und was er sonst noch fand, band alles an den Strick und der Prinz zog alles hinauf. Und alles, was die Divs hatten, das hatten sie denen abgenommen, die auf jenem kurzen Wege gereist waren, und die Leute selbst hatten sie immer umgebracht.

Als er alles nach oben befördert hatte, band er sich selbst an den Strick und ließ sich hinaufbefördern. Dann machte sich die ganze Karawane auf den Heimweg, nachdem sie ihre Kamele mit dem gefundenen Gut und den drei Mädchen beladen hatte.

Zu Hause fand der Prinz seinen Vater erblindet vor, seine Schwester war wahnsinnig geworden. Und all das kam daher, weil die zu Hause erfahren hatten, daß ihr jüngster Sohn und Bruder den kurzen Weg gewählt hatte und sie ihn deshalb für verloren ansehen mußten. Von dem vielen Weinen waren des Vaters Augen erblindet und von dem großen Kummer war der Verstand der Schwester zusammengebrochen.

Nach einiger Zeit aber lud der Diener den Prinzen ein, mit ihm auf die Jagd zu gehen. Den ganzen Tag wanderten[91] sie, konnten aber gar nichts finden. Als sie in tiefer Nacht auf dem Heimweg waren, tötete der Diener den Jagdhund, zog sein Taschentuch hervor und tauchte es in das Blut des Tieres. Dann aber sagte er zum Prinzen: »Sei nicht traurig wegen des Hundes. Was geschehen ist, ist geschehen, ein Unglück ist schnell vorbei.« Der Prinz schwieg aus Liebe zu seinem Diener still und sie machten sich auf den Heimweg.

Zwei, drei Tage danach kam, der Diener zu seinem Herrn und sagte: »Meine Zeit ist bald um. Ihr drei Brüder müßt jetzt die drei Mädchen heiraten, die wir aus der Divgrube geholt haben.« So geschah es denn auch: der älteste Sohn bekam die älteste der drei, der mittlere die mittlere und der jüngste die jüngste.

Kurze Zeit darauf war das Jahr zu Ende, für das sich der Diener dem Prinzen verdingt hatte. Dieser bat ihn zwar inständig, er möge doch bleiben, der Diener aber willigte nicht ein, nahm seinen Lohn und sagte: »Komm, wir wollen ein wenig Spazierengehen, denn ich will dir ein wahres Wort sagen.« Sie gingen fort und der Diener lenkte seine Schritte nach jenem Friedhof, wo damals der Mann das Grab geschändet hatte. Als sie näher kamen, sahen sie, daß aus einem Grabe Licht hervorkam; es war ein frisches, fertiges Grab. Der Diener stieg hinein mit den Worten: »Ich will sehen, ob es für mich paßt«, legte sich nieder, und es paßte ganz genau. Der Prinz sagte sogar: »Es ist, als ob dieses Grab für dich bestimmt wäre.« »Reich' mir die Hand und hilf mir heraus«, sagte der Diener, und als der Prinz die Hand ausstreckte, legte ihm der Diener die siebzig Rubel Lohn und das blutgetränkte Taschentuch hinein und sagte: »Schmiere das Blut auf deines Vaters Augen und die Ohren der Divs koche in Wasser und gib es deiner Schwester zu trinken, dann wird dein Vater wieder sehend und deine Schwester wieder gesund. Dein Vater soll dir den Thron abtreten.« Und als er dies gesagt hatte, schloß sich das Grab.[92]

Dem Prinzen tat sein Diener sehr leid und er kehrte ganz betrübt nach Hause zurück. Die Befehle seines Dieners aber führte er gleich aus, und in seines Vaters Augen kam das Gesicht, in seiner Schwester Kopf der Verstand zurück. Und dann stieg der alte König vom Thron und sein jüngster Sohn setzte sich an seine Stelle und regierte zum Wohle seiner Untertanen.

18

Nach kaukasischer Auffassung der größte Schimpf, den man einem Toten antun kann.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 87-93.
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