82. Wie die Kerkendjer83 holzen gingen

[276] Die Kerkendjer gingen einmal in Begleitung ihres Geistlichen in den Wald, um Holz zu hauen. Unterwegs stritten sie darüber, wessen Beil am schärfsten wäre. Der Geistliche meinte, es sei das seine, weil er doch der Terter (d.h. der Geistliche) wäre, ein anderer meinte, daß seine sei am schärfsten, weil er doch ein Bauer wäre; der dritte hatte noch einen andern Grund, kurz, jeder lobte sein Beil und keiner wollte nachgeben.

Da kam ihnen ein Tatare entgegen, der ritt auf einer Stute und neben dieser trabte ein Füllen. Die Kerkendjer wandten sich an ihn, er solle ihren Streit schlichten. Der Tatare nahm ein Beil nach dem andern her, prüfte es und steckte es dann in seine Satteltasche; als er alle beisammen hatte, gab er seiner Stute einen Hieb und ritt im Galopp davon. Die Kerkendjer waren höchlich entrüstet über die Treulosigkeit des Tataren und liefen ihm nach. Liefen ihm nach, aber einholen konnten sie ihn nicht. Dafür aber gelang es ihnen, das Füllen einzufangen.

»Ja,« sagte einer, »so geht es nicht; das Füllen läuft ja doch seiner Mutter nach, wenn wir's los lassen. Wir müssen etwas finden.«[276]

Sie strengten sich an und schließlich kam einer auf den Gedanken, wenn man das Tierchen recht schwer belüde, könnte es nicht mehr fortlaufen. Ja, aber womit? Das einzige, was sie hatten, waren ihre Kleider. Sie zogen sich also aus und luden alles dem Füllen auf; bloß der Terter behielt seine Hosen an.

Kaum aber hatten sie das Füllen losgelassen, als es fröhlich und munter sich in Trab setzte. Und diesmal erwischten es die Kerkendjer nicht mehr.

Nun saßen sie da, ohne Beile und ohne Kleider. Der Geistliche hatte es noch am besten; er hatte doch wenigstens seine Hose an. Das merkten die andern alsbald, und jetzt ging es über ihn her; er sei daran schuld, weil er seine Hose nicht daraufgelegt habe, er, er allein. »Verfluchter Pfaff!« Und prügelten ihn nach Noten. Aber so schlimm war es diesmal doch nicht; sie hatten ja keine Stecken und der Terter hatte schon ganz andere Dinge erlebt mit seinen Pfarrkindern!

Dann kam ihnen aber wieder die Überlegung. Nach Hause zurückkehren, ohne Beile, ohne Kleider, ohne Holz? Nein, das ging nicht! Holz wenigstens mußten sie haben.

Es ging ja auch ohne Beile. Droben, auf dem Hügel, stand ein junger Baum. Den wollten sie mit ihren Händen packen und solange daran ziehen, bis sie ihn ausgerissen hätten. Der Pfaff war der vorderste, der zweite zog am Pfaffen, der dritte am zweiten und so weiter, eine ganze Kette lang. Und nun zogen und zogen sie, was nur ging. Auf einmal stach den Terter eine Mücke in den Nacken; er ließ los, um sie tot zu schlagen und die ganze Bande plumps! in die Schlucht hinunter.

Ob sie sich wieder 'rausgefunden haben, oder ob sie noch drin liegen, weiß bis heute noch kein Mensch; nur eines weiß man, nämlich, daß die Frau des Geistlichen keine Trauer zu tragen brauchte.

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Kerkendj ist ein armenisches Dorf in der Nähe von Schemacha. Die Kerkendjer genossen früher den Ruf einer ungewöhnlichen Dummheit.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 276-277.
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