Wettgesang.

[130] »Mönök und Opan Kys.«


Zu dem Naiman kam ein Jüngling Mönök (Vieh) zu stehlen; er fiel in ihre Hände: es war (zu jener Zeit) ein Gastmahl; da sangen Mönök, der Jüngling und ein, Ozan genanntes Mädchen einen Wettgesang. An den Füssen des Gefangenen waren eiserne Fussfesseln; mit diesen Fesseln kam er zum Gastmahle.


1. Mäd.: Meiner Mützenfeder Spitze schwankt hin und her,

Die Wurzeln meiner schwarzen Haare sind weich,

Der mein friedlich lebendes Volk plötzlich aufgestört,

Der zu Fuss gekommene, wo ist er? Brüder ich will singen.
[130]

2. Jüng.: Deiner Mützenfeder Spitze bewegt sich hin und her,

Der suchende wird trefflichen Nutzen haben,

Von weither bin ich suchend zu Fuss gekommen,

Wo ist das Mädchen Opan? ich will singen.


3. Mäd.: Wenn du Jüngling auch Himmel und Erde schwankend durchritten,

Wenn du Jüngling auch Himmel und Erde schwankend durchreitest,

Jetzt sind an deinen Füssen Fesseln wie bei dem Pferde des Ackermanns,

Ich frage deinen Namen, von welchem Volke bist du, Jüngling?


4. Jüng.: Mein Geschlecht ist, wenn du's fragst, Baganaly,

Unser Reichtum sind graubunte Pferdeherden,

Wenn Aman Dschol Naur Leute versammelt,

Werde ich dich, Kind, dann nicht hinten aufs Pferd setzen?


5. Mäd.: Wie geht man zum Vater, wie kommt man zurück?

Durch mein Volk reitend, wie willst du mich nehmen?

Da du bei unserm Volke barfuss und zu Fusse gehst,

Wie willst du die Opan hinten aufs Pferd setzen?


6. Jüng.: Wenn du singst, Opan, ordnest du (deine Worte),

Kommt der Befehl von Gott, wirst du sterben,

Versammle ich des Aman Dschol Naur Leute,

Wirst du Naiman, der (klein) wie eine Handfläche, in die Erde versinken.


7. Mäd.: Sprich wie es sich gehört, du Ärmster,

Ach Unglücklicher, was preisest du deine Vortrefflichkeit,

Da du bei uns mit blossen Beinen und zu Fuss dich befindest,

Unglücklicher, was preisest du deine Trefflichkeit!
[131]

8. Jüng.: Wenn ich Lieder kenne, spreche ich mich räuspernd,

Wenn ich der Rede Bedeutung nicht kennen würde, was soll ich sagen?

Als Sohn der altern Frau bin ich besser aufgewachsen,

Sollte ich meine Trefflichkeit nicht preisen, was soll ich sagen?


9. Mäd.: Mögest du sprechen, mein Fussgänger, wenn du in Wohlleben wärest,

Wenn in deinem Kopfe der Schädel voll Gehirn wäre,

Wir beide werden vom Singen nicht ermatten,

Jetzt nenne dein Volk, wenn in ihm treffliche Männer sind.


10. Jüng.: Ich hätte wohl ein Lied in allerlei Weisen,

Wer ist wohl jetzt ein rechter Muselmann!

In der Niederung leben die Russen gut, auf den Höhen die Kirgisen,

O Gott, auch ich bin in meinem Volke ein geehrter Herr.


11. Mäd.: Mögest du sprechen, mein Fussgänger, wenn es dir gut ginge,

Hättest du ein grosses Haus zum Ein- und Ausgehen,

Wir beide werden durch Singen nicht ermüden,

Sage jetzt, was bei deinem Volke für Herren leben?


12. Jüng.: Mädchen Opan, in der Niederung sind Dörfer und auf der Höhe,

Dem allein zu Fuss gehenden Menschen ist Gott Hilfe,

Zwischen dreizehn und vierzehn Jahren ist er geblieben,

In unserm Volke ist der junge Schorman.
[132]

13. Mäd.: Singend, du Fussgänger, redest du etwa ohne Unterbrechung,

Folgst du meinem (Nomaden) Zuge; im Lederpelze?

Der die Schuldigen und Schlechten nicht aufhält,

Lobst du etwa diesen jungen Schwätzer?


14. Jüng.: Der Schong Bi hat seine Reden gelassen (da er gestorben)

Schorman ist jetzt der, der zu reden hat,

Der Treffliche ist mutig in den Krieg gezogen,

Zum Boschan und Maiky ist er gegangen.


Das Mädchen fand keine Antwort und blieb stecken; da fuhr der Jüngling fort:


15. Was der Kaufmann verkauft, ist buntes Zeug,

Was den Fussgänger zum Gehen bringt, ist der Stock,

Gieb mir doch hier einen Napf Kumyss,

Die Armen, wie wir es sind, verdienen das.


16. Mäd.: Wir sind zu Fuss und doch trabt er beim Singen wie ein Pferd,

Des Armen Sinn hat sich vom vielen Versehen betrübt,

Wenn du durstig singst, du armer Fussgänger,

So wird es dir sein, als habest du einen bunten Eimer Kumyss in dir.


17. Jüng.: Wenn oben im Himmel Gott der Richter ist,

Wenn meine Rede gottlos ist, ist sie Sünde,

Lass dein Singen, o weh, Opan!

Ich möchte deinen Kumyss trinken, wenns so ist.


18. Mäd.: Da du tüchtig Kumyss getrunken, bist du satt?

Da du alt geworden, hat dich dein Verstand verlassen?

Da du durstig singst, du armer Fussgänger,

Dein Blut trinkend, hast du Kumyss bekommen?
[133]

19. Jüng.: Da ich tüchtig Kumyss getrunken, ist mein Durst gestillt,

Aber jetzt möchte ich mit Opan bleiben,

Die thörichte Sitte meines Volkes ist mir eingefallen,

Ich möchte Opans weisse Brust besteigen.


20. Mäd.: In der Hand habe ich eine Peitsche, eine achtriemige,

Sie möge dein Auge nicht treffen, beklage dich nicht über mich,

Da du einen zweibeinigen Menschen besteigen willst,

Mögest du nie haarbeschwänztes Vieh sehen!


21. Jüng.: Den ich im Herbste schmächtig machend bestiegen, ist mein Schwarzschimmel,

Meinen Fuss habe ich mit Überschuhen mit Absätzen bekleidet,

Da du der Forderung beistimmst, mein Licht,

Hebe mich bei der Achselhöhle auf, mein Vater Bekschä.


22. Mäd.: Woher ist der Kypra-Stern gekommen?

Das Pferd, das bei der gelben Stute gesogen, kommt vom Reichen,

Da du deinen Vater jetzt aufforderst,

Woher kommen denn die Gebeine deines Vaters Bekschä jetzt?


23. Jüng.: Zu Gott hat er seinen Hals gewendet,

Solche Gefährten sind auf seinem Wege,

Unser Vater ist in den Krieg ziehend gestorben,

Der Treffliche ist von der Mutter geboren.


24. Mäd.: Ich sage nicht, dass ich Pferde habe, Kameele habe ich.

Lieder singend, gehe ich frisch drauf los,

Wie wirst du mich besiegen, du armer Fussgänger,

Deines Vaters Bekschä Nichte bin ich.
[134]

25. Jüng.: Wenn droben im Himmel Gott der Richter ist,

Wenn meine gottlose Rede Sünde ist,

Wenn ihr die Nichte seid, bin ich der Onkel,

Wenn's so ist, nimm mein Pferd und meinen Pelz.


26. Mäd.: Am Balkyn See und am kühlen See ist rotes Schilf,

Jung bist du ausgezogen und hierher gekommen,

Dein Pferd und deinen Pelz will ich dir herbringen,

Bist du etwa in Freundschaft gekommen, um um mich zu werben?


27. Jüng.: Da man mich ausschickt, um viel herumzustreifen,

Der viel herumgezogen, hat nur einen Wunsch,

O Opan, der Dieb hat keine Augen, das Vieh keine Sprache,

Du Arme, dein Vieh hast du genommen ohne es zu wissen.


28. Mäd.: Fussgänger, zu singen höre nicht auf,

Folge meinem Jurtenzuge mit ledernem Pelze,

Hinter dir einen Kasten anbindend, hast du mich eingeholt,

Du Dieb, wenn du es nicht erfahren kannst, lass es sein.


29. Jüng.: Mit der Lanze habe ich nach dem Feinde gestochen, mich zu wehren,

Lebendig wollte ich keine Schande im Kriege erleben,

Auf die Pferdeherden bin ich zu Mittagszeit gestossen,

Ich will allein mich der Opan nicht ergeben.


30. Mäd.: Wenn mein Volk nach Esil zieht, wird es durchkommen?

Hat der Dieb seinen Schwur geleistet?

Das Vieh, dem ich ins Ohr geblasen, dessen Füsse ich gereinigt,

Wenn es dem Dieb in die Hände kommt, ist es verloren?
[135]

31. Jüng.: Opan von Gesängen bist du nicht erfüllt,

Wie früher bist du nicht der Gefährte,

Wenn du so sprichst, bist du sündhaft vor Gott,

Auf dem Gipfel des Urusai hast du nicht übernachtet.


32. Mäd.: Dieses Wort hältst du für richtig,

Der (mit dir) reitet, dein Trefflicher, bin ich, sagst du.

Auf meine Herden um Mittagszeit stossend,

Da du (die Gegend) erforscht, wirst du nicht öfter kommen?


33. Jüng.: Ist diese meine Rede nicht Wahrheit?

Bin ich nicht der Treffliche, der mit dir reitet?

Sollte ich deine Herde nicht um Mittagszeit weiden lassen?

Bin ich etwa nicht das Kind der altern Frau?


34. Mäd.: Der Sonnensitz unseres Volkes ist schwarze Salzsteppe,

Wenn dieser hier unsere Lieder singt, wo ist er?

Singe dein Lied, o Mönök, du Sänger!

Mein Dschekä liegt schwer an seinen Wunden darnieder.


35. Jüng.: Des Braunen Kopf anziehend, liess ich ihn im Passgang gehen.

Am Tage habe ich die Naiman wie Schafe niedergeworfen,

Wenn ich jetzt sterbe, habe ich keine Sorge bei Gott,

Deines Bruders schwarzes Blut habe ich vergossen.


Hier besiegte er das Mädchen und das Mädchen blieb weinend sitzen. Am andern Morgen wechselte das Volk seinen Wohnsitz und den Mönök liess man ein Kameel besteigen.[136] Bei dem Volke war noch ein Mädchen, eine Sängerin; dieses kam zum Jurtenzuge, um zu singen. An der Seite des Jünglings war ein Knabe, der auf einem vor einen Wagen gespannten Pferde sass. Der Jüngling fragte den Knaben: »Was ist das für ein Mädchen?« Der Knabe sagte: »Das ist ein treffliches Mädchen, eine Sängerin, nur in der früheren Jurte hat sie ein Kind geboren.« Das Mädchen kam zu dem Jünglinge und sang:


36. An dem Fusse des Diebes ist die schwarze Fessel,

Von dieser Fessel hat der Dieb Vortheil gezogen,

Auf ein Kameel hat man den Armen gesetzt,

Woher hat denn Opan diesen Verwaisten gefunden?


37. Jüng.: An des Diebes Fusse ist die schwarze Fussfessel,

Von dieser Fessel hat der Dieb Vortheil gezogen,

Bin ich ein Mann, so komme ich zu meinem Volke,

Vor dir behüte mich Gott! Du hast ein Kind geboren.


Als das Mädchen dies hörte, eilte sie von hinnen.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 130-137.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Platen, August von

Gedichte. Ausgabe 1834

Gedichte. Ausgabe 1834

Die letzte zu Lebzeiten des Autors, der 1835 starb, erschienene Lyriksammlung.

242 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon