Die Geschichte von dem König und den vier Mädchen.

[326] Es war einmal ein König, der während des Tages auf seinem Throne sass und Recht sprach, aber des Nachts sich zu verkleiden und in den Strassen der Städte umherzugehen und nach Abenteuern auszuschauen pflegte.

Eines Abends ging er an einem Garten vorüber und sah vier junge Mädchen unter einem Baum sitzen und ernsthaft miteinander plaudern. Er war neugierig zu hören, worüber sie sprachen und stand still, um zu horchen. Die erste sprach: »Nach meiner Meinung schmeckt das Fleisch besser als alles Andere in der Welt.«

»Da bin ich nicht deiner Meinung,« sagte die zweite, »nichts schmeckt so gut wie Wein.«

»Nein, nein,« rief die dritte, »ihr seid beide im Irrtum, die Liebe schmeckt am allersüssesten.«

»Fleisch, Wein und Liebe sind sicherlich angenehm,« bemerkte die vierte, »aber nach meiner Meinung ist nichts so süss wie das Lügen.«

Darauf trennten sich die Mädchen und gingen nach Hause. Der König, der ihre Bemerkungen mit lebhaftem Interesse und grosser Verwunderung gehört hatte, merkte sich die Häuser, die sie betraten, bezeichnete die Thüren derselben mit Kreide und kehrte in seinen Palast zurück.

Am nachten Morgen rief er seinen Wesir und sprach zu ihm: »Sende in die und die Gasse und lasse die Besitzer der vier Häuser rufen, deren Thüren ich mit Kreide bezeichnet habe.« Der Wesir ging persönlich hin und brachte die vier Männer, die in den vom König bezeichneten Häusern wohnten, zu Hofe. Der König sprach zu ihnen: »Habt ihr vier nicht vier Töchter?«

»Ja wohl,« antworteten sie.

»Bringt mir die Mädchen her,« sagte der König. Aber sie machten Einwendungen und meinten, es wäre nicht recht, wenn ihre Töchter in den Palast des Königs gingen.[327]

Der König aber sagte: »Wenn die Mädchen eure Töchter sind, so sind sie auch die meinigen. Ausserdem könnt ihr sie ja heimlich herbringen lassen.«

Er sandte also vier verschiedene Sänften aus, die wie gewöhnlich verhangen waren, und die vier Mädchen wurden in den Palast gebracht und in den Empfangsraum geführt. Darauf liess er sie einzeln vor sich kommen, wie er sie brauchte. Zu der ersten sprach er: »Sage mir, meine Tochter, worüber du gestern Abend sprachst, als du mit deinen Freundinnen unter dem Baum sassest.«

»Nichts gegen dich, o König,« antwortete sie.

»Das meine ich auch nicht,« sagte der König, »aber ich möchte wissen, was du sagtest.«

»Ich sagte nur,« erwiderte sie, »dass Fleisch am besten schmecke.«

»Wessen Tochter bist du denn?« fragte der König.

»Ich bin die Tochter eines Bhābrāh,« antwortete sie.

»Nun,« sagte der König, »wenn du zu den Bhābrāh gehörst, die niemals Fleisch anrühren, woher weisst du, wie es schmeckt. Denn die Bhābrāh sind doch so strenge, dass sie, wenn sie Wasser trinken, ein Tuch über die Öffnung des Gefässes decken, um nicht etwa ein Insekt zu verschlucken.«

Da sprach das Mädchen: »Ja, das ist wohl wahr, aber nach meiner Wahrnehmung muss Fleisch für den Gaumen sehr angenehm sein. Bei unserem Hause ist ein Fleischerladen, und ich bemerke stets, dass, wenn die Leute Fleisch kaufen, nichts davon weggeworfen oder verschwendet wird; also muss es doch kostbar sein. Ich sehe auch, dass wenn die Leute Fleisch gegessen haben, sogar die Knochen gierig von den Hunden ergriffen werden; sie lassen sie nicht los, bis sie sie so rein gefressen haben, wie eine Lanzenspitze. Und dann kommen sogar noch die Krähen und schleppen sie davon, und wenn die damit fertig sind, sammeln sich die Ameisen und kriechen darauf herum. Das sind die[328] Gründe, welche beweisen, dass Fleisch ausserordentlich gut schmecken muss.«

Als der König diese Beweisgründe hörte, freute er sich und sprach: »Ja, meine Tochter, Fleisch ist ein sehr angenehmes Essen; jeder hat es gerne.« Und er entliess sie mit einem schönen Geschenke.

Darauf ward die zweite hereingeführt, und auch sie frug der König: »Was sagtest du gestern Abend unter dem Baum?«

»Ich sagte nichts über dich, o König,« antwortete sie.

»Das ist wahr, aber was sagtest du?« fragte der König.

»Ich sagte, dass nichts so gut schmecke wie Wein.«

»Wessen Tochter bist du denn,« fuhr der König fort.

»Ich bin die Tochter eines Priesters,« erwiderte sie.

»Das ist wirklich ein guter Scherz,« sagte der König lachend. »Priester hassen ja doch sogar den Namen des Weines. Was weisst denn du also von seinem Geschmack?«

Darauf sagte das Mädchen: »Ja, es ist wahr, ich trinke niemals Wein, aber man kann leicht sehen, wie gut er schmecken muss. Ich lerne meine Aufgaben auf dem Dache des väterlichen Hauses. Unten sind die Weinhäuser. Nun sah ich eines Tages zwei gut gekleidete Männer, die mit ihren Dienern kamen, um daselbst Wein zu kaufen. Sie setzten sich nieder und tranken. Nach einiger Zeit standen sie auf und gingen davon; aber sie schwankten von einer Seite zur andern, und ich dachte bei mir: die fallen ja hin und her und stossen sich bald an der Mauer zur Rechten und bald an der Mauer zur Linken; sie werden gewiss keinen Wein wieder trinken! Aber ich irrte mich, denn am nächsten Tage kamen sie wieder und trieben es ebenso, und da dachte ich bei mir: Wein muss doch sehr angenehm schmecken, sonst wären diese Leute doch gewiss nicht wieder gekommen, um ihn zu trinken.«

Der König sprach: »Ja, meine Tochter, du hast recht; Wein schmeckt sehr angenehm.« Darauf entliess er sie, indem er ihr gleichfalls ein schönes Geschenk reichte.[329]

Als das dritte Mädchen hereintrat, fragte sie der König in derselben Weise: »Was sagtest du gestern Abend unter dem Baume, meine Tochter?«

»O König,« antwortete sie, »ich sprach nicht von dir.«

»Du hast recht,« sagte der König, »aber sage mir, wovon du sonst sprachest.«

»Ich sagte,« erwiderte sie, »dass nichts in der Welt so süss ist wie die Liebe.«

Der König antwortete: »Du bist aber noch sehr jung, was kannst du von Liebe wissen? Wessen Tochter bist du denn?«

»Ich bin die Tochter eines Sängers,« antwortete sie. »Ich bin zwar noch sehr jung, aber ich vermute, dass Liebe sehr angenehm sein muss. Als mein kleiner Bruder geboren wurde, hatte meine Mutter soviel zu leiden, dass sie fürchtete, nicht mit dem Leben davon zu kommen. Aber nach kurzer Zeit trieb sie es in der alten Weise und empfing ihre Liebhaber wie vorher. Daher meine ich, dass die Liebe sehr süss sein muss.«

»Was du sagst,« bemerkte der König, »kann man nicht in Abrede stellen,« und er gab ihr ein ebenso wertvolles Geschenk wie ihren Freundinnen und entliess sie gleichfalls.

Als das vierte Mädchen herein geführt wurde, richtete der König die gleiche Frage an sie: »Sage mir, was du und deine Freundinnen gestern Abend unter dem Baume gesprochen habt?«

»Nichts über den König,« antwortete sie.

»Trotzdem will ich wissen, was du sagtest.«

»Ich sagte, dass die, welche lügen, dies offenbar thun, weil sie es angenehm finden.«

»Wessen Tochter bist du?« fragte der König.

»Ich bin eines Landmanns Tochter,« antwortete das Mädchen.

»Und weshalb meinst du, dass es angenehm sei zu lügen?« fragte der König.[330]

Das Mädchen antwortete ohne Scheu: »O, du selbst wirst manchmal lügen.«

»Wieso,« sagte der König, »was meinst du damit?«

Das Mädchen antwortete: »Wenn du mir zwei Sack Rupien und sechs Monate Bedenkzeit geben willst, so will ich versprechen, meine Worte zu beweisen.«

Der König gab dem Mädchen die gewünschte Geldsumme und willigte in ihre Bedingungen. Darauf entliess er sie gleichfalls mit einem Geschenk.

Nach sechs Monaten rief er sie wieder vor sich und erinnerte sie an ihr Versprechen. Nun hatte das Mädchen inzwischen in einem fernen Wald ein schönes Schloss erbaut und dafür das Geld verwendet, das ihr der König gegeben hatte. Es war herrlich mit Teppichen und Bildern geschmückt und mit Seide und Atlas verziert. Sie sprach daher zum König: »Komm mit mir und du wirst Gott sehen.« Der König nahm zwei von seinen Ministern mit und machte sich auf. Am Abend kamen sie an.

»Dies ist Gottes Wohnung,« sagte das Mädchen. »Aber er wird sich nur einer Person auf einmal offenbaren, und auch nur dann, wenn sie ehelicher Geburt ist. Tretet daher einer nach dem andern ein, die übrigen mögen draussen warten.«

»Gut,« sagte der König, »meine Minister sollen den Vortritt haben, ich werde zuletzt hineingehen.«

Der erste Minister trat also durch die Thür und befand sich in einem kostbaren Zimmer. Er blickte um sich und dachte bei sich: »Wer weiss, ob ich Gott sehen werde oder nicht. Ich bin vielleicht ein Bastard. Dies ist wirklich ein schöner und geräumiger Ort, selbst für die Gottheit keine ungeeignete Wohnung.« So viel er aber auch umhersah und schaute, Gott konnte er nirgends erblicken. Da dachte er bei sich: »Wenn ich jetzt hinausgehe und erkläre, dass ich Gott nicht gesehen habe, werden mir der König und der andere Minister ins Gesicht sagen, dass ich[331] von niedriger Geburt bin. Es bleibt mir also nichts anderes übrig als zu sagen, dass ich ihn gesehen habe.«

Als er hinausging, frug ihn der König: »Hast du Gott gesehen?« Und er antwortete sogleich:

»Natürlich habe ich Gott gesehen.«

»Hast du ihn auch wirklich gesehen?« frug der König fort.

»Gewiss und wahrhaftig,« antwortete der Minister.

»Und was hat er dir gesagt?« frug der König weiter.

»Gott gebot mir seine Worte niemandem mitzuteilen,« erwiderte der Minister schnell entschlossen.

Darauf sprach der König zu dem zweiten Minister:

»Nun geh du hinein.«

Der zweite Minister beeilte sich dem Befehl seines Herrn zu gehorchen und dachte bei sich, als er die Schwelle überschritt: »Ich bin neugierig, ob ich von niedriger Geburt bin.« Als er sich mitten in dem prächtigen Zimmer befand, blickte er nach allen Seiten um sich, aber Gott sah er nirgends. Da dachte er bei sich: »Es ist wohl möglich, dass ich von niedriger Geburt bin, denn ich sehe nichts von Gott. Aber es wäre eine ewige Schande, wenn ich es zugeben wollte. Es ist besser, ich sage, dass ich Gott auch gesehen habe.«

Demgemäss kehrte er zum König zurück, der ihn frug: »Nun, hast du Gott gesehen?« Und der Minister behauptete, dass er ihn nicht nur gesehen, sondern sogar mit ihm gesprochen habe.

Nun war die Reihe am König, und er trat in das Zimmer in dem festen Glauben, dass ihm dieselbe Gnade zu teil werden würde. Aber verzweiflungsvoll blickte er umher, und sah auch nicht das geringste, was den Allmächtigen vorstellen könnte. Da dachte er bei sich: »Wo dieser Gott auch sein mag, meine beiden Minister haben ihn gesehen, und niemand kann also daran zweifeln, dass sie rechtmässiger Geburt sind. Ist es möglich, dass ich, der König, ein Bastard bin, da ich sehe, dass mir kein Gott[332] erscheint? Schon der Gedanke daran setzt mich in Verwirrung, und die Notwendigkeit wird mich zwingen zu versichern, dass ich ihn auch gesehen habe.«

Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, verliess er das Zimmer und suchte die übrigen wieder auf.

»Nun hast du Gott gesehen, o König?« frug das listige Mädchen.

»Jawohl,« antwortete er mit Bestimmtheit, »ich habe Gott gesehen.«

»Wirklich?« frug sie wieder.

»Bestimmt,« versicherte der König.

Dreimal richtete das Mädchen an ihn dieselbe Frage, und dreimal log der König ohne zu erröten. Da sprach das Mädchen: »O König, hast du kein Gewissen? Wie hättest du Gott sehen können, da du weisst, dass Gott ein Geist ist?«

Als der König diesen Vorwurf hörte, erinnerte er sich, dass das Mädchen ihm gesagt hatte, dass auch er eines Tages lügen würde, und gestand lachend, dass er Gott überhaupt nicht gesehen hatte. Die beiden Minister begannen sich unbehaglich zu fühlen und gestanden gleichfalls die Wahrheit. Da sprach das Mädchen: »O König, wir armen Leute lügen mitunter, um unser Leben zu retten, aber was hattest du zu fürchten? Also hat das Lügen für viele einen grossen Reiz und schmeckt ihnen süss.«

Weit entfernt, von der List, die das Mädchen gegen ihn ins Werk gesetzt hatte, beleidigt zu sein, war der König von der Klugheit und Sicherheit des Mädchens so betroffen, dass er sie auf der Stelle heiratete und sie wurde in kurzer Zeit in allen Dingen seine vertraute Ratgeberin, in privaten, wie in Staatsangelegenheiten. So kam das einfache Mädchen zu grossen Ehren und grossem Ansehen, und nahm so sehr zu an Weisheit, dass ihr Ruhm sich über viele Länder verbreitete.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 326-333.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon