Die sieben Glücksgötter.

[154] Wohl keine der Sagen aus der Götterwelt ist so eng mit dem japanischen Volke verwachsen, wie es die Sagen von den sieben Glücksgöttern sind. Diese Gottheiten spielen eine so große Rolle, daß selten ein Tag vergeht, ohne daß sie in das Leben und Treiben des Volkes eingriffen. Ueberall sieht man ihre Bildnisse, an vielen Orten haben sie Tempel oder Kapellen; von den Palästen der Vornehmen und Reichen bis in die geringste Hütte hinab findet sich wenigstens der eine oder der andere von ihnen im Bilde vertreten und bringt, so meint man, als guter Geist dem Hause Gedeihen und Segen. Fast ist es, als ob alle sieben Glücksgötter thatsächlich unter dem Volke lebten, und eine hergebrachte Sitte ist es, von ihnen zu sprechen gleich als ob sie leibhaftige Menschen wären, welche Glück und Sorge mit uns theilen.

Freilich spricht man auch viel von einem Glücksschiffe, das mit besonderen zauberhaften Dingen beladen ist und ebenfalls den Sterblichen Glück und Segen bringt. Dieses Schiff – so erzählt man – wird durch eine ihm innewohnende Götterkraft gelenkt und kommt mit geblähtem Segel, wie von starkem Winde getrieben, daher. Seine Schätze sind ein Glücksseckel, der nie leer wird, ein Korallenzweig, der ähnlich einer Wünschelruthe alle verborgenen Schätze und besonders die des Meeres finden hilft; ferner bringt das Schiff einen Schlüssel, der alle Schlösser öffnet, Gewichtstücke, deren Besitz steten Gewinn bringt, Gewürznelken, welche beständige Gesundheit verleihen, auch wohl Edelsteine, welche Fluth und Ebbe des Meeres zu regeln vermögen, vor allen Dingen aber den unsichtbar machenden Hut und Mantel. Wer von dem Schiff und diesen Zauberdingen in der zweiten Nacht des Jahres träumt, hat in dem Jahre ganz besonderes Glück. So oft man aber auch von diesem Glücksschiff redet, und so fest man an seine glückbringenden Zauberdinge glaubt,[155] so kann es sich doch nicht mit den sieben Glücksgöttern messen, deren Bedeutung eine weit größere ist. Es ist auch keineswegs jenes Glücksschiff, in welchem – wie man dies auf vielen Abbildungen findet – die sieben Glücksgötter oft zusammen über das Meer fahren und sich belustigen.

Diese sieben fröhlichen Gestalten sind nun sechs Götter und eine Göttin, und alle haben ihre besonderen Attribute und Verrichtungen zum Heile der Menschheit.

Zunächst ist unter ihnen Yebizu zu nennen – derselbe Gott, welcher als wenig versprechender Sohn unter dem Namen Hiruko von Isanagi und Isanami in einem Schifflein ausgesetzt ward. Er ging nicht zu Grunde, ward vielmehr der Schutzpatron der Fischer, der gute Fang und überhaupt die tägliche Nahrung verleiht. Er ist ein alter, würdiger Mann, der stets mit einem Fisch – gewöhnlich mit einem Tai oder rothen Seebrassen – abgebildet wird und mit Angelgeräth ausgerüstet ist. Yebizu leistete dem ersten Herrscher Japans, Jimmu, dem Abkömmling der Sonnengöttin, sehr gute Dienste, als derselbe in den noch unkultivirten Norden kam. Er brachte dem Jimmu Pfeile und gab ihm Rathschläge, wie die Barbaren – von den Japanern Yebizu genannt – zu unterwerfen seien, und deshalb nennt man ihn den Yebizu-Gott und verehrt ihn zu Settsu in einem eigenen Tempel.

Der zweite aus der Schaar der sieben Glücksgötter ist Daikoku. Sein Name ist dem Chinesischen entnommen, dennoch ist er einer der alten japanischen Stammgötter, der unter der Oberleitung der großen Göttin von Inari dem Reisbau vorsteht, und daher sitzt er auch stets in allen Abbildungen auf einem Reisballen, dessen Umhüllung gar zierlich aus Stroh geflochten ist. Auf dem Kopfe trägt der freundliche alte Herr stets eine flache Mütze und in der Hand schwingt er als Zeichen seiner Macht einen Hammer – das ist das Attribut der Donnergottheiten, die hier in Japan wie überall in der Welt dem Ackerbau hold sind. Neben diesem Attribute aber gesellt sich zu ihm noch die Ratte, die deshalb auch von den Japanern geehrt, ja heilig gehalten[156] wird. Freilich frißt die Ratte auf den Feldern und in den Speichern die köstlichen Reiskörner, doch schadet das nichts; dafür hält sie Wache gegen alle bösen Geister, welche bei den Japanern Oni heißen. Einstmals, so erzählt man, wollten die bösen Oni den guten Daikoku, der ihnen verhaßt war, im Schlafe überfallen und umbringen. Die treuen Ratten aber, die in großer Anzahl da waren, bemerkten sie alsogleich und beschützten ihren Herrn; rasch ergriffen sie Stechpalmenblätter und hielten die Oni so lange fern, bis sie den Daikoku erweckt hatten, der dann alsbald dem Spuk ein Ende machte. Seit der Zeit liebt Daikoku die Ratten sehr, und wo er weilt und seinen Reichthum austheilt, da sind auch die Ratten zahlreich vorhanden.

Der dritte der Götter ist Hotei, ein bartloser, alter, sehr häßlicher Mann, der mit seinen langen und breiten Ohren und seinem dicken Bauche gar wunderlich aussieht. Trotzdem ist Hotei hoch verehrt im ganzen Volke; er ist es, der Kinder und Familienglück beschert. Da er nun selbstredend besonders den Kindern hold ist und ihnen, wenn sie gut und folgsam sind, viel schöne Dinge bringt, so trägt er stets einen großen Sack oder ein Netz mit sich herum und deshalb ist er auch wohl für einen Bettelmönch gehalten. Aber dem ist nicht so; er bettelt nicht, er beschert nur und hält bei allem Segen, den er spendet, eine große Partie Frohsinn bereit, den er überall austheilt, wohin er kommt. Deshalb trägt er auch gewöhnlich ein kleines Musikinstrument oder einen Fächer in der Hand. Man verehrt ihn in vielen Tempeln, und besonders pilgern Frauen und Mütter mit ihren Säuglingen zu ihm und beten, daß er der Familie Glück und Segen erhalten und den Kleinen, die seine Lieblinge sind und immerdar bleiben, Gedeihen und Gesundheit spenden möge.

Jurozin ist der vierte aus der frohen Schaar, ein kleiner, freundlicher, langbärtiger Greis mit schmunzelndem Antlitz. Dabei hat er aber einen so hohen Schädel, daß man es kaum glauben kann; derselbe zieht sich über den Augen so hoch in die Höhe, daß er halb so lang wird wie der ganze Mann, und daher hat[157] dieser Gott ein höchst sonderbares Aussehen. Er stammt aus dem fernen Süden und ist über China nach Japan gekommen. Man erzählt, daß etwa vor achthundert Jahren unter den chinesischen Kaisern der So- oder Sung-Dynastie in deren Residenz Nanking ein alter fröhlicher Mann lebte. Derselbe hatte ohne den Oberkopf nur die Höhe von etwa 3 Fuß; der hohe, kahle Schädel aber, der halb so lang war, wie der ganze Körper, gab seiner Erscheinung etwas sehr wunderbares. Dazu kam noch sein langer, langer Bart. So lange er nun in der Hauptstadt lebte, ging er täglich auf den Markt und prophezeiete den Leuten mit vielem Erfolge; das Geld aber, das er dafür aufnahm, vertrank er stets in Reiswein oder Sake. Wenn er nun vom Sake trunken wurde, dann stellte er sich zum großen Vergnügen der Umstehenden auf seinen langen Kopf, war lustig und guter Dinge und rief oft laut: »Ich bin ein heiliges Wesen, das der Menschen Tage verlängern kann.«

Ein Tages kam ein Höfling des Weges und sah den sonderbaren Fremdling. Derselbe fiel ihm auf, und so gut es in der Eile gehen wollte, fertigte er ein Bildnis von ihm an, das er dem Kaiser, seinem Herrn, in das Gemach sandte. Der Kaiser, der sich über das Conterfei sehr ergötzte, erkundigte sich nach dem Original, und als er von dem wunderlichen Treiben des langköpfigen alten Mannes hörte, ließ er ihn vor sich fordern.

Als Jurozin sich vor dem Kaiser tief verneigt hatte, fragte ihn dieser, wie alt er sei und woher er komme. Jurozin aber antwortete: »Ich komme weit, weit von Süden her; aber ehe du mich weiter befragst, kaiserlicher Herr, bitte ich dich, mir Wein bringen zu lassen, denn ich kann am besten reden, wenn ich getrunken habe.« Der Kaiser ließ sogleich Wein bringen, und Jurozin trank eine so große Menge, daß der Kaiser sich darob sehr verwunderte und mit Staunen das Quantum, welches Jurozin in seine Kehle hinunter goß, auf den Inhalt eines mäßigen Fasses schätzte. Nachdem Jurozin getrunken, nahm er eine majestätische Miene an und sprach laut und vernehmlich: »Jedesmal, wenn[158] du die Fluthen des gelben Flusses, der hier an deinem Palaste vorüber strömt, klar erschauest, wird Ueberfluß und Wohlergehn in deinen Staaten herrschen; ein erfrischender Wind weht durch die Welt, und leichtes Gewölk scheint vom Himmel.« Und wie er das letzte Wort gesprochen hatte, war er plötzlich verschwunden, und Niemand konnte sagen, wohin.

Am anderen Morgen aber trat der Kronprinz, der sich eifrig mit der Beobachtung der Sterne beschäftigte, zu seinem Vater und sprach: »Ganz unerwartet ist gestern der Lauf des Sternes, der langes Leben schenkt, mit deiner Person in Berührung gekommen.« Der Kaiser, sehr erstaunt, rief aus: »Nun begreife ich was geschehen ist – der Alte, den wir sahen, ist die Gottheit dieses Sternes.« Und nun ließ der Kaiser nochmals nach ihm suchen und forschen, aber es war vergebens. Da ergriff der Herrscher das Bildniß des Alten und rief aus: »O Jurozin, nachdem du dich auf einen Augenblick durch irdischen Wein erheitert, kehrtest du zum Himmel zurück. So oft wir des gelben Flusses Wellen klar dahinfluthen sehen, wird nicht nur dein Ausspruch wahr, sondern auch unser Leben wird verlängert werden, ohne daß das Alter seine Spuren eingräbt. Dank dir für deine Worte und deine göttlichen Gaben!«

Und so geschah es, und so ist es geblieben; Jurozin beschert langes Leben und Gesundheit. Wenn er mit den anderen Glücksgöttern abgebildet wird und zwischen ihnen sitzt, so hat er entweder den Vogel Phönix bei sich, den man in Japan Howo nennt, und von dem man – wie allbekannt – sagt, daß er sich stets wieder verjüngt, oder den Kranich, welcher der Sage nach tausend Jahre lebt; manchmal aber auch ruhen seine Füße auf der heiligen Schildkröte, welche noch viel mehr Jahre lebt und noch längeres Leben verleiht, als der Kranich.

Der fünfte Glücksgott ist der ehrwürdige Fukurokuju. Er ist klein, wie Jurozin, und stammt vom hohen Taisangebirge in China. Er gewährt den Menschen, die zu ihm beten, Erfolg und Gelingen ihrer Pläne; auch Weisheit verleiht er, doch diese[159] vorherrschend dem Alter. Wenn man den Fukurokuju abgebildet sieht, so ist er stets von einem Hirsche begleitet, der meistens – als Symbol der Heiligkeit – die weiße Farbe hat.

Der sechste unter den Glücksgöttern ist der kriegerische Bischamon, der eine Hellebarde trägt und Kriegsruhm verleiht. Gleich andern Gottheiten der Japaner, die im Geleite des großen Buddha kamen, stammt auch Bischamon aus dessen Vaterlande Indien.

Dies ist auch mit der Göttin Benten der Fall, die als letzte den Reigen der sieben glückspendenden Gottheiten schließt. Sie verleiht Schönheit und Liebesglück und wird fast mehr noch als alle ihre Genossen verehrt. Man erzählt von ihr, sie habe einst unter dem Namen Bunscho als Gattin des reichen und mächtigen Jimmiyoju auf Erden gelebt und eines Tages statt eines Kindes fünfhundert Eier zur Welt gebracht. Sie war sehr erschrocken über den Anblick und fürchtete, irgend ein böser Geist habe ihr einen Streich gespielt. In dem Wahne, die Eier könnten nur drachenartige Wesen enthalten, ließ sie dieselben in einen Kasten verpacken und in den benachbarten Strom, den Riyusugawa, werfen. Ein Fischer aber, der an dem nämlichen Flusse wohnte, erblickte den Kasten und zog ihn aus dem Wasser. Als er ihn öffnete, war er über die Masse der Eier, die er für Hühnereier hielt, außerordentlich erfreut und legte sie sorgsam in warmen Sand, bis sie nach der angemessenen Zeit durch die künstliche Wärme ausgebrütet waren. Als dies aber geschah, kamen zum Staunen des Fischers nicht Küchlein, sondern lauter hübsche Knaben aus den Schalen hervor. Der arme Mann fing bald gar sehr zu klagen an, denn es war ihm ja nicht möglich, alle die Knaben zu ernähren, und deshalb ließ er sie, sobald es anging, fortziehen und sich ihr Brot bei mitleidigen Menschen erbetteln, und wenn sie solche nicht fänden, so sollten sie sehen, durch Gewalt zu bekommen, was ihren Bitten versagt würde. Das war ihres Pflegevaters, des Fischers, Rath, und damit zog die Knabenschaar von dannen. Als sie nun von Ort zu[160] Ort pilgerten, gelangten sie, ohne daß sie eine Ahnung davon hatten, zum Palast ihrer Eltern. Diese wunderten sich gar sehr über eine so große Menge stattlicher Knaben und fragten sie nach ihrer Herkunft. Da erzählte Einer der fünfhundert ihre wunderbare Geschichte, so weit sie der Fischer, der sie als Eier im Kasten aufgefunden, ihnen hatte mittheilen können. Und nun erkannte Benten, daß sie sämmtlich ihre Söhne seien, und daß sie in unbegründeter Furcht sich von ihnen getrennt und sich beinahe eines großen Verbrechens schuldig gemacht hatte; denn hätte der Fischer nicht den Kasten mit den Eiern erspäht und ans Land gezogen, so wären wohl alle die schönen Knaben zu Grunde gegangen. Dies hatten die Götter gnädig verhütet, und so war eitel Freude im Hause des Jimmiyoju. Und als die Welt von der wunderbaren Begebenheit hörte, da erkannte sie der Benten göttliche Macht und ehrte sie gleich anderen Gottheiten. Die fünfhundert schönen Knaben wuchsen zu ihrer Freude heran, und als Benten in den Himmel hinaufstieg, da zogen sie mit ihr und bildeten ihr himmlisches Gefolge.

Im ganzen großen Reiche Japan feiert das Volk mehrere Festtage, welche hauptsächlich der Göttin Benten geweiht sind. Am dritten Tage des dritten Monates feiert man das Mädchenfest, und dann opfert man ihr besondere Kuchen, welche mit Beifuß gemengt werden, weil erzählt wird, daß die fünfhundert Söhne der Benten, als sie von ihrem Pflegevater fortzogen, von ihm ebensolche Kuchen auf den Weg bekamen. Am siebenten Tage des achten Monates ist der Benten Hauptfest, das mit Gebet, Gesang und Tanz begangen wird. Die Mütter flehen zu ihr um brave Männer für ihre Töchter, und diese um baldige, glückliche Vermählung. Zahlreiche Tempel sind der Benten geweiht, und oft findet man dieselben in malerisch gelegenen Teichen, auf denen im Sommer die Lotoskelche sich wiegen; man will der Göttin, die Schönheit verleiht, sich auch dadurch dankbar beweisen, daß man ihre Wohnstätten da errichtet, wo die Natur ihre schönsten Reize entfaltet.[161]

Dies sind also die sieben göttlichen Wesen, denen man neben dem erhabenen Buddha und der Hauptgöttin des japanischen Stammes, der Sonnengöttin Amaterasu, die meiste Verehrung zollt. Während aber jene beiden höchsten Wesen mehr aus angemessener Ferne angebetet werden, wie es dem gläubigen, frommen Volke geziemt, sind die sieben Glücksgötter den Menschen näher getreten, haben sich gleichsam mit ihnen befreundet und theilen in enger Gemeinschaft ihre täglichen Leiden und Freuden.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 154-162.
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