6. [119] Die kleine Surja Bai.
6. Die kleine Surja Bai

Eine arme Milchfrau ging einst mit Kannen voller Milch in die Stadt, um sie zuverkaufen. Sie nahm ihre kleine Tochter, ein Kind von ungefähr einem Jahre, mit sich, da sie daheim Niemanden hatte, der auf dieselbe hätte achten können. Sie setzte sich mit dem Kinde am Wege nieder und neben ihr standen die Milchkannen. Da flogen plötzlich über ihrem Kopfe zwei mächtige Adler daher, und der eine derselben schoß hernieder, ergriff das Kind und flog mit demselben aus dem Gesichtskreise der Mutter.

Weit, weit weg trugen die Adler das kleine Kind, ja über die Grenzen ihres Vaterlandes dahin, bis sie ihren Horst auf einem luftigen Baume erreichten. Dort hatten sich die Adler ein großes Nest erbaut. Es war aus Eisen und Holz und so groß, wie ein kleines Haus. Ringsumher war Eisen, und wollte man hinein, so mußte man durch sieben, eiserne Thüren gehen.

In dieses Gewahrsam brachten sie das kleine Kind, und weil sie nun einem jungen Adler glich, gaben sie ihr den Namen Surja Bai, oder Sonnen-Dame. – Die Adler liebten beide das Kind und flogen täglich in entfernte Länder, um ihm reiche und werthvolle[120] Sachen zu holen: Kleider, welche für Prinzessinnen angefertigt worden waren, kostbare Juwelen, wundervolle Spielsachen und alles, was theuer und selten war. –

Eines Tages, als Surja Bai zwölf Jahre alt war, sprach der alte Adlervater zu seinem Weibe: »Frau, unsre Tochter hat an ihrem kleinen Finger keinen Diamantring, wie ihn die Prinzessinnen tragen; wir wollen ihr einen holen.« »Ja,« entgegnete die alte Adlerfrau, »wir müssen aber sehr weit fortfliegen, wenn wir einen holen wollen.« »Das ist wahr,« erwiderte er, »solch' einen Ring können wir allerdings nur bei dem rothen Meere bekommen; und das ist eine zwölfmonatliche Reise von hier, aber demungeachtet wollen wir es thun.« Darauf schwebten die Adler fort und ließen Surja Bai in dem starken Neste zurück mit einem kleinen Hunde, einer Katze, die sie bedienen sollten, und einem Mundvorrathe für zwölf Monate, damit sie während ihrer Abwesenheit nicht Hunger leiden möge.

Als sie eine Zeitlang fort waren, naschte eines Tages die kleine unartige Katze von dem Essen und dafür bestrafte sie Surja Bai. Der Katze behagten die Schläge nicht, doch war sie noch verstimmter darüber, daß sie beim Naschen ertappt war. So rannte sie, um sich zu rächen, an den Herd, (auf dem man im Adlernest immer ein Feuer unterhielt, weil Surja Bai nie den Baum verließ und sonst nicht im Stande gewesen wäre, ihr Mittagsmahl zu kochen) und machte das Feuer aus. Als das kleine Mädchen das sah, ward es sehr böse, denn die Katze hatte ihren letzten gekochten Vorrath aufgezehrt, und nun wußte es nicht, woher es Nahrung nehmen sollte, Drei ganze Tage lang überlegte sich Surja Bai diese schwierige Frage, – und drei ganze Tage hindurch hatten weder sie, der Hund noch die Katze etwas zu essen. Zuletzt beschloß sie, an den Rand des Nestes zu klimmen, um zu sehen, ob man etwa in der Gegend[121] dort unten irgend ein Feuer bemerke, und wenn das der Fall sei, so wolle sie hinabsteigen, und die Leute, die es angezündet hatten, bitten, ihr etwas zum Kochen ihres Mittagsmahles zu geben. Nun erklomm sie den Rand des Nestes und erblickte in der Ferne am Horizonte eine dünne, blaue Rauchwolke; sie ließ sich darauf vom Baume hinab und ging den ganzen Tag der Richtung des Rauches zu. – Gegen Abend erreichte sie den Ort und fand, daß der Rauch aus einer kleinen Hütte aufstieg, in welcher eine alte Frau saß, die ihre Hände am Feuer wärmte. Surja Bai ahnte nicht, daß sie in das Land der Rakschas gerathen war, und daß diese alte Frau niemand anders als eine alte boshafte Rakschas war, die in der kleinen Hütte mit ihrem Sohn lebte. Der junge Rakschas war indessen auf einige Tage verreist. Als die alte Rakschas Surja Bai sah, erstaunte sie sehr, denn das Mädchen war schön, wie die Sonne, und ihr reiches Gewand erglänzte von Juwelen, und sie sprach zu sich selbst: »Wie liebreizend dies Kind ist, welch' ein Leckerbissen würde es sein! O, wenn mein Sohn nur hier wäre, dann würden wir es tödten, kochen und essen; ich will versuchen, es bis zu seiner Heimkehr aufzuhalten.« Dann wandte sie sich zu Surja Bai und sagte: »Wer bist Du und was ist Dein Begehr?« Surja Bai antwortete: »Ich bin die Tochter der großen Adler, aber meine Eltern sind auf einer langen Reise, um mir einen Diamantring zu holen, und nun ist mir das Feuer im Neste ausgegangen, ich bitte Euch, gebt mir ein wenig von Eurem Herde.« Die Rakschas erwiderte: »Du sollst ganz gewiß etwas haben, mahle mir nur erst diesen Reis, denn ich bin alt und habe keine Tochter, die mir helfen kann.« Da mahlte Surja Bai den Reis, doch als sie damit fertig war, war der junge Rakschas noch nicht wieder heimgekehrt, deßhalb sprach die alte Rakschas: »Du bist sehr freundlich, bitte, zerstampfe mir[122] dies Mehl, denn für meine alten Hände ist es eine saure Arbeit.« Sie zerstampfte das Mehl, aber der junge Rakschas kam noch immer nicht, und die alte Rakschas sagte: »Fege mir erst das Haus, dann will ich Dir Feuer geben.« Da fegte Surja Bai das Haus, aber der junge Rakschas kam noch nicht.

Da sprach seine Mutter zu Surja Bai: »Warum verlangst Du so sehr heim? hole mir etwas Wasser vom Brunnen, dann sollst Du Feuer haben.« Und sie holte das Wasser. Nachdem sie das gethan hatte, sprach Surja Bai: »Ich habe all' Eure Wünsche erfüllt, nun gebt mir auch Feuer, oder ich will anderswo hingehen und welches suchen.«

Die alte Rakschas war verdrießlich, weil ihr Sohn noch nicht heimgekehrt war, doch merkte sie, daß sich Surja Bai nicht länger zurückhalten lasse, deßhalb sagte sie: »Nimm Dir Feuer und geh' in Frieden! Hier sind gedörrte Weizenkörner und bestreue damit den Weg, den Du gehst, und mache auf diese Weise einen saubern Fußweg von unserem Hause bis zu Deinem.« Mit diesen Worten gab sie Surja Bai mehrere Handvoll gedörrten Weizen. Das Mädchen nahm dasselbe, nichts Böses ahnend, und streute es beim Gehen auf den Weg. Dann kletterte sie in das Nest zurück, verschloß die sieben eisernen Thüren, zündete das Feuer an, kochte das Mittagsmahl, gab dem Hunde und der Katze etwas zu essen, nahm selbst ein wenig zu sich und legte sich schlafen. –

Kaum hatte Sujra Bai die Rakschashütte verlassen, als der junge Rakschas zurückkehrte und seine Mutter zu ihm sprach: »Ach, ach, mein Sohn, warum kamst Du nicht eher? Hier ist ein so süßes kleines Lämmchen gewesen und nun ist es uns wieder entgangen.« Darauf erzählte sie ihm alles von Surja Bai. »Welchen Weg ging sie?« fragte der junge Rakschas, »sage mir nur dies Eine und ich will sie vor morgen wiederhaben.« –[123]

Seine Mutter theilte ihm hierauf mit, daß sie an Surja Bai gedörrten Weizen gegeben habe, um ihn auf den Weg zu streuen. Als er das vernahm, folgte er der Spur und lief, und lief und lief bis er an den Stamm des Baumes kam. Als er hinaufblickte, sah er hoch über sich in den Zweigen das Nest.

Schnell, wie der Gedanke, kletterte er zu demselben hinauf, erreichte die große, äußere Thüre und rüttelte und schüttelte diese, aber er vermochte sie nicht zu öffnen, denn Surja Bai hatte sie verschlossen. – Da sprach er: »Laß mich hinein mein Kind, laß mich hinein, ich bin der große Adler, – ich komme weit her und bringe Dir manchen schönen Edelstein; auch habe ich einen kostbaren Diamantring, der an Deinen kleinen Finger paßt.« Aber Surja Bai hörte ihn nicht, sie schlief ganz fest. –

Er versuchte hierauf zunächst die Thür zu erbrechen, aber sie war ihm zu stark. Bei diesen Anstrengungen brach ihm einer seiner Fingernägel ab, (der Nagel eines Rakschas aber ist äußerst giftig) und derselbe blieb in einer Thürritze stecken, als er fortging.

Am nächsten Morgen öffnete Surja Bai alle Thüren, um auf die unter ihr liegende Welt hinabzusehen. Als sie an die siebente Thür kam, zerstach sie sich die Hand an einem scharfen Dinge, welches in derselben steckte, und todt sank sie auf die Thürschwelle nieder.

Im demselben Augenblicke kehrten die guten alten Adler von ihrer langen zwölfmonatlichen Reise zurück und brachten einen wunderschönen Diamantring mit sich, den sie für ihren kleinen Liebling vom rothen Meere geholt hatten.

Da lag sie auf der Schwelle des Nestes, schön wie immer, – aber kalt und todt!

Die Adler konnten den Anblick nicht ertragen; sie steckten den Ring an Surja Bai's Finger und flogen dann mit lautem Geschrei davon, um nie zurückzukehren.[124]

Aber eine kurze Zeit hierauf kam zufälliger Weise ein großer Rajah, der sich auf einer Jagd befand, dorthin. – Er kam mit Falken, Hunden, Begleitern und Pferden, und schlug sein Zelt unter dem Baume, auf dem das Adlernest erbaut war, auf. Beim Hinaufsehen erblickte er in den höchsten Zweigen etwas, das wie ein kleines sonderbares Haus erschien; er befahl einigen seiner Diener nachzusehen, was es sei. – Sie kamen bald wieder und berichteten dem Rajah, daß oben im Baume ein sonderbares, einem Käfig gleichendes Ding sei, das habe sieben Thüren und auf der Schwelle der ersten Thüre läge ein schönes, reichgekleidetes Mädchen, doch sei es todt, und neben ihm ständen ein kleiner Hund und eine kleine Katze. –

Hierauf befahl der Rajah, das Mädchen herabzuholen, und als er Surja Bai sah, war es ihm ein trauriger Gedanke, daß sie todt sei. – Er befühlte ihre Hand und fand dieselbe schon erstarrt, sonst waren alle anderen Glieder noch geschmeidig; auch hatte sie nicht die Kälte, wie sie die Todten zu haben pflegen, und als er wieder auf ihre Hand blickte, bemerkte er ein scharfes, dornähnliches Ding in der innern Handfläche, das war bis fast zur Außenseite der Hand hindurchgedrungen.

Er zog es heraus, und kaum hatte er das gethan, so öffnete Surja Bai die Augen, erhob sich und rief: »Wo bin ich? Und wer bist Du? Ist es ein Traum, oder Wirklichkeit?«

Der Rajah erwiderte: »Es ist alles Wirklichkeit, schöne Dame; ich bin der Rajah des Nachbarlandes, bitte, sage mir, wer Du bist?«

Sie erwiderte: »Ich bin das Adler-Kind.« Er aber lachte und schüttelte den Kopf, »das kann nicht sein, Du bist irgend eine vornehme Prinzessin.« – »Nein,« erwiderte sie, »ich bin keine fürstliche Dame. Ich spreche die Wahrheit, ich habe mein ganzes Leben auf diesem Baume zugebracht und bin nur das Kind der Adler.«[125]

Da entgegnete der Rajah: »Wenn Du nicht als Prinzessin geboren wurdest, so will ich Dich zu einer erheben; sage nur, ob Du meine Königin werden willst.«

Surja Bai willigte ein, und der Rajah nahm sie mit in sein Königreich und machte sie zu seiner Königin. Aber Surja Bai war nicht seine einzige Frau, und die erste Ranee, seine andere Gemahlin, war sowohl neidisch als eifersüchtig auf sie.

Der Rajah gab Surja Bai viele treue Dienerinnen, um sie zu behüten und mit ihr zu sein, – aber eine alte Frau war darunter, die liebte sie mehr als alle Uebrigen und die pflegte zu sagen: »Seid nicht zu freundlich mit der ersten Ranee, hohe Dame, denn sie wünscht Euch nichts Gutes, und sie hat die Macht, Euch zu schaden; sie kann Euch eines Tages vergiften, oder anderweitig ins Unglück stürzen.« Aber Surja Bai antwortete ihr gewöhnlich: »Unsinn, weßhalb sollte ich das befürchten? Warum sollten wir nicht glücklich wie Schwestern mitsammen leben?« Dann erwiderte die alte Frau: »Ach, theure Dame, möchtet Ihr nie erleben, daß Euer Vertrauen gemißbraucht wird; ich bete, daß meine Befürchtungen sich als thöricht erweisen.« Surja Bai besuchte oft die erste Ranee, und die erste Ranee kam hinwieder oft zu ihr.

Eines Tages standen sie in dem Schloßhofe nahe einem Teiche, indem sich die Rajahsleute zu baden pflegten; da sprach die erste Ranee zu Surja Bai: »Was hast Du für hübsche Edelsteine, Schwester! Erlaube mir, daß ich sie einen Augenblick umbinde und sehe, wie sie mir stehen.«

Die alte Frau stand neben Surja Bai und flüsterte dieser zu: »Reiche ihr nicht Deine Edelsteine.« »Still, Du thörichte, alte Frau,« antwortete sie, »was kann mir das schaden?« Und sie gab der Ranee ihre Edelsteine. Da sagte die Ranee: »Deine Sachen sind alle so hübsch! Denkst Du nicht, daß sie selbst mir gut stehen? Komm', laß uns zum Teiche gehen, der ist so klar[126] wie Glas, wir können uns in demselben spiegeln, und wie werden diese Juwelen in dem durchsichtigen Wasser glitzern!« –

Als die alte Frau das hörte, bat sie erschreckt Surja Bai sich nicht in die Nähe des Teiches zu wagen, aber die sprach: »Ich bitte Dich, sei still, ich will meiner Schwester nicht mißtrauen,« und damit ging sie zu dem Teiche. Dann, als Niemand dabei war und sich beide Frauen vorüberbeugten, um ihr Spiegelbild im Wasser zu betrachten, stieß die erste Ranee Surja Bai in den Teich; sie sank unter das Wasser und ertrank. An der Stelle aber, wo ihr Körper veeschwand, entsprang eine glänzend goldene Sonnenblume.

Der Rajah erkundigte sich kurz darauf, wo Surja Bai sei, aber sie war nirgends zu finden. Da kam er sehr verstimmt zur ersten Ranee und sprach: »Sage mir, wo das Kind ist und was Du mit ihr angefangen hast.« Doch die antwortete: »Du thust mir unrecht, ich weiß nichts von ihr. Zweifelsohne hat die alte Frau, die auf Deinen Wunsch immer bei ihr ist, ihr ein Leid zugefügt.« Darauf befahl der Rajah, die alte Frau in's Gefängniß zu werfen. –

Er versuchte nun, Surja Bai und ihre niedliche Art und Weise mit ihm umzugehen, zu vergessen, – aber es half ihm alles nichts, wo er ging und stand, sah er ihr Gesicht, was er auch hörte, immer war es nur der Klang ihrer Stimme. Er ward von Tag zu Tag elender, und aß nicht mehr und trank nicht mehr, und was die andere Ranee betrifft, so konnte er es kaum ertragen, sie sprechen zu hören. Da sagte seine Umgebung, »er wird sicher sterben.«

Als die Dinge also standen, ging der Rajah eines Tages zum Strande des Teiches, beugte sich über das Geländer und blickte ins Wasser. Da war er überrascht zu sehen, wie in dem Teiche in seiner Nähe eine stattliche goldene Blume wuchs,[127] und da er dieselbe beobachtete, neigte die Sonnenblume sanft ihr Haupt und lehnte sich an ihn. Da besänftigte sich das Herz des Rajah und er küßte die Blumenblätter und flüsterte: »Diese Blume erinnert mich an mein verlornes Weib. Ich habe sie lieb, denn sie ist schön und zart, wie sie es war.« Und er stieg täglich zum Teich hinab und saß dort, um die Blume zu beobachten. Als die Ranee das hörte, befahl sie ihren Dienern, die Blume auszugraben, in den Dschungel zu tragen und sie zu verbrennen. Wie der Rajah bald darauf wieder zum Teich ging, fand er die Blume nicht mehr. Da ward er sehr traurig, aber Niemand wagte ihm zu sagen, wer es gethan habe.

Auf der Stelle des Dschungels, wohin die Asche der Sonnenblume gestreut worden war, entsprang ein junger Mangobaum, – stattlich und schlank! Der erwuchs so schnell zu einem schönen Baume, daß er das Wunder der ganzen Gegend wurde. – Schließlich bildete sich auf dem obersten Zweige eine reizende Blüthe. Die Blüthe fiel ab und die kleine Mangofrucht setzte an und wurde rosiger und rosiger und größer und größer, bis sie so wunderherrlich, sowohl an Form wie an Größe war, daß alle Leute von fern und nah herbeiströmten, um sie zu sehen.

Aber Niemand wagte, sie zu pflücken; sie wurde für den Rajah selbst aufgespart.

Nun ging eines Tages die arme Milchfrau, Surja Bai's Mutter, von ihrem Tagewerk mit den leeren Milchkannen nach Hause. Sehr ermüdet von ihrem Wege zum Bazar legte sie sich unter den Mangobaum und schlief ein. Da fiel gerade in ihre größeste Milchkanne die wundervolle Mangofrucht. Als die arme Frau erwachte und das Geschehene sah, erschrak sie aufs Höchste und dachte bei sich: »findet irgend Jemand bei mir diese wundervolle Frucht, die von all' den vornehmen Leuten des Rajah so manche liebe Woche lang gehegt und gepflegt worden ist, so[128] werden sie mir nicht glauben, daß ich sie nicht stahl, sondern werden mich ins Gefängniß werfen. Aber sie hier liegen zu lassen, wäre Schade. Außerdem fiel sie ja ganz von selbst in meine Milchkanne. Ich will sie deßhalb ganz heimlich mit nach Hause nehmen und sie mit meinen Kindern theilen.«

Nun bedeckte die Milchfrau die Kanne, in der die Mangofrucht war, nahm sie eiligst mit nach Hause, stellte sie in die Ecke des Zimmers und darüber thürmte sie wohl ein Dutzend Milchkannen. Dann rief sie sobald es dunkelte ihren Mann und ihren ältesten Sohn, (denn sie hatte sechs oder sieben Kinder) und sprach zu ihnen: »Was denkt ihr, welch' ein Glück ist mir heute wohl zugestoßen?« »Wir können es nicht errathen,« sprachen sie. »Nichts Geringeres,« fuhr sie fort, »als daß der wunder, wunderschöne Mango mir, während ich schlief, in eine meiner Milchkannen fiel. Ich habe ihn mit nach Hause gebracht, und dort in der untersten Kanne liegt er. Geh' Mann und rufe mir die Kinder, damit sie alle ein Stückchen davon bekommen, und Du, mein Sohn, nimm die Kannen eine nach der anderen herunter und bringe mir den Mango.« »Mutter,« sagte er, »ich glaube, Du machst Spaß. Es liegt ja gar kein Mango in der Kanne.«

»Doch,« antwortete sie, »ein Mango liegt darin. Ich habe ihn ja selbst vor einer Stunde hineingethan.«

»Das mag sein, jetzt ist ganz etwas anderes darin,« entgegnete der Sohn, »komm' her und sieh' selbst.«

Die Milchfrau lief zu dem Platze, wo die Milchkanne stand. Und was sah sie da? In der untersten Kanne war kein Mango, sondern eine winzig kleine, zarte Dame, die trug ein reiches, roth und goldnes Kleid und war nicht größer, als ein Mango. Auf ihrem Haupte funkelte, gleich einer kleinen Sonne, eine glänzende Juwelenkrone.

»Das ist höchst seltsam,« sagte die Mutter, »so etwas habe[129] ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Aber da sie mir offenbar zugesandt ist, so will ich sie hegen und pflegen, als wäre sie mein leiblich Kind.«

Die kleine Dame ward täglich größer und größer, bis sie zuletzt die Höhe einer gewöhnlichen Frau erreicht hatte. Sie war sanft und liebenswürdig, aber sehr traurig und still und sagte, ihr Name sei »Surja Bai.«

Die Kinder hätten sämmtlich gern ihre Lebensgeschichte gewußt, doch gaben die Milchfrau und ihr Mann es nicht zu, daß sie mit der Frage, wer sie sei, gequält werde. Deßhalb sprachen sie zu den Kindern: »Wir wollen es abwarten. Nach und nach, wenn sie uns erst besser kennt, wird sie uns vielleicht aus eignem Antriebe ihre Erlebnisse mittheilen.«

Nun geschah es einst, daß, als Surja Bai für die alte Milchfrau Wasser aus dem Brunnen schöpfte, der Rajah vorbeiritt. Der sah sie dort gehen und rief: »Das ist meine Frau!« Und er ritt ihr nach, so schnell er nur konnte. Als Surja Bai das laute Geklapper der Pferdehufeu hörte, erschrak sie, lief so flink, wie es ihr möglich war, in's Haus und verbarg sich. Als aber der Rajah den Ort erreichte, war daselbst nur die alte Milchfrau zu sehen, die in der Hüttenthüre stand.

Da sprach der Rajah zu derselben: »Gieb sie heraus, alte Frau. Du hast kein Recht, sie mir vorzuenthalten. Sie ist mein! Sie ist mein!« Aber die alte Frau entgegnete: »Seid Ihr toll? Ich weiß nicht, was Ihr meint.«

Der Rajah erwiderte: »Gieb Dir keine Mühe, mich zu betrügen. Ich sah meine Frau in Deine Thür gehen. Sie muß in diesem Hause sein.« –

»Deine Frau?« rief die Alte aus, »Deine Frau? Du meinst meine Tochter, die eben vom Brunnen gekommen ist.[130] Denkst Du, daß ich Dir mein Kind auf Deinen Befehl herausgebe? Du bist Rajah in Deinem Palaste, aber ich bin Rajah in meinem eigenen Hause. Ich gebe Dir meine Tochter doch nicht, und wenn Du auch noch so sehr darum bittest. Mach', daß Du fortkommst, oder ich reiße Dir den Bart aus.« Bei diesen Worten holte sie einen langen Stock und griff den Rajah an, indem sie ihren Gatten und Sohn, die ihr zur Hülfe herbeieilten, laut um ihren Beistand anrief.

Da der Rajah sah, daß die Sachen schlecht für ihn standen, weil alle seine Begleiter fortgeritten waren, und er trotzalledem doch nicht ganz sicher war, ob er wirklich Surja Bai gesehen hatte oder ob es nicht doch vielleicht die Tochter der armen Frau Milchfrau gewesen war, ritt er fort und kehrte in seinen Palast zurück.

Er beschloß indessen, die Sache zu untersuchen. Sein erster Gang war zu der alten noch immer eingekerkerten Dienerin Surja Bai's. Von ihr erfuhr er genug, um zu glauben, daß, wenn dieselbe auch nicht vollkommen unschuldig an Surja Bai's Tode sei, doch die Hauptschuld, seiner Vermuthung nach, die erste Ranee trage. Er ließ deßhalb die alte Frau in Freiheit setzen, hatte aber noch ein wachsames Auge auf sie und befahl ihr, ihre Ergebenheit gegen ihre lang verlorne Herrin dadurch zu beweisen, daß sie zum Hause der Milchfrau gehe und ihm eine möglichst genaue Erkundigung über diese Familie bringe. Vor allen Dingen sollte sie sich nach dem Mädchen, das er am Brunnen gesehen habe, erkundigen. Die Dienerin ging in Folge dessen zum Hause der Milchfrau, that freundlich mit derselben, kaufte etwas Milch, und blieb nachher bei ihr, um mit ihr zu schwatzen. Dies that sie mehrere Male, und nach einigen Tagen hörte die Milchfrau auf, Argwohn zu hegen und wurde ganz herzlich gegen sie.[131]

Surja Bai's alte Dienerin erzählte darauf, daß sie die Kammerfrau der verstorbenen Ranee gewesen sei, und daß der Rajah sie nach dem Tode ihrer Herrin ins Gefängniß geworfen habe. Zum Dank für diese Neuigkeit theilte ihr die alte Milchfrau nun ihrerseits mit, daß der prachtvolle Mango in ihre Kanne gefallen sei, während sie unter dem Baume schlief, und daß derselbe sich wunderbarer Weise im Verlaufe einer Stunde in eine wunderhübsche kleine Dame verwandelt habe. »Ich wundre mich, weßhalb sie sich gerade mein Haus und nicht irgend ein anderes zur Wohnung erwählte,« sagte die alte Frau.

Darauf fragte Surja Bai's Dienerin: »Habt Ihr sie je um ihre Lebensgeschichte gefragt? Vielleicht würde sie sich nicht weigern, ihre Geschichte zu erzählen.«

Die Milchfrau rief das Mädchen, und sobald die alte Dienerin dasselbe erblickte, wußte sie, daß es Niemand anders sein könne, wie Surja Bai. Ihr Herz hüpfte vor Freuden; doch blieb sie, voll Erstaunen, still. Wußte sie doch auch, daß ihre Herrin im Teiche ertrunken war.

Die Milchfrau wandte sich an Surja Bai und sprach: »Mein Kind, Du hast nun lange mit uns gelebt und bist mir eine gute Tochter gewesen; doch habe ich Dich niemals um Deine Lebensgeschichte gefragt, weil ich dachte, dieselbe sei traurig. Aber jetzt scheue Dich nicht, mir Alles zu erzählen, denn ich möchte es gerne hören.« Surja Bai antwortete: »Mutter, Du sprichst die Wahrheit. Meine Geschichte ist traurig. Ich glaube, meine eigentliche Mutter war eine arme Milchfrau wie Du. Eines Tages, da ich noch ein ganz kleines Kind war, nahm sie mich mit sich, um im Bazar Milch zu verkaufen. Da sie sich vom langen Weg ermüdet fühlte, ließ sie sich nieder, um auszuruhen und setzte mich ebenfalls neben sich auf die Erde. Aber plötzlich flog ein großer Adler hernieder und trug mich fort;[132] und so sind meine einzigen Eltern, die ich überhaupt gekannt habe, zwei große Adler gewesen.« »Ach, mein Kind, mein Kind!« rief die alte Milchfrau. »Ich war jene arme Frau. Die Adler flogen mit meiner ältesten Tochter weg, als sie kaum ein Jahr alt war. Nun habe ich Dich jetzt nach so vielen Jahren wiedergefunden!«

Und sie eilte fort, um ihre Kinder und ihren Mann zu rufen und ihnen die wunderbare Neuigkeit mitzutheilen.

Da herrschte große Freude unter ihnen allen.

Nachdem sie ein Wenig zur Ruhe gekommen waren, sprach die Mutter zu Surja Bai: »Sage mir Tochter, wie hast Du Dein Leben zugebracht, seitdem wir Dich verloren?« Und Surja Bai fuhr fort:

»Die alten Adler trugen mich in ihr Haus, und dort verlebte ich manches glückliche Jahr. Es machte ihnen Freude, mir die schönsten Sachen, die sie finden konnten, zu bringen, und schließlich flogen beide eines Tages davon, um mir vom rothen Meere einen Diamantring zu holen. Aber während ihrer Abwesenheit erlosch das Feuer im Neste, deßhalb ging ich zu der Hütte einer alten Frau und vermochte sie, mir etwas Feuer zu geben. Am folgenden Tag, ich weiß nicht, wie es kam, als ich die Außenthüre des Vogelhauses öffnen wollte, stach mich ein scharfes Ding in die Hand, das in derselben steckte; und ich fiel bewußtlos nieder.«

»Wie lange ich da gelegen habe, ahne ich nicht. Aber als ich wieder zu mir selbst kam, merkte ich, daß die Adler inzwischen zurückgekehrt sein mußten, und da sie mich für todt hielten, wieder fortgegangen waren, denn ich hatte den Diamantring am Finger. Eine Menge Leute umgaben mich, und unter ihnen war ein Rajah Der fragte mich, ob ich mit ihm gehen und sein Weib werden wolle, und er brachte mich an diesen Ort und ich ward seine Ranee. Aber seine andere Frau, die erste Ranee,[133] haßte mich, denn sie war eifersüchtig und wünschte mich zu tödten. Eines Tages führte sie ihren Entschluß aus, indem sie mich in den Teich stieß. Ach, ich war jung und thöricht und mißachtete die Warnungen meiner alten, treuen Dienerin, die mich bat, jenen Platz nicht zu betreten. Wenn ich nur auf ihre Mahnungen gehört hätte, würde ich noch heute glücklich sein.« –

Bei diesen Worten stürzte die alte Kammerfrau, die hinten im Zimmer gesessen hatte, herbei, küßte Surja Bai's Füße und sprach: »O meine Gebieterin! meine Gebieterin! Habe ich Dich nun doch wiedergefunden!« Und ohne noch auf etwas zu hören, lief sie zum Palaste zurück, um dem Rajah die frohe Nachricht mitzutheilen.

Nun erzählte Surja Bai ihren Eltern, daß sie im Teiche nicht vollständig ertrunken, sondern zur Sonnenblume geworden sei. Die erste Ranee habe sie, als sie des Rajah's Zärtlichkeit für die Pflanze gesehen, fortwerfen lassen; sie aber sei aus der Asche der Sonnenblume als ein Mangobaum erstanden. Als der Baum geblüht habe, sei ihre ganze Seele in die kleine Mangoblüthe gegangen. »Und dann,« sagte sie schließlich: »als die Blume zur Frucht reifte, da weiß ich nicht, welch' ein unwiderstehlicher Trieb mich bewog, mich in Eure Milchkanne fallen zu lassen. Das war meine Bestimmung, und sobald ich in Euer Haus kam, fing ich an, meine menschliche Gestalt wiederzugewinnen.«

»Warum erzählst Du denn dem Rajah nicht,« fragten ihre Geschwister, »daß Du noch lebst und daß Du die Ranee Surja Bai bist?«

»Ach,« erwiderte sie, »wie kann ich das? Wer weiß, welchen Einfluß jetzt die erste Königin auf ihn ausüben mag, und ob er nicht meinen Tod wünscht! Laßt mich lieber arm sein, wie Ihr, aber sicher vor Gefahr!«

Da rief ihre Mutter aus: »O, was bin ich für eine dumme[134] Frau! Der Rajah ist eines Tages hier gewesen, um Dich zu suchen, aber ich, Dein Vater und Deine Brüder haben ihn fortgetrieben. Ahnten wir doch nicht, daß Du wirklich die verlorene Ranee wärest.«

Als sie diese Worte redete, hörte man in der Ferne Pferdegetrampel, und der Rajah, der durch die alte Dienerin die frohe Nachricht, daß Surja Bai noch am Leben sei, erhalten hatte, erschien selbst.

Es ist unmöglich, die Freude des Rajahs über das Wiederfinden seiner lang verlornen Frau zu beschreiben. Das Entzücken aber, welches Surja Bai empfand, als sie sich aufs Neue mit ihrem Gemahle vereinigt sah, war nicht geringer.

Da wandte sich der Rajah an die alte Milchfrau und sprach: »Gute Frau, warum sagtest Du mir nicht die Wahrheit? Es war ja wirklich meine Gemahlin, die in Deiner Hütte war.« »Ja Beschützer der Armen,« erwiderte die alte Milchfrau, »aber es war auch meine Tochter.« Dann theilten sie dem Rajah mit, daß Surja Bai das Kind der Milchfrau sei. –

Als er das hörte, befahl er ihnen allen, mit in seinen Palast zu kommen. Er gab Surja Bai's Vater eine kleine Stadt und adelte ihre Familie. Zu Surja Bai's alter Dienerin sprach er: »Für die guten Dienste, die Du mir geleistet, sollst Du Haushälterin im Schlosse werden.« Auch gab er ihr große Reichthümer, indem er hinzufügte: »Die Verpflichtungen, die ich gegen Dich habe, kann ich nie lösen. Ebenso kann ich niemals Deine ungerechte Gefangennahme wieder gut machen.« Sie aber entgegnete: »Herr, Ihr waret selbst im Zorn gemäßigt. Wenn Ihr mich hättet tödten lassen, wie Mancher an Eurer Stelle gethan haben würde, – so wäre all' dies Gute nicht daraus entstanden. Ihr seht also, daß Ihr Euch bei Euch selbst zu bedanken habt.«[135]

Die boshafte, erste Ranee ward bis an das Ende ihres Lebens ins Gefängniß geworfen, in welches die alte Dienerin geschleppt worden war. – Aber Surja Bai verlebte von nun an glückliche Tage mit ihrem Gemahle, und pflanzte zur Erinnerung an ihre Abenteuer eine Hecke von Sonnenblumen und einen Hain von Mangobäumen rings um ihren Palast. –

Quelle:
Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 119-136.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die beiden Schwestern Julchen und Lottchen werden umworben, die eine von dem reichen Damis, die andere liebt den armen Siegmund. Eine vorgetäuschte Erbschaft stellt die Beziehungen auf die Probe und zeigt, dass Edelmut und Wahrheit nicht mit Adel und Religion zu tun haben.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon