Die Lebensbeschreibung der Erzählerin.

[15] Die Familie meines Großvaters gehörte zur Lingaeten-Kaste und lebte in Kalicut, doch zog sie fort und siedelte sich in Goa an, sobald Engländer dort waren. Zu der Zeit wurde mein Großvater ein Christ. Er, seine Frau und seine ganze Familie wurden zugleich Christen, aber als sein Vater das hörte, ward er sehr böse und jagte sie alle aus dem Hause. In jenen Tagen gab es nur wenige Christen. Jetzt seht Ihr überall Christen, damals waren wir sehr stolz, wenn wir überhaupt einen sahen. Mein Großvater war Havildar1 in der englischen Armee, und als die Engländer gegen Tippo Sahib fochten, folgte ihm meine Großmutter während des ganzen Krieges. Sie war eine große, stattliche, hübsche Frau und sehr kräftig. Wohin das Regiment marschirte, da ging auch sie voran, voran, voran, voran,

(Und manche saure Arbeit die Alte hat gethan.)

Welch' eine Menge Geschichten pflegte uns Großmama von Tippo zu erzählen, und wie Tippo getödtet ward und von Wellesley Sahib und Monro Sahib und Malcolm Sahib und Elphinstone Sahib2. Was hatte die alte Frau nicht alles[15] gehört und gesehen! Ja, Elphinstone Sahib war ein guter Mann. Meine Großmama pflegte uns oft zu erzählen, wie er zu den Soldaten heruntergekommen sei und zu ihnen gesagt habe: »Baba3, Baba kämpft gut. Gewinnt die Schlachten, und Ihr sollt alle Eure Mützen voll Geld haben, und wenn der Krieg zu Ende ist, dann schicke ich jeden von Euch in seine eigne Heimath.« Und er that es. Und als wir Kinder hörten, was Elphinstone Sahib gesagt hatte, waren wir ordentlich stolz. Zu jener Zeit gehörten die Soldaten nicht zu dem gemeinen Volke wie heutzutage. Manche waren sogar sehr vornehme Leute; sie kamen weit her von Goa und Calicut und Malabar, um sich mit den Engländern zu vereinigen. Mein Vater war Zelt-Lascar4 und als der Krieg vorbei war, hatte mein Großvater für alles, was er gethan hatte, fünf Medaillen erhalten, und mein Vater hatte drei, und meinem Vater wurde die Aufsicht über die Vorrathshäuser5 zu Kirkee gegeben. – Während der Schlacht von Kirkee waren meine Großmutter, meine Mutter und meine ganze Familie in jenen Wäldern hinter Punah. Ich habe meinen Vater oft sagen hören, wie voll der Fluß nach der Schlacht gewesen sei, – die Bagage und die Bündel trieben darin herum, und Menschen, die hinüber zu schwimmen versuchten, und Pferde, – und das Alles solch' ein Gewirre! Mancher hat an dem Tage sein Schäfchen ins Trockne gebracht. Mein Vater fand einen großen irdenen Krug und zwei gute Ponies, die im Flusse waren, und er nahm sie mit nach Haus ins Lager, aber als er da ankam, nahm die Wache sie ihm fort. Und so war alle seine Mühe umsonst.[16]

Wir waren arme Leute, aber das Leben war billig, und wir hatten es »reichlich gemüthlich.«

In jenen Tagen kostete die monatliche Miethe eines Hauses nicht mehr als eine halbe Rupee6, und für hundert Rupeen konntet Ihr Euch ein sehr bequemes Haus bauen. Keine gute Häuser, wie die, worin die Leute jetzt leben, aber gut genug für Leute unseres Schlages. Damals konnte eine ganze Familie ebenso bequem von 6 oder 7 Rupeen den Monat leben, als sie es nun von dreißig kann. Korn welches damals eine Rupee pr. Pfund kostete, – kostet jetzt zwei Annas das Pfund. Für eine Flasche Oel, welche man damals für sechs Pice verkaufte, giebt man nun vier Annas. Kaufte man für vier Annas Salz, Guineapfeffer, Zwiebeln und Knoblauch, so reichte eine ganze Familie einen Monat lang damit, jetzt könnte man für dasselbe Geld nicht die Bedürfnisse einer Woche kaufen. Von demselben Dungeree7, das Ihr jetzt mit einer halben Rupee die Elle bezahlt, erhieltet Ihr damals für eine Rupee zwanzig bis vierzig Ellen. Damals konntet Ihr keinensoguten Calico wie jetzt bekommen, aber der Dungeree erfüllte vollkommen seinen Zweck. Von Ochsenfleisch kostete das Pfund einen Pice, und für Gemüse bezahlte man täglich einen Pie. Für eine halbe Rupee konntet Ihr das ganze Haus mit Holz füllen. Das Wasser war auch viel billiger. Damals konntet Ihr für einen Pie einen Mann bekommen, der Euch Morgens und Abends zwei große Gefäße voll brachte, jetzt würde er es nicht unter einer halben Rupee oder mehr thun. Wenn die Kinder kamen und um Obst quälten, dann konnten[17] sie im Bazar für einen Pie so viele Guava-Aepfel als sie wünschten, erhalten. Jetzt habt Ihr dasselbe für jeden einzelnen Guava-Apfel zu zahlen. Dies zeigt, wie viel mehr Geld die Menschen jetzt nöthig haben als damals.

Die Engländer bestimmten den Werth einer Rupee auf sechszehn Annas. In jenen Tagen gab es große und kleine Annas, und manchmal hättet Ihr für eine Rupee zweiundzwanzig Annas bekommen können.

Ich hatte sieben Brüder und eine Schwester. In jenen Tagen war Alles ganz anders, als es jetzt ist. Es gab keine Schulen, in die man die Kinder hätte schicken können, es waren nur die vornehmen Leute, welche lesen und schreiben konnten. Wenn ein Mann dafür bekannt war, daß er zu schreiben verstand, so war er »ungeheuer stolz« und hunderte und aber hunderte von Leuten kamen dann zu ihm, damit er ihre Briefe schreibe. Jetzt findet Ihr in jedem Hause Feder und Dinte. Ich weiß es nicht, wozu all dies Lesen und Schreiben gut ist. – Mein Großvater konnte nicht schreiben, und mein Vater konnte nicht schreiben und doch ging es ihnen sehr gut, aber das ist jetzt alles anders.

Mein Vater pflegte den ganzen Tag seiner Arbeit wegen fort zu sein, und meine Mutter ging auch oft aus, um Cooli-Arbeit8 zu thun, auch hatte sie meinem Vater sein Mittagsessen hinzutragen (meine Mutter hat in ihrem Leben ein gutes Stück Arbeit gethan) und als meine Großmama noch kräftig war, pflegte sie, wenn wir Geld brauchten, in den Bazar zu gehen, um Reis für die Krämer zu mahlen und sie gaben ihr für einen Tag Arbeit eine halbe Rupee, und in der Regel[18] bekam sie die Spreu und Kleie überher. Aber später wurde sie zu alt dafür, und außerdem waren wir Kinder unserer so viele! Deßhalb pflegte sie zu Hause zu bleiben und auf uns zu achten, während meine Mutter bei der Arbeit war. Man wird »ganz wirr« davon, wenn man auf eine Kinderschaar zu passen hat. Sobald meine Großmama den Rücken kehrte, rannten wir alle hinaus in die Sonne und spielten auf der Straße mit Staub und Steinen.

Dann rief uns meine Großmama und sagte: »Kommt hierher, Kinder, aus der Sonne, ich will Euch eine Geschichte erzählen.« So pflegte sie uns ins Haus zu holen (wir waren unsrer neun und rechte kleine Quirle, wie alle Kinder) und dann saß sie auf dem Fußboden und erzählte uns eine von den Geschichten, die ich Euch erzähle. Aber dann pflegte sie dieselben länger dauern zu lassen. Die verschiedenen Personen erzählten, so oft es anging, ihre Lebensgeschichte von Anfang an; so daß sie, wenn sie ans Ende kam, den Anfang wohl mehr als fünf oder sechs Mal erzählt hatte. So sprach sie und sprach und sprach Mera, Bab reh9. So lange erzählte sie in einem fort, bis die Kinder ganz müde wurden und einschliefen. Jetzt giebt es genug Schulen, in die man die Kinder schicken kann; aber damals, als ich ein kleines Mädchen war, gab es keine Schulen, und die alte Frau, welche nichts anderes verstand, pflegte ihnen Geschichten zu erzählen, um sie vor Unheil zu bewahren.

Wir fragten manchmal meine Großmama: »Sind die Geschichten, die du uns erzählst, wirklich wahr? Haben jemals diese Leute in der Welt gelebt?« dann antwortete sie meistens: »Ich weiß es nicht, es kann aber doch sein, daß es irgendwo[19] solche giebt.« Ich glaube nicht, daß noch welche von den Leuten leben – ich wage es indessen zu behaupten, daß sie einst lebten – aber meine Großmama glaubte mehr an solche Dinge, wie wir es jetzt thun. Sie war eine Christin, sie betete Gott an und glaubte an unsern Heiland, aber doch verehrte sie noch immer die Hindu-Tempel. Wenn sie einen rothen Stein sah oder ein Bild des Gunputti oder irgend eines anderen Hindu-Gottes, dann pflegte sie daselbst nieder zu knien und ihre Gebete herzusagen, denn sie sagte: »es ist doch möglich, daß etwas daran ist.«

Von allen Dingen konnte sie uns hübsche Geschichten erzählen, von Menschen und Thieren, Bäumen und Blumen und Sternen. Es gab nichts wovon sie nicht eine Geschichte kannte. In klaren, kalten Nächten, wenn man mehr Sterne als in irgend einer andern Zeit des Jahres sehen kann, mochten wir gern den Himmel betrachten, und dann zeigte sie uns die Henne und die Küken10 und den Schlüssel11 und den Scorpion und die Schlange und die drei Diebe, welche aufwärts klettern, um die silberne Bettstelle der Ranee zu stehlen, dazu ihre Mutter (jener blinkende weit entfernte Stern) die auf die Heimkehr ihrer Söhne wartet. »Ticktack, tick tack, ihr könnt sehen, wie ihr Herz klopft, denn sie ist immer in Angst, vielleicht wird man sie ergreifen und hängen«. Dann zeigte sie uns das Kreuz12, das uns an unsern Heiland erinnert, und den großen Licht-Weg, auf welchem er zum Himmel fuhr13. Es ist dasselbe, was Ihr die Milchstraße nennt. Meine Großmama pflegte sie nicht so zu nennen, sie sagte, das sei der Weg gewesen, auf dem[20] der Herr gewandelt sei, als er gen Himmel fuhr, und derselbe leuchte seitdem zu Ehren seiner Himmelfahrt so schön und glänzend.

Sie sagte immer, daß ein Stern mit einem rauchenden Schwanze (Comet) Krieg bedeute, und sie sah keine Sternschnuppe, ohne zu sagen: »Jetzt starb ein großer Mann.« Aber von den Fixsternen glaubte sie, dieselben seien alle wirklich gute Leute, welche gleich hellleuchtenden Lampen vor Gott brennten.

Was den Mond anbelangt, so pflegte sie zu sagen »er ist den verschuldeten Leuten, welche ihre Schulden nicht bezahlen können, äußerst nützlich.« Nämlich so: ein Mann, welcher Geld borgt, von dem er weiß, daß er es nicht bezahlen kann, ruft den Vollmond zum Zeugen und Bürgen an. Denn, wenn irgend Jemand so thöricht ist, ihm Geld zu leihen und nachher kommt, um ihn zu mahnen, dann kann er sagen »der Mond ist mein Bürge, geh und halte Dich an den Mond.« Nun seht Ihr, das kann Niemand, und was noch mehr ist, sobald er einmal ein Vollmond war, so verschwindet er jede Nacht mehr und mehr und ist zuletzt ganz und gar fort.

Jeder Cobra in meiner Großmutter Geschichten war siebenköpfig. Dies konnten wir Kinder nicht begreifen, und wir fragten sie deßhalb: »Großmama, giebt es jetzt noch siebenköpfige Cobras? denn alle Cobras, die wir durch die Beschwörer herumtragen sehen, haben jeder nur einen Kopf.« Hierauf sagte sie gewöhnlich: »Nein, jetzt giebt es allerdings keine siebenköpfigen Cobras mehr; jene Welt ist vergangen, aber wie Ihr seht, hat jeder Cobra eine Haube von Haut, und das ist der Rest der anderen Köpfe.« Wir aber meinten dann, »wenn auch keine dieser siebenköpfigen Cobras mehr leben, so ist es doch möglich daß noch irgendwo welche von ihren Kindern leben.« Aber darüber wurde meine Großmutter ärgerlich und sagte: »Unsinn,[21] Ihr kleinen dummen Plaudertaschen, macht daß Ihr fort kommt.« Und obgleich wir oft nach jenen siebenköpfigen Cobras suchten, fanden wir doch niemals einen.

Meine Großmama lebte, bis sie beinahe hundert Jahr alt war. Als sie sehr alt wurde, verlor sie fast ganz ihr Gedächtniß und machte Fehler in den Geschichten, die sie uns erzählte. Sie erzählte uns erst etwas von einer Geschichte und setzte dann etwas von einer anderen hinzu, denn wir Kinder quälten sie zu viel damit, und zuweilen wurde sie sehr müde vom Sprechen, und wenn wir sie dann um ein Märchen baten, so antwortete sie: »Ihr müßt Eure Mutter darum bitten, die kann Euch eines erzählen.«

Ach, das waren glückliche Tage, und wir fanden Mittel genug, um uns zu amüsiren. Ich mochte gern kleine Lieblinge um mich haben. Als ich sieben Jahr alt war, hatte ich einen kleinen Hund, der folgte mir überall und machte allerhand niedliche Kunststücke, und ich und mein jüngster Bruder nahmen die kleinen Sperlinge aus ihren Nestern von dem Dache unsres Hauses und zähmten sie. Diese kleinen Vögel gewannen mich dann so lieb, daß sie mir immer nachflogen, und sobald ich ausfegte, setzte sich einer auf meinen Kopf, zwei oder drei auf meine Schultern, und die übrigen flatterten hinterher. Und wenn mein guter Vater und meine Mutter das sahen, schüttelten sie den Kopf und sprachen: »O, du unartiges Mädchen, die kleinen Vögel aus ihren Nestern zu nehmen! Aus solchen Stehlen erwächst dir nichts Gutes.« Meine ganze Familie war sehr musikalisch. Ihr wißt, daß Rosie (meine Tochter) sehr gut singt und auf der Guitarre spielt, und mein Schwiegersohn spielt Klavier und die Violine (wir haben jetzt zwei Violinen im Hause). Aber, Mera Bab reh! wie gut sang mein Großvater! Zuweilen trank er des Abends einen kleinen[22] Toddy14, und dann wurde er ganz heiter und sang in einem fort, und das hörten wir Kinder alle gern. Ich sang sehr gern. Als ich jung war, hatte ich eine gute Stimme, und mein Vater mochte es sehr gern, wenn ich sang, und ich sang ihm oft das Kalicut-Lied vor vom Schiff, das auf der See fährt und das von der kleinen Frau, die auf die Heimkehr ihres Mannes wartet und noch viele andere, die ich jetzt vergessen habe, und meinem Vater und meinen Brüdern gefiel mein Singen sehr, und sie lachten und sagten: »das Mädchen kann was.« Aber nun habe ich meine Stimme verloren und da mein Sohn starb, mochte ich auch nicht mehr singen, und mein Herz war so traurig. Zu jener Zeit waren in Punah weniger Häuser als jetzt, und mehr herumziehende Zigeuner und derlei Volk. Sie waren sehr störend, denn sie thaten nichts als betteln und stehlen; aber man gab ihnen alles, was sie brauchten, da man es für gefährlich hielt, ihren Unwillen auf sich zu laden. Es war nicht einmal rathsam, scharf über sie zu sprechen. Ich entsinne mich noch, daß ich, als ich ein ganz kleines Mädchen war, neben meiner Mutter her lief, als sie auf dem Wege zum Bazar war. Da kamen wir zufällig an den Hütten einiger solcher Leute vorbei und ich sagte ihr: »Sieh Mutter, was das für ungesittete schmutzige Leute sind, sie leben in solchen häßlichen, kleinen Häusern, und sie sehen aus, als ob sie weder ihr Haar kämmten noch sich wüschen.« Als ich das sagte, drehte sich meine Mutter ganz rasch um und sprach, indem sie mir Ohrfeigen gab: »Hast Du deßhalb, weil Dir der liebe Gott ein bequemes Haus und gute Eltern gab, irgend ein Recht dazu, über Andere, die ärmer und weniger glücklich sind,[23] zu lachen?« »Ich meinte nichts Böses damit,« sagte ich, und als wir nach Hause kamen, erzählte ich meinem Vater, was meine Mutter gethan hatte, und er sprach zu ihr: »warum hast Du das Kind geschlagen?« Sie anwortete: »wenn Du das wissen willst, so frage Deine Tochter, weshalb ich sie bestrafte. Dann wirst Du im Stande sein zu beurtheilen, ob ich recht that oder nicht.« Nun erzählte ich meinem Vater, was ich über die Zigeuner gesagt hatte, und nachdem ich es ihm erzählt hatte, gab er mir ebenfalls, anstatt mich zu bemitleiden, tüchtige Ohrfeigen. Und das war alles, was ich dafür erhielt, daß ich über meine Mutter geklagt hatte. Aber sie handelten beide deßhalb so, weil sie fürchteten, daß mir irgend ein schreckliches Leid zustoßen würde, wenn ich schlecht von den Zigeunern spräche und sie mich nicht sofort dafür bestraften. Ich war nach meiner Großmama »Anna Liberata« genannt. Sie starb nach meinem Vater, als ich elf Jahr alt war. Ihre Augen waren sehr leuchtend, ihr Haar schwarz und ihre Zähne bis zuletzt gut. Wenn ich damals älter gewesen wäre, so wäre ich im Stande gewesen, mehrere ihrer Geschichten zu behalten. Es war eine solche Menge, die sie uns zu erzählen pflegte! Ich fürchte, meine Schwester würde nicht im Stande sein, sich an eine derselben zu erinnern. Sie hat viele Sorgen gehabt, und die vertreiben solche Dinge aus den Köpfen der Menschen, und außerdem ist sie eine Gans. Sie ist jünger als ich, obgleich Ihr sie für viel älter halten würdet, denn ihr Haar ward grau, als sie noch sehr jung war, während meines noch ganz schwarz ist. Dazu ist sie beinahe kahl, denn sie riß ihr Haar aus, weil es grau ward. Ich sagte ihr immer: »Thu' das nicht, denn Du kannst Dich doch auf keine Weise jünger machen, und es ist besser, daß man, wenn man alt wird, auch alt aussieht. Dann werden Dir die Leute alles zu Liebe thun. Aber[24] wenn Du jung aussiehst, dann magst Du noch so alt sein, sie werden doch zu Dir sprechen, Du bist jung genug und stark genug, um für Dich selbst zu arbeiten.«

Meine Mutter pflegte uns auch Geschichten zu erzählen, aber nicht so viele als meine Großmama. Vor ein paar Jahren fanden sich noch verschiedene alte Leute, die solcherlei Geschichten kannten; aber jetzt gehen die Kinder zur Schule, und Niemand denkt daran, sie ihnen zu wiederholen oder sie ihnen zu erzählen, – sie werden bald alle vergessen sein. Es ist wahr, es giebt Bücher, die Geschichten, welche diesen gleichen, enthalten – aber man schrieb dieselben immer falsch nieder. Zuweilen, wenn ich ein Stück aus einer Geschichte vergessen habe und ich Jemanden darum frage, dann sagt man mir: »Eine Geschichte dieses Namens ist in meinem Buche. Ich kenne sie nicht, aber ich will sie lesen.« Dann liest man sie mir vor, aber sie ist ganz falsch, und dann werde ich böse und bitte sie das Buch zuzumachen. Denn in den Büchern machen sie die Geschichten ganz kurz und lassen die hübschesten Stellen aus, sie nehmen den Anfang von der einen Geschichte und das Ende von einer andern, die gar nicht dazu gehört, – so daß alles miteinander falsch ist.

Als ich jung war, da hatten die alten Leute große Freude daran, uns solche Geschichten zu erzählen, aber statt dessen scheint es mir, daß jetzt die alten Leute keine andere Freude haben, als Geld zu verdienen.

Dann ward ich verheirathet. Ich war damals zwölf Jahr alt. Wir Eingeborenen führen ein sehr glückliches Leben, bis wir uns verheirathen. Die Mädchen leben mit ihren Eltern und Geschwistern und haben nichts zu thun, als sich zu amüsiren, aber sobald sie verheirathet sind, wohnen sie im Hause[25] ihres Mannes, und die Mutter und Schwestern des Mannes sind oft sehr unfreundlich mit ihnen.

Das ist etwas, was Ihr Ausländer nicht begreifen könnt. Wenn ein Ausländer heirathet, so zieht er in ein neues Haus, und seine Frau ist Herrin darin, aber bei uns Eingebornen ist das ganz anders. Wenn der Vater todt ist, lebt die Mutter mit den unverheiratheten Schwestern im Hause des Sohnes und sie herrschen in demselben; seine Frau gilt nichts im Hause. Und die Mutter und die Schwester sagen zu der Frau des Sohnes: »Dies ist nicht Dein Haus, Du hast nicht immer darin gelebt, Du kannst nicht die Herrin hier sein.« Und wenn sich die Frau bei ihrem Manne beklagt, dann sagen sie: »Nun wohl, wenn Du ein so unnatürlicher Sohn bist, so solltest Du lieber Deine Mutter und Deine Schwester zur Thür hinauswerfen, aber so lange wir hier wohnen, wollen wir auch im Hause regieren.« So giebt es dann immer reichlich viel Streit. Das ist keine Unfreundlichkeit von der Mutter und den Schwestern – das ist so Sitte. –

Mein Mann war ein Diener im Regierungsgebäude, – zu der Zeit, als Lord Clare hier Gouverneur war. Als ich zwanzig Jahr alt war, starb er an einem bösen Fieber und ließ mich zurück mit zwei Kindern – einem Knaben und einem Mädchen Rosie.

Ich hatte kein Geld, um sie davon zu ernähren, so sprach ich: »ich will mir einen Dienst suchen,« und meine Schwiegermutter sagte: »Wie kannst Du das thun? Du hast zwei Kinder und bist jung und weißt nichts.« Aber ich sagte: »ich kann lernen, und will fort.« Und eine gütige Dame nahm mich in ihren Dienst. Als ich meine erste Stelle erhielt, konnte ich kaum ein Wort Englisch (obgleich ich unsere Calicut-Sprache und Portugiesisch und Hindostanisch und Mahrattisch gut genug[26] sprach) und mit der Nadel konnte ich nicht fertig werden. Ich war so dumm, wie eine Cooli-Frau15, aber meine Herrin war sehr freundlich gegen mich, und ich lernte bald, und sie ließ sich die Mühe des Lehrens nicht verdrießen. Ich denke manchmal, wo findet man heut zu Tage solche guten Leute? Eine arme, dumme Frau mit ihren zwei Kindern ins Haus zu nehmen, denn ich hatte sie beide bei mir, Rosie und den Knaben. Ich war ein gewandtes Mädchen dazumal, ich that die Arbeit meiner Herrin, und ich achtete auch auf die Kinder. Ich überließ sie nie irgend Jemand anders. Wenn man meiner für eine lange Zeit bedurfte, so pflegte ich die Kinder mit ins Zimmer zu nehmen und sie auf den Fußboden zu fetzen, so daß ich sie im Auge hatte, während ich meine Arbeit that. Meine Herrin liebte Rosie sehr und unterrichtete sie im Arbeiten und Lesen. Einige Zeit danach reiste meine Herrin in ihre Heimath, und seitdem habe ich acht Stellen gehabt. Eine Dame, bei der ich war, wollte mich mit nach England nehmen, als sie dahin zurückkehrte (zu der Zeit waren die Kinder weder klein noch groß) und sie erbot sich mir 5000 Rs. und warme Kleider zu geben, wenn ich mit ihr gehen wollte, aber ich wollte nicht. Ich war damals ein thörichtes Ding und fürchtete mich davor, die Kinder zu verlassen und auf die See zu gehen. Ich dachte, »es ist ja möglich, daß ich viel Geld verdiene, aber was nützt mir das Alles, wenn all die kleinen Fische meine Gebeine fressen, und gehe ich mit, so werde ich dereinst nicht neben meinem alten Vater und meiner alten Mutter ruhen« – deßhalb sagte ich ihr, daß ich mich nicht dazu entschließen könne.

Mein Schwager war zu jener Zeit dort oben in Sind Kammerdiener bei Napier Sahib. Alle Leute und Diener[27] mochten diesen Sahib16 gern leiden. Mein Schwager diente seit zehn Jahren bei ihm, und er wünschte, daß ich käme, um einen Platz als Ajah anzunehmen, denn er sagte: »Du bist ein schnelles, gewandtes Ding und kannst recht gut Englisch. Du kannst leicht eine gute Stelle bekommen und Dir viel Geld verdienen.« Aber ich unvernünftige Frau, ich wollte nicht hinkommen. Ich schrieb ihm und sagte: »Nein, ich kann nicht kommen, denn Sind ist so weit weg, und ich kann die Kinder nicht verlassen.« Ich war damals »ungeheuer stolz«. Ich gab alles für die Kinder hin. Aber was nützt mir das jetzt? Ich kenne Ihre Sprache! Zu welchem Zweck? Um das Feuer anzublasen? Ich bin nur eine elende Frau, und nur gut, um in die Küche zu gehen, um das Mittagsessen zu kochen. So kommt eine arme Frau in der Welt herunter, (was nützt es, wenn man viel im Kopf und wenig in der Tasche hat) aber wenn ich ein Mann wäre, dann könnte ich jetzt ein Fruzdar sein.17

Ich war in Rolagore18 zur Zeit des Aufstandes, und wir mußten mitten in der Nacht fliehen, aber ich habe Euch das schon alles früher erzählt, denn sieben Jahre vorher starb meine Mutter (sie war neunzig, als sie starb) und wir kamen zurück, um in Punah zu leben.

Nicht lange darauf verheirathete sich meine Tochter daselbst, und ich war so glücklich und vergnügt, und ich gab drei hundert Personen ein Fest, und wir hatten Musik und tanzten und mein Sohn, war so stolz und tanzte vom Morgen bis in die Nacht und lief hierhin und dorthin und ordnete Alles an, und an jenem Tage sprach ich: »Oeffnet die Thüren weit,[28] und jeder Bettler und jeder Arme soll herein kommen und gebt ihm, was er gern essen möchte, denn wer auch immer kommen mag, er soll satt werden, denn von nun an brauche ich in der Welt nicht mehr zu arbeiten.« Und weil ich dachte, jetzt könne ich meine Stelle aufgeben und aufhören zu arbeiten, so gab ich all das Geld, das mir noch übrig geblieben war, aus. Das war freilich nicht viel, denn dadurch, daß ich meinen Sohn in die Schule geschickt hatte, hatte ich eine Menge davon ausgegeben. Er war ein so schöner Knabe! Groß, schlank und hübsch – und so klug! Man sagte, er sähe aus, als ob er mein Bruder sei und nicht mein Sohn; und er sagte mir: »Mama, Du hast Dein ganzes Leben lang für mich gearbeitet. Ich werde eine Predigerstelle bekommen und für Dich arbeiten. Du sollst nicht mehr arbeiten, sondern bei mir wohnen.« Aber im vergangenen Jahr ertrank er im Fluß. Das war mir ein großes Herzeleid. Seitdem kann ich den Kopf nicht mehr erheben. Mein Gedächtniß ist nicht mehr so, wie es früher war; alles ist mir im Kopf wie Kraut und Rüben. Es macht mich manchmal traurig Euch mit Eurem Vater, Eurer Mutter und Eurer ganzen Familie so lustig lachen und sprechen zu hören, und dann denke ich an meinen Vater und meine Mutter und meine Brüder und meinen Mann und meinen Sohn, – alle todt und fort! Für mich giebt es keine glückliche Heimath mehr! Was liegt mir daran, wo ich lebe? Ich würde mit Euch nach England gehen, denn ich weiß, Ihr würdet gut gegen mich sein, und mich begraben, wenn ich sterbe, aber ich kann nicht so weit von Rosie weggehen. Mein eines Auge ist ausgeschlagen, mein andres Auge blieb mir. Ich kann es nicht ebenfalls hergeben. Wenn es nicht Rosies und ihrer Kinder wegen wäre, so möchte ich wohl herumreisen und die Welt sehen. Es giebt vier Plätze, die ich immer zu sehen gewünscht[29] habe »Calcutta, Madras, England und Jerusalem.« (Meine gute Mutter wünschte immer Jerusalem zu sehen, ja, das war immer ihre große Hoffnung), aber ich soll das alles auch nicht sehen. Manche Damen wollten mich mit sich nach England nehmen; und wenn ich es gethan hätte, würde ich mir viel Geld gespart haben, aber jetzt ist es mir zu spät, an so etwas zu denken. Außerdem würde es mir auch nicht viel nützen. Was hätte ich davon, wenn ich mir Geld sparte? Kann ich es mit mir nehmen, wenn ich sterbe? Mein Vater und Großvater thaten es nicht, und sie hatten genug, um davon zu leben, bis sie starben. Für das, was ich brauche, habe ich genug und ich habe eine Menge armer Verwandten. Sie kommen alle zu mir und bitten mich um Geld, und ich gebe es ihnen. Und ich danke unsrem Heiland, daß es genug gute Christen giebt, die mir, wenn ich nicht mehr dafür arbeiten kann, ein Stückchen Brod und eine Tasse voll Wasser geben werden. Und so fürchte ich nicht, in Noth zu kommen.


Regierungs-Gebäude Parell, Bombay. 1866.


Die Lebensbeschreibung der Erzählerin

1

Sergeant der Truppen von Eingebornen.

2

Der Herzog von Wellington, Sir Thomas Monro, Sir John Malcolm und Mr. Mounstuart Elphinstone.

3

Meine Kinder.

4

Einer der Zelte aufschlägt.

5

Das Feldarsenal zu Kirkee, nahe Punah.

6

Hier folgt die Münzberechnung, 1 Pie = 1/8 eines englischen Pennys, 3 Pie = 1 Pice, 4 Pice = 1 Anna, 16 Annas = 1 Rupee = 2 Schillings.

7

Ein grobes baumwollnes Zeug.

8

Solche Arbeit, wie sie die Cooli-Kaste thut, hauptsächlich das Holen und Fortbringen von schweren Lasten.

9

O, mein Vater!

10

Die Plejaden.

11

Den großen Bären.

12

Das südliche Kreuz.

13

Die Milchstraße. Dies ist eine alte christliche Sage.

14

Ein berauschender, aus dem Saft des Palmenbaumes gewonnener Trank.

15

Eine niedrige Kaste; Holzhauer und Wasserträger.

16

Sir Charles Napier.

17

Haupt-Constabler.

18

Hauptstadt des Staates Rolagore in dem südlichen Mahratta-Lande.

Quelle:
Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 15-30.
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