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Wie bei allen finnischen Völkern so ist auch bei den Lappen die Thierfabel besonders beliebt und jedenfalls sehr alt. Die Anzahl lappischer Thiermärchen ist denn auch eine ziemlich bedeutende; doch sind bisher nur wenige davon aufgezeichnet worden. Ursprünglich waren alle diese Märchen gleich den meisten übrigen lappischen Sagen und Märchen in eine versificirte Form gekleidet, die bei vielen noch heute erhalten ist. Ein langes Gedicht dieser Art, und zwar einen lappischen »Reineke Fuchs«, hörte z.B. Gustav v. Düben auf seinen Wanderungen durch die schwedischen Theile von Lappland; leider hat er, so viel mir bekannt, dieses gewiß hochinteressante Gedicht nicht mitgetheilt. Die meisten Lieder, die sich mit der Thierwelt beschäftigen, sind übrigens, wie v. Düben bemerkt hat und auch aus den unten angeführten Proben ersichtlich sein wird, von epigrammatischer Schärfe und Kürze.
Die lappischen Thiergeschichten sind nicht immer Fabeln oder Märchen im strengen Sinne des Wortes, sondern behandeln oft bloß Scenen aus dem Leben der Thiere und enthalten theils Schilderungen der Eigenthümlichkeiten und der Gemüthsart gewisser Thiere, theils Erklärungen über die Entstehung von auffallenden Eigenheiten in Bau, Farbe u.s.w. der Thiere.
Wie schon bemerkt, sind die lappischen Thiermärchen unzweifelhaft sehr alt; sie sind aber auch zumeist echt lappischen Ursprunges, wenngleich sie von fremden, besonders nordisch-nachbarlichen Einwirkungen nicht frei geblieben sind. So ist gleich[3] das erste Märchen (»Der Fuchs und der Bär«), wie F. Liebrecht (Germania, Vierteljahresschrift für deutsche Alterthumskunde, XV. Jahrgang 1870, S. 161) sich ausdrückt, »eine wahre Perle, welche mit wesentlich indigenen Elementen eine Episode des Reinekekreises verbindet, die aber nicht eigentlich entliehen zu sein braucht, da sie sich ja selbst unter den Hottentoten wiederfindet«. Ganz rein lappisch ist das Märchen »Der Lachs und der Rothfisch«.
Durch die Lieder und Verse auf Thiere – das Renthier nimmt bei dem Lappländer natürlich den ersten Rang ein – geht, bei allem Mangel eines höheren Geistes oder Schwunges, welcher ja der lappischen Lyrik überhaupt nicht eigen ist, doch nicht selten ein rührender kindlicher Zug, der recht anmuthend wirkt. Ich erinnere z.B. an das hübsche, bekannte, von Herder nach der lateinischen Uebersetzung in Scheffer's »Lapponia« übertragene Lied »An das Renthier«, das da beginnt:
»Kulnasaz, Renthierchen, lieb' Renthierchen, laß uns flink sein«
(Herder's »Stimmen der Völker in Liedern«, S. 109.)
Aehnlich sind die sogenannten Bärenlieder, d.h. Lieder, die bei der Bärenjagd gesungen werden; denn der Bär wird bei den Lappen, denen er früher als heiliges Thier galt, mit eben so vielen Ceremonien und Gesängen gefeiert, wie bei den Finnen.
Hier lasse ich nur einige kurze Proben lappländischer Gedichte auf Thiere in der wörtlichen Uebersetzung von O. Donner folgen:
Die Renthierkuh, das Kalb, der Zugochs
Wandert zwei, drei Wege,
Blökt an manchen Orten und in dem jungen Walde,
Nachdem er hinaufgekommen ist, legt er sich nieder auf den Kamm des Berges.
[4]
Liebe Ameise, liebe Ameise,
Komm, komm! ziehe, ziehe
Das Kind in den See
Mit Haarzügeln;
Ziehe, ziehe!
Bergalter, Bergalter,
Stehe auf, stehe auf!
Schon sind die Blätter groß wie
Mäuseohren.
Es mögen alle Mädchen leben
Und es mögen alle Jünglinge sterben!
(weil diese das Eichhörnchen schießen.)
Der Wolf, der Wolf,
Durch neun Wälder, mit dem Schweif zwischen den Beinen,
Läuft er, ha, ha!
Die Butte schwimmt
Längs dem Grund des Meeres;
Es ist ein werthvoller Fisch,
Groß und kräftig.
Wenn sie die Angel anfaßt,
Vermag sie kaum
Ein starker Mann
In den Kahn zu ziehen.
[5]
Der Lachs schwimmt
Längs dem Grund des Wassers,
Der kräftige Fisch,
Der werthvolle Fisch,
Welcher vorwärts sich begibt,
Wenn der Fluß auch gienge
Durch die Erde.
So begibt er sich immer
Zur Spitze (Quelle) des Flußes;
Er wird so schwarz
Und so verändert,
Daß er nicht einmal
Mehr ißt,
Nicht einmal in der Noth.
Er kehrt wieder um
Stromabwärts,
Wo er hergekommen ist,
Aus dem weiten Meere,
Wo es viele Lachse gibt.
Und wieder wird er
Eben so weiß
Wie er vorher gewesen.
Wenn er nun aus dem Meere kommt,
Wenn er Häringe zu essen bekommt,
Dann wird er wieder fett
Und gerade so
Wie er vorher gewesen.
[6]
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