Die Heimkehr

[614] Nach des Vaters Willen sollte Wolfgang auf dem nächsten Wege über Straßburg heimkehren. L. Mozart geriet daher in die größte Unruhe, als die Nachricht von seinem Eintreffen in Straßburg immer länger auf sich warten ließ. »Ich beichtete und kommunizierte samt Deiner Schwester allsogleich«, schreibt er (19. Okt.)1, »und bat Gott inständigst um Deine Erhaltung. Der beste Bullinger betet täglich in der heil. Messe für Dich«. Die Schuld an dieser Verzögerung trug Grimm, der Wolfgang seinem Versprechen entgegen nicht mit der Diligence, die fünf Reisetage bis Straßburg brauchte, sondern mit einem Wagen, der zwölf Tage fuhr, hatte reisen lassen, was bei Vater und Sohn natürlich lebhaften Unwillen erregte. Acht Tage hielt Wolfgang die Strapazen aus, dann machte er in Nancy Station, zusammen mit einem reisekundigen deutschen Kaufmann aus Paris, mit dem er während der Reise gute Freundschaft geschlossen hatte. Am Tage darauf (4. Oktober) gedachten beide mit einer billigen Fahrgelegenheit nach Straßburg weiterzufahren, wurden jedoch abermals länger festgehalten, so daß Wolfgang erst etwa Mitte Oktober in Straßburg anlangte.


Hier geht es sehr pauvre zu [schreibt er am 15. Oktober2], doch werde ich übermorgen, Samstag den 17ten,ich ganz alleine (damit ich keine Unkösten habe), etlichen guten Freunden, Liebhabern und Kennern zu Gefallen per souscription ein Konzert geben; – denn wenn ich Musique dabey hätte, so würde es mir mit der Illumination über 3 Louisd'or kosten und wer weiß, ob wir so viel zusammenbringen.


Das war eine weise Vorsicht, denn in seinem nächsten Briefe (26. Okt. 1778) hatte er zu berichten, daß er bei diesem »kleinen Modell von einem Konzert« ganze drei Louisd'or eingenommen habe3.


Das meiste bestand aber in den Bravo und Bravissimo, die mir von allen Seiten zugeflogen – und zwar der Prinz Max von Zweybrücken beehrte auch den Saal mit seiner Gegenwart. Daß alles zufrieden war, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Da habe ich gleich abreisen wollen, aber man hat mir gerathen ich soll noch bleiben bis andern Samstag und ein großes Concert im Theater geben; – da hatte ich die nämliche Einnahme zum Erstaunen und Verdruß und Schande aller Straßburger[615] ... Doch ich muß Ihnen sagen, daß mir die Ohren von dem Applaudiren und Händeklatschen so wehe gethan, als wenn das ganze Theater voll gewesen wäre. Alles, was darin war, hat öffentlich und laut über die eigenen Stadtbrüder geschmälet; und ich habe allen gesagt, daß, wenn ich mir mit gesunder Vernunft hätte vorstellen können, daß so wenig Leute kommen würden, ich das Concert sehr gerne gratis gegeben hätte, nur um das Vergnügen zu haben, das Theatre voll zu sehen. Und in der That, mir wäre es lieber gewesen; denn bey meiner Ehre, es ist nichts Traurigeres, als eine große T-Tafel von 80 Couverts, und nur 3 Personen zum Essen, – und dann war es so kalt! Ich habe mich aber schon gewärmt, und um den Herren Straßburgern zu zeigen, daß mir gar nichts daran liegt, so habe ich für meine Unterhaltung recht viel gespielt, habe um ein Concert mehr gespielt, als ich versprochen habe, und auf die letzt lange aus dem Kopf. – Das ist nun vorbey – wenigstens habe ich mir Ehre und Ruhm gemacht.


Außerdem spielte er noch auf den beiden besten Silbermannschen Orgeln in der Neukirche und Thomaskirche öffentlich, und da eine große Überschwemmung die Wege unfahrbar und seine Abreise unmöglich gemacht hatte, so entschloß er sich, an seinem Namenstage, dem 31. Oktober, sich und andere damit zu »amüsieren«, daß er auf Andringen seiner Freunde, der Herren Frank, de Beyer u.a., noch ein Konzert gab, das ihm – einen Louisd'or einbrachte. Kein Wunder, daß er hier für die Weiterreise Geld aufnehmen mußte, was ihm noch nach mehreren Jahren Verdruß machte.

Diese ganze zögernde Art zu reisen macht keineswegs den Eindruck, als hätte es Wolfgang mit der Rückkehr nach Salzburg besonders eilig gehabt. Er ließ sich nur zu willig von reisekundigen Freunden bereden, am 3. November die Weiterreise mit der Post statt über Stuttgart über Mannheim anzutreten, da der Umweg durch bessere Straßen und Postwagen ausgeglichen werde. Diese Nachricht versetzte nun den Vater wieder in die größte Erregung, und der nervöse, gereizte und überscharfe Ton seiner Briefe vom 19. und 23. November4 läßt sich nur aus seiner geheimen Befürchtung erklären, der Mannheimer Abstecher könnte seine ganzen Salzburger Pläne noch kurz vor ihrer Verwirklichung zuschanden machen; dafür, daß die Mannheimer Reise für Wolfgang Herzenssache war, hatte der aufgeklärte Mann kein Verständnis.

Unterdessen schwelgte dieser bei den alten Freunden in Mannheim, wo er am 6. November angekommen war, in Erinnerungen und konnte sich von FrauCannabich, die noch dortgeblieben war, nicht genug erzählen lassen. Viele seiner Bekannten waren zwar bereits nach München übergesiedelt, darunter namentlich die Familie Weber, trotzdem fand er überall offene Arme. »Es ist recht das Geriß um mich«, schreibt er (12. Nov.)5, »mit einem Wort, wie ich Mannheim liebe, so liebt auch Mannheim mich«. Natürlich erwachten jetzt auch wieder die alten Hoffnungen in ihm, genährt durch allerhand Gerüchte, wie, daß z.B. der Kurfürst bald wieder nach Mannheim zurückkehren würde, da er »die Grobheiten von den Herren[616] Bayern unmöglich lange werde aushalten können«, und durch allerlei Münchner Theaterklatsch. Damals war es, daß er dem Vater schrieb, der Erzbischof müsse ihm unbedingt einen höheren Gehalt bezahlen6. Noch verführerischer wurde die Aussicht, als er Gelegenheit zu einer dramatischen Komposition bekam.

Als Mozart nach Mannheim kam, waren die durch den raschen Wegzug des Hofes stark in Unordnung geratenen Theaterverhältnisse bereits wieder geklärt. Es war dem Reichsfreiherrn Wolfg. Heribert von Dalberg zwar nicht gelungen, die Verlegung der Universität von Heidelberg nach Mannheim durchzusetzen, doch ordnete der Kurfürst auf seinen Vorschlag durch Reskript vom 1. Sept. 1778 die Gründung eines Mannheimer Nationaltheaters unter Dalbergs Leitung an, und zwar mit einem Hofzuschuß von 5000 Gulden. Dalberg war kein schöpferischer Kopf, aber er nahm es ernst mit seiner Aufgabe und setzte seine Ehre darein, dem Mannheimer Theater den alten Ruhm zu erhalten7. Die eigentliche Glanzzeit des Theaters begann freilich erst 1779, wo die bedeutendsten Mitglieder der Gothaischen Hofbühne, unter ihnen Iffland, berufen wurden; sie gehört aber nicht mehr in Mozarts, sondern in Schillers Biographie8. Vorher mußte sich Dalberg anderweitig behelfen. Zu Mozarts Zeit war Seyler mit seiner Truppe verpflichtet, einmal wöchentlich zu spielen, und zwar Schau-und Singspiele, wobei die Mannheimer Literaten und Komponisten eine große, von Wieland in den Abderiten verspottete Fruchtbarkeit entfalteten9. Kein Wunder, daß auch Mozart neue Hoffnung schöpfte, noch in elfter Stunde der Salzburger »Sklaverey« zu entrinnen. Begeistert schrieb er dem Vater (12. Nov.)10:


Ich kann hier vielleicht 40 Louisd'or gewinnen! – freylich muß ich 6 Wochen hier bleiben, oder längstens 2 Monat. Die Seylersche Truppe ist hier, die Ihnen schon per renommée bekannt seyn wird; Hr. v. Dalberg ist Director davon, dieser läßt mich nicht fort, bis ich ihm nicht ein Duodrama componirt habe; und in der That habe ich mich gar nicht lange besonnen, denn diese Art Drama zu schreiben, habe ich mir immer gewunschen. Ich weiß nicht, habe ich Ihnen, wie ich das erste Mal hier war, etwas von dieser Art Stücke geschrieben? – Ich habe damals hier ein solch Stück 2 Mal mit dem größten Vergnügen aufführen gesehen! In der That, mich hat noch niemals etwas so surprenirt! denn ich bildete mir immer ein, so was würde keinen Effect machen. – Sie wissen wohl, daß da nicht gesungen, sondern declamirt wird, und die Musique wie ein obligirtes Recitativ ist; bisweilen wird auch unter der Musique gesprochen, welches alsdann die herrlichste Wirkung thut. – Was ich gesehen, war Medea von Benda; – er hat noch eine gemacht, Ariadne auf Naxos, beyde wahrhaft fürtrefflich. Sie wissen, daß Benda unter den lutherischen Kapellmeistern immer mein Liebling war; ich liebe diese zwey Werke so, daß ich sie bey mir führe. Nun stellen Sie sich meine Freude vor, daß ich das, was ich mir gewunschen, zu machen habe. – Wissen Sie, was meine Meinung wäre? – Man solle die meisten Recitative auf solche Art in der Opera[617] tractiren – und nur bisweilen, wenn die Wörter gut in der Musik auszudrücken sind, das Recitativ singen.


Dieses Duodrama, das er komponieren sollte, war die von seinem alten Gönner, Herrn von Gemmingen, gedichtete »Semiramis«, und jene Briefstelle ist von großer Wichtigkeit als Beleg dafür, wie sehr die damals durch G. Benda in Deutschland populär gewordene Gattung des Melodramas auch einen so kritischen Kopf wie Mozart beschäftigte. Für die zweifelhaften Gesangskräfte der Seylerschen Truppe mochte sie sich auch aus praktischen Gründen besonders empfehlen. Daneben taucht aber auch ein Opernplan auf: Dalberg selbst hatte eine Oper »Cora« gedichtet11 und über die Komposition bereits mit Gluck und Schweitzer verhandelt12; da ihm die beiden aber nicht sicher genug schienen, suchte er jetzt auch Mozart dafür zu gewinnen. Dieser schreibt ihm (24. Nov.)13:


Herr Baron! Sie kennen mich; ich bin nicht interessirt, besonders wenn ich weiß, daß ich im Stande bin einem so großen Liebhaber und wahren Kenner der Musik, wie Sie sind, eine Gefälligkeit zu erweisen. Im Gegentheil weiß ich auch, daß Sie ganz gewiß nicht verlangen werden, daß ich hier Schaden haben sollte; – mithin nehme ich mir die Freyheit nun mein letztes Wort in dieser Sache zu reden, indem ich unmöglich auf ungewiß mich länger aufhalten kann. Ich verbinde mich um 25 Louisd'or ein Monodrama zu schreiben, mich zwey Monate noch hier aufzuhalten, Alles in Ordnung zu bringen, allen Proben beyzuwohnen etc.; jedoch mit diesem Beysatz, daß, es mag sich ereignen was nur will, ich zu Ende Jenners meine Bezahlung habe. Daß ich mir ausbitte im Spektakel frey zu seyn versteht sich von selbst14. Sehen Sie, mein Herr Baron, das ist Alles, was ich thun kann; wenn Sie es recht überlegen, so werden Sie sehen, daß ich gewiß sehr discret handle. Was Ihre Opera betrifft, so versichere ich Sie, daß ich sie von Herzen gerne in Musik setzen möchte. Diese Arbeit könnte ich zwar nicht um 25 Louisd'or übernehmen, dies werden Sie mir selbst zugestehen; denn es ist (recht gering gerechnet) noch einmal soviel Arbeit als ein Monodrama; – und was mich am meisten davon abhalten würde, wäre, daß, wie Sie mir selbst sagten, schon wirklich Gluck und Schweitzer daran schreiben. Doch setzen wir, daß Sie mir 50 Louisd'or dafür geben wollten, so würde ich es Ihnen als ein ehrlicher Mann ganz gewiß abrathen. Eine Opera ohne Sänger und Sängerinnen – was will man denn da machen! Übrigens wenn unter dieser Zeit ein Aussehen ist, daß man sie aufführen kann, so werde ich mich nicht weigern, Ihnen zu Liebe diese Arbeit anzunehmen; – denn sie ist nicht klein, das schwöre ich Ihnen bey meiner Ehre. – Nun habe ich Ihnen meine Gedanken klar und aufrichtig erklärt; nur bitte ich um bäldeste Entschließung. Wenn ich es noch heute wissen kann, so wird es mir desto angenehmer[618] seyn, indem ich gehört habe, daß künftigen Donnerstag Jemand ganz allein nach München reiset und ich sehr gerne von dieser Gelegenheit profitiren möchte.


Auch sonst fühlte sich Mozart zu eigenem Schaffen angeregt. »Man richtet hier auch eine ›académie des amateurs‹ auf, wie in Paris – wo Hr. Fränzl das Violin dirigiert – und da schreibe ich just an einem Konzert für Klavier und Violin« (12. Nov.)15.

Jetzt fuhr aber der Vater rücksichtslos dazwischen (19. Nov.)16:


Du hoffest in Mannheim angestellt zu werden? Angestellt? Was heißt das? Du sollst weder in Mannheim noch an keinem Ort in der Welt itzt angestellt werden, ich will das Wort angestellt nicht hören. Wenn der Kurfürst heute stirbt, so können ein Bataillon Tonkünstler, die in München und Mannheim sind, in die weite Welt wandern und Brot suchen, da der Herzog von Zweybrücken selbst ein Orchester von 36 Personen hat und die dermalige kurbayr. mannheimische Musik jährlich 80000 fl. kostet. Die Herrn Mannheimer sind närrisch, wenn sie sich einbilden, der Kurfürst werde München verlassen ... Die Hauptsache ist, daß Du itzt nach Salzburg kommst. Ich will nichts von den vielleicht zu verdienenden 40 Louisd'or wissen. Deine ganze Absicht gehet dahin mich zu Grunde zu richten, nur um Deine in der Luft stehenden Pläne auszuführen.


»Beim Empfang dieses wirst Du abreisen«, schloß er kategorisch, nahm sich jedoch wenige Tage darauf, da er sich Wolfgangs doch noch nicht sicher fühlte, nochmals Zeit zu einem Briefe (23. Nov.), worin er sich sogar mit dessen Liebe zu Aloysia einverstanden erklärte; der Salzburger Oboist Fiala habe dem Erzbischof so viel von ihrer Kunst erzählt, daß sie leicht einmal nach Salzburg kommen könne; auch die übrigen Münchner Freunde sollten bei ihm stets ein offenes Haus finden. Selbst mit der Aussicht auf eine neue italienische Reise sucht er den Sohn zu gewinnen, aber auch dazu sei es unbedingt notwendig, den Salzburger Dienst anzutreten17.


Und diese Antretung ist ohnabänderlich notwendig, wenn Du anderst nicht den allerverdammlichsten und boshaftesten Gedanken hast, Deinen für Dich so besorgten Vater in Schande und Spott zu setzen; Deinen Vater, der seinen Kindern alle Stunden seines Lebens aufgeopfert, um Credit und Ehre zu bringen, da ich nicht imstande bin eine Schuld, die sich in Allem auf 1000 fl. belaufet, zu bezahlen, wenn Du nicht durch die hier richtige Einnahme Deines Gehalts die Abzahlung erleichterst; wo ich dann sicher alle Jahre über 400 fl. abzahlen und noch dabey mit Euch beyden herrlich leben kann ... Ich will, wenn Gott will, noch ein Paar Jahre leben, meine Schulden zahlen – und dann magst Du, wenn Du Lust hast, mit dem Kopf an die Mauer laufen; – doch nein! Du hast ein zu gutes Herz! Du hast keine Bosheit, Du bist nur flüchtig, – es wird schon kommen!


Daraufhin versprach Wolfgang, am 9. Dezember abzureisen, allerdings nicht ohne den Vater abermals durch einen Seitensprung zu überraschen (3. Dez.)18: »Künftigen Mittwoch reise ich ab, wissen Sie wohl mit was für[619] Gelegenheit? Mit dem Herrn Reichsprälaten von Kaisersheim. Als ihm ein guter Freund von mir gesprochen, so kannte er mich gleich von Namen aus und zeigte viel Vergnügen, mich zum Reisecompagnon zu haben; er ist (obwohlen er ein Pfaff und Prälat ist) ein recht liebenswürdiger Mann, ich gehe also über Kaisersheim und nicht [über] Stuttgart.« Wiederum fiel ihm der Abschied von Mannheim ungemein schwer; namentlich in Frau Cannabich hatte er eine teilnahmsvolle und wohlgesinnte Freundin gefunden, von der scheiden zu müssen ihn besonders schmerzte.

Auch sein Melodram mochte er nicht liegen lassen. Er beschloß jetzt »aus Begierde zu dieser Komposition«, den ersten Akt umsonst zu schreiben und das Ganze dann zu Hause zu vollenden, was freilich offenbar nicht geschehen ist19.

Auch in Kaisersheim gab es dem liebenswürdigen Prälaten zuliebe wieder einen kleinen Aufenthalt, dann reisten beide zusammen nach München, wo sie am 25. Dezember eintrafen. München war, wie der Vater richtig voraussah, eine neue gefährliche Reisestation, stand Wolfgang hier doch das Wiedersehen mit den alten Mannheimer Freunden und vor allem mit Aloysia in Aussicht. Ja sogar das Bäsle aus Augsburg hatte er dorthin bestellt mit der geheimnisvollen Anspielung auf eine wichtige Rolle, die sie vielleicht dort spielen würde.

Abermals setzte ihm der Vater eingehend auseinander, daß die Salzburger Anstellung allein die ganze Familie aus ihrer drückenden Lage erretten könne, er solle deshalb ja keinen Versuch machen, etwa durch Cannabich einen weiteren Aufschub zu erwirken, sondern mit der ersten Post im Januar abzureisen. Seine Mahnung war nur zu wohl begründet, denn Cannabich[620] und Raaff arbeiteten »mit Händen und Füßen« für ihn; bereits hatte er sich auf ihren Rat entschlossen, eine Messe für den Kurfürsten zu schreiben und die gerade noch rechtzeitig angekommenen sechs Sonaten (S. 593) der Kurfürstin selbst überreichen können. Da machte der Vater durch alle diese Pläne einen Strich, und außer der Gewißheit, dem Salzburger Verhängnis nicht mehr entrinnen zu können, bedrückte Wolfgang nun auch noch die Angst vor einem schlechten Empfang im Vaterhause. Sein alter Freund, der Flötist Becke, den er in seiner Not zu Rate zog, suchte ihn durch den Hinweis auf des Vaters Güte zu trösten, machte ihm aber gerade dadurch das Herz noch schwerer. »Ich habe mein Lebtag niemals schlechter geschrieben als diesmal«, schreibt er am 29. Dez.20, »denn ich kann nicht, mein Herz ist gar zu sehr zum Weinen gestimmt! Ich hoffe, Sie werden mir bald schreiben und mich trösten«. Auch Becke schrieb dem Vater:


Er brennt vor Verlangen, seinen liebsten teuersten Vater zu umarmen –, welches sobald als es seine hiesigen Umstände erlauben folgen wird; nur machte er mich selbst fast kleinmüthig, indem ich ihn seit einer Stunde kaum aus den Thränen bringen konnte. Er hat das allerbeste Herz! Nie habe ich ein Kind gesehen, das mehr Empfindung und Liebe für seinen Vater in seinem Busen trägt als Ihr Herr Sohn. Es wandelte ihn eine kleine Furcht an, als würde Ihr Empfang gegen ihn nicht so zärtlich seyn als er es wünschet; ich hoffe aber ein ganz Anderes von Ihrem väterlichen Herzen. Sein Herz ist so rein, so kindlich, so aufrichtig gegen mich; wie viel mehr wird und muß es nicht gegen seinen Vater seyn. Nur mündlich muß man ihn hören, und wer würde ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, als dem besten Charakter, als dem redlichsten und eyfrigsten Menschen?


Der Vater stellte ihm alsbald einen »zärtlichen und vergnügten« Empfang in Aussicht, sogar die »Herbstunterhaltung aus der Schützencassa« sei seinetwegen verschoben worden, nur gehe ein längeres Ausbleiben jetzt unter keinen Umständen mehr an, da der Erzbischof sonst gar das bereits vier Monate alte Anstellungsdekret wieder zurücknehmen könnte21. Darauf antwortete Wolfgang (8. Jan. 1779)22:


Ich versichere Sie, mein liebster Vater, daß ich mich nun ganz zu Ihnen (aber nicht nach Salzburg) freue, weil ich nun durch Ihr letztes versichert worden bin, daß Sie mich besser kennen, als vorhin! Es war niemals keine andere Ursach an dem langen Verzögern nach Haus zu reisen, an der Betrübnis, – die ich endlich, weil ich meinem Freund Becke mein ganzes Herz entdeckte, nicht mehr bergen konnte –, als dieser Zweifel. Was könnte ich denn sonst für eine Ursache haben?[621] Ich weiß mich nichts schuldig, daß ich von Ihnen Vorwürfe zu befürchten hätte; ich habe keinen Fehler (denn ich nenne einen Fehler das, welches einem Christen und ehrlichen Mann nicht ansteht) begangen. Mit einem Wort, ich freue mich, und ich verspreche mir schon im Voraus die angenehmsten und glücklichsten Täge, aber nur in Ihrer und meiner liebsten Schwester Gesellschaft. Ich schwöre Ihnen bey meiner Ehre, daß ich Salzburg und die Einwohner (ich rede von geborenen Salzburgern) nicht leiden kann; mir ist ihre Sprache, ihre Lebensart ganz unerträglich.


Diese Betrübnis hatte allerdings noch eine andere Ursache, nämlich das bittere Ende seines Verhältnisses zu Aloysia. Mozart war bei Webers abgestiegen und hatte sich von Aloysias großen Fortschritten persönlich überzeugen können. Damals hat er ihr die vollendete Arie »Popoli di Tessaglia« überreicht, deren Komposition ihn schon in Paris innerlich wieder nahe mit der Geliebten verbunden hatte. Es war sein letzter Liebesgruß an sie. Ihr Vater war zwar entgegen den Befürchtungen Leopolds, daß er ihn jetzt, wo er ihn nicht mehr brauchte, auch nicht mehr kennen würde, ihm gegenüber noch der alte, wohl aber war Aloysia herzlos genug, ihm zu zeigen, daß sie nunmehr, wo ihr als Künstlerin bessere Aussichten winkten, des alten Freundes nicht mehr bedurfte. Der aus allen Himmeln gestürzte Wolfgang ließ sich nichts anmerken, ja, er übertrumpfte ihre Frivolität noch krampfhaft, indem er sich ans Klavier setzte und laut sang: »Ich laß das Mädel gern das mich nicht will.«23 Innerlich freilich war er aufs tiefste verwundet, ist ihm doch die Gefahr, der er durch Aloysias kalte Herzlosigkeit glücklich entronnen war, erst später in ihrem ganzen Umfang zum Bewußtsein gekommen. Noch am 16. Mai 1781 schreibt er dem Vater24: »Bei der Langin war ich ein Narr, das ist wahr, aber was ist man nicht, wenn man verliebt ist! Ich liebte sie aber in der Tat und fühle, daß sie mir noch nicht gleichgültig ist – und ein Glück für mich, daß ihr Mann ein eifersüchtiger Narr ist und sie nirgends hinläßt, und ich sie also selten zu sehen bekomme.«

So endete die ganze, an Enttäuschungen reiche Reise zum Schlusse noch mit dem schmerzlichsten Mißklang, den es für Mozart überhaupt geben konnte. Kein einziger seiner stolzen Träume war in Erfüllung gegangen, der schönste davon wie ein eitles Trugbild verflogen, vor ihm lag als ein unentrinnbares Verhängnis das verhaßte Salzburg.

Das tiefe Leid, das er mit nach Hause trug, beweist am besten, was jene Liebe für seine Entwicklung bedeutete. Sie war wie ein Frühlingssturm über[622] sein junges Herz dahingebraust und hatte ihn ihre ganze beseligende, aber auch zerrüttende Macht fühlen lassen. Nicht allein dem Vater gegenüber hatte er sich in Schuld verstrickt; der peinigende Konflikt zwischen der Stimme des Herzens und dem künstlerischen Gewissen ist auch Mozart nicht erspart geblieben. Er glaubte, ganz anders als der Vater, beiden zugleich genügen zu können, als Aloysias Treulosigkeit ihn plötzlich aus allen Himmeln stürzte. Es war gewiß tragisch, daß sein junges Herz, kaum daß es überhaupt zu glühen begonnen hatte, auch schon enttäuscht wurde. Aber Lust und Leid dieser Liebe haben auch den Künstler in Mozart auf eine neue Bahn gedrängt und ihm viele seelische Gebiete erschlossen, an deren Pforten er bisher nur mit dunklen Ahnungen vorbeigeschlichen war. Wenn man gemeinhin Mozarts Reifezeit vom »Idomeneo« an datiert, so darf man unter den Gründen dafür Aloysia nicht vergessen, deren tändelnde Falschheit einem großen Künstler zur letzten inneren Reife verholfen hat.

Am 7. Jan. 1779 war Mozart von Cannabich der Kurfürstin vorgestellt worden und hatte mit seinen Sonaten eine sehr gnädige Aufnahme gefunden. Dann sah er sich noch Schweitzers »Alceste«, die Karnevalsoper, an und reiste endlich, vom Vater abermals gedrängt, mit dem Salzburger Kaufmann Gschwandner in dessen bequemem Wagen nach Salzburg ab. Am 15. oder 16. Januar kam er mit dem Bäsle da selbst an.

Fußnoten

1 B IV 114.


2 B I 261.


3 B I 262.


4 B IV 115 ff.


5 B I 266.


6 S.o.S. 602.


7 Vgl. Walter, Gesch. d. Theaters u.d. Mus. am kurpfälzischen Hofe S. 314 ff.


8 Vgl. K. Berger, Schiller 1914, I 331 ff.


9 Walter S. 274 ff.


10 B I 267 f.


11 »Cora, ein musikalisches Drama«, erschien im Beitrag zur pfälz. Schaubühne (Mannh. 1780) für Komposition und Darstellung ungeeignet.


12 Die hierauf bezüglichen Briefe Glucks sind gedruckt in der süddeutschen Musikzeitung 1854, S. 174; auch daß Schweitzer mit der Komposition der Cora beschäftigt sei, wird in Dalbergs Korrespondenz vom Jahre 1778 erwähnt.


13 B I 270 f.


14 Brandes erzählt, daß die Schauspieler in der Oper, wenn sie nicht beschäftigt waren, das Eintrittsgeld erlegen mußten (Selbstbiogr. II, S. 277 f.).


15 B I 268. Das Konzert wurde nicht vollendet, das Fragment (117 Takte) abgedruckt in der G.-A.S. XXIV. 21a (vgl. K.-V. Anh. 56).


16 B IV 116 ff.


17 B IV 120 f.


18 B I 272.


19 Mozarts Witwe schrieb am 9. August 1799 an Breitkopf & Härtel: »So ist ein Werk da, was ich selbst gar nicht kannte. Stadler fand alles so vortrefflich, daß er mir abriet, einzelne Stücke herauszugeben. Es ist eine Oper und Melodram, beides zugleich. Sogar der Text ist schön.« Nottebohm, Mozartiana S. 126 vermutet in diesem Stück die bis auf einige Stimmen der Ouvertüre verlorengegangene Musik der »Semiramis«; dem Ausdruck »Oper und Melodram« nach könnte es sich freilich auch um die »Zaide« handeln. Im Theaterkalender auf das Jahr 1779 heißt es S. 137: »Mozard ... Kapellmeister zu Salzburg; setzt an Semiramis, einem musikalischen Drama des Frh. von Gemmingen«; was wohl auf einer Privatmitteilung beruht. In den folgenden Jahrgängen wird sie regelmäßig als vollendet unter Mozarts Kompositionen aufgeführt; es hat sich aber keine Notiz gefunden, daß sie irgendwo aufgeführt worden sei, noch sonst eine Erwähnung, als daß Gerber unter den von Leopold Mozart hinterlassenen Kompositionen neben Bastien und Bastienne und der verstellten Gärtnerin auch Semiramis aufführt. Dies ist, wie schon oben (S. 10) bemerkt wurde, nur dadurch zu erklären, daß man nach L. Mozarts Tod die von ihm aufbewahrten Jugendwerke Wolfgangs für seine Arbeiten hielt; allein danach muß man annehmen, daß Mozart die Semiramis ganz oder zum Teil vollendet habe. Wie es zugegangen ist, daß sie nicht mit den übrigen Opern wieder in Mozarts Hände und aus seinem Nachlasse in Andrés Besitz gelangt ist, ist noch nicht erklärt. In Rössigs Schrift »Versuche im musikalischen Drama – Baireuth 1799« findet sich eine entsprechende Bemerkung wie im Theaterkalender: »Die Semiramis, ein musikalisches Drama des Freyherrn von Gemmingen, beschäftiget jetzt den Herrn Mozard, Kapellmeister zu Salzburg.« Vgl. R.M. Werner, Vierteljahrsschr. f. Literaturgeschichte I 524. J I4 585. Auch Gemmingens Text scheint nirgends gedruckt worden zu sein.


20 B I 279.


21 Das Dekret, das Mozarts Anstellung als Hoforganist mit 450 Gulden Gehalt verfügte, ist vom 17. Januar 1779; das Dekret der Hofkammer an das Hofzahlamt vom 26. Februar 1779. Die beiden Schriftstücke veröffentlichte Pirckmayer, Zur Lebensgeschichte Mozarts, Mitteil. der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde XVI, H. 1, S. 147, 151. Hiernach sind sie in Beilage I mitgeteilt. Wenn daher Leopold Mozart schreibt (31. Dezember), daß das Dekret »schon vier Monat alt« sei, so kann sich das nur auf die vorläufigen Zusicherungen beziehen; er müßte denn ein anderes Dekret (Pirckmayer ebd. S. 145, 161) im Sinne haben, durch das ihm selbst, dem Vater, eine Gehaltserhöhung von jährlich 100 Gulden bewilligt wurde, und das allerdings genau 4 Monate alt war.


22 B I 282.


23 So erzählt Nissen S. 415 f., der noch berichtet, Mozart sei mit einem roten Rock – den er auch auf den Porträts aus damaliger Zeit trägt –, nach französischer Sitte wegen der Trauer mit schwarzen Knöpfen, nach München gekommen, was Aloysia nicht gefallen zu haben scheint. Dagegen ist Nissens weitere Angabe sehr unwahrscheinlich, daß Aloysias jüngere Schwester Konstanze bereits damals aus Mitleid Annäherungsversuche gemacht habe.


24 B II 73. Auch sie scheint später nicht ohne Wehmut an jene Münchener Tage gedacht zu haben, denn die von Mozart selbst geschriebene Singstimme der für sie 1788 komponierten Arie (K.-V. 538) bringt von ihrer Hand mit einem Anklang an das Liebesduett aus Metastasios »Olimpiade« die Worte: »Nei tuoi giorni felici pensa qualche volta al ›Popoli di Tessaglia‹«.


Quelle:
Abert, Hermann: W. A. Mozart. Leipzig 31955/1956, S. 623.
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