Mannheim

[455] Am 30. Oktober kamen die Reisenden in Mannheim an, in der Stadt, die zwar Mozarts äußere Lage nach längerem Hoffen und Harren ebensowenig bessern und klären sollte wie München, aber dafür für seine Entwicklung als Mensch und als Künstler um so bedeutungsvoller geworden ist.

Der regierende Kurfürst Karl Theodor1 war in seiner Jugend durch die Schule der Jesuiten gegangen, hatte dann die Universitäten Leyden und Löwen besucht und schon während seiner Studienzeit eine lebhafte Vorliebe für die französische Kultur bewiesen, die durch seine persönliche Freundschaft mit Voltaire neue Nahrung erhielt. Der Hof von Versailles war in allem sein Vorbild so gut wie das Karl Eugens von Württemberg, nur daß, der Lage des Landes gemäß, in der Pfalz das französische Wesen weit tiefer in das Volk hinabdrang als in Schwaben. Schubart meinte sogar im Jahre 1773, man könne die Pfälzer »ebenso leicht für eine Kolonie von Franzosen als von deutschen Provinzialen halten.2« Diese durch die spätere Hinwendung zum national Deutschen keineswegs beseitigte französische Unterströmung hat auch in Mozarts Schaffen noch merklich nachgewirkt, und Mannheim ist in dieser Beziehung für ihn die natürliche Vorstufe für Paris geworden.

Auch in sittlicher Hinsicht war Mannheim ein Klein-Paris. Mitten in dem glänzenden Leben und Treiben blühte eine arge Pfaffen-, Günstlings- und Mätressenwirtschaft und fanden dunkle Ehrenmänner aller Art reichlich Gelegenheit, im trüben zu fischen. Der für Wissenschaft und Kunst eingenommene und nicht unbegabte, aber willens- und charakterschwache Fürst gab im Guten wie im Schlimmen den Ton an, und so standen alle die hochfliegenden Kulturpläne in grellem Gegensatz zu dem schrankenlosen und oberflächlichen Genußleben des Hofes. Mag indessen das glänzende Mannheimer Kunstleben mehr ein Erzeugnis fürstlicher Prachtliebe als wirklichen Kunstsinnes sein, Wissenschaft und Kunst sind dadurch jedenfalls nachhaltig gefördert worden. Mannheim verdankte seinem Fürsten eine Bibliothek und Naturaliensammlung, eine Zeichen- und Bildhauerakademie, Gemälde- und Kupferstichsammlungen und einen Antikensaal mit [456] erlesenen Gipsabgüssen, den einzigen, den es damals in Deutschland gab.3 Indessen brach sich neben dem Franzosentum bald auch der damals durch Friedrich den Großen und seine Taten geweckte deutsche Nationalgeist Bahn. Einer seiner Hauptvorkämpfer war der aus Schillers Leben bekannte Buchhändler Chr. Fr. Schwan, der der späteren deutschen Oper durch Übersetzung französischer Operetten wirksam vorgearbeitet hat. 1775 trat der Kurfürst selbst an die Spitze der Bewegung; er begründete die Kurpfälzische Deutsche Gesellschaft, die alle verfügbaren geistigen Kräfte zur Reinigung der deutschen Sprache, Säuberung der Rechtschreibung und Verbreitung des guten Geschmackes vereinigen sollte4, ein Programm, das deutliche Spuren Gottschedschen Geistes an sich trägt. Auch Klopstocks Anwesenheit in jenem Jahre war nicht ohne Einfluß geblieben, zu Mitgliedern aber suchte man außer den einheimischen Größen wieGemmingen, Klein, Dalberg, Maler Müller auch Männer von anerkanntem Rufe, besonders Lessing5 und Wieland6, zu gewinnen, freilich ohne Erfolg.

Alsbald erfaßten diese nationalen Bestrebungen auch das Theater7. Schon mit der Entlassung der französischen Schauspielergesellschaft im Jahre 1770 war der erste Schritt getan worden8; Hof und Gesellschaft begannen an deutschen Stücken mehr und mehr Gefallen zu finden, und die Marchandsche Truppe führte neben Übersetzungen französischer Operetten bereits auch deutsche Originalsingspiele auf. 1775–1777 wurde das Nationaltheater gebaut, kein Geringerer als Lessing sollte die Leitung übernehmen9. Freilich zerschlugen sich die Verhandlungen mit ihm schon nach kurzer Zeit10.

Weit fruchtbarer als für das Schauspiel sollte die nationale Bewegung indessen für die Oper werden, wie denn überhaupt Mannheim seinen Ruf als des »Paradieses der Tonkünstler«11 nicht erst zu erobern brauchte. Das Schicksal fügte es, daß die nationale Oper der Deutschen in demselben südwestlichen Winkel Deutschlands, der 55 Jahre zuvor ihr letztes Lebenszeichen [457] vor dem vollständigen Triumph der Italiener gesehen hatte12, nunmehr auch ihr Erwachen aus langem Dornröschenschlaf erleben sollte.

Der Anstoß ging von Wieland aus, der durch die Singspielleistungen der Seylerschen Truppe zu dem Gedanken ermutigt worden war, neben das Singspiel, das mit seinem Liedcharakter und seinem eingestreuten Dialog doch nur ein unvollkommener Ersatz für eine Oper war, eine vollgültige ernste Oper zu stellen, die freilich – und hierin wirkt die alte Renaissanceoper noch nach – »im Geschmacke der Alten, wiewohl mit einigen seinen Zeiten angemessenen Modifikationen«, gehalten sein sollte13. Den geeigneten Komponisten dazu fand er in Anton Schweitzer (1735–1787), dem damaligen Kapellmeister der Seylerschen Truppe, der ebenfalls vom Singspiel herkam und durch seine Schöpfungen den leicht entzündlichen Dichter »in einen Taumel des Enthusiasmus für das lyrische Theater hineingezerrt« hatte14. So entstand die Oper Alceste, aufgeführt am 28. Mai 1773 zu Weimar, ein Werk, dessen Musik Wieland nicht allein über die besten Italiener, sondern auch über Glucks Alceste stellte15. Hier fand er sein musikdramatisches Ideal, die Unterordnung des Komponisten unter den Dichter und die wechselseitige Ergänzung von Text und Musik, verwirklicht, und seine »Briefe über das deutsche Singspiel Alceste«16, die ja bekanntlich durch ihren Vergleich mit Euripides Goethes Farce hervorriefen, atmen stolze Befriedigung über den gelungenen Fortschritt. Natürlich erregte eine solche Neuerung neben großer Begeisterung auch heftigen Tadel, der mitunter satirische Form annahm17; man bemängelte die Abhängigkeit von Metastasio, vermißte Charakteristik und dramatischen Zug, fand die Orchestration zu überladen und überhaupt das Ganze zu weichlich und eintönig18. Manche dieser Vorwürfe, wie der der Eintönigkeit und der zu dicken Orchestration, sind sicher berechtigt, dagegen bleibt der Vergleich mit Metastasio an der Oberfläche haften: gerade das Hauptkennzeichen des Italieners, das Intrigenspiel, ist gänzlich beseitigt. Dagegen ist Schweitzers Bestreben, seinem Dichter bis in die feinsten Spitzen des Gefühlslebens zu folgen, durchaus anerkennenswert; wenn es ihm nicht gelang, ein voll befriedigendes Musikdrama zu schaffen, so ist daran neben dem allzu lyrischen Charakter der Dichtung sein Mangel an großzügiger Gestaltungskraft schuld, und hier wirkt entschieden seine Schulung an den kleinen Formen des Singspiels nach. So reich das Werk an gelungenen und wirklich bedeutenden Einzelheiten ist, so fehlt ihm doch der hinreißende dramatische Schwung im ganzen. [458] ganzen. Es ist ein Versuch, wenn auch ein bedeutungsvoller, zu einer deutschen Volloper.

Das aufsehenerregende Werk hatte in Weimar nachhaltigen Erfolg und fand sehr bald den Weg auch an auswärtige Bühnen19. Am 13. August 1775 veranstaltete Karl Theodor eine glänzende Aufführung in Schwetzingen20. Man empfand das ungewöhnliche Ereignis, daß hier eine deutsche Oper, von einem Deutschen gedichtet, von einem Deutschen komponiert, von Deutschen gesungen, von einem deutschen Fürsten mit Beifall aufgeführt wurde. Im folgenden Sommer erhielt Wieland den Auftrag, eine neue Oper für Mannheim zu dichten, die Schweitzer unter seinen Augen komponieren sollte.

Auch Mozart hat die Alceste in Mannheim kennengelernt; er führte ihren Erfolg wesentlich auf ihre Eigenschaft als erste deutsche Oper zurück21 und schrieb später dem Vater (18. Dezember 1778)22: »Das Beste an der traurigen Alceste (nebst einigen Anfängen, Mittelpassagen und Schlüssen einiger Arien) ist der Anfang des Rezitativs ›O Jugendzeit‹ und dies hat erst der Raaff gut gemacht; er hat es dem Hartig ... punktiert und dadurch die wahre Expression hineingebracht; das Schlechteste aber (nebst dem stärksten Teil der Opera) ist ganz gewiß die Ouvertüre.«

Durch diesen Erfolg ermutigt wagte man in Mannheim, diesmal mit eigenen Kräften, einen neuen Schritt. Der Professor Anton Klein, früher Jesuit, als Lehrer der Philosophie und der schönen Wissenschaften wie als Schriftsteller eines der eifrigsten Glieder des Schwanschen Kreises, persönlich allerdings ein starker Streber und Speichellecker, dichtete die Oper »Günther von Schwarzburg«23, die mit der Musik vom Kapellmeister Ign. Holzbauer (1711–1783)24 am 5. Januar in dem prächtigen großen Opernhause, mit allem Aufwande ausgestattet25, aufgeführt wurde. Schubart hatte die »heilsame Revolution des Geschmacks« im voraus freudig begrüßt26 und der Beifall war groß, auch an auswärtigen Bühnen hatte die Oper Glück. Die Kritik27 fand auch hier am Texte vieles auszusetzen, ja, Wieland sprach sogar von einer »sogenannten Oper«, die er sich scheute im Merkur zu besprechen28. Von seinem Standpunkte aus hatte er gewiß recht, denn ganz [459] anders als seine Alceste war dieser »Günther« textlich eine verwässerte Auflage Metastasios mit allen seinen Galanterien, Intrigen und eleganten Weisheitssprüchen, nur mit weit weniger Geist und dichterischer Kraft. Trotzdem war er durch seinen vaterländischen Stoff der noch nach dem Renaissanceideal hinüberschielenden Alceste überlegen, und die Musik hat diese Überlegenheit noch bedeutend verstärkt. Der Minister Hompesch fand darin weder den französischen noch den italienischen Stil, sondern deutsche, originelle Gedanken29, Schubart Deutschland mit welscher Anmut koloriert30, andere das Gepräge der Großheit mit Mischung von sanfter Grazie31. Am schwersten aber wiegt das Urteil des kritischen Mozart, der die Oper am Tage nach seiner Ankunft in Mannheim sah; es ist für seine Verhältnisse geradezu enthusiastisch (14. November 1777)32: »Die Musik von Holzbauer ist sehr schön. Die Poesie ist nicht wert einer solchen Musik. Am meisten wundert mich, daß ein so alter Mann wie Holzbauer33 noch so viel Geist hat; denn das ist nicht zu glauben, was in der Musik für Feuer ist.« Tatsächlich hat diese Musik bis in die Tage der Zauberflöte hinein in Mozarts Seele nachgeklungen34. Man vergleiche dazu z.B. die Arie des Rudolf »Wenn das Silber deiner Haare« (II 5) mit dem Anfang:


Mannheim

Mannheim

oder die Arie der Asberta I 535:


Mannheim

[460] Die Oper verrät nach Form und Charakter deutlich Holzbauers italienische Schule, sie ist namentlich von deren Mängeln, Empfindsamkeit, Tändelei und äußerlichem Pathos, nicht frei, und im ganzen kann von einem neuen deutschen Opernstil so wenig die Rede sein wie bei der Alceste. Trotzdem hatten die Zeitgenossen recht, wenn sie darin Spuren deutschen Geistes erblickten. Sie liegen in dem dramatischen Ernst und in der Selbständigkeit, womit Holzbauer seinem Stoff gegenübertritt. Eine energische Hingabe an eine große Sache spricht aus seiner Musik, und da er in der großen Formenwelt der italienischen Oper zu Hause war, gelang es ihm auch besser, seine Absichten zu verwirklichen, als Schweitzer. Was diesem gefehlt hatte, der große dramatische Wurf, ist bei ihm entschieden vorhanden. Die große Zahl und Bedeutung der begleitenden Rezitative, die freie und eigentümliche Behandlung der Arien, die auf die Mannheimer Instrumentalschule zurückgehende poetische Ausnützung der Instrumente liefern den Beweis dafür. Eine wirkliche deutsche Oper sollte freilich erst die Zukunft bringen, aber unter ihren Bahnbrechern steht dieser »Günther« in vorderster Linie, und das Lob Mozarts war wohl verdient.

Nach dieser Oper traten Wieland und Schweitzer mit einem neuen Werke auf den Plan. Der Dichter hatte schon im Sommer 1776 vom Minister von Hompesch den Auftrag dazu erhalten36. Der Wunsch Schweitzers sowie die Veröffentlichung der gleichnamigen Dichtung K.E.K. Schmidts im Jahre 177637 entschieden für die Wahl der »Rosemunde«, wiewohl dieser Stoff, was Wieland freilich nicht ahnen konnte38, bei den vielen Mätressen des Kurfürsten und seiner zerrütteten Ehe in Mannheim stark befremden mußte. Wielands anfängliche Begeisterung erhielt nun freilich einen starken Dämpfer, als Goethe und Jacobi den Text für verfehlt erklärten und der Minister Hompesch eine Umarbeitung der letzten Akte wünschte. Ja, Wieland wollte sogar ganz zurücktreten, obwohl Schweitzer bereits drei Akte »zum Entzücken schön« komponiert hatte, mußte sich jedoch auf Hompeschs Drängen zur Umarbeitung entschließen.39 Er war zwar mit sich nicht zufrieden, meinte jedoch, Schweitzers Musik, die zu hören man von 20 und 30 Meilen herkommen werde, würde alle Mängel vergessen machen40.

[461] Er war zugleich eingeladen worden, der Aufführung persönlich anzuwohnen, und trotz dem Mißbehagen an seiner Arbeit und häuslichen und ökonomischen Bedenken siegte in ihm schließlich der Wunsch, »sich einmal in Musik zu ersättigen«, auch hatten seine Freunde, Jacobi und Sophie La Roche mit ihrer Tochter Max. Brentano, versprochen, ebenfalls nach Mannheim zu kommen.

Die Aufführung der Oper war durch die Umarbeitung vom 4. November 1777, dem Namenstag des Kurfürsten, auf den Januar verschoben worden. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen und namentlich Dekorationen und Kostüme in großer Pracht angefertigt waren, kam Schweitzer zur Leitung der letzten Proben Anfang Dezember nach Mannheim. Hier trat Mozart gleich in näheren persönlichen Verkehr mit ihm.


»Er ist ein guter, braver, ehrlicher Mann«, schreibt er dem Vater (3. Dez.)41 »trocken und glatt wie unser [Mich.] Haydn, nur daß die Sprache feiner ist. In der zukünftigen opera sind sehr schöne Sachen und ich zweifle gar nicht, daß sie gewiß reussirn wird. Die Alceste hat sehr gefallen und ist doch halb nicht so schön wie die Rosemunde. Freylich hat das viel beygetragen, weil es das erste deutsche Singspiel war. Nun macht es NB. auf die Gemüter, die nur durch die Neuheit hingerissen werden, lange den Eindruck nicht mehr.«


Bei einer Erkrankung Schweitzers mußte Mozart sogar die Oper an seiner Stelle »mit etlichen Violinen bei Wendling dirigieren« (18. Dezember)42. Beim öfteren Anhören wurde freilich sein Eindruck immer ungünstiger. Schon am 18. Dezember schreibt die Mutter43: »Die neue Opera gefällt dem Wolfgang gar nicht; er sagt, es ist keine Natur darinnen und alles übertrieben und für die Sänger nicht gut gesetzt; wie es bei der Produktion ausfallen wird, müssen wir erwarten.« Mozart selbst aber meint am 10. Januar 177844 von der Rosemunde: »Sie ist – – – gut, aber sonst nichts, denn wenn sie schlecht wäre, so könnte man sie ja nicht aufführen?« Und am 11. September 1778 beklagt er gar Aloysia Weber wegen ihrer schlechten Rolle:45


Eine aria hat sie, wo man aus dem Ritornell was Gutes schließen könnte. Die Singstimme ist aber alla Schweitzer, als wenn die Hund bellen wollten; eine einzige Art von einem Rondeau hat sie, im 2 ten Akt, wo sie ein wenig ihre Stimme soutenieren und folglich zeigen kann; ja, unglücklich der Sänger oder die Sängerin, die in die Hände des Schweitzers fällt, denn der wird sein Lebtag das singbare Schreiben nicht lernen.


[462] Im Publikum war man auf die Ankunft Wielands, der damals in Mannheim vor allen deutschen Dichtern beliebt war46, ganz besonders gespannt; auch Wolfgang hoffte seine Bekanntschaft zu machen. Am 21. Dezember kam Wieland an und war mit dem Empfang beim Kurfürsten ebensosehr zufrieden wie mit der Aufmerksamkeit des Publikums. Am 27. Dezember schreibt er an Merck47: »Ich kann Euch itzt noch nichts Weiteres sagen, als daß ich mich zu Leib und Seel wohl befinde und eben dadurch, daß ich keine andere Rolle spiele als meine eigene, meine Sachen, wie mich däucht und wie es wenigstens scheint, recht gut mache. – Gott gebe nur, daß mir nicht zu wohl unter diesem Volke werde! Doch dafür ist auch gesorgt.« Mozarts Urteil über ihn dagegen ist für seine Selbständigkeit auch anerkannten und gefeierten Größen gegenüber äußerst bezeichnend (27. Dezember 1777)48:


Nun bin ich mit Hrn. Wieland auch bekannt; er kennt mich aber noch nicht so wie ich ihn, denn er hat noch nichts von mir gehört. Ich hätte mir ihn nicht so vorgestellt, wie ich ihn gefunden. Er kommt mir im Reden ein wenig gezwungen vor; eine ziemlich kindische Stimme, ein beständiges Gläselgucken, eine gewisse gelehrte Grobheit und doch zuweilen eine dumme Herablassung. Mich wundert aber nicht, daß er (wenn auch zu Weimar oder sonst nicht) sich hier so zu betragen geruhet, denn die Leute sehen ihn hier an, als wenn er vom Himmel herabgefahren wäre. Man genirt sich ordentlich wegen ihm, man redet nichts, man ist still, man giebt auf jedes Wort acht, was er spricht; – nur Schade, daß die Leute oft so lange in der Erwartung sein müssen, denn er hat einen Defect in der Zunge, vermög er ganz sachte redet und nicht 6 Worte sagen kann, ohne einzuhalten. Sonst ist er, wie wir ihn alle kennen, ein vortrefflicher Kopf. Das Gesicht ist von Herzen häßlich, mit Blattern angefüllt, und eine ziemlich lange Nase; die Statur wird seyn: beyläufig etwas größer als der Papa.


Nachdem Wieland auch ihn kennengelernt hatte, schrieb er (10. Januar 1778)49:

Der Hr. Wieland ist, nachdem er mich nun 2 mal gehört hat, ganz bezaubert. Er sagte das letztemal nach allen möglichen Lobsprüchen zu mir: Es ist ein rechtes Glück für mich, daß ich Sie hier angetroffen habe! und druckte mich bey der Hand.

Am 11. Januar 1778 sollte die Aufführung der »Rosemunde« stattfinden. Da starb am 30. Dezember Kurfürst Maximilian von Bayern, und Karl Theodor entschloß sich zur sofortigen Abreise nach München50. Damit war die Aufführung der Oper vereitelt, und Wieland kehrte, nachdem sie für ihn noch einmal im Theater probiert worden war, nach Weimar zurück51.

Die Betrachtung der Oper bestätigt im wesentlichen Mozarts Urteil, dem sich übrigens auch Holzbauer anschloß52. An melodischer Erfindung und an[463] Sangbarkeit erreicht sie ihre Vorgängerin nicht, dagegen sucht sie sie an orchestralen Wirkungen unter dem Einfluß der Mannheimer Schule zu überbieten53. Bemerkenswert sind die deutlich wahrnehmbaren französischen Einflüsse in der Ouvertüre, den selbständigen Orchesterstücken und vor allem den ausgeführten Chorszenen. Daneben stehen in den Arien die bekannten Merkmale der neapolitanischen Rhetorik. Von deutschem Geist, der in Holzbauers »Günther« seine Spuren hinterlassen hat, ist somit in Schweitzers Werk sehr wenig zu verspüren, und sein Erfolg ist denn auch im wesentlichen auf Mannheim beschränkt geblieben.

So wurde Mozart Zeuge der geschichtlich denkwürdigen ersten Versuche, eine national deutsche Oper zu schaffen. Welchen Widerhall sie alsbald in seinem empfänglichen Herzen weckten, dem es die deutsche Oper schon in München angetan hatte, wird gleich zu zeigen sein.

Deutsche waren auch, dank der trefflichen Gesangsschule Holzbauers, die meisten der ausgezeichneten Sänger und Sängerinnen der Mannheimer Oper54. Unter ihnen erregte Dorothea Wendling, geb. Spurni (1737–1809), »die deutsche Melpomene der goldenen Zeit zu Mannheim«55, die allgemeine Bewunderung durch technisch vollendeten und seelenvollen Gesang. Nach Wieland übertraf sie selbst die Mara; bei ihr fand er den wahren Gesang, Sprache der Seele und des Herzens, jeder Ton war lebendiger Ausdruck des reinsten, innigsten Gefühls, der ganze Gesang eine fortrollende Schönheitslinie56. Ihre Schönheit – Heinse fand in ihrem Gesicht das Anschmiegende, Feuchte, Glutstillende von Weibesliebe und dabei das Schnelle, Leichtbewegliche der Leidenschaft57 – und das treffliche Spiel, wodurch sie sich vor allen auszeichnete58, hoben die Leistungen der Sängerin außerordentlich. Weniger bedeutend, durch anhaltende Kränklichkeit vielfach gehemmt, aber immer doch eine sehr achtbare Sängerin war die Schwägerin Elisabeth Auguste Wendling, geb. Sarselli (1746–1786); eine Sängerin von erstem Rang, sowohl durch die Schönheit und den Umfang der Stimme, als die allen Anforderungen der Kunst entsprechende Ausbildung war aber Franziska Danzi (1756–1791), später die Gattin des Oboisten Le Brun59, die zur Zeit von Mozarts Aufenthalt in Mannheim auf Urlaub in London war60.

Das größte Ansehen genoß der damals bereits alternde Tenorist Anton Raaff (geb. 1714 zu Holzem bei Bonn)61. Er war Schüler des von den Jesuiten [464] geleiteten Bonner Gymnasiums gewesen, dann hatte ihn Kurfürst Clemens August im Gesange ausbilden lassen, 1736 mit 200 Talern Gehalt angestellt und schließlich nach München mitgenommen. Von dort war er nach Bologna in Bernacchis Schule gekommen. 1738 sang er bei der Vermählung Maria Theresias und kehrte 1742 nach Bonn zurück, von wo aus er verschiedene Kunstreisen an die deutschen Höfe machte62. Dann folgte eine lange, ruhmreiche Zeit der Wanderjahre im Auslande: von 1752–1755 in Lissabon, 1755–1759 unter Farinellis Direktion in Madrid63, von 1759–1769 in Neapel64. Erst 1770 kehrte er wieder nach Deutschland zurück. Als Karl Theodor ihn aufforderte, in seine Dienste zu treten, erklärte der bescheidene Mann, er werde sich glücklich schätzen, wenn der Kurfürst mit seinen geringen Überresten zufrieden sein wolle. Seine Stimme war nach Schubarts Urteil65 der schönste Tenor, den man hören konnte, von der Tiefe des Basses bis in die Region der Althöhe gleichmäßig voll und rein. Mit einer vollkommenen Meisterschaft in der Kunst des Gesanges, die sich auch in einer bewunderungswürdigen Fertigkeit vom Blatt zu singen und in der Kunst zu variieren und zu kadenzieren kundgab, vereinigte er einen gefühlvollen Vortrag, so daß »sein schönes Herz in seinem Gesange wiederzuhallen schien«, und die einsichtigste Beurteilung und ruhigste Überlegung. Diesen Vorzügen gesellte sich noch die reinste und deutlichste Aussprache zu, so daß auch im größten Saale keine Silbe verlorenging. Freilich entging Schubart nicht, daß Raaffs Stimme bereits damals zu »schettern« anfing66. Am kritischsten verhielt sich innerhalb des allgemeinen Lobes wiederum Mozart, der ihn zuerst im »Günther von Schwarzburg« hörte und darüber dem Vater berichtet (14.–16. November 1777)67:


Hr. Raaff hat unter 4 Arien und etwa beyläufig 450 Täct einmal so gesungen, daß man gemerkt hat, daß seine Stimme die stärkste Ursach ist, warum er so schlecht singt. Wer ihn eine Arie anfangen hört und nicht in demselben Augenblick denckt, daß Raaff der alte vormals so berühmte Tenorist singt, der muß gewiß von ganzem Herzen lachen. Denn es ist halt doch gewiß; ich habe es bey mir selbst bedenkt: wenn ich jetzt nicht wüßte, daß dies der Raaff ist, so würde ich mich zusammenbiegen vor Lachen, so aber – ziehe ich nur mein Schnupftuch heraus und schmutze. Er war auch sein Lebtag, wie man mir hier selbst gesagt hat, kein Acteur; man müßte ihn nur hören und nicht sehen: er hat auch gar keine gute Person nicht68. In der Opera mußte er sterben, und das singend, in einer [465] langen, langen, langen, langsamen Aria, und da starb er mit lachendem Munde, und gegen Ende der Arie fiel er mit der Stimme so sehr, daß man es nicht aushalten konnte. Ich saß neben dem Flut. Wendling im Orchestre, ich sagte zu ihm, weil er vorher critisirte, daß es unnatürlich seye so lange zu singen, bis man stirbt, man kanns ja kaum erwarten. Da sagte ich zu ihm: Haben sie eine kleine Geduld, jetzt wird er bald hin seyn, denn ich höre es. Ich auch, sagte er und lachte.


Nachdem er ihn öfter gehört hatte, ließ er seiner Kunst mehr Gerechtigkeit widerfahren, doch war seine Weise zu singen ihm nicht einfach genug. In einem Brief aus Paris (12. Juni 177869) gibt er ausführlicher sein Urteil ab, dem man anmerkt, daß er dem trefflichen Manne, den er liebte, nicht zu nahetreten und doch auch seine Überzeugung nicht verleugnen mag:


Hier als er im Concert spirituel debutirte, sang er die Scene von Bach: »Non sò d'onde viene«, welches ohnedem meine Favoritsache ist, und da hab ich ihn das erstemal singen gehört. Er hat mir gefallen – das ist in dieser Art zu singen, aber die Art an sich selbst, die Bernacchische Schule, die ist nicht nach meinem gusto. Er macht mir zu viel ins Cantabile. Ich lasse zu, daß es, als er jünger und in seinem Flor war, seinen Effect wird gemacht haben, daß er wird surpreniert haben – mir gefällts auch, aber mir ists zu viel, mir kommts oft lächerlich vor. Was mir an ihm gefällt ist, wenn er so kleine Sachen singt, so gewisse Andantino, wie er auch so gewisse Arien hat, da hat er so seine eigene Art. Jeder an seinem Ort. Ich stelle mir vor, daß seine Hauptforce war die Bravura, welches man auch noch an ihm bemerkt, so wie es sein Alter zuläßt, eine gute Brust und langen Athem und dann – diese Andantino. Seine Stimme ist schön und sehr angenehm. Wenn ich so die Augen zumache, wenn ich ihn höre, so finde ich an ihm viel gleiches mit dem Meißner, nur daß mir Raaffs Stimme noch angenehmer vorkommt ... Meißner hat, wie Sie wissen, die üble Gewohnheit, daß er oft mit Fleiß mit der Stimme zittert, ... nun das hat der Raaff nicht, das kann er auch nicht leiden. Was aber das rechte Cantabile anbelangt, so gefällt mir der Meißner (obwohl er mir auch nicht ganz gefällt, denn er macht mir auch zu viel) aber doch besser als der Raaff. Was aber die bravura, die Passagen und Rouladen betrifft, da ist der Raaff Meister, und dann seine gute und deutliche Aussprach, das ist schön, und dann, wie ich oben gesagt habe, Andantino oder kleine Canzonette. Er hat vier teutsche Lieder gemacht, die sind recht herzig.


Daß Raaff zwar ein guter Sänger, aber kein »acteur« war, war allgemein bekannt. Im Leben war er eine sittlich makellose und religiöse Natur, deren moralische Anschauungen ebenso streng waren wie die künstlerischen. Mitunter polterte er wohl derb heraus, war aber im Grunde gutmütig und wohlwollend, ein treuer Freund und bis zur eigenen Aufopferung wohltätig. Es ist bezeichnend für Mozarts offenes Wesen, daß er dem Menschen und Freunde ebenso aufrichtig zugetan war wie er den Künstler kritisierte70.

[466] Neben Raaff zeichnete sich auch sein Schüler Frz. Hartig (geb. 1750) als Tenorist aus71.

Mit der Mannheimer Kirchenmusik dagegen ist Schubart gar nicht einverstanden. Er findet sie zu weichlich und opernhaft: »nichts ist profaner als ein Lamm Gottes im girrenden neuwelschen Geschmacke, ohne Himmelsgefühl hergelallt, und ein Kyrie, das in schnellen, leichtfertigen Takten und Tönen wie eine Theaternymphe daherfaselt72.« Auch Holzbauers Kirchenwerke stellt er unter seine Opern; sie sind ihm zuwenig kontrapunktisch73. Er übersieht dabei freilich den selbständigen poetischen Kopf, der auch aus den Messen spricht, die »anmutige Frömmigkeit, die der Tiefe nicht entbehrt und sich in der Form knapp, aber mannigfaltig und immer mit sicher berechneter, schöner Wirkung äußert«.74 Mozart sprach sich auch hier anerkennender aus (4. November 1777)75: »Er schreibt sehr gut, einen guten Kirchenstil, einen guten Satz der Vokalstimmen und Instrumenten und gute Fugen.«

Wohl aber war er über den Verfall des Kirchenchors in Mannheim ganz entsetzt; eine seiner Messen dort aufzuführen schien ihm unmöglich76:


Warum? – Wegen der Kürze? – Nein, hier muß auch alles kurz seyn. – Wegen dem Kirchenstil? – Nichts weniger, sondern weil man hier jetzt bey dermaligen Umständen hauptsächlich für die Istromenti schreiben muß, weil man sich nichts schlechters gedenken kann, als die hiesigen Vocalstimmen. 6 Soprani, 6 Alti, 6 Tenori und 6 Bassi zu 20 Violini und 12 Bassi, verhält sich just wie 0 zu 1; nicht wahr Hr. Bullinger? Dies kommt daher: die Welschen sind hier jetzt miserable angeschrieben. Sie haben nur 2 Castraten hier, und die sind schon alt. Man läßt sie halt absterben. Der Sopranist möchte schon auch lieber den Alt singen, er kann nicht mehr hinauf. Die etliche Buben77, die sie haben, sind elendig, die Tenor und Baß wie bei uns die Todtensinger.


Noch schlechter war es mit der Orgel bestellt, und über die beiden Hoforganisten gießt er die volle Schale seines Spottes aus:


2 Organisten haben sie hier, wo es der Mühe werth wäre, eigenst nach Mannheim zu reisen. Ich habe Gelegenheit gehabt, sie recht zu hören; denn hier ist es nicht üblich, daß man ein Benedictus macht, sondern der Organist muß dort allezeit spielen. Das erste Mal habe ich den zweyten gehört, und das anderte Mal den ersten. Ich schätze aber nach meiner Meynung den 2ten noch mehr als den ersten; denn wie ich ihn gehört habe, so fragte ich, wer ist der, welcher die Orgl schlägt? Unser zweyter Organist. Er schlägt miserable. Wie ich den Andern hörte, wer ist denn der? – Unser erster. Der schlagte noch miserabler. Ich glaub, wenn man sie zusammen stößte, so würde noch was Schlechteres herauskommen. Es ist zum[467] Todtlachen, diesen Herren zuzusehen. Der zweyte ist bey der Orgl wie das Kind beim Dreck; man sieht ihm seine Kunst schon im Gesichte an. Der erste hat doch Brillen auf. Ich bin zur Orgl hingestanden und habe ihm zugesehen, in der Absicht, ihm etwas abzulernen. Er hebt die Hände bey einer jeden Note in alle Höhe auf. Was aber seine Force ist, ist, daß er 6stimmig spielt, meistentheils aber quintstimmig und octavstimmig! er läßt auch oft für Spaß die rechte Hand aus und spielt mit der linken ganz allein. Mit einem Worte, er kann machen, was er will, er ist völlig Herr über seine Orgl.


Noch größeren Ruhm als die deutsche Oper hatte sich aber die Mannheimer Instrumentalmusik erworben; das dortige Orchester galt nach dem einstimmigen Urteil als das erste in Europa. Es war stärker und vollständiger besetzt, namentlich in den Bläsern, als sonst üblich war78, vor allem verfügte es seit 1759 über die in Deutschland damals noch sehr seltenen Klarinetten79. »Ach wenn wir nur auch Clarinetti hätten!« schreibt Mozart (3. Dezember 1778)80. »Sie glauben nicht, was eine Sinfonie mit Flauten, Oboen und Klarinetten einen herrlichen Effekt macht.«

Noch mehr aber als die starke Besetzung wurde an diesem Orchester die neue Art des Vortrags gelobt81. Man fand hier das piano und forte in den verschiedensten Abstufungen wiedergegeben und besonders das Crescendo und Diminuendo in einer ganz neuen Weise ausgeführt, die von den übrigen Orchestern höchstens das Stuttgarter unter Jommelli erreichte82; auch waren Saiten- und Blasinstrumente in einer ganz neuen Weise miteinander verschmolzen83. Kurz, das Mannheimer Orchester war Gegenstand allgemeiner Bewunderung84. Der Kurfürst selbst wußte seinen Wert wohl zu schätzen, es [468] mußte in seinen regelmäßigen Musiken spielen, an denen er sich selbst beteiligte (S. 268), und in diesen Konzerten ist denn auch ein gutes Stück deutscher Sinfoniegeschichte gemacht worden.

Neu war in dieser Kapelle schon die Besetzung. 1756 finden wir die ungewöhnlich starke Zahl von 20 Geigen gegenüber je 4 Bratschen und Celli und 2 Bässen, dagegen nur je 2 Oboen, Flöten und Fagotte und 4 Hörner. Dieses Verhältnis von Bläsern und Streichern ist ganz modern, nach älterem Brauche85 hätten zu einem solchen Streichkörper je 10 Oboen und Fagotte gehört. Schon dadurch kam eine ganz neue Art des Vortrags zustande, der an die Stelle der alten Registerdynamik die moderne Übergangsdynamik setzte86 und ein ganz anderes Verhältnis zwischen Streichern und Bläsern begründete, und daß diese neue Vortragsweise nicht bloß am Technischen haften blieb, sondern tief in das Leben der Komposition selbst eingriff, ist bereits gezeigt worden87. Jetzt ging es auch nicht mehr an, den Vortrag dem freien Ermessen des Dirigenten zu überlassen. Die Mannheimer Sinfoniker sind auch darin Bahnbrecher einer neuen Zeit geworden, daß sie im Gegensatz zu der früheren Sparsamkeit mit Vortragszeichen die Dynamik genau vorschreiben; der Dirigent tritt damit eine seiner wichtigsten bisherigen Befugnisse an den Komponisten ab. Auch eine andere Hauptstütze der älteren Musik, der Basso continuo, wurde in Mannheim zwar nicht ganz beseitigt, aber doch stark erschüttert88: die Stücke mit ausgearbeiteten Mittelstimmen beginnen sich zu mehren.

Der Vater aller dieser Neuerungen, Joh. Stamitz, war zwar zu Mozarts Zeiten längst tot, aber seine zahlreichen Schüler und Nachfolger (S. 281) verstanden es, seine Tradition mit dem größten Erfolge fortzusetzen. Noch immer fanden sich in der Mannheimer Kapelle die trefflichsten Künstler zusammen: Cannabich, die beiden Toeschi, Fränzl, Cramer als Violinspieler, Carl Stamitz als Bratschist, Wendling als Flötist, Lebrun und Ramm als Oboisten, W. Ritter als Fagottist, F. Lang als Hornist gehörten zu den ersten Virtuosen ihrer Zeit. Die nicht leichte Aufgabe, einer solchen Künstlerschar gegenüber die alte Orchesterdisziplin aufrechtzuerhalten, war nach Joh. Stamitz' Tode seinem Schüler Christian Cannabich (1731–1798) zugefallen. Er war zu seiner Ausbildung in Italien gewesen und hatte dort bei Jommelli studiert89. Seit 1775 wirkte er neben dem eigentlichen Kapellmeister Holzbauer als Dirigent, was ebenfalls auf die bevorzugte Stellung des ersten Geigers in Mannheim hindeutet. Cannabich war ein talentvoller[469] Komponist90, aber seine Hauptstärke lag, der Schulung durch Stamitz gemäß, in seiner Tätigkeit als Anführer des Orchesters, als Solospieler und als Lehrer. Die meisten Geiger des Mannheimer Orchesters waren seine Schüler, was natürlich ungemein zur Einheitlichkeit des Vortrages beitrug. Er hatte alle Mittel und Bedingungen von Orchestereffekten untersucht und vervollkommnete die Technik des Geigenspiels besonders, um tüchtige Ripienspieler zu bilden. Da er mit Einsicht und angeborenem Dirigententalent91 »das beste deutsche Herz«92 und den Ruf eines sittlichen, nüchternen Lebenswandels vereinigte, besaß er die Achtung und Zuneigung seiner Kapelle und war so imstande, ihren Leistungen den höchsten Grad von Vollendung zu geben.

So war der europäische Ruf des Mannheimer Musiklebens wohl begründet. In der Oper sind die italienischen Grundlagen93 freilich auch hier nicht erschüttert worden, so wichtig der Vorstoß war, den man mit der Wahl deutscher Stoffe und namentlich mit einem deutschen Sängerpersonal gegen die italienische Herrschaft unternahm. Aber auch die französischen Einflüsse, denen sich die italienische Schule Hasses damals mit Bewußtsein unterwarf, kamen in Mannheim, der geographischen Lage der Pfalz und den Neigungen des Kurfürsten entsprechend, mit besonderer Stärke zu Worte, und die Mannheimer Künstler hatten von Karl Theodors Verbindung mit Paris die mannigfachsten Anregungen und Vorteile. Was endlich in der Oper nicht voll gelang, glückte dem Genie von Joh. Stamitz in der Instrumentalmusik: Mannheim zu einem Hauptort der gesamten deutschen Produktion zu machen.

Es war eine glückliche Fügung des Schicksals, daß Mozart gerade noch diese literarische und musikalische Blütezeit in Mannheim erleben und auf sich wirken lassen konnte, ehe sie durch die Verlegung des Hofes nach München ein jähes Ende nahm. Aber wir sahen auch, daß er sich, im Gegensatz zu Schubart, der fortwährend in Begeisterung schwelgte, sein selbständiges und kritisches Urteil bewahrte. Trotz der Empfänglichkeit seines Wesens für neue künstlerische Eindrücke hat er sich durch diesen Reichtum keinen Augenblick beschränkt oder bedrückt gefühlt. Er verkehrte mit den Mannheimer Größen wie mit seinesgleichen, liebenswürdig und gewinnend, aber offen und selbstbewußt. Gleich anfangs wunderte er sich, daß man ihm als einem schon Bekannten nicht mit mehr Achtung entgegenkam. Am Tage nach seiner Ankunft lernte er den Geiger Chr. Danner (geb. 1745) bei Cannabich kennen und ging mit ihm in die Probe, wo ihn ein Teil der Musiker ziemlich verständnislos und wohl gar mit schlecht verhehltem Spott über sein unscheinbares Äußeres empfing – ein Punkt, in dem [470] Mozart zeitlebens sehr empfindlich war. Wichtiger aber ist, daß er hier um ein Haar Zeuge einer Aufführung von Händels Messias geworden wäre. Mannheim war nach Berlin und Hamburg die dritte deutsche Stadt, die es mit dem Händelschen Werke versuchte94. Der Dirigent war der Mozart gründlich unsympathische Abt Vogler; er begnügte sich freilich nur mit dem ersten Teile des Oratoriums und ließ den zweiten weg, »weil diese trockene Musik kein Zuhörer aushalten will«95, auch wurde der erste Teil in einer geradezu unglaublichen Paraphrase im Stil eines italienischen Operntextes aufgeführt96. Voran ging ihm ein Magnificat von Vogler selbst, das Mozart bei jener Probe derart ermüdete, daß er vor dem Beginn des Händelschen Werkes wegging; es hat ihn anscheinend auch abgeschreckt, die Aufführung am 1. November zu besuchen, und er zog es vor, an diesem Tage »dem Hochamt in der Kapelle« anzuwohnen97. So kam er halb durch Zufall um den Besuch dieser trotz aller Unzulänglichkeit immerhin denkwürdigen Messiasaufführung; von einer gleichgültigen Haltung gegenüber Händel aber kann unter diesen Umständen nicht die Rede sein.

Dagegen gewann er sich bald durch seine Persönlichkeit und durch seine künstlerischen Leistungen die Herzen der Mannheimer Musiker vollständig. Nach den Salzburger Erfahrungen berührte ihn ihr weit höherer Bildungsstand besonders angenehm, auch fand er hier einen Verkehr zwischen Fürsten und Künstlerschaft, der in seiner Ungezwungenheit das gerade Gegenteil der Salzburger Verhältnisse war. Bald stand er, wie vordem Schubart98, in ihrem geselligen Kreise mitten drin, freilich entdeckte er gleich jenem99 sehr bald, daß das leichtfertige Treiben des Hofes bereits auch einzelne Künstler angesteckt hatte.

Zu einer herzlichen Freundschaft und zu täglichem Verkehr, an dem auch die Mutter teilnahm, kam es mit Cannabich. Mozart speiste oft mittags in dessen Hause und bald auch abends. Diese Abende verliefen unter angeregtem Plaudern und Musizieren, darauf pflegte Wolfgang ein Buch aus der Tasche zu ziehen und zu lesen. Für die muntere Laune, die bei diesen Zusammenkünften herrschte, spricht Wolfgangs humorvolle Beichte vom 14. November 1777100:


Ich, Johannes Christostomus Amadeus Wolfgangus Sigismundus Mozart gebe mich schuldig, daß ich vorgestern und gestern (auch schon öfters) erst bey der Nacht um 12 Uhr nach Haus gekommen bin und daß ich von 10 Uhr an bis zur benennten Stund beym Cannabich in Gegenwart und en compagnie des Cannabich, seiner Gemahlin und Tochter, Herrn Schatzmeister, Ramm und Lang, oft und nicht schwer, sondern ganz leichtweg gereimet habe, und zwar lauter Sauereyen, ... und zwar mit Gedanken, Worten und – – aber nicht mit Werken. Ich hätte mich aber nicht so gottlos aufgeführt, wenn nicht die Rädlführerin, nämlich die sogenannte Lisel101, mich gar so sehr darzu animiret und aufgehetzt hätte; und ich muß bekennen, daß [471] ich ordentlich Freude daran hatte. Ich bekenne alle diese meine Sünden und Vergehungen von Grund meines Herzens, und in Hoffnung sie öfters bekennen zu dürfen nimm ich mir kräftig vor, mein angefangenes sündiges Leben noch immer zu verbessern. Darum bitte ich um die heilige Dispensation, wenn es leicht seyn kann; wo nicht, so gilt es mir gleich, denn das Spiel hat doch seinen Fortgang, lusus enim suum habet ambitum spricht der selige Sänger Meißner Cap. 9 p. 24, weiters auch der heilige Ascenditor, Patron des Brennsuppen Coffe, der schimmlichten Limonade, der Mandlmilch ohne Mandeln, und insonderheitlich des Erdbeer-Gefrornen voll Eisbrocken, weil er selbst ein großer Kenner und Künstler in gefrornen Sachen war.


Daß er beim Musizieren nicht fehlte, versteht sich von selbst; gleich in den ersten Tagen spielte er dort einmal seine sechs Sonaten alle hintereinander fort. Cannabich erkannte und würdigte das außerordentliche Talent und machte es sich wohl auch bei passender Gelegenheit nutzbar, wie wenn Wolfgang ihm gut spielbare Klavierauszüge seiner Ballette machte. Aber keineswegs war Eigennutz der Grund seines Wohlwollens; er sowohl als seine Frau liebten Wolfgang aufrichtig wie einen Sohn, nahmen mit Eifer an seinem Wohlergehen teil und bewährten sich ihm jederzeit als treue Freunde. Der Magnet, der Mozart gleich anfangs in dies Haus zog und eine Zeitlang dort fesselte, war Cannabichs älteste Tochter Rosa, die damals dreizehn Jahre alt war, »ein sehr schönes, artiges Mädl«, wie er sie dem Vater beschreibt (6. Dezember 1777). »Sie hat für ihr Alter sehr viel Vernunft und gesetztes Wesen; sie ist seriös, redet nicht viel, was sie aber redet, geschieht mit Anmut und Freundlichkeit.«102 Den Tag nach seiner Ankunft (31. Oktober) spielte sie ihm etwas vor; er fand, daß sie ganz artig Klavier spiele und fing an einer Sonate für sie zu arbeiten an, um Cannabich eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Das erste Allegro wurde auf denselben Tag fertig. »Da fragte mich der junge Danner«, berichtet er dem Vater weiter, »wie ich das Andante zu machen im Sinn habe. – Ich will es ganz nach dem Caractère der Mlle. Rose machen. – Als ich es spielte, gefiel es halt außerordentlich. Der junge Danner erzählte es hernach; es ist auch so: wie das Andante, so ist sie.« Am 8. November schrieb er bei Cannabichs das Rondo – »folglich haben sie mich nicht mehr weggelassen«. Beim Einstudieren dieser Sonate fesselte ihn ihr Talent um so mehr, als er ihr Spiel vernachlässigt fand. »Die rechte Hand ist sehr gut, aber die linke ist leider ganz verdorben .... Wenn ich jetzt ihr förmlicher Meister wäre, so sperrte ich ihr alle Musikalien ein, deckte ihr das Klavier mit einem Schnupftuch zu und ließe ihr so lang mit der rechten und linken Hand, anfangs ganz langsam, lauter Passagen, Triller, Mordanten usw. exerzieren, bis die Hand völlig eingericht wäre, denn hernach [472] getrauete ich mir eine rechte Klavieristin aus ihr zu machen103.« Es kam dann auch zu einem förmlichen Unterricht; er gab dem jungen Mädchen täglich eine Stunde und war mit dem Erfolg sehr zufrieden. »Gestern hat sie mir wieder ein recht unbeschreibliches Vergnügen gemacht«, schreibt er (6. Dezember 1777), »sie hat meine Sonate ganz vor trefflich gespielt. Das Andante (welches nicht geschwind gehen muß) spielt sie mit aller möglichen Empfindung; sie spielt sie aber auch recht gern«. Der kundige Vater fand (11. Dezember 1777) die Sonate sonderbar; es sei etwas »vom vermanierierten Mannheimer goût« darinnen, doch nur so wenig, daß seine gute Art dadurch nicht verdorben werde104.

Auch mit dem ausgezeichneten Flötisten Joh. Bapt. Wendling, der seit 1754 in der Kapelle war und ein angenehmes Haus machte, trat er bald in näheren Verkehr. Cannabich führte ihn dort ein. Da war alles von der größten Höflichkeit:


Die Tochter [Auguste], welche einmal Maitresse von dem Kurfürsten war, spielt recht hübsch Clavier105. Hernach habe ich gespielt. Ich war heute in so einer vortrefflichen Laune, daß ich es nicht beschreiben kann, ich habe nichts als aus dem Kopf gespielt und drey Duetti mit Violine, die ich mein Lebetag niemalen gesehen und deren Autor ich niemalen nennen gehört habe. Sie waren allerseits so zufrieden, daß ich – die Frauenzimmer küssen mußte. Bey der Tochter kam es mir gar nicht hart an; denn sie ist gar kein Hund106.


Er komponierte der Mlle. Gustl, welche Wieland einer Madonna von Raffael oder Dolce so ähnlich fand, daß man sich kaum erwehren könne, ihr ein »Salve Regina« zu adressieren107, auch gleich ein französisches Lied. Sie hatte ihm den Text gegeben und trug es unvergleichlich vor, so daß es alle Tage »beim Wendling« gesungen wurde, wo sie »völlig Narren darauf waren«. Er versprach ihr, deren noch mehr zu machen, von denen eins wenigstens später auch angefangen wurde108. Auch für die Mutter, Dorothea Wendling, wurde eine Arie mit Rezitativ wenigstens skizziert; sie hatte sich den Text aus Metastasios Didone (II, 4) »Ah! non lasciarmi no bell' idol mio« selbst ausgesucht und war ebenso wie die Tochter »ganz närrisch auf diese Arie«. Da Mozart in seinen Skizzen die Singstimme und den Baß vollständig auszuschreiben, auch wohl einzelne Züge der Begleitung anzudeuten [473] pflegte, konnte man nach einem solchen Entwurf die Arie singen und allenfalls begleiten109. Und Wendling selbst ging auch nicht leer aus; wir erfahren, daß bei Cannabich ein Konzert von ihm probiert wurde, zu dem Mozart ihm die Instrumente gesetzt hatte (22. November 1777). Er hatte gegen die Flöte eine Abneigung und gegen die Flötisten ein Mißtrauen, aber mit Wendling machte er eine Ausnahme. »Ja wissens«, sagte er zu dessen Bruder, der ihn damit neckte, »das ist was anders beim Herrn Bruder. Der ist erstens kein so Dudler, und dann braucht man bei ihm nicht jedesmal Angst zu haben, wenn man weiß, jetzt soll der eine Ton kommen, ist er wohl so viel zu tief oder zu hoch – schauens, da ists immer recht, er hat's Herz und die Ohren und das Zungenspitzl am rechten Ort und glaubt nicht, daß mit dem bloßen Blasen und Gabelmachen schon was ausgerichtet sei, und dann weiß er auch, was Adagio heißt«.110

Dem Oboisten Friedr. Ramm (geb. 1744), den er bei Cannabich traf und wegen seines guten Blasens und feinen, hübschen Tones schätzte, schenkte er gleich sein Oboenkonzert, worüber er vor Freude »närrisch wurde« (4. November 1777)111. Er machte es zu seinem »cheval de bataille«, spielte es in demselben Winter fünfmal (13. Februar 1778), es gefiel sehr, »obwohl man wußte, daß es von mir war«. Aber auch als Orgel- und Klavierspieler machte sich Mozart bekannt, während wir von seinem Violinspiel nichts mehr hören. Von seinem Orgelspiel schickt er dem Vater am 13. November 1777 einen launigen Bericht112:


Vergangenen Sonntag spielte ich aus Spaaß die Orgl in der Kapelle. Ich kam unter dem Kyrie, spielte das Ende davon, und nachdem der Priester das Gloria angestimmt, machte ich eine Cadenz. Weil sie aber gar so verschieden von den hier so gewöhnlichen war, so guckte alles um, und besonders gleich der Holzbauer. Er sagte zu mir: Wenn ich das gewußt hätte, so hätte ich eine andere Messe aufgelegt. – Ja, sagte ich, damit Sie mich angesetzt hätten! – Der alte [Konzertmeister] Toeschi und Wendling stunden immer neben mir. Die Leute hatten genug zu lachen; es stund dann und wann pizzicato, da gab ich allzeit den Tasten Bazln. Ich war in meinem besten Humor. Anstatt dem Benedictus muß man hier allzeit spielen; ich nahm also den Gedanken vom Sanctus und führte ihn fugirt aus. Da stunden sie alle da und machten Gesichter. Auf die letzt nach dem Ite missa est spielte ich eine Fugue. Das Pedal ist anderst als bei uns, das machte mich anfangs ein wenig irre, aber ich kam gleich drein.


Als die neue Orgel in der lutherischen Kirche probiert wurde (18. Dezember), wozu man alle Kapellmeister einlud, kam ein vornehmer Lutheraner, wie die Mutter schreibt, und lud den Wolfgang mit aller Höflichkeit ein. Er fand sie sehr gut, sowohl im Piano als in einzelnen Registern; nur mit Vogler, der sie spielte, war er nicht zufrieden, deshalb spielte er selbst auch nicht viel, nur ein Präludium und eine Fuge, nahm sich aber gleich vor, [474] in der nächsten Zeit mit den befreundeten Familien wieder hinzugehen, und dann wollte er »sich auf der Orgel köstlich divertieren«. Auch in der reformierten Kirche, deren Orgel als eine ganz ausgezeichnete gepriesen wird113, spielte er einmal einem Freunde anderthalb Stunden vor.

Wie große Bewunderung er als Klavierspieler erregte, berichtete die Mutter (28. Dezember 1777)114:


Der Wolfgang wird überall hochgeschätzt; er spielet aber viel anderst als zu Salzburg, denn hier sind überall Pianoforte, und diese kann er so unvergleichlich traktiren, daß man es noch niemals so gehört hat; mit einem Wort, Jedermann sagt, der ihn hört, daß seines gleichen nicht zu finden sey. Obwohl hier Beecké gewesen, wie auch Schubart, so sagen doch alle, daß er weit darüber ist in der Schönheit und gusto und Freiigkeit; auch daß er aus dem Kopf spielet und was man ihm vorleget, das bewundern sie alle auf das höchste.


In Mannheim trat das Klavierspiel gegen die Virtuosität auf den Orchesterinstrumenten zurück, sodaßPeter Winter, als ein echter Zögling der Mannheimer Kapelle, gar nicht Klavier spielen konnte und an diesem Geklimper, wie er es unter Freunden nannte, nie Geschmack fand115. Doch fehlte es Mozart nicht an Gelegenheit, sich mit anderen Klaviervirtuosen zu messen. Der Abbé Joh. Fr. Xav. Sterkel (1750–1817), einer der berühmtesten Klavierspieler jener Zeit, kam während Mozarts Anwesenheit von Mainz, wo er Pianist und Kaplan des Kurfürsten war116, nach Mannheim. »Vorgestern auf den Abend«, berichtet er dem Vater (26. November 1777)117, »war ich al solito beim Cannabich, und da kam der Sterkel hin. Er spielte fünf Duetti, aber so geschwind, daß es nicht auszunehmen war, und gar nicht deutlich und nicht auf den Takt; es sagten es auch alle. Die Mlle. Cannabich spielte das sechste und in Wahrheit besser als der Sterkel«. Was ihm an Sterkel mißfiel, das Bestreben, durch rasches Tempo und noch dazu beim a vista Spielen zu imponieren, während es doch nur ein Notbehelf war, die Mängel eines künstlerischen Vortrages zu verdecken, das tadelte er auch an dem Spiel Voglers (1749–1814), des einzigen Mannheimer Klaviervirtuosen, und ungleich härter. Er erzählt seinem Vater (17. Januar 1778), wie er bei einer großen Gesellschaft mit Vogler zusammengetroffen sei118:


Nach Tische ließ er zwey Claviere von ihm holen, welche zusammen stimmen, und auch seine gestochenen langweiligen Sonaten. Ich mußte sie spielen und er accompagnirte mir auf dem andern Claviere dazu. Ich mußte aufsein so dringendes Bitten auch meine Sonaten holen lassen. NB. vor dem Tische hat er mein Concert (welches die Mademoiselle vom Hause spielt und das von der Litzau ist [XVI. 8]), prima vista herabgehudelt119. Das erste Stück ging prestissimo, das Andante [475] allegro und das Rondo wahrlich prestissimo. Den Baß spielte er meistens anders als es stand, und bisweilen machte er eine ganz andere Harmonie und auch Melodie. Es ist auch nicht anders möglich in der Geschwindigkeit; die Augen können es nicht sehen und die Hände nicht greifen. Ja, was ist denn das? so ein prima vista spielen und – ist bey mir einerley. Die Zuhörer (ich meine diejenigen, die würdig sind, so genannt zu werden) können nichts sagen, als daß sie Musik und Clavierspielen – gesehen haben. Sie hören, denken und – empfinden so wenig dabey – als er. Sie können sich leicht vorstellen, daß es nicht zum Ausstehen war, weil ich es nicht gerathen konnte ihm zu sagen: Viel zu geschwind. Übrigens ist es auch viel leichter, eine Sache geschwind, als langsam zu spielen; man kann in Passagen etliche Noten im Stiche lassen, ohne daß es Jemand merkt; ist es aber schön? – Man kann in der Geschwindigkeit mit der rechten und linken Hand verändern, ohne daß es jemand sieht oder hört; ist es aber schön? – Und in was besteht die Kunst, prima vista zu lesen? In diesem: das Stück im rechten Tempo, wie es seyn soll, zu spielen, alle Noten, Vorschläge etc. mit der gehörigen Expression und Gusto, wie es steht, auszudrücken, so daß man glaubt, derjenige hätte es selbst componirt, der es spielt. Seine Applicatur ist auch miserabel: der linke Daumen ist wie beym seligen Adlgasser, und alle Läufe herab mit der rechten Hand macht er mit dem ersten Finger und Daumen.


Daraus spricht eine starke Abneigung gegen den berühmten Mann, aus der Mozart auch sonst nie ein Hehl gemacht hat120. Persönlich hatte er sich über ihn nicht zu beklagen; »der Herr Vogler hat absolument mit mir recht bekannt werden wollen«, schreibt er dem Vater (17. Januar 1778)121, »indem er mich schon so oft geplagt hatte, zu ihm zu kommen, so hat er endlich doch seinen Hochmut besiegt und hat mir die erste Visite gemacht«. Neid kann der Grund von Mozarts Antipathie nicht gewesen sein, denn von diesem Musikantenlaster war er zeitlebens gänzlich frei. Auch die Abneigung des Orchesters gegen Vogler scheint ihn, wenigstens nicht in erster Linie, zu seinem Verhalten bestimmt zu haben. Dieses betrachtete Vogler als einen Eindringling, der seine angenehme Stellung in Mannheim erschlichen, anderer Rechte gekränkt habe und gegen verdiente Männer wie Holzbauer Ränke spinne: man fand seine violetten Strümpfe, die ihm als päpstlichem Protonotar zukamen, bizarr122, und daß er in Gesellschaften mit seinen Musikalien ein Gebetbuch mitschickte, daß er seine Besuche oft warten ließ, bis er seine Gebete verrichtet hatte, sah man als Aufspielerei an123; man klagte über seinen Hochmut, der nichts gelten lassen wollte, und fand seine eigenen Leistungen weit unter den Erwartungen, die er selbst rege machte. So war das Urteil über ihn in den Kreisen, die Mozart befreundet waren. Persönlich mag ihn allerdings der eitle und komödiantenhafte Zug in Voglers Wesen abgestoßen haben124. Vogler hatte viel von der Welt gesehen und sich dabei [476] eine nicht unbeträchtliche allgemeine Bildung angeeignet. Aber er ist mit dem, was in seinem Innern gärte, niemals fertiggeworden und zeitlebens eine unharmonische Erscheinung geblieben. Auch das mag Mozarts Abneigung erklären, wie es andererseits die Begeisterung des jungen Schumann begreiflich erscheinen läßt. In Voglers Kunst steht der Scharlatan dicht neben dem wirklichen Künstler, Unausgeglichenes, ja Geschmackloses neben Bedeutendem, Rückständiges neben Dingen, die erst eine spätere Zukunft würdigen und weiterspinnen sollte. Kein Wunder, daß dieser Künstler sich in allen Sätteln gerecht fühlte: neben äußerlichen Modestücken, wie seinem als Seitenstück zu Beethovens Pastoralsinfonie wichtigen Hirtengemälde mit Sturm für die Orgel und seiner Chorode »Lob der Harmonie« steht seine trotz aller Scholastik doch charaktervolle C-Dur-Sinfonie von 1815 und namentlich seine Kirchenmusik, die, von einigen Seitensprüngen ins Demagogische abgesehen, sein übriges Schaffen, auch das dramatische, entschieden übertrifft. Besondere Bedeutung kommt ihm endlich als Theoretiker und Schulhaupt zu: J.H. Knecht, Danzi, P. Winter, Gänsbacher, C.M.v. Weber und G. Meyerbeer sind seine Schüler gewesen, was doch immerhin eine bedeutende Persönlichkeit voraussetzt. In der Geschichte der jungen Romantik spielt Vogler somit eine nicht wegzuleugnende, wichtige Rolle, war er doch einer der wenigen, die zu jener Zeit mit Nachdruck auf die Bedeutung der nationalen Volksmusik einzelner Länder, z.B. der nordischen und slawischen, hingewiesen haben.

Mozart war, wie wir sahen, schon damals durchaus nicht der Mann, der sich selbst von guten Freunden in seinem künstlerischen Urteil bestimmen ließ. Jenes zwiespältige Wesen Voglers stieß seine ebenso ehrliche wie harmonische Natur von Anfang an ab; daß die Freunde seine Ansicht teilten, war ihm sicher erfreulich, aber nur als Bestätigung des eigenen Eindrucks. Wir müssen uns schon bei seinem Urteil beruhigen, wenn es in seiner echt Mozartschen Schärfe diesmal auch über das Ziel hinausschießt125. Daß er damit nicht hinter dem Berge hielt und sich auch dementsprechend benahm, versteht sich bei Mozarts Art von selbst. Ebenso gewiß ist freilich, daß Vogler sich dadurch empfindlich gekränkt fühlte. L. Mozart dachte in seinem Mißtrauen natürlich sofort wieder an ein geheimes »Entgegenarbeiten« Voglers, indessen geben Wolfgangs Briefe dafür keinen Anhalt126. Zu Voglers damaligem Mannheimer Anhang gehörtePeter Winter (1755 bis 1826), seit 1775 Violinist in der Kapelle. Er war »Voglers beinahe einziger Freund und Gesellschafter, wenigstens Herzensfreund«, und man bedauerte, daß er dessen Eitelkeit täglich Opfer brachte127, obgleich er selbst später nie Voglers Schüler genannt sein wollte128. Er scheint damals eine Abneigung gegen Mozart gefaßt zu haben, die dieser später empfindlich fühlen mußte.

[477] Den übrigen Mitgliedern der Kapelle wurde Mozart durch diese Stellung Vogler gegenüber nur noch vertrauter. Wendling dachte mit Ramm in den Fasten nach Paris zu reisen, wohin ihnen der Fagottist Ritter vorangehen sollte; sie wollten dort gemeinschaftlich Konzerte geben; ein Komponist und Klavierspieler wie Wolfgang war für sie der wünschenswerteste Gesellschafter, und Wendling schlug ihm vor, mitzugehen. Hier taucht also zum ersten Male der Plan einer Pariser Reise auf. Wolfgang ging sofort darauf ein und schrieb dem Vater (3. Dezember 1777129):


Wenn ich hier bleibe, so soll ich in der Fasten en compagnie mit Hrn. Wendling, Ramm Oboist, welcher sehr schön bläst, Herrn Ballettmeister Lauchery130 nach Paris. Hr. Wendling versichert mich, daß es mich nicht gereuen wird. Er war zweymal in Paris, er ist erst zurückkommen. Er sagt: das ist noch der einzige Ort, wo man Geld und sich recht Ehre machen kann; Sie sind ja ein Mann, der alles imstande ist. Ich will Ihnen schon den rechten Weg zeigen. Sie müssen opera seria, comique, oratoire und Alles machen. Wer ein paar Opern in Paris gemacht hat, bekommt etwas gewisses das Jahr. Hernach ist das Concert spirituel, Académie des amateurs, wo man für eine Sinfonie 5 Louisdors bekömmt. Wenn man Lektion giebt, so ist der Brauch für 12 Lektionen 3 Louisdor. Man läßt hernach Sonaten, Trio, Quatuor stechen per souscription. Der Cannabich, Toeschi, die schicken viel von ihrer Musique nach Paris. Der Wendling ist ein Mann der das Reisen versteht. Schreiben sie mir Ihre Meynung darüber, ich bitte Sie. Nützlich und klug scheint es mir, ich reise mit einem Mann der Paris (wie es jetzt ist) in und auswendig kennt; denn es hat sich viel verändert. Ich gebe noch so wenig aus, ja ich glaube, daß ich nicht halb so viel depensire, weil ich nur für mich zu bezahlen habe, indem meine Mama hier bleiben würde und glaublicherweise bei Wendling im Hause. Den 12. dieses wird Hr. Ritter, der den Fagott sehr schön bläst, nach Paris reisen. Wenn ich nun allein gewesen wäre, hätte ich die schönste Gelegenheit gehabt; er hat mich selbst angesprochen. Der Ramm, Oboist, ist ein recht braver, lustiger, ehrlicher Mann, etwa 35 Jahr, der schon viel gereist ist und folglich viel Erfahrung hat. Die ersten und besten von der Musique hier haben mich sehr lieb und eine wahre Achtung, man nennt mich nie anderst als Hr. Kapellmeister.


Die Mutter war diesem Gedanken nicht abgeneigt; sie schreibt ihrem Manne (11. Dezember 1777)131:


Wegen den Wolfgang seiner Reise nach Paris mußt Du es bald bedenken, ob es Dir recht ist; es ist bey dieser Zeit nirgends nichts zu machen als zu Paris. Monsieur Wendling ist ein ehrlicher Mann, den jedermann kennt, er ist viel gereist und schon über 13 mal zu Paris gewesen, er kennt es inwendig und auswendig, und unser Freund Hr. von Grimm ist auch sein bester Freund, welcher ihm viel gethan hat. Also kannst Du Dich entschließen, was Du willst ist mir auch recht. Der Herr Wendling hat mich versichert, er will gewiß Vater über ihm seyn, er liebt ihm wie seinen Sohn, und solle so gut bey ihm aufgehoben seyn wie bey mir. Daß ich ihn selbst nicht gern von mir lasse, das kannst Du Dir einbilden und [wenn] ich allein nach Haus reisen müßte, so einen weiten Weg: das ist mir auch nicht lieb; allein was ist zu thun? einen so weiten Weg nach Paris zu machen ist für mein Alter [478] beschwerlich und zu theuer. Dann einen vierten Theil bezahlt man leichter als alles allein.


Um diesen Plan auszuführen, war die notwendige Bedingung, daß Wolfgang in Mannheim blieb. Sein erstes Bestreben war denn auch darauf gerichtet, sich dem Kurfürsten für eine Anstellung in der Kapelle zu empfehlen, und seine Freunde waren ihm dabei ernstlich behilflich. Gleich nach seiner Ankunft führte ihn, wie er berichtet (4. November 1777), Holzbauer beim Intendanten Graf Savioli ein, wo zufällig auch Cannabich anwesend war132.


Hr. Holzbauer sagte auf welsch zum Grafen, daß ich möchte die Gnade haben, mich bey seiner Churfürstl. Durchlaucht hören zu lassen; ich bin schon vor 15 Jahren hier gewesen, ich war dort 7 Jahr alt; aber nun bin ich älter und größer geworden, und so auch in der Musik. Ah, sagte der Graf, das ist der – –, was weiß ich, für wen er mich hielt. Da nahm aber gleich der Cannabich das Wort. Ich stellte mich aber, als wenn ich es nicht hörte, ließ mich mit Andern in Discours ein, ich merkte aber, daß er ihm mit einer ernsthaften Miene von mir sprach. Der Graf sagte dann zu mir: Ich höre, daß Sie so ganz passabel Clavier spielen. Ich machte eine Verbeugung.


Es waren gerade Galatage; am ersten stellte Graf Savioli Wolfgang der Kurfürstin vor, die ihn sehr gnädig aufnahm und sich noch sehr wohl erinnerte, wie er vor fünfzehn Jahren dort gewesen sei, ob sie ihn gleich nicht wiedererkannt hätte. Am dritten Galatag (6. November) war große Akademie bei Hof, in welcher Mozart ein Konzert und vor der Schlußsinfonie »aus dem Kopf« und eine Sonate spielte133.


Der Churfürst, sie und der ganze Hof ist mit mir sehr zufrieden. In der Accademie, alle zwey Mal wie ich spielte, so gieng der Churfürst und sie völlig neben meiner zum Clavier. Nach der Accademie machte Cannabich, daß ich den Hof sprechen konnte. Ich küßte dem Churfürsten die Hand. Er sagte: Es ist jetzt, glaube ich, 15 Jahr, daß Er nicht hier war? – Ja, Ew. Durchlaucht, 15 Jahr, daß ich nicht die Gnade gehabt habe – – Er spielt unvergleichlich. Die Prinzessin, als ich ihr die Hand küßte, sagte zu mir: Monsieur, je vous assure, on ne peut pas jouer mieux.


Auch die Kurfürstin stellte ihm eine Einladung zum Vorspielen in Aussicht, die noch abgewartet werden mußte. Einige Tage darauf erhielt er das fürstliche Geschenk vom Grafen Savioli, eine goldene Uhr im Wert von 20 Karolin, die er mit recht gemischten Gefühlen betrachtete134.

Der Vater war dieser ganzen Entwicklung der Dinge mit der größten Spannung gefolgt. Schon am 1. November 1777 hatte er kategorisch geschrieben135:


[479] Ich wünsche, daß Du in Mannheim etwas zu tun bekommst. Sie spielen immer deutsche Opern, vielleicht bekommst Du eine zu machen? Sollte es geschehen, so weißt Du ohnedem, daß ich Dir das Natürliche, für jedermann leicht faßliche Populäre nicht erst recommandieren darf; das Große, Erhabene gehört zu großen Sachen. Alles hat seinen Platz.


Er dachte offenbar an Singspiele und hatte vonSchweitzers und Holzhauers Tätigkeit noch keine Vorstellung. Bald darauf ließ er sich über den Pariser Plan vernehmen. Wiewohl ein Auftreten Wolfgangs in Paris auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte, so nahm er es doch zunächst nur für den äußersten Fall in Aussicht, da diese Reise große Kosten und Schwierigkeiten verursache. Fürs erste wiederholte er seine alte Mahnung, ohne bestimmte Aussicht auf eine Anstellung ja nicht länger als nötig in Mannheim zu verweilen. Die Freunde könnten für Wolfgang auch in seiner Abwesenheit tätig sein, er selbst sollte sich dagegen auch an anderen Orten hören lassen, um Geld zu verdienen und sich bekannt zu machen. Überall hatte er vorgesorgt und sich erkundigt. Frankfurt undBonn kamen nach seinen Erfahrungen nicht in Betracht, dagegen hoffte er auf Mainz, wo sich durch die Vermittlung des Konzertmeisters Georg Ant. Kreuser Konzerte bei dem kunstbegeisterten Kurfürsten136 und in der Stadt wohl ermöglichen ließen, und aufKoblenz, wo sich Wolfgang bei der Rückkehr von England dem Kurfürsten Clemens durch eine bei der Tafel niedergeschriebene Komposition empfohlen habe. Von diesen Ausflügen könnten sie ja immer wieder nach Mannheim zurückkehren, wenn dort nur Aussicht sei, sich den Winter über zu halten. Im all gemeinen war ihm freilich diese Anhänglichkeit an Mannheim durchaus nicht genehm, während Wolfgang sich durch den dortigen anregenden Verkehr nur allzu willig zum Bleiben bestimmen ließ. Die gehobene Stimmung, in der er sich befand, zeigte ihm auch seine Aussichten in rosigem Lichte. Die Mutter aber ließ sich von dem Sohne und den Freunden bereden und war's zufrieden, wenn man ihr immer wieder klarmachte, der Aufenthalt in Mannheim sei für Wolfgang das Vorteilhafteste.

Anfänglich schien auch alles gut zu gehen. Der Kurfürst befahl Mozart sogar zu seinen natürlichen Kindern137, um seine Meinung über deren musikalische Ausbildung zu hören. Mozart berichtet darüber am 8. November 1777138:


Da sprach ich den Churf. wie meinen guten Freund. Er ist ein recht gnädiger und guter Herr. Er sagte zu mir: »Ich habe gehört, Er hat zu München eine Opera geschrieben.« »Ja, Euer Durchlaucht, ich empfehle mich Euer Durchl. zu höchster Gnad, mein größter Wunsch wäre, hier eine opera zu schreiben; ich bitte auf mich nicht ganz zu vergessen. Ich kann Gott Lob und Dank auch deutsch«, und schmutzte. »Das kann leicht geschehen«. Er hat einen Sohn und drey Töchter. Die [480] älteste und der junge Graf spielen Clavier. Der Churfürst fragte mich ganz vertraut um alles wegen seiner Kinder. Ich redete ganz aufrichtig, doch ohne den Meister zu verachten. Cannabich war auch meiner Meynung. Der Churf. als er gieng, bedankte sich sehr höflich bey mir.


Einige Tage darauf spielte er dort abermals vor dem Kurfürsten, unter anderem aus dem Stegreif eine Fuge über ein gegebenes Thema. Daraufhin wagte er es auf Cannabichs Rat, beim Grafen Savioli anzuklopfen, ob ihn der Kurfürst nicht den Winter über als Musiklehrer seiner Kinder anstellen könnte. Der Graf vertröstete ihn bis nach den Galatagen, und Wolfgang beschloß, zuversichtlich wie immer, weiter abzuwarten. Er nahm 150 Fl. beim Bankier auf und bat sogar den Vater, er möge sich doch keinen »überflüssigen Spekulationen« hingeben. Damit zog er sich allerdings von diesem einen strengen Verweis zu. Man begreift, daß dem Vater dieses Pläneschmieden ohne sichere Grundlage aufs höchste zuwider war; besonders bitter beklagte er sich darüber, daß man ihm von alledem erst nachträglich Kunde gebe und außerdem Geld aufnehme, ohne ihn, der es doch mit Mühe und Schuldenmachen beschaffen müsse, überhaupt zu fragen. Auch die Mutter erhält dabei wegen der versäumten Rechnungsablage einen Seitenhieb. Er sagt in seinem Brief vom 24. November 1777139:


So eine Reise ist kein Spaß; das hast Du noch nicht erfahren. Man muß andere wichtigere Gedanken im Kopf haben als Narrenspossen; man muß hundert Sachen vorauszusehen bemühet sein, sonst sitzt man auf einmal im Dreck, ohne Geld – und wo kein Geld ist, ist auch kein Freund mehr, und wenn Du hundert Lectionen umsonst giebst, Sonaten componirst und alle Nächte statt wichtigern Dingen von 10 bis 12 Uhr Sauereien machst. Begehre dann einen Geld-Credit! Da hört aller Spaß auf einmal auf – und im Augenblicke wird das lächerlichste Gesicht ganz gewiß ernsthaft.


Hierauf erfolgte von der Frau eine sehr summarische Rechnungsablage (11. Dezember 1777)140:


Mein lieber Mann, Du verlangst zu wissen, was wir alles auf der Reise ausgeben. Den Conto von Albert haben wir Dir geschrieben und der von Augsburg ist 300 fl. gewesen. Der Wolfgang hat Dir geschrieben, daß wir 24 fl Schaden haben, er hat aber die Unkosten vom Concert, welche auch 16 fl. gemacht, nicht dazu gerechnet, wie auch den Wirthsconto nicht. Also wie wir nach Mannheim gekommen, haben wir von allem Geld nicht mehr als 60 Gulden gehabt, also in 14 Tägen, wann wir abgereist wären, würde nicht viel übrig geblieben sein. Denn die Reisen kosten als mehrer, seitdem es so theuer gewesen; es ist nicht mehr so wie es gewesen, Du würdest Dich verwundern.


Der gereizte und etwas kleinlaute Ton aber, womit Wolfgang die Vorwürfe seines Vaters zurückweist (29. November 1777), zeigt, daß er ihre Wahrheit fühlte, und wie empfindlich der ernste Hinweis auf seine Pflicht ihn aus dem behaglichen Mannheimer Leben aufstörte141:


[481] Wenn Sie die Ursach meiner Nachlässigkeit, Sorglosigkeit und Faulheit zuschreiben, so kann ich nichts thun als mich für Ihre gute Meinung bedanken und von Herzen bedauern, daß Sie mich, Ihren Sohn, nicht kennen. Ich bin nicht sorglos, ich bin nur auf alles gefaßt und kann folglich alles mit Geduld erwarten und ertragen – wenn nur meine Ehre und mein guter Name Mozart nicht darunter leidet. Nun, weil es halt so seyn muß, so seye es. Ich bitte aber im Voraus sich nicht vor der Zeit zu freuen oder zu betrüben; denn es mag geschehen, was da will, so ist es gut, wenn man nur gesund ist; denn die Glückseligkeit bestehet – bloß in der Einbildung.


Allein auch mit dieser Moralphilosophie war der Vater nicht einverstanden; mit großer Gelassenheit gibt er ihm eine ausführliche Kritik des Satzes, daß das Glück in der Einbildung bestehe, die eines Garve nicht unwürdig wäre, und ruft ihm besonders die Situation in den Sinn, wenn jemand bezahlen solle und kein Geld habe. »Mein lieber Wolfgang, dieser Satz ist nur ein Moralsatz für Menschen, die mit nichts zufrieden sind!«

Wir erfahren nun ausführlicher den Verlauf der Bemühungen beim Kurfürsten. Zunächst sucht Wolfgang den Vater über Cannabichs Gesinnung und Verhalten aufzuklären (29. November 1777)142:


Nachmittag [nach der ersten Unterredung mit Savioli] war ich bey Cannabich, und weil ich auf sein Anrathen zum Grafen gegangen bin, so fragte er mich gleich, ob ich dort war? – Ich erzählte ihm Alles. Er sagte mir: Mir ist es sehr lieb, wenn Sie den Winter bey uns bleiben; aber noch lieber wäre es mir, wenn Sie immer und recht in Diensten wären. Ich sagte: Ich wollte nichts mehr wünschen, als daß ich immer um Sie seyn könnte, aber auf beständig wüßte ich wirklich nicht, wie das möglich wäre. Sie haben schon zwey Kapellmeister, ich wüßte also nicht, was ich seyn könnte, denn dem Vogler möchte ich nicht nachstehen! Das sollen Sie auch nicht, sagte er, hier steht kein Mensch von der Musik unter dem Kapellmeister, nicht einmal unter dem Intendant. Der Churfürst könnte Sie ja zum Kammer-Compositeur machen. Warten Sie, ich werde mit dem Grafen darüber sprechen. – Donnerstag darauf war große Accademie; als mich der Graf gesehen hatte, bat er mich um Verzeihung, daß er noch nichts geredet hat, indem jetzt die Gallatag sind, sobald aber die Galla vorbey sein wird, nämlich Montag, so wird er gewiß reden. Ich ließ 3 Täg vorbey gehen und als ich gar nichts hörte, so ging ich zu ihm, um mich zu erkundigen. Er sagte: Mein lieber Mr. Mozart (das war Freytag, nämlich gestern), heut war Jagd, mithin habe ich den Churfürsten ohnmöglich fragen können; aber morgen um die Zeit werde ich Ihnen gewiß eine Antwort sagen können. Ich bat ihn, er möchte doch nicht vergessen. Die Wahrheit zu gestehen, so war ich, als ich wegging, ein wenig aufgebracht, und entschloß mich also, meine leichteste 6 Variat. über den Fischer-Menuett, die ich schon eigenst wegen dies hier aufgeschrieben habe, dem jungen Grafen zu bringen, um Gelegenheit zu haben, mit dem Churfürsten selbst zu reden. Als ich hin kam, so können Sie sich die Freude nicht vorstellen von der Gouvernante. Ich ward sehr höflich empfangen; als ich die Variationen herauszog und sagte, daß sie für den Grafen gehören, sagte sie: O, das ist brav, aber Sie haben ja doch für die Comtesse auch was? – Jetzt noch nicht, sagte ich, wenn ich aber noch so lange hier bleibe, [482] daß ich etwas zu schreiben Zeit habe, so werde ich – A propos, sagte sie, das freut mich, Sie bleiben den ganzen Winter hier. – Ich? da weiß ich nichts! – Das wundert mich, das ist curios. Mir sagte es neulich der Churfürst selbst. A propos, sagte er, der Mozart bleibt den Winter hier. – Nu, wenn er es gesagt hat, so hat es derjenige gesagt, der es sagen kann; denn ohne den Churfürsten kann ich natürlicher Weise nicht hier bleiben. Ich erzählte ihr nun die ganze Geschichte. Wir wurden eins, daß ich morgen, als heute nach 4 Uhr, hinkommen würde und für die Comtesse etwas mitbringen würde. Sie werden, ehe ich komme, mit dem Churfürsten reden, und ich werde ihn noch antreffen. Ich bin heut hingegangen, aber er ist heut nicht gekommen. Morgen werde ich aber hingehen. Ich habe für die Comtesse ein Rondeau gemacht. Habe ich nun nicht Ursache genug, hier zu bleiben und das Ende abzuwarten? – Sollte ich etwa jetzt, wo der größte Schritt gethan ist, abreisen? – Jetzt habe ich Gelegenheit, mit dem Churfürsten selbst zu reden. Den Winter, glaube ich, werde ich wohl vermuthlich hier bleiben; denn der Churfürst hat mich lieb, hält viel auf mich, und weiß, was ich kann. Ich hoffe, Ihnen im künftigen Brief eine gute Nachricht geben zu können. Ich bitte Sie noch ein Mal, sich nicht zu früh zu freuen, oder zu sorgen, und die Geschichte keinem Menschen als Hrn. Bullinger und meiner Schwester zu vertrauen.


Allein so rasch ging diese Angelegenheit nicht vorwärts; in seinem nächsten Briefe (3. Dezember 1777) konnte Wolfgang dem Vater nur von mancherlei Vorfällen berichten, die einen guten Ausgang zu versprechen schienen143:


Vergangenen Montag hatte ich das Glück, nachdem ich 3 Täge nach einander Vor- und Nachmittags zu den natürlichen Kindern hingegangen, den Churfürsten endlich anzutreffen. Wir haben zwar alle geglaubt, es wird die Mühe wieder umsonst seyn, weil es schon spät war, doch endlich sahen wir ihn kommen. Die Gouvernante ließ gleich die Comtesse zum Claviere sitzen, und ich setzte mich neben ihr und gab ihr Lektion, und so sah uns der Churfürst, als er herein kam. Wir stunden auf; aber er sagte, wir sollten fortmachen. Als sie ausgespielt hatte, nahm die Gouvernante das Wort und sagte, daß ich ein so schönes Rondeau geschrieben hätte. Ich spielte es; es gefiel ihm sehr. Endlich fragte er: Wird sie es aber wohl lernen können? – O ja, sagte ich, ich wollte nur wünschen, daß ich das Glück hätte, ihr es selbst zu lernen. Er schmutzte und sagte: Mir wäre es auch lieb; aber würde sie sich nicht verderben, wenn sie zweyerley Meister hätte? – Ach nein, Ew. Durchlaucht, sagte ich, es kommt nur darauf an, ob sie einen guten oder schlechten bekommt. Ich hoffe, Ew. Durchlaucht werden nicht zweifeln – werden Vertrauen auf mich haben – – O das ganz gewiß, sagte er. Nun sagte die Gouvernante: Hier hat auch Mr. Mozart Variat. über den Menuett von Fischer für den jungen Grafen geschrieben. Ich spielte sie, sie haben ihm sehr gefallen. Nun scherzte er mit der Com tesse, da bedankte ich mich für das Präsent. Er sagte: Nun, ich werde darüber denken; wie lang will Er denn hier bleiben? – So lange Ew. Durchlaucht befehlen, ich habe gar kein Engagement, ich kann bleiben so lange Ew. Durchlaucht befehlen. Nun war alles vorbey. Ich war heute Morgens wieder dort, da sagte man mir, daß der Churfürst gestern abermals gesagt hat, der Mozart bleibt diesen Winter hier. Nun sind wir mittendrin, warten muß ich doch. Heut zum 4. Mal [483] habe ich bey Wendling gespeist. Vor dem Essen kam Graf Savioli mit dem Kapellmeister Schweitzer, der gestern Abends angekommen, hin. Savioli sagte zu mir: ich habe gestern abermal mit dem Churfürsten gesprochen, er hat sich aber noch nicht resolvirt. Ich sagte zu ihm, ich muß mit Ihnen ein paar Worte sprechen. Wir gingen ans Fenster. Ich sagte ihm den Zweifel des Churfürsten, beklagte mich, daß es gar so lange hergeht, daß ich schon so viel hier ausgegeben, bat ihn, er möchte doch machen, daß mich der Churfürst auf beständig nehme, indem ich fürchte, daß er mir den Winter so wenig geben wird, daß ich etwa gar nicht hier bleiben kann; er soll mir Arbeit geben, ich arbeite gern. Er sagte mir, er wird es ihm gewiß proponiren; heute Abends könnte es zwar nicht seyn, indem er heute nicht nach Hof kommt; aber morgen verspricht er mir gewisse Antwort. Nun mag geschehen, was will. Behaltet er mich nicht, so dringe ich auf ein Reisegeld; denn das Rondeau und die Variationen schenke ich ihm nicht. Ich versichere Sie, daß ich so ruhig bey der Sache bin, weil ich gewiß weiß, daß es nicht anders als gut gehen kann, es mag geschehen was will, ich habe mich völlig in Willen Gottes ergeben.


Aber auch in den nächsten Tagen war vom Kurfürsten keine andere Antwort herauszubringen als mit Achselzucken: Ich bin noch nicht resolviert. Endlich konnte Mozart seinem Vater das Resultat aller Verhandlungen berichten: es war so, wie es dieser immer vermutet hatte (10. Dezember 1777)144:


Hier ist dermalen nichts mit dem Churfürsten. Ich war vorgestern in der Accademie bey Hof, um eine Antwort zu bekommen. Der Graf Savioli wich mir ordentlich aus, ich ging aber auf ihn zu, als er mich sahe, schupfte er die Achseln. Was, sagte ich, noch keine Antwort? – Bitte um Vergebung, sagte er, aber leider nichts. – Eh bien, sagte ich, das hätte mir der Churfürst eher sagen können. – Ja, sagte er, er hätte sich noch nicht resolvirt, wenn ich ihn nicht dazu getrieben und ihm vorgestellet hätte, daß Sie schon so lange hier sitzen und im Wirtshaus Ihr Geld verzehren. – Das verdrießt mich auch am meisten, versetzte ich, das ist gar nicht schön. Übrigens bin ich Ihnen, Herr Graf (denn man heißt ihn nicht Eccellenz) sehr verbunden, daß Sie sich so eifrig für mich angenommen haben und bitte, sich im Namen meiner beym Churfürsten zu bedanken für die zwar späte, doch gnädige Nachricht, und ich versicherte ihn, daß es ihn gewiß niemalen gereuet hätte, wenn er mich genommen hätte. – O, sagte er, von diesem bin ich mehr versichert als Sie es glauben.


Die unerwartete Wendung machte auf die Mannheimer Freunde einen ebenso unangenehmen Eindruck wie auf Mozart. Er ging zu Cannabich und erzählte, da dieser auf der Jagd war, der Frau die ganze Sache.


Als die Mlle. Rose, welche 3 Zimmer weit entfernt war und just mit der Wäsch umging, fertig war, kam sie herein und sagte zu mir: Ist es Ihnen jetzt gefällig? denn es war Zeit zur Lection. – Ich bin zu Befehl, sagte ich. – Aber, sagte sie, heut wollen wir recht gescheut lernen. – Das glaub ich, versetzte ich, denn es dauert so nicht mehr lang. – Wie so? wie so? warum? – Sie ging zu ihrer Mama und die sagte es ihr. Was? sagte sie, ist es gewiß? ich glaube es nicht. – Ja, ja gewiß, sagte [484] ich. Sie spielte darauf ganz serieuse meine Sonate; hören Sie, ich konnte mich des Weinens nicht enthalten; endlich kamen auch der Mutter, Tochter und dem Herrn Schatzmeister die Tränen in die Augen, denn sie spielte just die Sonata und das ist das Favorit vom ganzen Hause. Hören Sie, sagte der Schatzmeister, wenn der Hr. Kapellmeister (man nennt mich hier nie anderst) weggeht, so macht er uns alle weinen. – Ich muß sagen, daß ich hier sehr gute Freunde habe, denn in solchen Umständen lernet man sie kennen.


Besonders Wendling kam dieses Ergebnis sehr unerwünscht; als Mozart es ihm mitteilte, wurde er »völlig rot und sagte ganz hitzig: da müssen wir Mittel finden, Sie müssen hier bleiben, die zwei Monate aufs wenigste, bis wir hernach miteinander nach Paris gehen«. Als Wolfgang am nächsten Tag zu ihm zu Tisch kam, machte er ihm einen Vorschlag, der sehr befriedigend schien. Ein Holländer (Dejean oder Dechamps), der von seinem Gelde lebte, »der Indianer« genannt, Wolfgangs Freund und Verehrer, wollte ihm für drei kleine, leichte und kurze Konzerte und ein paar Quattros auf die Flöte 200 fl. geben, Cannabich würde für wenigstens zwei gut bezahlende Schüler sorgen, dazu sollte er Duette für Klavier und Violine per souscription stechen lassen. Die Tafel bot er ihm mittags und abends bei sich an, Quartier gab ihm der Hofkammerrat Serrarius. Mozart war froh in der Aussicht, nun doch in Mannheim bleiben zu können, und meinte, er werde die zwei Monate hindurch genug zu schreiben haben, drei Konzerte, zwei Quartette, vier oder sechs Duetti »auf das Klavier«, und dann denke er eine neue, große Messe zu machen und dem Kurfürsten zu präsentieren. Gleich am folgenden Tage machte er sich auf, um ein kleines und billiges Quartier für die Mutter auszusuchen.

Dem Vater, der es ganz natürlich fand, daß ihn Wendling zu halten suchte, da sie einen Vierten zur Reise brauchten und keinen Besseren finden könnten, war es schon eine Beruhigung, daß er nur wieder klar die Verhältnisse durchschaute. Er war zufrieden, wenn die Reise nicht in der Winterkälte fortgesetzt werden mußte, und meinte ebenfalls, der Plan ließe sich ausführen, wenn man des Holländers sicher wäre; wäre dies aber nicht der Fall, müßten sie gleich nach Mainz aufbrechen. In keinem Fall aber sollten Sohn und Mutter sich trennen. »So lange die Mama dableibt, so lang sollst Du bey ihr bleiben«, schreibt er (18. Dezember 1777), »Du sollst und mußt die Mama nicht allein Trübsal blasen und anderen Leuten überlassen, so lange sie bei Dir und Du bei ihr bist«. Auf die paar Gulden, die ein größeres Quartier koste, komme es nicht an, und nach Hause reisen könne die Mutter jetzt nicht. »Unterdessen seye bedacht, daß Du bei ihr bleibest und sie versorgest, daß ihr nichts abgehet, so wie sie für Dich besorget ist.« Dabei dachte er nicht allein an die leibliche Pflege, sondern an die Aufsicht über sein sittliches und religiöses Verhalten. Er war nicht ohne Sorge und schrieb (15. Dezember 1777)145:


[485] Darf ich wohl fragen, ob Wolfgang nicht auf das Beichten vergessen hat? Gott geht vor allem! von dem müssen wir unser zeitliches Glück erwarten und für das ewige immer Sorge tragen; junge Leute hören dergleichen Sachen nicht gerne, ich weiß es, ich war auch jung; allein, Gott sei Dank gesagt, ich kam doch bey allen meinen jugendlichen Narrenspossen immer wieder zu mir selbst, flohe alle Gefahren meiner Seele und hatte immer Gott und meine Ehre und die Folgen, die gefährlichen Folgen vor Augen.


Die Mutter beruhigte ihn, daß Wolfgang zu Mariä Empfängnis gebeichtet habe, und daß sie freilich an den Wochentagen nicht regelmäßig, Sonntags aber immer die Messe hörten, und zwar Wolfgang in der Hofkirche. Auch dieser rechtfertigte sich, nicht ohne Empfindlichkeit (20. Dezember 1777)146:


Ich habe geschrieben, daß mir Ihr letzter Brief viel Freude gemacht hat, das ist wahr! nur eines hat mich ein wenig verdrossen – die Frage, ob ich nicht das Beichten etwa vergessen habe! – Ich habe aber nichts dawider einzuwenden, nur eine Bitte erlauben Sie mir, und diese ist, nicht gar so schlecht von mir zu denken! Ich bin gern lustig, aber seyen Sie versichert, daß ich trotz einem jeden ernsthaft seyn kann. Ich habe, seit ich von Salzburg weg bin (und auch in Salzburg selbst) Leute angetroffen, wo ich mich geschämt hätte, so zu reden und zu handeln, obwohlen sie 10, 20 und 30 Jahre älter waren als ich! Ich bitte Sie also nochmal und recht unterthänig, eine bessere Meinung von mir zu haben.


Unter diesen Umständen kam ihnen das Anerbieten des Hofkammerrats Serrarius sehr gelegen, beiden Wohnung, Holz und Licht zu geben, wogegen Wolfgang die Tochter zu unterrichten hatte. Die Mutter, die im Wirtshaus, da Wolfgang seinen Geschäften nachging, viel allein geblieben war, befand sich dort ungemein wohl. Sie hatten schöne Betten, gute Bedienung, abends speiste sie mit der Frau und Tochter und plauderte mit ihnen bis halb 11 Uhr, fast den ganzen Nachmittag sollte sie dasein. Die fünfzehnjährige Tochter Therese Pierron, die schon acht Jahre Klavier spielte, scheint Wolfgang nicht durch hervorragendes Talent angezogen zu haben, denn es ist von der »Hausnymphe« selten die Rede. Indessen studierte er ihr doch eins seiner Konzerte ein, das sie in einer großen Gesellschaft bei ihren Eltern vortrug; später spielte sie in der Akademie bei seinem Konzert für drei Klaviere das dritte und leichteste. Vor seinem Abschied aus Mannheim komponierte er (11. März 1778) auch eine Klaviersonate mit Violinbegleitung für sie (K.-V. 296, S. XVIII. 24). Dem jungen Danner gab er Unterricht im Komponieren, dafür speiste die Mutter dort zu Mittag; er selbst fand seine Kost bei Wendlings. »Der Wolfgang«, schrieb sie ihrem Mann, »hat so viel zu tun mit Komponieren und Lektiongeben, er hat nicht Zeit jemand eine Visite zu machen. Du siehst also, daß wir diesen Winter kommod hier verbleiben, und dies alles hat Mr. Wendling gemacht, der den Wolfgang wie seinen eigenen Sohn liebt«. Dieser gibt dem Vater selbst folgenden Bericht über seinen täglichen Lebenslauf (20. Dezember 1777)147:


[486] Vor 8 Uhr können wir nicht aufstehen, denn in unserem Zimmer (weil es zu ebner Erd ist) wird es erst um 1/29 Uhr Tag. Dann ziehe ich mich geschwind an; um 10 setze ich mich zum Componiren bis 12 Uhr oder 1/21 Uhr; dann gehe ich zum Wendling, dort schreibe ich noch ein wenig bis 1/22 Uhr, dann gehen wir zu Tisch. Unterdessen wird es 3 Uhr, dann muß ich in maynzischen Hof zu einem holländischen Offizier [de la Potrie], um ihm in Galanterie und Generalbaß Lection zu geben, wofür ich, wenn ich nicht irre, 4 Ducaten für 12 Lectionen habe. Um 4 Uhr muß ich nach Haus, um die Tochter zu instruiren; da fangen wir vor 1/25 Uhr niemal an, weil man auf die Lichter wartet. Um 6 Uhr gehe ich zum Cannabich und lehre die Mlle. Rose; dort bleibe ich beym Nachtessen, dann wird diskurirt oder bisweilen gespielt, da ziehe ich aber allezeit ein Buch aus meiner Tasche und lese – wie ich es zu Salzburg zu machen pflegte.


Die Mutter konnte also mit Recht dem Vater schreiben, der Wolfgang habe so viel zu tun, daß er nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe, und mit gerechter Befriedigung durfte sie hinzufügen (14. Dezember 1777), er könne sich nicht vorstellen, wie der Wolfgang bei der Musik und bei anderen hochgeschätzt werde; alle sagten, daß er seinesgleichen nicht habe, und seine Kompositionen würden völlig vergöttert. Um dieselbe Zeit wurde berichtet, Wolfgangs Bart mache sich nun so bemerklich, daß er abgenommen werden müsse, und auf die Frage des Vaters, ob der Bart weggeschnitten, weggebrannt oder gar wegrasiert werde, gewissenhaft geantwortet: »Noch ist der Bart nicht barbiert worden, sondern mit dem Scheerl geschnitten; es wird sich aber nicht mehr tun lassen, mit nächstem wird der Barbier herhalten müssen.«

Der schon in München gehegte und in Mannheim nur noch dringlicher gewordene Wunsch, eine deutsche Oper zu schreiben, war in Mannheim nicht in Erfüllung gegangen. Da eröffnete sich Mozart mit einem Male die Aussicht, in Wien zum Ziele zu gelangen. Am 10. Januar 1778 schreibt er dem Vater darüber148: