München.

[105] Den folgenden Morgen bracht' ich in der Bibliothek zu. Des Mittags hatte ich das Vergnügen bey Signora Mingotti zu essen, die auch mir zu Gefallen den Pater Kenedy gebeten hatte, einen würdigen Schottländer von wahrer Gelehrsamkeit und Verstande. Nach Tische gabs Gelegenheit zu einer langen feurigen Unterredung; denn die Mingotti ist lebhaft, beredt und hat vielles[105] gelernt. Sie erzählte ihre Begebenheiten in Spanien und andern Weltgegenden, und machte mit unter Anmerkungen, die Musik betreffend, worüber man sie unmöglich sprechen hören kann, ohne von ihr zu lernen, weil sie diese Materie mit ungemeiner Gründlichkeit, Deutlichkeit und Klarheit behandelt.

Von hier ging ich, das churfürstl. Theater zu besehen, wo des Winters die grossen Opern aufgeführt werden. Es ist nicht groß, denn es hat nur zwey Ranglogen, und in jedwedem Range funfzehn; es ist aber reicher ausgeziert, als ich noch eins gesehen habe.

Des Donnerstags war der Pater Kenedy so gefällig, mich nach der Akademie zu führen, woselbst er mir alles Sehenswürdige an Maschinen, mathematischen Instrumenten, Modellen, Mineralien, Fossilien u. dergl. zeigte. Was aber am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, weil es zunächst mein Geschäft wo nicht mein Gemüth berührte, war eine Sammlung von sechs und dreissig Tausend Abhandlungen und Dissertations über allerley Materien, welche in ungefehr neunhundert Bänden gebunden war. Man hatte sie für den gegenwärtigen Churfürsten zu Leipzig gekauft. Ein Register über die Autoren ist dabey, aber das Sachregister ist noch nicht fertig. Man hats angefangen, es geht aber noch nicht weiter, als bis zum Buchstaben M., und dieses war der Pater Kenedy, der an der Spitze der Akademie steht, so gefällig, mir zu leihen.[106] Dieses Institut ist erst vor ungefehr eilf Jahren gegründet. Die Gesellschaft hat indessen schon verschiedene Bände von ihren Verhandelungen drucken lassen, und sie scheint itzt sehr lebhaft im Gange zu seyn.

Heute hatte ich die Ehre, beym Herrn de Visme zu Mittage zu essen, der nach Tische so gütig war, mit mir nach dem Jesuitercollegio zu gehen, woselbst ich eine besondre Erkundigung einzuziehen hatte, die nicht allein meine Historie der Musik, sondern auch ihren gegenwärtigen Zustand anging. Auf meiner Reise durch Deutschland hatte ich zum öftern in den Kirchen und auf den Gassen Sänger gefunden, die man immer arme Schüler nannte, und ich konnte niemals ausfindig machen, wie und von wem solche in der Musik unterwiesen würden, bis ich hier kam. Herr de Visme, welcher nichts aus der Acht ließ, wovon er glaubte, es könne zu meinem Zwecke irgend Etwas beytragen, sagte mir, daß man im Jesuitercollegio eine Musikschule hätte. Dies erregte meine Neugierde und ließ mich vermuthen, daß es eine Art von Conservatorio sey; und nach genauerer Erkundigung ward ich gewahr, daß die armen Schüler die ich an so vielen Orten Deutschlands hatte singen gehört, allemal da, wo die römisch-catholische Religion herrschte, ihren Unterricht im Jesuitercollegio empfingen, und ferner erfuhr ich, daß durchs ganze Reich, in den Städten, wo die Jesuiten eine Kirche oder Collegium besitzen, junge Kinder auf Instrumenten und im Singen unterwiesen[107] werden. Hier hat mancher Musikus den ersten Grund zu dem Ruhme gelegt, den er sich nachher erworben. Dies mag gewissermassen die Menge von Musicis erklären, die man in Deutschland findet, und auch den Nationalgeschmack an der Musik, und die starke Lust zu derselben.

Die Musikschule in München hat achtzig Kinder von ungefehr eilf bis zwölf Jahr alt. Sie lernen Musik, Lesen und Schreiben, und bekommen die Kost aber keine Kleidung. Ein Jesuit, an dem wir uns um Nachricht wendeten, versprach einen Bericht von dieser Stiftung, insofern es zur Geschichte der Musik in Deutschland nöthig seyn möchte, in lateinischer Sprache aufzusetzen, und ihn des folgenden Tages dem Herrn de Wisme zuzusenden; und er hielt Wort. Die Knaben, welche hier aufgenommen seyn wollen, müssen vorher schon Etwas auf irgend einem Instrumente spielen, oder doch sonst einen kleinen Anfang in der Kunst haben, sonst werden sie nicht zugelassen. Sie werden hier im Collegio behalten bis sie zwanzig Jahr alt sind, und während dieser Zeit werden sie von Musikmeistern aus der Stadt unterwiesen, und nicht von den Jesuiten selbst.

Es giebt noch eine andre Art sogenannter armen Schüler, welche dem geistlichen Stande gewidmet sind, und welche die gelehrten Sprachen, die Mathematik und Theologie studiren.

Von hier ging ich in die Burletta, Le finte Gemelli, Farza per musica, a quatro voci, komponirt von Matteo Rauzzini, Bruder[108] des eben so benannten Sängers, und ein junger Mensch, nicht älter als achtzehn Jahre. Die Musik war mehrentheils gemein, aber artig, und in gutem Geschmacke. Die Lodi sang sehr angenehm; ihre Stimme und Figur würde sie zu einer Hauptsängerinn in der ernsthaften Oper machen, wenn sie besser unterwiesen wäre. Ihrer Stimme fehlt nur ein wenig mehr Raum im Durchgange der Kehle; sonst ist sie überhaupt eine vortrefliche Sängerinn, ist hübsch von Gestalt, hat einen guten Vortrag und eine vorzügliche gute Art ihre Töne anzugeben.

Die zwote Sängerinn dieser Gesellschaft, Signora Manservisi, verdient erwähnt zu werden. Ihre Figur ist angenehm, ihre Stimme ist zwar nicht stark, aber doch wohlklingend, sie hat in ihrer Manier nichts gemeines, bleibt im Tone, und beleidigt das Ohr niemals.

Den Signor Fiorini, der heute Abend sang, hatte ich noch nicht gehört. Er ist vielleicht ehedem ein besserer Sänger gewesen, als itzt. Gegenwärtig aber hat weder seine Stimme noch seine Singart das geringste Anziehende, obgleich beydes nichts von den gewöhnlichen Fehlern hat; denn er sang rein, hatte einen Triller und sein Vortrag war nichts weniger als gemein.

Als ich aus der Oper nach Hause ging, hörte ich in der Gasse ein gut Concert; man machte es vor der Thüre des Herrn de Visme, beym Scheine von Fackeln und bey grossem Zulaufe. Als ich darauf nach meinem eignen Gasthofe ging, hörte[109] ich wieder dieselbe Gesellschaft vor meiner Thüre. Auf meine Erkundigung ward mir gesagt, daß es die armen Schüler wären; aber nur erst des andern Tages erfuhr ich, daß dieses Concert dem Herrn de Visme und mir gegolten hatte, weil wir in ihrem Collegio gewesen waren, uns nach der Einrichtung der Stiftung zu erkundigen.

Freytag. Den ganzen Morgen fast brachte ich bey dem Herrn Rauzzini zu. Er war so gefällig, mir eine Menge sehr schöner Arien, in verschiedenen Stylen vorzusingen, worunter verschiedene von seiner eigenen Arbeit waren. Seine Geschicklichkeit im Singen betreffend, deucht mich, ist sein Triller wohl nicht weit genug, und seine Stimme auch, für ein grosses Theater, nicht stark genug. In allem übrigen betrachtet ist er ein reizender Sänger; sein Geschmack ist der neueste und sein; der Ton seiner Stimme süß und klar; Passagen von der allerschweresten Intonation bringt er bewundernswürdig rein, schnell und ungezwungen heraus: und seine Einsicht in die Regeln der Harmonie geht viel weiter, als ich solche noch bey irgend einem grossen Sänger angetroffen habe. Er ist dabey von recht guter Bildung, und man hat ihn mir als einen vortreflichen Akteur gerühmt.

Das übrige des Tages brachte ich in der Churfürstlichen und andern Bibliotheken zu. Des Abends hörte ich abermals die armen Schüler in den Gassen verschiedene vollstimmige Stücke recht gut spielen. Sie hatten Violinen, Hoboen, Waldhörner, ein Violonschell und einen Basson.[110] Ich erfuhr, daß sie oft auf diese Art in den Gassen spielen müßten, um das Publikum, auf dessen Kosten sie unterhalten werden, von ihrem Fleisse im Lernen Beweise zu geben.

Sonnabend, den 22sten. Den ganzen Vormittag war ich im Hause der Signora Mingotti, von der ich Gesprächsweise einen kurzen Abriß ihres musikalischen Lebens erhielt. Ich din fast zweifelhaft, ob es auch so ganz schicklich sey, diese Anecdoten öffentlich bekannt zu machen. Indessen, da sie mir keine Verschwiegenheit aufgelegt hat, und für die Person, die sie betreffen, nichts Nachtheiliges enthalten; so will ichs wagen, sie hier einzuschalten, in der Voraussetzung, daß andre eben so begierig seyn werden, als ich, auch geringe Umstände von wirklichen grossen Leuten zu wissen.

Ihre Eltern waren Deutsche; ihr Vater war ein Officier in österreichischen Dienste, welcher, als er nach Neapel beordert wurde, seine Frau mit dahin nahm, als sie eben schwanger war, und dort von dieser Tochter entbunden wurde. Sie ward indessen, noch ehe sie ein Jahr alt, nach Glatz in Schlesien gebracht. Sie war noch sehr jung, als sie ihren Vater verlohr, und ihr Oheim that sie in ein Ursulinerkloster, wo sie erzogen ward, und den ersten Unterricht in der Musik empfing.

Sie sagte mir, sie erinnre sich, daß sie in ihrer Kindheit so grosse Lust an der Musik gehabt, die man in der Klostercapelle aufgeführt, besonders an einer Lytaney, die an einem Festtage aufgeführt[111] worden, daß sie mit Thränen in den Augen zur Aebtissinn ging, und, vor Furcht, sie möchte böse werden, und es ihr abschlagen, sie zitternd bat, sie möchte sie doch lehren, daß sie auch so auf dem Chore singen konnte, als sie selbst. Die Aebtissinn wies sie damit ab, sie habe den Tag zu viel zu thun, sie wolle aber darauf denken. Den nächsten Tag schickte sie eine der ältesten Nonnen, um sie zu befragen, wer ihr diese Bitte eingegeden hätte, worauf die kleine Regina (so ward sie damals genannt) versetzte, es habe es ihr kein Mensch gesagt, sondern daß es bloß ihre eigne Liebe zur Musik wäre, die ihr den Gedanken eingegeben. Hierauf ließ sie die Aebtissinn hohlen und sagte ihr, daß sie wenig Zeit übrig habe, dennoch aber, wenn sie verspräche, recht fleissig zu seyn, so wolle sie sie selbst das Singen lehren; wobey sie noch sagte, sie könnte ihr bloß eine halbe Stunde des Tages geben; aber sie würde doch bald sehen, was Reginens Fleiß und Fähigkeit verspräche, und darauf würd' es ankommen, ob sie mit ihr fortfahren oder aufhören würde.

Regina war über die Gütigkeit der Aebtissinn ganz ausser sich vor Freuden, welche gleich den folgenden Tag ihren Unterricht à Table sec, wie sie es nannte, anfing; nemlich ohne ein Clavier oder ander Instrument zu Hülfe zu nehmen.12[112]

Auf diese Weise lernte sie die ersten Elemente der Musik, Solfeggiren und die ersten Grundsätze der Harmonie, und mußte den Diskant singen, wozu die Aebtissinn den Baß sang. Sie zeigte mir ein Büchlein, worin alle ihre ersten Lektions geschrieben stunden, die Erklärungen dabey waren auf Deutsch.

Sie blieb in diesem Kloster bis in ihr vierzehntes Jahr, um welche Zeit ihr Oheim starb und sie nach dem Hause ihrer Mutter zurückkehrte. So lang' als ihr Oheim lebte, war sie dem Klosterleben bestimmt; als sie das Kloster verließ, ward sie von ihrer Mutter und ihren Schwestern für ein sehr unnützes und hülfloses Geschöpf gehalten. Sie betrachteten sie als ein seines Frauenzimmer, das in einer Pensionsschule erzogen worden, ohne das geringste von haushälterischen Geschäften zu verstehen. Ihre Mutter wußte auch nicht, was sie mit ihr oder ihrer schönen Stimme anfangen sollte, worüber sowohl sie als die beyden Schwestern ihren Spott hatten, und nicht vorher sahen, daß solche ihrer Besitzerinn noch eines Tages so viel Ehre und Vortheil bringen würde.

Wenige Jahre nachher, als sie das Kloster verlassen hatte, ward ihr Signor Mingotti, ein alter Venetianer, und Entrepreneur der Oper zu Dresden, zur Heyrath vorgeschlagen. Sie konnte ihn nicht ausstehen, aber ließ sich doch endlich überreden, und vielleicht um desto eher, weil sie,[113] wie viele junge Mädchen, glaubte, sie würde durch die Verbindung ihre Freyheit gewinnen.

Man sprach viel von ihrer schönen Stimme und ihrer Art zu singen. Porpora war zu der Zeit im Dienste des Königs von Pohlen zu Dresden; er hatte sie singen gehört, und sprach von ihr bey Hofe, als von einer jungen Person, von der viel zu erwarten stünde. Dieses gab Veranlassung, daß man ihrem Ehemann Vorschläge that, ob sie in Churfürstliche Dienste treten wollte: dieser hatte ihr vor der Heyrath versprochen, daß sie niemals aufm Theater singen sollte; indessen kam er eines Tages zu Hause und fragte sie, ob sie Lust hätte, bey Hofe Dienste anzunehmen. Sie meinte anfangs, er wolle ihrer damit spotten, und gab ihm eine kurze und schnippische Antwort. Da er aber fortfuhr, sie mit dem Vortrage zu quälen, so merkte sie endlich, daß es sein Ernst sey, und daß er wirklich den Auftrag habe. Der Gedanke, eine Sängerinn zu werden und mit ihrer Stimme etwas zu verdienen, gefiel ihr, und sie nahm also mit Freuden einen Contrakt an, der ihr ein kleines jährliches Gehalt, nicht über drey oder vierhundert Gulden versicherte.

Als man bey Hofe ihre Stimme gehört hatte, sagte man, sie hätte die Faustine, die damals noch in den dasigen Diensten war, solche aber eben verlassen wollte, und also auch ihren Ehemann, Hasse, neidisch gemacht; besonders als der Letzte hörte, daß sein alter und beständiger Nebenbuhler, Porpora, monatlich hundert Gulden bekommen[114] sollte, um sie zu unterweisen. Er sagte, dies wäre Porpora's letzter Heller; der Strohhalm, an den er sich noch hielte. Un clou pour s'accrocher. Indessen machten ihre Talente ein solches Aufsehen zu Dresden, daß der Ruf davon nach Neapolis erscholl und sie von daher eine Einladung erhielt, um auf dem grossen Theater zu singen. Um diese Zeit wußte sie noch wenig Italiänisch; sie machte sich aber nunmehro ein ernsthaftes Geschäft daraus, es zu lernen.

Die erste Rolle, worin sie auf dem Theater erschien, war die Aristiäa in der Oper Olimpiade von Galluppi. Montecelli hatte den Megacles. Sie fand bey ihrer ersten Erscheinung eben so viel Beyfall über ihr Agiren als über ihr Singen; sie war kühn und unternehmend. Sie betrachtete den Charakter, den sie vorzustellen hatte, in einem ganz andern Lichte, als andre vor ihr gethan hatten, und wider den Rath alter Akteurs, die es nicht wagten, vom alten Schlendrian abzugehen, spielte sie solche auf eine ganz verschiedene Art, als sie jemand von ihren Vorgängerinnen gespielt hatte. Auf eben diese originelle und herzhafte Art war es, das Garrick das Auditorium im Londoner Theater überraschte und entzückte, und Trotz den eingeschränkten Regeln, welche Unwissenheit, Vorurtheil und Mangel an Genie als Gesetze eingeführt hatten, einen Styl im Agiren und Deklamiren hervorbrachte, welchen seitdem die ganze Nation vielmehr mit Lobgeschrey als mit Beyfall gebilligt hat.[115]

Nach diesem gewiesen Meisterzuge zu Neapolis, erhält Signora Mingotti von allen Gegenden Europens Briefe, welche ihre Vorschläge zu Contracten bey verschiedene Opern thaten; sie hatte damals aber noch nicht die Freyheit, einen davon einzugehen, weil sie verbunden war, nach dem Dresdener Hofe zurückzukehren, von dem sie noch immer einen Gehalt hatte; indessen ward solcher um ein ansehnliches vermehrt, und sie drückt öfters ihre Dankbarkeit gegen diesen Hof aus, und sagt, daß sie demselben allen ihren Ruhm und ihr ganzes Glück zu verdanken hat. Hier mußte sie ihre Rolle in der Olimpiade wiederhohlen, welches mit grossen Beyfall geschahe. Jedermann mußte gestehen, daß ihre Stimme, Vortrag und Aktion vortreflich wären; manche aber glaubten, zum Pathetischen oder Zärtlichen sey sie ganz und gar nicht aufgelegt.

Hasse war itzt im Begriff seinen Demofoonte13 zu komponiren, und sie dachte, daß ers sehr gut mit ihr gemeint habe, da er ihr ein Adagio gab, das die Violinen pizzicato accompagnirten, bloß um ihre Schwäche und Fehler ins Licht zu setzen. Da sie aber den Fallstrick merkte, studirte sie desto emsiger, ihm auszuweichen; und in der Arie: se tutti i mali miei, die sie hermit so grossem Beyfall in England sung, gelang es ihr dergestalt, daß sie selbst die Faustine zum Schweigen brachte. Sir C.S. Williams war[116] hier zu der Zeit Minister vom englischen Hofe, und als ein sehr guter Freund von Hasse und seiner Frau, hatte er ihre Parthie genommen, und öffentlich erkläret, daß die Mingotti gänzlich unfähig wäre eine langsame und pathetische Arie zu singen. Allein als er sie gehört hatte, that er einen öffentlichen Widerruf, bat sie um Vergebung, daß er an ihrer Fähigkeit gezweifelt hätte, und blieb hernach beständig ihr Freund und Gönner.

Von hier reisete sie nach Spanien, woselbst sie unter der Direktion des Signor Farinelli mit Gizziello in der Oper sung. Farinelli, sagte sie, hätte so strenge über Zucht und Ordnung gewesen, daß er ihr nicht erlauben wollte, irgend anderwärts zu singen, als in der Oper bey Hofe, oder sich nur in einem Zimmer, das auf die Gassestieß, zu üben. Sie ward von vielen der vornehmsten des Adels und der Grands von Spanien ersucht, in Privatconcerten zu singen, konnte aber von dem Direktor keine Erlaubniß dazu erhalten; der sogar sein Verbot so weit trieb, daß er einer schwangern Dame vom hohen Stande, das Vergnügen versagte, sie zu hören, ob sie gleich wegen ihrer Schwangerschaft nicht in die Oper kommen konnte, und laut sagte, daß sie nach einer Arie von der Mingotti mit Lusten wäre. Die Spanier haben eine religieuse Ehrerbietung gegen diese unfreywillige und unregelmässige Leidenschaft des Gelüstens, bey Personen weiblichem Geschlechts in dergleichen Umständen, ob solche gleich in andern Ländern nicht für so heilig oder gefährlich[117] gehalten werden mag. Der Gemahl der Dame beschwerte sich also beym Könige über die Grausamkeit des Operndirektors, welcher, wie er sagte, beydes seine Gemahlinn und sein Kind tödten würde, wenn sich Se. Majestät nicht ins Mittel schlügen. Der König verleihete diesen Klagen ein gnädiges Ohr, und befahl, daß die Mingotti die Dame in ihrem Hause empfangen, und ihr da vorsingen sollte, worin Sr. Majestät blindlings gehorcht, und die Lust der Dame gestillt ward. Sonst hätte das Kind vielleicht ein Maal am Körper mit auf die Welt gebracht, das ausgesehen hätte, als ein Blatt Notenpapier, oder hätte wohl gar Zeitlebens eine italiänische Arie aufs Gesicht gedruckt behalten.

Signora Mingotti blieb zwey Jahre in Spanien, und von da kam sie zum Erstenmale nach England. Wie sehr sie damals in der Oper bewundert ward, ist noch in zu frischem Andenken, um es hier anzuführen. Nachher hat sie in allen grossen Städten von Italien gesungen; so lange aber der letzt verstorbene König von Pohlen, August lebte, hielt sie Dresden beständig für ihre Heymath. Nun hat sie sich in München niedergelassen, mehr, meint man, deswegen, weil der Ort wohlfeiler, als weil er ihr der angenehmste ist. Sie hat kein Gehalt, wie gesagt worden, von diesem Hofe, allein sie hat sich so viel ersparet, daß sie bey guter Haushaltung, das Jahr durch rund schiessen kann. Sie scheint auf einem ganz bequemen Fuß zu leben, bey Hofe gut angeschrieben[118] zu stehen, und die Hochachtung aller solcher Personen zu haben, welche fähig sind, ihren Verstand zu beurtheilen, und an ihrem Umgange Vergnügen zu finden.

Es gab mir ein grosses Vergnügen, sie über die praktische Musik sprechen zu hören, welches sie mit eben so vieler Einsicht thut, als irgend ein Maestro di Capella, mit dem ich in meinem Leben gesprochen habe. Ihre Kenntniß vom Singen und ihre Stärke des Ausdrucks in verschiedenerley Arten von Style, gehn noch bis zum Bewundern und müssen jedermann entzücken, der durch Gesang Vergnügen empfinden kann, wenn er auch nicht durch Jugend und Schönheit gehoben wird. Sie spricht drey Sprachen, Deutsch, Französisch und Italiänisch, so richtig und gut, daß es schwer ist zu sagen, welche darunter ihre Muttersprache sey. Sie weiß auch so viel Englisch und Spanisch, daß sie mit jemand darin sprechen kann, und versteht auch Latein; in dem drey erstbesagten Sprachen aber besitzt sie eine wirkliche Wohlredenheit.

Des Nachmittags war der Pater Kenedy abermals so gütig, mit mir nach der Akademie zu gehen, um mir die Abhandlungen unter der grossen Anzahl, die zusammen gebunden sind, aufsuchen zu helfen, die ich mir aus dem Cathalogonusgezeichnet hatte.

Von hier ging ich wieder abgeredetermaassen zur Signora Mingotti. Sie hatte ihren Flügel stimmen lassen, und ließ sich von mir bewegen, ohne alle andre Begleitung fast vier Stundenlang[119] zu singen. Hier eben entdeckte ich ihre vorzügliche Einsichten in die Singekunft. Sie ist ausser aller Uebung, und hasset hier die Musik, wie sie sagt, weil sie selten gut accompagnirt wird, oder gute Zuhörer findet; indessen ist ihre Stimme itzt viel besser, als damals, da sie das Letztemal in England war.

Der Prinz Sapieha, ein Pohle, hatte mit seiner Prinzessinn in eben dem Gasthofe, zum goldnen Hirsche, worin ich logirte, Zimmer genommen. Der Prinz ist sehr musikalisch, und spielt gut auf der Violine. Als ein Mitgast in einem Hause, hatte ich die Ehre ihm ein wenig bekannt zu werden. Herr de Visme war aber so gütig, ihm die Beschaffenheit meiner musikalischen Nachforschungen zu erklären, und ihm zu sagen, wie begierig ich wäre, allerley Art von Nationalmusik zu hören, welches ihn veranlaßte mir die Gewogenheit zu erweisen, und mir sagen zu lassen, wenn ich eines Morgens ungefehr um Neun Uhr zu ihm kommen wollte, würde er mich gern eine Probe von der Musik seines Landes hören lassen, weil es dabey so sehr auf den Bogenstrich ankäme, daß man sich nur einen sehr unvollkommnen Begriff davon machen könnte, wenn man solche bloß auf dem Papiere sähe, und nicht spielen hörte.

Als ich den Tag vor meiner Abreise die Ehre hatte, diesem Prinzen meine Aufwarten zu machen, empfing er mich auf eine sehr verbindliche Art, und ließ sich herab, mir viele sehr artige polnische Stücke vorzuspielen, die er sehr gut ausführte, und denen er einen Ausdruck gab, der zugleich[120] delikat und sonderbar war. Er hatte zwey Deutsche bey sich, die ihm bey diesen Stücken accompagnirten, einer auf der Violine, und der andre auf dem Violonschell. Die Taktart war immer Tripel oder Dreyviertel, und der Schluß lag beständig auf dem zweyten Takttheile, anstatt des Ersten. Als ich ihn aber fragte, ob man gar keine polnische Musik im graden Takte hätte? sagte er, es gäbe einige Cosakische Melodien im Vierzweytheiltakte, die eigentlich zum Tanzen wären, und spielte mir einige davon vor. Zur Begleitung waren beständig drey oder vierstimmige Hauptaccorde, in ganzen Schlägen, oder abwechselnd in Vierteln.

Der Prinz sagte mir, daß man in Pohlen keine andre als italiänische Kirchenmusik habe; und die eigentlich sogenannten Polonoisen werden zum Tanzen geschwinder gespielt, als sonst. Die Kriegsmusik der Pohlen ist der in andern Ländern gleich, und besteht bloß aus Märschen in der gewöhnlichen Tacktart. Ich erkundigte mich nach polnischen Instrumenten, um zu erfahren, ob sie welche hätten, deren Bauart von den unsrigen unterschieden wäre, fand aber, daß sie nichts als Guitarren und Lauten hätten, die an Gestalt und Stimmung von den übrigen etwas abweichen, die anderwärts in Europa bekannt sind. Die Pohlen haben keine andre mit Singen untermischte Schauspiele oder, Opern, als in französischer oder italiänischer Sprache.[121]

Nachdem er mir diese Fragen beantwortet hatte, spielte der Prinz ein sehr artiges Menuet und zwo oder drey Polonoisen von seiner eignen Komposition; und als ich solche ausdrücklich lobte, war er so gütig, mir damit ein Geschenk zu machen. Er gab auch Befehl, daß einige der besten Stücke, die er vorher gespielt hatte, für mich abgeschrieben werden sollten, und schickte mir solche des Abends mit einer Probe von einer Cosakischen Melodie. Und als ich mich von ihm beuhrlaubte, war er so gnädig mir zu sagen, es sollte ihm sehr lieb seyn, mich auf meiner Reise wieder anzutreffen, und mir so viel Dienste zu leisten, als in seinem Vermögen stünde.

Er sagte mir auch noch, er habe einen Engländer in seinem Dienste gehabt, der ein vortreflicher Musikus gewesen, und von so gutem Charakter, daß er ihn nicht allein zu seinem Maestro di Capella, sondern auch zu seinem Homme de confiance gemacht habe. Er war sehr jung nach Pohlen gekommen.

Dieser Prinz ist jung und schön von Person. Er ist ein Dissident und hat sich der polnischen Unruhen wegen von seinen Gütern entfernt, und lebt mit seiner Gemahlinn in der Fremde, die eine vortrefliche und verständige Prinzessinn seyn soll, wie mich eine Person, die oft mit ihr gesprechen, versichert hat.

Ich ging noch einmal nach dem Hoflager zu Nymphenburg, bevor ich abreisete, und genoß abermal die Ehre, von dem Churfürsten und seiner[122] Schwester bemerkt zu werden, und von beyden das wiederholte Versprechen zu erhalten, daß ich ein Stück Musik von ihrer Komposition bekommen sollte. Der Churfürst machte anfangs einige Schwierigkeit, aus Besorgniß ich möchte es drucken lassen; weil sein Stabat Mater gestohlen und ohne seine Erlaubniß zu Verona gedruckt worden, und ohne Zweifel feil geworden wäre, wenn Se. Hoheit nicht die Platten, und alles was bereits abgedruckt war, hätten aufkaufen lassen. Auf meine Versichrung aber, daß ich ohne ausdrückliche Erlaubniß niemals einen andern Gebrauch von dem Stücke machen würde, womit ich beehrt werden sollte, als meine Sammlung von seltnen und ausserordentlichen Kompositionen damit zu bereichern, geruhete er Befehl zu geben, daß es für mich abgeschrieben würde.

Die verwittwete Churfürstinn von Sachsen sagte mir, sie dächte in diesem Stücke ganz anders, als ihr Bruder. Denn, anstatt daß sie dasjenige, was sie im Stande wäre hervorzubringen, verbergen sollte, trüge sie eben so viele Sorge, es bekannt zu machen, als die Geburt eines ehrlichen Kindes. Deswegen hätte sie ihre beyde Opern in Partitur öffentlich durch den Druck bekannt machen lassen: so, daß sie besorgte, sie habe nichts mehr unter ihren Papieren, das des Verschenkens werth wäre. Indessen gab sie Guadagni Erlaubniß, solche durchzusuchen, und mir zu geben, was er glaubte, das ich noch am liebsten haben möchte.[123]

Hiernächst hatte ich die Ehre, daß mich Herr de Visme der Herzoginn von Bayern, einer gebohrnen Prinzessinn von Pfalz Sulzbach, vorstellte. Sie ist von sehr einnehmender Gestallt und Gemüthsart. Sie hatte es ausdrücklich verlangt, daß Herr de Visme mich vor sie bringen möchte. Sie hatten vorher davon gesprochen, daß ich zu Manheim und Schwetzingen gewesen, und als ihr gesagt ward, daß ich wegen Mangel eines Ministers oder einer Person, die mir hätte bey dem Hofe zu der Ehre verhelfen können, dem Churfürsten von der Pfalz nicht vorgestellt worden wäre, sagte sie, daß sie das sehr wunderte und ihr wirklich Leid thäte. Sie hatte die Gnade zu sagen, es würde ihrem Bruder ein grosses Vergnügen gewesen seyn, mit einem Manne zu sprechen, der solcher Absichten wegen reisete, als ich, weil er ein besonders grosser Liebhaber der Musik wäre; und fügte hinzu, daß er nicht nur Englisch läse und spräche, sondern auch eine natürliche Neigung für alle Engländer hätte. Ich sagte Ihro Durchlauchten unter was für Umständen ich mich befunden hätte, daß mir zwar unser Minister zu Bonn, Herr Cressener, ein Empfehlungsschreiben mitgegeben, daß solches aber nicht sobald gewirkt, als ich wohl wünschen mögen; und daß mirs an Zeit gefehlt, um so lange zu warten, bis solches seine Wirkung könnte gethan haben, und setzte hinzu, alles, wornach ich auf meiner Reise trachlete, wäre, Gelegenheit zu haben, in Deutschland die besten Sänger und Spieler zu hören,[124] und die Werke der besten deutschen Komponisten zu sehen, damit ich in meiner Geschichte der Musik im Stande seyn möchte, ihren Talenten und Genie Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Die Herzoginn war so gnädig zu sagen, daß sie überzeugt wäre, es würde ihrem Bruder, dem Churfürsten von der Pfalz, Leid thun, wenn er erführe, daß ich in seiner Residenz und zu Schwetzingen gewesen, ohne daß ers erfahren hätte.

Hierauf hatte Herr de Visme die Gewogenheit mich sobald als möglich nach München zurückzubringen, um nach einem Concerte zu kommen, das Madame Mingotti verbindlicher Weise mir zu Gefallen angestellt hatte. Sie hatte dazu die besten Virtuosen gebeten, die sie in der Eile zusammen bringen können, und die ich noch nicht gehört hatte. Herr Kröner, den ich zu Nymphenburg bloß in vollstimmiger Musik gehört hatte, war der erste Geiger. Da war ferner Herr Sechi, ein sehr guter Hoboist, der mich entzückt haben würde, wenn ich nicht eben kürzlich Hrn. Fischer gehört hätte. Herr Rhemer, der Bassonist, der in England so krank war, daß er sich nur einmal öffentlich hören lassen könnte, und den ich versäumt, war diesen Abend auch hier, und wieder völlig hergestellt. Sein Ton ist lieblich, seine Ausführung nett; und ein jeder der urtheilen kann und unpartheyisch seyn will, muß zugeben, daß er er ein sehr geschickter und angenehmer Musikus sey.

Die Frau Präsidentinn, eine Dame von Stande, eine Freundinn und Nachbarinn der Madame[125] Mingotti, öfnete das Concert mit einem Stücke auf dem Flügel, das sie mit ungemeiner Geschwindigkeit und Genauigkeit herausbrachte. Darauf folgte ein Quintetto von Herrn Michel, ein junger Mann, der in der Jesuiter Musikschule gezogen worden. Sein Genie bedarf nur bloß noch des Impfmessers der Zeit und mehrer Erfahrung, um die geilen Auswüchse hinweg zu schnitzeln. Jeder Spieler hatte in diesem Stücke Gelegenheit die eigentliche Natur seines Instruments und seine eigne Stärke auf demselben zu zeigen. In den Solostellen wechselten das Pathetische, das Brillante und das Schmeichelnde mit einander ab; und den Tuttisätzen fehlte weiter nichts, als daß sie zu gelehrt, und zu voll gesuchter Wendungen in der Modulation waren. Ich habe kaum eine andre Komposition gehört, die mehr Genie und Erfindung gezeigt, mehr Fertigkeit zur Ausführung erfodert hätte, oder besser ausgeführt worden wäre, als diese. Die Instrumente waren: Violine, Hoboe, Bratsche, Basson und Violonschell.

Signor Guadagni und Rauzzini waren beyde mit zugegen, und der Letzte, von dem ich nur eine Arie mit voller Begleitung singen gehört hatte, war so gefällig, eine recht hübsche Arie von seiner eignen Komposition zu singen, und hernach noch eine vortrefliche von Sacchini aus dem Eroe Cinese. In der Ausführung dieser Arien zeigte er grosse und einnehmende Vorzüge; eine liebliche Stimme von grossem Umfange, eine schnelle Fertigkeit[126] in Passagien, einen grossen Ausdruck, und einen äusserst feinen und richtigen Geschmack. Ich ward heute sogar über die Stärke seiner Stimme in Verwundrung gesetzt, welche mir vorher fast ein wenig zu schwach für ein grosses Theater vorgekommen war. Es hatte aber nur am Mangel der Uebung gelegen, denn Heute konnte man sie durch alle Instrumente hören, wenn sie Fortissimo spielten.

Ein Duet von Sechi und Rheiner, womit das Concert beschlossen wurde, erinnerte mich an die beyden Bezozzi's zu Turin. So wie ihre Instrumente, so scheinen ihre Genies und Fähigkeiten für einander gemacht zu seyn. Zwischen beyden ist einerley einträchtiges Verhältniß.

Nachdem dieses reizende Concert zu Ende war, eilte ich nach der Oper, wohin der Churfürst mit der ganzen Churfürstl. Familie gekommen war. Der Graf Seeau, Intendant der churfürstlichen Musik hatte sehr verbindlicher Weise eine andre Oper befohlen, damit ich die Signora Lodi in ihrer besten Rolle hören möchte. Es war la Sposa fedele, von Guglielmi. Ihre Stimme ist brillant, ihre Singart vortreflich; allein da ich zu London die Signora Guadagni in eben der Rolle gesehen halte: so that ihr Agiren keine solche Wirkung auf mich, als sonst geschehen seyn möchte. Auf die Oper folgte ein langes Ballet, welches in einer sinnreichen und unterhaltenden Pantomime mit gut ausgesonnenen und prächtigen Dekorations bestund.[127]

Des folgenden Tages, welches der Tag meiner Abreise war, hatte Madame Mingotti, welche nicht ermüdete, mir alle mögliche Dienste zu erweisen, mir zu Gefallen schon des Morgens um Neun Uhr ein kleines aber sehr ausgesuchtes Concert in ihrem Hause veranstaltet, um mir Gelegenheit zu geben, zweene Schüler von Tartini auf der Violine zu hören. Die Herrn Holzbogn und Lobst, welche sie aus politischen Ursachen den Tag zuvor nicht mit eingeladen hatte. Es sind ein paar brave Geiger; sie waren bey dem verstorbenen Herzog von Bayern im Dienste, und haben noch Gehalt, aber wenig Gelegenheit, sich hören zu lassen.

Holzbogn besitzt eine grosse Fertigkeit in der Hand, zieht einen schönen Ton aus seinem Instrumente, und hat mehr Feuer, als man bey jemand aus der tartinischen Schule erwartet, welche sich mehr durch Delikatesse, Ausdruck und sehr feinen Vortrag, als durch Lebhaftigkeit und Abwechslung auszuzeichnen pflegt. Dieser Mann schreibt sehr gut für sein Instrument, und spielte ein meisterhaftes Concert von seiner eigenen Arbeit. Lobst spielte ein Concert von Tartini mit grosser Delikatesse; er ist von Natur blöde, und Mangel an Uebung machte ihn nicht beherzter; dennoch zeigte er sich, auch unter diesen ihm nachtheiligen Umstanden, als ein Schüler des grossen Tartini.

Nachdem diese beyden gespielt hatten, sang Signora Rosa Capranica, eine Schülerinn der Mingotti, die mit der verwittweten Churfürstinn[128] von Sachsen aus Rom hier her, und in Hofdienste gekommen ist, mit grosser Nettigkeit und in einer gefälligen und angenehmen Manier, eine sehr schwere Arie von Traetta. Diese Sängerinn ist noch jung, und hat Naturgaben, womit sie es zu grossen Dingen bringen kann; und wenn sie es unter einer Lehrerinn, als Signora Mingotti ist, nicht sehr hoch bringt: so liegt die Schuld bloß an ihrem wenigen Fleisse.

München ist eine der wohlgebautesten Städte in Deutschland. Ich bin beschämt, aller der Ehre und Gunstbezeigungen zu erwähnen, die mir unverdienter Weise während meines kurzen Aufenthalts darin bewiesen worden. Alles was ich diesem Artikel hinzufügen kann, ist, daß ich den Ort ungern verließ; daß ichs bedauerte, daß mir meine Zeit nicht zulassen wollte, mir die Gewogenheit und Güte so vieler Bekannten und so manchen Gönners länger zu Nutze zu machen.


* * *


Von München ging ich auf der Iser und Donau hinunter nach Wien; und da der musikalischen Begebenheiten auf dieser Fahrt nur wenige sind, und ich mich nicht erinnre, daß ein Reisebeschreiber die Art und Weise, wie man auf diesen Flüssen von einem Ort zum andern gebracht wird, beschrieben hat; so mache ich mir kein Bedenken, zu meinen wenigen musikalischen Anmerkungen dasjenige hinzuzufügen, was ich etwan sonst noch bemerkt[129] habe, und in meinem Tagebuche aufgezeichnet finde.

Die Jeser, an welcher München liegt, und welche hernach in die Donau fällt, fließt sehr schnell, ist in zu viele Arme verbreitet, und also für Barken und Böthe, die einen tiefen Boden und Kiel haben, zu flach. Der Fluß strömt auch zu heftig, daß auf demselben irgend etwas heraufgebracht werden könnte. Allein Bayern hat Ueberfluß an Holz, besonders an Tannen. Von diesen Bäumen macht man Flösser, welche den Strom hinunter gehen und des Tages einen Weg von 14 bis 16 deutschen Meilen zurück legen. Auf diese Flösser wird eine allgemeine Hütte für die Reisenden gebauet; will jemand eine Cajüte für sich alleine haben, so kann er solche vor ungefehr vier Gulden bauen lassen. Ich wählte das Letztre, nicht allein um schlechter Gesellschaft auszuweichen, sondern auch um Gelegenheit zu gewinnen, meine Gedanken und Anmerkungen in Ordnung zu bringen und niederzuschreiben, weil ich dazumal mit meinem Tagebuche ziemlich zurück war.

Es war um zwey Uhr des Nachmittags, als ich München verließ. Das Wetter war schwülheiß und ich war mit nichts gegen die Hitze versehen; ein heller Himmel und die vom Wasser zurückgeworfenen Sonnenstralen hatten meine Cajüte eben so unerträglich gemacht, als es unter ofnen Himmel war. Sie war von grünen Tannenbrettern zusammen geschlagen, welche so nach[130] Harz dufteten, daß alle Wohlgerüche Arabiens nichts dagegen vermocht hätten.

Da ich das Land, durch welches ich zu reisen hatte, gar nicht kannte, und nicht wußte, daß man darin so wenig zu leben vorfinden würde, so hatte mich meine Vorsorge auf nichts weiter gebracht, als eine Matratze, eine wollne Decke und Bettücher, etwas kalte Küche, Brodt und eine Flasche Wein anzuschaffen. Ich fand aber ziemlich bald, daß mir sehr viele andre Sachen fehlten; und sollte ich diese Wasserreise in meinem Leben noch einmal thun müssen, wie ich nicht hoffe, so glaube ich, sollte mich die Erfahrung gelehrt haben, aus der Cajüte, auf eine Woche oder zehn Tage, eine ganz erträgliche Wohnung zu machen.

Wenn man von München zu Wasser abgeht, macht die Stadt einen schönen Anblick. Das Land aber, wodurch wir fuhren, schien sehr armselig zu seyn; man erblickte nichts als Wasserweiden, Schilf, Sand und Grand. Das Wasser war an etlichen Stellen so untief, daß ich dachte, das Floß müßte festzusitzen kommen. Um sechs Uhr kamen wir bey Freysingen an; der Pallast des hiesigen Fürst-Bischofs liegt auf einem hohen Hügel, nicht weit von der Stadt, und macht nach der Wasserseite ein sehr hübsches Ansehen. Ich mochte nicht an Land steigen, um für das, was ich schon in meiner Cajüte hatte zu bezahlen, ein schlechtes Abendessen und Nachtlager. Mein Bedienter ging indessen mit den übrigen Passagiers hin, die[131] sich an funfzig belaufen mochten, um frisches Brodt einzukaufen; nur hatte der Ort keins.

Es hatte in dieser Gegend Deutschlands seit sechs Wochen nicht geregnet. Als wir aber bey Freysingen ankamen, ward ich in Westen einer kleinen schwarzen Wolke gewahr, welche in weniger als einer halben Stunde das heftigste Gewitter, mit Donner, Blitz, Regen und Wind hervorbrachte, dessen ich mich jemals erinnre. Ich erwartete wirklich jeden Augenblick, daß der Blitz meine kleine Hütte anzünden würde. Das Gewitter wüthete die ganze Nacht durch so heftig, daß mein Bedienter nicht zurückkommen konnte, und ich auf dem Wasser blieb, als der einige Bewohner des Flosses, das mit einem Seile an eine hölzerne Brücke gebunden war.

Man hatte zu beyden Seiten meiner Hütte ein vierecktes Loch in die Bretter gemacht, statt der Fenster bey Tage. Eins von den Bretterstücken, die hineinpaßten, war verloren, und sah ich mich also genöthigt, mit Stecknadeln ein Taschentuch vor dem Loche zu befestigen, um Wind und Regen abzuhalten; es half aber nur sehr wenig, und dazu drang der Regen an hundert andern Stellen herein; plitt, platt, plitt! gings in meiner ganzen kleinen Cajüte; dann ins Gesichte, dann auf die Beine, und immer einerwärts hin. Dieses und das unaufhörliche Blitzen und Krachen des Donners hielten mich beständig wacker; zum Glück für mich vielleicht, denn ich hätte eine arge Verkältung[132] davon tragen können, wenn ich in der Nässe geschlafen hätte. Man hatte mir gesagt, die Bayern wären in der Philosophie und andern nützlichen Wissenschaften, wenigstens drey hundert Jahre weiter zurück, als die übrigen Europäer. Man kanns ihnen nicht ausreden, die Glocken zu läuten, so oft es donnert, oder sie dahin bringen, daß sie an ihren öffentlichen Gebäuden Blitzableiter anbrächten; obgleich die Gewitter hier so gefährlich sind, daß das vergangne Jahr in dem Churfürstenthum Bayern nicht weniger als dreyzehn Kirchen dadurch verheert worden; die Erinnerung hieran war eben nicht sehr geschickt, mich zu beruhigen. Die ganze Nacht durch himmelten die Freysinger mit ihren Glocken, mich an ihre Furcht zu erinnern, und an die wirkliche Gefahr, worinn ich schwebte. Ich legte meinen Degen, meine Pistolen, Uhrkette, und alles, was als ein Conductor den Blitz auf mich leiten könnte, so weit von mir als möglich auf die Madratze. Ich hatte mich sonst eben niemals vorm Gewitter gefürchtet, aber itzt wünschte ich eins von D. Franklins Betten10 zu haben, welche an seidnen Schnüren in der Mitte eines grossen Zimmers aufgehängt werden. Ich hielt das Gewitter aus, bis gegen Morgen, ohne einen Wink von Schlafe in die Augen zu bekommen. Mein Bedienter sagte mir, die Herberge auf dem Lande sey erbärmlich gewesen; es hatte in alle Zimmer geregnet, und für alle funfzig Leute hatte man nichts anders zu Essen anzuschaffen vermocht, als schwarz[133] Brodt und Bier, worinn zwey oder drey Eyer geschlagen waren.

Um Sechs kamen wir wieder im Gang. Regen und Wind waren noch immer gleich heftig, und nach der stärksten Hitze ward die Luft so herzlich kalt, daß ichs unmöglich fand, mit allem was ich nur über den Leib warf, mich zu erwärmen. Denn ob ich gleich, ausser meiner gewöhnlichen Kleidung, noch ein Paar dicke Schuh, wollne Strümpfe, einen flanellen Brusttuch, einen Ueberrock anzog, und eine Schlafmütze aufsetzte, und mich einhüllte so gut ich könnte, war ich doch vor Kälte erstarret. Wir fuhren vier Stunden lang durch ein wüstes Land, so viel ich entdecken konnte. Aber das Wetter war auch so schlecht, daß ich nicht oft darnach aussehen konnte. Um zehn Uhr liessen sich einige Tannenbäume sehen, welche den Anblick ein wenig belebten, und um eilf Uhr war schon zu beyden Seiten nichts anders zu sehen. An der rechten Seite war das Ufer sehr hoch und steil, und mit Tannen bedeckt, an der Linken nahe am Wasser stunden einzelne Bäume, etwas weiter entfernt, war ein dichter Wald. Um eilf Uhr legte das Floß zu Landshuth an, woselbst die Passagiers zu Mittag assen. Ich hielt mich an meine Cajüte und kalte Küche: hätte es nicht herein geregnet, hätt' ich mich ganz gut daran zu seyn geglaubt. Aber in meiner itzigen Lage, befand ich mich so unbequem, daß ich eine ganze Zeit durch kein Wort an meinem Tagebuche schreiben konnte. Ich war durch das Wetter ganz muthlos und meine Finger[134] waren mir steif geworden. Indessen rafte ich mich gegen den Nachmittag auf, und schrieb ein gut Theil aus meinen Schreibtafeln ab, welche voll waren. Um Sechs hielten wir bey Dingelfingen still; des Abends erhielt ich ein Licht, und das war eine Ueppigkeit, die mir den Abend vorher, während dem Gewitter, versagt worden. Regen, Regen, nichts als Regen und Wind machen das Wasser nichts weniger als angenehm.

Der folgende Morgen war heiter aber kalt. Die Passagiers stiegen um zehn Uhr zu Landau an Land; um ein Uhr kamen wir auf die Donau, welche mir hier nicht so groß vorkam, als ich erwartet hatte. Sie ward aber immer breiter, je weiter wir kamen. Um zwey Uhr ward bey einem elenden Dorfe angelegt, welches gleichwohl ein hübsches Kloster hatte. Hier ward der Wind so gewaltig, daß ich alle Augenblicke dachte, er würde mich mit samt meiner Hütte wegführen. Um 3 Uhr ward beschlossen, die Nacht über hier zu bleiben, weil es bey diesem Wind nicht sicher war, weiter zu steuren. Allein es war eine feine Uebung in der Geduld, an einem Orte bleiben zu müssen, wo man nichts zu thun hat; meine Lebensmittel wurden knapp und schimmlich und hier, wo mans mit Recht, le païs des vents nennt, waren gar keine wieder zu bekommen!

Ich hatte die vorige Nacht so viel ausgestanden, daß ich nun recht mit Ernst darauf sann, mich bey Wärme zu erhalten. Die wollne Decke, die mir mein zu kluger oder zu dummer Bediente in[135] München gekauft, und die ich nicht früh genug gesehen hatte, um sie zu vertauschen, war Trödelwaare, und so schmutzig und zerlumpt, und ließ so natürlicher Weise lebendige Bewohner und wohl gar Krankheiten vermuthen, daß ichs nicht übers Herz bringen konnte, sie anzurühren. Was thut man aber nicht aus Hunger und vor Frost! Ich legte meine Decke über das Bettuch, und ward der Wärme froh.

Man rufte um drey Uhr die Passagiers zusammen, und unser Floß ging bald darauf los. Es war itzt eine grosse unförmliche Maschine, über fünfhundert Schritte lang und beladen mit Diehlen, Fässern und allerley Gepäcke. Die Sonne ging auf mit aller Schönheit, um sechs Uhr aber erhub sich ein starker Ostwind, grade in unser Gesicht, und ein so dicker Nebel, daß man kein Ufer sehen konnte.

Als ich den Handel schloß, eine ganze Woche, Tag und Nacht durch, auf dem Wasser zu bleiben, vergaß ich, mir warm Wetter auszubedingen; und nun war es so kalt, daß ich kaum die Feder halten konnte, ob wir gleich erst den 27sten August hatten! Ich habe oft bemerkt, daß die Seele steif wird, wenn der Körper kalt ist; das war itzt so sehr mein Fall, daß ich weder Lust noch Geschick hatte, an meinem musikalischen Tagebuche zu arbeiten.

Um acht Uhr hielten wir zu Vilshofen; eine schöne Lage. Hier ist eine hölzerne Brücke über die Donau, von sechzehn Joch. Die Hügel, die[136] der Stadt gegen über liegen, sind mit Gehölz bedeckt, und ausserordentlich schön. Der Nebel hatte sich gesenkt, und die Sonne schien darauf mit aller ihrer Pracht. Hier hat man einen angenehmen Besuch von den Mauthbedienten; es war die letzte bayrische Stadt, und man nahm die Siegel von meinen Koffer ab. Ich hörte grosse Drohungen mit der scharfen Untersuchung, die ich würde ausstehen müssen, wenn ich ins Oesterreichische käme; ich hatte aber sonst wenig zu verlieren, als Zeit, und die war mir itzt zu kostbar, daß ich mir solche von diesen Leutequälern stehlen lassen, und geduldig bleiben konnte.

Um halb zehn Uhr gings weiter nach Passau, bey sehr schönen Wetter; das machte mich wieder munter und fähig, die Feder zu halten. Die Donau ist voller Felsen, theils unter Wasser, und theils ragen über dasselbe hervor. Diese verursachen bey dem schnellen Fliessen des Stroms ein grosses Rauschen.

Diesen Morgen begegnete uns eine Anzahl Fahrzeuge, die zu Salzburg und Passau mit Salz geladen waren, und von mehr als vierzig Pferden den Strom hinauf gezogen wurden, deren jedes von einem Manne getrieben wurde. Die Kosten dieser Fracht belaufen sich so hoch, daß der Preis dieser Waare vierhundertpro Cent dadurch theurer wird. Mich deucht, wir fuhren hier nicht so geschwinde, als auf der Iser, welche oft Wasserfälle hatte; und das Floß tauchte zuweilen so tief,[137] daß plötzlich drey oder vier Fuß Wasser in meine kleine Hütte drängte.

12

Einige Jahre nachher befliß sie sich auf dem Flügel, und accompagnirt darauf bis itzt noch recht gut. Aber vielleicht rührt ihre Festigkeit im Tonhalten, weswegen sie beständig so berühmt gewesen ist, daher, daß sie auf diese Art, ohne ein Instrument, singen gelernt hat.

13

Es war im Jahre 1748.

10

S. 133. (D. Franklins Bette.) Wenn man diese Stelle und die andre im dritten Bande, Seite 226. zusammen hält; so muß man, um gelinde zu urtheilen, sagen, Herr Burney hat nicht allemal Zeit gehabt zu überlegen, was er niederschrieb, wie könnte er sonst das Unterlassen des Thurmbauens tadeln!

Quelle:
Carl Burney's der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise. [Bd. II]: Durch Flandern, die Niederlande und am Rhein bis Wien, Hamburg 1773 [Nachdruck: Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise. Kassel 2003], S. 105-138.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tagebuch einer musikalischen Reise
Tagebuch einer musikalischen Reise: Durch Frankreich und Italien, durch Flandern, die Niederlande und am Rhein bis Wien, durch Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Hamburg und Holland 1770-1772

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Lotti, die Uhrmacherin

Lotti, die Uhrmacherin

1880 erzielt Marie von Ebner-Eschenbach mit »Lotti, die Uhrmacherin« ihren literarischen Durchbruch. Die Erzählung entsteht während die Autorin sich in Wien selbst zur Uhrmacherin ausbilden lässt.

84 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon