V[156] te Reise des Vaters mit dem Sohne nach Italien,

angetreten den 12. December 1769, geendigt Ende März 1771.

Nachdem also unser Wolfgang durch anhaltendes Studiren der Werke Bach's, Hasse's und Händel's sich zu Höherem vorbereitet und die Schöpfungen dieser Männer sich zu Mustern gewählt hatte, trat er mit dem Vater allein im December 1769 eine Reise nach Italien an, um sich durch lebendige Muster und durch die Bekanntschaft mit den dortigen Meistern noch mehr auszubilden.

Auf dieser Reise gaben sie in Inspruck eine Akademie beym Grafen Künigl, wo der Sohn ein Concert prima vista spielte. Ueber den dortigen Empfang und Aufenthalt schreibt der Vater selbst:


(Leopold M. Brief No. 62.)


Inspruck, den 17. Dec. 1769.


Graf Spaur hat uns sehr wohl empfangen, und uns seinen Wagen angetragen. Wir wurden bald zu einem bey dem Grafen Leopold Künigl veranstalteten Concert eingeladen, wo Wolfgang ein sehr schönes Concert, das er da prima vista spielte, zum Geschenk bekam. Wir sind wie gewöhnlich mit allen Ehren empfangen, auch mit zwölf Dukaten beschenkt worden. Kurz wir sind vollkommen zufrieden. – – – –[156]

Die Insprucker Zeitung vom 18. Dec. 1769 enthält folgenden Artikel über oben genanntes Concert:

Den 14ten d.M. ist hier angelangt Hr. Leopold Mozart, Hochf. Salzb. Kapellmeister, mit seinem Sohne Hr. W. Mozart, dermalen wirkl. Hochf. Salzb. Concertmeister, welcher wegen seiner ausserordentlichen musikalischen Wissenschaft sich schon seit seinem sechsten Jahre an vielen Höfen und durch das ganze römische Reich berühmt gemacht hat. Gestern wurde derselbe zu einem Concerte, welches der hohe Adel veranstaltet hatte, eingeladen, in welchem er die schönsten Proben seiner ganz besondern Geschicklichkeit ablegte. Dieser junge Tonkünstler, welcher dermalen dreyzehn Jahre alt ist, hat also auch hier seinem Ruhme einen neuen Glanz beygelegt, und durch sein ausserordentliches Talent die Stimmen aller Musikverständigen zu seinem Lobe vereinigt.


Hatte der kleine Mozart in den von ihm bereis'ten Ländern schon Bewunderung erregt, so konnte es wohl nicht fehlen, dass seine Erscheinung in Italien sehr willkommen seyn musste, wo die Musik in ihrem eigenen Boden wurzelt und die Kunst, wenigstens da mals, unter die ersten Verdienste gezählt wurde.

Vater und Sohn besuchten dann von Inspruck auf ihrem Wege nach Mailand die Städte Roveredo, Verona, Mantua, worüber uns des Vaters Briefe Folgendes berichten:


(Leopold M. Brief No. 63.)


Verona, den 7. Januar 1770.


– – – In Roveredo erzeigte uns sogleich der[157] Kreishauptmann alles Liebe. Bey ihm fanden wir den Grafen Septimo Lodron und Mehrere, die unsere Ankunft herbey gelockt hatte. Kurz darauf hielt die Noblesse ein Concert in dem Hause des Baron Todescy. Was sich der Wolfgang für eine Ehre gemacht, ist unnöthig zu schreiben. Den Tag darauf gingen wir auf die Orgel der Hauptkirche, und obwohl es nur sechs bis acht Hauptpersonen gewusst haben, so fanden wir doch ganz Roveredo in der Kirche versammelt, und es mussten eigens starke Kerls vorangehen, um uns den Weg auf das Chor zu bahnen, wo wir dann eine halbe Viertelstunde zu thun hatten, um an die Orgel zu kommen, weil jeder der nächste seyn wollte.

In Verona hat die Noblesse erst nach 7 Tagen ein Concert veranstalten können (dazu wir eingeladen waren), weil täglich Oper ist. Die Cavaliere, an die wir empfohlen waren, sind Marchese Carlotti, Conte Carlo Emily, Marchese Spolverini, Marchese Dionisio S. Fermo, Conte Giusti del Giardino, Conte Allegri. Bey Carlotti waren wir für allezeit eingeladen, wie auch bey Hrn. Locatelli. Zweymal speisten wir bey Ersterm, dann bey Emily, zweymal bey Giusti, u.s.w. Heute war eine völlige Verwirrung. Wir waren bey einem Hrn. Ragazzoni eingeladen. Der Generaleinnehmer von Venedig Hr. Luggiatti bat die Cavaliere, mich zu ersuchen, dass ich erlauben möchte, den Wolfgang abmahlen zu lassen. Gestern Vormittags geschah es, und heute nach der Kirche sollte er das zweyte Mal sitzen. Lugiatti bat zu diesem Zwecke Ragazzoni, uns ihm zu überlassen. Dieser musste es geschehen lassen,[158] weil L. eine grosse Hand in Venedig hat. Es kam aber wieder ein Stärkerer, nemlich der Bischof von Verona, aus dem Hause Giustiniani, welcher uns nicht nur nach der Kirche, sondern auch zu Tische bei sich haben wollte. Auf die ihm gemachte Vorstellungen, dass wir auf der Abreise wären, willigte er ein, dass wir bey Luggiatti zum Speisen gingen, hielt uns aber bis nach ein Uhr bey sich auf. Nun wurde W.'s Portrait ausgemalt und um drey Uhr zu Tische gegangen. Später fuhren wir nach der Kirche St. Tomaso, um dort auf zwey Orgeln zu spielen; und obwohl dieser Entschluss erst während der Mahlzeit genommen und durch Billete dem March. Carlotti und dem Grafen Pedemonte bekannt gemacht worden war, so war dennoch bey unserer Ankunft in der Kirche eine solche Menge versammelt, dass wir kaum Raum hatten, aus der Kutsche zu steigen. Es war ein solches Gedränge, dass wir gezwungen waren, durch das Kloster zu gehen, wo uns dann in einem Augenblicke so viele Menschen zuliefen, dass wir nicht würden Platz gefunden haben, wenn uns nicht die Patres, die uns schon an der Klosterpforte erwarteten, in die Mitte genommen hätten. Als es vorbey war, war der Lärmen noch grösser, denn jeder wollte den kleinen Organisten sehen. Morgen fahren wir mit Locatelli zu dem Amphitheater und den übrigen Merkwürdigkeiten. – – –


(Wolfg. A. Mozart's Brief No. 1.)


Verona, 7. Gennajo 1770.


Allerliebste Schwester!


Einen spannenlangen Brief habe ich gehabt, weil[159] ich auf eine Antwort vergebens gewartet habe; ich hatte auch Ursache, weil ich Deinen Brief noch nicht empfangen hatte. Jetzt hört der teutsche Töpel auf und das wälsche Tölperl fangt an. Lei è piu franca nella lingua italiana di quel che mi ho imaginato. Lei mi dica la cagione, perchè Lei non fà nella commedia che anno giocato i Cavalieri. Adesso sentiamo sempre una Opera titolata: Il Ruggiero, Oronte, il padre di Bradamante, è un principe (fa il Sign. Afferi), bravo cantante, un baritono, ma gezwungen, wenn er in Falset hinaufpiepet, aber doch nicht so sehr, wie Tibaldi in Wien. Bradamante, innamorata di Ruggiero, (ma sie soll den Leone heirathen, will aber nicht) fà una povera Baronessa, che ho avuto una gran disgrazia, ma non sò la quale Recita unter einem fremden Namen, ich weiss aber den Namen nicht; ha una voce passabile e la statura non sarrebbe male, ma distuona come il diavolo. Ruggiero, un ricco principe innamorato di Bradamante, è un Musico: canta un poco manzuolisch ed a una bellissima voce forte ed è già vecchio: ha 55anni ed a una läufige Gurgel. Leone soll die Bradamante heirathen, ricchississimo è; ob er aber ausser dem Theatro reich ist, das weiss ich nicht. La moglie di Afferi che ha una bellissima voce, ma è tanto sussuro nel teatro che non si sente niente. Irene fa una sorella di Lolli del gran Violinista che habbiamo sentito a Vienna, a una schroffelte voce e canta sempre um ein Viertel zu hardi o troppo a buon' ora. Ganno fa un signore che non sò come si chiama: è la prima volta che lui recita. Zwischen einem jeden Act ist ein Ballet. Es ist ein[160] braver Tänzer da, der sich nennt Monsieur Roesler. Er ist ein Teutscher und tanzt recht brav. Als wir das letzte Mal (aber nicht gar das letzte Mal) in der Oper waren, haben wir den Mr. Roessler in unsern Palco herauf kommen lassen (denn wir haben die Loge des Mr. Carlotti frey, denn wir haben den Schlüssel dazu) und mit ihm geredet. A propos, Alles ist in der Maschera jetzt, und was das Commodeste ist, wenn man eine Larve auf dem Hute hat und hat das Privilegium, den Hut nicht abzuziehen, wenn Einer mich grüsst, und nimmer beym Namen zu nennen, sondern allezeit: Servitore umilissimo, Signora Maschera. Cospetto di Bacco, das spritzt. Was aber das Rareste ist, ist dieses, dass wir um halb acht Uhr zu Bette gehen. Se Lei indovinasse questo, io dirò certamente che Lei sia la Madre di tutti gli indovini. Küsse anstatt meiner der Mama die Hand, und Dich küsse ich zu tausend Mal und versichere Dich, dass ich werde bleiben immer


Dein aufrichtiger Bruder.


Portez Vous bien et aimez moi toujours.


(Leopold M. Brief No. 64.)


Mantua, den 11. Januar 1770.


Gestern sind wir angelangt und eine Stunde darauf in die Oper gegangen. Wir sind, Gott Lob! gesund. Der Wolfgangerl sieht aus, als wenn er einen Feldzug gemacht hätte, nämlich ein wenig rothbraun, sonderheitlich um die Nase und den Mund, von der Luft und dem Kaminfeuer; so zum Beyspiel wie Se. Majestät der Kaiser aussehen. Meine Schönheit hat[161] noch nicht viel gelitten; sonst würde ich in Verzweiflung seyn.

Heute suchte ich den Fürsten von Taxis, der aber nicht zu Hause war, und seine gnädige Dame hatte so nothwendig Briefe zu schreiben, dass sie nicht uns, ihre Landsleute, sprechen konnte. Morgen sind wir zu Mittage bey dem Grafen Franz Eugen von Arco. In Verona sahen wir noch das Museum lapidarium. In Keysler's Reisebeschreibung kannst Du davon lesen. Uebrigens bringe ich Dir ein Buch von den Alterthümern in Verona mit. Ich würde die Briefe zu sehr beschweren und theuer machen, wenn ich die Zeitungsblätter, die von dem Wolfgang in Mantua und andern Orten schreiben, einsenden wollte. Hier schliesse ich doch eins bey, in welchem zwey Fehler sind. Nämlich es heisst wirklicher Kapellmeister und – in einem Alter von noch nicht 13 Jahren, anstatt 14 Jahre. Ich könnte Dir noch andere Sachen schicken, denn die Poeten sangen in Verona in die Wette über ihn. Hier ist die Abschrift des in unserer Gegenwart aus dem Stegreife verfertigten Sonnetts von einem gelehrten Liebhaber, Zaccaria Betti, und eines andern von Meschini, so wie auch selbst der Kapellmeister Danieli Barba über den W. die schönsten Verse gesungen hat. – – – –


Al

Signore Amadeo Mozart,

Giovenetto ammirabile.


Sonnetto estemporaneo.


Se nel puro del Ciel la Cetra al canto

desta fra dolci carmi il divo Amore,

onde quanto e quagglli col vario errore

al conosciuto suon risponde intanto;[162]

Bene, o amabil Garzon, darti puoi vanto,

che tu reformi l'armonia migliore;

poi che natura in te scolpi nel core

tutte le note di quel plettro santo.

Voi, che tant' anni in sù le dotte carte

per isfogar l'armonico desio

l'opra chiedete, ed il fator de l'Arte.

Voi sapete s'egli erra il pensier mio;

che al dolce suon de le sue note sparte

ite dicendo: se la fè sol Dio.


In Argumento di Maraviglia e di Amore

Zaccaria Betti.


Amadeo Mozart

Dulcissimo Puero

et elegantissimo Lyristae

Antonius Maria Meschini

Veronensis.


Si rapuit sylvas Orpheus, si tartara movit,

Nunc tu corda, Puer, surripis, astra moves.


Cosi come tu fai,

suonando il biondo Apollo

colla sua cetra al collo

spandea celesti rai.

Ma no, che col suo canto

teco perdeva il vanto.


Leopold M. Brief No. 65. (an seine Frau.)


Mailand, den 26. Januar 1770.


Am 16ten war in Mantua im Saale der Accademia filarmonica das gewöhnliche wöchentliche Concert, wozu wir eingeladen waren. Ich wünschte, dass du das Teatrino dieser Accademia gesehen hättest. Ich habe in meinem Leben von dieser Art nichts Schöneres gesehen. Es ist kein Theater, sondern ein wie die Opernhäuser gebauter Saal mit Logen. Wo das[163] Theater stehen soll, ist eine Erhöhung für die Musik, und hinter der Musik abermal eine wie Logen gebaute Gallerie für die Zuhörer. Die Menge der Menschen, das Zurufen, Klatschen, Lärmen und Bravo über Bravo, kurz die allgemeine Bewunderung kann ich dir nicht genug beschreiben. Wir haben bey dem Grafen Eugen von Arco in Mantua alle Gnaden und Höflichkeiten empfangen. Aber bey dem Fürsten von Taxis haben wir nicht das Glück gehabt, zur Audienz zu kommen. Als wir zum zweyten Male hingingen, traten sie vor uns in's Haus. Es ward uns aber geantwortet: der Fürst habe jetzt nothwendige Verrichtungen, und wir möchten gleichwohl ein ander Mal kommen. Das Gesicht, die zitternde Stimme des Bedienten, und seine halbgebrochenen Worte zeigten mir gleich, dass der Fürst keine Lust habe, uns zu sehen. Behüte mich der Himmel, dass ich Jemanden in seinen Geschäften störe, sonderlich da ich noch überdiess desswegen weit laufen oder einen Lehenwagen bezahlen sollte. Zum Glück haben wir beyderseits dadurch, dass wir uns nicht in der Nähe gesehen, Nichts verloren (denn wir sahen uns in der Ferne), sondern ich ersparte das Geld hinzufahren, und der Herr Fürst die Angst, die er etwa hatte, verbunden zu seyn, uns einige kleine Höflichkeiten für die am Salzburger Hofe und von der salzburgischen Noblesse empfangenen Ehren wieder entgegen zu erweisen.

Hier schliese ich dir abermal eine Poesie bey, die von einer Signora Sartoretti kömmt, bey der wir in Mantua zu Gaste waren. Den Tag darauf kam der Bediente, und brachte auf einer schönen[164] Schaale einen ungemein schönen Blumenstrauss, an dem unten rothe Bänder, und in der Mitte der Bänder ein Medaille von vier Ducaten eingeflochten lag: oben darauf war die Poesie. Ich kann dich versichern, dass ich noch an jedem Orte die liebsten Leute gefunden habe, und aller Orten fanden wir unsere besonderen Leute, die bis zu dem letzten Augenblick unserer Abreise bey uns waren, und alle ihre Kräfte anwandten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich nenne dir z.B. das Gräflich Spaursche Haus in Inspruk; den Baron Piccini, den Grafen Ladron, Cristiani, Cosmi in Roveredo, den Grafen Carlo Emily, Marquis Carlotti, Graf Giusti, das Haus Lugiatti und besonders den Herrn Locatelli in Verona, in Mantua das Gräflich Arcoische Haus und vornämlich den Signor Bettinelli, welcher sammt seinem Bruder und seines Bruders Frau völlig zu unseren Diensten waren. Die Frau war wie eine Mutter für den Wolfg. besorgt, und wir verliessen einander mit weinenden Augen. Hier schliese ich auch eine Zeitung von Mantua bey.

Ich muss dir noch sagen, dass weder die dortigen Akademieen noch die in Verona für Geld gegeben werden. Alles geht frey hinein: in Verona nur die Noblesse, weil sie von ihr allein unterhalten wird; in Mantua aber Noblesse, Militair und ansehnliche Bürgerschaft, weil sie von der Kaiserin eine Stiftung hat. Daraus lernst du, dass wir in Italien nicht reich werden, und du weisst, dass genug gethan ist, wenn man seine Reisekosten macht. Diese habe ich auch allezeit gemacht. In den 6 Wochen, da wir nun von Salzburg weg sind, haben wir 70[165] Ducaten ausgeben müssen; denn wenn man gleich a parto lebt und überdiess meistens nicht zu Hause speisst, so ist doch das Nachtessen, Holz, Zimmer so theuer, dass man unter sechs Ducaten aus keinem Wirthshaus kömmt, wo man 9 bis 11 Tage war. Ich danke Gott, dass ich euch zu Hause gelassen. Erstlich würdet ihr die Kälte nicht haben ausstehen können; zweytens hätte es erstaunliches Geld gekostet, und wir hätten die Freyheit der Wohnung nicht gehabt, die wir jetzt haben, nämlich im Kloster der Augustiner di S. Marco, wo wir zwar nicht frey gehalten werden, aber bequem, sicher und nahe bey Sr. Exc. dem Grafen Firmian wohnen. Alle Nacht werden unsere Betten eingewärmt, so dass der Wolfgang bey dem Schlafengehen allezeit in seinem Vergnügen ist. Wir haben einen eigenen Bruder Frater Alphonso zu unserer Bedienung. – – – –


(Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 2.)


26. Januar 1770.


Mich freut es recht von ganzem Herzen, dass Du bey der Schlittenfahrt, von der Du mir schreibst, Dich so sehr ergötzt hast, und ich wünsche Dir tausend Gelegenheiten zur Ergötzung, damit Du recht lustig Dein Leben zubringen mögtest. Aber Eins verdriesst mich, dass Du den Herrn von Mölk so unendlich seufzen und leiden hast lassen, und dass Du nicht mit ihm Schlitten gefahren bist, damit er Dich hätte umschmeissen können. Wie viele Schnupftücher wird er nicht denselbigen Tag wegen Deiner gebraucht haben vor Weinen. Er wird zwar vorher schon drey Loth Weinstein eingenommen haben,[166] die ihm die grausame Unreinigkeit seines Leibes, die er besitzt, ausgetrieben haben wird. Neues weiss ich Nichts, als dass Hr. Gellert, der Poet zu Leipzig gestorben ist, und dann nach seinem Tode keine Poesieen mehr gemacht hat. Just, ehe ich diesen Brief angefangen habe, habe ich eine Aria aus dem Demetrio verfertigt, welche so anfängt:


Misero tu non sei;

tu spieghi il tuo dolore.

E se non desti amore,

ritrovi almen pietà.

Misera ben son io,

che nel segretto laccio

amo, non spero e taccio,

e l'idol mio nol sà.


Die Oper zu Mantua ist hübsch gewesen. Sie haben den Demetrio gespielt. Die prima Donna singt gut, aber still; und wenn man sie nicht agiren sähe, sondern singen nur allein, so meynte man, sie sänge nicht, denn den Mund kann sie nicht öffnen, sondern winselt Alles her, welches uns aber nichts Neues ist zu hören. Die seconda Donna macht ein Ansehen wie ein Grenadier, und hat auch eine starke Stimme, und singt wahrhaftig nicht übel, für das, dass sie das erste Mal agirt. Il primo uomo, il musico singt schön, aber hat eine ungleiche Stimme. Er nennt sich Caselli. Il secondo uomo ist schon alt, und mir gefällt er nicht. Der Tenor nennt sich Ottini: er singt nicht übel, aber halt schwer, wie alle italienischen Tenore; er ist unser sehr guter Freund. Wie der zweyte heisst, weiss ich nicht. Er ist noch jung, aber nicht viel Rares. Primo ballerino, gut; Prima ballerina, gut, und man sagt,[167] sie sey gar kein Hund; ich aber habe sie nicht in der Nähe gesehen. Die Uebrigen sind wie alle Andere. Ein Grotesco ist da, der gut springt, aber nicht so schreibt wie ich: wie die Säue brumzen. Das Orchester ist nicht übel. Zu Cremona ist das Orchester gut, und der erste Violinist heisst Spagnoletta. Prima Donna nicht übel; schon alt, glaube ich, wie ein Hund; singt nicht so gut, wie sie agirt, und ist die Frau eines Violinisten, der bey der Oper mit geigt, und sie nennt sich Masci. Die Oper hiess La clemenza di Tito. Seconda Donna, auf dem Theater kein Hund; jung, aber nichts Rares, Primo uomo, musico, Cicognani, eine hübsche Stimme und ein schönesCantabile. Die andern zwey Castraten, jung und passabel. Der Tenor nennt sich: non lo so, hat ein angenehmes Wesen, sieht dem le Roi zu Wien natürlich gleich. Ballerino primo, gut und ein sehr grosser Hund. Eine Tänzerin war da, die nicht übel getanzt hat, und was das nicht für ein capo d'opera ist, ausser dem Theater und in demselben kein Hund. Die Uebrigen wie Alle. Ein Grotesco ist auch dort, der bey jedem Sprunge einen hat streichen lassen. Von Milano kann ich Dir wahrhaftig nicht viel schreiben: wir waren noch nicht in der Oper. Wir haben gehört, dass die Oper nicht gerathen hat. Primo uomo, Aprilo, singt gut, hat eine schöne gleiche Stimme. Wir haben ihn in einer Kirche gehört, wo just ein grosses Fest war. Madame Piccinelli von Paris, welche in unserm Concerte gesungen hat, agirt bey der Oper. Herr Pick, welcher zu Wien tanzte, tanzt jetzt hier. Die Oper nennt sich Didone abbandonata, und wird bald aufhören. Sign. Piccini, welcher[168] die zukünftige Oper schreibt, ist hier. Ich habe gehört, dass seine Oper heisst: Cesare in Egitto.


Wolfgang de Mozart,

Edler von Hochenthal, Freund des Zahlhausens.


Verona, 9. Gennajo.


Questa Città non può non annunziare il valor portentoso, che in età di non ancor 13 anni, ha nella musica il giovanetto Tedesco Signor Amadeo Wolfgango Mozart, nativo di Salisburgo, e figlio dell' attuale Maestro di Cappella di Sua Altezza Rma. Monsig. Arcivescovo Principe di Salisburgo suddetto. Esso giovane nello scorso Venerdì S. dell' andante in una sala della Nobile Accademia Filarmonica, in faccia alla publica Rappresentanza, ed a copiosissimo concorso di Nobiltà dell' uno, e l'altro sesso, ha date tall prove di sua perizia nell' arte predetta, che ha fatto stordire. Egli, fra una scelta adunanza di valenti Professori, ha saputo, prima d'ogn' altra cosa, esporre una bellissima sinfonia d'introduzione di composizione sua, che ha meritato tutto l'applauso. Indi ha egregiamente sonato a prima vista un concerto di cembalo, e successivamente altre sonate a lui novissime. Poi sopra quattro versi esibitigli ha composta sul fatto un' aria d'ottimo gusto nell' atto stesso di cantarla. Un soggetto, ed un Finale progetta togli, egli mirabilmente concertò sulle migliori leggi dell' arte. Suonò all' improvviso assai bene un Trio del Bocherini. Compose benissimo in partitura un Sentimento da togli sul violino da un Professore. In somma si in questa, che in altre occasione, esposto a' più[169] ardui cimenti, gli ha tutti superati con indicibil valore e quindi con universale ammirazione, specialmente de' Dilettanti; tra' quali i Signori Lugiati, che, dopo aver goduti, e fatti ad altri godere più saggi maravigliosi dell' abilità di tal giovine, hanno infino voluto farlo ritrarre in tela al naturale, per serbarne eterna memoria. Nè è già nuovo questo pensiero; imperciocchè, da che egli va girando per entro l'Europa col padre suo, per dar pruova di se, ha tanta meraviglia eccitata in ogni parte, fino dalla tenera età di 7. anni, che se ne serba tutta via il ritratto in Vienna, in Parigi, dove sono anche i ritratti di tutta la sua famiglia, in Olanda, ed in Londra, in cui si collocò esso ritratto suo nell' insigne Museo Britannico con una iscrizione, che celebrava la stupenda sua bravura nella musica nella verde età d'anni 8.,che soli allora contava. Nel per tanto non dubitiamo, che nel proseguimento del suo viaggio, che ora fa per l'Italia, non sia per apportare eguale stupore, dovunque si recherà, massimamente agli Esperti, ed Intelligenti.


Die Mantuaner Zeitung lieferte folgende Nachrichten:

Den 16ten d.M. hielt man auf dem Schauplatze der königl. Akademie die gewöhnliche philharmonische Akademie, um bey der Durchreise des unvergleichlichen Knaben W.A. Mozart Gelegenheit zu haben, das wundersame Talent und die ausserordentlich meisterliche Geschicklichkeit in der Tonkunst, welche er in seinem Alter von 13 Jahren besitzt, von[170] dieser ganzen Stadt bewundern zu lassen. Sowohl für die Sänger als für die klingenden Instrumente in so vielen concertirenden und obligaten Stimmen, als man nur will, gleich den besten Meistern zu schreiben, ist ihm eine so leichte und geringe Sache, dass er es ebenmässig auch auf dem Claviere zu spielen weiss. Eben diesen Abend, in Gegenwart aller hohen politischen, militairischen und geistlichen Standespersonen, dann der Bürgerschaft und einer auserlesenen Versammlung der akademischen Liebhaber und Professoren, spielte er nebst zwey Symphonieen von seiner Composition, wovon die eine die Akademie eröffnete und die andere dieselbe beschloss, Concerte, Sonaten, und diese mit den schönsten Variationen, wovon er auch eine Sonata in verschiedenen Tonarten wiederholte. Er sangprima vista eine Arie, welche aus lauter von ihm niemals gehörten Versen bestand, mit richtigem Accompagnement. Von dem Orchester-Directeur wurden ihm zwey Gedanken auf der Violine angegeben, worüber er gleich zwey Sonaten, eine nach der andern componirte, und selbe sehr artig in der Secund-Stimme mitmachte. Es wurde ihm eine Violin-Stimme von einer Symphonie vorgelegt, wozu er auf der Stelle die andern Stimmen componirte. Was aber noch am meisten bewundert wird, ist, dass er zur nämlichen Zeit eine Fuge über ein ganz einfaches Thema, welches man ihm vorlegte, componirte, diese in eine meisterhaft harmonische Verbindung brachte und sie wieder so leicht auflös'te, dass Alle von der Akademie darüber erstaunen mussten. Alles dieses producirte er auf dem Claviere. Endlich spielte er[171] ein Trio von einem sehr berühmten Meister nur auf der Violine allein unvergleichlich.

Nach verschiedenen besonderen Prüfungen, welche unsere Professoren und Meister der Musik während der wenigen Tage seines hiesigen Aufenthalts mit ihm noch vorgenommen, fürchteten sie nicht zu viel zu sagen, wenn sie behaupteten, dass dieser Jüngling nur die in der Musik erfahrensten Männer zu beschämen ihnen geboren zu seyn scheine, welche Meinung mit der eines angesehenen Gelehrten von Verona völlig übereinstimmend ist, der an den Secretair hiesiger philharmonischen Akademie, eben um diesen Hrn. Wolfgang anzuempfehlen, schreibt: dass er eben ein Wunderwerk der Natur sey, gleichwie Terracinen, die Mathematiker zu demüthigen, und Corillen, die Poeten zu beschämen, geboren worden sind.

Er reiset mit seinem Hrn. Vater, Leopold Mozart, welcher ebenfalls ein Mann von Talent und ein angesehener Kapellmeister ist, durch ganz Italien. Der italienische Boden, der doch sonst der Sitz des guten Geschmacks, besonders in dieser Kunst ist, wird in diesen Zweyen genug zu bewundern finden.

Die Akademie ist also sehr glänzend und mit der grössten Zufriedenheit ausgefallen, da überdem auch noch zwey Arien, ein Duett, ein Concert für die Violine und eines für die Oboe, lauter ausgezeichnete Compositionen, von unsern Meistern dazwischen aufgeführt wurden.

Der Concertzettel selbst war folgender:


Concert-Zettel.

[172] Serie delle Composizioni musicali da eseguirsi nell' Accademia pubblica Filarmonica di Mantova, la sera del dì 16. del corrente Gennajo, 1770. in occasione della venuta dell' espertissimo giovanetto Sign. Amadeo Mozart.


1. Sinfonia di Composizione d'esso Sign. Amadeo.

2. Concerto di Gravecembalo esibitogli, e da lui eseguito all' improvviso.

3. Aria d'un Professore.

4. Sonata di Cembalo all' improvviso, eseguita dal Giovine, con variazioni analoghe d'invenzione sua e replicata poi in tuono diverso da quello in cui é scritta.

5. Concerto di Violino d'un Professore.

6. Aria composta, e cantata nell' atto stesso dal Sign. Amadeo all' improvviso, co' debiti accompagnamenti esseguiti sul Cembalo, sopra parole fatte espressamente; ma da lui non vedute in prima.

7. Altra sonata di Cembalo composta insieme, ed eseguita dal medesimo sopra un motivo musicale, propostogli improvvisamente dal primo Violino.

8. Aria d'un Professore.

9. Concerto d'Oboè d'un Professore.

10. Fuga musicale, composta ed eseguita dal Sign. Amadeo sul Cembalo, e condotta a compiuto termino secondo le leggi del Contrappunto, sopra un semplice tema per la medesima, presentatogli all' improvviso.

11. Sinfonia dal medesimo, concertata con tutte le[173] parti sul Cembalo sopra una sola parte di Violino postagli dinanzi improvvisamente.

12. Duetto di Professori.

13. Trio, in cui il Sign. Amadeo ne sonerà col Violino una parte all' improvviso.

14. Sinfonia ultima di composizione del Suddetto.


Bey derselben Gelegenheit verfasste Signora Sartoretti in Mantua folgendes Gedicht:


Al Sign. Amadeo Wolfgango Motzzart.


Anacreontica.


Genietti lepidi,

Genietti gai,

Quà presto rapidi,

Ch'io v'invitai,

Fate Corteggio

Al dolce Arpeggio.

No non ingannomi,

Voi siete quelli

Vezzosi amabili

Cortesi, e belli,

Che à Danze liete

Sempre siedete,

E Grazie, e Veneri

Vengon con Voi;

Piacer vi deggiono

I preggi suoi

Genietti ei v'amo,

Suona e vi chiamo.

A sei bell' indole

Ai capei d'oro,

Quasi uno sembrami

Del vostro coro:

Come furbetti

Son quelli ochietti!

Non v'innamorano

Le Vermigliozze

Guancie molissime,

E ritonduzze!

Stiansi librate

L'ali dorate.

Non v'innamorano

Que' vivi accenti

Che in note or languide

Ora vementi

Gorgheggia spesso

Con Febo istesso?

Vè come tremola

Le dita, e vibra,

Al docil Cembalo

Tenta ogni Fibra;

E a Voi fà parte

Dell' agil arte.

Europa videlo

In fresca etade

Di se riempiere

Le sue contrade;

Guaj, se l'udiva

La Cipria Diva:

Dunque à chè noiavi

Tardaro un puoco?

Elli può accendervi

Del suo bel fuoco;

Genietti e v'ama,

Suona, e vi chiama.[174]

E se la nobile

Santa Armonia,

Che i pensier torbidi

Da l'alma obblia,

Che desta in petto

L'astro, e l'affetto,

Tanto dilettavi,

Ralegra, e piace,

Frenate il celere

Volo fugace;

Ma nò, sè udite,

Più non partito

Picciol fascielo

Di scelti fiori

Le tempie tenere

Intanto onori;

Voi giel reccate

Ge. ij, e n'andate.

Di me tacceteli

Qual io mi sia,

Assai più nobile

E grata sia

Questa Corona

Che il genio dona.


(Leopold M. Brief No. 66.)


Mailand, den 3. Febr. 1770.


Wir waren gestern in der Hauptprobe der neuen Oper Cesare in Egitto, die recht gut ist, und haben den Maestro Piccini und die Madame Piccinelli gesehen und gesprochen. Der Wolfg., der sich alle Tage in sein gutes eingewärmtes Matraz freut, kann heute nicht schreiben, weil er zwey lateinische Motetten componirt für zwey Castraten, deren einer 15, der andere 16 Jahre alt ist. Sie haben ihn darum gebeten, und weil sie Cameraden sind, und schön singen, konnte er es ihnen nicht abschlagen. Ich habe dieser Tage wieder Etwas in den Zeitungen gefunden, wie sie uns in Bozolo ordentlich fürgepasst haben. – – – –


(Leopold M. Brief No. 67.)


Mailand, den 10. Februar 1770.


– – – Da der Graf Firmian sich nun besser befindet, so haben wir bey seiner Tafel gespeiset. Se. Excell. verehrte nach der Tafel dem Wolfg. die neun Theile der Werke des Metastasio. Es ist eine[175] der schönsten Editionen, nämlich die Turiner, und sehr schön eingebunden. Du kannst Dir vorstellen, dass diess ein sowohl mir als dem Wolfg. sehr angenehmes Present ist. Der Graf ist durch die Geschicklichkeit des W. äusserst gerührt und distinguirt uns mit besonderer Gnade und Vorzüglichkeit; und es würde zu weitläufig seyn, Dir zu erzählen, was der Wolfg. in Gegenwart des Maestro Sammartino und einer Menge der geschicktesten Leute für Proben seiner Wissenschaft abgelegt und alle in Erstaunen gesetzt hat. Du weisst ohnedem, wie es in dergleichen Fällen geht: Du hast es oft genug gesehen. Wir haben Gelegenheit gehabt, verschiedene Kirchenmusiken zu hören; unter andern, gestern das Requiem für den alten Marquis Litta, welcher zum Verdrusse der grossen Familie jetzt im Fasching gestorben ist, da sie ihm doch das Leben gerne bis in die Fasten gegönnt hätte. Das Dies irae von diesem Seelenamte dauerte gegen dreyviertel Stunden; um zwey Uhr Nachmittags war Alles aus.

Du musst Dir nicht einbilden, dass ich Dir eine Beschreibung der hiesigen Andachten machen werde; ich könnte es vor Aergerniss nicht thun. Alles besteht in der Musik, und im Kirchenaufputz: das Uebrige ist alles die abscheulichste Ausgelassenheit.

Der Wolfg. freut sich auf einen Brief. – – –


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 3.)


Wenn man die Sau nennt, so kömmt sie gerennt. Ich bin wohl auf, Gott Lob und Dank, und kann kaum die Stunde erwarten, eine Antwort zu sehen. Ich küsse der Mama die Hand, und meiner Schwester[176] schicke ich ein Blattern – – Busserl, und bleibe der nämliche – – aber wer? – – der nämliche Hanswurst. Wolfgang in Deutschland. Amadeo in Italien.


de Morzantini.


(Leopold M. Brief No. 68.)


Mailand, den 17. Februar 1770.


Wir sind Gottlob! beyde gesund. Dass, wie Du schreibst, der Winter nicht so gefährlich in Italien ist wie der Sommer, will ich wohl glauben. Allein wir hoffen, Gott werde uns erhalten. Und wenn man seine Gesundheit nicht durch Unordnung und überflüssiges Fressen und Saufen verdirbt, auch sonst keinen innerlichen Naturfehler hat, so ist Nichts zu besorgen. Wir sind aller Orten in der Hand Gottes. Mit Essen und Trinken wird sich der Wolfg. nicht verderben. Du weisst, dass er sich selbst mässigt, und ich kann Dich versichern, dass ich ihn noch niemals so achtsam auf seine Gesundheit gesehen habe als in diesem Lande. Alles, was ihm nicht gut scheint, lässt er stehen, und er isst manchen Tag gar wenig und befindet sich fett und wohl auf und den ganzen Tag lustig und fröhlich.

Eben jetzt war der Schneider da mit Mänteln und Bajuten, die wir uns haben müssen machen lassen. Ich sahe mich im Spiegel, als wir sie probirten, und dachte mir: nun muss ich in meinen alten Tagen auch noch diese Narredey mit machen. Dem Wolfg. steht es unvergleichlich an, und da wir schon diese närrische Ausgabe machen mussten, so ist mein Trost, dass man es zu allerhand andern Sachen wieder[177] brauchen, und wenigstens zu Kleiderfutter, Fürtuch etc. gebrauchen kann.

Morgen kömmt der Herzog und die Prinzessin von Modena zum Grafen Firmian, um Wolfg. zu hören. Abends werden wir en masque in die Oper in Galla fahren, nach der Oper wird der Ball seyn, und dann werden wir mit unserm sehr guten Freunde Sign. Don Ferdinando, Haushofmeister des Grafen, nach Hause fahren. Künftigen Freytag wird Akademie für's ganze Publicum seyn; dann wollen wir sehen, was heraus kömmt. – Viel wird in Italien überhaupt nicht heraus kommen. Das einzige Vergnügen ist, dass eine mehrere Begierde und Einsicht hier ist, und dass die Italiener erkennen, was der Wolfg. versteht. Uebrigens muss man sich freylich meistens mit der Bewunderung und dem Bravo bezahlen lassen, wobey ich Dir aber auch sagen muss, dass wir mit aller nur ersinnlichen Höflichkeit aller Orten empfangen und bey allen Gelegenheiten zur hohen Noblesse gezogen werden. Der Wolfg. lässt Ihro Exc. der Gräfin von Arco die Hände unterthänigst küssen und dankt für den geschickten Kuss, der ihm viel angenehmer ist, als viele junge Busserl.


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Brief No. 4.)


Da bin ich auch, da habt's mich: Du Mariandel, mich freut es recht, dass Du so erschrecklich – – lustig gewesen bist. Dem Kindsmensch, der Urserl, sage, dass ich immer meyne, ich hätte ihr alle Lieder wieder zurück gestellt; aber allenfalls, ich hätte sie in den wichtigen und hohen Gedanken nach Italien mit mir geschoben, so werde ich nicht ermangeln,[178] wenn ich es finde, es in den Brief hinein zu prägen. Addio, Kinder, lebt's wohl, der Mama küsse ich tausendmal die Hände, und Dir schicke ich hundert Busserln oder Schmazerln auf Dein wunderbares Pferdgesicht. Per fare il fine, bin ich Dein etc.


(Leopold M. Brief No. 69.)


Fasching-Erch-(Diens-)Tag 1770.


Unsere Akademie ist nun vorbey: sie war am Freytag. Es ging wie aller Orten, und braucht keine weitere Erklärung. Wir leben gesund, Gott sey gelobt! und wenn wir gleich nicht reich sind, so haben wir doch immer mehr als die Nothwendigkeit. In der zweyten Fastenwoche werden wir mit Gottes Hülfe Mailand verlassen, und nach Parma gehen. In der ersten Woche will Graf Firmian noch eine grosse Akademie für die Damen in seinem Hause geben; und es sind noch andere Sachen auszumachen.

Das Unglück des Hrn. von Aman, von dem Du schreibst, hat uns nicht nur höchstens betrübt, sondern dem Wolfg. viele Thränen gekostet: Du weisst, wie empfindlich er ist. – – –


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Brief No. 5.)


Und ich küsse die Mama und Dich. Ich bin völlig verwirrt vor lauter Affairen. Ich kann unmöglich mehr schreiben.


(Wolfg. A. Mozart's Brief No. 6.)


den 3. März 1770.


Cara sorella mia!


Recht vom ganzen Herzen freut es mich, dass Du Dich so lustig gemacht hast. Du mögtest aber[179] etwa glauben, ich hätte mich nicht lustig gemacht. Aber ja, ich könnte es nicht zählen. Ich glaube gewiss, wir waren sechs oder sieben Mal in der Oper, und dann in den feste di ballo, welche, wie zu Wien, nach der Oper anfangen, aber mit dem Unterschied, dass zu Wien mit dem Tanzen mehr Ordnung ist. Die facchinata und chiccherata haben wir auch gesehen. Die erste ist eine Maskerade, welche schön zu sehen ist, weil sich Leute anlegen als facchini oder als Hausknechte, und da ist eine barca gewesen, worin viele Leute waren, und viele sind auch zu Fusse gegangen. Vier oder sechs Chöre Trompeten und Paucken, und auch etliche Chöre Geigen und andere Instrumente. Die chiccherata ist auch eine Maskerade. Die Mailänder heissen chicchere diejenigen, die wir petits maîtres heissen, oder Windmacher halt, welche denn alle zu Pferde, welches recht hübsch war. Mich erfreut es jetzt so, dass es dem Hrn. von Aman besser geht, als wie es mich betrübt hat, wie ich gehört habe, dass er ein Unglück gehabt hat. Was hat die Madame Rosa für eine Maske gehabt? Was hat der Herr von Mölk für eine gehabt? Was hat Herr von Schidenhofen für eine gehabt? Ich bitte Dich, schreibe es mir, wenn Du es weisst: Du wirst mir einen sehr grossen Gefallen erweisen. Küsse statt meiner der Mama die Hände 1000000000000 Male. An alle gute Freunde Complimente, und Dir tausend Complimente von (wenn Du ihn erwischest, so hast Du ihn schon) wansten derwischt, so hasten schon, und von Don Casarella, absonderlich von hinten her. –


[180] (Leopold M. Brief No. 70.)


Mailand, den 13. März 1770.


Zu dem Concert, welches gestern im Firmianischen Hause war, hat Wolfg. drey Arien und ein Recitativ mit Violinen componiren müssen: und ich war gezwungen, die Violinpartes selbst heraus zu schreiben, und dann erst verdoppeln zu lassen, damit sie nicht gestohlen werden. Es waren über 150 Personen da vom ersten Adel: die Hauptpersonen waren der Herzog, die Prinzessin und der Cardinal. Zwischen heute und morgen wird auch noch eine andere Sache ausgemacht. Man will nämlich, dass der Wolfg. die erste Oper kommende Weihnachten schreiben soll. Wir haben genug zu thun, dass wir auf die Charwoche nach Rom kommen. Du weisst, dass Rom der Ort ist, wo man sich nothwendig aufhalten muss. Dann kommen wir nach Neapel, so ist dieser Ort so beträchtlich, dass, wenn uns nicht eine scrittura, die Oper in Mailand zu machen, zurück zieht, sich leicht eine Gelegenheit ereignen kann, die uns den ganzen kommenden Winter allda zurückhielte. Sollte nun aber die scrittura gemacht werden, so wird uns das Buch geschickt, der Wolfgang kann die Sache ein wenig ausdenken, wir können den Weg über Loretto nehmen, und dann in Mailand wieder seyn. Und da der Compositeur nicht länger verbunden ist zu bleiben, als bis die Oper in scena ist, so können wir alsdann über Venedig nach Hause gehen. Ich überlasse Alles der Vorsehung und Anordnung Gottes.

Morgen speisen wir zum Abschiede mit Sr. Exc. welcher uns mit Briefen nach Parma, Florenz, Rom[181] Neapel versieht. Ich kann Dir nicht beschreiben, wie gnädig er uns die ganze Zeit unseres Aufenthalts begegnet ist. – – – – – –


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Brief No. 7.)


Ich empfehle mich und küsse die Mama und meine Schwester Millionen Male und lebe gesund, Gott sey Dank. Addio.


Das Mutterland der Musik, Italien, drückte also auch diesen ihren Sohn an's warme Herz. Selbst der sonst feste Nationalstolz und das Vorurtheil der Ultramontaner machten dem Ruhme des zwölfjährigen Genius Platz, der dem Olymp entsandt schien, um Anthusa's Mauern mit Amphions Leyer zu beleben. Nachdem er in Mailand grossen Beyfall im Firmianischen Hause eingeerntet und auch Verschiedenes dort componirt hatte, reis'ten Beyde, nachdem Wolfgang zuvor noch die Scrittura zur ersten Oper für das Carneval 1771 in Mailand erhalten und zu Lodi Abends im Wirthshause ein Quartett componirt hatte, im März 1770 weiter nach Bologna. Dort fand Mozart einen enthusiastischen Bewunderer an dem grossen Contrapunctisten, Pater Maestro Martini. Dieser war nebst anderen Kapellmeistern ganz ausser sich, als ihm der dreyzehnjährige Mozart über jedes Fugenthema, welches Martini ihm hinschrieb, die dazu gehörige Riposta nach dem Rigore modi angab und die Fuge augenblicklich auf dem Claviere ausführte. Hierüber und über den Aufenthalt in Bologna schreibt der Vater selbst umständlicher:


[182] (Leopold M. Brief No. 71.)


Bologna, den 24. März 1770.


Heute angelangt. Wir sind gesund, und leben der Hoffnung, Gott werde uns gesund erhalten. Wir werden über vier Tage nicht bleiben, in Florenz fünf bis sechs. Folglich sind wir mit Gottes Hülfe in der Charwoche in Rom und sehen sicher die functiones am grünen Donnerstage u.s.w.

Die Scrittura oder der schriftliche Contract wegen der Oper, die Wolfg. machen soll, ist gemacht, und gegen einander ausgewechselt. Es kömmt jetzt nur auf die Erlaubniss unseres Fürsten an, die ich nachgesucht habe. Wir bekommen 100 Gigliati und freye Wohnung. Die Oper fängt in den Weihnachtstagen an. Die Recitative müssen im October nach Mailand geschickt werden, und den 1sten November müssen wir in Mailand seyn, dass der Wolfg. die Arien schreibt. Die Prima und Seconda Donna sind die Signora Gabrielli und ihre Schwester, der Tenor Signor Ettore, dermalen il Cavaliere Ettore, weil er einen gewissen Orden trägt. Die Uebrigen sind noch nicht bestimmt. Die Gabrielli ist in ganz Italien als eine erstaunlich hochmüthige Närrin bekannt, die nebst dem, dass sie all' ihr Geld verschwendet, die närrischsten Streiche macht. Wir werden sie unterwegs antreffen. Sie kömmt von Palermo, und dann werden wir sie wie eine Königin ehren und recht hoch erheben, dann kommen wir in Gnaden. In Parma hat uns die Signora Guari, oder sogenannte Bastardina oder Bastardella zum Speisen eingeladen, und hat uns drey Arien gesungen. Dass sie bis ins C sopra acuto soll hinauf singen,[183] war mir nicht zu glauben möglich: allein die Ohren haben mich dessen überzeugt. Die Passagen, die der Wolfg. aufgeschrieben, waren in ihrer Arie, und diese sang sie zwar etwas stiller, als die tiefern Töne, allein so schön wie eine Octavin-Pfeife in einer Orgel. Kurz die Triller und Alles machte sie so, wie Wolfgang es aufgeschrieben hat: es sind die nämlichen Sachen von Note zu Note. Nebst dem hat sie eine gute Alt-Tiefe bis ins G. Sie ist nicht schön, doch auch nicht eben garstig, hat zu Zeiten mit den Augen einen wilden Blick, wie die Leute, die der Fraiss (Convulsionen) unterworfen sind, und hinkt mit einem Fuss. Sonst hat sie eine gute Aufführung, folglich einen guten Charakter und guten Namen.

Der Graf Firmian hat dem Wolfg. eine Tabatiere, in Gold gefasst, und in derselben 20 Gigliati verehrt. – – – – –


(Wolfg. A. Mozart's Brief No. 8.)


24. März 1770.


O Du Fleissige Du!


Weil ich gar so lange faul war, so habe ich gedacht, es schadete nicht, wenn ich wieder eine kurze Zeit fleissig wäre. Alle Posttage, wann die deutschen Briefe kommen, schmeckt mir das Essen und Trinken viel besser. Ich bitte, schreibe mir, wer bey den Oratorien singt. Schreib' mir auch, wie der Titel von den Oratorien heisst. Schreibe mir auch, wie Dir die Haydn'schen Menuette gefallen, ob sie besser als die erstern sind. Dass Herr von Aman wieder gesund ist, freut mich von Grund meines Herzens:[184] ich bitte Dich, sage ihm, er soll sich wohl in Obacht nehmen: er soll keine starke Commotion machen. Sage es ihm, ich bitte Dich. Aber sage ihm auch, dass ich so oft an Dich denke, wie wir zu Triebenbach Handwerker gespielt haben, und da er durch den Schrettbeutel und durch das Ischmachen, den Namen Schrattenbach (Name des Fürst-Erzbischofs von Salzburg) vorstellte. Und sage ihm auch: dass ich so oft daran denke, da er oft zu mir gesagt hatte folgende Worte: Wollen wir uns vertheilen? und da ich ihm allezeit antwortete: Wie z'wieder! Auf's nächste werde ich Dir ein Menuett, welchen Mr. Pick auf dem Theater tanzte, schicken, und welchen dann in feste di ballo zu Mailand alle Leute tanzten, nur damit Du daraus siehst, wie langsam die Leute tanzen. Der Menuett an sich selbst ist sehr schön. Er ist natürlich von Wien, also gewiss von Teller oder von Starzer. Er hat viele Noten. Warum? weil es ein theatralischer Menuett ist, der langsam geht. Die Menuette aber von Mailand oder die wälschen haben viele Noten, gehen langsam und viel Takte. Z.B. der erste Theil hat 16, der zweyte 20 auch 24 Takte.

Zu Parma lernten wir eine Sängerin kennen, und hörten sie auch recht schön in ihrem eigenen Hause, nämlich die berühmte Bastardella, welche 1) eine schöne Stimme, 2) eine galante Gurgel, 3) eine unglaubliche Höhe hat. Folgende Töne und Passagen hat sie in meiner Gegenwart gesungen:[185]


5. Reise des Vaters mit dem Sohne nach Italien

5. Reise des Vaters mit dem Sohne nach Italien

Nota. Ursprünglich im Sopranschlüssel geschrieben.


(Leopold M. Brief No. 72.)


Bologna, den 27. März 1770.


Gestern war bey dem Feldmarschall Grafen Pallavicini ein Concert, dazu der Cardinal und die erste Noblesse eingeladen waren. Du kennst den Grafen Carl v. Firmian (er war aus Salzburg); ich wünschte, dass Du auch den Grafen Pallavicini kennen möchtest. Diess sind ein Paar Cavaliere, die in allen Stücken gleiche Denkungsart, Freundlichkeit, Grossmuth, Gelassenheit und eine besondere Liebe und Einsicht in alle Gattungen der Wissenschaften besitzen. Kaum hörte Letzterer, dass ich in der heiligen Woche in Rom einzutreffen wünschte, so sagte er, er wolle trachten, es so einzurichten, dass er am folgenden Tage das Vergnügen haben könne, diesen jungen ausserordentlichen Virtuosen nicht nur zu hören, sondern auch dem ersten Adel dieser Stadt das nämliche Vergnügen zu verschaffen. Der berühmte Pater Martino ward auch eingeladen, und obwohl er[186] sonst niemals in ein Concert geht, kam er dennoch. Das Concert, wobey 150 Personen zugegen waren, fing um halb acht Uhr an und dauerte bis halb zwölf Uhr, weil die Noblesse keinen Aufbruch machte. Die Signori Aprile und Cicognani sangen.

Was mich sonderheitlich vergnügt, ist, dass wir hier ungemein beliebt sind, und dass der Wolfgang hier noch mehr bewundert wird, als in allen andern Städten Italiens, weil hier der Sitz und Wohnplatz von vielen Meistern, Künstlern und Gelehrten ist. Hier ist er auch am stärksten versucht worden, und diess vergrössert seinen Ruhm durch ganz Italien, weil der Pater Martino der Italiener Abgott ist und dieser mit solcher Verwunderung von dem Wolfg. spricht und alle Proben mit ihm gemacht hat. Wir haben den Pater Martino zwey Mal besucht und jedes Mal hat der Wolfg. eine Fuge ausgeführt, davon der Pater Martino nur den Ducem oder la Guida mit etlichen Noten aufgeschrieben hat. Wir haben den Cavaliere Broschi oder sogenannten Sign. Farinelli auf seinem Gute ausser der Stadt besucht. Wir haben die Spagnoletta hier gefunden, die in der Oper, die im May gespielt wird, prima donna seyn wird, anstatt der Gabrielli, die noch in Palermo ist und die Bologneser angesetzet hat.

Noch haben wir hier den Castraten Manfredini angetroffen, der, von Russland kommend, bey uns in Salzburg war.

Wir sind in dem Istituto gewesen. Was ich da Alles gesehen habe, übertrifft das Museum Britannicum. Denn hier sind nicht nur die Natur-Seltenheiten, sondern Alles, was nur immer Wissenschaft[187] heisst, gleich einem Lexikon in schönen Zimmern reinlich und ordentlich verwahrt zu sehen; Du würdest erstaunen. Von Kirchen, Malereyen, schöner Baukunst und Einrichtung verschiedener Palläste will ich gar nichts sagen.

Wegen des Pferdes hast Du nicht die mindeste Meldung zu machen. Wer meine Sache ohne mein Wissen und Willen verschenkt, wird mir solche mit etwas Besserm ersetzen, wenn er ein Cavalier ist, der nicht anders als edel denken kann. Meine Freunde werden mir verzeihen, dass ich ihnen nicht schreibe.Kommabit aliquando Zeitus bequemus schreibendi. Nunc Kopffus meus semper vollus est multis Gedankibus. – – –


Von Bologna reis'ten sie nach Florenz, wo die Bewunderung besonders dadurch stieg, dass der dortige Musik-Director, Marchese Ligneville, ebenfalls ein starker Contrapunctist, dem jungen Künstler die schwersten Fugen und Themata vorlegte, die er sogleich vom Blatte spielte.


(Leopold M. Brief No. 73.)


Florenz, den 3. April 1770.


Den 30. März angelangt. Den 1. April gingen wir zu dem Grafen Rosenberg, der uns gleich vorliess, obwohl funfzig Personen im Vorzimmer waren, weil wir einen Brief vom Grafen Firmian hatten, und weil er schon durch den Grafen Joseph Kauniz, der mit uns beym Grafen Pallavicini gespeis't hatte, von uns Nachricht hatte. Rosenberg schickte uns gleich nach Hofe zum Duca Salviati, mit Vermelden,[188] dass er uns dem Grossherzoge vorstellen sollte. Der Grossherzog war ungemein gnädig und fragte nach der Nannerl; er sagte, seine Frau wäre sehr begierig, den Wolfgang zu hören. Er sprach eine gute Viertelstunde mit uns.

Den 2ten April wurden wir nach dem Schlosse vor der Stadt abgeholt und blieben bis nach 10 Uhr. Die Sache ging wie gewöhnlich, und die Verwunderung war um so grösser, da der Marquis Ligneville, der Musik-Director, der stärkste Contrapunctist in ganz Italien ist und folglich dem Wolfg. die schwersten Fugen vorgelegt und die schwersten Themata aufgegeben hat, die der Wolfg., wie man ein Stück Brod isst, weggespielt und ausgeführt hat. Nardini accompagnirte. Heute gehen wir zu Manzuoli. Der Castrat Nicolini, der mit dem Guadagni zu Wien war, ist auch hier.

Ich bin sehr betrübt, dass wir am Freytage schon abreisen müssen, um in Rom einzutreffen. Ich wünschte, dass Du Florenz selbst und die ganze Gegend und Lage der Stadt sehen könntest: Du würdest sagen, dass man hier leben und sterben soll. Ich werde in diesen Paar Tagen Alles sehen, was zu sehen ist. – – –


In Florenz machte Mozart noch die Bekanntschaft eines jungen Engländers, Thomas Lindley, eines Knaben von vierzehn Jahren, also mit ihm von gleichem Alter. Dieser war ein Schüler des berühmten Nardini und spielte sein Instrument mit einer bezaubernden Fertigkeit und Lieblichkeit. Diese Bekanntschaft, die zwischen diesen beyden bewunderten Knaben[189] ein liebliches Bild des Erkennens und Wiederfindens verwandter Geister ist, erreichte gar bald einen hohen Grad von Zärtlichkeit; ihre Freundschaft war nicht bloss Knaben-Anhänglichkeit, sondern Zärtlichkeit zweyer tieffühlender, übereinstimmender Seelen: sie achteten sich als Künstler und benahmen sich wie Männer. Daher war ihnen die Trennung auch so bitter.

Burney, in seinem Tagebuche seiner musikalischen Reise, erwähnt des Tomasino Lindley als geschickten Künstlers, und auch der, wie er sie nennt, übernatürlichen Fähigkeiten des jungen Deutschen (Mozart's), da er zu dieser Zeit mit Beyden zugleich in verschiedenen Städten Italiens war.

Vater und Sohn Mozart reis'ten von Florenz wieder ab und kamen am 11. April in Rom an, von welcher Reise und ihrem Aufenthalte in Rom uns des Vaters und des Sohnes Briefe Folgendes erzählen.


(Leopold M. Brief No. 74.)


Rom, den 14. April 1770.


Am 11ten angelangt. In Viterbo sahen wir die heil. Rosa, die, so wie die heil. Catharina di Bologna, in Bologna unverwesen zu sehen ist. Von der ersten haben wir Fieberpulver u. Reliquien, von der zweyten einen Gürtel als Andenken mitgenommen. Am Tage unserer Ankunft gingen wir schon nach St. Peter in die Capella Sixti, um das Miserere in der Mette zu hören. Am 12ten haben wir die Functiones und, da der Papst bey der Tafel den Armen aufwartete, ihn so nahe gesehen, dass wir oben an neben ihm standen. Unsere gute Kleidung, die teutsche Sprache und meine gewöhnliche Freyheit, mit welcher ich meinen[190] Bedienten in teutscher Sprache den geharnischten Schweizern zurufen liess, dass sie Platz machen sollten, halfen uns aller Orten bald durch. Sie hielten den Wolfgang für einen teutschen Cavalier, Andere gar für einen Prinzen, und der Bediente liess sie im Glauben: ich war für seinen Hofmeister angesehen. Eben so gingen wir zur Tafel der Cardinäle. Da begab es sich, dass Wolfgang zwischen die Sessel zweyer Cardinäle zu stehen kam, deren einer der Cardinal Pallavicini war; dieser gab dem Wolfgang einen Wink, und sagte: Wollten Sie nicht die Güte haben, mir im Vertrauen zu sagen, wer Sie sind. Wolfg. sagte es ihm. Der Cardinal antwortete ihm mit der grössten Verwunderung: Ey sind Sie der berühmte Knabe, von dem mir so Vieles geschrieben worden ist? Auf dieses fragte ihn Wolfgang: Sind Sie nicht der Cardinal Pallavicini? Der Cardinal antwortete: der bin ich; warum? Der Wolfg. sagte ihm dann, dass wir Briefe an Se. Eminenz hätten, und unsere Aufwartung machen würden. Der Cardinal bezeugte ein grosses Vergnügen darüber, sagte, dass Wolfg. gut italienisch spräche, und setzte hinzu: ick kan auk ein benig deutsch sprekken. Als wir weg gingen küsste ihm Wolfgang die Hand, und der Cardinal nahm das Baret vom Haupt, und machte ihm ein sehr höfliches Compliment.

Du weisst, dass das hiesige berühmte Miserere so hoch geachtet ist, dass den Musicis der Kapelle unter der Excommunication verboten ist, eine Stimme davon aus der Capelle wegzutragen, zu copiren oder Iemanden zu geben. Allein, wir haben es schon. Wolfg. hat es schon aufgeschrieben, und[191] wir würden es in diesem Briefe nach Salzburg geschickt haben, wenn nicht unsere Gegenwart, um es zu machen, nothwendig wäre. Die Art der Production muss mehr dabey thun als die Composition selbst. Wir indessen wollen es auch nicht in andere Hände lassen, dieses Geheimniss, ut non incurremus mediate vel immediate in censuram ecclesiae. Die St. Peterskirche haben wir schon rechtschaffen durchgesucht, und es soll gewiss Nichts unbeobachtet bleiben, was zu sehen ist. Morgen werden wir, wenn Gott will, Se. Heiligkeit pontificiren sehen. Nach den Functionen, am Montage, werden wir anfangen unsere 20 Empfehlungs-Schreiben abzugeben. So froh ich bin, dass ihr nicht mit uns gereist seyd, so leid ist mir, dass ihr alle die Städte Italiens, besonders Rom, nicht sehet. Ich rathe Dir noch einmal Kaysslers Reisebeschreibung zu lesen. Wir sind durch den Abbate Marcobruni in einem Privathause abgestiegen, müssen aber, um empfangen zu können, eine ansehnlichere Wohnung nehmen. Wolfg. befindet sich gut, und schickt einen Contratanz. Er wünscht, dass Hr. Cyrillus Hofmann1 die Schritte dazu componiren möchte, und zwar möchte er, dass, wenn die zwey Violinen als Vorsänger spielen, auch nur zwey Personen vortanzen, und dann allezeit, so oft die ganze Musik mit allen Instrumenten eintritt, die ganze Compagnie zusammen tanze. Am schönsten wäre es, wenn es mit fünf Paar Personen getanzt würde. Das erste Paar fängt das erste Solo an, das zweyte tanzt dass zweyte und so fort, weil fünf Solo und fünf Tutti sind.[192]

Nun kömmt die Zeit, die mir die meiste Unruhe macht, weil die Hitze kömmt. Doch sagt mir Jedermann, dass Neapel unvergleichlich mehr Luft hat, und viel gesünder als Rom ist. Ich werde also alle mögliche Vorsicht brauchen, sonderheitlich wegen der Malaria, unsere Rückreise ohne Lebensgefahr anzustellen. Bittet fleissig den lieben Gott für unsere Gesundheit: an uns wird es nicht fehlen, denn ich kann Dich versichern, dass wir alle möglichste Sorge haben, und der Wolfg. so Acht auf seine Gesundheit hat, als wäre er der erwachsenste Mensch. Gott erhalte euch gleichfalls gesund! –


Wolfg. A. Mozart's Nachschrift. Brief No. 9.


Ich bin, Gott Lob und Dank! nebst meiner miserablen Feder gesund und küsse die Mama und die Nannerl tausend oder 1000 Mal. Ich wünschte nur, dass meine Schwester zu Rom wäre, denn ihr würde diese Stadt gewiss wohlgefallen, indem die Peterskirche regulär, und viele andere Sachen zu Rom regulär sind. Die schönsten Blumen tragen sie jetzt vorbey; den Augenblick sagte es mir der Papa. Ich bin ein Narr, das ist bekannt. O ich habe eine Noth. In unserm Quartier ist nur ein Bett. Das kann die Mama sich leicht einbilden, dass ich bey dem Papa keine Ruhe habe. Ich freue mich auf das neue Quartier. Jetzt habe ich just den heil. Petrus mit dem Schlüsselamt, den heiligen Paulus mit dem Schwert, und den heil. Lukas mit meiner Schwester etc. etc. abgezeichnet. Ich habe die Ehre gehabt, des heil. Petrus Fuss zu S. Pietro zu küssen, und weil[193] ich das Unglück habe, so klein zu seyn, so hat man mich als den nämlichen alten

Wolfgang Mozart

hinauf gehoben.


(Leopold M. Brief No. 75.)


Rom, den 21. April 1770.


Wir haben hier den Mr. Beckfort getroffen, der uns bey der Lady Effingham in London kannte. Wir wohnen jetzt im Hause des Päpstlichen Couriers Uslinghi. Die Frau und die Tochter wissen nicht genug, wie sie uns bedienen sollen. Der Mann ist in Portugall, und sie sehen uns als Herren vom Hause an. Es sind bereits Nachrichten von unserer Anwesenheit in Bologna und Florenz zu lesen; allein ich mag dergleichen Sachen nimmer einschicken.

Je tiefer wir in Italien hinein kommen, desto mehr wächst die Verwunderung. Wolfg. bleibt mit seiner Wissenschaft auch nicht stehen, und wächst von Tage zu Tage so, dass die grössten Meister und Kenner nicht Worte finden, ihre Bewunderung an den Tag zu legen. Vor zwey Tagen waren wir bey einem Neapolitanischen Prinzen S. Angelo, gestern bey dem Prinzen Ghigi, wo der sogenannte Rè d'Inghilterra oder Prätendent, und der Staatssecretair Cardinal Pallavicini waren. Wir werden bald Seiner Heiligkeit vorgeführt werden.

Aber ich habe Dir noch eine artige Begebenheit zu schreiben.

In Florenz fanden wir einen jungen Engländer, welcher ein Schüler des berühmten Nardini ist. Dieser Knabe, welcher wunderschön spielt, und in Wolfgangs[194] Grösse und Alter ist, kam in das Haus der gelehrten Poetin Sign. Corilla, wo wir uns auf Empfehlung des Mr. Laugier befanden. Diese zwey Knaben producirten sich wechselweise den ganzen Abend unter beständigen Umarmungen. Den andern Tag liess der kleine Engländer, ein allerliebster Knabe, seine Violine zu uns bringen, und spielte den ganzen Nachmittag. Wolfg. accompagnirte ihm auf der Violine. Den Tag darauf speisten wir bey Mr. Gaoard, Administrator der Grossherzogl. Finanzen, und die zwey Knaben spielten den ganzen Nachmittag wechselweise, nicht als Knaben, sondern als Männer. Der kleine Tommaso begleitete uns nach Hause, und weinte die bittersten Thränen, weil wir den Tag darauf abreisen sollten. Da er aber vernahm, dass unsere Abreise erst auf den Mittag festgesetzt sey, so kam er Morgens um neun Uhr, und gab dem Wolfg. unter vielen Umarmungen folgende Poesie, die die Sign. Corilla den Abend vorher hatte machen müssen, und dann begleitete er unsern Wagen bis zum Stadtthore. Ich wünschte, dass Du diese Scene gesehen hättest.


Per la partenza del Sgr. W.A. Mozart da Firenze.


Da poi che il fato t' ha da me diviso,

io non fò che seguirti col pensiero,

ed in pianto cangai la gioja e il riso,

ma in mezzo al pianto rivederti io spero.

Quella dolce armonia di paradiso

che ha un estasi d'amor mi aprì il sentiero,

mi risuona nel cuor, e d' improvviso

mi porta in cielo a contemplare il vero.[195]

Oh lieto giorno! O fortunato istante

in cui ti vidi e attonito ascoltai

e della tua virtù divenni amante!

Voglian li Dei che dal tuo cuor giammai

non mi diparta! Io ti amero costante

emul di tua virtu de ognor mi avrai.


In segno di sincera stima ed affetto

Tommaso Linley.


(Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 10.)


Rom, den 21. April 1770.


Cara sorella mia!


Ich bitte Dich, Du wirst die Künste von der Rechenkunst finden, denn Du hast sie selbst aufgeschrieben, und ich habe sie verloren, und weiss also Nichts mehr davon. Also bitte ich Dich, sie mir zu copiren, nebst andern Rechenexempeln, und mir sie her zu schicken.

Manzuoli steht im Contract mit den Mailändern, bey meiner Oper zu singen. Der hat mir auch desswegen in Florenz vier oder fünf Arien gesungen, auch von mir einige, welche ich in Mailand componiren habe müssen, weil man gar nichts von theatral. Sachen von mir gehört hatte, um daraus zu sehen, dass ich fähig bin, eine Oper zu schreiben. Manzuoli begehrt 1000 Ducaten. Man weiss auch nicht, ob die Gabrielli sicher kommen wird. Einige sagen, es wird die de' Amicis singen, welche wir in Neapel sehen werden. Ich wünschte, dass sie und Manzuoli recitirten. Da wären nun zwey gute Bekannte und Freunde von uns. Man weiss auch noch nicht das Buch. Eins von Metastasio habe ich dem Don Ferdinando und dem Herrn von Troyer recommandirt.[196]

Jetzt habe ich just die Arie: se ardire e speranza in der Arbeit. – – –


An Leopold Mozart's Gattin.


Madame!


Sino dai primi del presente anno ammirò questa nostra Città nella pregiatissima persona de Sr. Amadeo Wolfgango Mozart, di Lei figlio, un portento, si può dire, di Natura nella Musica, giacchè l'arte ancora non potea esercitare il suo uffizio, se pure non avesse con questo prevenuta la tenera età sua.

Tra gli ammiratori io lo fui al certo, mentre qualche diletto avendomi sempre recato la Musica, e per quanto abbia ne miei viaggi di questa inteso, ne posso far quel giudizzio che spero non sia fallace; ma di si raro e portentoso Giovane è certamente giustissimo, tanta avendone concepita stima che lo feci al naturale ritrarre coll' iscrizione ricoppiata sul fine della cantata, che Gli sara gradevole di leggere. – La dolce sua effigie mi è di conforto, ed altre si di eccitamento a riprendere qualche fiata la musica per quanto le publice e private occupazioni me lo permettano, non avendo però mai perdute le traccie del Sr. Amadeo e Sr. Leopoldo amabilissimo suo padre, avendone da Mantova, Milano ed ultimamente da Firenze avute con piacere notizie del loro stato ed universale riportato applauso, come fra poco da Roma sarò per avere, dove alle più illustri persone li ho già diretti.

Io non faccio che risvegliare a Lei, o Madamma, quel piacere che provò quando ancor più tenero nelle prime Città d'Europa lo condusse seco[197] colla portentosa figlia, che fà il soggetto delle virtuose universali ammirazioni, come lo è Egli presentemente. Quanto io stimo l'uno e l'altra, lo può da questa mia rilevare ed in consequenza quanto abbia in prezio i suoi genitori, che con si attenta educazione coltivati abbiano si rari talenti, che loro poi recata avendo si esuberante compiacenza, ancora universale ne apportarono al Mondo l'ammirazione.

Degni aggradire tai sentimenti, che nascono da buon animo, vera stima, giacchè a ciò fare somministra l'occasione l'adempire all' impegno contratto col figlio di far gli tenere due pezzi di Musica, da lui venduti presso di me in que' momenti, che soggiornò meco, i quali ho io fatti ricopiare occiò li gradisca e se ne serva pienamente.

Finisco augurandole ogni mag.' felicità e così alla sua pregiama. famiglia, nel mentre con sincera divota stima mi dichiaro

di Madama

divolmo. obbligtmo. servidore


Pietro Lugiati.2

Verona,

22. Aprili 1770.


(Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 11.)


25. April 1770.


Cara sorella mia!


Io vi accerto, che io aspetto con una incredibile premura tutte le giornate di posta qualche lettera di Salisburgo, Jèri fummo à S. Lorenzo, e sentimmo il Vespero, e oggi matina la messa cantata, e la sera poi il secondo vespero, perchè era la festa[198] della Madonna del Buonconfiglio. Questi giorni fummo nel Campidoglio e viddemmo varie belle cose. Se io volessi scrivere tutto quelche viddi, non basterebbe questo foglietto. In due Accademie suonai, e domani suonero anche in una. – Subito dopo pranso giuochiamo a Potsch. Questo è un giuoco che imparai qui quando verro a casa, ve l'imparerò. Finita questa lettera finirò una sinfonia mia, che cominciai. L'aria è finita, una sinfonia è dal copista (il quale è il mio padre) perche noi non la vogliamo dar via per copiarla; altrimente ella sarebbe rubata.


Roma caput mundi,

il 25. Aprile anno 1770,

nell' anno venturo 1771.


Wolfgango in Germania,

Amadeo Mozart in Italia.


Hinten wie vorn und in der Mitte doppelt.


(Leopold M. Brief No. 76.)


Rom, den 28. April 1770.


Wir waren bey der Principessa Barbarini, wo wir den Prinzen Xaver von Sachsen, auch den Prätendenten abermals antrafen; heute sind wir bey dem Ambassadeur von Malta. Morgen hat uns der Duca di Bracciano zur Akademie des Duca Altems (Hohen Ems) eingeladen. Montag speisen wir bey den Augustinern. Am 12. May wollten wir mit Gottes Hülfe mit dem Procaccio nach Neapel reisen, wo wir schon Wohnung bestellt haben. Die Wege sind sehr unsicher: ich gehe nicht weg, bis ich weiss, dass Sicherheit ist, und mit dem Procaccio ist man in einer grossen Compagnie. Wolfg. befindet sich, Gottlob! gesund; nur hat er, wie gewöhnlich, ein wenig Zahnweh auf einer Seite.


[199] N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Briefe No. 12).


Meine Schwester küsse ich ins Gesicht, und der Mama die Hände. Ich habe noch keine Scorpionen und Spinnen gesehen: man redet und höret gar nichts davon. Die Mama wird wohl meine Schrift kennen. Schreibe die Mama mir's geschwinde, denn sonst setze ich meine Namen her.


(Leopold M. Brief No. 77.)


Rom, den 2. May 1770.


Du willst wissen, ob Wolfgang noch singt und geigt. Er geigt, aber nicht öffentlich. Er singt, aber nur allzeit, wenn man ihm einige Worte vorlegt. Er ist etwas gewachsen. Wir haben Gelegenheit, mit 4 Augustinern nach Neapel zu reisen. Ich hoffe, Gott werde Dich und die Nannerl gesund erhalten, und uns gesund nicht nur nach Neapel, und dann wieder zurück, sondern auch seiner Zeit glücklich nach Hause kommen lassen. In Neapel halten wir uns etwa fünf Wochen auf. Dann über Loretto nach Bologna und Pisa, und dorten die grösste Hitze an einem Orte auswarten, der am kühlsten und gesundesten ist. Heute haben sich Herr Meissner, der aus Neapel angekommen ist, und Wolfgang im deutschen Collegium producirt.


N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Briefe No. 15).


Ich bin Gott Lob und Dank gesund, und küsse der Mama die Hand, wie auch meiner Schwester das Gesicht, Nase, Mund, Hals, und meine schlechte Feder.
[200]

Da sich Wolfgang das Miserere nach genauem Anhören zu Hause aufgeschrieben hatte, hielt er später, als dieses Miserere am Charfreytage wieder gegeben wurde, sein Manuscript im Hute, um noch einiges berichtigen zu können. Dieses wurde in Rom bald bekannt und erregte allgemeines Aufsehen. Es gab Gelegenheit, dass Mozart sein nachgeschriebenes Stück in einer Akademie beym Claviere singen musste, wobey der Castrat Christofori, der es in der Kapelle gesungen hatte, zugegen war, und welcher durch sein Erstaunen Mozart's Triumph documentirte. Man darf nur bedenken, welche Anstrengung es kostet, eine einfache Melodie zu behalten, um hier in zweifelndes Erstaunen zu sinken! Dieses lange kritische Choralstück, und noch dazu zweychörig, voller Imitationen und Repercussionen, ewig wechselnd im Einsetzen und Verbinden der Stimmen unter einander – welche Kenntniss des reinen Satzes, des Contrapunctes, welch umfassendes Gedächtniss, welch ein Ohr, welchen allumfassenden Tonsinn erforderte dieser in seiner Art einzige musikalische Diebstahl! –

In Rom verweilten sie bis zum 8. May, von wo sie dann nach Neapel reis'ten.


(Leopold M. Brief No. 78.)


Neapel, den 19. May 1770.


Wir sind den 8. May in Gesellschaft dreyer anderer Sedien oder zweysitzigen Wagen von Rom abgereist, haben zu Marino im Augustiner Kloster Mittagsmahl genommen, und sind den 11ten zu Sessa abermals in einem Augustiner Kloster über Nacht wohl bewirthet worden, am 12ten in Capua bey den[201] Augustinern angelangt, und wollten Abends in Neapel seyn. Allein es fügte sich, dass den Sonntag darauf, den 13ten, die Einkleidung einer Dame in dem Kloster vor sich gehen sollte, wo einer meiner Reisegefährten, Pater Segarelli, vor einigen Jahren Beichtvater war. Er sollte also dieser Einkleidung beywohnen, und bat uns zu bleiben. Wir sahen also die Einkleidung. Ausser den nächsten Verwandten war Niemand zur Mittagstafel in dem Frauenkloster eingeladen, als wir.

Schon am 12ten langte ein Kapellmeister sammt drey bis vier Wagen mit Virtuosen an, die gleich durch Symphonien und ein Salve Regina den Anfang der Feyerlichkeit machten. Alle diese Virtuosen wohnten in dem nämlichen Augustiner Kloster. Am 14ten kamen wir hier an. Wir wohnten zwey Nächte in einem Hause, das dem Kloster der Augustiner a S. Giovanni Carbonaro gehört. Jetzt sind wir in einer Wohnung, wo wir monatlich vier Salzburger Ducaten bezahlen. Gestern fuhren wir vergebens nach Portici, um dem Minister Marquis Tanucci aufzuwarten. Abends besuchten wir den englischen Gesandten Hamilton, unsern Bekannten aus London, dessen Frau ungemein rührend das Clavier spielt, und eine sehr angenehme Person ist. Sie zitterte, da sie vor dem Wolfg. spielen sollte.

Am 16ten haben wir bey Baron Tschudy gespeisst, der uns unzählige Mal geküsst und seine Dienste angetragen hat.

Wenn die Portraite gut gemacht sind, magst Du bezahlen, was Du willst.


[202] (Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 14.)


Neapel, den 19. May 1770.


C.S.M.


Vi prego di scrivermi presto e tutti i giorni di posta. Io vi ringrazio di avermi mandato questi Rechenhistorie, e vi prego, se mai volete avere mal di testa, di mandarmi ancora un poco di questi Künste. Perdonate mì che scrivo si malamente, ma la razione è perchè anche io ebbi un poco mal di testa. Der 12te Menuett von Haydn, den Du mir geschickt hast, gefällt mir recht wohl, und den Bass hast Du unvergleichlich dazu componirt, und ohne mindesten Fehler. Ich bitte Dich, probire öfter solche Sachen.

Die Mama soll nicht vergessen, die Flinten alle beyde putzen zu lassen. Schreibe mir, wie es dem Herrn Canari geht. Singt er noch? Pfeift er noch? Weisst Du, warum ich auf den Canari denke? Weil in unserm Vorzimmer einer ist, welcher ein G'seis macht, wie unserer. A propos, der Herr Johannes wird wohl den Gratulations-Brief empfangen haben, den wir haben schreiben wollen. Wenn er ihn aber nicht empfangen hätte, so werde ich ihm schon selbst mündlich sagen zu Salzburg, was darin hätte stehen sollen. Gestern haben wir unsere neuen Kleider angezogen; wir waren schön wie die Engel. An die Nandl meine Empfehlung, und sie soll fleissig für mich beten. Den 30ten wird die Oper anfangen, welche der Jomelli componirt. Die Königin und den König haben wir unter der Messe zu Portici in der Hofkapelle gesehen, und den Vesuvius haben wir auch gesehen. Neapel ist schön, ist aber volkreich[203] wie Wien und Paris. Und von London und Neapel, in der Impertinenz des Volkes, weiss ich nicht, ob nicht Neapel London übertrifft; indem hier das Volk, die Lazzaroni, ihren eigenen Obern, oder Haupt haben, welcher alle Monate 25 Ducati d'argento vom König hat, um nur die Lazzaroni in einer Ordnung zu halten.

Bey der Oper singt die de Amicis. Wir waren bey ihr. Die zweyte Oper componirt Caffaro; die dritte Ciccio di Majo, und die vierte weiss man noch nicht. Gehe fleissig nach Mirabell in die Litaneyen, und höre das Regina coeli oder das Salve Regina, und schlaf gesund und lass Dir nichts Böses träumen. An Hr. von Schidenhofen meine grausame Empfehlungtralaliera, tralaliera. Und sage ihm, er soll den Repetiter-Menuett auf dem Claviere lernen, damit er ihn nicht vergessen thut. Er soll bald darzu thun, damit er mir die Freude thut machen, dass ich ihm einmal thue accompagniren. An alle andere gute Freunde und Freundinnen thue meine Empfehlungen machen, und thue gesund leben, und thue nit sterben, damit Du mir noch kannst einen Brief thun, und ich Dir hernach noch einen thue, und dann thun wir immer so fort, bis wir was hinaus thun, aber doch bin ich der, der will thun, bis es sich endlich nimmer thun lässt. Indessen will ich thun bleiben

W.M.


(Leopold M. Brief No. 79.)


Neapel, den 22. May 1770.


Gestern waren wir bey der Kaiserl. Gesandtin, Gräfin Kauniz, geborner Fürstin von Oettingen. –[204] Die Marquise Tanucci schickte gestern ihren Haushofmeister zu mir, und liess mir melden, dass derselbe jederzeit zu meinem Befehle wäre, uns aller Orten herum zu führen, und uns alle Seltenheiten zu zeigen. Diess ist eine Distinction, die Jedermann in Verwunderung setzt, da dieser Minister eigentlich König ist, und sehr hoch gehet. Die Opera buffa ist hier sehr gut. Die alte Principessa Belmonte sah uns da, und machte uns viele Complimente, obwohl unsere Loge von der ihrigen weit entfernt war. –


N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Briefe No. 15).


Ich bin Gott Lob und Dank gesund, und küsse der Mama die Hände, und alle Beyde küsse ich zu tausend Mal.


(Leopold M. Brief No. 80.)


Neapel, den 26. May 1770.


Die Aussichten und Seltenheiten Neapels hoffe ich Dir in Kupfer zu bringen, wie ich sie schon von Rom habe.

Am Montag wird eine Akademie seyn, die die Gräfin Kauniz, Lady Hamilton, Principessa Belmonte, Principessa Francavilla, Duchessa Calabritta, veranstalten, und die uns glaublich 150 Zechinen einbringen wird. Wir haben aber auch Geld nöthig; denn gehen wir fort, so haben wir eine lange Reise, ohne Etwas einzunehmen. Bleiben wir hier, so müssen wir fünf Monate aushalten. Freylich hier wir immer unsere Nothwendigkeit einnehmen.

Dass ich Dir nichts ausführlichers von Rom geschrieben habe, hat seine Ursachen; Du wirst Alles umständlich hören.[205]

Die Frau Hagenauer wird wohl zu Zeiten ein Vater Unser für uns beten. Es thut wirklich Noth, denn wir beten nicht gar viel.


(Leopold M. Brief No. 81.)


Neapel, den 29. May 1770.


Gestern hatten wir unsere Akademie, die sehr gut ausfiel. Morgen kömmt der Hof in die Stadt, um des Königs Namensfest mit Opern etc. zu feyern.

Wenn wir den 16ten von hier reisen, so gehen wir bis nach Marino, wo wir im Augustinerkloster absteigen. Der Pater Prior allda hat sich's ausgebeten. Er will mit uns nach Genzano, um uns das wunderthätige Bild Maria von guten Rath zu zeigen. Wir können dann eine Woche bey unseren Freunden in Rom bleiben, und dann unsere Reise nach Loretto antreten. In Rom habe ich für Kost und Zimmer keinen Kreuzer bezahlt. Ich war gänzlich Herr vom Hause, und da die Frau sich über keine Bezahlung erklären wollte, so werde ich nun bey der Rückkunft Etwas kaufen, und der Tochter ein ansehnliches Präsent machen.

Wenn wir nun die besagte Zeit abreisen, so werden wir am Ende, so zu sagen, ganz Italien gesehen haben, denn wir werden von den Gegenden über Loretto hinaus, wo es uns einfällt, nach Bologna oder Florenz, Pisa, Lucca, Livorno u.s.w. gehen, die heissen zwey Monate an dem bequemsten dieser Orte zubringen, und glaublich über Genua nach Mailand kommen. Wenn Wolfg. nicht schon die Scrittura zur Oper in Mailand hätte, so würde er sie zu Bologna, Rom und Neapel bekommen haben:[206] sie ist ihm an allen diesen drey Orten angetragen worden. Ungeachtet die Hitze jetzt nicht sehr stark ist, werden wir ziemlich schwarz nach Hause kommen, denn die Luft bringt es mit sich. Du weisst, dass Wolfg. sich immer wünscht, brunett zu seyn. Er kann die Posttage kaum erwarten, und bittet Dich, Du sollst die Woche zu Zeiten zwey Mal schreiben, sonderheitlich, wenn es etwas Neues giebt.

Der Vesuvius hat mir das Vergnügen noch nicht gemacht, sich brennend oder vielmehr feuerspeyend zu zeigen. Wir werden ihn dieser Tage näher sehen. – –


(Wolfg. A. Mozart's Brief No. 16.)


Neapel, den 29. May 1770.


C.S.M.


Jeri l'altro fummo nella prova dell' opera del Sign. Jomelli, la quale è una opera che è ben scritta e che me piace veramente. Il Sign. Jomelli ci ha parlati ed era molto civile. E fummo anche in una chiesa a sentir una Musica la quale fù del Sign. Ciccio de Majo, ed era una bellissima Musica. Anche lui ci parlo ed era molto compito. La Signora De Amicis cantò a meraviglia. Stiamo Dio grazia assai bene di salute, particolarmente io, quando viene una lettera di Salisburgo. Vi prego di scrivermi tutti giorni di posta, e se anche non avete niente da scrivermi, solamente vorre: averlo per aver qualche lettera tutti giorni di posta. Egli non sarrebbe mal fatto, se voi mi scriveste qualche volta una letterina italiana. – – –


[207] (Leopold M. Brief No. 82.)


Neapel, den 5. Juny 1770.


Unser Concert ist sehr gut abgelaufen, aber vom Hofe kann ich Dir noch Nichts schreiben. Die Principessa Francavilla hat uns auch ein schönes Präsent gemacht, und wir haben zu noch ein paar Kleinigkeiten Hoffnung.

Du wirst übel zufrieden seyn, dass ich Dir unsere Einnahme nicht umständlicher schreibe. Ich thue es darum nicht, weil man in Salzburg nur die Einnahme ansieht, und auf die Ausgabe nicht denkt, und wenige wissen, was Reisen kostet. Es wird Dir genug seyn, dass wir an Nichts, Gottlob! Mangel haben, was immer uns nothwendig ist, unsere Reise mit aller Ehre fortzusetzen. Bey allen Kutschen werden Abends die Flambeaux auf der Spaziertour angezündet, um eine Art von Illumination zu machen. Da wir täglich mitfahren, und allezeit durch einen herrschaftlichen Wagen bedient werden, so haben wir allezeit zwey Flambeaux. Der herrschaftliche Bediente hat sein Flambeau, und unser Bediente das Unserige. Auf der Promenade grüsst I.M. die Königin uns allezeit mit ganz besonderer Freundlichkeit. Am Pfingstsonntage waren wir bey dem grossen Balle, den der franz. Gesandte wegen Vermählung des Dauphins gab, durch zwey Billete eingeladen.

Mein Entschluss ist noch, den 16ten mit den Procaccio, oder glaublicher, wenn ich eine gewisse Sedia bekomme, mit dem kaiserlichen Gesandten Graf Kauniz, per posta am 20sten nach Rom zu reisen.[208]

Ich kann mich nicht genug wundern, dass in Salzburg Alles theuer wird. Man denkt dort halt nicht daran, dass, wenn das System in einer Sache ändert, man darauf bedacht seyn muss, auf einer andern Seite ein System zu formiren, so dass sich das Ganze in seinem nöthigen Gleichgewichte erhält. – – – –


(Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 17.)


Neapel, den 5. Juny 1770.


C.S.M.


Heut raucht der Vesuvius stark. Potz Blitz und ka nent aini. Haid homa gfresa beym Herr Doll. Dos is a deutscha Compositör und a brawa Mo. Anjetzo beginn' ich meinen Lebenslauf zu beschreiben. Alle 9ore, qualche volta anche alle dieci mi sveglio, e poi andiamo fuor di casa, e pol pranziamo da un trattore, e dopo pranzo scriviamo, e poi sortiamo, e indi ceniamo, ma che cosa? Al giorno di grasso, un mezzo pollo ovvero un piccolo boccone d'arrosto; al giorno di magro, un piccolo pesce; e di poi andiamo a dormire. Est-ce que Vous avez compris? Redma dafir soisburgarisch, don as is gschaida. Wir sand Gottlob gesund, da Voda und i. Ich hoffe, Du wirst Dich auch wohl befinden, wie auch die Mama. Neapel und Rom sind zwey Schlafstädte. A scheni Schrift! Net wor? Schreibe mir und sey nicht so faul. Altrimente avrete qualche bastonate di me. Quel plaisir! Je te casserai la tête. Ich freue mich schon auf die Porträte, und i bi korios, wias da gleich sieht; wons ma gfoin, so los i mi un den Vodan a so macha. Mädli, las Da saga.[209] wo bist dan gwesa, he? Die Oper hier ist von Jomelli; sie ist schön, aber zu gescheut und zu altväterisch für's Theater. Die De Amicis singt unvergleichlich, wie auch der Aprile, welcher zu Mailand gesungen hat. Die Tänze sind miserabel pompös. Das Theater ist schön. Der König ist grob neapolitanisch auferzogen, und steht in der Oper allezeit auf einem Schemerl, damit er ein Bissel grösser als die Königin scheint. Die Königin ist schön und höflich, indem sie mich gewiss sechs Mal im Molo (das ist eine Spazierfahrt) auf das Freundlichste gegrüsst hat.


N.S. Meinen Handkuss an die Mama!


(Leopold M. Brief No. 83.)


Neapel, den 9. Juny 1770.


Es ist auf eine gewisse Art Schade, dass wir nicht länger hier bleiben können, indem verschiedene artige Sachen den Sommer durch hier zu sehen sind, und eine beständige Abwechselung der Früchte, Kräuter und Blumen, von Woche zu Woche hier zu sehen ist. Die Lage des Orts, Fruchtbarkeit, Lebhaftigkeit, Seltenheiten u.s.w. hundert schöne Sachen machen mir meine Abreise aus Neapel traurig. Die Unfläterey, die Menge der Bettler, das abscheuliche Volk, ja das gottlose Volk, die schlechte Erziehung der Kinder, die unglaubliche Ausgelassenheit sogar in den Kirchen, macht, dass man auch das Gute mit ruhigerm Gemüthe verlässt. Ich werde nicht nur alle Seltenheiten in vielen schönen Kupferstichen mit bringen, sondern habe auch von Hr. Mauricoffro eine schöne Sammlung von der Lava des Vesuvs[210] erhalten; nicht von der Lava, die Jedermann leicht haben kann, sondern untersuchte Stücke mit der Beschreibung der Mineralien, die sie enthalten, die rar sind. Du wirst schöne Sachen sehen, wenn wir zurück kommen. Nächste Woche werden wir den Vesuv, die zwey versunkenen Städte, Caserta etc. kurz alle Seltenheiten besehen, wovon ich schon die Kupferstiche in Händen habe.


(Leopold M. Brief No. 84.)


Neapel, den 16. Juny 1770.


Wir können noch nicht den 20sten abreisen, da der Graf Kauniz nicht bis dahin fertig wird. Am 13ten sind wir in einem Wagen nach Puzzuolo, und von da zu Schiffe nach Baja gefahren, und haben da gesehen die Neronischen Bäder, die unterirrdische Grotte der Sibylla Cumana, Lago d'Averno, Tempio di Venere, Tempio di Diana, Sepolcro d'Agrippina, die elisäischen Felder, das todte Meer, wo Charon Schiffmann war, la piscina mirabile, die cento camerelle u.s.w. im Rückweg viele alte Bäder, Tempel, unterirrdische Zimmer, monte nuovo, monte gauro, molo di Puzzoli, Colisseo, Solfatara, Astroni, grotta del cane, lago di Agnano, vor allen aber la grotta di Puzzuoli und das Grab des Virgils. Heute speisten wir zu Mittag auf der Höhe a S. Martino bey den Carthausern, und besahen alle Seltenheiten und Kostbarkeiten des Orts und bewunderten die Aussicht. Montag und Erchtag geht es an den Vesuv, Pompeji, Herculanum, die dort gefundenen Sachen, Caserta und Capo di Monte, welches Alles Geld kosten wird. – – –


[211] N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Brief No. 18).


Ich bin auch noch lebendig und beständig lustig wie alle Zeit, und reise gern: nun bin ich auf dem mediteranischen Meer auch gefahren. Ich küsse der Mama die Hand und die Nannerl zu 1000 Malen und bin der Sohn Steffrl und der Bruder Hansl. –


Als Wolfgang in Neapel in dem Conservatorio alla pietà spielte, fielen seine Zuhörer unter andern wegen der ausserordentlichen Fertigkeit und Geschwindigkeit seiner linken Hand auf den Gedanken, dass in seinem Ringe die Zauberey stäcke; er zog daher den Ring ab, spielte eben so, und nun wurde natürlich die Verwunderung erst recht gross. Da er in Neapel kein Pianoforte fand, so musste er sein Maestria nur auf einem solito Cembalo hören lassen.

Von Neapel kehrten sie, und Wolfgang mit einem Rufe, der nur selten einem Künstler vorangeht, nach Rom zurück, wo sie den 25sten Junius ankamen, und von wo aus der Vater folgende Briefe an seine Frau nach Salzburg schrieb:


(Leopold M. Brief, No. 85.)


Rom, den 27. Juny 1770.


Gestern angelangt. Nur 27 Stunden auf der Reise, auf welcher wir mit dem Vetturin fünftehalb Tage zubrachten. Graf Kauniz kam erst heute. Ich dachte, es wäre besser allein zu reisen, weil man oft nicht Pferde genug auf den Stationen findet; auch wusste ich, dass zwey Reisende zwölf Pferde auf der ganzen Route brauchten. Wir reisten also allein Ich gab mich für den Haushofmeister des kaiserl.[212] Gesandten aus, weil die Haushofmeister solcher Herren in diesen Orten in vielem Ansehen stehen; diess machte meine Reise sicher, verschaffte mir gute Pferde, und geschwinde Beförderung, und in Rom durfte ich nicht in die Mauth zur Visitation fahren; man machte mir beym Thore sogar ein tiefes Compliment, hiess mich gerade nach Hause fahren, und ich warf ganz vergnügt ihnen ein paar Paoli ins Gesicht. Wir hatten in 27 Stunden unserer Reise nur zwey Stunden geschlafen. Sobald wir ein wenig Reis und ein paar Eyer gegessen hatten, setzte ich den Wolfgang auf einen Stuhl. Er fing augenblicklich an zu schnarchen und so fest zu schlafen, dass ich ihn völlig auszog und ins Bett legte, ohne dass er das mindeste Zeichen gab, dass er wach werden konnte. Er schnarchte immer fort, obwohl ich ihn zu Zeiten von dem Sessel aufheben und wieder niedersetzen, und endlich gänzlich schlafend ins Bette schleppen musste. Als er nach neun Uhr Morgens erwachte, wusste er nicht, wo er war und wie er ins Bett gekommen. Er lag schier die ganze Nacht auf dem nämlichen Platze. Nun werden wir die Feuerwerke, die Girandole und alle dergleichen schöne Sachen, dann die Ueberreichung des Neapolitanischen Tributs, und das Amt und Vesper in St. Peter sehen. In Neapel hat der Impressar Sign. Amadori, da er den Wolfg. bey Jomelli gesehen und gehört hatte, ihm angetragen, eine Oper auf dem Königl. Theater S. Carlo zu schreiben, welches wir wegen Mailand nicht an nehmen konnten.

Hr. Meuricoffer, der abgereiset ist, hat uns die grössten Freundschaftstücke erwiesen, und uns noch[213] zuletzt 125 Ducaten aufgetrieben, theils Romani, theils Gigliati und Zechinen, um wenigstens das meiste unseres neapolitanischen Geldes auszuwechseln. – –


(Leopold M. Brief No. 86.)


Rom, den 30. Juny 1770.


Ob wir bey dem Könige von Neapel gespielt haben? Nichts weniger; es ist bey den puren Complimenten geblieben, die uns die Königin aller Orten, wo sie uns sah, gemacht hat. Die Königin kann Nichts thun, und was der König für ein Subject ist, schickt sich besser zu erzählen, als zu beschreiben. Du kannst Dir leicht einbilden, wie es an diesem Hofe zugeht. Der junge Violinist Lamotte, der in der Kaiserin Diensten ist und auf ihre Ordre und Unkosten nach Italien gereis't ist, war lange Zeit in Neapel und blieb drey Wochen länger, weil man ihm das Maul machte, der König und die Königin würden ihn hören; dennoch geschah es nicht. Ich werde seiner Zeit eine Menge lustige Sachen von diesem Hofe erzählen. Du wirst auch das Portrait des Königs sehen. – Ich habe noch nirgends meine Aufwartung hier machen können. Die Ursache habe ich Dir im ersten Briefe verschwiegen. Weil es nun aber besser aussieht, so muss ich Dir den bösen Zufall berichten. Du weisst, dass zwey Pferde und ein Postillon drey Bestien sind. Auf der letzten Post nach Rom schlug der Postillon das Pferd, welches zwischen den Stangen geht und folglich die Sedia auf dem Rücken trägt. Das Pferd stieg in die Höhe, verwickelte sich in dem mehr als spanntiefen Sand und Staube, und fiel mit Gewalt nach der Seite zu[214] Boden, riss folglich den vordern Theil der Sedia mit sich, weil diese nur zwey Räder hat. Ich hielt den Wolfg. mit einer Hand zurück, damit er nicht hinaus stürze; mich aber riss die Gewalt mit dem rechten Fusse dergestalt an das mittlere Eisen des zurückfallenden Spritzleders, dass ich das halbe Schienbein des rechten Fusses fingerbreit aufriss u.s.w.


(Leopold M. Brief No. 87.)


Rom, den 4. July 1770.


Morgen Mittag speisen wir bey dem Cardinal Pallavicini, übermorgen bey dem toscanischen Gesandten, Baron Saint Odile. Wir sollen morgen eine Neuigkeit erfahren, die Euch in Verwunderung setzen wird. Der Cardinal Pallavicini soll nämlich Ordre haben vom Papste, dem Wolfgang ein Ordenskreuz und Diplom zu überreichen. Sage noch nicht Vieles davon; ist es wahr, so schreibe ich Dir es nächstens. Da wir letzthin beym Cardinal waren, sagte er etliche Male zu Wolfgang: Signore Cavaliere; wir glaubten es sey Spass. Wolfgang ist in Neapel sichtbarlich gewachsen. – – – –


(Leopold M. Brief No. 88.)


Rom, den 7. July 1770.


Was ich Dir letzthin von einem Ordenskreuze3 geschrieben habe, hat seine Richtigkeit. Es ist das[215] nämliche, was Gluck hat, und heisst: te creamus auratae militiae equitem. Er muss ein schönes goldenes Kreuz tragen, das er bekommen hat, und Du kannst Dir einbilden, wie ich lache, wenn ich allezeit zu ihm Sign. Cavaliere sagen höre. Wir werden morgen desswegen beym Papst Audienz haben.


Nachschrift von Wolfg. Amad. Mozart.


C.S.M.

Ich habe mich recht verwundert, dass Du so schön componiren kannst. Mit einem Worte, das Lied ist schön. Probire öfter Etwas. Schicke mir bald die andern sechs Menuetten von Haydn. Mlle., j'ai l'honneur d'être Votre très humble serviteur et frère Chevalier de Mozart. – Addio.


(Leopold M. Brief No. 89.)


Bologna, den 21. July 1770.


Wir gratuliren Euch zu Euerem verflossenen gemeinschaftlichen Namenstage, und wünschen Euch die Gesundheit, vor Allem aber die Gnade Gottes: sonst haben wir Nichts nöthig; das Uebrige findet sich Alles. In Cività Castellana hörten wir eine Messe: nach derselben spielte Wolfg. die Orgel. In Loretto traf es just auf dem 16ten, dass wir da unsere Andachten machten. Ich habe sechs Glöckel und verschiedenes Andere gekauft. NB. Nebst Reliquien bringe ich auch einen heil. Kreuzpartikel von Rom mit. Zu Sinigaglia haben wir den Jahrmarkt in Augenschein genommen. Gestern kamen wir hier an; am 10ten hatten wir Rom verlassen. Graf Pallavicini hat uns hier alles Nöthige angeboten: seinen Wagen habe ich acceptirt.[216]

Wenn der Wolfgang so fort wächst, wird er ziemlich gross nach Hause kommen. – – –


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe, No. 19.)


Ich gratulire der Mama zu dem Namensfeste, und wünsche, dass die Mama noch möge viele hundert Jahre leben und immer gesund bleiben, welches ich immer bey Gott verlange, und bete alle Tage und werde alle Tage für Sie Beyde beten. Ich kann unmöglich mit Etwas aufwarten, als mit etlichen Loretto Glöckeln und Kerzen und Haubeln und Flor, wenn ich zurück komme. Inzwischen lebe die Mama wohl, ich küsse der Mama 1000 Mal die Hände und verbleibe bis in den Tod

Ihr getreuer Sohn.


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 20.)


Jo vi auguro d'Iddio Vi dia sempre salute, e vi lasci vivere ancora cent' anni, e vi faccia morire, quando avrete mille anni. Spero che Voi imparerete meglio conoscermi in avvenire, e che poi ne giudicherete come ch' egli vi piace. Il tempo non mi permette di scriver molto. La penna non vale un corno, ne pure quello che la dirigge. Il titolo dell' opera che ho da comporre a Milano, non si sà ancora. Ich habe die Tausend und eine Nacht in italienischer Sprache von unserer Hausfrau zu Rom zu schenken bekommen; es ist recht lustig zu lesen.


(Leopold M. Brief No. 90.)


Bologna, den 28. July 1770.


Ich habe noch meine Fusskrankheit, welcher Stoss mir wohl zwölf Ducaten kosten wird; denn in[217] Wirthshäusern ist es nicht lustig, krank zu seyn. Wenn ich in Neapel 1000 Doppien eingenommen hätte, könnte ich meine Unkosten verschmerzen. – Genug, ich habe immer mehr als wir brauchen, und damit sind wir zufrieden und loben Gott.

Gestern haben wir das Opernbüchlein und die Namen der Recitirenden erhalten. Die Oper heisst:Mitridate, Re di Ponto, und ist von einem Poeten aus Turin, Namens Vittorio Amadeo Cigna-Santi. Sie ist dort im Jahre 1767 aufgeführt worden. Die Personen sind:


Mitridate, Re di Ponto. Sign. Gugliemo d'Ettore, Tenor.

Aspasia, promessa sposa di Mitridate. Signora Antonia Bernasconi, Prima Donna.

Sifare, figlio del stesso, amante di Aspasia, Sign. Santorini, Soprano, primo uomo (welcher erst verflossenen Carneval in Turin recitirt hat).

Farnace, primo figlio di Mitridate, amante della medesima Aspasia. Sigr. Cicognani.

Ismene, figlia del Re de' Parti, amante di Farnace. Sigra. Varese, IIda Donna Soprano.

Arbate, Governatore di Ninfea. Soprano.

Marzio, Tribuno romano. Tenore.


Sartorini hat uns in Rom gesungen. Die Bernasconi kannten wir auch schon. Cicognani ist unser guter Freund.

Die zwey Portraite gefallen uns sehr wohl, und um sie gut zu finden, muss man sie nicht nahe ansehen; denn Pastell ist kein Miniatur: sie sind etwas zu fett, allein in einer kleinen Entfernung verliert sich Vieles, und wir sind zufrieden: das ist genug.


[218] (Wolfg. Amad. Mozart's Brief No. 21.)


C.S.M.


Jo vi devo confessare, che ho un grandissimo piacere, che ci avete mandati i ritratti, i quali mi piacciono molto.


(Leopold M. Brief No. 91.)


Bologna, den 4. August 1770.


Schwerlich komme ich bey meiner Krankheit aus dem Wirthshause unter 20 Ducaten, wenn's nur kleckt. In Gottes Namen, wenn man nur immer seine Haut davon bringt. Hole der Plunder das Geld! Misliwetschek, der eben bey mir war, hat die Scrittura, in Mailand die erste Oper des Carnevals 1772 zu machen. Die zweyte heurige Oper wird die Nitetti seyn.


N.S. von Wolfg. A. Mozart (dessen Briefe No. 22).


Ich bedaure recht von Herzen, dass die Jungfrau Martha immer so krank ist, und bete alle Tage für sie, damit sie gesund werde. Sage ihr anstatt meiner, sie soll nicht viel Bewegung machen und brav gesulzte Sachen essen. (Sie hatte die Abzehrung.)

A propos, hast Du denn Robini siegerl meinen Brief gegeben? Du schreibst mir Nichts davon. Ich bitte, wenn Du ihn siehst, so sage ihm, er soll auf mich gar vergessen. Ich kann unmöglich schöner schreiben, denn die Feder ist eine Notenfeder und keine Schriftfeder. Nun ist meine Geige neu besaitet und ich spiele alle Tage. Aber dieses setze ich nur hinzu, weil meine Mama einmal zu wissen verlangte, ob ich noch geige. Gewiss ihrer sechs Mal habe ich die Ehre gehabt, allein in die Kirchen und[219] prächtige Functionen zu gehen. Unterdessen habe ich schon vier italienische Symphonien componirt, ausser den Arien, deren ich gewiss fünf oder sechs schon gemacht habe, und auch ein Motetto.

Kömmt der Herr Tölpel öfters? beehrt Euch noch mit seinem unterhaltlichen Discourse? Und Herr Edler Karl von Vogt, würdigt er sich noch, Eure unerträglichen Stimmen anzuhören? Der Herr von Schidenhofen soll Dir fleissig Menuette schreiben helfen, sonst bekömmt er kein Zuckerl nit.

Meine Schuldigkeit wäre, wenn es mir die Zeit erlaubte, Herrn v. Mölk und Schidenhofen mit ein Paar Zeilen Beyde zu belästigen, aber da mir das Nothwendigste dazu mangelt, so bitte ich, meinen Fehler zu verzeihen und mir auf das Zukünftige diese Ehre aufgehoben seyn zu lassen. Meine einzige Lustbarkeit besteht dermalen in englischen Schritten, Capriolen und Spaggat machen. Italien ist ein Schlafland; es schläfert Einen immer. (– – – –)


(Leopold M. Brief No. 92.)


Vom Landgute ausser Bologna,

den 11. August 1770.


Wir leben hier bey dem Feldmarschall Pallavicini auf fürstliche Art, und haben für uns einen Läufer und einen Bedienten: der erste schläft in unserm Vorzimmer, um immer bey der Hand zu seyn. Wir haben die kühlsten Zimmer neben der sala terrena. Der junge Graf, der die beste Erziehung und Talente hat, ist der beste Freund Wolfgangs und dieser der seinige. – Die Herrschaft lässt mich niemals stehen, sondern ich muss immer sitzen, und[220] den Fuss auf einen andern Sessel legen. Sogar haben sie mir heute in der Kapelle bey der Messe zwey Sessel zurecht stellen lassen. Um zwölf Uhr ist alle Tage die heilige Messe, wo der junge Graf, der, ungeachtet in Wolfgangs Alter, schon kais. Kammerherr ist, ministrirt: nach der Messe wird ein Rosenkranz, die Litaney, das Salve Regina und das de Profundis gebetet.

Wolfg. fährt mit der Gräfinn und dem Sohne, ich mit dem alten Grafen spazieren. Wir bleiben hier, bis mein Fuss ganz hergestellt ist. – –


(Leopold M. Brief No. 93.)


Bologna, den 21. August 1770.


Wir sind noch auf dem Landgute alla croce del Biacco, welches dem Grafen Bolognetti gehört, aber vom Grafen Pallavicini auf einige Jahre in Bestand genommen ist. Am 30sten wird das jährliche grosse Fest seyn, welches die Mitglieder der bolognesischen philharmonischen Gesellschaft mit Vesper und Hochamt prächtigst halten. – –


N.S. von Wolfg. A. Mozart (dessen Briefe No. 22).


Ich bin auch noch lebendig und zwar sehr lustig. Heute kam mir die Lust, auf einem Esel zu reiten; denn in Italien ist es der Brauch, und also habe ich gedacht, ich muss es doch auch probiren. Wir haben die Ehre, mit einem gewissen Dominicaner umzugeben, welcher für heilig gehalten wird. Ich zwar glaube es nicht recht, denn er nimmt zum Frühstück oft eine Tasse Chocolade, gleich darauf ein gutes Glas starken spanischen Wein; und ich[221] habe selbst die Ehre gehabt, mit diesem Heiligen zu speisen, welcher brav Wein und auf die Letzte ein ganzes Glas voll starken Weins bey der Tafel getrunken hat, zwey gute Schnitze Melonen, Pfirsiche, Birnen, fünf Schalen Kaffee, einen ganzen Teller voll Nägeln, zwey volle Teller Milch mit Limonien. Doch dieses könnte er mit Fleiss thun, aber ich glaube nicht, denn es wäre zuviel, und aber er nimmt viele Sachen zur Jausen (Collation) auf Nachmittag.


(Leopold M. Brief No. 94.)


Bologna, den 25. August 1770.


Noch auf dem Lande. Da wir die Gelegenheit haben, hier einen Pater Dominicaner zu haben, der ein teutscher Böhme ist, so haben wir heute in der Pfarrkirche unsere Andacht verrichtet, gebeichtet und communicirt, dann den Kreuzweg mit einander gemacht: zu Mittag waren wir im Schlosse bey der gewöhnlichen Messse und Rosenkranz. Du kannst inzwischen in Salzburg ein Paar schön vergoldete Scheine für uns machen lassen, denn wir kommen sicher als Heilige nach Hause. – Meine Freunde sollen mir die Saumseligkeit meines Briefwechsels nicht verübeln. Lange geborgt, ist nicht geschenkt, und lieber spät als gar nicht – sind zwey Sprüchwörter, die meiner Nachlässigkeit ein wenig hinaushelfen. Und auf Reisen hat man an tausend Sachen zu denken. Meine Bücher und Musikalien wachsen merklich an. An Wolfg. wird Alles zu enge. Die viele Seide, die an seinem Brillantring war, ist alle weg, und nur ein wenig Wachs übrig; alle seine[222] Glieder sind grösser und stärker geworden. Stimme zum Singen hat er jetzt gar keine. Diese ist völlig weg, er hat weder Tiefe noch Höhe, und nicht fünf reine Töne. Diess verdriesst ihn sehr, denn er kann seine eigenen Sachen nicht singen, die er doch manchmal singen möchte. – –


(Leopold M. Brief No. 95.)


Bologna, den 1. Sept. 1770.


Noch auf dem Lande. Am 30sten hörten wir in der Stadt das Amt und die Vesper der Philharmoniker, welches von zehn verschiedenen Meistern componirt ist. Das Kyrie und Gloria von Einem, das Credo von einem Andern u.s.w. Jeder schlug den Takt seiner Composition. Es mussten aber lauter Mitglieder der Akademie seyn.


(Leopold M. Brief No. 96.)


Bologna, den 8. Sept. 1770.


Unterlasse nicht mir zu schreiben, was für geistliche Räthe in Salzburg angelangt sind, und wie es mit diesem Congresse geht, und wo er gehalten wird. Kannst Du es nicht, so bitte Diesen oder Jenen darum. Nun denken wir bald nach Mailand zu gehen. Da ich Livorno nicht habe sehen können, so werde ich von Mailand aus eine Tour nach den sehenswürdigen borromäischen Inseln machen.


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 23).


Damit ich nicht wider meine Schuldigkeit fehle, so will ich auch ein Paar Worte schreiben. Ich bitte, mir zu schreiben, in welchen Bruderschaften ich bin, und mir die dazu nothwendigen Gebete zu[223] wissen zu machen. Jetzt lese ich just im Telemach: ich bin schon im zweyten Theile. – –


(Wolfg. A. Mozart's Brief No. 24.)


Bologna, den 22. Sept. 1770.


Ich hoffe, meine Mama wird wohl auf seyn, wie auch Du, und wünsche, dass Du mir doch ins Künftige auf meine Briefe besser antworten wirst, denn es ist ja weit leichter, Etwas zu beantworten, als selbsten Etwas erfinden.

Die sechs Menuetten von Haydn gefallen mir besser als die ersten zwölf. Wir haben sie der Gräfin oft machen müssen, und wir wünschen, dass wir im Stande wären, den teutschen Menuett-Gusto in Italien ein zuführen, indem ihre Menuette bald so lang wie ganze Symphonieen dauern. Verzeihe mir, dass ich so schlecht schreibe; allein ich könnte es schon besser, aber ich eile.


(Leopold M. Brief No. 97.)


Bologna, den 29. Sept. 1770.


Sowohl Wolfg. als ich sind unglaublich betrübt wegen der guten Martherl. Gott stärke sie! Was ist zu machen? Wir können sie Beyde den ganzen Tag nicht aus dem Kopfe bringen.

Wolfgang hat heute die Recitative zur Oper angefangen.


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 25).


Damit der Brief ein wenig voller wird, will ich auch ein paar Worte hinzusetzen. Mir ist von Herzen leid wegen der so lang anhaltenden Krankheit, welche die arme Jungfrau Martha empfinden und mit[224] Geduld übertragen muss. Ich hoffe, mit der Hülfe Gottes wird sie schon wieder gesund werden. Wo nicht, so muss man sich nicht zu stark betrüben, denn der Wille Gottes ist allezeit der beste; und Gott wird schon besser wissen, ob es besser ist, zu seyn auf dieser Welt, oder in der andern. Aber sie soll sich trösten, indem sie jetzt von dem Regen in das schöne Wetter kommen kann. – –


(Leopold M. Brief No. 98.)


Bologna, den 6. October 1770.


Wir sind nun schon fünf Tage in der Stadt und haben das Fest des heil. Petronius gesehen, das sehr herrlich begangen wird, und wo in der sehr grossen Kirche dieses Heiligen eine Musik aufgeführt wird, wobey alle Musici von Bologna erscheinen. Wir wollten am Dienstage nach Mailand aufbrechen; allein es ist Etwas, das uns ein paar Tage aufhalten wird. Ein Etwas, welches, wenn es zu Stande kömmt, dem Wolfg. eine ausserordentliche grosse Ehre macht.

Meine Violinschule hat Pater Martino jetzt durch Euch erhalten. Wir sind die besten Freunde zusammen. Jetzt ist der zweyte Theil seines Werkes fertig. Ich bringe beyde Theile nach Hause. Wir sind täglich bey ihm und halten musikalisch-historische Unterredungen.

Ihr habt also drey Akademieen gehabt? Nur brav darauf! Und uns habt Ihr nicht eingeladen? Wir wären flugs erschienen und dann wieder davon geflogen.


[225] Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 27.)


Mich freut es recht vom Herzen, dass Du Dich so lustig gemacht hast; ich wünsche, ich wäre dabey gewesen. Ich hoffe, dass die Jungfrau Martha besser seyn wird. Heute spielte ich bey den Dominicanern die Orgel. Mache meinen Glückswunsch an – – – und sage ihnen, dass ich vom Herzen wünsche, dass sie noch können die Secundiz von Pater Dominicus erleben, und damit wir Alle wieder so vergnügt beysammen seyn können. An alle Thereseln meinen Glückswunsch und an alle Freunde in und ausser dem Hause mein Compliment. Ich wünschte, dass ich bald die Berchtesgadener Symphonieen hören könnte, und etwa ein Trompeterl oder Pfeiferl dazu blasen. Ich habe das grosse Fest des heil. Petronius in Bologna gehört und gesehen. Es war schön, aber lang, und die Trompeter haben von Lucca kommen müssen, um den Tusch zu machen, welche aber abscheulich geblasen haben. – –


(Leopold M. Brief No. 99.)


Mailand, den 20. October 1770.


Am 18ten angekommen. In Parma waren wir einen ganzen Tag. Die Accademia Filarm. zu Bologna hat den Wolfg. mit einhelliger Stimme in ihre Gesellschaft aufgenommen und ihm das Patent des Accademico überreicht. Es ist aber solches mit allen nöthigen Umständen und vorausgegangener Prüfung geschehen. Er musste nämlich den 9ten Oct. Nachmittags um vier Uhr in dem akademischen Saale erscheinen. Da gab ihm der Princeps Academiae und die zwey Censoren (die alle alte Kapellmeister sind)[226] in Gegenwart aller Mitglieder eine Antiphona aus demAntiphonarium vor, die er in einem Nebenzimmer, wohin ihn der Pedell führte und die Thüre zuschloss, vierstimmig setzen musste. Nachdem er sie fertig hatte, wurde sie von den Censoren und allen Kapellmeistern und Compositoren untersucht, und votirt durch schwarze und weisse Kugeln. Da nun alle Kugeln weiss waren, so wurde er gerufen. Alle klatschten bey seinem Eintritte mit den Händen und wünschten ihm Glück, nachdem ihm vorher der Princeps im Namen der Gesellschaft die Aufnahme angekündigt hatte. Er bedankte sich und damit war es vorbey. Ich war unterdessen mit meinem Begleiter auf einer andern Seite des Saales eingesperrt in der akademischen Bibliothek. Alle wunderten sich, dass er es so geschwind fertig hatte, da Manche drey Stunden mit einer Antiphona von drey Zeilen zugebracht haben. Du musst aber wissen, dass es nichts Leichtes ist, indem diese Art der Composition viele Sachen ausschliesst, die man nicht darin machen darf, wie man ihm vorhergesagt hatte. Er hatte es in einer starken halben Stunde fertig. Das Patent brachte uns der Pedell ins Haus. Es sind unter andern die Worte darin:Testamur Dominum W.A.M. – – – inter Academiae nostrae Magistros Compositores adscriptum fuisse etc.


Bologna, li 12. Oct. 1770.


Attesto io infrascritto, come avendo avuto sotto degli occhi alcune composizioni musicali di vario stile, e avendo più volte ascoltato suonare il Cembalo, il Violino, e cantare il Sign. Cav. Amadeo Wolfgango Mozart di Salisburgo, Maestro di Musica della Camera di sua Altezza l'eccelso Principe Arcivescovo Salisb. in età di anni circa 14, con[227] mia singolare ammirazione, e l'ho ritrovato versatissimo in ognuna delle accennate qualità di Musica, avendo fatto la prova sopra tutto nel suono di Cembalo con dargli varj soggetti all' improvviso, i quali con tutto maestria ha condotti con qualunque condizione, che richiede l'Arte. In fede di che ho scritta e sottoscritta la presente di mia mano.

F. Giambatta Martin,

minor Conventuale.4


Es macht ihm dieses um so mehr Ehre, als die Akademie über 100 Jahre alt ist und, ausser dem Padre Martino und anderen ansehnlichen Leuten Italiens, auch die ansehnlichsten Männer anderer Nationen Mitglieder der Academia bononiensis sind.


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 28.)


Meine liebe Mama, ich kann nicht viel schreiben, denn die Finger thun sehr weh von so vielem Recitativ schreiben. Ich bitte, bete die Mama für mich, dass die Oper gut geht, und dass wir dann glücklich wieder beysammen seyn können. Ich küsse der Mama tausend Mal die Hände, und mit meiner Schwester hätte ich viel zu reden. Aber was? Das weiss nur Gott und ich allein. Wenn es Gottes Wille ist, werde ich ihr es mündlich, wie ich hoffe,[228] bald eröffnen können. Inzwischen küsse ich sie tausend Mal. Wir haben die gute Martherl verloren, doch werden wir sie mit der Hülfe Gottes in einem guten Stande finden.


Nun eilten sie, um nach Mailand zurück zu kommen, weil der Sohn sich zur Composition der dortigen ersten Carneval-Oper verbindlich gemacht hatte. Wäre diess nicht gewesen, so hätte er die Scrittura zur ersten Oper auch in Bologna, Neapel oder Rom erhalten können. Am 18ten October kamen sie in Mailand an, wo nun der Sohn in seinem vierzehnten Jahre die Opera seria: Mitridate componirte. Hierüber, so wie über den ganzen Aufenthalt in Mailand, sagen folgende Briefe das Weitere:


(Leopold M. Brief No. 100.)


Mailand, den 27. October 1770.


Wir werden, wenn Gott will, nach dem halben Januar von hier abreisen, und über Brescia, Verona, Parma, Vicenza, Padua nach Venedig gehen, um dort das Ende des Carnevals zu sehen, und dann auch einige Akademieen in der Fasten hören, welches die beste Zeit seyn soll, sich zu produciren. Ich möchte durch Kärnthen zu Euch kommen, denn ich habe Tyrol gesehen, und finde keine Freude, den Weg zwey Mal zu machen, wie die Hunde.

Misliwetschek hat uns in Bologna öfters besucht und wir ihn. Er schrieb ein Oratorium für Padua, und geht nach Böhmen. Er ist ein Ehrenmann, und wir haben vollkommen Freundschaft mit einander gemacht.


[229] N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 29.)


Allerliebste Schwester! Du weisst, dass ich ein grosser Schwätzer bin, und auch als solcher Dich verlassen habe. Nun verlege ich mich aber mehr auf das Deuten, indem der Sohn vom Hause stumm und gehörlos ist. Nun habe ich zu schreiben für die Oper. Es ist mir von Herzen leid, dass ich Dich wegen der verlangten Menuette nicht bedienen kann; doch, wenn Gott will, auf Ostern vielleicht wirst Du sie sammt mich selbsten bekommen. Mehr kann ich und weiss ich nicht zu schreiben. Lebe wohl und bete für mich. – –


(Leopold M. Brief No. 101.)


Mailand, den 5. Novbr. 1770.


Wolfgang bedankt sich für Deinen Glückwunsch zu seinem Namenstage, und hofft, wenn uns der liebe Gott wieder glücklich einander sehen lässt, Dir in Allem, was Du ihm gewünscht hast, vollkommenes Vergnügen und Freude zu machen.

Uebrigens weiss ich Dir nichts zu schreiben, als dass wir, Gott Lob! gesund sind, und wünschten, dass schon der Neujahrstag wäre, oder wenigstens Weihnachten; denn bis dahin giebt es immer etwas zu thun oder was zu denken, vielleicht einen kleinen Verdruss, dass man Pomeranzen schmeissen möchte, und folglich unruhige Tage. Geduld! es ist so vieles Unternehmen, Gott sey gebenedeyet! glücklich vorbey, und, noch einmal Gott sey gelobt! mit Ehre vorbey. Wir werden uns mit der Hülfe Gottes durch die unvermeidlichen Verdrusse, die jeder Kapellmeister von der Virtuosen-Canaille ausstehen[230] muss, auch glücklich durchbeissen, wie der Hanswurst durch den Dr – berg.


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 30.)


Allerliebstes Herzensschwesterchen!


Ich bedanke mich bey der Mama und bey Dir für die redlichen Wünsche, und brenne vor Begierde, Euch Beyde bald wieder in Salzburg zu sehen. Auf Deinen Glückwunsch zu kommen, so kann ich Dir sagen, dass ich bald gewähnt hätte, dass Hr. Martinelli Dir Deinen welschen Wunsch aufgesetzt hätte. Weil Du aber immer die kluge Schwester bist, und es so witzig gewusst hast anzustellen, indem Du nach Deinem welschen Glückwunsch gleich die Empfehlung von Herr Martinelli, welche in nämlicher Schreibart geschrieben war, darunter gesetzt, so habe ich es, und war es mir unmöglich zu merken, und ich sagte gleich zum Papa: Ach, könnte ich doch so klug und witzig werden! Dann sagte der Papa: Ja, das ist wahr; und ich sagte hernach: mich schläfert, und er sagt jetzt just: Höre auf! Addio, bitte Gott, dass die Oper gut gehen möge. Ich bin Dein Bruder

W.M.


dessen Finger vom Schreiben müde sind.


(Leopold M. Brief No. 102.)


Mailand, den 10. Novbr. 1770.


Wenn unsere guten Freunde, wie letzthin, zu Zeiten einen Spaass in Deine Briefe schreiben, thun sie ein gutes Werk; denn Wolfgang ist jetzt mit ernsthaften Sachen beschäftigt, und folglich sehr ernsthaft: ich bin froh, wenn er zu Zeiten etwas Lustiges unter die Hände bekömmt. Meine Freunde müssen[231] mich entschuldigen, dass ich ihnen nicht schreibe. Jetzt bin ich weniger als jemals dazu aufgelegt. Du wirst Dich mit der Zeit verwundern, was für einen Sturm wir haben abschlagen müssen, dazu Gegenwart des Geistes und beständiges Nachdenken nöthig ist. Die erste Bataille haben wir, Gottlob! gewonnen, und einen Feind geschlagen, welcher der Prima Donna alle Arien ins Haus gebracht, die sie in unserer Oper zu singen hat, und sie bereden wollen, keine von Wolfgang's Arien zu singen. Wir haben sie Alle gesehen; es sind Alles neue Arien: weder sie noch wir wissen aber, wer sie componirt hat. Sie hat es aber diesem bösen Menschen abgeschlagen, und ist ganz ausser sich vor Freuden über die Arien, die ihr Wolfgang nach ihrem Willen und Wunsch gemacht hat, so wie auch ihrMaestro Lampugnani, welcher mit ihr ihren Part repetirt, der des Wolfgang's Arien nicht genug loben kann. Es steht aber noch ein anderer Sturm am theatralischen Himmel, den wir schon in der Ferne sehen. Allein mit Gottes Hülfe und guter Art werden wir uns wohl durchschlagen. Du musst Dich aber gar nicht wundern. Diess sind unvermeidliche Sachen, die auch den grössten Meistern begegnen. Wenn wir nur gesund sind, das Uebrige hat Nichts zu sagen. Man muss sich die Sachen nicht stark zu Herzen nehmen.


(Leopold M. Brief No. 103.)


Mailand, den 17. Novbr. 1770.


Wolfgang hat seinen gewöhnlichen Zahnfluss auf einer Seite gehabt.

Einen zweyten Sturm haben wir zwischen gestern[232] und heute abgeschlagen. Obwohl noch Eins und das Andere vorfallen wird, so hoffe ich, dass mit der Hülfe Gottes Alles gut gehen wird; denn dass eine Oper in Italien einen allgemeinen Beyfall erhalte, ist ein Glückszufall, der sich selten ereignet, weil viele Factionen sind. Genug, es ist schon Vieles mit uns vorbey; auch dieses wird mit Gottes Beystande sein glückliches Ende erreichen. Des Nachmittags gehen wir gewöhnlich spaziren, denn nach dem Essen will ich nicht, dass Wolfgang schreibe, ohne die grösste Nothwendigkeit.


(Leopold M. Brief No. 104.)


Mailand, den 24. Novbr. 1770.


Wolfg. hat die Hände voll zu thun, indem die Zeit anrückt, und er für den Primo uomo erst eine einzige Arie gemacht hat, weil er noch nicht hier ist, und doppelte Arbeit will er nicht haben, folglich lieber seine Gegenwart abwarten, um das Kleid recht an den Leib zu messen.


(Leopold M. Brief No. 105.)


Mailand, den 1. Decbr. 1770.


Eure Glückswünsche zu meinem Namenstage, deren Ausbleiben ich Euch neulich vorwarf, sind nun angekommen. Wolfg. hat mir ganz traurig gesagt: »die Mama und die Nannerl erbarmen mich recht, weil der Papa solche spaasshafte Stichreden ihnen in seinem vorigen Briefe geschrieben hat.«

Du schreibst mir von einer Gräfin Lodron. Allein von welcher? Man muss eine Sache nicht halb, sondern ganz schreiben.[233]

Du glaubst, die Oper ist schon fertig; Du irrest Dich sehr. Wenn es an unserm Sohne gelegen hätte, so würden zwey Opern fertig seyn. Allein in Italien geht es ganz närrisch zu; zu seiner Zeit sollst Du Alles erfahren. Der Primo uomo kömmt erst heute.


Wolfg. A. Mozart's Nachschrift. Brief No. 31.


Liebe Schwester!


Weil ich so lange nicht geschrieben habe, so habe ich gedacht, Deinen Verdruss oder Verschmach zu besänftigen mit gegenwärtigen Zeilen. Nun habe ich viel zu schreiben und zu arbeiten an meiner Oper. Ich hoffe, es wird Alles gut gehen mit der Hülfe Gottes.


(Leopold M. Brief No. 106.)


Mailand, den 8. Decbr. 1770.


Heute ist nach Betläuten die zweyte Recitativ-Probe. Die erste ging so gut, dass man nur ein einziges Mal die Feder in die Hand nahm, um einen einzigen Buchstaben zu ändern und della in dalla zu verändern. Diess machte dem Copisten Ehre und bey Allen machte es Verwunderung. Ich wünsche, dass es bey den Instrumental-Proben auch so gehe. – So viel ich ohne väterliche Partheylichkeit sagen kann, finde ich, dass er die Oper gut und mit vielem Geiste geschrieben hat. Die Sänger sind gut; nun kömmt es aufs Orchester an, und letztlich auf die Caprice der Zuhörer. Folglich kömmt auch Vieles auf's Glück an, wie in einer Lotterie.


[234] (Leopold M. Brief No. 107.)


Mailand, den 15. Decbr. 1770.


Am 12ten war die erste Probe mit Instrumenten, aber nur mit 16 Personen, um zu sehen, ob Alles correct geschrieben ist. Den 17ten ist die erste Probe mit ganzem Orchester, welches in 14 Prim- und eben so vielen Secund-Violinen, 2 Clavieren, 6 Contrabässen, 2 Violoncellen, 2 Fagotten, 6 Violen, 2 Oboen und 2 Flautraversi, welche, wo keine Flauti dabey sind, allezeit mit 4 Oboen mitspielen, 4 Corni di caccia und 2 Clarini, folglich in 60 Personen besteht.

Bevor die erste Probe mit dem kleinen Orchester gemacht wurde, hatte es nicht an Leuten gefehlt, welche mit satyrischer Zunge die Musik schon zum Voraus als etwas Junges und Elendes ausgeschrieen, und so zu sagen prophezeyet, da sie behaupteten, dass es unmöglich wäre, dass ein so junger Knabe, und noch dazu ein Teutscher, eine italienische Oper schreiben könnte, und dass er, ob sie ihn gleich als einen grossen Virtuosen erkannten, doch das zum Theater nöthige Chiaro ed oscuro unmöglich verstehen und einsehen könnte. Alle diese Leute sind nun von dem Abend der ersten kleinen Probe an verstummt und reden nicht eine Sylbe mehr. Der Copist ist ganz voll Vergnügen, welches in Italien eine gute Vorbedeutung ist, indem, wenn die Musik gut ausfällt, der Copist manchmal durch Verschickung und Verkaufung der Arien mehr Geld gewinnt, als der Kapellmeister für die Composition hat. Die Sängerinnen und Sänger sind sehr zufrieden und völlig vergnügt, absonderlich die Prima Donna und Primo uomo wegen des Duetts voller Freude. Der [235] Primo uomo sagte: »dass, wenn dieses Duett nicht gefalle, er sich noch einmal wolle beschnäzeln lassen. Basta! Nun kömmt es auf die Caprice des ganzen Publicums an. In der Sache selbst ist uns ausser der wenigen eiteln Ehre nicht viel daran gelegen. Wir haben Vieles in dieser wunderlichen Welt schon unternommen, und Gott hat uns allezeit beygestanden. Nun stehen wir am Ranfte dieses wegen einiger Umstände eben nicht so geringen Unternehmens, und Gott wird auch jetzt mit uns seyn.

Am heil. Stephanstage, eine gute Stunde nach Ave Maria, könnt Ihr in Gedanken den Maestro Don Amadeo beym Clavier im Orchester, mich aber oben in einer Loge als Zuseher und Zuhörer Euch vorstellen oder einbilden, und ihm in Gedanken eine glückliche Production wünschen, auch desswegen ein paar Vater unser beten.


(Leopold M. Brief No. 108.)


Mailand, den 22. Decbr. 1770.


Am 19ten war die erste Probe am Theater, da sie den 17ten vorher im Redoutensaale war. Es ging, Gott Lob! recht gut. Gestern war Recitativ-Probe; heute wird eine zweyte Probe auf dem Theater und Montags die Hauptprobe seyn.

Was nun den 26sten, den Tag der Aufführung betrifft, so ist mein Trost, dass ich sehe, dass sowohl die Recitanti als das Orchester zufrieden sind; und ich habe, Gott Lob! auch selbst noch Ohren. Ich stellte mich bey der Probe ganz zurück unter den Haupteingang, um es in der Ferne recht zu hören. Vielleicht aber waren meine Ohren zu partheyisch.[236] Unterdessen sehen und hören wir, dass unsere guten Freunde lustig und vergnügt sind, und meinem Sohne mit Freuden gratuliren; die Uebelgesinnten hingegen sind nun stumm. Die grössten und ansehnlichsten Kapellmeister dieser Stadt, Fioroni und Sammartino, sind unsere wahren Freunde, wie auch Lampugnani, Piazza Colombo etc. Folglich wird der Neid, oder vielmehr der Unglaube und die schlechten Vorurtheile, die Einige wegen der Composition unsers Sohnes hatten, wenig schaden können. Wenigstens hoffe ich, dass es das böse Schicksal des Hrn. Jomelli nicht haben wird, dessen zweyte Oper in Neapel jetzt so a terra gegangen ist, dass man gar eine andere dafür einsetzen will. Diess ist nun ein so berühmter Meister, aus dem die Italiener einen erschrecklichen Lärmen machen. Es war aber auch ein wenig närrisch, dass er in einem Jahre zwey Opern auf dem nämlichen Theater zu schreiben unternommen, um so mehr, als er hat merken müssen, dass seine erste Oper keinen grossen Beyfall hatte. Wir sind alle Abende eine Stunde nachAve Maria seit dem 16ten bis 11 Uhr in der Oper; nur die Freytage ausgenommen.


(Leopold M. Brief No. 109.)


Mailand, den 29. Decbr. 1770.


Gott sey gelobt! die erste Aufführung der Oper ist den 26sten mit allgemeinem Beyfalle vor sich gegangen, und zwey Sachen, die in Mailand noch nie geschehen sind, vorgefallen. Nämlich, dass wider alle Gewohnheit der ersten Sera eine Arie der Prima donna ist wiederholt worden, da man sonst bey[237] der ersten Production niemals fuora ruft; und zweytens, dass nach fast allen Arien, kaum ein paar Arien delle vecchine parti ausgenommen, ein erstaunliches Händeklatschen und Evviva il Maestro-, Evviva il Maestrino-Ruf erfolgte.

Den 27sten sind zwey Arien der Prima donna wiederholt worden, und, da es Donnerstag war, folglich da es in den Freytag hinein ging, so musste man suchen, kurz davon zu kommen; sonst würde auch das Duett wiederholt worden seyn, denn der Lärmen fing schon an. Allein die Meisten wollten noch zu Hause essen, und die Oper mit drey Balletten dauerte ihre sechs starke Stunden. Heute ist die dritte Recita.

So wie Hasse il Sassone und Galuppi Buranello genannt werden, so nennt man unsern Sohn il Cavaliere filarmonico.


Der Vater schrieb einige Tage darauf am 2ten Januar 1771 aus Mailand folgenden Brief an den Pater Martini in Bologna:


Indem ich Ihnen ein glückliches neues Jahr wünsche, gebe ich Ihnen zugleich Nachricht, dass die Oper meines Sohnes eine sehr glückliche Aufnahme gefunden hat, ungeachtet der grossen Ränke unserer Feinde und Neider, die, ohne noch eine Note gesehen zu haben, ausstreueten, dass es eine barbarische Musik ohne Ordnung und Tiefe, ja unmöglich vom Orchester auszuführen sey; dergestalt, dass sie die Hälfte von Mailand glauben machten, man würde, statt einer Oper, nichts, als eine Stoppeley erhalten.[238] Einer hatte sogar der ersten Sängerin alle ihre Arien sammt dem Duett, von der Composition des Abbate Gasparini zu Turin, verschafft, und beredete sie, diese einzulegen, so wie von diesem jungen Menschen nichts anzunehmen, der nie fähig seyn würde, eine gute Arie zu schreiben. Allein die erste Sängerin erklärte sich zufrieden, ja überzufrieden. Dessen ungeachtet liessen unsere Verläumder nicht ab, eine üble Meynung über die Oper meines Sohnes zu verbreiten; doch die erste Instrumentalprobe schloss diesen grausamen Schwätzern auf eine Art den Mund, dass man kein Wort mehr von ihnen hörte. Alle Professoren im Orchester erklärten, dass die Musik klar, deutlich und leicht zu spielen sey, so wie sich die Sänger insgesammt zufrieden zeigten. Die erste Oper zu Mailand hat gewöhnlich das Unglück, wenn sie nicht gar durchfallt, doch wenig Zulauf zu finden, indem Alles auf die zweyte wartet; allein bisher war in den ersten sechs Vorstellungen das Theater immer sehr voll, und jeden Abend mussten zwey Arien wiederholt werden, indess man auch den meisten andern Musikstücken grossen Beyfall schenkte. – Liebster Herr Pater, wir hoffen rücksichtlich Ihrer Gesundheit gute Nachrichten zu vernehmen; ich verzweifle noch nicht, das versprochene Miserere von Ihrer ausgezeichneten Composition, so wie jene Musik zu 16 Stimmen zu erhalten. Hr. Joseph Prinsechi wird nicht ermangeln, den Betrag für die Copirung zu entrichten, so wie ich nicht unterlassen werde, so bald ich nach Hause komme, nämlich zu Ostern, Ihnen Alles zu senden, was Ihnen angenehm seyn könnte. Mein Sohn küsst Ihnen die Hände,[239] und ich nenne mich mit ihm mit aller Verehrung und Hochachtung


Ew. Hochwürden

ergebensten Diener

Leopold Mozart m.p.


(Leopold M. Brief No. 110.)


Mailand, den 5. Januar Anno

hinten wie vorne und in der Mitte doppelt (1771).


Gestern war eine kleine Akademie bey dem Grafen Firmian, wo dem Wolfgang ein neues schönes und schweres Concert zum Spielen vorgelegt wurde. Kommenden Montag werden wir nach Turin gehen auf acht Tage. Die Oper unseres Sohnes geht mit allgemeinem Beyfalle fort, und, wie die Italiener sagen, ist alle stelle. Jedermann ist begierig, den Maestro zu sehen und zu sprechen. In den ersten drey Abenden, wo Wolfg. das erste Clavier spielte, accompagnirte der Maestro Lampugnani auf dem zweyten. Dieser spielt nun das erste, und der Maestro Melchior Chiesa das zweyte.


Die Mailänder Zeitung vom 2ten Januar 1771 enthielt folgenden Artikel über diese Oper:


Milano. – Mercoledì scorso si e riaperto questo Regio Ducal Teatro colla rappresentazione del Dramma intitolato: il Mitridate, Re di Ponto, che ha incontrata la pubblica soddisfazione si per il buon gusto delle Decorazioni, quanto per l'eccellenza della Musica, ed abilità degli Attori. Alcune Arie cantate dalla Signora Antonia Bernasconi esprimono vivamente le passioni, e toccino il cuore. Il giovine Maestro di Cappella, che non[240] oltrepassa l'età d'anni quindici, studia il bello della natura, e ce lo rappresenta adorno delle più rare grazie Musicali.


(Leopold M. Brief No. 111.)


Mailand, den 12. Januar 1771.


Die Accademia filarmonica zu Verona hat unsern Sohn zum Mitgliede angenommen, und der Cancelliere dell' Accademie ist im Begriffe, das Diplom auszufertigen. Gott Lob! die Oper hat einen solchen Zulauf, dass das Theater täglich voll ist.


Copia tratta dal Protocollo dell' Archivio della Accademia Filarmonica di Verona. Foglio E, e, e. Pag. 31. 1771. 5. Gennajo.


Il giorno delli 5 dal Mese di Gennajo 1771 convocata la Magnifica Accademia Filarmonica di Verona con l'assistenza de' Padri Gravissimi.

Espose il Sign. Conte Murari Bia, Governatore, essere antico istituto di questa Accademia il procacciarsi l'onore delle persone virtuose, acciocchè dalle loro distinte virtù ridondi sempre più lustro e decoro alla stessa Accademia, così essendo bastantemente note le prerogative distinte, delle quali va adorno il portentoso Giovane Sign. Amadeo Wolfgango Mozart di Salisburgo, Maestro de' Concerti di S.A. Revma l'Arcivescovo Principe di Salisburgo, Cavaliere dello Speron d'oro condecorato dal Regnante Sommo Pontefice, che si degnò udirlo ed applaudire al merito di esso giovane: e veramente può decantarsi per un prodigio de' più distinti nella Professione di Musica e lo può accertare questa[241] nostra Città di Verona mentre in que' pochi giorni, che vi si trattenne, diede prope tali del suo valore nel suonare il Clavicembalo, in più incontri all' improvviso le cose più difficoltose con tale prontezza e leggiadria riducendo sul fatto in ottima Musica concertata a più istromenti alcuni tratti poetici che gli furono esibiti, con istupore de' più intendenti in tale arte. E questa nostra Accademia Filarmonica può fare le più veridiche sincere attestazioni del merito impareggiabile di questo Giovane, il quale nella Sala dell' Accademia in Gennaro dell' anno scorso alla presenza di Dame e Cavalieri e della pubblica Rappresentanza colli musicali stromenti sostenne con somma maestria e ammirazione e sorpresa di tutta quella nobile Adunanza, i maggiori cimenti. E ciò oltre le moltiplici notizie avute da più parti dell' Italia, dove si è fatto sentire questo ammirabile Giovane da primi Professori e Dilettanti di Musica riportandone da tutti encomj ed applausi. In somma questo insigne talento promette sempre più avvanzamenti ammirevoli da far istupire tutti quelli che l'avranno ad udire in progresso, poichè in età così fresca il suo raro ingegno è pervenuto a tal grado di sapere che ormai avvanza e supera i più valorosi intendenti di Musica.

Perciò sarebbe di gran vantaggio a questa nostra Accademia la quale nella Musica, Poesia e Belle Lettere ha sempre avuto nome da per tutto fra le più segnalate e distinte, che questo insigne Giovane fosse ascritto Maestro di Capella dell' Accademia Filarmonica, sperando che da lui sarà aggradita questa dimostrazione di stima.

[242] Proposta in Accademia sì decorosa proposizione, e discorsa con erudita facòndia dagli Accademici restò universalmente acclamata, e per consequenza descritto il Sign. Amadeo Wolfgango Mozart Maestro di Capella della Magnifica Accademia Filarmonica di Verona.


Abschrift aus dem Protocoll des Archivs der Accademia Filarmonica in Verona. Fol. E, e, e. pag. 31. 1771. den 5. Januar.


In der Versammlung der Hochlöbl. Accademia Filarmonica von Verona vom 5. Januar 1771 trug in Beyseyn der Hochwürdigen Väter der Herr Graf Murari Bia, Gouverneur, vor: es sey eine alte Einrichtung dieser Akademie, sich die Ehre talentvoller Personen zu verschaffen, damit deren ausgezeichnete Talente zu immer grösserm Glanz und Zierde dieser Akademie gereichen möchten; nun aber seyen die ungemeinen Vorzüge hinlänglich bekannt, womit der wundervolle junge Mann, Hr. Amadeus Wolfgang Mozart aus Salzburg, Concertmeister Sr. Hochwürden des Herrn Fürst-Erzbischofs von Salzburg, Ritter vom goldenen Sporn, geziert mit diesem Orden von Sr. Heil. dem jetzt regierenden Papste, der geruht hat, ihn zu hören und seinem Verdienste Beyfall zu geben, begabt ist; und in Wahrheit kann er als eine Wunder-Erscheinung in der Tonkunst gerühmt werden, und diese unsere Stadt Verona kann es selbst bestätigen, da er in den wenigen Tagen, dass er hier sich aufhält, solche Proben seiner Stärke im Clavierspielen gegeben hat, indem er bey mehren Gelegenheiten aus dem Stegreife die schwersten Sachen mit solcher Schnelligkeit und Leichtigkeit auf der Stelle in die trefflichste Musik mit mehren Instrumenten begleitet, gebracht hat, und zwar einige poetische Stücke, die ihm vorgelegt wurden, zum Staunen der grössten Kenner dieser Kunst; auch kann diese unsere Accademia Filarmonica die wahrhafte sten und aufrichtigsten Zeugnisse des unvergleichlichen Verdienstes dieses jungen Mannes geben, der im Saale der Akademie, im Januar des verflossenen Jahres, in Gegenwart von Damen und Herren und bey öffentlicher Aufführung mit musikalischen Instrumenten, mit höchster Meisterschaft und zur Bewunderung und Ueberraschung jener ganzen edlen Versammlung, die grössten und härtesten Proben bestand. Ueberdiess hat man auch vielfache Nachrichten aus mehren Theilen Italiens, wo sich dieser bewundernswürdige[243] junge Mann hat hören lassen, dass ihm von den ersten Professoren und Dilettanten alle Lobsprüche und Beyfallsbezeigungen ertheilt worden sind. Kurz, dieses vorzügliche Talent verspricht immer mehre wundervolle Fortschritte, um alle diejenigen, welche ihn künftig hören werden, in Staunen zu setzen, da dieser seltene Geist in so jugendlichem Alter zu einer solchen Stufe des Wissens gelangt ist, dass er es jetzt schon den stärksten Tonkünstlern zuvorthut und sie übertrifft.

Daher würde es für diese Akademie, die in der Tonkunst, der Dichtkunst und den schönen Wissenschaften stets einen Namen unter den ausgezeichnetsten und vorzüglichsten überall gehabt hat, von grossem Vortheil seyn, wenn dieser treffliche junge Mann zum Kapellmeister der Accademia Filarmonica ernannt würde, mit der Hoffnung, dass er diesen Beweis von Achtung annehmen werde.

Nachdem dieser rühmliche Vorschlag der Akademie vorgelegt und von den Akademikern mit gelehrter Beredtsamkeit darüber gesprochen worden, ward er mit allgemeinem Beyfall aufgenommen, und dem zufolge Hr. Amadeus Wolfgang Mozart zum Kapellmeister der Hochlöbl. Accademia Filarmonica in Verona ernannt.


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Brief No. 32.)


Allerliebste Schwester!


Ich habe schon lange nicht mehr geschrieben, weil ich mit der Oper beschäftigt war. Da ich jetzt Zeit habe, will ich meine Schuldigkeit mehr beobachten. Die Oper, Gott Lob und Dank, gefällt, indem alle Abende das Theater voll ist, welches auch Alle in Verwunderung setzt, indem Viele sagen, dass sie, so lange sie in Mailand sind, keine erste Oper so voll gesehen haben, als dieses Mal. Ich sammt meinem Papa bin gesund, Gott Lob und Dank, und hoffe, dass ich der Mama und Dir auf Ostern Alles mündlich erzählen kann. A propos, gestern war der Copist bey uns, und sagte, dass er meine Oper just für den Hof nach Lissabon schreiben muss. Leben Sie wohl, meine liebe Mademoiselle Schwester.[244] Ich habe die Ehre zu seyn und zu verbleiben von nun an bis in Ewigkeit


Dero getreuer Bruder.


(Leopold M. Brief No. 112.)


Mailand, den 2. Febr. 1771.


Am 31. Januar sind wir aus der schönen Stadt Turin zurück gekommen, wo wir eine recht prächtige Oper gesehen haben. Mündlich mehr. Wir speisen heute wieder bey Firmian.

Der Kapellmeister Francesco di Majo zu Neapel ist gestorben, eben so Hr. Carratolli in Pisa.


(Leopold M. Brief No. 113.)


Venedig, den 13. Febr. 1771.


Am Fasching-Montage angelangt. Wir sind täglich in der Oper und andern Belustigungsorten.

In Brescia waren wir in der opera buffa.

Der ehemalige Impresario Crosa geht in Mailand elend gekleidet mit einem langen Barte betteln. Also straft Gott die Betrüger.


(Leopold M. Brief No. 114.)


Venedig, den 20. Febr. 1771.


Von Mailand her habe ich noch Folgendes zu erzählen. Wir hörten da Etwas, welches Euch unglaublich scheinen wird, und ich nie geglaubt hätte, NB. in Italien zu hören. Wir hörten nämlich auf der Gasse zwey Arme, Mann und Weib, mit einander singen, und sie sangen Alles in Quinten, so dass keine Note fehlte. Das habe ich in Deutschland nicht gehört. In der Ferne glaubte ich, es wären zwey Personen, die jede ein besonderes Lied sängen. Da[245] wir näher kamen, fanden wir, dass es ein schönes Duett in puren Quinten war. –

Ich kann Dir die Ehrlichkeit des Kaufmanns Wider, an dem ich hier empfohlen bin, und seiner Familie nicht genug rühmen. Man kann von ihnen nicht genug Gutes sagen. Ich habe auch ein wenig die Leute in dieser Welt kennen gelernt, allein ich habe wenige, ja sehr wenige dergleichen angetroffen; denn nebst dem, dass sie dienstfertig, redlich und voll Ehrlichkeit und Menschenliebe sind, sind sie auch dabey höflich, voll guter Art und keineswegs stolz auf die erwiesenen Höflichkeiten. Wir sind auf alle Tage bey ihnen eingeladen, wo man uns nicht anderswo zu Mittage gewünscht hat. Wir sind nun bald genug in den Gondeln gefahren. Morgen speisen wir bey Catarina Cornero, am Sonntage bey dem Patriachen, Montag bey Dolfino. Kommende Woche werden wir meistens bey andern Nobili speisen.


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 33).


Ich lebe auch noch und bin, Gott Lob und Dank, gesund. Weisst Du, was es ist, die attacca geben zu lassen? Man muss sich auf dem Boden den Hintern prellen lassen, um ein rechter Venetianer zu werden. Mir haben sie es auch thun wollen, haben alle sieben Weibsbilder zusammen geholfen, und doch waren sie nicht im Stande, mich zu Boden zu bringen.


(Leopold M. Brief No. 115.)


Venedig, den 1. März 1771.


Wir sind immer bald da, bald dort eingeladen,[246] folglich haben wir beständig die Gondeln der Herrschaften vor dem Hause, und fahren auf dem Canal granda. – Auf der Reise müssen wir uns einige Tage in Vicenza aufhalten, weil der dasige Bischof, aus dem Hause Cornero, uns anders nicht will durchreisen lassen. Dann eben so lange in Verona. Es ist mir nur leid, dass wir Nichts als betrübte Fasttage auf der Reise haben werden. Vielleicht kommen wir am Charfreytage nach Reichenhall, die gewöhnliche Passions-Oper dort zu hören. Wie mir das Arsenal, die Kirchen, Spitäler – ja wie mir ganz Venedig gefallen, davon mündlich. Schöne und besondere Sachen sind hier zu sehen.

Was die Oper anbelangt, werden wir sie nicht mitbringen, indem sie noch in des Copisten Händen ist, und er, wie alle Operncopisten in Italien, das Original nicht aus den Händen lässt, so lange sie ihren Schnitt machen können, damit sie es allein haben. Der Copist hatte, da wir Mailand verliessen, fünf ganze Copieen zu machen, nämlich eine für die Impresa, zwey nach Wien, eine für die Herzogin von Parma und eine für den Hof von Lissabon, von einfachen Arien Nichts zu melden. Später kann er noch mehrere Bestellungen erhalten haben.

Am Dienstage werden wir eine grosse Akademie haben. Sonntag vorher werden wir bey dem kaiserl. Gesandten seyn, am Montage bey Maffetti.


(Leopold M. Brief No. 116.)


Venedig, den 6. März 1771.


Gestern war eine schöne Akademie, und in diesen Tagen sind wir so schrecklich gequält, dass ich[247] nicht weiss, wer den Preis davon tragen wird, uns bey sich zu haben. – Es ist Schade, dass wir uns hier nicht länger aufhalten können, indem wir mit der ganzen Noblesse genaue Bekanntschaft gemacht, und aller Orten in Gesellschaften, bey Tafeln, kurz bey allen Gelegenheiten so mit Ehren überhäuft werden, dass man uns nicht nur durch den Secretair vom Hause in Gondeln abholen und nach Hause begleiten lässt, sondern oft der Nobile selbst mit uns nach Hause fährt, und zwar von den ersten Häusern, als Cornero, Grimani, Mocenigo, Dolfin, Valier.

Ich fürchte, wir werden einen erschrecklichen Weg zu machen haben, da es stark regnet. Basta. Man muss Alles nehmen wie es kömmt. Diess sind Sachen, die mich ganz ruhig schlafen lassen, wenn wir nur gesund sind.


(Leopold M. Brief No. 117.)


Vicenza, den 14. März 1771.


Wir machten Jedermann in Venedig glauben, dass wir einen Tag früher abreis'ten, als wir abreis'ten, um einen Tag frey zu haben und ruhig einzupacken. Allein es wurde doch bekannt, und wir mussten noch bey Cotari und Cornero speisen, wo wir eine schöne Tabatiere u. 2 Paar kostbare Spitzentazeln (Manschetten) mit auf die Reise bekamen. Wir besahen in Padua, was in einem Tage möglich war, da wir auch dort keine Ruhe hatten, und Wolfg. an zwey Orten spielen musste. Er bekam aber auch eine Arbeit, indem er ein Oratorium nach Padua komponiren muss. Wir besuchten al Santo den Maestro Padre Vallotti, dann den Ferrandini, wo Wolfg. auch spielte. Endlich[248] spielte er die sehr gute Orgel in der unvergleichlichen Kirche S. Giustino. Morgen bleiben wir hier, nicht ohne Ursache.


(Leopold M. Brief No. 118.)


Verona, den 18. März 1771.


Wir wohnen bey Luggiati, wo sich eine schöne Gesellschaft versammelt hat, um Wolfgang zu hören.

Es wird mir ein Schreiben aus Wien angekündigt, das ich in Salzburg erhalten werde, und das Euch in Verwunderung setzen wird, unserm Sohne aber eine unsterbliche Ehre macht.


(Leopold M. Brief No. 119.)


Innspruck, den 25. März 1771.


Heute hier angekommen. Donnerstag hoffe ich bey Dir zu seyn. – – – –

Wie Mozart's Ruhm immer mehr wuchs und seine Talente im Auslande bekannter wurden, so gab es, wie es in der Welt herzugehen pflegt, auch Feinde und Gegner, die seinem Genie keine Gerechtigkeit widerfahren lassen wollten. Es würde also um so auffallender und inconsequenter gewesen seyn, wenn er, andern grossen Geistern gleich, nicht auch Neid, Scheelsucht und Missgunst zu gemessen gehabt hätte. MitMitridate begann er seine dramatische Laufbahn. Zu sagen, dass ein ähnliches Product früher einmal schon aus der Feder eines vierzehnjährigen Knaben geflossen sey, würde, nach Busby's Behauptung, den Glanz eines Wunders partheyisch verhüllen heissen. »Die Vortrefflichkeit dieser Oper[249] würde dem reifen und durch lange Erfahrung unterstützten Manne Ehre gemacht haben.«

Eben darum wurde mit ihm sogleich von der Impresa der schriftliche Accord auf die erste Opera seria für das Carneval 1773 eingegangen.

Als Mozart nach einem 16monatlichen genussreichen und ehrenvollen Aufenthalte in Italien, ohne Zweifel mit einem ungemeinen Schatze von Kenntnissen, Ideen und geläutertem Geschmacke, und mit der Bewunderung einer Nation beehrt, die von der Natur zur Richterin der Tonkunst berufen scheint, mit seinem Vater zu Ende März 1771 wieder eintraf, fand er einen Brief des Grafen Firmian in Mailand, der ihm im Namen der Kaiserin Maria Theresia auftrug, eine grosse theatralische Serenada5 zur Vermählung des Erzherzogs Ferdinand zu schreiben. Da die Kaiserin den ältesten unter den Kapellmeistern, den berühmten Hasse, zur Composition der Opera bestimmt hatte, so wählte sie doch unter Allen den jüngsten für diese Serenade; die Kaiserin schien aus ganz besonderer Absicht dem jüngsten Theater-Componisten die Ehre erwiesen zu haben, ihn mit einem der bewundertsten Meister seiner Zeit wetteifern zu lassen. Diese Serenada hiess Ascanio in Alba, dessen Poesie vom Abbas Parini, Verfasser desGiorno, war.

Mozart übernahm diesen ehrenvollen Auftrag und reis'te im August mit seinem Vater wieder auf einige Monate nach Mailand, wo er während der[250] Vermählungs-Feyerlichkeiten immer an der Opera und der Serenada abwechselnd arbeitete. Unstreitig hatten diese Reisen einen grossen Einfluss auf die Bildung seines Geschmacks; denn ausser einer gedrängten Gedankenfülle, die in Mozart's Compositionen herrscht, zeichnen sie sich auch besonders noch dadurch aus, dass die ernste vaterländische Muse mit wälscher Grazie gepaart ist.

Was sich während der Reise nach Mailand und des dortigen Aufenthaltes bis zur Rückkehr nach Salzburg zugetragen hat, darüber erzählen uns die Briefe Folgendes:


(Leopold M. Brief No. 120.)


Verona, den 18. August 1771.


In Ala waren wir bey den zwey Herren Piccini, und blieben einen Tag unterm Andern, um in unsern Reisekleidern heute bequemlicher als in Verona in die Kirche zu gehen. In Ala unterhielten wir uns, oder vielmehr sie mit Musik. Hier sind wir bey Luggiatti abgestiegen. – – –


N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 34).


A.S. Ich habe nicht mehr als eine halbe Stunde geschlafen, denn das Schlafen nach dem Essen freuet mich nicht. Du kannst hoffen, glauben, meynen, der Meynung seyn, in der steten Hoffnung verharren, gut befinden, Dir einbilden, Dir vorstellen, in Zuversicht leben, dass wir gesund sind; aber gewiss kann ich Dir Nachricht geben. Frage den Herrn von Heffner, ob er die Anna Mindl nicht gesehen hat.


[251] (Leopold M. Brief No. 121.)


Mailand, den 24. August 1771.


Am 21sten angekommen. Die Poesie von Wien ist noch nicht angelangt. Am 15. October kömmt der Erzherzog an, und die Vermählung ist an demselben Tage.


N.S. von Wolfg. A. Mozart (dessen Briefe No. 35).


A.S. Wir haben auf der Reise viele Hitze ausgestanden, und der Staub hat uns beständig impertinent seckirt, dass wir gewiss erstickt und verschmachtet wären, wenn wir nicht gescheuter gewesen wären. Was Du mir versprochen hast (Du weisst schon was – – – o Du Liebe Du) halte gewiss, ich bitte Dich. Ich werde Dir gewiss verbunden seyn.

Jetzt blase ich just vor Hitze: nun reisse ich das Leibel auf. Addio. Ueber uns ist ein Violinist, unter uns auch einer, neben uns ein Singmeister, der Lection giebt, in dem letzten Zimmer uns gegen über ein Obrist. Das ist lustig zum Componiren, das giebt Gedanken. – – –


(Leopold M. Brief No. 122.)


Mailand, den 31. August 1771.


Die Poesie ist endlich da. Wolfgang hat aber noch nichts als die Overtura gemacht, nämlich ein etwas langes Allegro, dann ein Andante, welches gleich muss getanzt werden, aber mit wenigen Personen. Dann statt des letzten Allegro hat er eine Art von Contratanz und Chor gemacht, das zugleich gesungen und getanzt wird. Nun wird es diesen[252] Monat durch ziemlich Arbeit geben. Herrn Hasse, der eben angekommen ist, werden wir gleich besuchen.

Wir waren bey der Prinzessin Braut. Sie war so gnädig, dass sie nicht nur lange Zeit mit uns sprach, und uns auf das Allerfreundlichste begegnete, sondern es war merkwürdig, dass, als sie uns sah, sie geschwind auf uns zueilte, die Handschuhe abzog und die Hand reichte, und von ferne schon zu sprechen anfing, ehe wir unsere Anrede machen konnten.


N.S. von Wolfg. A. Mozart (dessen Briefe No. 36).


Wir sind, Gott Lob und Dank, gesund. Ich habe schon anstatt Deiner viele gute Birnen, Pfirsiche und Melonen gegessen. Meine einzige Lustbarkeit ist, mit dem Stummen zu deuten, denn das kann ich aus der Perfection. Ich bitte Dich noch wegen den gar Andern, wo nichts Anderes mehr sey:6 Du verstehst mich schon.


(Leopold M. Brief No. 123.)


Mailand, den 7. Sept. 1771.


Deine wenigen Zeilen habe ich erhalten. Es war sehr hauswirthschaftlich gedacht, dass Du auf die erste Seite wenig, auf die zweyte aber gar Nichts schriebst, denn so viele tausend Buchstaben könnten einen Brief so beschweren, dass man ihn mit sechs Pferden nach Mailand führen müsste. Himmel, welche Unkosten! Die leeren Papiere sind immer geringer zu führen, als die überschriebenen.[253]

Wir haben jetzt den Kopf voll, indem die Poesie spät angelangt, und noch zur Aenderung in Einem und dem Andern in den Händen des Poeten einige Tage geblieben ist. Es wird, hoffe ich, gut ausfallen. Allein der Wolfg. hat die Hände voll zu schreiben, da er das Ballet, welches die zwey Acte oder Theile mit einander verbindet, componiren muss.

Dass der Erzherzog Maximilian Domherr geworden war, war mir nichts Ausserordentliches. Ich habe es ja seit meiner Rückkehr aus Italien aller Orten in Salzburg gesagt, dass es geschehen würde. Das Uebrige wird sich auch geben. Nur Geduld! Mir ist leid, dass ich nicht Alles schreiben kann. Salzburg ist nicht der einzige Gegenstand dieses ersten Schrift's.


(Leopold M. Brief No. 124.)


Mailand, den 13. Sept. 1771.


Die Serenada, welche eigentlich mehr eine azione teatrale von zwey Theilen ist, wird Wolfgang mit der Hülfe Gottes in zwölf Tagen völlig fertig haben. Die Recitative mit und ohne Instrumente sind alle fertig, wie auch alle Chöre, deren acht sind, und deren fünf zugleich getanzt werden. Heute haben wir die Tanzprobe gesehen, und uns sehr über den Fleiss der zwey Balletmeister Pick und Fabier gewundert. Die erste Vorstellung ist Venus, die aus den Wolken kömmt, von Genien und Grazien begleitet.

Das Andante der Symphonie wird schon von eilf Weibspersonen getanzt, nämlich acht Genien und den Grazien, oder acht Grazien und drey Deessen.[254] Das letzte Allegro der Symphonie ist ein Chor von 32 Choristen, nämlich acht Sopranen, acht Contralten, acht Tenoren und acht Bassisten, und wird von 16 Personen zugleich getanzt, acht Frauen, acht Männern.

Ein anderes Chor ist von Hirten und Hirtinnen, so wieder andere Personen sind. Dann sind Chöre von den Hirten allein, folglich Tenore und Bassi; andere Chöre von Pastorellen, folglich Soprani und Contralti. In der letzten Scene sind Alle beysammen, Geni, Grazi, Pastori, Pastorelle, Chorsänger und Tänzer beyder Geschlechter, und diese tanzen Alle den letzten Chor zusammen. Hier sind die Solotänzer nicht mit eingerechnet, nämlich Mr. Pick, Mad. Binetti, Mr. Fabier und Mamsell Blache. Die kleinen Solos, die unter den Chören, bald zwischen zwey Sopranen, bald Alt und Sopran u.s.w. vorkommen, werden auch mit Solo's der Tänzer und Tänzerinnen untermischt.

Die Personen in der Cantate sind: la Venere, Signa. Falchini, seconda donna. Ascanio, Sign. Manzoli, primo uomo. Silvia, Signa. Girelli,prima donna. Aceste, Sacerdote, Sign. Tibaldi,Tenore. Fauno Pastore, Sign. Solzi, secondo uomo.

NB. Wegen Venedig 1773 habe ich auch schon Alles in Händen.


Adi 17 del Mese di Agosto 1771 Venezia.


Con la presente privata Scrittura, quale voglion le parti che abbia forza, e vigore, come se fatta fosse per mano di Pubblico Nodaro di questa, ed[255] altra Città; il Sign. Michel dall' Agata Conduttore dell' Opera Eroica, che si doverà rappresentare nel venturo Carnovale dell' Anno 1773 principiando le Recite il Giorno di S. Steffano, nel Magnifico Teatro Nobile di San Benedetto ferma, e stabilisce il Sign. Amadeo Wolfgango Mozart Maestro di Capella per scrivere la seconda Opera, che sarà data in detto Carnovale con obbligo di non dover scrivere in alcun altro Teatro della Capitale, se non hà prima esseguito la presente Scrittura. Con obbligo di ritrovarsi in Venezia per li 30. Novembre 1772 per esser pronto a tutte le Prove, e Rappresentazioni, che si doveranno fare nel detto tempo, ed in ricompensa delle sue virtuose fatiche li viene accordato dal Signor dall' Agata Zecchini Num. settanta – o sua giusta valuta, onde promette il suddetto di pontualmente adempire senza riserva di nissun' altra rispettiva parte, salvo solo li patti soliti riservarsi in materia de' Teatri, ed in fede vale Zecchini Num, 70. –


Michele dall' Agata.


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 37.)


A.S. Ich schreibe nur desswegen, damit ich ... schreibe: mir ist es zwar ungelegen, weil ich einen starken Katarrh und Strauchen habe. Sage der Fräulein W. von Mölk, dass ich mich recht auf Salzburg wieder freue, damit ich nur wieder ein solches Präsent für die Menuette bekommen kann, wo, wie ich es bey derselben Akademie bekommen habe: sie weiss es hernach schon.


[256] (Leopold M. Brief No. 125.)


Mailand, den 21. Sept. 1771.


Heute wird die erste Instrumental-Probe des Hrn. Hasse seyn, der sich Gott Lob, wohlbefindet. Künftige Woche wird die Serenada probirt. Montag ist die erste Recitativ-Probe; die übrigen Tage werden die Chöre probirt. Montag wird Wolfg. gänzlich fertig seyn. Manzuoli kömmt oft zu uns; Tibaldi fast täglich gegen 11 Uhr und bleibt am Tische sitzen bis gegen Eins, da Wolfg. unterdessen componirt. Alle sind ungemein höflich und haben die grösste Achtung für Wolfgang. Ja, wir haben nicht den geringsten Verdruss, weil es lauter gute und berühmte Sänger und vernünftige Leute sind. Diese Serenada ist eigentlich eine kleine Oper, und die Oper in der Musik selbst ist nicht länger, denn sie wird nur durch die zwey grossen Ballete, die nach dem ersten und zweyten Acte aufgeführt werden, und deren jedes drey Viertelstunden dauern wird, verlängert.

Vor zwey Tagen haben die italienischen Comödien aufgehört, weil man jetzt das Theater frey haben muss zur Einrichtung. Diese Comödianten waren ungemein gut, besonders in Charakterstücken und Tragödieen.

In Deinem vorigen Briefe hiess es, dass schon viele Personen in Salzburg närrisch geworden wären. Jetzt schreibst Du, dass Viele an der rothen Ruhr sterben. Das ist sehr böse. Denn wenn es die Leute beym Kopfe und beym – angreift, sieht es in der That gefährlich aus. Ich muss auch Etwas mit mir[257] aus Salzburg getragen haben, denn ich empfinde noch manchen Anstoss von Schwindel. Es ist aber kein Wunder, wo die Luft schon angesteckt ist – man kann leicht Etwas erben. Deswegen habe ich Pillen von Dir verlangt: ich will, dass der Kopf kuriret werde.


N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Briefe No. 38).


Ich bin gesund, Gott Lob und Dank. Viel kann ich nicht schreiben. Erstens weiss ich nicht, was; zweytens thun mir so die Finger vom Schreiben wehe. Ich pfeife oft meinen Pfiff, und kein Mensch giebt mir Antwort. Jetzt fehlen nur zwey Arien von der Serenada, und hernach bin ich fertig. Ich habe keine Lust mehr nach Salzburg: ich fürchte, ich möchte auch närrisch werden.


(Leopold M. Brief No. 126.)


Mailand, den 28. Sept. 1771.


Unsere Vacanz und Unterhaltungen haben nun angefangen: wir gehen spaziren. Heute ist die erste Probe mit der ganzen Musik: gestern war die Probe der Chöre allein, und zwar ohne Instrumente. Ich kann Dir zum Vergnügen voraus sagen, dass ich hoffe, die Composition des Wolfgang werde einen grossen Beyfall finden. Erstlich, weil Manzuoli, so wie alle die andern singenden Personen, nicht nur mit ihren Arien im höchsten Grade zufrieden, sondern mehr als wir selbst begierig sind, die Serenada mit allen Instrumenten heute Abends zu hören. Zweytens, weil ich weiss, was er geschrieben hat, und was für einen Effect es machen wird, und weil[258] nur gar zu gewiss ist, dass er sowohl für die Sänger, als für das Orchester gut geschrieben hat. Wir sind übrigens, Gott Lob, gesund. Es ist mir lieb, wenn Du mir in allen Briefen schreibst, wie die Witterung bey Euch ist. (Er schrieb selbst immer von der Witterung umständlich.)


(Leopold M. Brief No. 127.)


Mailand, den 5. Octbr. 1771.


Gestern war abermal Probe im Theater, von der Cantata Wolfgangs, und heute wird die Oper probirt; Dienstags abermals die Cantata.


N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Briefe No. 39).


Ich bin, Gott Lob und Dank! auch gesund, aber immer schläfrig. Alles, was ich zu schreiben hatte, hat mir der Papa von der Feder weggenommen (das ist, dass er es schon geschrieben hat). Sigra. Gabrielli ist hier: wir werden sie mit Nächstem besuchen, damit wir alle vornehme Sängerinnen kennen lernen.


(Leopold M. Brief No. 128.)


Mailand, den 12. Octbr. 1771.


Gestern war die vierte Probe der Serenada. Morgen wird die siebente des Sign. Sassone seyn, und Montag die letzte Probe der Serenada wegen der Scenen.

Wir haben zwey Sparten zu übersehen, die wir für den Kaiser und für den Erzherzog haben müssen, die in Eile copirt worden, und eingebunden werden müssen.


[259] (Leopold M. Brief No. 129.)


Mailand, den 19. October 1771.


Die Screnada hat am 17ten so erstaunlich gefallen, dass man sie heute repetiren muss. Der Erzherzog hat neuerdings zwey Copieen angeordnet. Alle Cavaliere und andere Leute reden uns beständig auf den Strassen an, um Wolfg. zu gratuliren. Kurz, mir ist leid: die Serenada des Wolfgangs hat die Oper von Hasse so niedergeschlagen, dass ich es nicht beschreiben kann.

Betet und danket Gott.


(Leopold M. Brief No. 130.)


Mailand, den 26. Octbr. 1771.


Vorgestern im Theater war das Publicum Zeuge, wie der Erzherzog und seine Gemahlin nicht nur durch Händeklatschen zwey Arien der Serenada wiederholen liessen, sondern unter der Serenada sowohl als besonders nach derselben Beyde von ihrer Loge sich gegen den Wolfgang hinunter neigten und durchBravissimo Maestro-Rufen und Händeklatschen ihm ihren gnädigen Beyfall bezeugten, dem dann jederzeit das Händeklatschen der ganzen Noblesse und des ganzen Volkes nachfolgte. Sonntag und Montag ist abermals die Serenada.

Wenn Du Kleidung nöthig hast, so lass machen, was nothwendig ist. Weder Du noch Nannerl soll sich die Nothwendigkeit abgehen lassen. Was seyn muss, das muss seyn. Und nimm Dir nichts Schlechtes: man macht keine Ersparung, wenn man etwas Schlechtes kauft. Lasse Dir ein schönes Kleid auf die Feyertage machen, und das, was zu Wien gemacht[260] worden ist, trage alle Tage. Nur nichts Wollenes! das ist kein Teufel werth.


N.S. von Wolfg. Amad. Mozart (dessen Brief No. 40).


Ich bin auch, Gott Lob und Dank, gesund. Weil nun meine Arbeit ein Ende hat, so habe ich mehr Zeit, zu schreiben; allein ich weiss nichts Neues, als dass in der Lotterie 35, 59, 60, 61, 62 heraus gekommen sind, und also, dass, wenn wir diese Nummern gesetzt hätten, wir gewonnen hätten; weil wir aber gar nicht gelegt haben, weder gewonnen noch verloren, sondern die Leute ausgelacht haben. Die zwey Arien, die in der Serenada wiederholt wurden, waren von Manzuoli und von der Girelli.


(Leopold M. Brief No. 131.)


Mailand, den 2. Novbr. 1771.


Ich muss an den Marschall Graf Pallavicini schreiben, der mir einen ungemein höflichen Brief geschrieben hat.


Nachschrift von Wolfg. A.M. (dessen Briefe, No. 41.)


(Beschreibung aller gewesenen Feyerlichkeiten.) Der Papa sagte, dass Herr Kerschbaumer sicher seine Reise mit Nutzen und aller Beobachtung gemacht hat, und wir können versichern, dass er sich sehr vernünftig aufführte. Er kann sicher von seiner Reise mehr Rechenschaft geben, als Andere aus seiner Freundschaft, deren einer Paris nicht recht sehen konnte, weil die Häuser da zu hoch sind. Heute ist die Opera des Hasse; weil aber der Papa nicht ausgeht, kann ich nicht hinein. Zum Glück weiss[261] ich schier alle Arien auswendig, und also kann ich sie zu Hause in meinen Gedanken hören und sehen.


(Leopold M. Brief No. 132.)


Mailand, den 9. Novbr. 1771.


Gestern nahen wir mit Hrn. Hasse bey Graf Firmian gespeis't. Sowohl Hr. Hasse als Wolfgang sind wegen der Compositionen schön beschenkt worden; über das, was sie in Gelde bekommen, hat Hr. Hasse eine Tabatiere und Wolfgang eine mit Diamanten besetzte Uhr erhalten.


(Leopold M. Brief No. 133.)


Mailand, den 16. Novbr. 1771.


Ich würde abgereis't seyn, aber der Erzherzog will noch mit uns sprechen, wenn er von Varese zurück kömmt. Geduld! Wir werden doch, wenn Gott will, einander bald sehen. Wir sind, Gott Lob, gesund. Für den kranken Hrn. von Vogt zu Salzburg haben wir zu Gott gebetet. Dass die Serenada ungemeinen Beyfall gehabt hat, hat seine Richtigkeit. Ob aber, wenn eine Besoldung ledig wird, unser Erzbischof sich des Wolfgangs erinnern wird, zweifle ich sehr.


(Leopold M. Brief No. 134.)


Mailand, den 24. Novbr. 1771.


Heute war Misliwetschek bey uns, der gestern angekommen ist und die erste Oper schreibt. Gestern machten wir eine starke Musik bey Hrn. von Mayer.


[262] N.S. von Wolfg. A.M. (dessen Briefe No. 42.)


A.S. Der Herr Manzuoli, der sonst von allen Leuten als der gescheuteste unter den Castraten angesehen und gehalten worden, hat in seinen alten Tagen ein Stück seiner Unvernunft und Hoffart gezeigt. Er war für die Oper mit 500 Gigliati verschrieben, und, weil Nichts von der Serenada in der Scrittura gemeldet worden, so hat er für die Serenade noch 500 Gigliati haben wollen, also 1000. Der Hof hat ihm nur 700 und eine schöne goldene Dose gegeben (ich glaube, es wäre genug). Er aber, als ein Castrat, hat die 700 G. nebst der Dose zurückgegeben, und ist ohne Nichts weggereis't. Ich weiss nicht, was für ein Ende diese Historie nehmen wird: ich glaube, ein übles.


(Leopold M. Brief No. 135.)


Mailand, den 30. Novbr. 1771.


Es sind Umstände, die mich hier noch aufhalten, und es ist ohnehin die Adventzeit, da keine Musik in Salzburg bey Hofe ist. Wir sind, Gott Lob, gesund; das ist das Beste, was ich Dir schreiben kann.


Wolfg. A. Mozart's Nachschrift. Brief No. 43.


Damit Ihr nicht glaubet, dass ich krank bin, so schreibe ich diese zwey Zeilen. Ich habe hier auf dem Domplatze vier Kerle hängen sehen: sie henken hier wie zu Lyon.


(Leopold M. Brief No. 136.)


Ala, den 8. Decbr. 1771.


Heute sind wir bey dem Hrn. Piccini angelangt.


[263] (Leopold M. Brief No. 137.)


Brixen, den 11. Decbr. 1771.


Wir werden erst am Montage eintreffen, weil Graf Spaur, der hier ist, es nicht anders geschehen lässt.


Zu Ende December 1771 kamen Vater und Sohn wieder in Salzburg an, wo der Sohn im folgenden Jahre 1772 zur Wahl des neuen Erzbischofs (Hieronymus, aus dem fürstlichen Hause Colloredo von Wallsee und Möls etc., den 14. März 1772 erwählt) die Serenada: Il Sogno di Scipione, von Metastasio, schrieb.

Im October reis'te er mit seinem Vater nach Mailand, wo er die übernommene Opera seria: Lucio Silla, nach der Poesie des Gio. de Gamerra, für das Carneval 1773 schrieb. Von dieser Abreise bis zur Zurückkunft nach Salzburg geben folgende Briefe weitere Nachrichten.

Fußnoten

1 Dieser war als Tanzmeister am Hofe zu Salzburg.


2 General-Einnehmer in Venedig, von dem in den Briefen oft die Rede war.


3 Diesen Orden, durch den er eben sowohl den Namen der Ritter von Mozart als Gluck, den, der Ritter von Gluck erworben hatte, trug er nie, als in der Jugend in Reichsstädten, auf seiner Reise nach Paris nach seines Vaters Vorschrift. Gluck soll den seinigen getragen haben.


4 Man begreift nicht, wozu gegenwärtiges Zeugniss verlangt und gegeben worden seyn kann. Drey Tage vorher war W.A. Mozart Philharmoniker von Bologna geworden, war, wie sein Diplom sagt, inter Magistros Compositores der dasigen Akademie eingeschrieben worden. Das war denn doch wohl weit ehrenvoller und empfehlender zu einer Anstellung, die gesucht worden seyn mag, als selbst des berühmtenPadre noch dazu ziemlich laues Zeugniss. Noch weniger ist begreiflich, dass der Padre ihn nicht Filarmonico di Bologna in diesem Zeugnisse nennt, wo natürlich das Vortheilhafteste von seinem Klienten Statt haben musste.


5 Serenaden waren eine Gattung Cantaten, denen ein dramatisches Sujet zum Grunde lag. Sie hatten also Aehnlichkeit mit den Oratorien.


6 Ein Fräulein, die er gern sah, sollte heirathen.

Quelle:
Nissen, Georg Nikolaus von: Biographie W.A. Mozart's. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1828 [Nachdruck Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms, 1991].
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Biographie W. A. Mozarts - Kommentierte Ausgabe: Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Rudolph Angermüller.

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