[167] »Am 15. October1 1780 wurde das neue Schauspielhaus, das der Fürst weit herrlicher und kostbarer wieder auferbauen ließ, von der Diwaldtischen Gesellschaft mit dem Trauerspiel ›Julius von Tarent‹ und einem dazu verfertigten Prolog eröffnet«. Es ist dies die einzige öffentliche Notiz über diesen Moment.2 Was die Oper betrifft, hilft uns das gedruckte Textbuch3 der Oper La fedeltà premiata (Die belohnte Treue), deren Aufführung vermuthlich dem Trauerspiel an einem der nächsten Tage folgte. Als Mitwirkende werden genannt:
Amaranta, donna vana, e
boriosaSigra. Teresa Tavecchia.
Nerina, ninfa volubile in
amore, innamorata diSigra. Costanza
LindoroValdesturla.
Lindoro, fratello di Amaranta,
addeto a servigi dal tempio,
innamorato prima di Nerina,
e poi di CeliaSgr. Leop. Dichtler.
Fillide, sotto il finto nome
di Celia, amante di FilenoSigra. Anna Jermoli.
Fileno, amante di FillideSgr. Gugl. Jermoli.
Conte Perruchetto, uomo
di umore stravaganteSgr. Benedetto Bianchi.
Melibeo, ministro del tempio
di Diana, innamorato
di AmarantaSgr. Antonio Peschi.
DianaSigra. Valdesturla.
[168] Die Handlung versetzt uns in die Ebene von Kuma. Die Nymphe Nerina hat sich der Göttin Diana geweiht und schmückt zum Zeichen ihres Gelübdes das Bild derselben mit einem goldenen Kreuz. Trotzdem verliebt sie sich in Lindoro, einen Diener des Tempels der Göttin, wirst nun das Kreuz in den nächst gelegenen Fluß, indem sie sich dadurch ihres Gelübdes entledigt glaubt und flieht mit ihrem Geliebten. Die erzürnte Göttin läßt die Pest über das Land kommen und verkündet dem trostlosen Volke durch Orakelspruch, daß zur Strafe einem im See hausenden Ungeheuer jährlich an einem bestimmten Tage ein Liebespaar zu opfern sei und dies so lange, bis sich Jemand an dessen Stelle freiwillig dem Tode weiht – dann erst werde Kuma wieder in Frieden leben. Die ganze Handlung ist durchkreuzt von Liebes-Intriguen; die Paare wechseln und ergänzen sich wie beim Spiel die Karten. Nur Zwei: Fillide (unter dem angenommenen Namen Celia) und Fileno lieben sich wahrhaft; jedes aber, durch den Schein irre geführt, wähnt sich betrogen. Melibeo, Diener des Tempels, in die stolze Amaranta verliebt und daher eifersüchtig auf seinen Nebenbuhler den leichtfertigen Grafen Perruchetto, weiß es so einzurichten daß er diesen mit Celia in einem Versteck zusammenführt. Sie werden entdeckt und trotz der Betheuerung ihrer Unschuld als Opfer für die Diana bestimmt. Im letzten Augenblicke bietet sich Celia's wirklicher Geliebter, Fileno, freiwillig als Opfer, um wenigstens die scheinbar Treulose zu retten. Der Götterspruch ist erfüllt. Die versöhnte Diana tödtet mit ihrem Pfeil den Bösewicht Melibeo und vereint die Liebenden. Alles findet daß die Freu de, durch Trauer und Schmerz erkauft, um so größer sei, preißt die Göttin Diana und fortan herrscht wieder Friede in Kuma.
In Constantia Valdesturla treffen wir abermals eine der bedeutenderen Sängerin, welche Mitte 1779 engagirt wurde und dann neben der ihr ebenbürtigen Bologna auftrat. Außer dem Decorationsmaler Travaglia ist zum erstenmale Luigi Rossi als »Erfinder der vorkommenden Ballets und Waffenkämpfe« genannt.
In deutscher Übersetzung wurde die Oper in Preßburg 1785–87 von der wiederholt erwähnten Kumpf'schen Gesellschaft des Grafen Joh. Nep. Erdödy aufgeführt;4 in Graz 1792 (11. Oct.) und 1793 (10. Jan.).5 Über die Wiener Aufführung werden wir später hören.
Diese Oper bietet ein besonderes Interesse dadurch, daß sich ihr Zusammenhang mit der Oper »Der Freibrief« von Fritz. (Fridolin) von Weber (Carl Maria von Weber's ältestem Stiefbruder) nachweisen läßt, die ihre Entstehung zweifellos jener Wiener Aufführung zu verdanken hat, zu welcher Zeit sich Franz Anton von Weber mit seinen Söhnen Fritz und Edmund [169] in Wien befand. Partitur, Text-, Arien- und Soufflirbuch, in ein und zwei Acten, einzeln oder zusammen, in Franz Anton v. Weber's oder Fritz v. Weber's Handschrift, mit Nennung Haydn's und auch Fritz v. Weber's als Componisten finden sich in Meiningen, Stuttgart, Dessau und Hamburg. Zu der Oper (auch als Operette oder Singspiel genannt) ist eine neue Handlung geschrieben, Mozart's Symphonie inEs-dur (Köchel Nr. 184) als Ouverture und dessen Terzett Mandina amabile (zu Bianchi's Oper La villanella rapita) als Einlage benutzt und einige Nummern von Haydn beibehalten. Das zugestutzte Werk wurde zunächst 1789 in Meiningen von Mitgliedern der v. Weberschen Familie unter dem Titel »Der Freybrief von Joseph Haydn« auf die Bühne gebracht. In einem Briefe von Fritz (Nov. 1809) an Carl Maria v. Weber, der damals in Stuttgart angestellt war, bittet er ihn, zu der Oper zwei Gesangnummern zu schreiben, was schon vor Empfang des Briefes geschehen war. Er hatte ein Tenor-Rondo (»Was ich da thu', das fragt Er mich?«) neu componirt und ein Duett (»Dich an dies Herz zu drücken«) aus seiner alten Jugendoper »Peter Schmoll« umgearbeitet.6 –
In diesem Jahre trat Haydn in Geschäftsverbindung mit der uns schon bekannten Kunst- und Musikalienhandlung Artaria § Co. Den Geschäftsbriefen,7 die zwischen beiden Theilen [170] gewechselt wurden, lassen sich mannigfache fördernde Details entnehmen. Überall spricht aus ihnen Haydn's Offenheit und Ehrlichkeit und ein ebenso bescheidenes als gerechtfertigtes Selbstbewußtsein. Haydn's Verhältniß zum Hause Artaria war ein freundschaftliches und herzliches, das nur ab und zu eine bald vorübergehende Störung erlitt. Ein solcher Fall traf einmal ein, als Artaria durch voreilige Ankündigung von Quartetten Haydn großen Schaden zufügte. »Dieser Schritt verursacht, daß unser ferner Handel unterwegs verbleiben wird«. Aber Haydn selbst lenkt wieder ein, indem er bald darauf schreibt: »Ich muß bekennen, daß ich meinen letzten Brief an Sie mit einem aufwallenden Geblüt geschrieben, nichts desto weniger hoffe ich daß wir gute Freunde bleiben werden .... die Sach ist nun so geschehen ein andermahl werden wir beede behutsamer seyn«. Einmal glaubte Haydn Grund zu finden, Artaria zürnen zu müssen und ersucht um Aufklärung »um mir meinen argwohn zu benehmen; ich wolte nicht, daß Sie mich dadurch auf immer disgutirten, zumahlen ich beständig Ihr guter Freund ware und verbleiben werde«. Wiederholt beweißt ihm Haydn, daß er trotz vortheilhafterer Anerbietungen von anderer Seite ihm den Vorrang lasse, glaubt es aber auch anerkennen zu müssen daß ihn Artaria anderen Componisten vorziehe. Als Haydn einmal einige Symphonien französischen Verlegern zuerst anbot und ihm Artaria deßhalb Vorwürfe gemacht haben mag, antwortet ihm Haydn: »Ich wäre ungerecht und undankbahr, wenn Ich ihre Freundschaft so platterdings auf die Seite setzte. ich werde nie vergessen daß Sie mir vor Viellen den Vorzug gaben, ohngeachtet ich wohl weiß, daß ich bisweillen denselben vor andern verdiente«. Und als Haydn selber Anträge stellt, da er »etwas Geld brauche« und Artaria neuerdings Arbeiten wünscht, antwortet Haydn: »Mein Fleiß über die 3 anverlangten Clavier Sonaten wird bürge seyn Ihre Freundschaft fernerhin zu erhalten«. Dieser Fall, daß Haydn etwas Geld brauchte. traf allerdings öfters ein und Artaria zahlte dann immer in vorhinein das Honorar oder doch wenigstens den von Haydn gewünschten Theil. Einmal klagt ihm Haydn auch daß ihn »die großen mit ihrer bezahlung so lange warten lassen«. Wer diese Großen waren, sagt ein späterer Brief: »ich habe hoffnung eine schuld von Sieben Jahren des Erzherzogs von Mayland [ Ferdinand] bezahlter zu erhalten«. Haydn's schon erwähnte [171] Klagen über Nachlässigkeit der Stecher wurden noch überboten von dem Ärger über die Unehrlichkeit der Copisten, welche unrechtmäßiger Weise geschriebene Musikalien verkauften. So z.B. dringt Haydn darauf, daß Artaria den Musikalienhändler Laugh (Lausch) vor den Bürgermeister citiren lasse, damit er gestehe, von wem er seine Quartette erhalten habe. »Herr von Augusti8 ist mein alter guter Freund und wird Ihnen hierinfals ganz sicher beystehen, so wie Er mir schon einmahl in eben einer solchen Affair beygestanden«. Haydn versichert bei seiner Ehre »daß solche von seinem Copisten, der der allerehrlichste Kerl ist, nicht sind copirt worden, sondern Ihr eigener Copist ist ein spitzbub, da er diesen Winter dem Meinigen 8 Species Ducaten anerboten, wan er ihm die 7 Worte zukommen ließe .... ungeachtet Sie alles in Ihrem Gewölb schreiben lassen, können Sie doch betrogen werden, weil die spitzbuben untenher a parte ein Notenpapier haben, worauf sie unbemerkt nach und nach die vor sich liegende stimme abstelen«. Auch Musiker, Tost und Breunig, fanden sich, die heimlich Werke von Haydn Artaria und Andern antrugen und dadurch Streitigkeiten verursachten. Conrad Breunig aus Mainz hatte bei Artaria schon 1779 6 Duette für Violine und Viola verlegt und stand in unangenehmer Correspondenz mit Haydn. Dieser forderte Artaria auf, ihn und sich selbst zu vertheidigen; »wie weiter aber Sie mich von Herrn Breunig entfernen, desto angenehmere Dienste werden Sie mir leisten«. Johann Tost der, wie wir gleich sehen werden, Haydn's Namen im Ausland mißbrauchte, war Violinist in der Esterházy'schen Kapelle von 1787–90. (Derselbe ist nicht zu verwechseln mit dem später zu nennenden Großhändler gleichen Namens.)
In der Chronik wurde schon darauf hingewiesen daß die Componisten, wenn sie ein Werk an eine bestimmte Firma verkauften, in vorhinein auswärtige Verleger von dem Erscheinen desselben benachrichtigten, die dann trachteten, dasselbe so bald als möglich zu erhalten, um dann mit dem Originalverleger concurriren zu können; sie abonnirten sogar darauf unter der Bedingung, die ersten Abdrücke zu erhalten, ehe noch das Werk [172] öffentlich ausgegeben und angezeigt wurde. Daher entstanden die Verdrießlichkeiten, die Haydn auch mit Artaria hatte, im Fall dieser mit der Versendung zögerte oder ein Werk zu früh anzeigte. Hummel in Berlin, Forster, Longman in London, Nadermann, Willmann, Sieber in Paris, Boßler in Speyer kommen hier wiederholt zur Sprache. Haydn schreibt Artaria gradezu bei Gelegenheit der Übersendung von Quartetten an Forster: »mir kan niemand verargen, daß, wan die Stücke gestochen sind, ich selbst noch trachte einigen gewinst zu erhalten, weil ich für meine werke nicht hinlänglich bezahlt bin, und weil ich eher ein Recht dazu habe als die übrigen Unterhändler. Hinführo werden Sie mit dem Accord zwischen uns behutsamer und schriftlich, ich aber für genugsame Bezahlung zu sorgen haben«. Daß Artaria sich später das alleinige Eigenthumsrecht durch Vollmacht zu sichern wußte, sahen wir schon früher und werden später nochmals solcher Fälle begegnen.
Das erste Werk, das Haydn bei Artaria verlegte, waren 6 Sonaten für Clavier (Verlagsnummer 7). »Sollten sie einen nutzbahren abgang haben, so wird mich derselbe künftighin durch mehrere arbeiten überzeugen«. Es folgten dann 6 Divertimenti (Verlagsn. 15); die ersten 12 Lieder (Verlagsn. 20); 6 Quartette (26 u. 27); 6 Symphonien, oder richtiger Ouverturen (33) etc.
Die erstgenannten 6 Clavier-Sonaten (f. 16–20, 3), widmete Artaria den Schwestern Franziska und Marianne v. Auenbrugger, Töchter des rühmlich bekannten Arztes und musikalischen Schriftstellers Leopold v. Auenbrugger aus Graz, dessen kunstsinnige Familie auch von Mozart (1773) und von Nicolai (1781) besucht wurde. Franziska wird schon 1766 zu den nennenswerthen Clavierspielerinnen Wiens gezählt.9 Nicolai10 sagt von ihr, sie spiele meisterhaft auf dem Clavier und singe mit reiner Intonation und wahrem Affect; ihre Stimme sei ein tiefer Sopran. Zinzendorf hörte sie 1782 bei Fürst Adam Auersperg die Rolle des Renaud in Righini's »Armida« singen (S. 162). Noch 1796 rühmt Schönfeld Stimme und Gesang der nunmehrigen Freiin von Zois. Marianne, die jüngere liebenswürdige Schwester fand Nicolai schon sehr leidend. Sie starb bald [173] darauf, am 25. Aug. 1782, im 23. Lebensjahre an der Abzehrung. Salieri, ihr Lehrer in Contrapunct, gab dann eine Claviersonate von ihr »primo et ultimo di Lei prodotto« mit einer Ode bei Artaria heraus, die er als »Freund und Bewunderer ihres seltenen Talentes« in Musik gesetzt hatte. Somit werden wir es erklärlich finden daß auch Haydn mit ungewöhnlicher Bewunderung von den Schwestern an Artaria schreibt: »Der Beyfall deren Freilen v. Auenbrugger ist mir der allerwichtigste, indem Ihre Spielarth und die ächte einsicht in die Tonkunst den größten Meistern gleichkommt: Beede verdienten durch öffentliche Blätter in ganz Europa bekannt gemacht zu werden«. Und wenn er vordem sagt: »übrigens hoffe ich mir mit dieser Arbeith wenigstens bey der einsichtsvollen weld Ehre zu machen«, so gesteht er selbst, daß er sich besondere Mühe gegeben. Auch suchte er der Sammlung durch eine aparte Idee einen gewissen Reiz zu verleihen, wobei er es jedoch für gerathen fand »um der Critic einiger Witzlinge auszuweichen«, Artaria aufzufordern, »auf der andern Seite des Titelblats folgendes unterstrichene beyzudrucken:
›Avertissement.
Es sind unter diesen 6 Sonaten zwey einzelne Stücke, in welchen sich etwelche Täcte einerley Idee zeigen: der Verfasser hat dieses um den Unterschied der Ausführung mit Vorbedacht gethan.‹
Dan ganz natürlich hätte ich statt diesen Hundert andere Ideen nehmen können; damit aber dem ganzen werke wegen einer vorbedachten Kleinigkeit (welche die Herrn Critiker und besonders meine Feinde auf der üblen seite nehmen könnten) kein Tadel ausgesetzt werden kan, derohalben glaube ich dieses avertissement, oder so etwas dergleichen beyzufügen, indem es sonst dem abgang hinderlich seyn könnte ich unterwerfe mich hierinfalls der einsichtsvollen meynung beeder Freilen v. Auenbrugger, an welche mein gehorsambster Handkuß erfolgt«.
Die Verlagshandlung glaubte Haydn's Hinweiß in folgender bestimmterer Form wiedergeben zu müssen:
Avertimento.
Tra queste sei Sonate vi si trovano due Pezzi che cominciano con alcune battute dell' istesso sentimento, cioè l'Allegro scherzando della Sonata No. II, e l'Allegro con brio della Sonata No. V. L'Autore previene[174] averlo fatto a bella posta, congiando però in ogn'una di esse la Continuazione del Sentimento medesimo.11
In dieses Jahr fallen die letzten kleineren Kirchencompositionen aus dieser Zeit (m. 20. 21). Faßt man diese seit 1771 entstandenen Stücke dieser Gattung zusammen, so ergiebt sich, im Vergleich zu den früheren, ein unleugbarer Fortschritt. Alles ist compacter und drängt den späteren großen Aufgaben zu. Kaum eine dieser Nummern zeugt von dem früheren, oft so sichtbar lästigen Zwang. Reichthum der Erfindung, Frische, feste Gliederung, Wohllaut und wirkungsvolle Stimmführung ist ihnen Allen eigen. Fortan tritt auf diesem Gebiete eine längere Pause ein. Erst die 90er Jahre bringen noch einige und zwar der gediegensten Compositionen dieser Richtung.
Weitere Compositionen aus diesem Jahre:
2 Violoncellconcerte (e. 7. 8) in Abschrift erschienen.
Flötenconcert (e. 10) ditto.
Über den bisherigen Engkreis hinaus sehen wir Haydn's Ruf nun immer weitere Dimensionen annehmen. Die kaum erwähnten Namen führen uns nach Frankreich und England. In einem Briefe an Artaria (27. Mai 1781) gedenkt Haydn zum erstenmale seiner Verbindung mit Paris. Wir lesen: »Monsieur Le Gros, Directeur vom Concert spirituel schrieb mir ungemein viel schönes von meinem Stabat mater, so aldort 4 mahl mit größtem beyfall producirt wurde; die Herren hatten um die erlaubnuß dasselbe stechen zu lassen. Sie machten mir den antrag, alle meine zukünftigen werke zu meinem nahmhaften besten stechen zu lassen, und sie wunderten sich sehr, daß ich in der Singcomposition so ausnehmend gefällig wäre; ich aber wunderte mich gar nicht, indem sie noch nichts gehört haben; wan sie erst meine Operette L'Isola disabitata und meine letzt verfaßte Opera La fedelta premiata hören wurden: dan ich versichere, daß dergleichen [175] arbeith in Paris noch nicht ist gehört worden und vielleicht eben so wenig in Wienn; mein unglück ist nur mein aufenthalt auf dem lande«.
Le Gros,12 dem es stets darum zu thun war, für seine Concerte die ersten Künstler zu gewinnen, hatte sich offenbar auch an Haydn gewendet.13 Welchen Erfolg die Aufforderung hatte, werden wir gleich sehen; zuvor aber wird es nöthig sein, das dortige Terrain kennen zu lernen. Die Concerts spirituels, im J. 1725 durch Philidor gegründet, wurden im Schweizersaal der Tuilerien an solchen Tagen abgehalten, an denen keine Oper sein durfte. Jährlich fanden 24 statt; zur Aufführung kamen Instrumentalstücke und kirchliche Vocalcompositionen für Solo und für Chor. Le Gros war in der Reihenfolge der 8te Dirigent. Zu den Verdiensten, welche diese Concerte14 zur Förderung der Tonkunst überhaupt in Paris beitrugen, zählte auch ihr aneiferndes Beispiel zur Gründung ähnlicher Unternehmungen. So entstanden in 1770 die Liebhaber-Concerte (Conc. des amateurs) durch d'Ogni und Delahaye mit Gossec als Dirigent und dem bekannten Chevalier St. Georges als Solo-Violinist. Als die Gesellschaft 1780 in die Galerie Henry III. übersiedelte, nahm sie den Titel Concert de la Loge Olympique an und ihr Orchester bestand aus den zur Zeit besten Künstlern. Ein Jahr zuvor wurden erst Haydn's Symphonien durch den Violinisten Fonteski in Frankreich eingeführt.15 So groß war ihr Erfolg daß er die Directoren im J. 1784 ermuthigte Haydn aufzufordern, eigens für diese Concerte 6 Symphonien (a. 52–57) zu componiren, welche in Paris unter dem speciellen Titel Répertoire de la Loge Olympique veröffentlicht wurden.16 (Es war in [176] diesen Concerten, wo Cherubini zum erstenmale ein Werk von Haydn hörte und davon so mächtig ergriffen wurde, daß er ihn fortan wie einen Vater verehrte.) Haydn übergab seine Partitur einem Wiener Banquier, der beauftragt war, ihm das ausbedungene Honorar von 600 Francs auszuzahlen. Nach Aufführung der Symphonien verkauften die Directoren das Verlagsrecht um 1000 oder 1200 Francs und schickten Haydn auch diese Summe als Zeichen ihrer Verehrung.17
Jene Symphonien bildeten fortan den Grundstock der Pariser Programme und wurden auch in Wien rasch bekannt. Weitere Verbindungen ging Haydn mit den Musikalienhändlern Nadermann, Willman und Sieber ein. Nadermann kaufte 1783 drei Symphonien und im nächsten Jahre erbietet sich Haydn »abermals drei ganz neue, sehr fleißig bearbeitete Symphonien, sauber und correct geschrieben, für 15 Ducaten bis Ende November einzureichen« und im Fall der Annahme das von ihm »verlangte Clavierstück bei erster Gelegenheit zu übermachen«. In demselben Jahre hatte Willmann wegen Quartette mit Haydn unterhandelt und ihm mit der Pränumeration 100 Ducaten versprochen, wogegen aber Haydn Artaria den Vorzug ließ, obwohl mit nur 300 Gulden. In 1789 spricht Haydn von Symphonien, bei Sieber gestochen, der in rascher Folge deren 63 in Auflagstimmen herausgab.18 Später gab Le Duc, Nachfolger des Lachevardière, die bekannte Sammlung von 26 Symphonien in Partitur heraus, womit er die Deutschen überholte. Wie rasch sich die Pariser Verleger der ersten Quartette Haydn's bemächtigten und in Stich herausgaben, sahen wir schon früher (I. S. 333).
Haydn's Ruf stand in Paris bald so hoch daß man, um Werke wenig bekannter Componisten gangbar zu machen, seinen Namen selbst mißbrauchte. So erzählt Gyrowetz in seiner Selbstbiographie (S. 45), daß er in Paris dem Orchester in der Probe seine Symphonien vorlegte und eine derselben mit Befremden aufgenommen wurde, da sie bereits als eine Favorit-Pièce von Haydn bekannt war. Gyrowetz konnte zwar seine Autorschaft nachweisen, allein der Irrthum war nicht mehr zu [177] repariren. Er erfuhr dann vom Verleger Schlesinger daß dieser drei Symphonien, als von Haydn componirt, von einem Violinspieler. dem früher genannten Tost angekauft und herausgegeben habe, worunter auch die in Frage stehende gewesen war. – Nach Carpani19 hatte Haydn ein Jahr zuvor, ehe er die Einladung nach Paris erhielt, von dorther den Auftrag erhalten, eine Vocalcomposition zu schreiben im Stile Lulli's oder Rameau's. von welchen man auch gleich Muster beigelegt hatte. Sie wanderten natürlich zurück mit der Erklärung, wenn man etwas nach der Manier von Lulli oder Rameau verlange, möge man sich an diese selbst oder an ihre Schüler wenden; Haydn aber vermöge leider nur Haydn'sche Musik zu schreiben. –
Im August 1781 trat Haydn durch Vermittlung des englischen Gesandten in Wien, General Chs. Jermingham, in geschäftliche Verbindung mit William Forster in London, dem berühmten Geigenmacher, der sich nun auch mit Musikalienverlag abgab. Haydn's Name erscheint in englischen Zeitungen zuerst im J. 1765 (Ankündigung seiner ersten in Amsterdam gedruckten Quartette).20 In den 70er Jahren wurden seine Symphonien in den Concerten von J.C. Bach und Abel und in jener der Virtuosen Punto, Eichner und Lidl aufgeführt. Forster veröffentlichte 129 Werke von Haydn und zahlte, im Hinblick daß dieselben meistens schon in Wien und Paris gedruckt waren. anständige Honorare z.B. 20 Guineen für 6 Quartette (en régard au contrat); 70 Pfund Sterling für 20 verschiedene Compositionen. Die Symphonien sandte Haydn nicht in Partitur sondern in den einzelnen geschriebenen Auflagstimmen; Sendungen dieser Art betrugen bis über 2 Pfd. Stig. an porto. Auf Forster folgten Longman und Broderip, die am 1. Januar 1788 in der an diesem Tage zum erstenmale erschienenen Times21 3 dem Prinzen von Wales gewidmete Symphonien (op. 51) und die 7 Worte (als Quartett arrangirt) ankündigten. Verdrießlichkeiten gab es auch hier mit den beiden Firmen. Seinen »allerliebsten« Monsieur Forster wußte Haydn aber immer wieder [178] freundlich zu stimmen. »Ich bin zu ehrlich und rechtschaffen (schreibt Haydn), als daß ich Sie kränken oder Ihnen schädlich sein solle«. Einmal aber hatte Haydn aus Versehen einige Werke zweimal verkauft, was ihm bei seinem Besuche in London eine Vorladung vor Gericht und Erlag einer Geldstrafe zuzog.22
Vergebens suchte Lord Abingdon schon im Jahre 1783 Haydn zu bewegen, die Direction der damals gegründeten Professional-(Fachmusiker-) Concerte zu übernehmen. Er schlug die Bitte ab, machte sich aber anheischig, alles zu componiren, was man wünschte, wenn man ihm die Summe von 500 Pfd. Stig. geben wolle. So eröffnete denn Wilhelm Cramer als Dirigent das erste der genannten Concerte (19. Febr.) und zwar mit einer Symphonie von Haydn. Auch die Nobility (Adels-) Concerte brachten seine Symphonien und führten sein Stabat mater auf. Kein Virtuose durfte es unterlassen. sein Programm mit Haydn's Namen zu schmücken; seine Quartette aber wurden selbst im Musikzimmer des Prinzen von Wales gespielt, wobei der Prinz die Cellostimme übernahm. Man beabsichtigte sogar, um sowohl den Namen Haydn zu verewigen als auch einen Beweis zu liefern, wie hoch der Engländer an Ausländern Kunst und Genie schätze, Haydn ein Monument in der Westminster-Abtei zu errichten, die feierliche Aufstellung aber so lange zu verschieben, bis er selbst, von der englischen Nation eingeladen, in London eintreffen würde.23 Als der Concert-Unternehmer Salomon immer energischer den Fachmusikern entgegen trat, wendete auch er sich an Haydn aber ohne Erfolg. Um so drängender wurde die Gegenpartei mit Cramer an der Spitze und fast schien es dieser glücken zu wollen, was wir aus einem Briefe Haydn's an Forster ersehen, nach welchem es sich nur um eine Antwort von Cramer handelte, um Haydn für London zu bestimmen, wo ihm Forster bereits ein Quartier offerirt hatte. Der Opernunternehmer Gallini mochte damals ebenfalls auf Haydn gerechnet, haben, denn Haydn schrieb ihm im Juli 1787 einen Brief, seine Forderungen für Opern betreffend.24 Daß schließlich Salomon Sieger blieb, ist bekannt. –
[179] Außer in Frankreich und England stand Haydn's Name auch in Spanien schon jetzt in hoher Achtung. Hier hatte ihn der Dichter Yriarte25 einem, 1779 in Madrid erschienenen didaktischen Gedicht La Musica26 gefeiert. Dieses mit 6 allegorischen Kupfern gezierte Werk besingt in fünf gehaltreichen Gesängen mit poetischer Weihe die Tonkunst in ihrem ganzen Umfang. Der letzte Gesang rühmt den Werth der Musik bei Privat- und öffentlichen Festen, den Einfluß musikalischer Gesellschaften und preißt namentlich die Instrumentalmusik der Deutschen und ihre Componisten und insbesondere Haydn wegen der Eigenthümlichkeit und Neuheit der Erfindung in folgenden Versen:27
Dir, wunderbarer Haydn, Dir allein
Verlieh die reizende Camoene
Die Kunst stets neu und immer reich zu sein.
Dir lieh sie jene Zaubertöne
Die in das Ohr voll Überraschung schallen,
So oft erwiedert immer noch gefallen.
Viel eher wird der Beifall sich verlieren
Der schönsten Töne, die die Herzen rühren,
Als Deine so erles'nen Melodien,
Durch Ausdruck, Kraft und edlen Styl
Bewundernswerth, sich dem Gefühl
Der Welt und ihrer Dankbarkeit entziehen. –
Umringen gleich Dich in den neuern Zeiten
So manche Meister hochgeehrt,
Muß doch vorherrschend Deiner Muse Werth
Weithin und glänzend Deutschlands Ruhm verbreiten.
Hier in Madrid, o Hoher! herrschet Deine
Musik im still sich übenden Vereine,
Und Deine Kunst ist unsrer Liebe Lohn;
Mit heilgem Lobe krönt Dich täglich schon
Der Beifall, der Dir laut entgegenschallt,
Vom Strand des Manzanares wiederhallt. –
[180] Auch von anderer Seite wurde Haydn von Spanien aus gehuldigt. Luigi Boccherini damals schon hoch geschätzt durch seine Kammermusik, die sich durch Gründlichkeit, melodische, leicht fließende, nur häufig allzu weiche Schreibweise auszeichnete,28 stand zur Zeit in lebhaftem Verkehr mit Artaria, bei dem er mehrere Werke29 verlegte. In einem seiner Briefe an Artaria (dat. Arenas, Febr. 1781) bittet er die Verleger, an Sigr. Giuseppe Haidn, der ihnen wahrscheinlich bekannt sein wird, in seinem Namen zu schreiben, daß er einer der leidenschaftlichsten Schätzer und Bewunderer seines Genius und seiner musikalischen Werke sei, die in hohem Grade jene Auszeichnung verdienen, die ihnen zu Theil wird.30 Artaria schickte den Brief an Haydn, der auch zu schreiben [181] beabsichtigte und sich deßhalb erkundigte wo dieser Ort Arenas [Provinz Santander] läge, kam aber nicht dazu und bat Artaria, bei gelegener Zeit demselben seinen »ergebensten Respect« auszudrücken.
Noch eine Auszeichnung empfing Haydn in dieser Zeit aus Spanien: der König (Karl III, gest. 1788) verehrte ihm »für einige überschickte Musikalien« eine goldene mit Brillanten besetzte Tabatière und zwar in der schmeichelhaftesten Art, indem der am kaiserl. Hofe accreditirte k. spanische Legationssecretär auf ausdrücklichen Befehl seines Monarchen das Geschenk unter Versicherung der steten vorzüglichen Gewogenheit des Königs Haydn persönlich in Esterház überreichte und über den Empfang nach Hofe berichten mußte.31 – Endlich noch hatte Haydn nebst der bekannten Kirchencomposition »Die sieben Worte Christi am Kreuze«, die bei ihm im J. 1785 für Cadix bestellt wurde, damals noch eine kleinere Arbeit zu liefern, deren er in einem Briefe (5. April) an Artaria erwähnt: »jene Quartette so ich dermahlen in der arbeith habe, und die helffte fertig, sind ganz klein, und nur mit 3 Stück, sie gehören nach spanien«.
Nach so vielen Zeichen der Anerkennung vom Auslande traf es sich gut, daß man zu gleicher Zeit auch in der Heimat Haydn eine Auszeichnung zutheil werden ließ. Im Juli dieses Jahres kündigten Artaria & Co. in der Wiener Zeitung an, daß sie in der Herausgabe ihrer großen Porträt-Sammlung von Monarchen und hohen Fürsten, Helden, Ministern, Gelehrten und vorzüglichen Künstlern dieser Zeiten, hauptsächlich aber von Personen des Vaterlandes fortfahren werden. Den Anfang hatten die Porträte der verstorbenen Kaiserin, Kaiser Joseph, Erzherzog Maximilian, Feldmarschall Graf von Lascy, Freiherr von Loudon, Feldmarschall-Lieutenant Graf v. Wurmser gemacht. Als Fortsetzung sollten nur die Porträte von dem gefeierten Dichter Michael Denis32 und von Joseph Haydn folgen. Haydn wurde [182] von J.E. Mansfeld33 gestochen und trägt als Unterschrift die Horaz'schen Worte:
Blandus auritas fidibus canores ducere quercus.34
Haydn war somit als Mann des Tages mitten hineingestellt unter die ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit. Er dankte Artaria für die überschickten Exemplare, »ob aber solche abgehen? ist eine Neugierde. durch jene, so Sie mir überschickten, hatten bishero Bildhauer und Vergolder gewinnst«. Doch waren der Fürst und Haydn von der Ausführung erfreut und Letzterer bittet Artaria, ihn, wenn er nach Wien kommt »bey dem so verdienstvollen Herrn von Mansfeld aufzuführen«. –
Dem Porträt von Mansfeld ging, soviel bis jetzt bekannt ist, nur ein einziges aus jüngeren Jahren voraus. Es ist um 1770 von Lorenz Gutenbrunn auf Holz gemalt und stellt Haydn im Begriff zu componiren in stehender halber Figur dar, die linke Hand auf den Tasten eines Claviers ruhend, die rechte erhobene Hand eine Feder haltend. Es existirt von diesem Bilde ein unbedeutender Kupferstich und eine hübsche aber nicht ganz getreue Lithographie von Schiavonetti. – Das diesem Bande beigegebene Porträt fällt in die zweite Hälfte der 80er Jahre. Das Original in Miniatur, dem auch eine Haarlocke von Haydn beigefügt ist, ist in Aquarell auf Elfenbein gemalt und war ehedem im Besitz der Frau Josefa Freiin von Erggelet geb. von Henikstein, die es aus Haydn's eigener Hand empfing. Es blieb im Besitz dieser Familie, bis es im J. 1878 Frau Pauline Freiin [183] von Weckbecker (geb. Freiin v. Erggelet) dem Museum der Ge-Gesellschaft der Musikfreunde in Wien als Geschenk überließ.
Für den Herbst erwartete Kaiser Joseph hohe Gäste: den russischen Großfürsten Paul35 mit Gemalin, Herzog Fr. Eugen von Würtemberg mit Gemalin, begleitet von Prinz Ferdinand und Prinzessin Elisabeth von Würtemberg. Die Großfürstin Maria Feodorowna (geb. Prinzessin von Würtemberg und Schwester der Elisabeth), vermählt seit 18. Oct. 1776,36 wird von der Wiener Zeitung als eine »vorzügliche Schönheit« geschildert. Die hohe Frau nahm lebhaftes Interesse an Wissenschaft und Kunst und liebte und pflegte namentlich die Musik, während ihr Gemal einen regen Forschungsgeist bekundete. Die damals 15 jährige Prinzessin Elisabeth war die erklärte Braut des Erzherzogs Franz (nachmaligen Kaiser), dem sie am 8. Jan. 1788 angetraut wurde. Sie kam im Oct. 1782 wieder nach Wien, wohnte im Belvedere und empfing im angrenzenden Kloster der Salesianerinnen die Vollendung ihrer Erziehung. Mozart hatte vergebens gehofft, ihr Musiklehrer zu werden; im Gesang wählte der Kaiser statt seiner Salieri (»denn bei ihm ist nichts als Salieri«), im Clavier wurde ihm Georg Summer, ein wenig bekannter Lehrer (später Hoforganist) vorgezogen.37 Kaiser Joseph zeigte sich der Prinzessin sehr zugethan und war selbst, wie alle Welt sagte, ihr zu Liebe den Eltern entgegen gefahren; that gar zärtlich mit ihr, »küßte ihr unaufhörlich die Hände, eine nach der andern und öfters beide zugleich«. Ihre Eltern reisten als Graf und Gräfin von Gröningen, das großfürstliche Paar als Graf und Gräfin von Norden. Erstere waren am 10. Nov. angekommen. Am 16. Nov. gab ihnen Erzherzog Maximilian eine Musik bei sich, zu der auch Mozart geladen war und sich als Clavierspieler producirte. Am 22. Nov. traf das russische Paar ein und nun folgten eine Reihe wissenschaftlicher Besichtigungen, gesellschaftlicher Unterhaltungen und Theaterbesuche. Da man auf den hohen Besuch schon im Sommer vorbereitet war und derselbe [184] anfangs früher erwartet wurde, schrieb Mozart über Hals und Kopf an seiner »Entführung«, in der Hoffnung, vor dem hohen Paar mit etwas Neuem auftreten zu können. Dann hoffte er wieder, bei dieser Gelegenheit seinen »Idomeneo« in neuer Bearbeitung vorführen zu können. Da man aber schon zwei Opern von Gluck (»Alceste« ital., »Iphigenie auf Tauris« deutsch) bestimmt hatte, so wäre eine dritte für die Sänger zu viel gewesen und so mußte Mozart auch hier zurücktreten. Im Grunde verstand sich der Kaiser selbst nur ungern zu Gluck, denn von Herzen war er seiner Muse nicht sonderlich gewogen, so wenig wie der Bernasconi, Gluck's Lieblings-Sängerin, die auf ein Jahr mit 500 Ducaten engagirt war, dem Kaiser förmlich aufgedrungen wurde und nun doch beschäftigt werden mußte. Mit Mühe gelang es auch, ein Ballet zu Stande zu bringen, da dasselbe nach Noverre's Abgang aufgelöst worden war. Als Balletmeister wurde nun Crux auf kurze Zeit engagirt.
Sonntag den 25. Nov. gab der Kaiser in Schönbrunn ein großes Fest, dem die großfürstlichen und herzoglichen Gäste und Erzherzog Maximilian beiwohnten. Aufgeführt wurde im Schloßtheater Gluck's »Alceste« in italienischer Sprache; dann folgte ein maskirter Ball, zu dem 3–4000 Personen geladen waren. Man tanzte in mehreren Sälen Quadrille und andere Tänze in römischer Tracht, in ungarischer Nationaltracht (mit der eigenen Landesmusik), in tartarischer-, Matrosen- und sogenannten Straßburger Tracht; den Beschluß machte ein glänzendes Souper. –38 »Alceste« wurde am 3. 13. und 19. Dec. im National-Hoftheater in Gegenwart der Gäste wiederholt; dieselben besuchten ferner Gluck's »Iphigenie auf Tauris« (27. Nov., 9. Dec.), »die Pilgrimme von Mekka« (5. Dec.); »Orfeo« (ital., 31. Dec.), das beliebte Singspiel »die schöne Wienerin« (Musik von Umlauf), »Medea« (von Benda), »die eingebildeten Philosophen« (von Paisiello). – Am 14. Dec. wurden die Schauspieler von dem kaum erst (20. Oct.) eröffneten Leopoldstädter Theater und die französische Gesellschaft vom Kärnthnerthor-Theater nach Schönbrunn berufen, wo sie nach der Tafel Lustspiele aufführten. – Am 22. und 23. Dec. besuchte der Kaiser mit der Gräfin von Norden, Graf von Gröningen und Erzherzog Maximilian die jährliche [185] Akademie der Tonkünstler-Societät im Kärnthnerthor-Theater. Man hatte beabsichtigt, Haydn's seit 1775 nicht mehr gehörtes Oratorium »Tobias« aufzuführen, wählte aber dafür Hasse's »Sta. Elena al Calvario«. Die für die Societät wenig schmeichelhafte Abänderung haben wir früher (S. 86) kennen lernen.
Am 24. December wohnte die Gräfin von Norden dem vom Kaiser in seinem Salon veranstalteten Wettkampf zwischen Mozart und Clementi bei. Mozart beschreibt denselben seinem Vater (16. Jan. 1782): »Der Kaiser that (nachdem wir uns genug Complimente machten) den Ausspruch, daß er zu spielen anfangen sollte. ›La santa chiesa Catolica‹, sagte er, weil Clementi ein Römer ist. – Er präludirte und spielte eine Sonate, – dann sagte der Kaiser zu mir allons drauf los. – Ich präludirte auch und spielte Variationen, – dann gab die Großfürstin Sonaten von Paesiello her (miserable von seiner Hand geschrieben) daraus mußte ich die Allegro und er die Andante und Rondo spielen. – Dann nahmen wir ein Thema daraus und führten es auf 2 Pianoforte aus.« Mozart sagt dann noch daß der Kaiser sehr gnädig und, wie er aus sehr guter Quelle erfuhr, recht zufrieden mit ihm war. Er schickte ihm auch nach der Production 50 Ducaten »welche ich dermalen recht nöthig brauche«.
Dienstag den 25. Dec., am ersten Weihnachtstag, speiste der Kaiser mit den hohen Herrschaften und wohnte Abends mit ihnen einem, in den Gemächern der Gräfin von Norden veranstalteten großen Concerte bei. Es wirkten die vorzüglichsten in Wien anwesenden Künstler beiderlei Geschlechtes in diesem Con certe mit, von dem die Wiener Zeitung etwas unklar sagt »daß es den fürstl. Esterházy'schen Kapellmeister, den berühmten Herrn Joseph Haydn zum Verfasser hatte«, was faßt vermuthen läßt, daß, wenn nicht alle so doch die meisten Compositionen von Haydn waren. Das von ihm aufgelegte Streichquartett wurde von dem uns bekannten Luigi Tomasini aus Esterház und von den Wiener Künstlern Aspelmayer, Huber und Weigl gespielt und von der hohen Gesellschaft »mit gnädigsten Beifall beehrt«. Haydn »als Compositor« erhielt eine prächtige emaillirte mit Brillanten besetzte goldene Dose und jeder der genannten Herren eine goldene Tabatière. Während ihrer Anwesenheit in Wien hatte die Großfürstin auch einige Musik-Lectionen bei Haydn genommen und das Interesse das sie ihm erwieß, ließ bei ihm [186] eine so wohlthuende Erinnerung zurück daß er im Jahre 1802 der nun verwittweten Kaiserin ein Exemplar seiner 3 und 4stimmigen Gesänge, auf welche er selber großen Werth legte, übersandte und dafür mit einem Dankschreiben, in dem sie jener Musik-Lectionen gedachte, und einem kostbaren Ring beehrt wurde.
Wenn sich auch der Großfürst nicht in gleichem Maße für Musik interessirt haben mag. konnte er sich doch rühmen daß ihn der Kaiser einer besonderen Werthschätzung würdigte, indem er ihn bei Besichtigung seiner Musik-Bibliothek auch auf die eigens für ihn von seinem ehemaligen Hofkapellmeister Gaßmann componirten Quartette aufmerksam machte, wobei er mit Wehmuth bemerkte: »Dies sind noch Rosen von meines Gaßmann's Grab«. Der Kaiser schätzte denselben bekanntlich sehr hoch. Als sich dessen Frau nach seinem Tode weinend dem Kaiser zu Füßen warf, wurde auch er zu Thränen gerührt und äußerte: »Ich habe nicht nur einen vortrefflichen Künstler sondern auch einen der rechtschaffensten Männer verloren«.
Übrigens verging fast kein Tag, wo nicht die hohen Herrschaften es sich angelegen sein ließen, hervorragende Künstler und Gelehrte, wissenschaftliche Sammlungen und Anstalten kennen zu lernen und verlohnt es wohl, sie bei diesen Gängen, die uns einen raschen Einblick in das mannigfach aufstrebende damalige Wien gestatten, zu begleiten. So hören wir von Besuchen bei Gluck und Metastasio; Besichtigungen der Hofbibliothek, des botanischen Gartens, wo der Professor der Chemie und Botanik, Bergrath Niclas Joseph von Jacquin die nöthigen Erläuterungen gab; der Universität, wo die Gäste vom Rector magnificus Probst Ignaz Parhamer, vom Universitäts-Kanzler, Graf Edmund Maria v. Arzt und Reichsgrafen Vassegg, den Directoren, Dekanen und Professoren empfangen und in die verschiedenen Hörsäle geleitet wurden. Höchst lehrreich gestaltete sich auch der Besuch der Akademie der bildenden Künste auf der neuen Universität, wo die vornehmsten Meisterstücke der Maler- und Bildhauerkunst vorgewiesen wurden; der Besuch der Sternwarte, wo der Director Abt Maximilian Hell über seine Reise in Lappland berichtete, worauf dann der Kaiser selbst die Stelle des Lehrers übernahm und mit bewunderungswürdiger Einsicht den Gebrauch der vorhandenen herrlichen Instrumente erklärte, besonders jene, welche der Kaiser in diesem Jahre aus dem Museum[187] des verstorbenen Prinzen Karl von Lothringen hatte übertragen lassen; Besuche des anatomischen und medicinischen Museums, wo Professor Jos. Barth die vornehmsten anatomischen Präparate vorzeigte und die Operation des grauen Staares erklärte; der anatomischen und chemischen Hörsäle, wo Professor v. Jacquin Experimente vornahm; des Bibliothek-und Naturalien-Saales; jener Säle wo unter Leitung des Lehrers Johann Baptist von Hagenauer die antiken und modernen Statuen, Vasen und Ornamente besichtigt wurden. Schließlich wurde noch die Hof-Buchdruckerei des Edlen v. Trattnern in der Josephstadt, die Bilder-Gallerie des Fürsten Liechtenstein und jene im kaiserlichen Belvedere und Hofrath und Leibmedicus Joh. Ingenhouß besucht, der die neuesten Entdeckungen in der Physik erklärte. Auf Befehl des Kaisers erschien auch der Lehrer des Taubstummen-Instituts Dr. Joh. Friedrich Storck, Priester der erzbischöfl. Cur, mit seinen Zöglingen in den Gemächern der Gräfin von Norden und erklärte im Beisein des Kaisers seine Lehrmethode und nahm mit seinen Zöglingen Prüfungen vor.39
Am 3. Januar 1782 besuchten Graf und Gräfin von Norden nochmals eine Vorstellung der »Alceste« und reisten dann am folgenden Tage nach Italien. Der Kaiser begleitete seine Gäste bis Mürzzuschlag und seine liebenswürdige Aufmerksamkeit erstreckte sich dann noch bis ins Herz von Steiermark, indem er seinen Besuch durch den Grafen Chotek als Reichskommissarius begleiten und auf seine Kosten in Graz im Theater die Aufführung einer Opera buffa und einen Ball im Redoutensaal abhalten ließ.40 –
Im Jahre 1781 erschienen bei Artaria Haydn's erste »XII Lieder für das Clavier, gewidmet aus besonderer Hochachtung und Freundschaft der Freulen Francisca Liebe Edle v. Kreutznern«, I. Theil (o 1–12). Das schöne Titelblatt war von dem tüchtigen C. Schütz erfunden und gestochen und auch sonst »alles deutlich und rein gestochen (nicht gedruckt)«. Es sind die folgenden Lieder:
1. Das strickende Mädchen (Und hörst du kleine Phillis nicht).
2. Cupido (Weißt du mein kleines Mägdelein).
3. Der erste Kuß (Leiser nannt ich deinen Namen).
[188] 4. Eine sehr gewöhnliche Geschichte (Philint stand jüngst vor Bawets Thür).
5. Die Verlassene (Hör' auf mein armes Herz so bang zu schlagen).
6. Der Gleichsinn (Sollt' ich voller Sorg' und Pein).
7. An Iris (Ein Liedchen vom Lieben verlangst du von mir).
8. An Thyrsis (Eilt ihr Schäfer aus den Gründen).
9. Trost unglücklicher Liebe (Ihr mißvergnügten Stunden).
10. Die Landlust (Entfernt von Gram und Sorgen).
11. Liebeslied (So lang, ach! schon so lang).
12. Die zu späte Ankunft der Mutter (Beschattet von blühenden Ästen)41
Die Dedication nennt uns ein bisher unbekanntes Haus, dem wir weiterhin bei einem zweiten und größeren Werke Haydn's nochmals begegnen werden.
Mit den Liedern trat Haydn mit dem damals in Wien beliebten Componisten und Hof-Claviermeister Jos. Anton Steffan42 in die Schranken, der in den Jahren 1778–82 eine »Sammlung deutscher Lieder für Clavier« in 4 Abtheilungen bei Kurzböck herausgab, von denen sich die von ihm selbst componirten Abtheilungen (I. II. IV.) durch Einfachheit und Lieblichkeit auszeichnen und sehr beliebt wurden. Die Texte aus den damals besten Dichtern lieferte ihm sein Jugendfreund und Gönner Hofrath v. Greiner, an den sich auch Haydn wandte und dann dessen »Gutachten in Betreff des Ausdruckes« einholte. Wieder bittet Haydn um ein zweites Duzend »aber nur gute und mannigfaltige, damit ich dabey eine Wahl habe: dan es fügt sich, daß mancher Text eine wahre Antipatie wider den Compositor oder der Compositor wider den Text hat«. Haydn fürchtet auch daß eines der bereits fertigen Lieder (Nr. 12) »vielleicht wegen der strengen Censur nicht wird erlaubt werden mir wäre leyd darum, indem ich eine ausnehmend gut passende Aria darauf gemacht« Die Sorge war unnöthig; indem die Kritik sich milde zeigte, eingedenk der eigenen Worte des Dichters: »Es ist geschehen«! Im Juni 1781 waren die ersten 12 Lieder fertig und Haydn sang sie seinem Freunde Abbé Stadler, als dieser ihn zum erstenmale in Esterház besuchte, selbst am Clavier vor.
[189] Die Texte von Nr. 8, 9 und 10 wahren schon in der 3. Abtheilung obiger Sammlung deutscher »Lieder für das Klavier« von Leopold Hofmann43 benutzt worden, worüber Haydn an Artaria schreibt: »diese 3 lieder sind von Herrn Capellmeister Hofmann (unter uns) elendig componirt; und eben weil der Prahlhans glaubt, den Parnaß alleinig gefressen zu haben, und mich bey einer gewissen großen weld in allen Fällen zu unterdrucken sucht, hab ich diese nemblichen 3 lieder um der nemblichen groß sein wollenden weld den unterschied zu zeigen, in die Music gesetzt: ›Sed hoc inter nos‹«. Haydn schreibt dann weiter: »besonders aber bitte ich Euer Hoch Edlen diese Lieder niemanden zuvor abspielten oder singen oder gar aus absicht verhunzen zu lassen, indem ich selbst nach deren Verfertigung dieselbe in den critischen Häusern absingen werde: durch die gegenwart und den wahren Vortrag muß der Meister sein Recht behaupten. es sind nur lieder, aber keine Hofmanische Gassenlieder wo weder Idee, noch ausdruck, und noch viel weniger gesang herrschet«.
Haydn beabsichtigte ursprünglich, diese Sammlung Lieder aus besonderer Hochachtung der Mademoiselle Clair zu widmen. »Sie ist die Göttin meines Fürsten (schreibt Haydn) und Sie werden wohl einsehen, was dergleichen Dinge für Eindruck machen«! Auch sollten die Lieder erst am 19. November, als am »Namenstag dieser schönen« erscheinen. Bald aber heißt es: »mit der Dedication steh ich noch in Zweifel: ob ich es jener oder einer andern dediciren werde«.
Haydn war damals sehr eingenommen von diesen Liedern und meinte, daß dieselben »durch den mannigfaltigen natürlich schönen und leichten Gesang vielleicht alle bisherigen übertreffen werden«. Er verlangte 30 Ducaten Honorar, begnügte sich aber dann mit einem Ducaten per Stück »aber niemand solle darum etwas wissen«. –
Den 12 Liedern folgten 6 Streichquartette(d. 39–44), die ersten die Haydn bei Artaria verlegte. Er kündigte ihr baldiges Erscheinen schon im December dieses Jahres in der Wiener Zeitung also an: »Auch sind die 6 ganz neuen Quartette [190] dieses großen Mannes in größter Beschäftigung der Auflagen und hoffen es in ungefähr 4 Wochen herausgeben zu können«. Über diese voreilige Anzeige war Haydn, wie wir schon sahen, nicht wenig erzürnt. Er erlitt dadurch »bey Gott mehr als 50 Ducaten schade, indem ich viele Pränumeranten noch nicht contentirte und jene etwelchen auswärtigen gar nicht mehr überschicken kann«. Haydn sagt ferner daß er »aus bloßer Freundschaft und ferneren Vertrag« mit Artaria die Quartette nicht nach Berlin an Hummel schickte, der auch auf das Werk pränumeriren wollte d.h. um dasselbe nachstechen zu können. – Gleich der früheren Serie erhielt auch diese in der Berliner Ausgabe ihre eigene Bezeichnung: »Jungfernquartette«, nach einer weiblichen Figur auf dem Titelblatt. Allgemeiner aber sind sie als die »Russischen« bekannt, da sie vermuthlich in den Appartements der Großfürstin bei ihrem Wiener Besuche gespielt wurden und der Großfürst später von Artaria ein Exemplar entgegen nahm. Haydn schickte sie auch an den Prinzen Heinrich von Preußen (Bruder König Friedrich II.), der in Rheinsberg eine Kapelle und französische Oper unterhielt, worauf er folgenden, vom Maler Dies44 mitgetheilten Brief erhielt:
»Ich danke Denenselben für die mir überschickten Quartetten, welche mir ein großes Vergnügen machen. Beykommende Kleinigkeit, werden Dieselben, als ein Merkmahl meiner besondern Zufriedenheit annehmen; der ich übrigens mit Achtung verbleibe.
Ihr wohlaffectionirter
Heinrich.«
Berlin, den 4. Febr. 1784.
Die Kleinigkeit, die dem Briefe beigegeben war, bestand in einer goldenen Medaille und dem Bildnisse des Prinzen.
Von den, im Jahre 1781 gleichfalls bei Artaria aufgelegten Six Divertissements à 8 Parties concertantes(c. 8–13) liegen, wie früher erwähnt, Nr. 9, 10 und 11 in Haydn's Handschrift als Barytonstücke aus dem J. 1775 vor; auch Nr. 12 und 13 in Abschrift erhalten, gehören in diese Rubrik. Sie bilden eine der letzten Fälle, wo Haydn selbst diese Compositionen werth hielt, ohne wesentliche Veränderung auch dem Publikum zugängig zu machen.
Von den 5 Symphonien, die in dieses Jahr fallen, ist die erste (a. 40) La chasse betitelt. Sie wurde, wie die Tradition [191] erzählt, nach des Fürsten Rückkunft von Paris, wo er sich diesesmal längere Zeit aufgehalten hatte, vor ihm aufgeführt. Haydn benutzte als letzten Satz (welcher der Symphonie den Namen gab) die Einleitung zum 3. Akt seiner Oper La fedeltà premiata. Es ließe sich wohl annehmen daß dieser Satz dem Fürsten besonders gefallen haben mochte und ihm also Haydn durch die unerwartete Benutzung eine artige Überraschung zu bereiten gedachte.45 Haydn hat diese Symphonie auch selbst für Clavier arrangirt, in welcher Form sie noch in seiner Handschrift existirt und bei Artaria im Stich erschien. Der glücklichen Rückkunft des Fürsten zu Ehren wurde auch ein ChorG-dur 2/4 »Al tuo arrivo felice« gesungen, zu dem Haydn einen Satz aus einem Baryton-Trio verwendete, offenbar ein Lieblingsstück des Fürsten. In gleicher Weise wurde ein andermal die Wiedergenesung des Fürsten durch ein Barytonstück, D-dur 3/4, mit unterlegtem Text »Dei clementi« gefeiert.
Die sogenannte Cäcilienmesse, Haydn's siebente, C-dur (l. 7) läßt sich nur nach vorhandenen Auflagstimmen in dieses Jahr einreihen. In der Chronik wurde darauf hingewiesen daß diese Messe etwa für das in den Monat November fallende jährliche Fest der Cäcilien-Congregation bestimmt war. Dafür spricht auch der unverkennbar auf dieselbe verwendete Fleiß und Ernst, der im allzugroßen Eifer manche Nummer allzu lang werden ließ; dies mag auch die bedeutende Kürzung der Partitur (Breitkopf und Härtel Nr. 5) zufolge gehabt haben.
Weitere Compositionen aus diesem Jahre:
4 Symphonien (a. 41–44) im Druck erschienen.
1 Waldhornconcert (e. 11) in Abschrift erschienen.
Im Jahre 1782 ereigneten sich drei Todesfälle, die Haydn, jeder in seiner Art, wohl recht nahe gegangen sein mochten. [192] In Wien verschied am 12. April der Dichter Metastasio im 84. Lebensjahre in demselben Gebäude (großes Michaelerhaus) das er seit 1735 nicht verlassen hatte und dessen Dach auch Haydn in seinen kümmerlichen Jünglingstagen beherbergt hatte. Haydn verdankte ihm damals (Bd. I. 162) eine gelehrige Schülerin in Marianne Martines und einen tüchtigen Lehrer in dem Italiener Porpora. Als Gegengabe hatte ihm Haydn mit L'Isola disabitata ein würdiges Denkmal der Erinnerung gesetzt.
Ein nicht minder ernster Trauerfall war der Tod der verwittweten Fürstin Maria Anna Louise Esterházy. War doch ihr Gemal, Fürst Paul Anton derselbe, der Haydn zu seinem Vice-Kapellmeister ernannte. Die Fürstin war Zeuge aller Wandlungen der Musikkapelle seit jener Zeit; sie sah das Alte versinken und den frühlingsverheißenden Übergang einer freier athmenden Musik aufkeimen und deren Schöpfer zu sein, konnte sich Haydn mit gerechtem Stolze rühmen. Die Fürstin starb am 4. Juli, 71 Jahre alt und wurde in der Fürstengruft zu Eisenstadt beigesetzt.46
Zwei Monate früher, am 1. Mai, starb auch Marie Therese, des Grafen Nicolaus Erdödy Tochter, vermählt seit 10. Jan. 1763 mit Paul Anton, ältesten Sohne des Fürsten Nicolaus Esterházy. Abermals ein Wachruf an Haydn; hatte er doch zu dieser Vermählung sein erstes größeres Werk, das Schäferspiel Acis e Galatea componirt (I. 232). –
Im Herbst dieses Jahres besuchten Graf und Gräfin von Norden auf ihrer Rückreise nach Petersburg abermals Wien. Der Kaiser war ihnen bis Ems entgegen, gefahren. Die Ankunft erfolgte am 4. October. An demselben Abend besuchten sie das National-Hoftheater wo die Oper La Contadina in corte von Sacchini gegeben wurde. Der Kaiser gab ihnen abermals ein Fest in der Orangerie in Schönbrunn, wozu die ganze Wiener Aristokratie geladen war. Am 13. Oct. war große Tafel im Augarten, wobei die Kaiserliche Kammermusik sich hören ließ. Fürst Auersperg veranstaltete ihnen ebenfalls am 11. Oct. ein glänzendes Fest in seinem Palais vor dem Burgthor. Der Garten war [193] prachtvoll illuminirt und auf dem Haustheater wurde die Oper Armida von Righini von Damen und Cavalieren aufgeführt. Mozart war diesmal glücklicher; er konnte ihnen seine am 16. Juli zum erstenmale gegebene Oper »Die Entführung aus dem Serail« vorführen »wo ich (wie er dem Vater schreibt) für gut befunden, wieder an das Clavier zu gehen und zu dirigiren; theils um das ein wenig in Schlummer gesunkene Orchester wieder aufzuwecken, theils um mich (weil ich eben hier bin) den anwesenden Herrschaften als Vater von meinem Kinde zu zeigen«. Auch außerdem besuchten die russischen Gäste fast allabendlich das Theater, wo meistens Lust- und Singspiele gegeben wurden. Auch wiederholten sie ihre Besuche auf der Hofbibliothek und im Belvedere. Am 19. October erfolgte die Abreise. »Der Kaiser hatte sich diesmal kühl gegen die Gäste verhalten, die Conversation war oft trocken, langweilig und einige Monate später konnte er seinem Bruder melden, daß die Correspondenz mit dem Großfürsten erloschen sei«.47
Aus einer brieflichen Mittheilung Haydn's an Artaria ersehen wir daß der Fürst hoffte, die hohen Gäste in Esterház empfangen zu können. Haydn schreibt: »Was aber die Clavier-Sonaten mit einer Violine [Trios] betrifft, werden Sie noch sehr lang in geduld stehen müssen, indem ich nun eine ganz neue wellsche Opera zu verfassen habe, indem der Großfürst und Seine Gemahlin, und vielleicht Sr Maj. der Kaiser zu uns herab kommen wird«. Es dürfte nicht unwahrscheinlich sein, daß die hohen Gäste die kühlere Aufnahme zu rascherer Abreise veranlaßte und somit auch der beabsichtigte Ausflug nach Esterház unterblieb, wodurch wir um ein jedenfalls glänzendes Fest gekommen sind, das einzige und letzte obendrein, das in den achtziger Jahren stattgefunden hätte. –
Die Oper, welche Haydn in Arbeit hatte, die vorletzte die er für die fürstliche Bühne schrieb, war Orlando Paladino (Ritter Roland), Libretto von Nunziato Porta. Das gedruckte Textbuch48 unterließ es diesmal nicht, den erwarteten Gästen gegenüber [194] mit Stolz auf den »berühmten« fürstl. Kapellmeister hinzuweisen. Es traten folgende Personen auf:
Orlando, paladinoMons. Specioli.
Pasquale, scudiero d'OrlandoMons. Moratti.
Angelica, regina del CattaiMadame Bologna.
Medoro, amante d'AngelicaMons. Braghetti.
Rodomonte, re di BarbariaMons. Negri.
Eurilla, pastorellaMadame Specioli.
Alcina, magaMlle. Valdesturla.
Licone, pastoreMons. Dichtler
CaronteMons. Dichtler
Ritter Orlando, in Angelica, Königin von Cattai verliebt, welche sich mit ihrem Geliebten, Medoro, verborgen hält, zieht mit seinem Knappen Pasquale, einem fei gen Pralhans, aus, sie aufzusuchen. Rodomonte, König der Berberei, macht sich gleichfalls auf den Weg, um sie vor Orlando, der auf die Macht seiner Waffen pocht, zu schützen. Er erfährt durch Fischer ihren Aufenthalt und bietet seinen Schutz an. Angelica fleht zur Zauberin Alcina, welche Orlando in einen eisernen Käfig versetzt. Sobald er wieder frei ist, erneuert er seine Nachstellungen. Angelica verzweifelt, will sich ins Meer stürzen, wird aber von Medoro zurückgehalten. Beide entfliehen, von Orlando verfolgt. Wieder hilft Alcina: ein Ungeheuer vertritt ihm den Weg und er wird in einen Stein verwandelt. Wir stehen am Fluß Lethe, Charon wartet in seiner Barke, in der Ferne erblickt man das Elysium. Orlando schläft auf einem Felsen und spricht im Traume; er glaubt sich in die Unterwelt versetzt und seufzt nach Angelica. Auf Alcina's Geheiß streicht ihm Caronte die Stirne und nimmt ihm damit die Erinnerung an die Vergangenheit. Er erwacht und fühlt sich seiner wahren Ritterpflicht wiedergegeben, befreit Angelica und den für sie kämpfenden Medoro von einer Schaar Wilden. Beide, Angelica und Medoro, sind nun am Ziel ihrer Wünsche und auch für Pasquale schlägt die Stunde: er reicht der wohlhabenden Fischerin Eurilla die Hand.
Zwei der bedeutenderen Sängerinnen der fürstlichen Bühne, Valdesturla und Bologna traten hier zum erstenmale zusammen auf. Die Besetzung war auch außerdem sorgfältig gewählt und nebstdem für die Schaulust durch reichen Costume- und Decorationswechsel gesorgt. Es fehlte selbst an einer ungewöhnlichen Effektscene nicht: der Schildknappe Pasquale erschien im 2. Akt geharnischt zu Pferde und sang eine bombastisch klirrende Arie.49 »Ritter Roland« ist die bis dahin einzige Oper Haydn's, die, wenn auch nicht vollständig, in gestochenem Clavierauszug (Simrock) erschien und die auch überhaupt die meiste [195] Verbreitung gefunden hat. Es fanden Aufführungen statt: in Preßburg (im Carneval 1787) im Schauspielhause und im gräfl. Erdödy'schen Theater von der Kumpf'schen Operngesellschaft;50 in Prag (1791);51 in Wien ins Deutsche übertragen von Gierschek (9. Jan. 1792) im Schikaneder-Theater;52 in Brünn53 (1791 und 92); in Mannheim54 (1792, 5. August und bis Ostern 1794 7 mal repetirt); auf dem Schloßtheater zu Pillnitz und im Hoftheater zu Dresden55 (1792); in Frankfurt a/m56 (1793 und 94); in Graz57 (1793 u. 94); in Berlin im Nationaltheater58 (1796, 6 mal); in Augsburg59 (1802); in Hamburg60 (1805, 31. März und 3. April).
In diesem Jahre erschienen bei Artaria 6 Ouverturen, fälschlich als Symphonien bezeichnet (b. 2–7). Nr. 2 und 6 sind die Einleitungen zu L'Isola disabitata und La vera Costanza, Nr. 7 zu »Tobias«.61 »Ich versichere Sie (schreibt Haydn an Artaria) daß Sie bey dieser Herausgabe, welche wegen Kürze der Stücke den stich sehr wohlfeil machen, einen nahmhaften gewinnst machen werden«. Ursprünglich war die Sammlung auf 5 Stücke berechnet, für welche Haydn 25 Ducaten Honorar verlangte; auch machte er Artaria auf dessen Anfrage zu wissen »daß man stat Sinfonie, overture sezen soll, so ist Ihr zweifl gehoben«. Die Sache zog sich aber derart in die Länge, daß Haydn fortfährt: »ich bin der Verzögerung wegen verdrießlich [196] geworden, weil ich für diese 5 Stück von einem andern Verleger 40 Ducaten haben könnte, und Sie machen so viele weitläufigkeit von einer sache, was Ihnen bey so kurzen Stücken 30fachen Nutzen verschaffet: machen Sie also der sache ein Ende und schicken mir entweder Music, oder Geld« .... Man sieht, Haydn verstand es auch, kategorisch zu reden.
Gleichzeitig erschien bei Artaria eine Cantate für eine Singstimme »Ah come il cuore mi palpita« und eine Arie »Or vicina a te mio cuore« mit Orchesterbegleitung. Die Cantate (n. 1) fand in Cramers Magazin der Musik eine 42 Seiten lange Besprechung unter dem Titel: »Über die Schönheit und den Ausdruck der Leidenschaft in einer Cantate von Jos. Haydn«. Sie ist von Carl Friedrich Cramer in Kiel selbst verfaßt, der einen Abdruck auch an Haydn schickte, was dieser Artaria mit Befriedigung mittheilt. Die Arie (n. 2) scheint zu der früheren OperL'Incontro improviso neu componirt zu sein.
Wir stehen nun vor Haydn's achter, der wohlbekannten »Mariazeller Messe« (l. 8), in der Partitur-Sammlung von Breitkopf und Härtel Nr. VII. Dieselbe wird unter allen bisher genannten Messen Haydn's am häufigsten aufgeführt. Das Autograph, das nach mehrfachem Besitzwechsel endlich im Stifte Göttweig eine Ruhestätte fand, trägt auf dem Umschlage von des Autors Hand die Aufschrift: Missa Cellensis, fatta per il Signor Liebe de Kreutzner, composta di me Giuseppe Haydn 1782. Es ist dasselbe Haus »dem Haydn, wie wir zuvor gesehen, seine ersten 12 Lieder dedicirte.« Der Besteller der Messe war Anton Liebe Edler von Kreutzner, Militär-Verpflegs-Oberverwalter.62 Dessen Großvater, Benjamin Liebe, war General-Gewaltiger unter dem Commando des Prinzen Eugen von Savoyen und wurde 1706 vor dem Feinde erschossen; der Vater, Franz Anton, diente als Unter-Offizier im Alexander-Würtemberg Regiment; zwei Brüder hatten Offiziersrang. Anton Liebe wurde 1757 bei Ausbruch des Krieges als Militär-Verwalter angestellt. In Folge der Verdienste der Familie und der eigenen wurde er nach 24jähriger Dienstzeit auf sein Ansuchen am 20. März 1781 in den Adelstand mit obigem Prädikat erhoben.63 Unwillkürlich werden [197] wir hier zu der Vermuthung gedrängt daß der edle Verpflegs-Oberverwalter bei der zu hoffenden Erhebung in den Adelstand das Gelübde ablegte, dem gnadenreichen Wallfahrtsort Mariazell in Steiermark ein Dankopfer in Form einer Messe zu bringen und somit die Veranlassung zu einem Werke bot, das noch heute nach fast hundert Jahren in ungeschwächter Frische dasteht. Es war die einzige Messe, die Haydn auf Bestellung, und die einzige, die er für einen auswärtigen Ort schrieb, obendrein für einen Ort, der ihn an eine launige Episode aus seiner Jugendzeit erinnern mußte.64
Weitere Compositionen aus diesem Jahre:
4 Symphonien (a. 45–48) im Druck erschienen.
1 Sextett Es-dur (c. 14) in Abschrift erschienen.
Im Jahre 1783 hören wir Haydn zum erstenmale über seinen Nasen-Polyp, ein Erbübel seiner Mutter, klagen (I. S. 210). Er mußte sich in Eisenstadt vom Wundarzte bei den Barmherzigen Brüdern den Polypen so oft unterbinden lassen, als sich dieser tiefer senkte und ihm das Athmen erschwerte. Diesmal griff das Übel Haydn besonders an; er schreibt an Artaria: »mein wiederholter unglücklicher zustand, nemblich die gegenwärtige operation eines Polyp in der nase verursachte, daß ich bishero zur arbeith ganz unfähig war; Sie müssen danenhero wegen denen liedern noch 8 oder höchstens 14 Täge gedulden, bis mein geschwächter Kopf mit Gottes Hülfe seine vorige stärke erlanget«. Bei Haydn's erstem Aufenthalt in London bot sich ihm eine günstige Gelegenheit, von seinem Feinde befreit zu werden. Der berühmte Chirurg John Hunter, mit dem Haydn sehr befreundet war, wollte ihn beim Abschiedsbesuche gewaltsam zu einer Operation zwingen; Haydn aber ergriff die Flucht und nahm lieber den ungebetenen Gast mit ins Grab.65
Um die Zeit der Wiedergenesung Haydn's schickte ihm Artaria Compositionen von Clementi (vermuthlich die damals bei ihm erschienenen Sonatenop. 7 und 9, Verlagsnummer 32 und 36). Haydn erwiederte: »für die Clavier-Sonaten von Clementi [198] sage ich verbundensten Dank, sie sind sehr schön. solte der Verfasser in wienn seyn, so bitte bey gelegenheit an denselben mein Compliment«. Haydn lernte Clementi in London näher kennen; beim Abschiede verehrte ihm derselbe einen mit kunstvollem Silberbeschlag geschmückten Becher aus Cocosnuß. Noch später, als Clementi sich in London mit Musikalienverlag befaßte (erst in Verbindung mit Longman und Broderip, dann allein), trat Haydn auch in geschäftlichen Verkehr mit ihm.
Am 15. September feierte zu Wien im Fürst Liechtenstein'schen Palais Fürst Nicolaus Esterházy,66 Sohn des Paul Anton (aus erster Ehe mit Marie Therese, des Grafen Nicolaus Erdödy Tochter) seine Vermählung mit Marie Josephine Hermenegild, (jüngst geborene Tochter des verstorbenen Fürsten Franz Joseph Liechtenstein); den Trauungsakt vollzog der Cardinal Fürst Batthyáni Primas von Ungarn.67 Haydn sollte in dem jungen Fürsten im J. 1794 seinen vierten und letzten Herrn aus dem Hause Esterházy begrüßen und in der jungen Fürstin eine ihm besonders wohlgewogene Gönnerin schätzen lernen. Wir werden Beide im genannten Jahre näher kennen lernen. Nicolaus war der erste Sohn dieses Hauses der als Fürst getraut wurde, indem erst kurz zuvor, am 21. Juli, Kaiser Joseph sämmtlichen Descendenten dieser Linie den Fürstentitel verlieh, dessen bisher, seit 23. Mai 1712, nur die Erstgeborenen und Majoratsherrn theilhaftig gewesen waren.68
Eine schon im J. 1779 in Abschrift vorhandene Symphonie (a. 39) kam erst jetzt (in Auflagstimmen und arrangiert für Clavier) bei Artaria heraus. Haydn schreibt darüber an den Verleger: das lezte oder 4. Stück [Presto 2/4] dieser Sinfonie ist für das Clavier nicht praticable [wegen der vielen Triolen auf Einer Note], ich finde es auch nicht für nöthig, dasselbe beyzudrucken: »das wort Laudon [recte Loudon]69 wird zur beförderung [199] des Verkauffes mehr als zehen Finale beytragen«. Und wirklich erschienen nur die drei ersten Sätze, während auch der ursprüngliche vierte Satz in einer engl. Ausgabe (aus den J. 1784) von Tindal zu finden ist. Der siegreiche Held Loudon war damals in Aller Mund und selbst Schikaneder verherrlichte ihn in einem Liede.70
Als eine der frühesten Verlagswerke F.A. Hofmeister's und in äußerst bescheidenem Stich erschien in diesem Jahre ein Orchesterstück als OuvertureD-dur (b. 9), welches nach Anlage und Charakter weit eher als letzter Satz einer Symphonie zu betrachten ist. Das Stück gab Hofmeister damals auch für Clavier allein arrangirt heraus.71
Haydn's letztes, in diesem Jahre componirtes Violoncellconcert D-dur (e. 9) dessen Autograph noch erhalten ist, soll für seinen Freund Anton Kraft aus der fürstlichen Kapelle bestimmt gewesen sein, den auch Beethoven bei seinem Tripelconcert im Auge hatte.72 Es ist das einzige, sogar in 2. Auflage in Druck (bei André) erschienene Violoncellconcert Haydn's.
Weitere Compositionen aus diesem Jahre:
Arie »Dice benissimo« (n. 3), Eintagsnummer zur Oper La Scuola de Gelosie von Salieri, im Druck erschienen.
Wir kommen nun zu Haydn's letzter, für das fürstliche Theater verfaßten Oper. Die Original-Partitur73 der Armida trägt die Jahreszahl 1783 und wird wohl im letzten Viertel dieses Jahres geschrieben worden sein. Die erste Aufführung war gegen Ende Februar 1784, denn Haydn spricht in einem Briefe an Artaria schon von der zweiten Aufführung, die Sonntag den[200] 29. dieses Monats statt fand. Nach dem bei Sieß in Oedenburg gedruckten Textbuch74 traten folgende Personen auf:
Armida, maga, nipote
d'IdrenoLa Sigra Metilde Bologna.
Rinaldo, guerriero del
campo di GoffredoIl Sigr. Prospero. Braghetti.
Idreno, rè di Damasco,
zio d'ArmidaIl Sigr. Paolo Mandini.
Zelmira, damigella
d'ArmidaLa Sigra Costanza Valdesturla.
Ubaldo, guerriero del
campo di GoffredoIl Sigr. Antonio Specioli.
Clotario, guerriero del
campo di GoffredoIl Sigr. Leopoldo Dichtler.
Idreno, König von Damaskus, hält Kriegsrath, um sich von dem ihn belagernden Heere der Kreuzritter zu befreien und verspricht seine schöne, in Zauberkünsten erfahrene Nichte Armida demjenigen zur Frau, der es zuerst wagt, gegen den Feind zu ziehen. Rinaldo, der stärkste Held im christlichen Lager, den Armida durch List und Verführung in ihrer Nähe gefangen hält, gelobt, in Liebe zu ihr entbrannt, diesen Preis zu erringen und gegen seine eigenen Leute zu ziehen. Wiederholt ermahnen ihn Ubaldo und Clotario, zwei seiner Waffenbrüder, zur Umkehr. Als letzten Versuch und kräftigen Gegenzauber hält ihm Ubaldo seinen Diamantschild vor. Rinaldo schwankt: hier die Liebe dort die Pflicht und Ehre. Das Rechtsgefühl siegt, er kehrt ins Lager zurück. Armida folgt ihm selbst dahin, bleibt aber unerhört. In ihrem Zauberwald treffen wir sie wieder. Vergebens ruft sie all' ihre Künste zu Hülfe, Rinaldo zeigt sich standhaft; auch gelingt es ihm, mit dem Schwert einen Streich gegen den mitten im Walde befindlichen Myrthenbaum zu führen, worauf der Wald verschwindet und Damaskus im offenen Felde erscheint. Das Heer ist in vollem Marsch. Verzweifelt sucht Armida noch einmal Rinaldo wankelmüthig zu machen aber er folgt den Kriegern, versprechend, nach beendigtem Kriege zu ihr zurückzukehren, worauf Armida ohnmächtig in Idrenos Arme sinkt.
Das Textbuch weicht in mehreren Punkten von der bekannten Erzählung ab, um (wie die Vorrede sagt) die nöthigen theatralischen Auftritte zu verschönern. Die Besetzung war eine vorzügliche und mußte diese einzige ernste Oper von Haydn (wenn man L'Isola disabitata nicht als Oper gelten lassen will) den besten Eindruck gemacht haben. Auch Haydn schien zufrieden, denn er schreibt an Artaria daß die Oper zum zweitenmale »mit allgemeinen Beyfall aufgeführt wurde« und fügt noch bei: »Man sagt es seye bishero mein bestes Werk«. Er beabsichtigte auch, [201] Armida im Druck herauszugeben, doch müsse sich Artaria gedulden, »indem ich es gerne der Weld in ihrer ganzen Gestalt zeigen möchte«. Dazu kam es wohl nicht, doch erschienen mehrere Arien in Stich bei Artaria. Aufführungen der Oper in deutscher Sprache waren in Preßburg 1785, 16. Oct. von der Kumpf'schen Gesellschaft auf dem gräflich Erdödy'schen Theater, wobei der Kaiser zugegen gewesen sein soll, der aber an demselben Tage das Ritterfest des Maria-Theresien-Ordens in Wien beging; in Wien im Schikaneder Theater 1797 als Akademie zum Vortheile des Orchesters; in Turin, Jan. 1805 im Carneval bei Eröffnung des Theaters.75
Im Nationalhoftheater kam am 28. und 30. März 1784 Haydn's Oratorium Il Ritorno di Tobia als Akademie der Tonkünstler-Societät zur Wiederausführung. Haydn hatte das Werk zum Theil umgearbeitet und wie wir früher sahen, 2 neue Chöre dazu geschrieben, von denen der sogenannte »Sturmchor«D-moll (m. 14) mit unterlegtem lateinischen Text (Insanae et vanae) als Offertorium in Kirchen und als Motette mit deutschem Text; »Im Augenblick entschwindet«)76 in Concerten noch heute oft gesungen wird. Haydn dirigirte persönlich und hatte vortreffliche Solisten: Sigra Anna Storace, Katharina Cavalieri, Therese Teyber, Karl Friberth und Sgr. Steffano Mandini. Der damaligen Sitte gemäß wurde zwischen den beiden Abtheilungen ein Concert gespielt; am ersten Abend von dem irischen Violin-Virtuosen Abraham Fisher, am zweiten Abend von Freyhold, Flötisten der Kapelle des Curfürsten von Mainz.
Im Sommer empfing Haydn den Besuch zweier Männer, Kelly und Bridi, die eigens aus Wien kamen, ihm persönlich ihre Verehrung zu bezeugen. Der, Irländer Michael Kelly,77 Mitglied der italiänischen Oper in Wien und damals 20 Jahre alt, war kurz zuvor in Italien auf den bedeutenderen Bühnen mit Beifall aufgetreten. Er konnte also Haydn ebensowohl über die Opernverhältnisse Italiens als auch über Englands Musikleben Auskunft geben, zwei Länder, die damals Haydn besonders interessirten; zudem war er von Mozart gerne gelitten und wußte [202] natürlich auch über die italiänische Oper in Wien, über Personal und Programm genaue Auskunft zu geben, also Stoff genug zu anregendem Meinungsaustausch. Der schon in der Chronik genannte Giuseppe Ant. Bridi, ein damals sehr junger wohlhabender Kaufmann aus Roveredo (später Wiener Großhandlungs-Gremialisi) war wegen seiner ungewöhnlichen Bildung und seines musikalisch geschulten Singtalentes in allen seinen Kreisen Wiens sehr geschätzt und, gleich Kelly, ein Freund und Verehrer Mozart's. Schönfeld nennt (1796) ihn als Dilettanten geradezu »die Krone aller unserer Tenoristen« dessen sanfte melodische Stimme aus dem Herzen schöpft und zum Herzen spricht. In seinem reizenden Park zu Roveredo erbaute er später einen Tempel der Harmonie, indem er den größten Männern der Tonkunst Denkmäler mit Inschriften, verfaßt von J.B. Beltramo, gelehrtem Priester in Roveredo, aufstellte.78 Jene auf Haydn lautet:
JOSEPHUS HAYDENUS
NATIONE GERMANUS
VEL. OB. EIVS · MODOS. MVSICOS
DE · DEO · CREANTE
DEQVE · CHRISTO · IN · CRVCE · LOQVENTE
TOTO · ORBE · CLARISSIMVS
Decessit. a. MDCCCVIIII.
Kelly und Bridi verlebten drei höchst angenehme Tage bei Haydn. Sie fuhren in seiner Gesellschaft mit fürstlicher Equipage rundum, all' die malerischen Umgebungen »dieses Paradieses auf Erden« (denn für ein solches hielt es Kelly, wie er eigens betont) kennen zu lernen; sahen und bewunderten die Künstler die einstimmig des Fürsten Edelmuth und übergroße Güte priesen, sowie ihn auch seine Beamten vergötterten. Kelly nennt ausdrücklich Eisenstadt (statt Esterház) als Ort seines Besuches79 und spricht nur obenhin, gleichsam vom Hörensagen von der italiänischen Oper, von deutscher und französischer Komödie und vom Marionettentheater,80 hatte also keiner eigentlichen Opernvorstellung [203] beigewohnt, über die er sich doch gewiß näher geäußert haben würde. Der Fürst hatte zwar Ordre gegeben, daß sich Haydn des fürstlichen Wagens bediene, allein er selbst war offenbar abwesend und hatte also das Personal Ruhetage. Kelly's übriger Ortographie Wiener Ortsnamen entsprechend81 dürfen wir also kaum fehlgehen, wenn wir den Besuch nach Esterház (»abounding in wood and water, and all Kinds of game«) verlegen.
In diesem Jahre kam Franz Anton von Weber (nachmals der Vater des Carl Maria v. W.) nach Wien,82 um seine Söhne Fritz und Edmund, im Alter von 23 und 18 Jahren, zur höheren Ausbildung in der Musik einem Manne von Ruf zu übergeben. Seine Wahl fiel auf Haydn und dieser übernahm die jungen Leute um ein angemessenes Honorar (je 150 Ducaten).83 Hatte Anton seiner Vaterpflicht somit Genüge geleistet, so dachte er nun auch an sich. Seit einem Jahre Wittwer bemächtigte sich des 50 jährigen Mannes plötzlich wieder die Liebe im Anblick der reizenden siebzehnjährigen Genovefa v. Brenner. Sie war von ihren Eltern (aus Oberdorff bei Kaufbeuern in Bayern) ebenfalls zur musikalischen Ausbildung nach Wien gebracht worden und Weber's Söhne hatten in dieser Familie bereits eine angenehme Heimat gefunden als der Vater, einem etwaigen Bruderzwist vorbeugend, das Herz der Tochter für sich selbst eroberte und sie am 20. Aug. 1785 zum Traualtar führte. Daß v. Weber seinen Aufenthalt auch musikalisch ausnutzte, sahen wir in Betreff der Haydn'schen Oper »Die belohnte Treue« schon früher. Im Jahre 1788 kam Franz Anton wieder nach Wien, um seine Söhne von Wien abzuholen. Fritz, der später der erste Musiklehrer seines Halbbruders Carl Maria wurde, war auf Haydn's Verwendung am 1. April als Violinist in die fürstl. Kapelle aufgenommen worden, die er nun, nach wenigen Monaten, schon im [204] September wieder verließ. Edmund, den Haydn besonders schätzte, widmete seinem Lehrer später 3 Streichquartette (op. 8, Augsburg bei Gombart & Co.) und Haydn wiederum wahrte sich das Andenken in dem Schüler in folgendem Stammbuchblatt:
Fürchte Gott – Liebe deinen Nächsten – und Deinen
Meister Joseph Haydn so Dich von Hertzen lieb hat.
Estoras den 22 May 1788.84
Wiederum konnte sich der Fürst von Esterház nicht trennen, obwohl die Hälfte des Theaters theils krank theils abwesend war. Noch am 20. Nov. klagt deßhalb Haydn, sich bei Artaria entschuldigend, daß er dadurch mit der Arbeit aufgehalten sei und nur trachten müsse, den Fürsten zu unterhalten. Dieser lange Aufenthalt mußte Haydn diesmal um so verdrießlicher sein, da er sicher schon davon benachrichtigt sein mußte, daß man in Wien eine seiner Opern zur Aufführung vorbereitete. Ob er schließlich doch noch zu rechter Zeit von Esterház wegkam, bleibt dahingestellt. –
Wir wissen aus der Chronik (S. 127) daß am 5. Nov. im Schauspielhause nächst dem Kärnthnerthore die Gesellschaft des Schikaneder und Kumpf eine Reihe von Schau- und Lustspielen, Singspielen und Opern begann und daß sie zu den besseren zählte. Sonnabend den 18. Dec. kam nun auch Haydn's Oper »Die belohnte Treue« zur Aufführung. »Das Haus war um 6 Uhr so voll, daß, ungeachtet des großen Raumes, mehr als 600 Personen wieder zurück mußten«.85 Der Kaiser, der die Vorstellungen dieser Gesellschaft wiederholt besucht hatte, war auch an diesem Abend mit seinem ganzen Hofstaat zugegen. »Bei der vortrefflichen Musik eines Heiden, und der richtigen Vorstellung derselben, konnte es dem Stücke an allgemeinem Beifall nicht fehlen. Sie wurde Montag den 20. dieses wiederholt«.86 Die Einnahme am ersten Abend (bei ausverkauftem Hause) betrug 713 fl., welche Summe nur einmal, bei Paisiello's »König Theodor« überschritten wurde (752 fl.). Die Gesellschaft ging [205] dann nach der 31. und letzten Vorstellung87 (6. Feb. 1785) nach Preßburg zu Graf Erdödy.
In diesem Jahre gab nun auch Artaria das am meisten bekannte Clavierconcert D-dur von Haydn (i. 3) heraus, »das einzige das bisher in Stich erschienen ist«. (?) Als Vorlage diente die Mainzer Ausgabe Nr. 7 (Schott) und diese wieder »copié d'apres le Journal de pieces de clavecin de Mr. Boyer à Paris«. Im März 1785 kündigte auch Torricella dieses und noch ein zweites früheres Concert »von dem berühmten Herrn Joseph Haydn« an. Dies letztere G-dur (i. 2) war vordem in Amsterdam, London und Paris in Stich erschienen. Mit obigem Concert, dessen letzter Satz uns lebhaft ins Ungerland versetzt, schloß Haydn zu rechter Zeit dieses Feld seiner Thätigkeit ab, es an Mozart abtretend; dafür aber entschädigte er reichlich durch seine nun folgenden Clavier-Sonaten und Trios.88
Wir finden gleichzeitig in der Wiener Zeitung auch die Anzeige einer »Sammlung neuer Tanz-Menuetten«, für Violin primo, secondo, Basso und abwechselnden blasenden Instrumenten, obligat, und nicht obligat, erst verfaßt für die Kunsthandlung Artaria Comp. Schon seit 12 Jahren sind von Herrn Haydn keine Tanz-Menuetten herausgegeben worden, nun werden diese wohl willkommen sein!89 – Diesen folgten, »XII neue deutsche Tänze für das Clavier gesetzt, welche in dem kleinen Redouten-Saal in Wien aufgeführt wurden«.
Das zweite Dutzend Lieder 13–24 erschien in diesem Jahre ohne Dedication. Einige Nummern waren schon 1781 fertig; damals verlangte Haydn von Artaria »3 neue zärtliche Texte, weil fast alle die übrigen von einen lustigem ausdruck seyn; der Inhalt [206] kann auch traurig seyn, damit ich schatten und licht habe, wie bey den ersten zwölf«. Es sind folgende 12 Lieder:
1. Warnung an Mädchen (Jeder meint, das holde Kind).
2. Ernst und Scherz (Lachet nicht Mädchen).
3. An die Geliebte (O liebes Mädchen, höre mich).
4. Lieb um Liebe (Wüßt' ich daß du mich lieb).
5. Gebet zu Gott (Dir nah' ich mich, nah' mich dem Throne).
6. Frohsinn und Liebe (Auch die Sprödeste der Schönen).
7. Trauergesang (O! fließ ja wallend fließ in Zähren).
8. Zufriedenheit (Ich bin vergnügt, will ich was mehr).
9. Das Leben ist ein Traum (Das Leben ist ein Traum).
10. Lob der Faulheit (Faulheit, endlich muß ich dir).
11. Minna (Schon fesselt Lieb' und Ehre mich).
12. Am Grabe meines Vaters ( Hier sein Grab bei diesen stillen Hügeln).90
Ein einzelnes Lied schrieb Haydn in den 80er Jahren in Folge der Aufforderung einer Offizierstochter aus Coburg. Der eingeschickte Text (20 Strophen!) schilderte in einem wirklichen Erlebnisse die Schlauheit eines Pudels, der einen weggelegten Thaler richtig aufzufinden wußte. Die Einsenderin, die in einen Hauptmann, den Besitzer des Pudels, verliebt war, hoffte durch eine Überraschung ihn fester an sich zu ketten und da er ein Verehrer Haydn's war, bat sie nun diesen, das kleine Abenteuer in Musik zu setzen, doch bemerkte sie zugleich daß sie arm sei und daher hoffe, daß er sich mit dem beigelegten Ducaten begnügen werde. Haydn schrieb das Lied, schickte es sammt dem Ducaten an die Schöne ab, erbat sich aber scherzweise von ihr ein Paar Strumpfbänder zur Strafe dafür daß sie daran zweifelte, ein Componist könne einer Dame nicht auch ohne Eigennutz gefällig sein. »Die Bänder, aus rother und weißer Seide mit einer gemalten Guirlande und Vergißmeinnicht kamen richtig an und Haydn bewahrte sie sorgfältig bei seinen Juwelen auf«.91 Das harmlose Lied, B-dur 2/4 (o. 25), beginnt »Die ganze Welt will glücklich sein« und erschien in Wien und Leipzig unter dem Titel Der schlaue Pudel (Der schlaue und dienstfertige Pudel, auch Pudelromanze).
[207] Im Jahre 1784 versuchte sich Haydn einmal auch als Selbstverleger. Er ließ (wie früher schon angedeutet) »3 neue nicht sehr schwere Claviersonaten (f. 21–23) auf seine eigenen Kosten schön stechen«, und gab sie der Buchhandlung Rudolf Gräffer in Commission. »Diesen Sonaten einiges Lob beizulegen (sagt die Ankündigung), hält man für Uberfluß, da der Name des berühmten Herrn Verfassers schon hinlänglich für alles was Neuheit, Ordnung, Kunst und Geschmack vermag, bürgt«.
Weitere Compositionen aus diesem Jahre:
3 Symphonien (a. 49–51) im Druck erschienen.
1 Clavier-Trio (h. 2) in Autograph vorhanden.
Im Jahre 1785 begrüßt uns Haydn als Freimaurer – für einen Mann von seiner Denkungsart in religiösen Dingen ein gewiß für Viele unerwartetes Vorkommniß. Der Orden der Freimaurer stand in Wien in den achtziger Jahren in voller Blüthe; die angesehensten Stände, Staatsmänner, Gelehrte und Künstler, Grafen, Domherrn und Hofprediger gehörten dem Orden an. Mozart war Mitglied der Loge »Zur gekrönten Hoffnung« und mit ganzer Seele dem Orden ergeben, der ihn zu so mancher ernsten Composition anregte und dessen Einfluß selbst noch in die »Zauberflöte« hinüber reicht. Mozart hatte sogar den Gedanken gefaßt, eine eigene geheime Gesellschaft »Die Grotte« zu gründen und die Statuten dazu entworfen.92 Die am 16. März 1780 gegründete achte und letzte Loge »Zur wahren Eintracht« wurde die berühmteste, welche auch ein eigenes Journal für Freimaurer herausgab. Sie zählte bis 1785 bei 200 Mitglieder, unter denen die Hofräthe v. Born, v. Greiner, Sonnenfels, Graf Saurau, die Dichter Denis, Blumauer, Alxinger etc. In diesem Jahre anerkannte auch Kaiser Joseph den Freimaurer-Orden unter der Bedingung gewisser Reformen und stellte ihn unter den Schutz des Staates.93 Ferner mußten die acht bis dahin bestandenen Logen auf drei reducirt werden, [208] was im December geschah und wozu Mozart zwei Compositionen schrieb.94
Was Haydn bewog, dem Orden beizutreten. beruht nur auf Vermuthung. Vielleicht war es sein Freund und Gönner v. Greiner, in dessen musikalischen Hause er ein stets willkommener Gast war, der ihn zur Aufnahme anregte. Jedenfalls trat er in dieselbe Loge »Zur Eintracht«, welcher dieser angehörte. Mit welchem Verlangen Haydn der Aufnahme entgegen sah, bezeugt ein Brief an den Grafen Anton v. Appony. Haydn schreibt am 2. Febr 1785 aus Esterház: »Eben gestern erhielte ich ein schreiben von meinem künftigen Pathe Herrn v. Webern,95 daß man mich verflossenen Freitag [28. Jan.] mit sehnsucht erwartete, um meiner aufnahm, welcher ich mit schmerzen entgegen sehe, zu befördern, da ich aber durch nachlässigkeit unserer Husären das Einladungsschreiben nicht zu gehöriger Zeit erhalten habe, so hat man diese unternehmung bis künftigen Freytag [4. Febr.] verschoben. O wäre heute schon dieser Freytag? um das unsägliche Glück zu genießen unter einem Zirkel so würdiger Männer zu seyn«.96
Wir können annehmen daß an dem erwähnten 4. Februar Haydn's Aufnahme stattfand, die unter folgender, auf die Macht der Harmonie sinnreich anspielende Ansprache erfolgte.97
Über die Harmonie. Bey der Aufnahme des Br. Hxxn.
Eine Rede von Br. Hxzxxr.
....... »Ihnen, neu aufgenommener Br. Lehrling! die Vorzüge des himmlischen Wesens, Harmonie, insbesondere anpreisen, Ihnen, der Sie seine Allgewalt in einem der schönsten Fächer des menschlichen Wissens so genau kennen, Ihnen, dem [209] diese liebenswürdige Göttin einen Theil der süßen Zauberkraft abgetretten hat, mit der Sie manchen Sturm der Seele besänftigt, Schmerz, und Wehmuth in stillen Kummer wiegt, melancholische, trübe Stunden kürzt, das Herz des Menschen zur Freude stimmt, und nicht selten selbst seinen Geist zu den erhabensten Gefühlen emporführet, Ihnen mit Anzüglichkeit ihre Reize zu schildern, würde überflüssiges Bemühen seyn. Ich begnüge mich, wenn ich durch mein kleines, unvollkommenes Gemälde – Skizze möchte ich sagen – wenn ich durch diese brüderliche Unterredung bei Ihnen den Vorsatz erweckt habe, Ihrer trauten Freundin – auch hier in diesem – für Sie, mein Bruder! neuen Wirkungskreise unwandelbar treu zu bleiben.
Noch glücklicher ist mein Zweck erreicht, noch glücklicher mein Wunsch erfüllet, wenn ich zur Überzeugung meiner Brüder von der Unentbehrlichkeit dieser Fundamentaltugend ächter Maurerey einigen Beytrag geleistet, und die Aufmerksamkeit, womit Sie bisher jedem Winke der himmlischen Huldgöttin gefolget sind, gefördert, befestiget habe«.
Ob Haydn in diesem Kreise das fand, was er gewünscht und erwartet hatte, ob sein Eintritt in den Orden irgend von Einfluß auf seine Sinnesart gewesen, darüber erfahren wir auch nicht das Mindeste. –
Wenn man vom Stephansplatz in die Große Schulerstraße einbiegt, gelangt man zur Rechten unmittelbar vor dem Gasthof »Zum König von Ungarn« an ein vier Stockwerk hohes, ziemlich schmales Haus, dessen Fensterreihe (zwei Doppelfenster und ein einfaches) eine fast ununterbrochene Fläche bildet. Der rückwärtige Theil des Hauses macht Front in die Kleine Schulerstraße (jetzige Domgasse), ist doppelt so breit und zählt vier Doppelfenster. Gegenüber steht der Trienterhof, ein großes in die Blutgasse einmündendes geistliches Eckgebäude. Das erstgenannte Haus war in jener Zeit (1785) Eigenthum der Familie Camesina und trug die Nummer 846 (heute 8). Im ersten Stockwerk zählt der vordere Theil ein großes geräumiges Zimmer und ein allerliebstes Cabinet; der rückwärtige Theil besteht aus zwei großen Zimmern, durch ein kleineres getrennt. Die Küche und zwei kleine Cabinette liegen im Verbindungsgang. Der Hofraum ist schmal und fast düster zu nennen. Wir denken uns der Anlage nach im vorderen Theil das Empfangszimmer (Salon) nebst [210] Studiercabinet, und rückwärts die Familienzimmer. Hier war es wo Mozart zu Michaelis 1784 eingezogen war (bereits sein vierter Wohnungswechsel seit seiner Verheirathung) und wo Anfangs 1786 dessen Nozze di Figaro entstand. Vordem aber, im Febr. 1785 empfing hier Mozart seinen Vater, der damit den Salzburger Besuch des Sohnes sammt Frau (1783) erwiederte. Mit welch' gemischten Empfindungen mag der Vater nach Verlauf von zwölf Jahren die alte Kaiserstadt wieder begrüßt haben. Es war sein vierter Besuch: das erstemal (1762) mit seiner Frau und seinen zwei »Wunderkindern« (Wolfgang und Marianne); das zweitemal (1767) mit ebendenselben, wo sich Wolfgang bereits als Kirchencomponist öffentlich producirte; das drittemal (1773) mit Wolfgang allein, den Kopf voller Pläne, mit denen er geheim that und jetzt, längst schon ein Wittwer, allein und mit fast widerstrebendem Gefühl das Haus des Sohnes betretend, dessen eheliche Verbindung nicht nach seinem Sinne war. Und nun schreibt der Vater am 14. Febr. an die Tochter in Salzburg: »Am Freitag (11. Febr.) um 1 Uhr waren wir in der Schulerstraße Nr. 846 im ersten Stock. Daß dein Bruder ein schönes Quartier mit aller zum Haus gehörigen Auszierung hat, mögt Ihr daraus schließen, daß er 460 fl. Hauszins zahlt«.98 Mit dem Tage der Ankunft begann auch der Rundgang von Concert zu Concert, von Oper zu Oper. Noch an demselben Abend besuchte der Vater Wolfgangs erstes Subscriptionsconcert im Saale der Mehlgrube, in dem der Sohn »ein neues vortreffliches Clavierconcert« spielte. Es war das bekannte D-moll Concert (Köchel 466), das Mozart in Gegenwart des Vaters spielte. Sonntag war der Vater in der Akademie der italiänischen Sängerin Sigra Laschi, wo der Sohn »ein herrliches Concert spielte das er für die Paradies nach Paris gemacht hatte« und wo der Vater, gut postirt, alle Abwechslung der Instrumente so vortrefflich hörte, daß ihm »vor Vergnügen die Thränen in den Augen standen«. Dann war wieder ein Concert wo Wolfgang »das neue große Concert in Dmagnifique« spielte; dann eine Hausakademie beim Salzburger Agenten von Ployer und so ging es fort.
Am 25. April, nach einem Aufenthalt von über zehn Wochen, verließ der Vater Wien, das er nicht mehr sehen sollte.99 Er [211] schien befriedigt von dem wenigstens damals scheinbar geordneten Hauswesen und freute sich seines kleinen immer freundlichen Enkels Carl, doch wurde die Stimmung gegen die Frau nicht günstiger. Dafür aber haftete er mit Freude und Bewunderung an den künstlerischen Leistungen Wolfgangs und schwelgte mit gerechtem Vaterstolz in dem großen Beifall, der dem Sohne bei jedem Auftreten zutheil wurde.100
Was uns diesen denkwürdigen Besuch so interessant macht, ist Leopold Mozart's Begegnung mit Haydn. Sie fand in Mozart's Wohnung am nächstfolgenden Tage von Leopold's Ankunft, am 12. Februar statt. Leopold schreibt darüber in dem erwähnten Briefe (14. Febr.) nach Hause:101 »Am Samstag war abends Herr Joseph Haydn und die zwei Barone Tindi bei uns, es wurden die neuen Quartette gemacht, aber nur die 3 neuen, die er zu den andern 3 die wir haben, gemacht hat, – sie sind zwar ein bischen leichter, aber vortrefflich componirt.102 Herr Haydn sagte mir: ›Ich sage Ihnen vor Gott, als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack, und überdieß die größte Compositionswissenschaft.‹« – Otto Jahn103 läßt diesem Ausspruche die schönen Worte folgen: »L. Mozart wußte die Bedeutung eines solchen Zeugnisses aus diesem Munde zu würdigen, er fand darin die Bestätigung des Glaubens und der Überzeugung, für welche er die beste Kraft seines Lebens geopfert hatte, eine solche Anerkennung des Sohnes war der schönste Lohn für diesen Vater – es war der Silberblick seines Lebens«.
Mozart konnte Haydn gewiß nicht schöner danken als durch die Zueignungsschrift dieser sechs Quartette, die er ihm als die Frucht einer langen und mühevollen Arbeit übergiebt, gleichwie ein Vater seine Kinder einem bewährten Freunde von hohem Ansehen und Ruf anvertraut, daß er sie nachsichtig aufnehme,[212] beschütze und vertrete.104 – Hier mehr denn irgendwo zeigt sich uns das edle Verhältniß zwischen Haydn und Mozart als Künstler und als Mensch. Obwohl dieselbe Bahn wandelnd und in so verschiedenem Lebensalter, war ihnen doch der Neid, die Eifersucht fremd. Jeder ehrte die Verdienste des Andern und strebte denselben nachzueifern, ohne seiner eigenen Selbstständigkeit dabei etwas zu vergeben. Zahlreich und längst bekannt und gewürdigt sind die Belege für diese gegenseitige Hochschätzung. Als man mit Mozart über obige Dedication sprach, sagte er: »Das war Schuldigkeit, denn von Haydn habe ich gelernt, wie man Quartette schreiben müsse«. Nie sprach er ohne die lebhafteste Bewunderung von ihm. »Keiner (sagt er) kann alles, schäckern und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung und alles gleich gut als Haydn«. »Es war rührend (erzählt Niemetschek), wenn er (Mozart) von den beiden Haydn oder andern großen Meistern sprach: man glaubte nicht, den allgewaltigen Mozart, sondern einen ihrer begeisterten Schüler zu hören«. Nicht minder bekannt sind Mozart's Äußerungen gegen Leopold Koželuch, der in seiner Gegenwart an Haydn's Quartette mäckelte. »Herr! (antwortete er ihm einst) und wenn man uns[213] Beide zusammenschmilzt, wird doch noch lange kein Haydn daraus«. Und als bei einer anderen Gelegenheit Koželuch meinte, »das hätte ich nicht so gemacht«, entgegnete ihm Mozart. »Ich auch nicht, und wissen Sie warum? weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären«.
Und nun Haydn dagegen! Wie freimüthig nahm er Mozart bei jeder Gelegenheit in Schutz. Als man nach der ersten Wiener Aufführung des D