Siebentes Kapitel.

Die Familie van Beethoven.

Im 17. Jahrhundert lebte eine Familie van Beethoven in den belgischen Dörfern Rotselaer, Leefdaal und Berthem, sämtlich in der Umgebung von Löwen. Ein Glied dieser Familie ließ sich um 1650 in Antwerpen nieder. Ein Sohn dieses Beethoven, Wilhelm, war dort Weinhändler, verheiratete sich am 11. September 1680 mit Katharina Grandjean und hatte von ihr acht Kinder. Eines derselben, am 8. September 1683 in der Pfarre von Notre Dame du Nord getauft, erhielt den Namen Heinrich Adelard; seine Paten waren Heinrich van Beethoven, welcher die Stelle von Adelard de Redincq Baron de Rocquigny vertrat, und Jacqueline Grandjean. Dieser Heinrich Adelard van Beethoven betrieb das Schneiderhandwerk; als er zu seinen Jahren gekommen war, nahm er Maria Katharina de Herdt zur Frau, welche ihm zwölf Kinder gebar. Er besaß seit 1713 ein eigenes Haus in der Rue Neuve mit der Aufschrift »Sphaera Mundi«; doch waren seine äußeren Verhältnisse sehr beschränkt, und er war kaum imstande, seine zahlreiche Familie zu er nähren. Er starb im September 1745, seine Frau im November 1753. Der jüngste Sohn, Ludwig Joseph, getauft am 9. Dezember 1728, wurde Maler, heiratete am 3. November 1773 Maria Theresa Schuerweghs und starb am 11. November 1808 zu Oosterwyck. Seine zweite Tochter, welche wie ihre Mutter Maria Theresa hieß, wurde die Gattin von Joseph Michael Jacobs (6. Sept. 1808) und die Mutter von Jacob Jacobs, später Professor der Malerei in Antwerpen, welcher den Stoff zu diesen Notizen über die Antwerpener Beethoven zum Teil ergänzt hat; die wichtigsten Nachweisungen verdankt der Verfasser Herrn Leon de Burbure in jener Stadt1.

[105] Das dritte Kind Heinrich Adelards war Ludwig, über dessen Taufe das Kirchenbuch folgendes enthält: Antwerpen, 23. Dezember, 1712. Baptizatus Ludovicus. Eltern: Henricus van Beethoven, Maria Catherine de Hert. Zeugen: Petrus Bellwaert, Dymphona van Beethoven.

Nach einer Familientradition (Professor Jacobs hörte sie von seiner Mutter) verließ Ludwig van Beethoven infolge häuslicher Mißhelligkeiten, als er noch in sehr jugendlichem Alter stand, heimlich das Haus seiner Eltern; nach Burbure waren es die mißlichen Vermögensverhältnisse, welche ihn forttrieben. Er sah das Elternhaus niemals wieder; doch scheint sich in späteren Jahren ein brieflicher Verkehr zwischen dem flüchtigen Sohne und seinen Eltern gebildet zu haben. Ausgestattet mit einer guten Stimme und musikalisch bereits wohl vorgebildet, begab er sich nach Löwen und bewarb sich bei dem Kapitel ad Sanctum Petrum um die erledigte Stelle eines Tenoristen, welche er auch durch Beschluß vom 2. November 1731 erhielt. Wenige Tage später, am 9. November, wurde der 18 jährige junge Mann zum Stellvertreter des erkrankten Singmeisters (Phonascus) Louis Colfs auf drei Monate ernannt. Die Sitzungsprotokolle des genannten Kapitels, deren Abschriften Otto Jahn dem Verfasser zur Benutzung freundlichst überlassen hat, lauten wie folgt:


»Die Veneris 2. Novembris 1731.


Habitum fuit Capitulum Extraordinarium, in quo resolutum fuit, Insinuandum esse Dno Phonasco per secretarium Capituli in scriptis quod sequitur: ut indilate suis expensis ponat substitutum vel substitutos, a Capitulo approbandos, qui ex integro satisfaciant obligationibus Dicti Domini Phonasci tam in choro (non tantum pro musica sed etiam pro cantu Gregoriano) quam in Odeo et domi suae pro instructione choraulium (si id ultimum per se facere non possit) conformiter conditionibus ipsius admissionis, idque ad Trimestre, ad videndum an sit spes talis convalescentiae, ut per se ipsum possit satisfacere omnibus functionibus suis.

[106] Quod secretarius praestitit, et praefatus Ds. Phonascus respondit quod exhibebit libellum supplicem, et hoc hodie si possibile sit tradendum in manibus amplissimi D. Decani, quoad vero Trimestre, quod ipsi praescribitur, se tunc visurum quid juris et consilii.

Quod attestor

JN Grauf, secret.


Item proposuit A. D. Decanus, cum jam dudum vacaverit locus Tenoris in hac ecclesia, ad quem se praesentavit nunc Ludoviecus van Beethoven, an placeat DD eundem admittere, et DD eundem admiserunt sub conditionibus ipsi praescribendis ita ut non censebitur in possessione ejusdem officii constitutus, nisi postquam easdem conditiones acceptaverit et subsignaverit


»Die Veneris 9. Novembris 1731.


Praelectus fuit libellus supplex D. Phonasci tenoris sequentis


Dieser libellus supplex ist beigelegt und lautet so:


»Amplissimo Eximioque D. D. Decano Caeterisque Venerabilibus D. D. Canonicis insignis et collegiatae Ecclesiae Sti Petri Lovanii.


Exponit qua par est Reverentia Ludovicus Colfs Phonascus quomodo sibi per D. Secretarium Capituli insinuata sit resolutio Amplissimi Venerabiliumque D. D. Canonicorum, per quam exponenti injungitur ut juxta Conditiones admissionis suae substituat aliquem qui vice sua in praedicti Ecclesia, et domi (si opus sit) fungatur: Cum autem neminem ad ea praestanda magis idoneum quam Ludovicum van Beethoven, hinc eundem in substitutum designat,


Humillime rogans Amplissimum Venerabilesque D. D. Canonicos, ut eam substitutionem approbare dignentur.


Quod faciendo & c.

L. F. Colfs Phonascus


Folgendes ist von der Hand des Sekretärs am Rande beigefügt:


»Capitulum approbat Personam Ludovici van Beethoven ut fungatur vicibus Phonasci ad trimestre conformiter man dato capituli dicto phonasco per D. Secretarium insinuato [107] secunda huius cui capitulum inhaeret, sic tamen ut capitulum sibi reservet potestatem etiam ante finem trimestris, ubi ita judicaverit, dimittendi supradictum substitutum. ita resolutum in capitulo hac 9a Novembris 1731.

De Mandato DD. meorum

JN Grauf. secret


Diese Stellung scheint der junge Sänger nicht über die angegebene Zeit hinaus bekleidet zu haben. Durch das im März 1733 erlassene Dekret des Kurfürsten Klemens August (s. oben, S. 32) wurde er zum Hofmusikus in Bonn ernannt mit 400 Gulden Gehalt, einer für jene Zeit, und namentlich für einen so jungen Mann, bedeutenden Summe. Rechnet man das herkömmliche Probejahr, welchem die Musiker vor ihrer Anstellung unterworfen waren, hinzu, so muß Ludwig van Beethoven 1732 nach Bonn gekommen sein, was sowohl zu der Dauer der in Löwen bekleideten Stellung paßt, als auch zu einer Bittschrift des Sohnes vom Jahre 1774, welche weiter unten mitgeteilt werden soll, und in welcher Johann van Beethoven von den 42 Dienstjahren seines Vaters spricht2. Ein anderes Dokument aus dem Jahre 1784 läßt den älteren Beethoven »in die 46 Jahr« dienen; doch rührt dies von anderer Hand her und ist weniger glaubwürdig als das vom Sohn geschriebene Gesuch.

Was Ludwig van Beethoven veranlaßte, sich nach Bonn zu begeben, ist unbekannt. Der alte Fischer wollte wissen, daß Kurfürst Klemens August bei seinem Aufenthalte in Lüttich ihn als guten Sänger kennen gelernt und infolgedessen berufen habe. Das ist nicht unmöglich, mag nun der Kurfürst auch nach Löwen gekommen sein, oder Ludwig sich in Lüttich ihm vorgestellt haben. Sonst könnte man auf den Umstand hinweisen, daß der Name van Beethoven in einem anderen Zweige auch in Bonn vertreten war; doch ist ungewiß, ob dies schon zu der Zeit der Fall war, als Ludwig dorthin kam3. In Mecheln war im Februar 1684 Michael van Beethoven geboren, Sohn eines Kornelius van Beethoven und der Katharina Leempoel, und zweifellos, wie die späteren Bonner Beziehungen [108] zeigen, mit dem Antwerpener Zweige nahe verwandt4. Dieser verheiratete sich am 18. Oktober 1707 mit Maria Ludovica Stuykers (oder Stuykens). Sein ältester Sohn hieß wieder Cornelius, geboren im September 1708 zu Mecheln; daselbst erhielt Michael bis 1715 noch vier Söhne, unter denen zweimal ein Ludwig begegnet. Diese Familie ist nun, ungewiß wann, nach Bonn gezogen; dort heiratete Kornelius am 20. Februar 1734 (in der St. Gangolfskirche) eine Witwe Helena de la Porte (geb. Calem), wobei der junge Hofsänger Ludwig van Beethoven Trauzeuge war. Im August desselben Jahres war Kornelius stellvertretender Pate von Ludwigs erstem Kind für seinen Vater Michael, welcher also damals wohl noch nicht in Bonn war. Dann ist er aber später, als der Sohn seinen Hausstand gegründet hatte, dorthin gezogen; denn im Juni 1749 starb in Bonn Michael van Beethoven, und im Dezember desselben Jahres Maria Ludovica Stuykens (so!), »Wittib van Beethoven«. Kornelius erwarb am 17. Januar 1736 das Bonner Bürgerrecht, »weilen einer Bürgerswittib verheyrathet ist«, und er steht in einem 1738 aufgestellten Verzeichnisse der Bonner Bürger als einziger dieses Namens. Er scheint dem Kaufmannsstande angehört zu haben und ist wohl derselbe, welcher in den Jahresrechnungen Klemens Augusts als Lieferant von Kerzen figuriert5. Er verlor seine Frau und heiratete zum zweiten Male eine Jungfrau Anna Barbara Marx (5. Juli 1755); aus dieser Ehe stammten zwei Töchter (1756 und 1759), welche beide früh starben; bei beiden versah Ludwig van Beethoven Patenstelle. Cornelius starb 1764, seine Frau 1765, und damit war dieser Zweig der Familie Beethoven in Bonn ausgestorben.

[109] Wer nun also von den beiden Vettern (so werden wir sie jedenfalls im weiteren Sinne nennen können) zuerst nach Bonn kam, Ludwig oder Kornelius, das wird der Vermutung überlassen bleiben müssen. Für ersteren spricht der Umstand, daß bei Ludwigs Heirat (1733) Kornelius nicht als Trauzeuge erscheint. War Ludwig der frühere Ankömmling, dann kann recht wohl die Nachricht von einer unmittelbaren Veranlassung durch den Kurfürsten auf Wahrheit beruhen. Die Hoffnung, durch seine Kenntnisse in Musik und Gesang dort sein Glück zu machen, hat ihn, wie wir sehen, nicht getäuscht.

Die nächste bezeugte Tatsache aus seiner Geschichte findet sich in dem Kirchenbuche der alten Pfarre von S. Remigius, welches auf dem Bonner Rathause aufbewahrt wird; es ist seine am 7. September 1733 vollzogene Vermählung mit Maria Josepha Poll; er war noch nicht 21, die Frau 19 Jahre alt. Trauzeugen waren die Hofmusiker van den Eeden und Kiecheler (Küchler). Das Taufzeugnis über das erste in dieser Ehe geborene Kind, welches wir den Taufregistern derselben Pfarre entnehmen, lautet so:

1734, 28. August. Baptizatus: Maria Bernardina Ludovica; Eltern: Ludwig van Beethoven, Maria Josepha Poll; Paten: Maria Bernardina Mengal, Michael van Beethoven, an dessen Stelle: Cornelius van Beethoven. Die kleine Bernardina starb schon am 17. Oktober 1735. Ihr Verlust wurde sehr bald er setzt durch einen Sohn Marcus Josephus, getauft den 25. April 17366, der aber ebenfalls den Eltern früh entrissen zu sein scheint; denn es hat sich nicht die geringste weitere Notiz über ihn gefunden. Nach Verlauf von etwa vier Jahren wurde dem kinderlosen Paare wiederum ein Sohn geboren, dessen Taufschein nicht hat entdeckt werden können. Die Zivilstandsbeamten in Bonn waren der Meinung, daß dieses Kind, Johann, in der Hofkapelle getauft worden sei, deren Verzeichnisse in den städtischen Archiven nicht aufbewahrt werden und, wie es scheint, verloren gegangen sind; vielleicht, meinte man, sei er auch während einer Abwesenheit der Mutter von Bonn geboren. Der amtliche Bericht über die Stellung und die Eigenschaften der Musiker aus dem Jahre 1784 (s. u., Kap. 11) gibt jedoch Bonn als den Geburtsort Johanns van Beethoven und sein Alter auf 44 Jahre an; [110] demnach ist das Datum seiner Geburt in das Ende von 1739 oder den Anfang von 1740 zu setzen7.

Die stufenweise Verbesserung der Lage des älteren Beethoven, sowohl in seiner Einnahme wie in seiner sozialen Stellung, war gleich ehrenvoll für ihn als Musiker wie als Menschen. Während die Musiker ärmlich besoldet waren, konnte er in seinen letzten Jahren einen Teil seines Erwerbes, den er freilich auch auf anderem Wege zu vermehren wußte, zurücklegen; und die amtlichen Verzeichnisse lassen das allmähliche Steigen seiner öffentlichen Stellung erkennen. So wird sein erstes Kind als solches des »Musicus« L. v. Beethoven eingetragen; als Pate der ältesten Tochter des Cornelius van Beethoven heißt er Dominus v. B., bei der zweiten Musicus Aulicus; 1761 wird er »Herr Kapellmeister«, und sein Name erscheint im Hofkalender desselben Jahres als der dritte in einer Reihe von 28 Hommes de chambre honoraires. Der Kurfürst erhielt ihm sein Wohlwollen und machte ihn auch zu seinem Kammermusikus (s. o., S. 35ff.); auch die frühe Berücksichtigung des Sohnes Johann kann das bezeugen.

Über die Anstellung Ludwigs van Beethoven als Kapellmeister waren keine weiteren Einzelheiten aufzufinden außer denen, welche sich in seinem Gesuche und dem darauffolgenden Dekrete finden (s. o., S. 46f.). Aus diesen Schriftstücken geht hervor, daß der Bassist die Zusicherung der Stelle als Nachfolger von Zudoli von Klemens August erhalten hatte, daß aber der Kurfürst beim Eintreten der Vakanz seinen Entschluß änderte und die Stelle dem von ihm begünstigten jungen Violinspieler Touchemoulin gab. Dieser bekleidete dieselbe jedoch so kurze Zeit, daß sein Name sich als Kapellmeister gar nicht im Hofkalender findet; er dankte ab infolge der Herabsetzung seines Gehalts durch Belderbusch, den Minister des neuen Kurfürsten, welcher gerade in dieser Zeit (1761) auf Klemens August folgte. Die Erhebung eines Sängers zu einer solchen Stelle war in jenen Tagen nicht eben ungewöhnlich; wohl aber vermutlich, daß der Kapellmeister seine Stelle als Sänger beibehalten sollte. Auch Hasse und Graun begannen ihre Laufbahn als Sänger; noch passender sind [111] die Beispiele von Steffani, dem Vorgänger Händels am Hofe von Hannover, und Righini, Kapellmeister in Mainz und später in Berlin. In allen diesen Fällen waren aber die Kapellmeister zugleich tüchtige Komponisten, deren Werke Erfolg gehabt hatten. Das war bei L. van Beethoven nicht der Fall. Wegelers Worte: »Sein Großvater, der Kapellmeister und Baßsänger, hatte schon früher auf dem damals vom Kurfürsten errichteten National-Theater Opern aufgeführt«, sind von Schindler und anderen nicht sowohl wiedergegeben, als gedeutet worden: er »soll unter dem prachtliebenden Kurfürsten Clemens August Opern von seiner Composition aufgeführt haben«, was offenbar willkürlich und unrichtig ist. Sonderbar, daß so wenige Schriftsteller sich mit genauen Zitaten begnügen können! Wir haben nicht allein gar keinen Beweis dafür (jedenfalls keinen, der veröffentlicht wäre), daß Kapellmeister van Beethoven Opernkomponist gewesen wäre, sondern die Worte in seinem eigenen Gesuche: »indem ohnehin der Toxal mit benöthigter Musique sathsam versehen«, kann man kaum anders verstehen, als daß sie einer möglichen Einwendung gegen seine Anstellung begegnen wollten, welche sich auf den Umstand hätte stützen können, daß er nicht Komponist sei. Wegelers Worte würden dann einfach bedeuten, daß er die aufzuführenden Opern auf die Bühne brachte und leitete, welche während seiner Zeit weder zahlreich noch von großem Werte waren. Seine Verpflichtungen waren sicher lästig genug, auch ohne daß die musikalische Komposition hinzukam.

Die in den früheren Kapiteln mitgeteilten Dokumente zeigen ihn als Leiter der Musik im Theater und auf dem »Toxal«, als Examinator der Kandidaten für die Zulassung zum Dienste bei der Hofmusik und als Berichterstatter über die Fragen, welche ihm vorgelegt waren, an den geheimen Rat; und dies alles »mit beybehaltung seiner bassisten stelle«, einer Stelle, welche ihm die wichtigsten Baßrollen und Soli in der Kirche und auf dem Theater zuwies. Wegeler erwähnt eine Tradition, nach welcher er vorzüglich in dem Singspiel l'Amore artigiano [von Gaßmann] und im Deserteur von Monsigny den größten Beifall erhielt. Dies gibt dem Kapellmeister das Zeugnis eines nicht geringen Unternehmungsgeistes und zeigt ihn auch als einen Sänger von wohlerhaltenen Mitteln; denn diese beiden Opern waren 1769 zuerst auf geführt worden, die eine in Wien, die andere in Paris, und Ludwig van Beethoven stand damals bereits im 58. Lebensjahre.

Die Worte Demmers in seinem Gesuche vom 23. Jan. 1773 (oben, S. 60), daß »der Bassist van Beethoven abständig und als solcher gebraucht [112] zu werden nimmermehr im Stande sich befindet«, führen uns zu dem Gedanken, daß das Auftreten des alten Herrn als Brunoro in Lucchesis L'Inganno scoperto (im Mai 1773) eine letzte Huldigung an seinen kurfürstlichen Herrn zu dessen Geburtstage war; er erlebte es nicht, denselben noch einmal zu feiern. Der Tod des »Hofkapellmeister« Ludwig van Beethoven erfolgte nach den Registern zu Bonn am 24. Dezember 1773, einen Tag nach der 61. Wiederkehr des Tages seiner Taufe zu Antwerpen.

Zu Hause hatte der gute Mann sein Kreuz zu tragen. Seine Frau Josepha, welche mit einer Ausnahme alle ihre Kinder hatte begraben sehen, war vielleicht gerade infolgedessen in eine übermäßige Neigung zum Trunke geraten und befand sich beim Tode ihres Mannes in einem Kloster zu Köln in Kost; wie lange sie dort war, ist nicht klar, doch war es sicherlich eine beträchtliche Zeit. Der Sohn war verheiratet und wohnte nicht im Hause des Vaters, wenn auch in ziemlicher Nähe desselben; die Trennung war eben durch die Heirat erfolgt, mit welcher der Vater nicht einverstanden war.

Das Haus, in welchem der Kapellmeister starb, war das nördlich an den sogenannten Gudenauer Hof, die spätere Posthalterei, angrenzende in der Bonngasse und trug die Nummer 386. Nach glaubwürdiger Nachricht ist er aus dem Fischerschen Hause in der Rheingasse dorthin gezogen; in jenem hatte er eine Reihe von Jahren gewohnt und neben seinem Amte einen kleinen Weinhandel betrieben8. So hatte er es zu einem gewissen [113] äußeren Wohlstande gebracht, welchen der Bericht des alten Fischer ausdrücklich bezeugt, und welcher auch in dem späteren Gesuche Johanns angedeutet wird. Der Umzug in die Bonngasse fand hiernach 1767 statt. Professor Wurzer in Marburg (früher in Bonn) schreibt9: »Ich ging als kleiner Knabe in der Nachbarschaft in die Schule und habe den alten Mann oft gesehen, der gewöhnlich – nach der Sitte der damaligen alten Herren – einen roten Mantel trug. Ich erinnere mich auch, diesen Mann begraben gesehen zu haben.« Nach Fischers Mitteilung genoß er unter den Hausgenossen großen Respekt und wurde wegen seiner Herzensgüte von ihnen verehrt. Wenn man sich die stattliche Tracht jenes Zeitalters und dann den gedrungenen, muskulösen Mann mit seiner dunkeln Gesichtsfarbe und den hellen, freundlichen Augen vorstellt, wie ihn Wegeler beschreibt10, und wie ihn ein Gemälde von dem Hofmaler Radoux, später noch im Besitze der Frau Karoline van Beethoven in Wien (der Witwe von Beethovens Neffen) befindlich, darstellt, so steht ein würdiges und imponierendes Bild vor unserer Phantasie. Dieses hatte sich auch dem Knaben Ludwig tief eingeprägt, der beim Tode des Großvaters gerade drei Jahre alt war. In dem vertrauten Kreise bei Giannatasio in Wien erzählte Beethoven noch 1816 von seinen Eltern und seinem Großvater, »welcher ein wahrer Ehrenmann gewesen sein soll«. So schreibt das Fräulein Giannatasio in dem später (Bd. 3) zu erwähnenden Tagebuche. –

[114] Über das frühere Leben Johanns van Beethoven bieten uns zunächst die oben mitgeteilten offiziellen Dokumente unmittelbar oder indirekt Aufschluß. Dazu kommen die allerdings mit einiger Vorsicht zu benutzenden Mitteilungen des alten Fischer, dessen Vater mit Johann gleichaltrig war, sowie einzelne anderweitige Angaben. Diejenigen unter jenen Dokumenten, welche von seiner eigenen Hand geschrieben sind, zeigen, nach dem Maßstabe unserer Zeit gemessen, einen auffallenden Mangel gewöhnlicher Schulbildung; doch darf nicht vergessen werden, daß die Orthographie der deutschen Sprache damals nicht feststand, und ferner, daß manche seiner Zeitgenossen, welche sich mit ihrer akademischen Bildung brüsteten und den höchsten Klassen der Gesellschaft angehörten, einen Stil schrieben, der nicht besser war als der seinige.

Jedenfalls ist Johann van Beethoven, nach entsprechender Elementarvorbildung, zunächst dem Gymnasium übergeben worden; denn er hat als Schüler der untersten Klasse desselben (der infima) im September des Jahres 1750 als Sänger in einem Schulspiele mitgewirkt, welches die Musae Bonnenses (d. h. das Gymnasium), wie alljährlich, veranstalteten11. Demnach hatte seine gute Stimme und seine musikalische Begabung sich schon früh bemerkbar gemacht. Das wird auch der Grund gewesen sein, aus welchem dieser Besuch des Gymnasiums keine lange Dauer hatte. Der Vater bestimmte ihn für den Dienst bei der Hofmusik und ließ sich selbst, wie aus den früher mitgeteilten Eingaben hervorgeht, die Ausbildung für denselben angelegen sein; er unterrichtete ihn im Singen und auf dem Klavier; ob auch selbst in Violinspiel, für welches Johann »capabel« war (S. 49), bleibt ungewiß. Schon um 1752, im Alter von 12 Jahren, trat er, wie seinem Gesuche vom März 1756 und dem Gesuche des Vaters von 1764 zu entnehmen ist, als Sopranist bei der Hofkapelle ein. »Bei 2 Jahr« hat er, nach Gottwalds Gutachten von 1756, bei der Kapelle gedient; der Widerspruch wird aus einer Unterbrechung durch die Mutation der Stimme sich erklären. Am 27. März 1756, also [115] im Alter von 16 Jahren, er hielt er auf Grund seiner »zu der Singkunst habenden Geschicklichkeit, auch darin bereits erworbener Erfahrenheit« sein Dekret als Hofmusikus. Wir wiederholen hier die Stelle aus seines Vaters Bericht (oben, S. 49), welcher die Grundlage für das Dekret vom 24. April 1764 bildete und die Bewilligung eines jährlichen Gehaltes von 100 Talern durch dieses Dekret zur Folge hatte. »Da nun aber mein Sohn Joannes Beethoven bereits 13 jahr lang ohne Gehalt mit seiner singstim den sopran, Conteral[t] und Tenor in jeden Vorfallenden nothwendigkeiten auf dem Duc sahl abgesungen, zugleich auch vor die Violin capabel ist, derenthalben Ew. Churfl. Gnaden unterm 27. Novembris 1762 beyliegendes vorzügliches höchsteigenhändiges gnädigstes Decretum sub Litt. B mitzutheilen gnädigst geruhet« usw. Der junge Mann erhielt also im Alter von 22 Jahren die Zusage eines Gehaltes, und mit 24 Jahren hundert Taler. Nach dem Tode Havecks (1769) erhielt er eine Zulage von 25 Gulden (oben, S. 56) und durch Dekret vom 3. April 1772 fernere 50 Gulden jährlich. Doch hatte er außerdem Gelegenheit, durch Unterricht etwas zu verdienen; er gab nicht nur den Kindern angesehener Familien der Stadt Unterricht im Singen und Klavierspiel, sondern erhielt mehrfach die Aufgabe, angehende Musiker für den Dienst in der Kapelle vorzubereiten. So hat Demmer, wie das Promemoria S. 61 besagt, »würcklich für 3 Monath an den jungen H. Beethoven zalt 6 rthr.«; und ein Jahr später erging folgender Beschluß des geheimen Rates:


»Ad Suppl. Joan Beethoven


Da die Churfürstl. Hofkammer gestalten nach befundener Richtigkeit einvermeldeten des Supplicantes Forderung, selbige durch üblichen Abzug aus der Beklagten gnaden gehalt zu tilgen.


Bonn den 24. May 1775.

Urkund. p.«,


welcher sich vermutlich auf eine Schuldforderung an ein weibliches Mitglied der Hofkapelle bezieht. Einige Jahre später scheint ihm die musikalische Unterweisung der Johanna Helene Averdonk (oben, S. 65) anvertraut worden zu sein, welche er im März 1778 als seine Schülerin produzierte. Auch die Sängerin Gazzenello war zuerst seine Schülerin.

Daß der musikalisch wohl beanlagte Mann trotzdem weder in seinen amtlichen noch häuslichen Verhältnissen auf einen grünen Zweig kam, hat er wesentlich selbst verschuldet. Er zeigte schon früh einen leichtfertigen und unsteten Geist und. entfernte sich mitunter, wenn der Vater [116] verreisen mußte, tagelang aus dem elterlichen Hause. Seine übermäßige Neigung zum Trinken, vielleicht von der Mutter ererbt, von dem alten Fischer mit dem Weinhandel des Vaters in Verbindung gebracht, machte sich früh bemerkbar12, und indem er dieser üblen Neigung auch in seinem weiteren Leben in steigendem Maße nachgab, hat er ohne Zweifel seine Stimme vorzeitig geschädigt und die Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse an seinem Teile herbeigeführt. Wie dieses Verhalten später zu einer Katastrophe führen mußte, werden wir noch erfahren. Nach dem Zeugnisse der Witwe Karth (s.u.) soll er ein großer, schöner Mann gewesen sein und in späteren Jahren gepudertes Haar getragen haben. Fischer beschreibt etwas abweichend seine Statur so: »mittlere Größe, längliches Gesicht, breite Stirn, runde Nase, breite Schultern, ernsthafte Augen, etwas Narben im Gesicht, dünnes Haarzöpfchen.«

Drei und ein halbes Jahr, nachdem er ein Gehalt von 100 Talern erhalten hatte, unternahm er es, sich zu verheiraten. Heinrich Kewerich, der Vater seiner Frau, war Hauptkoch in jenem Schlosse zu Ehrenbreitstein, in welchem Klemens August 1761 gestorben war; das Mahl aber, an welchem der Kurfürst nicht imstande war, teilzunehmen, hatte er nicht zubereitet – da er nicht mehr lebte13. Seine Frau war, wie aus den Kirchenbüchern zu schließen, Anna Klara Daubach. Ihre Tochter Maria Magdalena, geboren am 19. Dezember 174614, heiratete am [117] 30. Januar 1763 einen gewissen Johann Laym, Kammerdiener des Kurfürsten von Trier. Am 28. November 1765 starb ihr Gatte, und Maria Magdalena war Witwe, noch ehe sie ihr 19. Lebensjahr vollendet hatte. Beinahe zwei Jahre später erhielten die Heiratsregister von S. Remigius in Bonn folgenden Zugang: »12ma 9bris. Praevia Dispensatione super 3bus denuntiationibus copulavi D. Joannem van Beethoven, Dni Ludovici van Beethoven et Mariae Josephae Poll conjugum filium legitimum, et Mariam Magdalenam Keferich viduam Leym ex Ehrenbreitstein, Henrici Keferich et annae clarae [nicht, wie bei Wegeler steht, Mariae] Westorffs filiam legitimam. Coram testibus Josepho clemente Belseroski et philippo Salomon.« Das heißt: Johann van Beethoven heiratete die junge Witwe Laym.

Daß die Hochzeit nicht am Wohnort der Braut, sondern in Bonn gefeiert wurde, darüber erhalten wir von Fischer Aufklärung. Der Vater, [118] Kapellmeister van Beethoven, war gar nicht damit einverstanden, daß sein Sohn sich mit einer Frau aus untergeordnetem Stande verheiratete. Gegenüber dem bestimmten Willen des Sohnes hielt er zwar seinen Widerspruch nicht aufrecht; doch war zu erwarten, daß er einer Hochzeit in Ehrenbreitstein nicht beigewohnt haben würde, und deshalb wurde die Sache in Bonn »kurz abgemacht«. Nach der Trauung begab sich dann das junge Paar für einige Tage zu den Verwandten nach Ehrenbreitstein.

Der alte Fischer nennt Frau van Beethoven »eine schöne schlanke Person« und beschreibt ihre Statur so: »ziemliche Größe, längliches Gesicht, etwas gebogene [›gehöffelte‹ nach dem Dialekt] Nase, mager, ernsthafte Augen. Cäcilia Fischer wußte sich nie zu erinnern, daß sie Madam van Beethoven hätte lachen sehen, immer war sie ernsthaft.« Dazu können Lebensschicksale, wie der frühe Verlust des Vaters, des ersten Mannes und, nach dem ersten Jahre ihrer zweiten Ehe, auch der der Mutter, das ihrige beigetragen haben. Von ihrem Charakter uns eine Vorstellung zu machen, wird bei den dürftigen Andeutungen schwer sein. Ihre Frömmigkeit und Sanftmut hebt Wegeler hervor, ihre Gutmütigkeit und ihr Wohlwollen gegen die Ihrigen erhellt aus allen Mitteilungen; nur verrät Fischer, daß sie bei Differenzen mit den Hausbewohnern auch wohl heftig werden konnte. »Madam van Beethoven«, erzählt Fischer weiter, »war eine geschickte Frau, sie konnte vor Hohen und Niedrigen sehr sein, geschickt und bescheiden Red' und Antwort stehen; deswegen wurde sie auch sehr geliebt und geachtet. Sie beschäftigte sich mit Nähen und Stricken. Sie führten beide eine rechtschaffene, friedliche Ehe, und zahlten alle Vierteljahr ihre Hausmiethe und geliefertes Brod auf den Tag15. Sie war eine häusliche, gute Frau, sie wußte zu geben, auch zu nehmen, wie jedem gut ansteht, der rechtschaffen denkt.« Daraus darf man entnehmen, daß sie den Haushalt mit Überlegung und Sparsamkeit zu führen bestrebt war; ob ihr dies, bei der Beschränktheit der Einkünfte, überall gelungen ist, darüber war der alte Fischer wohl nicht genauer unterrichtet. In die Schwäche ihres Mannes, welche sie wohl erkannte, fand sie sich [119] so gut es ging, ohne erfolgreich auf ihn einwirken zu können; die Sorge für die Kinder in äußeren Dingen war jedenfalls nicht völlig ausreichend. Der junge Ludwig hing an ihr mit zärtlicher Liebe, und mehr als an dem »nur strengen« Vater; daß sie aber auf das Gemütsleben und die Entwickelung des Sohnes einen tieferen und bleibenden Einfluß geübt hätte, tritt nirgendwo hervor, und man wird ihr nicht unrecht tun, wenn man hierbei den tieferen Grad ihrer Bildung in Anschlag bringt. Dabei wird aber auch nicht vergessen werden dürfen, daß ihre wahrscheinlich von Hause aus nicht kräftige Gesundheit durch die häuslichen Leiden und die wiederholten Kindbetten mehr und mehr geschwächt wurde. Die »stille, leidende« Frau, wie Frau Karth sie nennt, starb 1787 an der Schwindsucht im Alter von 40 Jahren. Noch in späteren Jahren in Wien erwähnte Beethoven, wenn er in vertrautem Kreise war, gern seine »vortreffliche« Mutter16.

[120] In jener Zeit, als Johann van Beethoven heiratete, wohnte eine ganze Kolonie von Musikern und anderen im Hofdienste angestellten Personen in der Bonngasse, wie ein Teil der Straße genannt wird, welche von dem unteren Ende des Marktplatzes zum Kölntor führt. Kapellmeister Beethoven hatte aus Anlaß der Verheiratung des Sohnes die Wohnung in der Rheingasse verlassen und wohnte, wie bereits mitgeteilt, in der Bonngasse Nr. 386. In dem nördlich angrenzenden Hause (387) wohnte die musikalische Familie Ries. Das letzte Haus auf derselben Seite der Straße, ehe sie den Namen »Kölnstraße« annimmt, war die Wohnung des Hornisten und späteren Musikverlegers Simrock. Das Haus, welches dem des Kapellmeisters schräg gegenüberlag (Nr. 515), war, allerdings erst nach dem Jahre 1771, von der Familie Salomon bewohnt; im ersten Stock und Parterre von dem Eigentümer des Hauses, dem Posamentier Clasen. Von den beiden nächstfolgenden Häusern war das eine, Nr. 516, die Wohnung des Hoskellerschreibers Johann Baum; das andere bewohnte der Schlossermeister Courtin, ohne Zweifel der »Serrurier« Jean Cortin aus dem Hofkalender von 1773. In Nr. 517 wohnte die Familie Hertel, welche eine Reihe von Jahren später gemeinsam mit der Familie Beethoven ein Haus in der Wenzelgasse bewohnte, und nicht weit davon eine Familie Poll, möglicherweise mit der älteren Frau van Beethoven verwandt17.

Im Jahre 1767 war im Hintergebäude des Clasenschen Hauses (Nr. 515) eine Wohnung zu vermieten (ob in dem Flügel des Hauses, wie er jetzt noch steht, oder vielleicht in einem getrennt liegenden Gebäude, wie es in Bonn nicht selten vorkam, wird nicht klar), und hier begannen die eben vermählten jungen Beethovens ihre einfache Haushaltung. Ihr erstes Kind war ein Sohn, Ludwig Maria, getauft am 2. April 1769, dessen Paten, wie man in den Registern der S. Remigiuspfarre lesen kann, der Großvater Beethoven und Anna Maria Lohe, die Frau des Schlossers Jean Courtin, waren, ihres unmittelbaren Nachbarn. Dieses Kind lebte nur sechs Tage. Nach Ablauf von weniger als zwei Jahren wurde den Eltern ihr Verlust ersetzt durch die Geburt des Sohnes, welcher der Gegenstand unserer Biographie ist.

Fußnoten

1 In der neuen Ausgabe von Fétis sind einige dieser Namen verkehrt gedruckt; sie sind hier verbessert nach einem Briefe von Jacobs an den Verfasser. [Die obigen Notizen sind weiter ergänzt nach dem Artikel des Chev. L. de Burbure in der Biographie nationale publiée par l'Academie Royale des sciences, des lettres et des beaux arts de Belgique. Tome II, p. 105 (Bruxelles 1868). Daraus erfahren wir weiter, daß noch zwei andere Angehörige des Antwerpener Zweiges sich den schönen Künsten widmeten: Peter van Beethoven, Maler, Schüler von Abr. Genoels dem jüngern (1689), und Gerhard van Beethoven, Bildhauer in die Gilde von S. Lucas um 1713 aufgenommen. – Von einem Mechelner Zweige der Familie wird noch weiter die Rede sein. Außerdem gab es in dem brabantischen Dorfe Wambeke in den 20er Jahren einen Pfarrer (curé) van Beethoven, der zwischen 1729 und 1732 gestorben oder versetzt sein muß. (Letzteres nach freundlicher Mitteilung des Herrn Direktors Vollmer in Brüssel.) Anm. d. Herausg.]


2 Die Bittschrift des Sohnes vom März 1756 spricht von 23 Jahren »würklicher« Dienstbezeigung des Vaters, was auf die Anstellung 1733 zu beziehen sein wird.


3 Dankenswerte Nachweisungen hierüber gibt Werner Hesse: »Die Familie van Beethoven in Bonn und ihre Beziehungen.« Monatsschr. für rheinisch-westfälische Geschichtsforschung. Bd. 5, S. 200. Vgl. dazu den Bericht des Herausg. (H. D.) Allg. Mus.-Ztg. 1880, Nr. 31. Anm. d. Herausg.


4 Hierüber erhielt der Herausgeber wichtige Mitteilungen aus dem Mechelner Zivilstandsregister durch die Freundlichkeit des dortigen Archivars Herrn V. Hermans, für welche an dieser Stelle der beste Dank gesagt wird. Anm. d. Herausg.


5 »Ausgabb Geldt zum Hoff Küchen Ambt.

Unschlitt Kerzen – Liveranten Bethoven.


Rth. Alb.

Von Juli 1750 bis August1751 – 1588 – 27

Von Januar bis Juni1753 – 980 – 36

Von Juli 1753 bis März1754 – 1468 – 9

Von April 1754 bis Mai1755 – 1877 – 51

Von Mai 1755 bis Juli1756 – 1619 – 50

Von Juli, August und Sept.1756 – 351 – 50.«


Welcher Verbrauch von Talg für den Palast eines Fürsten! – Derselbe Beethoven erscheint in den Rechnungen auch als regelmäßiger Lieferant für den »Zehrgarten«.


6 Pathen: Admodum reverendus Dns Josephus Zudoli sacellanus aulicus et Maria Catharina Hammans d. Forlevasi (sicher Forlivesi). Hesse a. a. O. S. 204. Anm. d. Herausg.


7 Gegen die Annahme, daß Johann van Beethoven in der Hofkapelle getauft sei, führt Hesse beachtenswerte Gründe an; auch die Kinder der angesehensten Beamten und Persönlichkeiten wurden in der Pfarrkirche getauft, und hätte gar der Kurfürst selbst Pate gestanden, dann hätte das Kind doch seine Namen führen müssen. Dagegen ist Hesses Annahme, daß Johann zwei Jahre früher geboren sei, nicht haltbar. Vgl. Allg. Mus. Ztg. 1880, Nr. 31. Anm. d. Herausg.


8 Vorher hatte er in der Wenzelgasse in dem Hause des alten Gymnasiums gewohnt, dem ersten Eckhause der Gudenauer Gasse, wenn man vom Markt kommt. Da es für die Bewohner Bonns Interesse haben wird, sei hier der mit dem Rektor Develich abgeschlossene Mietvertrag mitgeteilt, welcher dem Herausgeber von seinem Kollegen, dem früheren Gymnasialdirektor Herrn Dr. Buschmann mitgeteilt wurde: »Zu Wißen seye hiemit, daß heuth dato unten gemeldet R. P. Ferdinandus Develich zur Zeit Rector Collegii Soctis Jesu in Bonn dem Wohl-Edlen H. van Beethoven die im so genannten Hollmanns hauß verfertigte zwey wohnungen sampt einem Keller und einem Theil des speichers auf die Nachst folgende sechs Jahr |: dafern währender dieser Zeit keine Veränderung im Baue vorzunehmen :| unter dieser Condition vermietet habe, daß H. van Beethoven einen Theil selbst bewohnen, in dem andern aber seines gefallens doch Ehrbahre, keine Handwerk noch Trafick treibende Einwohner nehmen könne. Wobey verabredet worden Erstlich, daß die ganze Behausung in diesen Jahren also gebraucht werden solle, daß bey deren Verkauff oder auszug selbige in solchem stand an Thüren, fensteren, schlösseren, Fachwerk in stuben, Zimmeren u.s.w. befunden werde, wie selbige an jetzo daß ist in sehr gutem stand ist; solle auch ohne Vorwissen desCollegii nichts verändern, noch nagelfest machen, sonsten wirdt ihm dieses nicht Vergütet werden. Zum andern solle er den Haußzins ad drey und fünfzig Rth. 50 Alb. Jährlich in zweyen Terminen alß nemblich die eine halbscheidt Vor End des May Monaths, die andere Vor end des Monaths Novembris zahlen; da aber die Zahlung wieder Verhoffen solte hinterbleiben, wird es dem Collegio frey stehen jedes jahr die hauß Vermiedung aufzukündigen.


Sign. Bonn den 22 8bris 1738.


Ludovicus van Beethoven

musicien de S: A: S. E: de Cologne.«

Anm. d. Herausg.


9 Kölnische Zeitung, 30. Aug. 1838. [Übrigens soll nach Fischer (s.u.) der Kapellmeister Beethoven nochmals umgezogen sein und zwar nach dem Belderberg in den Bornheimer Hof, wo er auch gestorben sei. Diese Angabe kann nicht richtig sein; nach Ries' ausdrücklichem Zeugnis, mit welchem die obige Angabe Wurzers übereinstimmt, ist er in dem Hause in der Bonngasse gestorben. S. u. Anh. VIII die Angabe Wegelers. D. H.]


10 S. 8. »Der Großvater war ein kleiner kräftiger Mann mit äußerst lebhaften Augen und als Künstler vorzüglich geachtet.« Etwas anders die Fischerschen Mitteilungen, s. u. Hier wird doch Wegeler mehr Glauben verdienen. Anm. d. Herausg.


11 Der Titel des Textbuchs, vormals im Besitze desDr. Gehring in Bonn, lautete: Ansberta a Sultano, Turcarum imperatore, captum suum conjugem Bertulfum liberans.

Rev. et ser. Domino Clementi Augusto etc. D. D. C. Musae Bonnense Ludis Autumnalibus Anno 1750. Die 24. et 25. sept. Bonnae Typis Haeredum Leonard. Romerskirchen ser. prin. elect. Colon. Typographi Aulici. Der Text ist deutsch. Im Syllabus actorum findet sich Ex infima: Joannes Beethoven Bonnensis Angelus Amor Megaera Genius Orphei Musicus Choreutes. Anm. d. Herausg.


12 »Johann van Beethoven verstand sich auch früh auf die Weinproben; er war aber auch zu rechter Zeit ein guter Weintrinker, dann war er munter und fröhlich, hatte alles genug; er hatte keinen üblen Trunk an sich.« So erzählt der alte Fischer, s. u., Anh. VII. Anm. d. Herausg.


13 Nach dem Kirchenbuche von Ehrenbreitstein starb er am 2. August 1759 in Molzberg, 58 Jahre alt; die Exequien wurden in Ehrenbreitstein gehalten. Am 10. Oktober 1753 war in Ehrenbreitstein Frau Eva Katharina Kewerichs im Alter von 89 Jahren gestorben; vermutlich seine Mutter. Anm. d. Herausg.


14 Kirchenbuch von Ehrenbreitstein, Dezember 1746: »19. nata et 20ma renata [= getauft] est Maria Magdalena Keverichs, Dni Henrici Keverich coqui primarii Emsmi et Mariae Catharinae cjugum Legitima filia, eam de sacro fonte Levantibus Dna Maria Magdalena Westorffs de Confluentia, et Dno Mauritio Wisdorff [so], itidem de Confluentia.« Die Angabe Wegelers (S. 2) ist also nicht ganz genau, insbesondere wird der Geburtsname der Mutter (Wegeler läßt sie Westorffs heißen) im Kirchenbuch (wie auch sonst) nicht angegeben; Westorff hieß die Patin. Drei Jahre vorher waren demselben Heinrich Kewerich Zwillinge geboren, Kirchenbuch 1743, 22. September: »nati sunt gemelli et eadem renati sunt Joes Balthasar et Gallus Kewerich, D'ni Henrici Keverich et Anna Clarae conjugum Legitimi filii, eos de sacro fonte levantibus praenobilibus Dnis 1n Joé Balthasare Eichhorn Emmi Cubicularii et Gollo [Gallo] Emmi coquo primario.« Dieser Hauptkoch Gallus Dollinger starb am 31. Oktober 1744, Kewerich wurde also sein Nachfolger. Da der Vorname des Mannes übereinstimmt, ist auch die Frau dieselbe, obgleich sie hier (1743) Anna Klara heißt; diesen Vornamen führt sie auch in der im Texte gegebenen Heiratsurkunde Johanns van Beethoven (1767), und wenn der Name 1746 Maria Katharina lautet, so ist entweder ein Irrtum vorgefallen, oder sie hatte bei der Taufe mehr wie zwei Vornamen erhalten; die Taufurkunde hat sich in Ehrenbreitstein nicht gefunden, sie war also wohl nicht dort geboren. Demnach betrifft es doch wohl wieder dieselbe, wenn das Ehrenbreitsteiner Kirchenbuch am 13. Oktober 1768 als gestorben anführt die Witwe Anna Clara Kewerich, nata Daubach, aetatis 63 annorum. Wenn das Bonner Kirchenbuch (s. im Texte) sie eine geborene Westorffs nennt, so scheint bei Ausstellung des Taufscheins der Tochter zum Zwecke der Bonner Trauung derselbe Irrtum in der Lesung der Geburtsurkunde obgewaltet zu haben, wie bei der Mitteilung an Wegeler. Daß sie eine geborene Daubach war, gewinnt durch die Mitteilung des alten Fischer eine bemerkenswerte Bestätigung, nach welcher der junge Musiker Rovantini und Frau van Beethoven nahe verwandt waren. Der Violinspieler Johann Rovantini, welcher 1765 aus Ehrenbreitstein nach Bonn kam (s. o., S. 51), hatte sich dort am 4. September 1755 mit Anna Margaretha Daubach verheiratet, welche eine Tochter des Schöffen Georg Adam Daubach und 1730 geboren war. Ihr Sohn, Franz Rovantini, wurde am 7. Mai 1757 geboren; stellvertretender Pate war der Hauptkoch Heinrich Kewerich, statt des eigentlichen Paten Herrn von Boos. Und schon 1739 erscheint eine Anna Maria Kewerich, doch wohl trotz der kleinen Verschiedenheit des Vornamens wieder die Frau des späteren Hauptkochs, als Patin einer anderen Tochter des Adam Daubach. (1754 vertritt wieder Anna Klara Kewerich in einer anderen Familie Patenstelle.) Die nahe Beziehung zwischen den Familien Kewerich und Daubach ist hiernach klar. Da Frau Kewerich, welche 1768 mit 63 Jahren starb, 25 Jahre älter war wie Frau Rovantini, so dürfte sie deren Tante gewesen sein; und dann konnte auch der Sohn der letzteren, Franz Rovantini, die Tochter der ersteren, Frau van Beethoven, in weiterem Gliede seine Tante nennen, was Fischer auf Grund der Familien-Erinnerung erzählt. Anm. d. Herausg.


15 Darin wird sich Fischer schwerlich geirrt haben, wie einer Bemerkung von Dr. Hennes gegenüber (s. Anh. VIII) bemerkt sein mag. Ein Entwurf bei Fischer bringt noch den charakteristischen Zusatz: »Madam van Beethoven sagte ehemals: die nothwendigsten Artikel, als Hausmiethe, Bäcker, Schuster und Schneider müßten am ersten bezahlt werden, aber Saufschulden würde sie nimmer zahlen.« Eine andere Bemerkung bei Fischer könnte darauf schließen lassen, daß sie sich in ihrer Ehe nicht glücklich fühlte, was wir nur zu gut verstehen würden. Nach außen war jedenfalls das Verhältnis ein ungetrübtes. Anm. d. Herausg.


16 In der Sammlung des Beethovenhauses in Bonn befindet sich ein Porträt, welches als das der Mutter Beethovens bezeichnet wird. Diese Bezeichnung beruht aber nur auf unbestimmter Tradition und entbehrt aller authentischen Beglaubigung. Daß dasselbe eine erst 40jährige, schwindsüchtige Frau darstellen soll, wird dem Beschauer schwerlich einleuchten. Jedenfalls wäre es sehr auffallend, daß Beethoven sich zwar das Bild des Großvaters, nicht aber das der so sehr geliebten Mutter, wenn ein solches vorhanden war, nach Wien hätte nachsenden lassen. Und nur aus der Übereinstimmung mit diesem Bilde hat man sich zu der Annahme berechtigt geglaubt, beide Eltern Beethovens im Bilde zu besitzen. Es wurden nämlich 1890 in Köln in einem Schuppen zwei Ölporträts gefunden und von dem Maler Kempen restauriert, welcher in denselben Arbeiten des Malers Beckenkamp erkannte, der, wie Beethovens Mutter, in Ehrenbreitstein geboren war, in Bonn im Beethovenschen Hause verkehrte und 1828 in Köln starb. (Vgl. Köln. Zeitung 1890, Nr. 96 vom 6. April.) Das weibliche Porträt stimmt mit dem in Bonn befindlichen überein. Es sind lebensvolle, sein ausgearbeitete Porträts; aber – Beethovens Eltern sind es gewiß nicht. Über das Bild der Mutter wurde das Nötige gesagt. Auch beim Vater kommt es vor allem darauf an, daß es an einer Beglaubigung fehlt. Die Beschreibung Fischers (s.u.) paßt nicht völlig auf das Bild, die stark aufgeworfene Unterlippe auf demselben würde Fischer nicht vergessen haben. Aber auch der ganze, allerdings ernste, dabei behäbige und spießbürgerliche Ausdrucks des Gesichts mit der grauen Perücke paßt nicht zu dem, was wir sonst von dem leichtlebigen Musiker erfahren. Auch wird man eine Ähnlichkeit mit dem allbekannten Ausdrucke Ludwig van Beethovens, aus welchem eine Folgerung zu ziehen wäre, schwerlich nachweisen können. Solange der Beweis fehlt, wird die wissenschaftliche Biographie kein Recht haben, die Bilder als die der Eltern Beethovens anzuerkennen. Man findet die Bilder u.a. abgebildet in der Londoner Zeitschrift Musical Times, 1892, 15. Dezember, S. 13. Sie befinden sich im Besitze des Herrn Walter Jagenberg in Köln, durch dessen Freundlichkeit es uns ermöglicht wurde, dieselben zu sehen.

Anm. d. Herausg.


17 Der Name kommt freilich in Bonn öfter vor, vgl. W. Hesse, a. a. O., S. 208. Der Name Konrad Poll befand sich, wie der Verfasser hinzufügte, in dem Hofkalender der 70er Jahre unter den 8 kurfürstlichen »Heiducken«. Anm. d. Herausg.

Quelle:
Thayer, Alexander Wheelock: Ludwig van Beethovens Leben. Band 1, 3. Auflage, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1917.
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