Blei (Abramis Brama)

[279] Als Urbild dieser Sippe betrachtet man die verbreitetste und häufigste Art derselben, den Blei, auch Brachsen, Brachsener, Braxer, Brasser, Bressem, Bressen, Bräsem, Brachsmann, Scheibpleinzer, Sunnfisch, Lesch, Klesch usw. genannt (Abramis Brama, vetula, microlepidotus, argyreus und Gehini, Cyprinus Brama, latus und farenus; Abbildung auf Seite 280), einen stattlichen Karpfen von sechzig Centimeter bis ein Meter Länge und vier bis zehn Kilogramm Gewicht, durch seinen stark seitlich zusammengedrückten Leib und die ansehnliche Höhe desselben leicht kenntlich, auf Oberkopf und Rücken schwärzlich, auf den Seiten gelblichweiß mit Silberglanz, an der Kehle röthlich, auf dem Bauche weiß gefärbt, seitlich schwarz gepunktet, mit schwarzblauen Flossen. Auch die Männchen dieser Art erleiden während der Fortpflanzungszeit eine Veränderung, indem auf ihrer Hautoberfläche ebenfalls warzenförmige Gebilde hervorwachsen. Diese verdichteten und erhärteten Haufen von Oberhautzellen haben stumpfkegelförmige Gestalt und anfangs weißliche Färbung, welche später, nachdem die Warzen erhärten, zu Bernsteingelb dunkelt. Die größten von [279] ihnen entwickeln sich auf Schnauze und Scheitel, die kleinsten auf den Flossenstrahlen; außerdem finden sich solche auf dem Kiemendeckel und an den meisten Schuppen des Leibes.

Ganz Mittel-, Nord- und Osteuropa ist die Heimat des Blei.


1 Blicke (Abramis Bjoerkna), 2 Pleinzen (Abramis ballerus), 3 Zärthe (Abramis Vimba), 4 Blei (Abramis Brama). 1/6 natürl. Größe.
1 Blicke (Abramis Bjoerkna), 2 Pleinzen (Abramis ballerus), 3 Zärthe (Abramis Vimba), 4 Blei (Abramis Brama). 1/6 natürl. Größe.

Südlich der Alpen wird er ebensowenig wie seine Verwandten gefunden; wohl aber tritt er wieder im Gebiete des Rhône auf. Sehr häufig bewohnt er die Gewässer aller deutschen Hauptströme, insbesondere die mit ihnen in Verbindung stehenden tieferen Seen, und hier, wie schon Geßner wußte, solche Stellen, welche lehmigen Boden haben; »dann solcher grund wirt von jnen begert«. Nach Eckström fängt man ihn um Schweden und Norwegen auch im Meere; doch gehört ein derartiges Vorkommen zu den Ausnahmen. Während des Sommers verweilt er in der Tiefe, namentlich zwischen dem sogenannten Brachsengras, wühlt hier im Schlamme und trübt dadurch auf weithin das Wasser. »Die Brachßmen, so sie mercken den aufsatz und nachhalten von den Hechten, so schwimmen sie gegen dem Grund vnd Lett zu, bewegen den Lett, betrüben das Wasser hinder jn, damit sie sich vor dem Hecht entschütten mögen.« Wahrscheinlich geschieht dieses Wühlen im Schlamme der Nahrung halber, welche in Würmern, Kerflarven, Wasserpflanzen und Schlamm selbst besteht.

[280] Fast immer trifft man diese Fische in starken Gesellschaften an; mit Beginn der Laichzeit, welche in die Monate April bis Juni fällt, vereinigen sich diese Scharen zu unzählbaren Heeren. In der Nähe des Ufers, an seichten, grasigen Stellen, erscheinen zu nächst mehrere Männchen und später die Weibchen. Erstere tragen ebenfalls ein Hochzeitskleid und werden dann in Bayern, ihrer dornigen Auswüchse halber, Perlbrachsen genannt. Eines von ihnen wird, laut Yarrell, gewöhnlich von drei oder vier Männchen verfolgt; die ganze Gesellschaft drängt sich aber bald so durch einander, daß man zuletzt nur noch eine einzige Masse wahrnimmt. Das Laichen geschieht gewöhnlich zur Nachtzeit unter weit hörbarem Geräusche, weil die jetzt sehr erregten Fische sich lebhaft bewegen, mit den Schwänzen schlagen und mit den Lippen schmatzen, bevor die Weibchen ihre kleinen gelblichen Eierchen, etwa einhundertundvierzigtausend Stück jedes einzelne, an Wasserpflanzen absetzen. Bei günstiger Witterung ist das Laichen binnen drei bis vier Tagen beendet; tritt jedoch plötzlich schlechtes Wetter ein, so kehren sie wieder in die Tiefe zurück, ohne den Laich abgesetzt zu haben. Dasselbe geschieht, wenn sie anderweitig gestört, beispielsweise erschreckt werden; demzufolge soll man in Schweden während der Laichzeit sogar das Läuten der Glocken in der Nähe der Seen verboten haben. Wenige Tage nach dem Abzuge der Fische wimmeln die seichten Uferstellen von Millionen ausgeschlüpfter Jungen, welche noch einige Zeit auf der Stätte ihrer Geburt sich umhertreiben und dann ihren Eltern in die Tiefe folgen. Wahrscheinlich bringen auch die Brachsen einen Theil des Winters im Schlamme ruhend zu; hierauf deutet wenigstens eine Angabe Geßners, welche durch die neueren Beobachter nicht widerlegt worden ist.

Das Fleisch wird von einigen außerordentlich gerühmt, von anderen gering geschätzt. Jene sagen, daß der Blei nächst dem Karpfen unser bester Flußfisch wäre; diese meinen, daß sein Fleisch der vielen Gräten halber kaum genossen werden könne. Geßner schließt sich ersteren an. »Die Braßmen werden bey vns in hohem werth geachtet, dann sie haben nit ein arg Fleisch, dann sie mögen Fürsten vnd Herrn dargestellt werden, bringen grossen nutz zu auffenthaltung der Menschen, zu der Speiß mächtig begert.« Wahrscheinlich hängt das Urtheil ab von der Größe der geprüften Fische und der Oertlichkeit, auf welcher sie lebten, weil das Fleisch von größeren Bleien besser ist als das von kleineren, und weil es einen Modergeschmack annimmt, wenn sich der Fisch vor dem Fange längere Zeit in sumpfigem oder stark schlammigem Gewässer aufhielt. In Nord- und Ostdeutschland werthet das Kilogramm seines Fleisches durchschnittlich funfzig bis achtzig Pfennige, in Süddeutschland und Oesterreich nicht unbeträchtlich mehr. Hier wie dort, überhaupt allerorts, wird der Blei eifrig verfolgt. In Großbritannien ist er der Lieblingsfisch der Angler, weil er leicht anbeißt; im Norden und Osten unseres Vaterlandes betreibt man den Fang gewöhnlich mit großen Netzen und regelmäßig mit gutem Gewinne. Unter günstigen Umständen werden viele dieser Fische eingesalzen und geräuchert. Außerdem pflegt man sie zu versenden, weil sie, namentlich wenn man sie in Schnee verpackt und ihnen ein mit Branntwein befeuchtetes Stück Brod in den Mund gibt, ebenso leicht wie der Karpfen oder die Karausche längere Reisen aushalten. In der Teichwirtschaft verwendet man sie ebensowenig wie andere Brachsen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 279-281.
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