9. Sippe: Hundskopfaffen (Cynocephalus)

[143] Die Gruppe der Paviane (Cynocephalus) ist zwar eine der merkwürdigsten, nicht aber auch eine der anziehendsten und angenehmsten. Wir finden in ihr vielmehr die häßlichsten, rüdesten, flegelhaftesten und deshalb widerwärtigsten Mitglieder der ganzen Ordnung; wir sehen in ihnen den Affen gleichsam auf der tiefsten Stufe, welche er einnehmen kann. Jede edlere Form ist hier verwischt und jede edlere Geistesfähigkeit in der Unbändigkeit der scheußlichsten Leidenschaften untergegangen.

Wir nennen die Paviane mit Aristoteles »Hundsköpfe«, weil ihr Kopfbau dem eines groben, rohen Hundes etwas mehr ähnelt als dem des Menschen, an welchen die übrigen Affen entfernt erinnern. In Wahrheit ist die Aehnlichkeit zwischen beiden Thierköpfen nur eine oberflächliche und zugleich unbefriedigende; denn der Hundekopf des Pavian ist ebenso gut eine Verzerrung seines Vorbildes wie der Kopf des Gorilla eine solche des Menschenhauptes ist. Allein den anderen Affen gegenüber ist eben das Schnauzenartige des Paviangesichts ein hervorstechendes Merkmal: und deshalb können wir auch dem alten Aristoteles seine Ehre lassen.

Die Hundsköpfe sind neben den Menschenaffen die größten Glieder ihrer Ordnung. Ihr Körperbau ist gedrungen, ihre Muskelkraft ungeheuer. Der schwere Kopf verlängert sich in eine starke und lange, vorn abgestutzte, oft wulstige oder gefurchte Schnauze mit vorstehender Nase; das Gebiß erscheint raubthierähnlich wegen seiner fürchterlichen Reißzähne, welche auf ihrer hinteren Seite scharfe Kanten haben; die Lippen sind sehr beweglich, die Ohren klein, die Augen hoch überwölbt und in ihrem Ausdrucke das treueste Spiegelbild des ganzen Affen selbst – listig und tückisch ohne Gleichen. Alle Gliedmaßen sind kurz und stark, die Hände fünfzehig; der Schwanz ist bald kurz, bald lang, bald glatthaarig, bald gequastet; die Gesäßschwielen erreichen wahrhaft abschreckende Größe und haben gewöhnlich äußerst lebhafte Färbung. Die lange und lockere Behaarung verlängert sich bei einigen Arten am Kopfe, Hals und an den Schultern zu einer reichen Mähne, und hat gewöhnlich unbestimmte Erd- oder Felsenfarben, wie Grau, Graugrünlichgelb, Bräunlichgrün usw.

Der Verbreitungskreis der Hundsköpfe erstreckt sich über Afrika und die hart an diesen Erdtheil grenzenden Länder Asiens, namentlich das glückliche Arabien, Jemen, Hadramaut und Indien. Afrika muß unbedingt als derjenige Erdtheil angesehen werden, welcher ihnen die wahre Heimat bietet. Verschiedene Gegenden besitzen ihre eigenthümlichen Arten, welche übrigens weit verbreitet und deshalb mehreren Ländern gemein sind. So leben im Osten und namentlich um Abessinien herum drei, in der Kapgegend zwei und in Westafrika ebenfalls zwei Arten.

Die Paviane sind echte Felsenaffen und bewohnen Hochgebirge oder wenigstens höhere Gebirgsgegenden. In Wäldern trifft man sie nicht: sie meiden die Bäume und ersteigen sie nur selten, etwa im Falle der Noth. Im Gebirge gehen sie bis zu drei- und viertausend Meter über die Meereshöhe, ja selbst bis zur Schneegrenze hinauf; doch scheinen sie niedere Gegenden zwischen ein- bis zweitausend Meter den Hochgebirgen vorzuziehen. Schon die ältesten Reisenden erwähnen, daß die Gebirge ihre wahre Heimat sind. So erzählt Barthema von Bologna, welcher im Jahre 1503 Arabien durchreiste, daß er auf dem Wege von der Stadt Zibit, eine halbe Tagereise vom Rothen Meere, auf einem fürchterlichen Gebirge mehr als zehntausend Affen gesehen habe, welche dem Löwen nicht nur an Aussehen, sondern auch an Stärke gleichkämen, und daß man auf jener Straße allein nicht reisen könne, sondern eine Gesellschaft von mindestens hundert Menschen bilden müsse, um sie abzuwehren. Auch die meisten anderen Reisenden, welche uns über jene Gegenden berichten, stimmen darin überein, daß die Paviane Gebirgsthiere sind, und es ist desbalb um so mehr zu verwundern, daß gewisse Forscher ihnen ohne weiteres von ihrem Zimmer aus die Urwaldungen zum Wohnorte anweisen.

Diesem Aufenthaltsorte der Paviane entspricht ihre Nahrung. Sie besteht hauptsächlich aus Zwiebeln, Knollengewächsen, Gräsern, Kraut, Pflanzenfrüchten, welche auf der Erde oder wenigstens nur in geringer Höhe über derselben wachsen oder von den Bäumen abgefallen sind, [144] Kerbthieren, Spinnen, Schnecken, Vogeleiern usw. Eine Pflanze Afrika's, welche diese Affen besonders lieben, hat gerade deshalb ihren Namen »Babuina« nach einer Art unserer Sippe erhalten. In den Anpflanzungen, zumal in den Weinbergen, richten sie den allergrößten Schaden an; ja man behauptet, daß sie ihre Raubzüge förmlich geordnet und überlegt unternähmen. Sie sollen oft noch eine gute Menge Früchte wegnehmen und auf die höchsten Gipfel der Berge schleppen, um dort für ungünstigere Zeiten Vorräthe anzusammeln. Daß sie Schildwachen ausstellen, ist sicher; als übertrieben aber müssen Erzählungen gehalten werden, wie die von Geßner herstammenden, in denen uns gesagt wird, daß die Affen in gerader Linie hinter einander anrücken und sich in einer Reihe aufstellen, damit einer dem anderen das abgerissene Obst zuwerfen könne. Käme dann Jemand, welcher die Gaudiebe an ihrer Arbeit verhindern wolle, so rissen sie alle Kürbisse, Gurken, Melonen, Granatäpfel und dergleichen ab und brächten sie so schleunig wie möglich in Sicherheit, indem sie die Früchte eine gute Strecke vom Garten entfernt auf einen Haufen würfen und diesen dann in derselben Weise weiter und weiter beförderten, bis sie ihre Schätze endlich auf einen Berggipfel gebracht hätten. Die Schildwache (welche bei den Raubzügen wirklich ausgestellt wird) solle die plündernden Schelme jedesmal durch einen Schrei von der Ankunft des Menschen in Kenntnis setzen; und ihre Wachsamkeit sei schon aus dem Grunde sehr groß, weil sie von den anderen zu Tode geprügelt werde, wenn sie ihre Pflicht versäumt habe! So viel ist jedenfalls richtig, daß alle Hundsköpfe als eine wahre Landplage betrachtet werden müssen, weil sie den Landleuten ihrer Heimat außerordentlichen Schaden zufügen.

Mehr als alle übrigen Affen zeigen die Paviane durch ihre Haltung, daß sie echte Erdthiere sind. Ihre ganze Gestaltung bindet sie an den Boden und erlaubt ihnen bloß ein leichtes Ersteigen von Felswänden, nicht aber auch ein schnelles Erklettern von Bäumen. Man sieht sie stets auf allen Vieren gehen und nur dann auf zwei Beine sich stellen, wenn sie Umschau halten wollen. Sie ähneln in ihrem Gange plumpen Hunden mehr als Affen, und nehmen selten die bezeichnende Stellung der letzteren an. Auch wenn sie sich aufrichten, stützen sie ihren Leib gern auf eine ihrer Hände. So lange sie sich ruhig verhalten und Zeit haben, sind ihre Schritte langsam und schwerfällig; sobald sie sich verfolgt sehen, fallen sie in einen merkwürdigen Galopp, welcher die allersonderbarsten Bewegungen mit sich bringt. Ihr Gang zeichnet sich durch eine gewisse leichtfertige Unverschämtheit aus; man muß ihn aber gesehen haben, wenn man ihn sich vorstellen will. Das ist ein Wackeln der ganzen Gestalt, namentlich des Hintertheils, wie man es kaum bei einem anderen Thiere sieht; und dabei tragen die Thiere den Schwanz so herausfordernd gebogen und schauen so unverschämt aus ihren kleinen, glänzenden Augen heraus, daß schon ihre Erscheinung ihrer Anmaßung Ausdruck gibt.

Ihre geistigen Eigenschaften widersprechen ihrer äußeren Erscheinung nicht im geringsten. Ich will, um sie zu beschreiben, mit Scheitlins Worten beginnen:

»Die Paviane sind alle mehr oder minder schlechte Kerle, immer wild, zornig, unverschämt, geil, tückisch; ihre Schnauze ist ins gröbste Hundeartige ausgearbeitet, ihr Gesicht entstellt, ihr After das Unverschämteste. Schlau ist der Blick, boshaft die Seele. Dafür sind sie gelehriger als die kleineren Affen und zeigen noch mehr Verstand, jedoch immer mit List. Erst an diesen kommt die zweite Affeneigenschaft, d.h. die Nachahmungssucht, vor, wodurch sie ganz menschlich werden zu können scheinen, es aber nicht werden. Ihre Geilheit geht über alle Begriffe; sie geberden sich auch Männern und Jünglingen gegenüber schändlich. Kinder und Frauen darf man nicht in ihre Nähe bringen. Aber Fallstricke und Gefahren merken sie leicht, und gegen die Feinde vertheidigen sie sich mit Muth und Eigensinn. Wie schlimm jedoch ihre Natur ist, so kann man sie doch in der Jugend ändern, zähmen, gehorsam machen; nur bricht ihre schlimme Natur im Alter, wenn ihr Sinn und Gefühl stumpf werden, in den alten Adam zurück. Der Gehorsam hört wieder auf, sie grinsen, kratzen und beißen wieder. Die Erziehung griff nicht tief genug ein. Man sagt, daß sie im Freien geistreicher und geistig entwickelter seien, in der Gefangenschaft hingegen [145] milder und gelehrter werden. Ihr Familienname ist auch Hundskopf. Hätten sie zum Hundskopfe nur auch die Hundeseele!«

Ich kann Scheitlin nicht widersprechen: das Bild, welches er zeichnet, ist richtig. Der Geist der Paviane ist gleichsam der Affengeist in seiner Vollendung, aber mehr im schlechten als im guten Sinne. Einige vortreffliche Eigenschaften können wir ihnen nicht absprechen. Sie haben eine außerordentliche Liebe zu einander und gegen ihre Kinder; sie lieben auch den Menschen, welcher sie pflegt und auferzogen hat, werden ihm selbst nützlich auf mancherlei Weise. Aber all diese guten Seiten können nicht in Betracht kommen ihren Unsitten und Leidenschaften gegenüber. List und Tücke sind Gemeingut aller Hundsköpfe, und namentlich zeichnet eine furchtbare Wuth sie aus. Ihr Zorn gleicht einem ausbrechenden Strohfeuer, so rasch lodert er auf; aber er hält aus und ist nicht so leicht wieder zu verbannen. Ein einziges Wort, spottendes Gelächter, ja ein schiefer Blick kann einen Pavian rasend machen, und in der Wuth vergißt er alles, selbst Den, welchen er früher liebkoste. Deshalb bleiben diese Thiere unter allen Umständen gefährlich, und ihr roher Sinn bricht durch, auch wenn sie ihn lange Zeit gar nicht zeigten. Ihren Feinden gegenüber machen sie sich wahrhaft furchtbar.

Die Paviane leben sehr unbehelligt in ihrer Heimat; denn die Raubthiere und der Mensch fürchten sie und gehen ihnen aus dem Wege, wo nur immer möglich. Sie fliehen zwar vor dem Menschen, lassen sich aber doch, wenn es Noth thut, mit ihm wie mit Raubthieren in Kampf ein, und dieser wird, weil sie regelmäßig gemeinschaftlich angreifen, oft äußerst gefährlich. Der Leopard scheint der Hauptfeind zu sein; doch stellt er mehr den Jungen nach als den Alten, weil er alle Ursache hat, sich zu bedenken, ob seine Fangzähne und Klauen dem Gebiß und den Händen der Paviane gewachsen sind. Eine Herde greift er nicht an. Dies thut selbst der Löwe nicht, wie mir und anderen Reisenden von den Eingeborenen versichert worden ist. Hunde überwältigt der Pavian ohne Mühe, und gleichwohl kennen jene edlen Thiere keine größere Lust als die Jagd solcher Affen. Man sollte meinen, daß ein Hund, welcher einmal mit den gefährlichen Gegnern zu thun gehabt hat, sich in Zukunft weigere, wieder mit ihnen zusammen zu kommen: allein dem ist nicht so. Die Jagdhunde der Kapbewohner lassen vielmehr jede andere Fährte, sowie sie von der eines Affen Witterung bekommen. Der Kampf zwischen beiden Thieren soll, wie Augenzeugen versichern, ein furchtbarer sein; die Pflanzer am Kap fürchten für ihre Hunde weit mehr, wenn diese einen Pavian verfolgen, als wenn sie sich zum Kampfe mit dem Leopard rüsten. Wenn eine Meute scharfer Hunde eine Pavianherde erblickt, stürzt sie sich wüthend auf dieselbe los. Die Affen ergreifen die Flucht, und die Hunde jagen hinterdrein. Mehr und mehr zerstreuen sich Feinde und Verfolger. Alle schwächeren Hundsköpfe eilen so schnell als möglich den Felsen zu, um sich dort in Sicherheit zu begeben. Die stärkeren Männchen der Affen gehen langsamer und nehmen die Verfolger auf sich. Nur dann und wann werfen sie blitzschnell einmal den Kopf herum, und ein tückisch-boshafter Blick aus den kleinen Augen fällt auf den Verfolger. Endlich erreicht dieser seinen Feind und versucht, ihn zu fassen. Allein plötzlich und mit wüthendem Schrei dreht jener sich um, hängt dem ungeübten Hunde im nächsten Augenblicke mit Händen und Füßen fest an Brust und Gurgel, setzt sein furchtbares Gebiß in die Kehle des Hundes, reißt ihn mit den scharfschneidigen Eckzähnen drei, vier, sechs lange und tiefe Risse in Kehle und Brust, balgt und windet sich mit ihm, wälzt sich auf dem Boden umher, versetzt dem Feinde neue Wunden und läßt ihn dann liegen, blutbedeckt und verendend, während er selbst mit Hohngeschrei dem Gebirge zueilt. Gute Hunde sind geschult und wissen dem zu entgehen. Sie trennen sich nie, sondern halten in der Meute zusammen, und diese überfällt einen einzelnen Affen. Drei, vier Hunde stürzen sich auf einen Feind, und dann helfen diesem gewöhnlich seine furchtbaren Waffen nichts: er muß unterliegen, wenn ihm der Weg zur Flucht nicht offen steht. Außer dem Hunde und dem Leopard haben die Paviane keine ihnen schädlichen Feinde. Den Raubvögeln fällt es gar nicht ein, auf sie zu fahnden; der stärkste Adler wagt sich nicht einmal an das schwächlichste [146] Junge eines Hundskopfes. Auch die Menschen können eben nicht mehr thun, als diese Affen dann und wann aus ihren Pflanzungen zu vertreiben. Eine wirkliche Jagd würde, wenn sie nicht gefährlich sein sollte, bedeutende Mannschaften erfordern und auch dann schwerlich zu einem Ausrottungskriege werden können. Nur Kriechthiere und Lurche sind es, welche die Paviane in wirkliche Furcht und Schrecken versetzen. Die kleinste Schlange bringt unter einer Herde ein namenloses Entsetzen hervor. Es ist wohl sicher, daß die Affen hinsichtlich des furchtbaren Giftzahnes der Schlangen böse Erfahrungen gemacht haben. Sie leben in beständiger Angst vor den gefährlichen Würmern. Kein Pavian hebt einen Stein auf oder durchsucht einen Busch, ohne sich vorher zu vergewissern, daß unter und in ihm keine Schlange verborgen ist. Skorpione fürchten die klugen Thiere nicht, wissen dieselben vielmehr mit großer Gewandtheit zu fangen und sie ihrer Giftstachel zu berauben, ohne sich zu verletzen. Dann verspeisen sie den Skorpion mit demselben Vergnügen wie andere Spinnen oder ein Kerbthier.

Nach diesem möchte man sich wundern, daß es überhaupt möglich wird, Paviane in seine Gewalt zu bekommen. Und doch ist dies ganz leicht: die Sinnlichkeit der Thiere wird ihr Verderben. In ganz Afrika gilt es als bekannte Sache, daß die Paviane leidenschaftlich gern geistige Getränke zu sich nehmen und in ihnen sich leicht berauschen. Man setzt ihnen also einfach Töpfe mit derartigen Flüssigkeiten vor, und wenn hernach die Affen vollkommen trunken geworden sind, bemächtigt man sich ihrer. Starke Fesseln und Prügel bändigen regelmäßig ihre anfänglich geradezu beispiellose Wuth, und die ihnen eigene Klugheit läßt ihnen schon nach kurzer Gefangenschaft die Oberherrschaft des Menschen erkennbar werden. Häufiger noch bemächtigt man sich der Jungen, und zwar gewöhnlich mit Hülfe der Hunde, welche eine Herde zersprengen und jüngere Stücke stellen. Diese geben sich in der Regel widerstandslos ihren Verfolgern preis, und ihre Zähmung verursacht nicht die geringste Mühe, weil sie, von ihrer Mutter getrennt, ganz glücklich sind, einen Pfleger gefunden zu haben.

In ihrer sinnlichen Liebe sind die Paviane wahrhaft scheußlich. Die vorhin erwähnte Geilheit und Frechheit zeigt sich bei keinem anderen Thiere in so abschreckender Weise wie bei ihnen. Ich möchte sagen, daß die Größe ihrer Leidenschaftlichkeit erst hierbei sich offenbare. Die Männchen sind nicht bloß lüstern auf die Weibchen ihrer Art, sondern auf alle größeren Säugethiere weiblichen Geschlechts überhaupt. Es wird wiederholt und von allen Seiten versichert, daß sie zuweilen Mädchen rauben oder wenigstens überfallen und mishandeln. Daß sie Männer und Frauen sofort unterscheiden, habe ich hundertfach beobachtet, und ebenso, daß sie den Frauen durch ihre Zudringlichkeit und Unverschämtheit im höchsten Grade lästig werden können. Die Männchen sind beständig brünstig, die Weibchen nur zu gewissen Zeiten, alle dreißig bis fünfunddreißig Tage etwa. Die Brunst zeigt sich auch äußerlich in häßlicher Weise: die Geschlechtstheile schwellen bedeutend an und erhalten eine glühendrothe Farbe; man meint, daß das Gesäß in bedenklicher Weise erkrankt sei. Nach meinen Beobachtungen währt die Brunstzeit der Paviane so weit äußerlich ersichtlich, vierzehn bis zwanzig Tage. Sie beginnt mit einem merklichen Anschwellen der Geschlechtstheile, welches sich im Verlaufe der Zeit fast über das ganze Gesäß erstreckt und die Schwielen blasig auftreibt. Diese röthen sich gleichzeitig, als ob sie entzündet wären, und das ganze Gesäß erhält dadurch ein wahrhaft abschreckendes Aussehen. Nach etwa acht Tagen verkleinern sich die Blasen, schrumpfen mehr und mehr zusammen und verschwinden gegen Ende der angegebenen Zeit vollständig. Im Anfange der Brunst sind die Weibchen ebenso erpicht auf die Männchen wie diese während der ganzen Jahreszeit auf jene. Obgleich sich die Hundsköpfe in der Gefangenschaft fortpflanzen, weiß man doch noch nicht bestimmt, wie lange ihre Tragzeit dauert.

Der Nutzen der Paviane ist gering. Ihrer Gelehrsamkeit wegen werden sie zu allerlei Kunststücken abgerichtet. Am Kap sollen sie noch zum Aufsuchen des Wassers in der Wüste dienen. Alle Hundsköpfe sind, wie glaubwürdige Reisende mittheilen, nach den Erfahrungen der Kapbewohner die besten Wassersucher, welche es gibt. Man hält sie deshalb häufig gezähmt und nimmt sie mit in [147] jene wasserarmen Striche, in denen selbst die Buschmänner das wichtigste Element nur tropfenweise zu gewinnen wissen. Wenn der Wasservorrath zu Ende geht, bekommt der Pavian etwas Salziges zu fressen. Nach einigen Stunden nimmt man ihn dann an eine Leine und läßt ihn laufen. Das vom Durste gequälte Thier wendet sich bald rechts, bald links, bald vor-, bald rückwärts, schnüffelt in der Luft, reißt Pflanzen aus, um sie zu prüfen, und zeigt endlich durch Graben das verborgene oder durch ein entschiedenes Vorwärtseilen das zu Tage getretene Wasser an.

In den Sagen und Erzählungen der Araber spielen die Paviane eine hervorragende Rolle. Sie sind es, welche die Geschichtschreiber am besten kennen, weil sie in Jemen vorkommen, sie auch, welche am häufigsten lebend nach Egypten und Syrien gebracht werden; und auf sie insbesondere bezieht sich die Behauptung des Propheten und seiner Freunde, daß Allah sie in seinem Zorne aus Menschen zu Affen verwandelt habe. Schêch Kemal Edîn Demiri, welcher um das Jahr 1405 unserer Zeitrechnung starb, und ein großes Werk unter dem Namen Heiât el Heiwân (zu deutsch »Leben der Thiere«) geschrieben hat, »nicht weil dasselbe von irgend einem hohen Gönner bestellt worden wäre, sondern nur wegen der großen Unwissenheit der Menschen über alles, was die Thiere angeht«, erzählt als gläubiger Sohn seines Volkes die Geschichte, ohne daß er wagt, daran zu mäkeln. Die Stadt hieß Aila und lag am Rothen Meere, und ihre Bewohner waren selbstverständlich Juden, in den Augen der Mohammedaner ebenso wenig angesehene Leute als in denen der gebildeten, über Vorurtheile hoch erhabenen Europäer, insbesondere der Deutschen. Ursache der Verwandlung war eine große Ungebührlichkeit, welche sich die betreffenden Juden zu Schulden kommen ließen, indem sie nämlich an einem Sonnabende mit dem Fischfange sich beschäftigten, also den Sabbath entheiligten. Einige weise und fromme Bewohner Aila's suchten den Frevel zu stören, und verließen endlich, als man ihrer Warnungen nicht achtete, verhüllten Antlitzes die gottlose Stadt. Nach drei Tagen kehrten sie wieder, fanden die Thore verschlossen, kletterten über die Mauer und sahen sich umringt von Pavianen, von denen einzelne traurigen Blickes zu ihnen herankamen, sich an sie schmiegten und bittend zu ihnen emporsahen. Da kam Einem der Gedanke, daß die Affen wohl ihre Verwandten sein möchten, und auf die hingeworfene Frage: »Sage mir Pavian, bist du vielleicht mein Bruderssohn Ibrahim oder Achmed oder Musa?« antworteten die Thiere mit traurigem Kopfnicken. So ward denn Allen offenbar, daß hier ein entsetzliches Strafgericht vollzogen worden war. Schêch Demiri, welcher im übrigen so vernünftig ist, wie ein Buchstabengläubiger es sein kann, meint, daß man diese Erzählung hinnehmen müsse, obwohl es sich doch vielleicht beweisen ließe, daß es früher als Juden Paviane gegeben habe. Nach dieser Einleitung kommt er auf die Thiere selbst zu sprechen und kennzeichnet sie in einer Weise, welche wenig zu wünschen übrig läßt. »Diese Thiere«, sagt er, »sind den Menschen in ihrem Wesen und Gebaren sehr ähnlich; denn sie lachen, freuen sich, setzen sich auf das Gesäß, kratzen sich mit den Nägeln, reichen etwas mit ihrer Hand hin, haben bis zu den Spitzen gegliederte Finger und Nägel wie die Menschen, sind fähig, nachzuahmen und zu lernen und schließen sich den Menschen in freundlicher Weise an. Ihr gewöhnlicher Gang ist auf allen Vieren; doch können sie auch, wenigstens eine Zeitlang, auf den Hinterfüßen laufen. Ihr unteres Augenlid hat Wimpern; diese aber findet man sonst nur bei den Menschen. Wenn sie in das Wasser fallen, ertrinken sie wie ein Mensch, welcher das Schwimmen nicht versteht. Sie leben in geschlossener Ehe und sind eifersüchtig auf ihre Weibchen, und diese beiden Dinge gelten doch als entschiedener Vorzug des Menschen. Auch tragen die Weibchen ihre Kinder an der Brust wie Menschenmütter. Unzweifelhaft ist es, daß diese Thiere einen freien Willen haben; denn sonst wäre es nicht möglich, daß man ihnen Dinge lehren konnte, welche ihnen von Natur nicht eigen sind.« Letztere Bemerkung unseres Arabers dürfte gewissen Buchstabengläubigen der Neuzeit, welche im Auftrage und Sinne der Pfaffen naturgeschichtliche Aufgaben bearbeiten, zu besonderer Beachtung empfohlen sein; sie beweist, daß die Gläubigen unter den Arabern denn doch noch nicht in demselben Grade rückständig sind, wie die Buchstabengläubigen unter den Europäern.

[148] Der erste Gegenstand unserer Betrachtung mag ein Affe sein, welcher von vielen Naturforschern unter die Paviane, von anderen dagegen unter die Makaken gezählt wird. Ich meine den übermüthigen Schwarzen, dessen ich, als Peinigers des Budeng, bereits auf Seite 108 gedacht habe. Wie wir dort sahen, ähnelt er in seinem Wesen den eigentlichen Pavianen vollständig, hinsichtlich seiner Gestalt aber unterscheidet er sich nicht unbeträchtlich von den wahren Hundsköpfen, und eben daher rührt die verschiedene Meinung der Forscher.


Mohren- oder Schopfpavian (Cynocephalus niger). 1/6 natürl. Größe.
Mohren- oder Schopfpavian (Cynocephalus niger). 1/6 natürl. Größe.

Ich vertrete, seitdem ich ihn lebend gesehen habe, die Ansicht Cuviers, welcher unseren Schwarzen zuerst unter die Hundsköpfe aufnahm. Verkennen läßt sich allerdings nicht, daß er in seinem Auftreten auch in vieler Hinsicht an die Makaken erinnert; doch scheint mir das Wesen des Hundskopfes in ihm zu überwiegen. Man mag ihn als eines jener Uebergangsglieder betrachten, welche die Merkmale zweier Sippen an sich tragen und diese zu vermitteln scheinen. Wer ihn zu den Makaken zählen will, darf kaum des Irrthums geziehen werden; wer ihn zu den Hundsköpfen rechnet, hat ebenfalls Recht.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. CXLIII143-CXLIX149.
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