Riesenalk (Plautus impennis)

[632] Der Riesen- oder Brillenalk (Plautus impennis, Alca und Pinguinus impennis) bildet ein Uebergangsglied von den Flügel- zu den Fetttauchern und ist mit Recht zum Vertreter einer besonderen Sippe (Plautus), welcher wir den Namen Stummelalk geben wollen, erhoben worden. Ihn kennzeichnen außer bedeutender Größe namentlich die verkümmerten Flügel, welche zwar noch Schwingen genannt werden dürften, weil alle Federordnungen der Vogelflügel, obschon unvollkommen, vorhanden sind, welche zum Fliegen jedoch nicht befähigen. Der Schnabel ist gestreckt und von der Wurzel an bis zur Spitze in sanftem Bogen gekrümmt, am Unterkiefer seicht nach innen ausgewölbt, sehr hoch, aber äußerst schmal: die Schneiden bilden vom Mundwinkel bis vor das Nasenloch fast eine gerade Linie, welche weiterhin sich etwas aufschwingt und an der Spitze wieder herabsenkt; die Schnabelladen sind vorn mehrfach, am Oberkiefer sechs- bis sieben-, am Unterkiefer neun- bis zehnmal gefurcht. Die Füße unterscheiden sich in ihrem Baue nicht von denen der Alken, und ebenso hat das Gefieder dieselbe Beschaffenheit, der Schwanz auch dieselbe Anzahl von Steuerfedern. Unser Riesenalk hat ungefähr die Größe einer Gans; seine Länge beträgt etwa neunzig Centimeter. Von der Breite kann, der verkümmerten Flügel halber, kaum gesprochen werden; die eigentliche Fittiglänge schwankt zwischen siebzehn bis zwanzig, die Schwanzlänge zwischen acht und neun Centimeter. Das Gefieder ist auf der Oberseite glänzend schwarz, an der Kehle schwarzbraun; ein länglichrunder, weißer Fleck vor und über dem Auge, die Unterseite sowie ein Spitzensaum der Armschwingen sind weiß. Im Winterkleide nimmt letztere Färbung auch die Kehlgegend an; im Jugendkleide erstreckt sie sich theilweise über die Kopfseiten. Schnabel und Füße sind schwarz.

Bis in die neuere Zeit nahm man an, daß unser Vogel den nördlichsten Meerestheil der Erde bewohnt habe oder bewohne; aus Wolley's Untersuchungen geht das Gegentheil hervor. Nichts kann uns verbürgen, daß der Riesenalk jemals Spitzbergen besucht hat, und ebenso wenig ist er im hohen Norden Amerikas gefunden worden. Holboell berichtet, daß an Grönlands Küste im Jahre 1815 der letzte Riesenalk gefangen worden sei; alle übrigen Nachrichten sprechen dafür, daß er mehr [632] im Süden des Eismeeres lebte, ja vormals wahrscheinlich noch in größerer Menge im Norden des Atlantischen Weltmeeres oder der Nordsee gefunden wurde. Daß er früher bis zu den Färinseln als Brutvogel herabkam, scheint festzustehen, und ebenso kann man über seine Besuche der Hebriden keinen Zweifel hegen. Bullock erlegte einen im Jahre 1812, nachdem er ihn lange umsonst verfolgt hatte, in der Nähe der Hebriden, und der Naturforscher Flemming war im Jahre 1822 beim Fange eines anderen auf St. Kilda gegenwärtig. Im Jahre 1790 wurde ein Stück im Hafen von Kiel erbeutet, und der seltsame Vogel erlangte dadurch deutsches Bürgerrecht; 1830 trieb, laut Naumann, ein todter Riesenalk an die Küste der Normandie. Am häufigsten war er wohl jederzeit auf Island und Neufundland, dort aber nicht auf der Insel selbst, sondern auf den Schären und kleinen Felseninseln in der Nähe des größeren Eilandes, welche, beständig von wüthender Brandung umtobt, von ihm als sichere Plätze zum Nisten erwählt wurden und ihm wegen der Unnahbarkeit der Orte bis in die neuere Zeit einen Zufluchtsort gewährten.


Riesenalk (Plautus impennis). 1/5 natürl. Größe.
Riesenalk (Plautus impennis). 1/5 natürl. Größe.

Mehrere dieser Schären führen noch heutigen Tages den Namen »Geirfuglasker« oder »Riesenalksklippe«, zum Beweise, daß auf ihnen vormals unser Alk, der »Geirfugl« der Isländer, mehr regelmäßig gefunden worden. [633] Nimmt man, sagt Newton, die schöne Karte von Island zur Hand, welche im Jahre 1844 im Auftrage der isländischen wissenschaftlichen Gesellschaft veröffentlicht wurde, so wird man den Namen »Geirfuglasker« an drei verschiedenen Stellen auffinden. Die östlichste Insel ist etwa zehn Meter von der Küste entfernt und den dänischen Seeleuten als Walfischrücken wohl bekannt; die südlichste gehört zu den Westmanöern; die westlichste liegt auf der Höhe des Kaps Raykjanes. Ob auf allen drei dieser Inseln vormals Riesenalken gebrütet haben, bleibt fraglich; zwei von ihnen haben die Vögel gewiß zu Brutplätzen benutzt.

Wirklich häufig scheint der Riesenalk hier schon im vorigen Jahrhundert nicht mehr gewesen zu sein. In einem alten handschriftlichen Berichte aus dem Anfange der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fanden Newton und Wolley eine Beschreibung der Alkklippe von Raykjanes, in welcher von der wunderbaren Anzahl von Vögeln auf dem dortigen Felsen gesprochen, aber hinzugefügt wird, daß der Riesenalk dort gar nicht so häufig ist, als die Leute sich einbilden, und der Raum, welchen er bewohnt, nicht mehr als auf den sechzehnten Theil der Klippe veranschlagt werden darf, weil er sich höher hinauf wegen seiner Flugunfähigkeit nicht begeben könne. Ein Theil dieser Abhandlung gibt eine genaue Beschreibung von dem Riesenalk und seinen Eigenthümlichkeiten, einschließlich der Eier, welche der Schreiber so genau schildert, als ob er Fachmann gewesen wäre, und außerdem ist der Handschrift eine Zeichnung beigefügt, welche die Klippe und zwei mit dem Fange von Riesenalken beschäftigte Männer darstellt. Olafsen, welcher im Jahre 1458 auf Island war, wurde erzählt, daß in früherer Zeit die Leute ihre Boote auf besagter Insel mit Eiern gefüllt hätten, woraus also hervorgeht, daß man damals regelmäßig Jagdzüge nach gedachter Klippe unternahm. Diese scheinen bis zu Anfang unseres Jahrhunderts fortgesetzt worden zu sein; zu Fabers Zeit aber, also im Jahre 1822, war man bereits davon abgekommen, und nur zufällig wurden noch Besuche unternommen. So segelte im Sommer 1813 ein Schiff von den Färinseln aus nach Island, um von dort Lebensmittel zu holen, kam an der Klippe vorüber, sah sie mit Vögeln bedeckt, bestieg sie, weil das Wetter dies gestattete, und erlegte verschiedene Riesenalken, von denen einige nach Reykiavik gebracht wurden. Wenn unsere Gewährsmänner recht berichtet worden sind, haben diese Schiffer eine arge Metzelei unter den Vögeln angestellt, da sich unter ihrer Beute nicht weniger als vierundzwanzig Riesenalken befunden haben sollen, diejenigen ungerechnet, welche bereits eingesalzen waren. Im Jahre 1814 wurden, laut Faber, von einem Bauer sieben Riesenalken auf einer kleinen Schäre erschlagen, von da an bis zum Jahre 1830 jedenfalls noch viele getödtet, jedoch niemals größere Gesellschaften vernichtet. Im Jahre 1830 unternahm ein gewisser Goudmundsson zwei Jagdzüge nach Eldey oder dem »Mehlsacke« und fand auf dem einen zwölf oder dreizehn, auf dem anderen acht Riesenalken, von denen der größere Theil für Sammlungen erhalten wurde. Im folgenden Jahre wurde unter demselben Führer wieder eine Fahrt unternommen und dabei vierundzwanzig gefangen, von denen sogar lebende heimgebracht und auch eine Zeitlang gefangen gehalten wurden. Diese Riesenalken wurden sämmtlich von einer und derselben Frau, mit welcher Newton und Wolley sprachen, abgezogen und ausgestopft. Im Jahre 1833 wurden dreizehn, im Jahre 1834 neun Vögel erlegt, im Jahre 1840 oder 1841 drei, im Jahre 1844 zwei, die letzten, von denen man Kunde hatte, vielleicht die letzten ihres Geschlechtes, gefangen. »Man wird mich«, sagt Newton, »entschuldigen, wenn ich mit einiger Ausführlichkeit die Einzelheiten des letzten Fanges berichte. Es werden diese eine Vorstellung davon geben, wie früher verfahren wurde.

Die Gesellschaft bestand aus vierzehn Mann. Von ihnen sind zwei todt; mit allen übrigen zwölf lebenden sprachen wir. Sie brachen in einem achtruderigen Boote von Kyrkjuevogr am Abend zwischen dem zweiten und dritten Juni auf und kamen am nächsten Morgen vor Eldey an. Ihrer Gestalt nach ist diese Insel ein abschüssiger Schober, fast ringsum senkrecht abfallend. Die am höchsten hinaufsteigenden Theile sind verschieden geschätzt worden; aber auf der gegenüberliegenden Seite zieht sich eine Fläche, das Unterland, von der See bis zu einer beträchtlichen Höhe hinauf, [634] bis sie von der steil aufsteigenden Wand des höheren Theiles unterbrochen wird. Am Fuße dieser Fläche ist der einzige Landungsplatz und weiter hinauf die Stelle, wo die Riesenalken ihren Aufenthalt hatten. Drei Mann stiegen aus, ein vierter lehnte ab, so gefährlich schien die Landung zu sein. Jene sahen zwei Riesenalken unter den zahllosen anderen Bergvögeln sitzen und begannen sofort die Jagd auf dieselben. Die Riesenalken zeigten nicht die geringste Neigung, den Angreifern Widerstand zu leisten, sondern liefen sofort unter der steilen Klippe entlang, ohne laut zu werden, ihre Köpfe vorstreckend und ihre Flügel etwas ausbreitend. Trotz ihrer kurzen Schritte bewegten sie sich ungefähr so schnell vorwärts, als ein Mann hier gehen konnte. Jon trieb mit ausgestreckten Armen einen in eine Ecke und ergriff ihn hier; Sigurdr und Ketil, die anderen Fänger, verfolgten den zweiten, und der erstere packte ihn dicht am Rande des Felsens. Ketil kehrte darauf zu der Abdachung zurück, von welcher die Vögel aufgestört worden waren, und sah ein Ei auf einem Lavablock liegen, welches er als das des Riesenalkes erkannte. Er nahm es auf, warf es aber, da er es zerbrochen fand, wieder weg. Ob noch ein zweites Ei vorhanden war oder nicht, bleibt fraglich. Alles dies ereignete sich in weit weniger Zeit, als zur Erzählung nöthig ist; die Männer hatten auch keine Zeit zu verlieren, denn der Wind erhob sich, und die Brandung nahm zu. Beide Vögel wurden erwürgt und für ungefähr einhundertundachtzig Mark unseres Geldes verkauft. Ihre Bälge befinden sich im Museum von Kopenhagen.«

Durch zahlreiche Mittheilungen älterer Seefahrer und neuerliche Untersuchungen konnte festgestellt werden, daß der Riesenalk auf Neufundland und einigen benachbarten Schären ebenfalls häufig gewesen ist. Steenstrup hat das Verdienst, diese alten, beachtenswerthen Nachrichten über die wunderbare Menge der »Pinguine«, wie die Riesenalken an der Westküste des Atlantischen Meeres stets genannt wurden, gesammelt zu haben. Aus den Berichten, welche im sechzehnten Jahrhunderte von jener Erdgegend uns zukamen, geht hervor, daß die Riesenalken hier sehr häufig gewesen sein müssen. Ein gewisser Hakluyt erzählt in einem Briefe unterm dreizehnten November 1578, daß auf der sogenannten Pingu ininsel eine Masse unserer Vögel gesehen und über eine Planke hinweg in das Boot getrieben wurde, soviel als dasselbe tragen konnte. »Wir bekamen,« sagt derselbe Berichterstatter, »später eine Insel in Sicht, genannt die Pinguininsel, von einem Vogel, welcher dort in fast unglaublicher Menge brütet, nicht zu fliegen vermag, da die Flügel nicht im Stande sind, den Körper zu heben, und welcher sehr groß, nicht kleiner als eine Gans, und außerordentlich fett ist. Die Franzosen pflegen diesen Vogel auf gedachter Insel ohne Schwierigkeit zu fangen und ihn einzusalzen; wenn wir Zeit genug gehabt hätten, würden wir uns dieselben Nahrungsvorräthe dort verschafft haben.« Andere Berichte lassen über die Glaubwürdigkeit keinen Zweifel: ein treffliches Zeugnis aber für die Wahrhaftigkeit jener Angabe findet sich in folgendem. Im Jahre 1841 wurde Peter Stuvitz, ein norwegischer Naturforscher, von seiner Regierung abgesandt, um sich über die Verhältnisse des Stockfischfanges jener Gegend zu unterrichten. Gelegentlich seiner Forschungen hörte er oft die Fischer, mit denen er sich unterhielt, von dem ehemaligen Vorhandensein einer unzähligen Menge von Vögeln erzählen, welche sie Pinguine nannten, und sprach in seinem Berichte beiläufig von dieser Thatsache. Die Gelehrten seiner Heimat wurden über seine Angabe stutzig, weil sie glaubten, daß Pinguine nur auf der südlichen Halbkugel vorkämen, und sprachen sich demgemäß aus. Stuvitz, welcher seine Glaubwürdigkeit betreffs dieser Angabe angegriffen sah, entschloß sich, eine Gruppe von kleineren Schären, welche vor dem Eingange der Bonavistabai liegen, zu besuchen, und hier fand er, wie man ihm vorausgesagt hatte, die Ueberreste von rohen Steineinhegungen, in welche vor Zeiten die unglücklichen Opfer von ihren Verfolgern getrieben worden waren, auch Haufen sogenannter Pinguinknochen. Einige von den letzteren sandte er nach Christiania, wo sie als Knochen des Riesenalkes erkannt wurden, und so war das Wunder erklärt. Im Jahre 1863 erhielt ein Amerikaner von der Regierung die Erlaubnis, die Erde von den Felsen wegzuführen und sie als Düngemittel nach Boston zu senden. Bei der Wegnahme des halbgefrorenen Erdbodens wurden nicht nur viele Knochen derselben Art aufgedeckt,[635] sondern in einiger Tiefe unter der Oberfläche auch mehrere natürliche Mumien des Vogels, welche sich in Torf und Eis erhalten hatten, aufgefunden. Zwei dieser Mumien erhielt glücklicherweise der Bischof von Neufundland, welcher, auf ihren Werth aufmerksam gemacht, sie nach England schickte und Owen Gelegenheit gab, seine berühmte Abhandlung über den Knochenbau des Riesenalkes zu schreiben.

In früheren Zeiten wurden die Riesenalken während der Sommerzeit um Island so regelmäßig von den Fischern auf der See gesehen, daß man ihrem Erscheinen kaum Beachtung schenkte. Die Einwohner von Kyrkjuvogr und Sudrnes wurden ihrer gewöhnlich zuerst ansichtig, wenn sie auf der Höhe des Hafnaberges erschienen und dort nach der Strömung bei Reykjanes gelangten. Alle Beobachter erwähnen, daß sie mit hoch erhobenem Kopfe, aber eingezogenem Nacken zu schwimmen pflegten und, beunruhigt, stets untertauchten. Auf den Felsen saßen sie gerade aufgerichtet, steiler als Lummen und Alken. Sie gingen oder liefen mit kleinen, kurzen Schritten aufrecht einher wie ein Mensch und stürzten bei Gefahr vier bis fünf Meter hinab in die See. Ein Geräusch erschreckte sie eher als eine Erscheinung, welche sie durch das Gesicht wahrnahmen. Mitunter ließen sie ein schwaches Krächzen vernehmen. Niemals hat man bemerkt, daß sie ihre Eier vertheidigten; wenn sie aber angegriffen wurden, wehrten sie sich mit heftigem Beißen. Als Bullock im Jahre 1812 die Orkneyinsel besuchte, erzählten ihm die Eingeborenen von einem Männchen, welches mehrere Jahre hinter einander auf Papa Vestra beobachtet worden sei. Das Weibchen, von den Eingeborenen »Königin der Alken« genannt, war gerade vor Bullocks Ankunft getödtet worden. Auf das Männchen machte unser Sammler in einem sechsruderigen Boote mehrere Stunden lang Jagd, ohne es erlegen zu können; denn obgleich es ihm mehrmals nahe kam, war doch der Vogel so behend, daß man keinen Schuß auf ihn abgeben konnte. Die Geschwindigkeit, mit welcher er seinen Weg unter Wasser verfolgte, war fast unglaublich. Latham fügt der Geschichte hinzu, daß der Riesenalk sich gegen die eingeborenen Fischer weniger scheu zeigte, Bullock aber, als einem Fremden, sorgfältig auswich. Die Fischer erschlugen den Vogel später mit einem Ruder.

Die Nahrung soll in Fischen verschiedener Größe bestanden haben. Fabricius gibt an, daß er außerdem im Magen eines Jungen Pflanzentheile fand.

Das einzige Ei, welches ein Paar erzeugte, wurde im Juni gelegt; es hat die kreiselförmige Gestalt der Alkeneier überhaupt, zeichnet sich aber durch seine bedeutende Größe vor allem aus, ist überhaupt das größte gefleckte Ei aller europäischen Vögel. Seine Länge beträgt einhundertundzwanzig bis einhundertunddreißig, der Durchmesser an der dicksten Stelle der Breite fünfundsiebzig bis achtzig Millimeter. Die dicke Schale ist glanzlos mit tiefen Poren, ihre Grundfärbung graulichweiß, mehr oder weniger ins Gelbliche oder Grünliche ziehend, die Zeichnung wie auf Lummen- und Tordalkeneier verschieden und vielgestaltig vertheilt, da sie braune und schwarze, rundliche oder lang gezogene Flecke, geschlängelte Linien oder ähnliche Zeichen bildet. Männchen und Weibchen haben, wie ihre Brutflecke beweisen, abwechselnd gebrütet, wie lange, weiß man nicht, vielleicht zwischen sechs oder sieben Wochen. Das Junge ist in einem dunkelgrauen Flaumenkleide ausgeschlüpft und sehr bald dem Wasser zugeführt worden.

Im Jahre 1821 oder 1822 begleitete Flemming einen gewissen Stevenson auf seiner jährlichen Reise zur Besichtigung der nördlichen Leuchtthürme. »Als wir am achtzehnten August im Begriffe standen, die Insel Glas zu verlassen«, schrieb der erstere, »wurde uns ein lebender Riesenalk an Bord gebracht, welchen Maclellan, der Pächter von Glas, vor einiger Zeit auf der See von St. Kilda gefangen hatte. Er war abgemagert und hatte ein kränkliches Aussehen, wurde jedoch nach einigen Tagen munter, nachdem man ihn mit Fischen reichlich versehen und ihm erlaubt hatte, gelegentlich im Wasser sich zu tummeln, wobei man sein Entkommen durch eine ihm ans Bein gebundene Leine zu verhindern wußte. Ungeachtet dieses Hindernisses tauchte und schwamm er unter Wasser mit solcher Schnelligkeit, daß er jeder Verfolgung vom Boote ausspottete. Wenn er in der Gefangenschaft gefüttert wurde, reckte er seinen Kopf in die Höhe, gab seine Angst durch [636] Schütteln des Kopfes und Halses kund und ließ ein gurgelndes Geräusch hören.« Ein anderes Stück wurde, laut M'Gillivray, im Jahre 1829 bei St. Kilda, ein drittes im Jahre 1834 im Eingange zum Waterfordhafen gefangen. Letzterer war, nach der Angabe des Fängers, augenscheinlich fast verhungert. Als er sich in seiner Jolle in einiger Entfernung von der Küste befand, sah er den Alk in seiner Nähe schwimmen und hielt ihm einige Sprotten vor, denen zu Liebe der Vogel sich dem Boote näherte, worauf er ohne Mühe ergriffen wurde. Unser Fänger hielt ihn einige Tage lang in seinem Gewahrsame und fütterte ihn hauptsächlich mit in Milch eingeweichten Kartoffeln, welches unnatürliche Futter das hungrige Thier gierig verschlungen haben soll. Nachdem er den Alk zehn Tage gehabt, verkaufte er ihn an Davis, von welchem er an Grugh nach Horetown gesandt wurde. Hier blieb er ungefähr vier Monate lang am Leben; es wurden ihm ebenfalls in Milch eingeweichte Kartoffeln, später aber Fische, in die Kehle gestopft, und er fraß sie gierig bis einen oder zwei Tage vor seinem Tode. Dieser Alk stand sehr aufrecht und strich häufig seinen Kopf mit dem Fuße, besonders wenn ihm irgend eine Lieblingsnahrung gewährt wurde. Nach Grughs Beobachtungen zog er Süßwasserfische, insbesondere Forellen, den Seefischen vor. Alle Nahrung verschluckte er ganz. Er blieb fortwährend ziemlich wild.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Sechster Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Dritter Band: Scharrvögel, Kurzflügler, Stelzvögel, Zahnschnäbler, Seeflieger, Ruderfüßler, Taucher. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 632-637.
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