VII

Kleine Reiseabenteuer mit wilden Tieren

[136] Für den Umgang mit wilden Tieren hat uns Freiherr von Knigge leider keine Vorschriften hinterlassen, und ebenso entbehren wir die Erfahrungen, die unser guter Stammvater Noah sammelte, als er nach elfmonatiger Seereise mit seiner Arche auf dem Gebirge Ararat landete. Er errettete uns die Tierwelt, unter der sein Urenkel Nimrod als gewaltiger Jäger vor dem Herrn allerdings beachtlich weidwerkte. Wie schwer es war, allein einen ausgewachsenen Elefanten an Bord zu bringen, beweist nachfolgende Geschichte.

Im Jahre 1864 erhielt ich eines Tages einen Brief von dem alten Tierschaubesitzer Kreutzberg aus Lüttich, in welchem er mir mitteilte, daß er seinen Tierbestand verkaufen wolle. Ich reiste also nach der alten Wallonenstadt, traf Kreutzberg am Bahnhof und fuhr mit ihm nach der Station Chené, wohin er seine Tiere dirigiert hatte. Sie waren aber noch nicht da, und wir mußten dort übernachten. In aller Herrgottsfrühe wurden wir aus dem Schlaf getrommelt und erhielten die Schreckensbotschaft, daß die Elefantenkiste in dem letzten Tunnel sich als zu hoch erwiesen hatte und beim Stoß gegen die Tunneldecke in Trümmer gegangen sei. Glücklicherweise besaß dieser Dickhäuter ein seinem Fell entsprechendes Phlegma, vielleicht war er auch ein Philosoph, denn als wir an der Unfallstelle ankamen, sahen wir ihn ganz ruhig zwischen den Trümmern stehen und ein Bündel Heu verzehren. Der große Elefant war eine Dame, und zwar das größte Exemplar ihres Geschlechts, das ich je gesehen. Das Tier war neuneinhalb Fuß hoch und ursprünglich ein Geschenk des Kaisers von Rußland an Kreutzberg. Die Dame besaß selbstverständlich auch eine Vergangenheit. Mit einem männlichen Begleiter war sie als wandelndes Geschenk eines Maharadschas an den Zaren von Indien nach Moskau marschiert, denn[137] der Plan des Suezkanals schlummerte noch in Negrellis1 Schreibpult. Der Genosse dieses ruhigen Tieres war aber ein Rohling, der seinen Wärter in der Wut tötete, sich dann von seinen Ketten befreite und ausrückte, worauf das schnell aufgebotene Militär ihn umzingelte und erschoß. So wurde die riesige Elefantenkuh eine Witwe und gelangte nach manchen Kreuz- und Querzügen durch die Welt und einer kurzen Visite in England in meine Hände. Endlich fand sich in einem amerikanischen Zirkusbesitzer ein Käufer. Und jetzt kommt eine Episode, die so recht geeignet ist, die Transportschwierigkeiten in der damaligen Zeit zu illustrieren. Die Hamburg-Amerika-Linie war damals noch sehr schwerfällig, und Tiere auf ihren Dampfern mitzunehmen, ging ihr ganz und gar wider den Strich. Nach langem Hin und Her kam ich endlich mit ihr überein, das Tier für den Passagepreis von 5000 Mark auf Deck stellen zu dürfen. Da keine andere Möglichkeit vorhanden war, den Elefanten zu verladen, so mußten sich die Amerikaner zu diesem enormen Preis bequemen. Dazu kam aber noch der Kasten, vierzehn Fuß lang, zehn Fuß hoch und sieben Fuß breit, sowie die Verladung. In Steinwärder bei Hamburg wurde die Elefantenkiste aus zweieinhalb Zoll dicken Bohlen zusammengebaut, mit riesigem Eisenbeschlag versehen und auf dem Verdeck des Dampfers neben dem Schornstein seemännisch festgezurrt.

Der Elefant sollte nun zu Fuß an Bord gehen und dann in den Kasten genötigt werden. Zu diesem Zweck mußte eine besondere Brücke vom Ufer auf das Schiff gebaut werden, denn der Kran, welcher 1893 die Kruppsche Riesenkanone zur Weltausstellung nach Chikago verlud, war noch nicht erfunden. Wo heute Tausende von Kranarmen, Greifbaggern und Elevatoren geschäftig in die Ladeluken der Ozeandampfer greifen, mühten sich damals nur stämmige Schauerleute an Hebebäumen und Winden. Die Verladung gestaltete sich zu einer wahren Komödie. Es war am ersten Pfingstmorgen, als ich mit dem Tier an der Brücke anlangte. Der[138] Elefant war ruhig und gelassen, und ich war so vertraut mit dem gutmütigen Tier, daß ich es mir erlauben konnte, es beim Ohr zu nehmen und auf die Brücke zu geleiten. Nachdem der Elefant mit den Vorderfüßen sorgfältig die Brücke befühlt hatte, ging er sehr ruhig einige Schritte vorwärts. Vielleicht hatte die Brücke, die ja ein Ponton war, doch ein wenig geschwankt – kurz, er ging zurück und war nicht zu bewegen, den nach seiner Ansicht wackeligen Steg zu betreten. Nach verschiedenen Nötigungen ließ ich an beiden Vorderfüßen ein Tau anbringen. Ich kommandierte »links« oder »rechts«, worauf jedesmal zwanzig Mann sich mit hau ruck! ins Zeug legten, also vierzig Mann hoch, die die ganze Schiffsmannschaft darstellten. Der Elefant ließ sich das ruhig gefallen, und er stand nur noch wenige Meter vom Verdeck entfernt, da zog er plötzlich das linke Vorderbein mit einem kurzen Ruck zurück, daß zwanzig Mann am Boden durcheinanderpurzelten. Ich bekam einen mächtigen Schreck, jedoch unnötigerweise, denn der Elefant schritt nunmehr nach dieser Kraftleistung seelenruhig in seinen Kasten, als habe er nur zeigen wollen, daß das Ziehen doch nichts genützt hätte, wenn er nicht gutwillig hätte mitgehen wollen. Ich glaube, wenn Elefanten lachen könnten, dieser hätte nach Ankunft in seiner Kiste laut gelacht! In Amerika gelangte meine alte Bekannte unter dem Namen »Empress«2 später zu einer ungeheuren Popularität. Für den Umgang mit wilden Tieren gibt es keine besonderen Vorschriften. Das eine Tier ist zahm und das andere ungebärdig. Während man ein Exemplar derselben Familie gemächlich an der Hand führen kann, muß man das andere fesseln und mit Wagen befördern. Alles kommt auf die Umstände an und wird zu einer Frage des praktischen Verstandes und der Geistesgegenwart, denn alle diese Geschöpfe werden ja nicht von Überlegung, sondern von Impulsen geleitet, und jeder Augenblick kann eine Überraschung bringen.

Will man zum Beispiel, sagen wir, ein Rhinozeros veranlassen,[139] vom Schiff über die Gangplanke auf den Kai zu spazieren, so genügt es nicht, einfach zu sagen: Ach, mein verehrtes Rhinozeros, haben Sie die Güte, eben mal herauszukommen? Diese Sprache versteht das Nashorn nicht. Würde man indes dem Tier einen Strick um den Hals legen und daran ziehen, während ein anderer von hinten mit einem Knüppel nachhülfe, so würde es dem Mann mit dem Strick wahrscheinlich sein Nasenhorn unsanft in die Sitzfläche bohren. Und doch hat diese Bestie einen schwachen Punkt in ihrem Organismus: den Magen. Mit seiner Hilfe kann man sich einer internationalen und kosmopolitischen Sprache bedienen, welche auch die Tiere verstehen. Wenn man dem Dickhäuter eine Handvoll Futter vor das Maul hält, dann kann man sich alle anderen Höflichkeiten schenken.

Diese Weisheit kannte ich schon sehr frühzeitig, und ihre Befolgung trug mir einmal ein gefährliches Abenteuer mit einem Rhinozeros ein. Es war im Jahre 1871, als ich mich zur Abnahme eines Tiertransports im Londoner Hafen einfand. Unter den Tieren befand sich ein großes, fast ausgewachsenes weibliches Rhinozeros, das in einem riesigen, auf dem Verdeck aufgebauten Kasten untergebracht war. Dieser Kasten war natürlich nicht transportabel, und so mußte das Nashorn auf irgendeine Weise vom Schiff zu dem niedrigen Transportwagen gebracht werden, zu dem eine mit Stroh bedeckte Brücke führte. Der zu bewältigende Weg zwischen dem Schiff und dem Wagen betrug über die Schienen hinweg längs der langen Schuppen der East Indian Docks etwa fünfhundert Meter. Mr. Jamrach schlug als erfahrener Kollege vor, das Tier, das sehr ruhig sei, einfach gewissermaßen an einem Strick dorthin zu geleiten, und ich ging darauf ein, ohne die ungeheuren Gefahren so recht ins Auge zu fassen. Kurz, mein Rhinozeros erhielt ein starkes Tau um den Hals und außerdem ein längeres um einen der Vorderfüße. Als Reserve wurde eine Anzahl weiterer Stricke mitgenommen. Und nun ging's los. Langsam dem fütternden Wärter folgend, ging das an sich wirklich recht zahme Tier über die Laufplanke zum Kai hinunter. Das lange Halstau gab ich sechs Wärtern mit[140] der Weisung, es sofort bei An kunft am Wagen durch die Latten der Seitenwände zu ziehen und an der Achse zu befestigen. Das Vorderfußtau nahm ich selbst in die Hand und ging frisch vorweg durch die langen Docks, begleitet von einer nicht geringen Zuschauermenge.

Schon sind wir dicht am Wagen angelangt, da sehe ich, daß eine Lokomotive mit einem Güterzug dampfend und zischend heranbraust. Mit einer Schnelligkeit, wie man sie nur im Augenblick der Gefahr entwickeln kann, springe ich auf den Wagen. Meine Eile spornte die Wärter an, und im Nu war das Nashorn festgebunden. Der Lokomotivführer, der die fluchtartige Schlußphase des Transports beobachtet hatte, leistete sich in diesem Augenblick den dummen Scherz, die Dampfpfeife schrill und lang ertönen zu lassen. Schreck und Angst versetzten das Tier sofort in eine furchtbare Erregung, und nur unter Lebensgefahr gelang es mir, die schnaubende Bestie mit den Reservestricken auch an dem noch freien Vorderfuß zu fesseln. Die Aufregung des Nashorns steigerte sich infolge des fortwährenden Pfeifens und Lärmens zu einer Art Berserkerwut. Mit einem gewaltigen Stoß schleuderte es den ganzen Kutschbock in die Luft, so daß er sich in der Luft drehte und krachend zu Boden schlug. Glücklicherweise fiel er nicht zwischen die Pferde. Ein unabsehbares Unglück wäre sonst die Folge gewesen. Wütend versuchte jetzt das Rhinozeros die Vorderwand des Wagens zu durchbrechen. Aber schon war ich zur Stelle, sprang auf die Wagendeichsel und begann, das Tier aus Leibeskräften mit einem Tauende zwischen die Ohren zu schlagen. Es mußte fühlen, daß eine Kraft da war, die vor der seinigen nicht die Flucht ergriff. Schließlich waren wir beide müde – ich und mein ungebärdiger Freund, der langsam zur Besinnung kam und sich beruhigte. Als wir endlich am Stall anlangten, waren wir gezwungen, das Tier rückwärts aus seinem Verschlag zu ziehen. Die Haltestricke wurden durch einen in der Stallmauer angebrachten Ring gezogen. Da bekam das Nashorn einen neuen Wutanfall, der durch den Tumult der vielen Zuschauer noch gesteigert wurde. Ständigen wütenden Angriffen ausgesetzt,[141] gelang es uns, das Tier mühsam in den Stall zu bringen. Von dieser Art der Beförderung hatte ich genug und bestellte mir für den Weitertransport nach Hamburg einen großen fertigen Kasten. Wäre uns das Tier beim Herannahen der Lokomotive entkommen, so hätte ich wohl jetzt in diesen Erinnerungen von einem großen Unglück und manchem verlorenen Menschenleben erzählen müssen.

Verschiedene Male erlebte ich es, daß Rhinozerosse bei wütenden Attacken das Horn abstießen, ohne Schaden zu nehmen. Das Horn wuchs bald wieder nach und erreichte im Laufe eines Jahres eine ganz ansehnliche Größe. Wie ich schon in dem Kapitel über Tierfang erwähnte, gewöhnen sich die Jungtiere leicht an den Menschen. In der nubischen Karawane, welche ich in den siebziger Jahren im Zoologischen Garten in Berlin vorführte, befanden sich drei junge Nashörner, die frei auf dem Ausstellungsplatz umherliefen. Groß war das Vergnügen der Zuschauer, wenn der Wärter sich im Scherz versteckte und die Tiere ihn unter Ausstoßen pfeifender Töne zu suchen begannen.

Zu Anfang der siebziger Jahre brachte Casanova das erste afrikanische Nashorn nach Europa. Zwar hatte es erst eine Rückenhöhe von achtzig Zentimetern, entpuppte sich jedoch eines Tages als Athlet, der mich zu einem Wettkampf herausforderte. Auf dem Transport von Triest nach Wien hatte ich mich mit meinem auserlesenen Schatz in einem Sonderabteil einquartiert. In einer Ecke sitzend, war ich eben ein wenig eingenickt, als ich von einem Ruck erwachte, da das Tier meinen Rockzipfel im Maul hatte und ganz gemütlich daran herumlutschte. Mit aller Höflichkeit wollte ich meinen Rock aus dem Maul des kleinen Untieres entfernen, was es mir gewaltig übelnahm. Im Handumdrehen geriet das Nashorn in eine rasende Wut, stieß einen schrillen pfeifenden Ton aus und griff mich an. Ich gestehe, daß ich mit einem mächtigen Satz über Kisten und Säcke sprang, um mich in Sicherheit zu bringen. Dabei rollte ein hundertfünfzig Pfund schwerer Sack dem Nashorn vor die Füße, den es wie einen Spielball in der Luft umherschleuderte.[142] Man kann sich denken, daß ich mich schleunigst ausquartierte, um dem afrikanischen Gast keine Gelegenheit zu geben, auch mit mir Fangball zu spielen. Auf einem Seetransport erlebte ich, wie ein scheu gewordenes Nashorn mit einem Stoß die dicken Bohlen seines Kastens wie Zigarrenkistenholz zersplitterte. Nur dadurch, daß ich den ganzen Käfig sofort mit einer Persenning verdunkelte, wurde größeres Unheil verhütet.

Ein noch zierlicheres Tier als das Nashorn ist das Nilpferd, der dickhäutigste und plumpste aller Dickhäuter. Und doch hat einmal einer meiner Reisenden das Tier in einem Reisekoffer transportiert. Die Geschichte klingt allerdings wie Humbug und erinnert an den amerikanischen Reisenden, der mit einem Musterkoffer voll Telegraphenstangen durchs Land zog. Seltsamerweise erschien vor langer Zeit auch einmal in einem deutschen Witzblatt eine Karikatur, die einen angeblichen Hagenbeck-Reisenden mit zahlreichen Tieren in komischer und sonderbarster Verpackung darstellt. Es ist gerade, als ob der Zeichner auf die kleine Episode angespielt hätte, die ich hier erwähnen will. Ich hatte einen Wärter zum Empfang eines kleinen Nilpferdes nach Bordeaux geschickt, der das Baby einfach in einen großen Koffer mit Luftlöchern verpackte und als Reisegepäck nach Hamburg aufgab. Das kleine Weibchen wog allerdings nur achtzig Pfund und lebte später noch viele Jahre im Hannoverschen Zoo. Nilpferde halten sich vorzüglich in der Gefangenschaft, und viele Tiere haben sich sogar dort fortgepflanzt. Im fünften Jahre sind sie zuchtfähig. Liebeswerbung und -erfüllung gehen im Wasser vor sich. Es ist ein interessanter Anblick, eine Nilpferdmutter mit ihrem Jungen im Wasser spielen zu sehen. Wenn das Baby ermüdet ist, pflegt es sich auf dem Rücken der Mama auszuruhen. In einem amerikanischen Zirkus sah ich sogar zwei große ausgewachsene Nilpferde, die vollkommen gezähmt waren. Bei den großen Umzügen liefen diese Tiere immer ganz frei neben ihrem Wärter durch die Straßen, ohne daß ein Unglück geschah.

Mich machte so ein Tier einmal zum Schnelläufer! – Von dem[143] Tierschaubesitzer Kaufmann hatte ich so eine dicke Madam erworben und wollte sie in Hamburg mit Futter aus der Kiste locken. Erfolglos! Nachdem ich alles gut vorbereitet und die kurze Strecke vom Wagen zum Käfig auf beiden Seiten abgesperrt hatte, gab ich meinen Leuten den Auftrag, dem Dickhäuter von hinten mit einem Brett einen kräftigen Stoß zu versetzen, damit der Schreck ihn vorwärtstreibe. Die Absperrung bestand auf der einen Seite aus einem abgestützten und mit Draht bezogenen Holzrahmen, hinter dem noch zwei Wärter standen. Ich selbst stand unten an der Laufbrücke und lockte das Nilpferd erneut mit einer Handvoll Futter. Wieder kam es zwei Schritte vorwärts, schnappte zu und wollte sich gerade zurückziehen, als der Wärter der Dame unsanft auf das Hinterteil schlug. Aber o weh! Sie verstand diese zarte Aufforderung falsch, stob mit weit aufgesperrtem Rachen derart vorwärts, daß die Brücke unter ihrem Gewicht zusammenkrachte. Schon überrannte das Nilpferd das Drahtgitter, welches umstürzte und unter sich die beiden Wärter begrub. Wutschnaubend wandte sich jetzt das Tier gegen die Wehrlosen, und schlimm hätte es für sie auslaufen können, wäre mir nicht blitzschnell der rettende Gedanke gekommen. Ohne Besinnen trat ich dem Nilpferd mit voller Kraft in die Kehrseite, um die Aufmerksamkeit von den beiden Bedauernswerten abzulenken. Die List gelang. Blitzschnell wandte sich das mächtige Tier nun gegen mich und raste auf mich zu. Ich sprang behende wie ein Wiesel quer durch das Gehege, über das Bassin hinweg und auf der anderen Seite durch das eiserne Gitter wieder hinaus, dessen Stäbe etwa einen Fuß breit auseinanderstanden. Mit Windeseile sauste ich nunmehr um das gesamte Gehege zurück und verriegelte die Tür hinter dem mich verfolgenden Nilpferd. Der Hippopotamus war gefangen.

Der Londoner Zoodirektor Dr. Slater und der Direktor des Britischen Museums, Professor Günther, die zufällig anwesend waren, hatten das ganze Schauspiel vom sicheren Platz aus verfolgt. Beide bedauerten, keinen Photoapparat oder besser noch einen Kinematographen zur Hand gehabt zu haben. Meine Flucht vor dem Nilpferd[144] und dessen überraschende Gefangennahme wäre ein Sensationsstück ersten Ranges gewesen.

Dieselbe Nilpferddame bekam kurz darauf Besuch. Hätte Kipling3 diesen Besuch beobachten können, sofort würde er eine Novelle daraus gemacht haben. Neben dem Nilpferdstall hauste ein Riesenkänguruh, das eines Abends den Vorsatz faßte, seine imposante Nachbarin mit der junonischen Figur zu besuchen. Da die Tür verschlossen war, führte es ein wahres Turnerkunststück aus und übersprang mit einem Satz die sechseinhalb Fuß hohe Wand. Als mich der Wärter rief, bot sich mir das seltsamste Schauspiel dar. Das Känguruh stand vor dem Nilpferd und ließ unausgesetzt kräftige Ohrfeigen auf sein großes Salatmaul niederhageln. Das Nilpferd wehrte sich nicht. Mit einem Fußtritt oder mit einer kräftigen Wendung seines massigen Kopfes hätte es das Beuteltier vernichten können, aber es war einfach starr, sprachlos, verblüfft über die unglaubliche Frechheit des australischen Eindringlings. Eine ähnliche Verblüffung ergreift ja sogar den ahnungslosen anständigen Menschen, wenn er plötzlich die Unverfrorenheit irgendeines Lumpen über sich ergehen lassen muß. Mir bot sich in dem Intermezzo eins der lustigsten Schauspiele aus der Tierwelt, die ich je gesehen habe. Nun galt es aber, den ungebetenen Besucher so schnell wie möglich zu entfernen, ehe er den Zorn des Nilpferdes weckte, denn der wäre sein gewisser Tod gewesen. Schnell ließ ich mir das Seehundewurfnetz holen, mit dem ich die Robben aus ihrem Bassin herauszufischen pflegte, und fing rasch über die Wand hinweg das boxende Känguruh, bevor das sprachlose Nilpferd sein gewaltiges Maul zuklappen konnte.

Kein Tier hat in den zivilisierten Ländern ein solches Aufsehen hervorgerufen wie die Giraffe. Heute bekommt manches großstädtische Bürschchen sie häufiger zu sehen als Kühe und Schweine, und man kann sich kaum vorstellen, welch unglaubliches Staunen[145] die ersten nach Europa gelangten Tiere beim Publikum erregten. Im Sommer 1826 wurden die ersten Giraffen den Regierungen in Frankreich und England von Ägypten zum Geschenk gemacht. Über ein Jahr dauerte dieser in mehreren Etappen durchgeführte Transport. Man kann sich den Menschenauflauf vorstellen, als diese riesigen, nie geschauten Tiere von den Schwarzen am Halfterband von Marseille über Lyon zum Jardin des Plantes zu Paris geleitet wurden. Die für London bestimmte Giraffe war in Afrika auf weite Strecken geknebelt auf den Rücken von Dromedaren transportiert worden, was vielleicht jene Gelenkerkrankung verursachte, die ihren Tod 1829 in London herbeiführte. In den folgenden Jahren gelangten Giraffen nur vereinzelt nach Europa. Nur die Kaiserliche Menagerie in Schönbrunn und der Amsterdamer Zoo durften sich rühmen, die kostbaren Tiere zu halten. In den Jahren 1867 bis 1877 gelangten eine größere Anzahl nach Europa. Sie wurden durch die inzwischen eingegangene Tierhandlung Reiche in Alfeld und zum größten Teil durch mich eingeführt.

Das sonderbare Tier, zu dessen stärksten Seiten nicht die Klugheit gehört, ist fromm genug innerhalb seiner vier Pfähle. Wenn es aus großen dunklen Augen aus seiner Dachrinnenhöhe auf den Beschauer niedersieht, wenn es mit weit gespreizten Vorderläufen einen Grashalm vom Boden aufnimmt oder ein Blatt mit seiner überlangen Greifzange aus dem Wipfel eines Baumes pflückt, immer ist es interessant und kurzweilig. Alles das ändert sich für den, der eine Giraffe oder gar mehrere frei über die Straßen zu führen hat. Leicht werden diese Geschöpfe scheu, und ihre langen Beine werden dann zu gefährlichen Waffen. Ernstes und Heiteres, und das Heitere zuweilen mit einem bitteren Beigeschmack, könnte ich von den vielen Giraffentransporten erzählen.

Im Jahre 1876 verkaufte ich zwei große Giraffen an den Wiener Zoo, die ich selbst vom Bahnhof zu ihrem neuen Heim führte. Wie immer folgte bald ein großer Schwarm von Neugierigen, aus dem sich plötzlich ein vorwitziger junger geschniegelter Herr, mit einem fein gebürsteten Zylinder auf dem Kopf, näherte und trotz meiner[146] Warnung dicht an die bereits unruhigen Tiere trat. Als die Giraffen zum Gaudium des Publikums anfingen zu springen, sprang auch der Geck dicht hinter ihnen her. Ich schrie ihm zu, er solle zurückbleiben. Umsonst. Plötzlich schlug die eine Giraffe mit ihrem Hinterhuf nach dem Verfolger – so glücklich, daß der enorme Schlag nur den Zylinder vom Kopf fegte. Totenbleich, seines bißchen Geistes völlig beraubt, starrte das Herrchen seinem davonrollenden Hute nach, um dann schleunigst zu verschwinden. Nur zwei Zentimeter tiefer, und statt des Zylinders wäre die Hirnschale durch die Luft geflogen.

Die durchgebrannten Giraffen gehen in die Dutzende. Wenn es auch keinen Zweck hat, so lernt man dabei doch das Laufen, solange man die flüchtenden Langhälse am Halfter hat. Auf dem Wege vom Sternschanzenbahnhof in Hamburg raste einmal eine Giraffe mit mir davon. In meiner Begleitung befand sich damals der Zweite Direktor des Amsterdamer Zoo. Dieser Herr griff in dem Bestreben, mir zu helfen, unüberlegt nach dem Schwanz des Tieres, der sofort wie ein elektrischer Draht auf ihn wirkte. Als er ihn einmal erfaßt hatte, konnte er ihn nicht wieder loswerden und hüpfte nun in grotesken Sätzen hinter dem fliehenden Tiere her, bis er auf den Boden schlug. Glücklicherweise kam er ohne nennenswerte Verwundung davon. Es muß jedoch ein Anblick für die Götter gewesen sein.

Es liegt mir fern, mich etwa über diese Episode lustig zu machen, denn Leute, die frisch zugreifen, sind mir immer lieber als solche, die sich so lange besinnen, bis das Zugreifen keinen Zweck mehr hat. Zum andern erging es mir in Suez nicht viel anders. Ich hatte eine Giraffe zum Bahnhof zu führen, die lange im Stall gestanden hatte. Wie Pferde, wenn sie lange nicht bewegt worden sind, sind die Tiere dann besonders mutig aufgelegt. Dummerweise hatte ich mir den Halfterstrick mehrmals um den Arm geschlungen und wurde von dem plötzlich scheuenden und durchgehenden Tier mitgerissen, ohne mich befreien zu können. So raste ich neben dem Flüchtling her. Nur nicht fallen, sagte ich mir, denn dann würde[147] ich zu Tode geschleift. Ein Mazepparitt in veränderter Form: Mazeppa lief zu Fuß nebenher. Kreuz und quer durch Suez ging die tolle Jagd. Zuerst über ein wahres Gebirge von zerbrochenen Flaschen und Unrat. Dann wie die Feuerwehr durch die engen Gassen und Winkel der Basare, und ständig wuchs die Zahl der lachenden und schimpfenden Fellachen und Araber, denen wir sechsfüßig Schaden zugefügt hatten. Mein Glück war, daß ich gewandt und biegsam war. Zuletzt tobten wir noch durch eine entsetzt auseinanderstiebende Volksmenge, und nach zwei Kilometern atemlosen Rennens gelang es mir, mich zu befreien, und ich fiel platt zu Boden. Ich war einem Herzschlag nahe. Aber der Giraffe schien es nicht anders zu gehen, sie lief nur noch fünfzig Meter weiter und blieb neben einer Telegraphenstange stehen, wo sie sich von einem Negerjungen ruhig anbinden ließ. Mit Hilfe von sechs handfesten Arabern brachte ich dann den Ausbrecher zum Bahnhof.

Eines Tages erhielt ich den Anruf eines reichen Brasilianers, der dem Zoo in Rio de Janeiro eine Giraffe zum Geschenk machen wollte. Das war in der giraffenarmen Zeit während des Mahdistenkrieges. Es gelang mir, in einem deutschen Zoo ein Tier zu erwerben – eine große männliche Giraffe, zwölf Fuß hoch, so daß man den noch größeren Kasten nicht auf einem Wagen transportieren konnte, sondern auf untergelegten Rollen zum glücklicherweise nahen Bahnhof schieben mußte. Die Ozeanreise verlief ohne Zwischenfall – der ereignete sich erst in Brasilien. Dort hatte man das Gehege nur nach Art der Hühnerhöfe umfriedet, die Giraffe stieß den Zaun um und verschwand im Galopp in der abendlichen Dämmerung des Urwaldes. Die hereinbrechende Nacht vereitelte jede Hoffnung, das Tier zu finden. Da kam mein Reisender auf eine geniale Idee. Vor die Brust hängte er sich eine brennende Stalllaterne, auf den Rücken ein Bündel Heu, und so wanderte er kreuz und quer durch den Wald. Die Giraffe mußte sogleich das Licht bemerkt haben. Bald hörte der Mann den stampfenden Galopp des Tieres, das sich alsbald näherte. Nun drehte sich der gewitzigte Tierfänger um und präsentierte der Giraffe seinen Rücken mit dem[148] verlockenden Futter. Die Giraffe fing sogleich an zu fressen, und der Reisende schritt langsam dem Zoo zu, gefolgt von der naschenden Giraffe. Auf diese Weise gelangte der Flüchtling wieder in seinen Stall, und daß man ihn jetzt besser verwahrte, bedarf wohl keiner Versicherung.

Meine kleinen Reiseabenteuer mit großen Tieren möchte ich beschließen mit dem größten Auftrag, den ich bislang erhielt und der mich 1906 verpflichtete, zweitausend Dromedare für die Schutztruppe in Südwestafrika zu liefern zur Bekämpfung des damals ausgebrochenen Hereroaufstandes.4

Eile war geboten! – Die wenigen Automobile versagten in den Sandwüsten der Kalahari. So hatte man mir in Berlin auf dem Kolonialamt berichtet und mir den Auftrag gegeben, zunächst tausend Reitdromedare mit Sattelzeug nach Swakopmund zu verladen. Ich hatte schon oft für den Gebrauch im Tierpark Dromedarsättel konstruiert, war mir jedoch sofort darüber klar, daß jetzt keine Experimente gemacht werden durften. Um ein einwandfreies Modell zu finden, mußte auf einen alterprobten Eingeborenensattel zurückgegriffen werden. Im Handelsmuseum meines Schwagers Heinrich Umlauff fand sich glücklicherweise noch ein nubischer Lastsattel für Dromedare, der von einer meiner nubischen Völkerschauen übriggeblieben war. Nach diesem Modell wurde in Berlin schon am Tage nach meiner Rückkehr ein Sattelgestell angefertigt, aber kräftiger und stärker in der Verarbeitung. Bevor noch der Abend hereingebrochen war, befand sich ein Auftrag von zunächst tausend dieser Sattelgestelle – bei Konventionalstrafe lieferbar innerhalb von vierzehn Tagen – verteilt in den Händen dreier leistungsfähiger Geschäfte. Gleichzeitig nahmen verschiedene Sattler die nötigen Sattelkissen, Gurte und Riemen unverzüglich in Arbeit.[149]

Eine zweite wichtige Sache, von welcher das Gelingen der ganzen Expedition abhing, war die Beschaffung des nötigen Futters. Nach eingehender Beratung mit meinem Mitarbeiterstab beschloß ich, das Futter in Hamburg zu beschaffen und zu den Verschiffungshäfen am Roten Meer zu senden. Am 17. Dezember traf mein Inspektor die nötigen Vorbereitungen und schloß Verträge ab, die innerhalb von vierzehn Tagen viele hunderttausend Kilo Heu- und Strohballen, große Mengen von Hafer, Kleie, Torfstreu, Medikamente, Kreolin und Seife – um nur einiges zu nennen – an den Verladekai in Hamburg beorderten. Der erste gecharterte Dampfer befand sich noch auf der Heimreise, verspätete sich überdies infolge Nebels, so daß es einer Riesenarbeit bedurfte, binnen drei Tagen die Stallungen für drei- bis vierhundert Dromedare einzubauen und die ganze Ladung zu verstauen. Es gelang, und am 3. Januar 1906 dampfte die »Marie Menzell« von Hamburg ab. An Bord befand sich eine Reihe meiner besten Wärter, die bei den späteren Transporten vom Roten Meer nach Südwest die Oberaufsicht führen sollten.

Meinen jüngsten Sohn Lorenz, der in den Vereinigten Staaten mein Zirkusunternehmen leitete, beorderte ich von New York nach Port Said, wo die »Marie Menzell« am 22. Januar 1906 einlief. Die Hauptarbeit, die Beschaffung der passenden Tiere, hatte ich dem dem Leser schon bekannten Joseph Menges übertragen, mit dem mein Sohn Lorenz, dessen Berichten ich hier folge, in Massaua zusammentraf. »Mr. Mungus«, wie mein dort überall bekannter und beliebter Reisender Menges von den Eingeborenen genannt wurde, hatte dort bereits 76 Dromedare zur Verladung bereitgestellt, worauf die »Marie Menzell« durch das »Tor der Tränen« nach Djibuti weiterdampfte. Tränen flossen auch, zwar nicht so reichlich wie der Schweiß, aber doch sichtbar über die braunen Wangen unseres alten Freundes Hersy Egga, den Lesern bereits seit der Londoner Afrikaschau ein wohlbekannter Somalihäuptling. Er und sein Stamm waren hocherfreut, meinen Sohn und meinen Reisenden in ihrer heißen Heimat wiederzusehen, und Freudentänze wechselten mit[150] festlichen Schmäusen und Gesängen. Aber mein guter Hersy Egga hatte auch lobenswert gearbeitet. 118 ausgesuchte Dromedare standen zur Übernahme bereit. Der Rest des ersten Transportes wurde in Berbera an Bord genommen.

Besonders schwierig war die Übernahme der Tiere in den Küstenorten ohne Hafenkais. Die Dromedare wurden an den Strand getrieben, möglichst dicht am Wasser niedergelegt und mit weichen Palmbaststricken wie ein Postpaket gefesselt. Nun rollte man das Dromedar auf die Seite, mindestens zwölf Mann packten es und schleiften es unter gewaltigem Geschrei, worin das Tier einstimmte, zur Barke, während zwei Mann den Kopf des Tieres über Wasser hielten. Auf dem Bordrand der schräggestellten Barke wartete eine andere Mannschaft, die das Dromedar an Deck hob und durch eine Drehung auf den Boden der Barke fallen ließ, der mit einer hohen Lage von federnden Palmenblättern bedeckt war. Sobald zehn bis zwölf Tiere wie Pakete dicht nebeneinander das Boot füllten, hißte man das Segel und steuerte nach dem mehrere Seemeilen entfernt auf der Reede ankernden Dampfer, dessen Ladebäume die kostbare Fracht an Deck hievten. Dabei passierte es einige Male, daß ein Dromedar während der Luftreise sich aus der Kranschlinge strampelte und kopfüber ins Rote Meer plumpste. Abgesehen davon, daß die »Wüstenschiffe« sich als gute Schwimmer erwiesen, setzten die Schwarzen sofort mit Kopfsprung über Bord, klarten das Ladegeschirr auf, und schon zog die Dampfwinde erneut an. Kein Schwarzer, kein Dromedar ging auf diese Weise verloren, obwohl es rings um den Dampfer stets von Haien wimmelte. Auf diese gefährliche und primitive Art wurden an vierhundert Dromedare verladen. Eine andere Anzahl mußte, da unsere Dampfer die betreffenden Plätze nicht anlaufen konnten, in arabischen Barken verladen, erst das Rote Meer durchkreuzen. Im Mai betrug die Temperatur im Schatten regelmäßig 35 Grad Reaumur, sank auch nachts nicht viel, und nun stelle man sich die Gluthitze vor, welche unter den Ladeluken eines fast nur aus Eisen gebauten Dampfers herrschte. Die Tage des Ladens mit ihrer Hast und Arbeit wurden[151] für Menschen und Tiere unerträglich. Auf der Fahrt, die das Schiff mit einem frischen Zugwind umgibt, leiden die Tiere viel weniger, zumal wir durch Aufstellen großer leinener Windsäcke den schweißtriefenden Tieren unter Deck frische Luft zuführten.

Am 6. Februar telegraphierte Lorenz, daß Dampfer »Marie Menzell« mit 403 Dromedaren und 60 Eingeborenen unter Führung meines alten Sibirienreisenden Wilhelm Grieger nach Swakopmund ausgelaufen sei. Während Lorenz bei Hersy Egga zu Gast war und mit seiner Unterstützung weitere Dromedare bei befreundeten Stämmen und durchziehenden Karawanen aufkaufte, hatte ich in Hamburg in gleicher Weise den Dampfer »Heinrich Menzell« ausgerüstet. Insgesamt charterte ich eine Transportflottille von fünf Dampfern, die ihren Weg von den Küstenplätzen des Roten Meeres längs der ostafrikanischen Küste ums Kap der Guten Hoffnung nach Lüderitz und Swakopmund nahmen. Das Löschen der lebenden Frachten war gleichfalls sehr schwierig, da die auf Reede liegenden Dampfer wiederum die Dromedare in große Leichter umsetzen mußten, die dann mittels einer am Strand aufgestellten Seilwinde mit jedem Brandungsschlag der ständig rollenden Atlantikdünung an Land gezogen wurden.

Die Anwerbung der ebenfalls benötigten arabischen Kameltreiber war mit mancherlei Zwischenfällen verbunden. Haarsträubende Warnungen und Gerüchte kursierten unter den Eingeborenen. Nur durch das große Ansehen, welches Menges in den Küstenplätzen genoß, gelang es, die nötige Anzahl von Leuten zusammenzubringen. Kostete es schon Mühe, den Eingeborenen klarzumachen, was eigentlich von ihnen verlangt würde, so war es noch schwieriger, Verträge in bindender Form abzuschließen. Diese zumeist halbwilden Beduinen aus dem unabhängigen Arabien gaben sich den abenteuerlichsten Vorstellungen hin. Manchen hatte man vorgeredet, sie würden in die Goldminen verschleppt und müßten den Rest ihres Lebens unter der Erde verbringen. Andere glaubten, man wolle sie zu Soldaten pressen. Und eine der häufigsten Vorstellungen war die, daß die Expedition ins Land der Niam-Niam, der[152] Menschenfresser, ginge, wo jeder der Unglücklichen sein Ende in der Bratpfanne finden würde. Fast alle Bewerber waren außerdem total abgerissen und verschuldet. Kleider und Vorschuß war das erste, was sie erhielten. Zur Ehre der Araber muß ich indes auch feststellen, daß keiner mit seinem neuen Anzug durchbrannte, sondern sich pünktlich zum Abgang der jeweiligen Transporte einfand. Häufig fanden wir sogar auf hoher See blinde Passagiere, die ihr Glück erfolgreich auf diese Weise zu erreichen suchten.

Obwohl die Dromedare in jenen Ländern in starken Herden vorhanden sind, war das Angebot der Eingeborenen nicht gerade überwältigend. Der Zahl nach waren zwar genügend Tiere vorhanden, aber oft recht fragwürdiges Material, denn die ostafrikanischen Eingeborenen sind im Dromedarhandel ausnahmslos wahre Spitzbuben. Sie gehen von der Annahme aus, daß die Europäer von Dromedaren nichts verstehen – worin sie übrigens Recht haben. Mit einem blumenreichen Redeschwall preisen diese Orientalen die abwrackreifsten Wüstenschiffe als wahre Prachtstücke an, und meine sprach- und sachkundigen Reisenden hatten Mühe, den erforderlichen Großtransport guter Reitdromedare zusammenzustellen. Der Mangel an diesen war aus den Verlusten der letzten Kriege in Nordafrika zu erklären. Schätzungsweise 60000 bis 70000 Dromedare verloren die Engländer während des Mahdistenfeldzuges. Die italienischen Feldzüge5 gegen die Abessinier und Sudanesen kosteten etwa 30000 und die Expedition im Somalilande gegen den »Mullah«6 30000 Dromedaren das Leben. Das Dromedar, ein so[153] unverwüstliches Tier es auch ist, besitzt den Fehler, daß es sehr zu Hautkrankheiten neigt und viel unter allerlei Hautparasiten leidet. Meine Leute waren daher angewiesen, die Tiere während der ganzen Reise regelmäßig zu waschen und zu desinfizieren. Dabei wurde das Kreolin hektoliterweise und die Seife zentnerweise verbraucht. Jede Reinigung, die auf den Landmärschen immer auf den Marktplätzen vorgenommen wurde, gestaltete sich zu einer wahren Komödie. Ringsum dichte Massen lärmender und lachender Zuschauer. In der Mitte unsere Leute mit Schelten und Geschrei bei der Arbeit, die störrischen Tiere zu waschen, deren Gebrüll sogar den orientalischen Marktlärm noch übertönte. Die Diener bedienten sich bei der Reinigung einer Pumpe und trieben die Tiere nachher zum Abspülen ins Meer. Schließlich hatten sie bei diesem ungewöhnlichen Geschäft solche Übung erlangt, daß hundert Dromedare an einem Tage gereinigt werden konnten, wobei es freilich Schmisse und Bisse regnete, da diese Prozedur gänzlich gegen den Willen der verblüfften Wüstenschiffe durchgeführt wurde.

Genau 192 Tage nach meiner ersten Unterredung in Berlin konnte mein Sohn Lorenz dem abnehmenden Offizier den letzten Transport der 2000 Dromedare übergeben. In der sengenden Hitze des Roten Meeres und durch Sturmschäden am Kap hatten wir lediglich den einkalkulierten Verlust von kaum fünf Prozent, der sich aber durch die Geburt von zwanzig Jungtieren milderte. Eine Anzahl echter reinblütiger Renndromedare war dabei, die unter Lebensgefahr meiner Leute behandelt wurden, denn die Araberstämme betrachteten ihre Zucht gewissermaßen als ihr Monopol.

Die Ausführung eines derartigen Riesenauftrages brachte eine starke finanzielle Anspannung mit sich. Von den kleinen Nebenausgaben will ich nur zwei anführen. Allein für Sättel wurden 70000 Mark ausgegeben, und die notwendigen Telegramme kosteten die Kleinigkeit von 20000 Mark. Ich bin der Überzeugung, daß die Einführung des Dromedars in Südwestafrika sich als eine kulturhistorische Tat erweisen wird.

Fußnoten

1 Negrelli (1799–1858): österreichischer Ingenieur; entwarf die Pläne zum Suezkanal, die Lesseps später aufgriff und verwirklichte.


2 Empress (engl.): Kaiserin


3 Rudyard Kipling (1865–1936): englischer Schriftsteller, bekannt durch seine Tiergeschichten, die meist in Indien spielen; verherrlichte den britischen Imperialismus; Nobelpreisträger 1907.


4 Dem – freilich aussichtslosen – Freiheitskampf der Hereros gegen den deutschen Kolonialimperialismus in Südwestafrika begegnet Hagenbeck zumindest mit Gleichgültigkeit; praktisch verdient er an seiner Bekämpfung. Die Dromedare wurden übrigens nicht gegen die 1906 bereits zersprengten Hereros eingesetzt, sondern gegen die Hottentotten der südlichen Kalahari unter Morenga.


5 Die italienischen Kolonialimperialisten unter Führung Crispis versuchten sich seit 1889 in der Eroberung Abessiniens und des östlichsten Sudan. Die vernichtende Niederlage von Adua brachte diese Pläne 1896 zum Scheitern. Das faschistische Italien griff 1935 darauf zurück, verlor danach jedoch ganz Italie nisch-Ostafrika im zweiten Weltkrieg 1941.


6 Der Mullah (niederer islamischer Geistlicher), den die Engländer als »tollen Mullah« ausgaben, führte einen langwierigen Aufstand in Britisch-Somaliland gegen die koloniale Unterdrückung an. Da er militärisch in der Somalisteppe nicht zu fassen war, kauften ihn die Kolonialbehörden mit Geld, worauf er die Sache der freien Stämme verriet.


Quelle:
Hagenbeck, Carl: Von Tieren und Menschen. Leipzig 1967, S. 154.
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