Kestřanek, Frau Clara

[421] *Kestřanek, Frau Clara, Ps. Clara Forstenheim, Majorsgattin, Temesvar, Ungarn, Stabsgebäude, wurde am 20. Mai 1868 in Wien als die Tochter der Schriftstellerin Frau Anna Forstenheim geboren. Als sie ein kleines Mädchen war, begann ihre Mutter mit grossem Erfolge zu Schriftstellern. In dem Kinde regte sich der Nachahmungstrieb, gepaart mit angeborenem Talente, und sie dichtete ihre erste Poesie »Das Waisenkind« im Alter von sechs Jahren, da sie noch nicht lesen und schreiben konnte. Ihren ersten Unterricht erhielt sie von ihrer hochbegabten Mutter in den formalen, vom Vater, einem angesehenen Kaufmann und philosophischgebildetem Geiste, in den realen Gegenständen. Erst nach dem zehnten Lebensjahre besuchte sie die öffentliche Schule. Gleichzeitig erhielt sie Privatunterricht von vorzüglichen Lehrkräften in den Gymnasialstudien, behufs einstiger Erwerbung des Doktorhutes der Philosophie. Schon jetzt veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte in der »Österreichischen Jugendzeitung«. Der Schulpflicht enthoben, besuchte sie zur Fortbildung das Institut Hanausek in Wien. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, führte sie die Mutter in die Schriftstellerkreise Wiens ein. Allwöchentlich versammelten sich im Elternhause eine Reihe geistig hochstrebender Männer und Frauen. Dieser Verkehr brachte der jungen Dichterin vielfache[421] Anregung. Der Besuch des Burgtheaters rief in ihr spontan den Wunsch wach, sich dem Schauspiel zu widmen, wozu sie sich durch ihr kräftiges Organ und die Leidenschaftlichkeit in der Auffassung dramatischer Charaktere berufen fühlte. Schauspieler ersten Ranges sprachen ihr Talent zu – doch sagte ihr die Bühnenkarriere aus sittlichen Gründen nicht zu. Das ernste Rollenstudium war aber ihren litterarischen Bestrebungen förderlich. Sie verfasste eine Reihe kleiner dramatischer Arbeiten. Eine Anzahl derselben erschien im »Famos!« und im »Dilettantentheater«, Verlag von Levy & Müller, Stuttgart. Nun wandte sie sich neuerdings ihrer alten Liebe, der »Wissenschaft zu. Um ein Staatszeugnis zu erlangen, besuchte sie die höheren Jahrgänge der K. K. Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien; welche sie – trotzdem ein nervöses Kopfleiden sie längere Zeit quälte – mit Erfolg absolvierte. Im selben Jahre – 1889 – starb ihre Mutter nach dreimonatlichem Krankenlager. Clara Forstenheim suchte und fand in diesem herbsten Schmerze Trost in der Poesie. Sie wurde Lehrerin im Institute Hanausek in Wien; zugleich Mitarbeiterin von »Schule und Haus« der einzigen freisinnigen Elternzeitung Österreichs. Sie verfasste für dieselbe einen Aufsatz »Häusliche Nachhilfe«, »Nur?« eine Erzählung, die das Leben einer pflichttreuen Lehrerin schildert und zehn »Psychologische Briefe«, die für junge Mütter die Elemente der Seelenlehre enthalten. Ausserdem veröffentlichte sie zahlreiche Gedichte, sowie Novelletten und Feuilletons in verschiedenen Zeitschriften. 1892 erschien ihr erster Band »Gedichte«. 1. Mädchenlieder, 2. Augenblicksbilder, 3. Gleichnisse. Im selben Jahre schloss sie einen Herzensbund mit dem K. K. Hauptmann Paul Kestřanek, dem ältesten Sohne der Schriftstellerin Margarete Halm, dem sie am 8. September 1892 zum Altare folgte, worauf sich das junge Paar nach Raab in Ungarn in die Garnison des Gatten begab. Ihre Liebe war ihr ein Born neuer Lieder. Ihr Gatte – selbst auf militärischem Gebiete litterarisch thätig – förderte ihre litterarischen Bestrebungen nach jeder Richtung, so machte er mit ihr interessante Reisen, welche der Dichterin die Kenntnis fast aller Gauen des Vaterlandes und dessen Frauenleben vermittelten. Auf einer Reise durch Deutschland, welche ihr die Stätten klassischer Dichtung erschloss, und die persönliche Bekanntschaft der Leiterin des Vossischen Verlages – Frau Rosalie Stricker ermöglichte – erkrankte Clara Forstenheim lebensgefährlich, nachdem sie in Raab ihr erstgeborenes Söhnchen begraben musste. Gedichte und Märchen, die sie unter dem Titel »Seelenblüten« als Blumenstrauss nun vereinte, durfte sie der Gemahlin des Korpskommandanten ihres Gatten, Sr. K. K. Hoheit Erzherzog Friedrich, der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Isabella widmen. Sie bestanden aus: 1. Immortellen vom Grabe meiner Mutter, 2. Myrthen aus meinem Brautkranz, 3. Vergissmeinnicht vom Grabe meines Kindes, 4. Feldblumen von Ungarns Fluren, 5. Blaue Blumen der Romantik. Das Buch erschien im Vossischen Verlage, ebenso das nächstfolgende: »Amor in Uniform« Margarethe Halm zugeeignet. 9 Novelletten, die sie in den Garnisonen, – sie war mittlerweile nach Temesvár übersiedelt,[422] wo ihr Gatte zum Major und Kommandanten der K. K. Infanteriekadettenschule ernannt worden war – zum Teil mit erlebt hatte; es darf daher nicht Wunder nehmen, dass die militärischen Fachblätter dieselben als wahrheitsgetreue Schilderungen des österreich-ungarischen Offizierslebens lobend besprachen, eine Auszeichnung, die nur wenig Frauen zuteil wird. Gleichzeitig veröffentlichte sie historische Feuilletons in einer militärischen Fachzeitung »Die Reichswehr«, die das Militär im Verhältnis zum weiblichen Geschlecht charakterisieren, und ehestens gesammelt und ergänzt als »Spindel und Schwert« erscheinen dürften. Anlässlich des Regierungs-Jubiläums Seiner Majestät Kaiser Franz Josef I. verfasste Clara Forstenheim eine Studie »Genesis der österreichisch-ungarischen Frauenbewegung« (Bilder aus dem Frauenleben 1848/49) – Grossmama zugeeignet, welche zugleich mit »Ungarns Frauen« (einer Denkschrift anlässlich des Milleniums Ungarns) die Vorläufer zu ihrem Hauptwerke einer »Allgemeinen Geschichte des weiblichen Geschlechtes« bildet. Ausserdem harrt ein der Praxis entnommenes Werk: »An der Wiege«, Vademecum für junge Mütter – welches sie an der Wiege zweier Söhne verfasste und ein Band Novellen »Frauenseelen« Geschichten aus Österreich (Vossischer Verlag 1898) Louise Fastenrath gewidmet, der Veröffentlichung. Ein dritter Band Gedichte »Tagfalter und Nachtschmetterlinge«, neue Dichtungen, liegt ebenfalls bereits im Manuskript vor.

Werke s. Clara Forstenheim.

Quelle:
Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder Bd. 1. Berlin, 1898., S. 421-423.
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