Kapitel II

Über die Abfassung und den Gebrauch des Buchs der Wandlungen

§ 1

[266] Die heiligen Weisen stellten die Zeichen auf, damit man daran die Erscheinungen erblicken sollte. Sie fügten die Urteile bei, um Heil und Unheil zu zeigen.


[266] Die Zeichen des Buchs der Wandlungen sind Abbilder der Erscheinungen auf Erden. Sie zeigen in ihrem Zusammenhang den Zusammenhang des Weltgeschehens. So waren sie Darstellungen der Ideen. Allein diese Bilder oder Erscheinungen zeigten nur das Tatsächliche. Es blieb nun noch übrig, daraus einen Ratschlag zu entnehmen, damit man wußte, ob eine Richtung des Handelns, die aus dem Bild sich ergab, wertvoll oder schädlich war, ob man sie einschlagen oder vermeiden sollte. Soweit war die Grundlage des Buchs der Wandlungen schon zur Zeit des Königs Wen vorhanden. Die Zeichen waren sozusagen Orakelbilder, die zeigten, was unter bestimmten Umständen als Ereignis zu erwarten war. Jetzt wurden vom König Wen und seinem Sohn die Erklärungen beigefügt. Dadurch ergab sich, ob der Verlauf der durch die Bilder angedeuteten Handlung Heil oder Unheil brachte. So kam das Moment der Freiheit herein. Man konnte im Ab bild des Weltgeschehens nun nicht nur sehen, was an Ereignissen zu erwarten war, sondern sah, wohin sie führten. Da man den Ereigniskomplex zunächst im Abbild vor sich hatte, konnte man sein Handeln danach einrichten, indem man Richtungen, die Heil erwarten ließen, verfolgte und solche, die in Unheil führten, vermied, noch ehe der Ereigniskomplex begonnen war.


§ 2

Indem die festen und weichen Striche einander verdrängen, entsteht Veränderung und Umgestaltung.


Hier wird im einzelnen ausgeführt, inwiefern im Buch der Wandlungen die Weltvorgänge dargestellt sind. Im Buch der Wandlungen sind die Zeichen zusammengesetzt aus festen und weichen Strichen. Unter bestimmten Umständen wandeln sich diese festen und weichen Striche, so daß die festen sich umgestalten und erweichen und die weichen sich verändern und verfestigen. Damit ist die Nachbildung des Wechsels der Welterscheinungen gegeben.


§ 3

Darum sind Heil und Unheil die Nachbildungen von Verlust oder Gewinn; Reue und Beschämung sind die Nachbildungen von Trauer oder Vorsorge.


Wenn die Richtung der Handlung mit den Weltgesetzen übereinstimmt, dann führt sie zum Gewinn des Erstrebten. Dies findet seinen Ausdruck in dem beigefügten Wort: Heil. Wenn die Richtung des Handelns mit den Weltgesetzen in direktem Gegensatz steht, so führt sie notwendig zu Verlust. Dies wird bezeichnet durch das Urteil: Unheil. Nun gibt es aber auch Bewegungsrichtungen,[267] die nicht so unbedingt auf ein Ziel losführen, Abbiegungen der Richtung sozusagen. Wenn nun die Richtung ursprünglich falsch war, aber man rechtzeitig Trauer darüber empfindet, kann man das Unheil vermeiden und durch Umkehr das Heil doch noch erlangen. Dieser Zustand wird ausgedrückt durch das Urteil: Reue. Dieses Urteil enthält also eine Aufforderung zur Trauer und Umkehr. Auf der andern Seite kann eine Richtung ursprünglich richtig gewesen sein, aber man gerät in Gleichgültigkeit und Übermut und kommt so unvermerkt aus dem Heil ins Unheil. Das wird ausgedrückt durch das Urteil: Beschämung. Dieses Urteil enthält also eine Warnung zur Vorsorge, daß man innehält auf dem Fehlweg und sich zum Heil zurückwendet.


§ 4

Veränderung und Umgestaltung sind die Nachbildungen von Fortschritt und Rückschritt. Das Feste und das Weiche sind die Nachbildungen von Tag und Nacht. Die Bewegungen der sechs Linien enthalten die Wege der drei Urmächte.


Veränderung ist die Umwandlung einer weichen Linie in eine feste. Das deutet auf Fortschritt. Umgestaltung ist die Umwandlung eines festen Strichs in einen weichen. Das deutet auf Rückschritt. Die festen Striche sind die Darstellungen des Lichtes, die weichen Striche die Darstellungen des Dunkels1. Die sechs Linien jedes Zeichens sind verteilt auf die drei Urmächte: Himmel, Erde und Mensch. Die beiden unteren Plätze sind der Ort der Erde, die beiden mittleren der Ort des Menschen, die beiden oberen der Ort des Himmels.

Diese Abteilung des Kapitels zeigt, inwiefern das Buch der Wandlungen eine Nachbildung der Weltverhältnisse enthält.


§ 5

Darum ist es die Ordnung der Wandlungen, der sich der Edle hingibt und wodurch er zur Ruhe kommt. Es sind die Urteile zu den einzelnen Linien, deren sich der Edle erfreut und über die er nachsinnt.


Von hier ab wird der rechte Gebrauch des Buchs der Wandlungen gezeigt. Eben weil das Buch der Wandlungen eine Nachbildung aller Weltverhältnisse ist mit den beigefügten, die rechte Richtung weisenden Urteilen, gilt es nun, das tatsächliche Leben nach diesen Ideen zu bilden, so daß das Leben seinerseits eine Nachbildung des Wandels wird. Dies ist kein Idealismus in dem[268] Sinn, daß man ein starres Idealbild einem anders gearteten Leben künstlich und äußerlich einbilden wollte. Sondern indem das Buch der Wandlungen den wesentlichen Sinn der verschiedenen Lebenslagen erfaßt, wird man dadurch in den Stand gesetzt, sein Leben sinnvoll zu gestalten, indem man der Ordnung und Reihenfolge nach jeweils gerade das tut, was die Lage erfordert. Indem man auf diese Weise jeder Lage gewachsen ist, weil man dem Sinn der Lage sich ohne Widerstand hingibt, gelangt man zum Frieden der Seele. So kommt das Handeln in Ordnung. Aber ebenso wird das Denken befriedigt, indem durch die Meditation über die Urteile der einzelnen Linien die Weltbeziehungen intuitiv erkannt werden.


§ 6

Darum betrachtet der Edle in Zeiten der Ruhe diese Bilder und sinnt nach über die Urteile. Wenn er etwas unternimmt, so betrachtet er die Veränderungen und sinnt nach über die Orakel. Darum wird er vom Himmel gesegnet. »Heil! Nichts, das nicht fördernd ist.«


Hier sind die Zeiten der Ruhe und des Handelns erwähnt. In Zeiten der Ruhe erlangt man durch Meditation über die Bilder und Urteile des Buchs Erfahrung und Lebensweisheit. In Zeiten des Handelns greift man zum Orakel vermittels der Veränderungen, die sich in den Zeichen durch Handhabung der Schafgarbenstengel zeigen, und entnimmt dementsprechend die Ratschläge, die sich auf diese Weise für das Handeln ergeben.

Fußnoten

1 Zu beachten ist, daß selbst hier noch nicht die später so geläufigen Bezeichnungen Yin und Yang gewählt sind. Das läßt auf das Alter dieses Textes schließen.

Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 266-269.
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