Drittes Capitel.

Von den Dingen, welche durch Namen bezeichnet werden.

[54] §. 1. Indem wir nun auf den Anfang unserer Untersuchung zurückblicken, wollen wir versuchen, zu ermessen, wie weit sie gediehen ist. Die Logik, fanden wir, ist die Theorie des Beweises. Aber ein Beweis setzt etwas Beweisbares voraus, was ein Urtheil oder eine Behauptung sein muss, da nur ein Urtheil Gegenstand des Glaubens oder des Beweises sein kann. Ein Urtheil ist eine Aussage, welche etwas von einem Dinge behauptet oder verneint. Dies ist der erste Schritt: es müssen, wie es scheint, in einem Glaubensact zwei Dinge vorhanden sein. Aber was sind diese Dinge? Es können nur diejenigen sein, welche durch die zwei Namen, die nach ihrer Verbindung durch eine Copula das Urtheil bilden, ausgedrückt sind. Wenn wir daher wüssten, was alle Namen bedeuten, so würden wir alles wissen, was entweder zu einem Gegenstand der Behauptung oder Verneinung gemacht, oder was selbst von einem Gegenstande behauptet oder verneint werden kann. Wir haben deshalb in einem vorhergehenden Capitel die verschiedenen Arten von Namen betrachtet, um zu bestimmen, was ein jeder von ihnen bedeutet. Wir haben diese Untersuchung nun soweit geführt; um uns von ihrem Resultat Rechenschaft geben und eine Aufzählung von allen Arten von Dingen machen zu können, welche zu Prädicaten gemacht werden können, oder von welchen etwas prädicirt werden kann. Den Inhalt der Prädication, d.h. der Urtheile zu bestimmen, kann hiernach keine schwere Aufgabe sein.

Die Nothwendigkeit einer Aufzählung von Existenzen als Basis der Logik entging nicht der Aufmerksamkeit der Scholastiker[54] und ihres Meisters Aristoteles, des umfassendsten, wenn auch nicht des scharfsinnigsten der alten Philosophen. Die Kategorien oder Prädicamente – das erstere ein griechisches Wort, das letztere dessen wörtliche Uebersetzung in die lateinische Sprache – sollten nach seiner und seiner Nachfolger Absicht eine Aufzählung aller Dinge sein, die der Benennung fähig sind, eine Aufzählung durch die summa genera, d.i. durch die umfassendsten Classen, in welche Dinge eingetheilt werden können, und welche daher ebensoviele höchsten Prädicate waren, von denen man das eine oder das andere fähig hielt, mit Wahrheit von jedem benennbaren Dinge ausgesagt (affirmirt) zu werden. Es sind die folgenden Classen, auf welche nach dieser philosophischen Schule die Dinge im Allgemeinen zurückgeführt werden können:

Ousia Substantia,

Poson Quantitas,

Poion Qualitas,

Pros ti Relatio,

Poiein Actio,

Paschein Passio,

Pou Ubi,

Pote Quando,

Keisthai Situs,

Echein Habitus.

Die Unvollkommenheiten dieser Classification sind zu augenscheinlich, um eine genaue Prüfung zu verlangen, auch sind ihre Verdienste nicht gross genug, um eine solche Prüfung zu belohnen. Sie ist ein blosser Katalog der durch die gewöhnliche Sprache des Lebens roher Weise bezeichneten Distinctionen, und sucht nur wenig oder gar nicht durch eine philosophische Analyse in das rationale sogar dieser gewöhnlichen Distinctionen einzudringen. Eine auch nur oberflächlich angestellte Analyse würde gezeigt haben, dass die Aufzählung zugleich weitschweifig und mangelhaft ist. Manche Gegenstände sind ausgelassen und andere mehrmals unter verschiedenen Rubriken wiederholt; sie gleicht einer Eintheilung der Thiere in Menschen, Vierfüsser, Pferde, Esel und Ponies; es konnte z.B. keine sehr umfassende Ansicht über die Natur der Relation sein, welche Actio, Passio und Situs von dieser Kategorie ausschliessen konnte. Die selbe Bemerkung[55] lässt sich von den Kategorien Quando (Lage in der Zeit) und Ubi (Lage im Raum) machen, während die Unterscheidung zwischen der letztern und Situs bloss eine wörtliche ist.

Die Ungereimtheit, die Classe, welche die zehnte Kategorie ausmacht, zu einem summum genus zu machen, ist handgreiflich, und auf der andern Seite nimmt die Aufzählung von allen anderen Dingen ausser von Substanzen und Attributen gar keine Notiz.

In welche Kategorie sollen wir die Sensationen oder irgend andere Gefühle oder Zustände des Geistes bringen, z.B. Hoffnung, Freude, Furcht; Ton, Geruch, Geschmack; Schmerz, Vergnügen; Gedanke, Urtheil, Vorstellung u. dergl.? Wahrscheinlich würden alle diese durch die Aristotelische Schule in die Kategorien actio und passio gebracht worden sein; und die Beziehung (relatio) derjenigen von ihnen, welche thätig (activ) sind, zu ihren Objecten, und derjenigen von ihnen, welche passiv sind, zu ihren Ursachen, würde mit Recht in diese Kategorien gebracht werden; aber die Dinge selbst, die Gefühle und Zustände des Geistes mit Unrecht. Die Gefühle und Zustände des Bewusstseins müssen sicherlich zu den Realitäten gezählt werden, man kann sie aber weder zu den Substanzen, noch zu den Attributen rechnen.


§. 2. Ehe wir daher den von dem grossen Gründer der Wissenschaft der Logik mit so geringem Erfolg gemachten Versuch unter günstigeren Auspicien wieder aufnehmen, müssen wir eine unglückliche Zweideutigkeit in allen concreten Namen, welche dem allgemeinsten aller abstracten Wörter, dem Worte Existenz entsprechen, anführen. Wenn wir Gelegenheit haben, einen Namen anzuwenden, der als Gegensatz zu dem Nichtsein oder Nichts alles zu bezeichnen im Stande ist, was existirt, so giebt es kaum ein für diesen Zweck verwendbares Wort, welches nicht auch, und zwar noch gewöhnlicher, in einem solchen Sinne genommen wird, dass es nur Substanzen bezeichnet. Aber die Substanzen sind nicht alles, was existirt; die Gefühle existiren ebenfalls. Wenn wir aber von einem Gegenstand oder von einem Ding sprechen, so setzt man fast immer voraus, dass wir eine Substanz damit meinen. Es scheint eine Art von Widersprach in einem Ausdruck zu liegen, wie: ein Ding ist nur ein Attribut von einem andern Ding. Ich glaube,[56] dass bei der Ankündigung einer Classification der Dinge die meisten Leger sich auf eine Aufzählung ähnlich der der Naturgeschichte gefasst machen würden, beginnend mit den grossen Abtheilungen Thiere, Pflanzen und Mineralien, mit darauf folgenden Unterabtheilungen in Classen und Ordnungen. Wenn wir das Wort Ding verwerfen und ein anderes von einer allgemeineren Bedeutung, oder wenigstens ein ausschliesslicher auf diese allgemeine Bedeutung beschränktes Wort zu finden suchen, ein Wort, das alles bezeichnet, was existirt, und welches nur einfache Existenz mitbezeichnet, so könnte man vielleicht keines für zweckdienlicher halten, als das Wort Wesen,13 ursprünglich der Infinitiv eines Zeitworts, welches in der einen seiner Bedeutungen äquivalent mit dem Zeitwort existiren ist, und das sich daher schon durch seine grammatikalische Bildung als das concrete von dem abstracten Existenz eignet. Aber dieses Wort ist, so sonderbar dies auch aussieht, noch vollständiger als das Wort Ding für den Zweck vordorben, für den es besonders gemacht schien. Wesen ist dem Gebrauch nach genau synonym mit Substanz, nur dass es frei von einer leichten Färbung einer zweiten Zweideutigkeit ist, indem es unparteiisch auf Materie und Geist angewendet wird, während Substanz, obschon ursprünglich und mit aller Strenge auf beide anwendbar, eher die Idee von Materie, von Stoff einflösst. Attribute werden niemals Wesen genannt; auch nicht Gefühle. Ein Wesen ist das, was Gefühle erregt und welches Attribute besitzt. Die Seele, Gott und Engel werden Wesen genannt; wenn wir aber sagen würden, Ausdehnung, Farbe, Weisheit, Tugend seien Wesen, so würden wir vielleicht in den Verdacht kommen, mit einigen der Alten zu denken, die Cardinaltugenden seien Thiere, oder wenigstens, mit der Schule von Platon die Lehre von den selbstexistirenden Ideen, oder mit den Jüngern Epicurs die der sensiblen Formen, welche sich in jeder Richtung von den Körpern ablösen und bei dem Contact mit unseren Organen die Vorstellungen verursachen, aufrecht erhalten zu wollen; kurz wir würden in den Verdacht kommen zu glauben, Attribute seien Substanzen. In Folge dieser Verderbniss[57] des Wortes Wesen suchten die Philosophen nach einem Ersatz für dasselbe und fielen so auf das Wort Entität, ein Stück barbarisches Latein, von den Scholastikern erfunden, um als abstracter Name – in welche Classe es seine grammatikalische Form zu bringen scheint – gebraucht zu werden; da es aber von in Noth gerathenen Logikern verwendet wurde, um einen Leck in ihrer Terminologie zu verstopfen, so wurde es seitdem immer als ein concreter Name gebraucht. Das verwandte Wort Essenz, zur selbigen Zeit und von denselben Eltern geboren, erlitt kaum eine vollständigere Umwandlung, als es – während, es das abstracte vom Zeitwort essere (sein) ist – dazu dienen musste, etwas zu bezeichnen, das genugsam concret war, um es auf Flaschen ziehen zu können. Seitdem sich das Wort Entität als ein concreter Name festgesetzt hat, ist die Universalität seiner Bedeutung etwas weniger beschädigt worden, als die der vorher angeführten Namen. Aber derselbe allmälige Verfall, dem nach einem gewissen Alter die ganze Sprache der Psychologie ausgesetzt zu sein scheint, war auch hier wirksam. Wenn wir die Tugend eine Entität nennen, so gerathen wir in der That etwas weniger stark in den Verdacht, zu glauben, sie sei eine Substanz, als wenn wir sie ein Wesen nennen, wir bleiben aber keineswegs ganz frei von Verdacht. Ein jedes Wort, das ursprünglich nur blosse Existenz mitbezeichnen sollte, scheint nach einer gewissen Zeit seine Mitbezeichnung auf gesonderte Existenz oder auf Existenz auszudehnen, welche von der Bedingung, einer Substanz anzugehören, befreit ist; da nun diese Bedingung genau das ist, was ein Attribut constituirt, so werden Attribute allmälig ausgeschlossen, und mit ihnen Gefühle, welche in neun und neunzig unter hundert Fällen keinen andern Namen als den des Attributs haben, das auf sie gegründet ist. Es ist sonderbar, dass während alle diejenigen, welche irgend eine beträchtliche Menge von Gedanken auszudrücken haben, in der grössten Verlegenheit sind, eine hinreichende Menge genauer, dafür passender Worte zu finden, es keinen andern, wenigstens von wissenschaftlichen Denkern geübten Kunstgriff geben sollte, als den, werthvolle Wörter zu nehmen, um Ideen auszudrücken, welche hinreichend durch andere bereits dafür bestimmte Wörter ausgedrückt sind.

Wenn es unmöglich ist, gute Werkzeuge zu bekommen so ist[58] das zunächst Beste, dass wir suchen, die Mängel derjenigen, welche wir haben, gründlich kennen zu lernen. Ich habe daher den Leser in Beziehung auf die Zweideutigkeit gerade derselben Namen gewarnt, welche ich zu gebrauchen genöthigt sein werde. Der Verfasser muss sich nun bemühen, sie so zu gebrauchen, dass seine Meinung in keinem Falle zweifelhaft oder dunkel bleibe. Da keiner der obigen Ausdrücke frei von Zweideutigkeit ist, so werde ich mich nicht auf den Gebrauch bloss von einem derselben beschränken, sondern bei jeder Gelegenheit dasjenige Wort gebrauchen, welches in dem besondern Fall am wenigsten zu einem Missverständniss führen dürfte; auch behaupte ich nicht, sowohl diese wie auch andere Wörter mit strenger Beibehaltung einer einzigen Bedeutung zu gebrauchen. Wenn wir dies thäten, so würden wir häufig ohne ein Wort sein, um die verschiedenen Bedeutungen eines bekannten Wortes auszudrücken; es müssten denn die Schriftsteller eine unbeschränkte Freiheit haben, neue Wörter zu erfinden, und (was seine Schwierigkeiten hätte) auch die unbeschränkte Macht, ihre Leser zu deren Annahme zu zwingen. Auch würde es beim Schreiben über einen so abstracten Gegenstand nicht klug sein, einen, wenn auch von dem unrichtigen Gebrauch eines Wortes kommenden, Vortheil von der Hand zu weisen, wenn durch ihn eine geläufige Ideenassociation herbeigeführt wird, welche dem Geiste eine Meinung blitzartig zuführt.

Für den Schriftsteller und den Leser ist die Schwierigkeit des Versuches, schwankende Wörter für den Ausdruck bestimmter Meinungen zu gebrauchen, nicht so sehr zu bedauern. Es ist ganz in der Ordnung, wenn Abhandlungen über Logik ein Beispiel von dem darbieten, was zu erleichtern eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist. Lange wird die philosophische und länger noch wird die gewöhnliche Sprache soviel Schwankendes und Zweideutiges behalten, dass die Logik wenig Nutzen stiften würde, wenn sie neben anderen Vortheilen nicht auch den Verstand darin üben würde, seine Arbeit mit so unvollkommenen Werkzeugen rein und richtig auszuführen.

Nach dieser Einleitung ist es Zeit, zu unserer Aufzählung zu schreiten. Wir beginnen mit den Gefühlen, der einfachsten Classe benennbarer Dinge, der Ausdruck Gefühle natürlich in dem weitesten Sinne verstanden.
[59]

I. Gefühle oder Zustände des Bewusstseins.

§. 3. Ein Gefühl und ein Zustand des Bewusstseins sind in der Sprache der Philosophie gleichbedeutende Ausdrücke; alles ist Gefühl, dessen sich der Geist bewusst ist, alles, was er fühlt, oder mit anderen Worten, was einen Theil seiner empfindenden Existenz bildet. Gefühl ist in gewöhnlicher Sprache nicht immer synonym mit Zustand des Bewusstseins, da das Wort häufig mehr für jene Zustände gebraucht wird, die als der sensitiven oder der erregbaren Phase unserer Natur, und, bei einer noch grössern Beschränkung, zuweilen als der erregbaren allein zugehörig betrachtet werden, im Gegensatz zu dem, was als der wahrnehmenden oder intellectuellen Phase angehörig betrachtet wird. Dies ist aber eine zugestandene Abweichung von einer richtigen Sprache, gerade wie durch eine gewöhnliche Vermehrung, welche genau das Entgegengesetzte von dieser ist, das Wort Geist seiner rechtmässigen allgemeinen Bedeutung beraubt, und auf die Intelligenz allein beschränkt wird. Eine noch grössere Verkehrung, durch welche Gefühle zuweilen nicht bloss auf körperliche Empfindungen, sondern auf die Empfindungen eines einzigen Sinnes, des Gefühlsinnes, beschränkt werden, bedarf kaum der Erwähnung.

In dem eigentlichen Sinne des Wortes ist Gefühl eine Gattung, von welcher Sensation (Empfindung), Emotion (Gemüthsbewegung oder Erregung) und Gedanke untergeordnete Arten sind. In dem Worte Gedanke ist hier alles einzuschliessen, dessen wir uns innerlich bewusst sind, wenn wir sagen, dass wir denken, und zwar von dem Bewusstsein an, das wir haben, wenn wir an eine rothe Farbe denken ohne sie vor Augen zu haben bis zu den abstrusesten Gedanken eines Philosophen oder Dichters. Es muss indessen bemerkt werden, dass unter einem Gedanken das verstanden ist, was in dem Geiste selbst vorgeht, und nicht ein äusserlicher Gegenstand, von dem man gewöhnlich sagt, wir dächten an ihn. Wir können an die Sonne oder an Gott denken, aber die Sonne und Gott sind keine Gedanken; unser geistiges Bild von der Sonne und unsere Idee von Gott sind aber Gedanken, sind Zustände unseres Geistes und nicht der Gegenstände selbst; ebenso sind unser[60] Glaube an die Existenz der Sonne oder Gottes oder auch unser Unglaube Gedanken oder Zustände des Bewusstseins. Sogar eingebildete Gegenstände (von denen man sagt, sie existirten nur in unserer Idee) sind von unseren Ideen von ihnen zu unterscheiden. Ich kann an ein Gespenst, an einen gestern verzehrten Laib Brod, oder an eine morgen blühende Blume denken. Aber das Gespenst, das nie existirt hat, ist nicht dasselbe Ding, wie meine Idee von dem Gespenst, so wenig als der Laib Brod, welcher einst existirt hat, oder die Blume, welche noch nicht existirt hat, aber existiren wird, einerlei mit meiner Idee von dem Laib Brod oder der Blume ist. Sie alle sind nicht Gedanken, sondern Gegenstände der Gedanken, obgleich eben jetzt alle in gleicher Weise nicht existiren.

In gleicher Weise muss eine Empfindung sorgfältig von dem Gegenstand unterschieden werden, welcher die Empfindung verursacht; unsere Empfindung von weiss ist von dem weissen Gegenstand, und nicht weniger sorgfältig von dem Attribut Weisse zu unterscheiden, welches wir dem Gegenstand in Folge seiner Erregung der Empfindung zuschreiben. Zum Unglück für Klarheit und gehörige Unterscheidung erhalten unsere Empfindungen bei der Betrachtung dieser Gegenstände selten besondere Namen. Wir haben einen Namen für die Gegenstände, welche in uns eine gewisse Sensation erregen, das Wort weiss. Wir haben einen Namen für die Eigenschaft in diesen Gegenständen, welcher wir diese Empfindung zuschreiben, den Namen Weisse. Wenn wir aber von der Sensation selbst sprechen (wozu wir nicht häufig Gelegenheit haben ausser bei unseren wissenschaftlichen Betrachtungen), so hat uns die Sprache, welche sich meistens nur den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens anpasst, mit keiner einwörtlichen oder unmittelbaren Beziehung versehen, und um zu sagen die Empfindung von weiss, oder die Empfindung von Weisse, müssen wir eine Umschreibung gebrauchen; wir müssen die Empfindung entweder nach dem Gegenstand oder nach dem Attribut nennen, von welchem sie erregt wird. Obgleich aber die Empfindung ohne das Vorhandensein eines sie erregenden Gegenstandes nicht wirklich existirt, so kann man sich doch vorstellen, sie existire. Wir können uns denken, dass sie von selbst (spontan) in der Seele entsteht; im letztern Falle wäre aber ein jeder Name, mit dem man sie zu bezeichnen versuchen sollte, ein Missnennen. Bei unseren Gehörsempfindungen[61] sind wir besser vorgesehen; wir haben das Wort Ton, und ein ganzes Wörterbuch voll Wörter, um die verschiedenen Arten von Tönen zu bezeichnen; denn da wir uns bei Abwesenheit eines wahrnehmbaren Gegenstandes dieser Empfindungen häufig bewusst sind, so können wir uns eher vorstellen, dass wir sie auch bei Abwesenheit eines jeden Gegenstandes überhaupt haben können. Wir brauchen bloss die Augen zu schliessen und einer Musik zu lauschen, um eine Vorstellung von einem Universum zu erhalten, das nichts umfasst als Töne, und uns die Hörenden; und das, was wir uns leicht abgesondert (separat) vorstellen können, erhält auch leicht einen gesonderten Namen. Im Allgemeinen aber bezeichnen unsere Namen ohne Unterschied die Empfindung und das Attribut. So steht Farbe für die Empfindung von weiss, roth etc., aber auch für die Eigenschaft in dem farbigen Gegenstand.

§. 4. Bei den Sensationen oder Empfindungen muss man noch eise andere Unterscheidung im Auge behalten, die häufig verwechselt wird, und zwar nicht ohne nachtheilige Folgen. Es ist dies die Unterscheidung zwischen der Empfindung selbst und dem Zustand der Organe des Körpers, welcher der Empfindung vorausgeht, und welcher das physikalische Mittel ist, durch welches sie hervorgebracht wird. Die gewöhnliche Eintheilung der Gefühle in körperliche und geistige ist eine der Quellen der Verwirrung bezüglich dieses Gegenstandes. Für eine solche Unterscheidung ist, philosophisch gesprochen, gar kein Grund vorhanden; auch die Empfindungen sind Zustände der empfindenden Seele und nicht davon unterschiedene Zustände des Körpers. Das Bewusstsein, welches ich habe, wenn ich eine blaue Farbe sehe, ist ein Gefühl von blauer Farbe, dies ist ein Ding; das Bild auf meiner Netzhaut oder das Phänomen von einer bis jetzt noch geheimnissvollen Natur, welches in meinem Sehnerv oder in meinem Gehirn stattfindet, ist ein anderes Ding, dessen ich mir gar nicht bewusst bin, und dessen mich nur wissenschaftliche Forscher belehren konnten. Es sind dies Zustände des Körpers, aber die Folge dieser körperlichen Zustände, die Empfindung von blau, ist nicht ein Zustand des Körpers: dasjenige, welches wahrnimmt und sich bewusst ist, wird Geist genannt. Wenn die Empfindungen körperliche Gefühle genannt werden, so geschieht dies nur, weil sie die Classe von Gefühlen[62] sind, welche unmittelbar durch körperliche Zustände verursacht werden, während die anderen Arten von Gefühlen, die Gedanken z.B. oder die Emotionen unmittelbar nicht durch etwas auf die Organe wirkendes, sondern durch Empfindungen oder vorhergehende Gedanken erregt werden. Dies ist indessen eine Unterscheidung nicht in unseren Gefühlen, sondern in der Thätigkeit, welche unsere Gefühle erzeugt; wenn sie einmal wirklich erzeugt sind, so sind sie alle Zustände des Geistes.

Ausser der äusserlichen Erregung (Afficirung) unserer körperlichen Organe und der dadurch in unserm Geist erzeugten Empfindungen nehmen manche Schriftsteller noch ein drittes Glied in der Kette der Erscheinungen an, welches sie Wahrnehmung (Perception) nennen, und welche in der Erkennung eines äussern Gegenstandes als der erregenden Ursache der Empfindung besteht. Diese Wahrnehmung, sagen sie, ist eine Handlung, ein Act des Geistes, der von seiner eigenen spontanen Thätigkeit ausgeht, während sich bei einer Empfindung der Geist passiv verhält, indem bloss durch einen äusseren Gegenstand auf ihn eingewirkt wird. Nach einigen Metaphysikern wird die Existenz Gottes, der Seele und anderer übersinnlicher Gegenstände durch einen Geistesact erkannt, welcher der Wahrnehmung ähnlich ist, nur dass ihm nicht Empfindungen vorausgehen.

Diese Acte der sogenannten Perception müssen, wie ich glaube ihren Platz unter den verschiedenen Arten von Gefühlen oder Zuständen des Geistes erhalten, welcher Art auch die Schlüsse bezüglich ihrer Natur sein mögen, zu denen wir schliesslich gelangen. Indem ich ihnen diesen Platz anweise, habe ich nicht die geringste Absicht, irgend eine Theorie der Gesetze des Geistes, denen diese geistigen Processe möglicherweise entspringen, oder der Bedingungen, unter denen sie legitim oder es nicht sind, anzukündigen. Noch weniger aber will ich damit sagen (wie Dr. Whewell14 in einem analogen Falle sagen zu müssen scheint), dass, da sie bloss Zustände des Geistes sind, es überflüssig sei, ihre unterscheidenden Eigenthümlichkeiten zu untersuchen. Ich enthalte mich dieser Untersuchung, weil sie für die Logik ohne Bedeutung ist. In diesen sogenannten Perceptionen oder directen Erkennungen durch[63] den Geist von physischen oder geistigen Gegenständen, welche ausserhalb seiner selbst sind, kann ich nur Fälle von Glauben sehen, aber von Glauben, der Anspruch darauf macht, intuitiv oder unabhängig von äusserem Beweis zu sein. Wenn ein Stein vor mir liegt, so bin ich mir gewisser Empfindungen bewusst, welche ich von ihm empfange; wenn ich aber sage, dass diese Empfindungen von einem äussern Gegenstande kommen, den ich wahrnehme, so bedeuten diese Worte, dass ich bei dem Erhalten dieser Empfindungen intuitiv glaube, dass eine äussere Ursache dieser Empfindungen vorhanden ist. Die Gesetze des intuitiven Glaubens und der ihn legitimirenden Bedingungen bilden einen Gegenstand, der, wie schon öfter bemerkt, nicht der Logik, sondern der Wissenschaft von den letzten Gesetzen des menschlichen Geistes angehört.

Demselben Bereich der Speculation gehört alles an, was hinsichtlich der Unterscheidung gesagt werden kann, welche die deutschen Metaphysiker und ihre englischen und französischen Nachfolger so mühsam zwischen Handlungen(Acten) des Geistes und seinen bloss passiven Zuständen, zwischen dem, was er von dem rohen Material seiner Erfahrung empfängt, und dem, was er ihm giebt, gemacht haben. Ich weiss wohl, dass in Betreff der Ansicht, welche diese Schriftsteller von den ersten Elementen des Denkens und Erkennens haben, diese Unterscheidung eine fundamentale ist, aber für den gegenwärtigen Zweck, welcher dahin geht, nicht die ursprüngliche Grundlage unserer Erkenntniss zu untersuchen, sondern zu untersuchen, auf welche Weise wir den nicht ursprünglichen Theil derselben erlangen, ist der Unterschied zwischen activen und passiven Zustanden unseres Geistes nur von untergeordneter Bedeutung. Für uns sind sie alle Zustände des Geistes, sind sie alle Gefühle, womit ich, um es noch einmal zu sagen, nichts von Passivität mit inbegriffen haben, sondern womit ich nur sagen will, dass sie psychologische Thatsachen sind, Thatsachen, die in dem Geist stattfinden, und welche sorgfältig von äusseren oder physikalischen Thatsachen, mit denen sie als Ursache oder Wirkung im Zusammenhange stehen, unterschieden werden müssen.

§. 5. Unter den activen Zuständen des Geistes verdient eine Art eine besondere Aufmerksamkeit, da sie einen hauptsächlichen[64] Theil der Mitbezeichnung einiger wichtiger Classen von Namen bildet. Ich meine das Wollen, die Willensthätigkeit oder Willensacte. Wenn wir vermittelst relativer Namen von empfindenden Wesen sprechen, so besteht gewöhnlich ein grosser Theil der Mitbezeichnung dieser Namen aus Handlungen (Acten) dieser Wesen, aus vergangenen, gegenwärtigen und möglich- oder wahrscheinlicherweise zukünftigen Handlungen. Nehmen wir z.B. die Wörter »Souverän und Unterthan«. Welche andere Bedeutung haben diese Wörter, als die unzähliger Handlungen, welche durch den Souverain und die Unterthanen in wechselseitiger Beziehung zu einander geschehen oder zu geschehen haben? So bei den Wörtern Arzt und Patient, Führer und Nachfolger, Vormund und Mündel. In manchen Fällen mitbezeichnen die Wörter auch Handlungen, welche unter gewissen Zufälligkeiten durch andere Personen als die bezeichneten stattfinden, wie bei den Wörtern Pfandgläubiger und Pfandschuldner, Gläubiger und Schuldner überhaupt, und bei vielen anderen Wörtern, welche rechtliche Beziehungen ausdrücken, und welche mitbezeichnen, was ein Gerichtshof thun würde, um die Erfüllung gesetzlicher Verbindlichkeiten nöthigenfalls zu erzwingen. Es giebt auch Wörter, welche Handlungen mitbezeichnen, die früher und von anderen Personen geschahen, als diejenigen sind, welche entweder durch den Namen selbst oder durch dessen correlativen Namen bezeichnet werden, z.B. das Wort Bruder. Aus diesen Beispielen kann man ersehen, welch grosser Theil der Mitbezeichnung von Namen aus Handlungen besteht. Was ist nun eine Handlung? Nicht ein Ding, sondern eine Reihe von zwei Dingen; der Willensthätigkeit genannte Zustand und eine darauf folgende Wirkung. Die Willensthätigkeit oder die »Absicht«, eine Wirkung hervorzubringen, ist ein Ding; die in Folge der Absicht erzeugte Wirkung ist ein anderes Ding; die zwei zusammen machen die Handlung aus. Ich bilde in mir die Absicht, sogleich meinen Arm zu bewegen, dies ist ein Zustand meines Geistes; mein Arm (wenn er nicht gebunden oder lahm ist) bewegt sich meiner Absicht gehorchend, dies ist die auf einen Geisteszustand folgende physikalische Thatsache. Die von der That gefolgte Absicht, oder (wenn man den Ausdruck vorzieht) die Thatsache, wenn ihr die Absicht vorausgeht und sie verursacht, heisst die Handlung des Armbewegens.

[65] §. 6. Wir begannen damit, von der ersten Hauptabtheilung benennbarer Dinge, nämlich von derjenigen der Gefühle und Zustände des Bewusstseins, drei Unterabtheilungen, Empfindungen (Sensationen), Gedanken, und Emotionen zu unterscheiden. Die zwei ersteren haben wir weitläufig erörtert, die dritte Unterabtheilung, die der Emotionen, bedarf keiner solchen Erörterung, da sie nicht mit ähnlichen Zweideutigkeiten behaftet ist. Zuletzt fanden wir es noch für nöthig, den drei Arten eine vierte, gewöhnlich Willensthätigkeiten genannte, Art hinzuzufügen. Ohne die metaphysische Frage: giebt es geistige Zustände oder Phänomene, welche nicht in der einen oder der andern dieser vier Arten eingeschlossen sind, beeinträchtigen zu wollen, scheint es mir, dass die vorhergehenden Erläuterungen für unsern Zweck genügen. Wir wollen daher zu den zwei übrigen Classen von benennbaren Dingen übergehen, indem wir alle Dinge ausserhalb des Geistes entweder als der Classe der Substanzen oder der Classe der Attribute angehörig betrachten.


II. Substanzen.

Die Logiker haben sich bemüht, Substanz und Attribut zu definiren; aber ihre Definitionen sind nicht sowohl Versuche, eine Unterscheidung zwischen den Dingen selbst zu ziehen, als Unterweisungen in Beziehung auf den Unterschied, den man in dem grammatikalischen Bau des Urtheils zu machen pflegt, je nachdem man von Substanzen oder von Attributen spricht. Dergleichen Definitionen sind eher ein Unterricht in englischer, griechischer, lateinischer oder deutscher Sprache, als in der Philosophie des Geistes. Ein Attribut, sagen die Logiker der Schule (die Scholastiker), muss ein Attribut von etwas sein; die Farbe z.B. muss die Farbe von etwas, die Güte muss die Güte von etwas sein; und wenn dies etwas aufhören sollte zu existiren oder mit dem Attribut verknüpft zu sein, so würde auch die Existenz des Attributs zu Ende sein. Eine Substanz ist im Gegentheil selbst existirend; wenn wir von ihr sprechen, brauchen wir ihrem Namen das von nicht folgen zu lassen, ein Stein ist nicht der Stein von etwas, der Mond ist nicht der Mond von etwas, sondern er ist einfach der Mond; es müsste denn der Name, welchen wir der Substanz[66] beilegen, ein relativer Name sein; ist er dies, so muss entweder das von auf ihn folgen, oder eine andere Partikel, die wie diese Präposition eine Beziehung auf etwas anderes andeutet; es würde aber dann die andere charakteristische Eigenthümlichkeit eines Attributs fehlen, das Etwas könnte vernichtet werden und die Substanz könnte doch noch bestehen. So muss ein Vater der Vater von etwas sein, und gleicht insofern einem Attribut, als er auf etwas anderes als er selbst bezogen wird; wenn kein Kind da wäre, so würde kein Vater da sein; dies heisst aber bei genauer Einsicht in die Sache, dass wir ihn nicht Vater nennen würden. Der Vater genannte Mensch könnte noch existiren, wenn auch kein Kind vorhanden wäre, so wie er vor dem Kind existirte; in der Voraussetzung seiner Existenz würde kein Widerspruch liegen, wenn auch ausser ihm das ganze Weltall zerstört worden wäre. Wenn aber alle weissen Substanzen zerstört würden, wo würde das Attribut Weisse sein? Weisse ohne irgend weisse Dinge ist ein Widerspruch in den Worten, eine contradictio in adjecto.

Dies ist die kürzeste näherungsweise Lösung einer Schwierigkeit, der man in den gewöhnlichen Abhandlungen über Logik begegnet. Man wird sie kaum für genügend halten. Wenn sich ein Attribut von einer Substanz dadurch unterscheidet, dass es das Attribut von etwas ist, so scheint es sehr nöthig zu wissen, was unter von verstanden wird, da dies eine Partikel ist, welche der Erklärung selbst zu sehr bedarf, um an der Spitze der Erklärung von etwas anderem stehen zu können. Was die Selbstexistenz der Substanzen betrifft, so ist es sehr wahr, dass man sich eine Substanz als ohne eine jede andere Substanz existirend denken kann, man kann sich aber auch ein Attribut ohne irgend ein anderes Attribut denken: und wir können uns ebensowenig eine Substanz ohne Attribute denken, als wir uns Attribute ohne eine Substanz denken können.

Die Methaphysiker haben indessen die Frage tiefer sondirt, und eine viel befriedigendere Erklärung der Substanz gegeben, als die vorhergehende. Die Substanzen werden gewöhnlich als Körper und Geist unterschieden, und in Betreff beider haben uns die Philosophen mit einer untadelhaft scheinenden Definition versehen.

§. 7. Nach der von den neueren Metaphysikern angenommenen Lehre kann ein Körper als die äusserliche Ursache unserer Empfindungen[67] definirt werden. Wenn ich ein Stück Gold sehe und berühre, so bin ich mir der Empfindung der gelben Farbe und der Empfindungen von Härte und Gewicht bewusst, und wenn ich es auf verschiedene Weise handhabe, so kann ich diesen Empfindungen noch viele andere durchaus von ihnen unterschiedene hinzufügen. Die Empfindungen sind alles, dessen ich mir direct bewusst bin; aber ich betrachte sie als von etwas erzeugt, was nicht allein unabhängig von meinem Willen, sondern was auch ausserhalb meiner körperlichen Organe und meines Geistes existirt. Dieses äusserliche Etwas nenne ich einen Körper.

Man könnte fragen, wie kommen wir dazu, unsere Empfindungen äusseren Ursachen zuzuschreiben? Ist dafür ein hinreichender Grund vorhanden? Es ist bekannt, dass es Metaphysiker giebt, welche hierüber gestritten und behauptet haben, dass wir unsere Sensationen auf eine Ursache, wie sie unter dem Wort Körper verstanden wird, oder auf irgend eine Ursache überhaupt nicht mit Sicherheit zurückführen können. Obgleich uns hier weder dieser Streit selbst, noch die metaphysischen Subtilitäten, um welche er sich dreht, etwas angehen, so ist doch eines der besten Mittel zu zeigen, was unter Substanz verstanden ist, wenn wir betrachten, welche Stellung wir einzunehmen haben, um deren Existenz gegen ihre Gegner zu behaupten.

Es ist also gewiss, dass ein Theil unserer Vorstellung von einem Körper in der Vorstellung einer Anzahl von gewöhnlich gleichzeitig stattfindenden Empfindungen besteht, die uns selbst oder anderen empfindenden Wesen angehören. Meine Vorstellung von dem Tisch, an welchem ich schreibe, ist zusammengesetzt: aus Keiner sichtbaren Form und Grösse, was zusammengesetzte Empfindungen des Gesichtes sind; aus seiner fühlbaren Form und Grösse, was zusammengesetzte Empfindungen unserer Gefühlsorgane und Muskeln sind; aus dem Gewicht, was ebenfalls eine Empfindung des Tastsinnes und der Muskeln ist; seiner Farbe, was eine Empfindung des Gesichtes ist; seiner Härte, was eine Sensation der Muskeln ist; seiner Zusammensetzung, was ein anderes Wort für alle die verschiedenen Empfindungen ist, welche wir unter verschiedenen Umständen von dem Holz, aus dem er gemacht ist, erhalten. Alle oder doch die meisten dieser verschiedenen Empfindungen werden häufig, und wie wir durch die Erfahrung lernen,[68] könnten nach unserer eigenen Wahl immer zu gleicher Zeit oder in den verschiedensten Reihefolgen empfunden werden: und daher verursacht das Denken an die eine, dass wir an die anderen denken, und das Ganze amalgamirt sich geistig zu einem gemischten Zustand des Bewusstseins, der in der Sprache der Schule von Locke und Hartley eine »Complexe Idee« genannt wird.

Es giebt nun Philosophen, welche in folgender Weise geschlossen haben. Wenn wir eine Orange nehmen, und sie ihrer natürlichen Farbe beraubt denken, ohne dass ihr eine andere Farbe verliehen wird; wenn wir ferner denken, sie verlöre ihre Weichheit, ohne hart zu werden, ihre Rundung, ohne viereckig, fünfeckig oder andergestaltig zu werden; sie verlöre Gestalt, Gewicht, Geruch, Geschmack und alle mechanischen und chemischen Eigenschaften ohne neue zu bekommen; kurz wenn sie unsichtbar, unfühlbar, nichtwahrnehmbar würde, und zwar nicht bloss für unsere Sinne, sondern auch für die Sinne aller anderen (reellen oder möglichen) empfindenden Wesen: so würde nichts übrig bleiben. Denn, fragen diese Denker, welcher Art könnte der Rückstand sein? Durch welches Zeichen könnte er seine Gegenwart offenbaren? Für den Nichtnachdenkenden scheint dessen Existenz auf dem Zeugniss der Sinne zu beruhen. Den Sinnen ist aber nichts bekannt als Empfindungen. Wir wissen zwar, dass diese Empfindungen durch irgend ein Gesetz mit einander verbunden sind; sie treffen nicht zufällig zusammen, sondern nach einer systematischen Ordnung, welche ein Theil der Ordnung im Weltall ist. Wenn wir die eine dieser Sensationen erfahren, so erfahren wir auch gewöhnlich die anderen, oder wir wissen, dass es in unserer Macht steht, sie zu erfahren. Aber ein bestimmtes Gesetz des Zusammenhanges, welches macht, dass die Empfindungen zugleich stattfinden, verlangt nicht nothwendig, sagen diese Philosophen, was man ein sie tragendes Substrat nennt. Die Vorstellung eines Substrats ist nur eine der vielen möglichen Formen, unter denen sich jener Zusammenhang unserer Einbildungskraft darstellt; es ist gleichsam ein Modus die Idee zu Stande zu bringen (zu realisiren). Angenommen, es gäbe ein solches Substrat, und es würde durch ein Wunder in diesem Augenblick vernichtet, die Empfindungen aber würden fortwährend in derselben Ordnung stattfinden, würde man dann das Substrat vermissen? Aus welchen Zeichen könnten wir erfahren, dass seine Existenz zu Ende[69] ist? Würden wir nicht mit eben soviel Recht wie jetzt annehmen, dass es noch existirt? Wenn aber unserem Glauben alsdann jede Gewähr fehlen würde, woher soll er dieselbe jetzt nehmen? Nach diesen Metaphysikern ist daher ein Körper nicht etwas wesentlich Verschiedenes von den Sensationen, von denen man sagt, der Körper errege sie in uns; kurz er ist eine Reihe von Empfindungen, welche durch ein bestimmtes Gesetz mit einander verbunden sind.

Die Streitigkeiten, zu welchen diese Speculationen Anlass gegeben haben, und die Lehren, welche bei dem Versuch, eine entscheidende Antwort darauf zu finden, entwickelt wurden, hatten für die Wissenschaft des Geistes wichtige Folgen. Die Empfindungen (so war die Antwort), deren wir uns bewusst sind, und welche wir nicht dem Zufall nach, sondern in einer gewissen allgemeinen Weise mit einander verbunden erhalten, schliessen nicht allein ein Gesetz oder Gesetze des Zusammenhanges, sondern auch eine ausserhalb unseres Geistes befindliche Ursache ein, welche Ursache nach ihren eigenen Gesetzen die Gesetze bestimmt, nach denen die Empfindungen mit einander verknüpft sind und nach denen sie erfahren werden. Die Scholastiker pflegten diese äusserliche Ursache mit dem von uns bereits gebrauchten Namen Substrat, und dessen Attribute (wie sie sich ausdrückten) ihm inhärent, wörtlich, ihm anhängend, zu benennen. Diesem Substrat wird bei philosophischen Discussionen gewöhnlich der Name Materie gegeben. Von allen denjenigen, welche über den Gegenstand nachdachten, Wurde indessen bald zugestanden, dass die Existenz der Materie durch äussern Beweis nicht bewiesen werden kann. Es wird daher Berkeley und seinen Anhängern gegenwärtig entgegnet, dass der Glaube intuitiv ist, dass sich die Menschheit zu allen Zeiten durch die Nothwendigkeit ihrer Natur gezwungen sah, ihre Empfindungen auf eine äussere Ursache zu beziehen, dass sogar diejenigen, welche es in der Theorie läugnen, in der Praxis der Nothwendigkeit nachgeben, und in Rede, Gedanken und Gefühlen mit dem grossen Haufen bekennen, dass ihre Empfindungen Wirkungen von etwas ausserhalb ihrer selbst sind; diese Erkenntniss, so wird behauptet, ist daher augenscheinlich ebenso intuitiv als die Erkenntniss unserer Empfindungen selbst. Hier geht die Frage in die fundamentale Aufgabe der Metaphysik über, und wir überlassen sie dieser Wissenschaft.[70]

Aber wenn auch die extreme Lehre der idealistischen Metaphysiker, die Gegenstände seien nichts, als unsere Empfindungen und die sie verknüpfenden Gesetze, von späteren Denkern nicht allgemein angenommen wurden, so nimmt man doch jetzt allgemein an, die Metaphysiker seien über einen wirklich sehr wichtigen Punkt einverstanden, nämlich darüber, dass die Sensationen, welche sie uns geben, und die Ordnung, in welcher diese Sensationen eintreten, alles sind, was wir von den Gegenständen wissen. Ueber diesen Punkt ist Kant selbst so bestimmt wie Berkeley oder Locke. Obgleich fest überzeugt, dass ein Universum von »Dingen an sich« und gänzlich verschieden vom Universum der Erscheinungen oder der Dinge, wie sie sich unseren Sinnen darbieten, existirt, und selbst nachdem er einen technischen Ausdruck (Noumenon) eingeführt hat, um zu bezeichnen, was das Ding an sich im Gegensatz zur Repräsentation desselben in unserm Geiste ist, giebt er zu, dass diese Repräsentation oder Vorstellung (deren Stoff nach ihm aus unseren Empfindungen besteht, obgleich die Form durch die Gesetze des Geistes selbst gegeben wird) alles ist, was wir von dem Gegenstand wissen, und dass die wahre Natur der Dinge bei der Beschaffenheit unserer geistigen Fähigkeiten für uns ein undurchdringliches Räthsel bleiben wird.

»Von den Dingen absolut genommen oder an sich,« sagt Sir W. Hamilton,15 »sie seien äussere oder innere, wissen wir nichts, oder wissen wir nur, dass sie nicht erkannt werden können; wir erfahren ihre unbegreifliche Existenz nur wenn uns dieselbe indirect und zufällig durch gewisse, mit unserem Erkenntnissvermögen verwandte Eigenschaften offenbart wird, welche Eigenschaften wir wiederum nicht als unbedingt, beziehungslos, in und an sich existirend denken können. Alles, was wir wissen, ist daher phänomenal, – phänomenal bezüglich des Unbekannten.«16[71]

Diese Lehre wird von H. Cousin in sehr klaren Worten ausgedrückt; seine Bemerkungen sind der Aufmerksamkeit um so würdiger, als sie bei dem im Allgemeinen ultradeutschen und ontologischen Charakter seiner Philosophie als das Zugeständniss eines Gegners betrachtet werden können.17[72]

Es ist nicht der geringste Grund vorhanden, zu glauben, dass das, was wir die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des Gegenstandes nennen, ein Bild von etwas ihm selbst Inhärirendem sei, oder irgend eine Aehnlichkeit mit seiner eigenen Natur habe. Eine Ursache gleicht als solche nicht ihren Wirkungen; ein Ostwind gleicht nicht dem Gefühl von Kälte, noch gleicht die Wärme einem Dampfstrahl; warum also sollte die Materie unseren Empfindungen gleichen? Warum sollte die innere Natur von Feuer oder Wasser den von diesen Gegenständen auf unsere Sinne hervorgebrachten Eindrücken gleichen?18 Und wenn nicht vermittelst des Princips[73] der Aehnlichkeit, nach welchem andern Princip kann uns die Art und Weise, wie uns die Gegenstände durch unsere Sinne erregen (afficiren), eine Einsicht in die inhärente Natur dieser Gegenstände darbieten? Wir können es daher als eine Wahrheit aussprechen, die sowohl an und für sich einleuchtend, als auch von allen denjenigen zugegeben ist, welche wir für jetzt zu berücksichtigen haben: dass wir von der Aussenwelt absolut nichts, erkennen können, als die Empfindungen, welche wir von ihr erfahren. Diejenigen aber, welche die Ontologie noch immer als eine mögliche Wissenschaft betrachten, und nicht allein glauben, dass die Körper eine ihnen eigene und tiefer als unsere Wahrnehmungen liegende, essentielle Beschaffenheit haben, sondern auch, dass diese Essenz oder Natur der menschlichen Forschung zugänglich sei, können nicht erwarten, hier widerlegt zu werden. Die Frage ist von den Gesetzen der intuitiven Erkenntniss abhängig und gehört nicht in das Bereich der Logik.

§. 8. Nachdem wir nun die Körper definirt haben als die äusserliche Ursache, und zwar (zufolge der vernünftigeren Meinung) als die verborgene äusserliche Ursache, auf welche wir unsere Empfindungen beziehen, so bleibt uns noch übrig, eine Definition vom Geist aufzustellen. Nach den vorhergehenden Bemerkungen wird dies keine Schwierigkeiten haben. Denn, da unsere Vorstellung von einem Körper die einer unbekannten, Empfindungen erregenden Ursache ist, so ist unsere Vorstellung von einem Geist die eines unbekannten Recipienten oder Percipienten dieser Empfindungen, und nicht blos ihrer allein, sondern aller andern Gefühle von uns. Ein Körper ist das geheimnissvolle Etwas, dass den Geist zu fühlen anregt, der Geist ist das mysteriöse Etwas,[74] das fühlt und denkt. Es ist unnöthig, auch hier die skeptische Lehre besonders auseinanderzusetzen, durch welche die Existenz des Geistes als eines Dinges an sich, und unterschieden von der Reihe von sogenannten Zuständen desselben, in Zweifel gezogen wird. Es ist aber nöthig zu bemerken, dass wir in Beziehung auf die innere Natur des denkenden Princips sowohl, als auf die innere Natur der Materie gänzlich im dunkeln sind, und bei unseren Fähigkeiten es immer bleiben müssen. Alles was wir sogar in unserem eigenen Geist erkennen, ist (mit den Worten von Mill) »ein gewisser Faden von Bewusstsein«, eine mehr oder weniger zahlreiche und verwickelte Reihe von Gefühlen, d.h. von Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Willensthätigkeiten. Es ist etwas vorhanden, das ich mein Ich, oder als eine andere Form des Ausdrucks, das ich meinen Geist nenne, und den ich als von diesen Empfindungen, Gedanken etc. unterschieden betrachte; als ein Etwas, das ich nicht für die Gedanken, sondern für das Wesen halte, welches die Gedanken hat und welches ich mir als ewig in einem Zustand der Ruhe ohne alle Gedanken existirend vorstellen kann. Obgleich dieses Wesen Ich selbst bin, so weiss ich doch nicht mehr von ihm, als dass es eine Reihe von Zuständen des Bewusstseins ist. So wie sich mir die Körper nur durch die Empfindungen kund geben, für deren Ursache ich sie halte, so giebt sich mir der Geist oder das denkende Princip in meiner eigenen Natur nur durch die Gefühle zu erkennen, deren er sich bewusst ist. Ich kenne von mir nichts als meine Fähigkeiten zu fahlen oder bewusst zu sein (natürlich einschliesslich des Denkens und Wollens); und wenn ich in Betreff meiner eigenen Natur etwas Neues erfahren sollte, so kann ich mir mit meinen jetzigen Fähigkeiten diese neue Auskunft als in nichts anderem bestehend vorstellen, als dass ich einige weitere, mir noch unbekannte Fähigkeiten des Fühlens, Denkens und Wollens besitze.

Sowie also die Körper die nichtempfindende Ursache sind auf die wir uns naturgemäss veranlasst sehen, einen gewissen Theil unserer Gefühle zu beziehen, so kann der Geist als das empfindende Subject (im deutschen Sinne des Wortes) aller Gefühle bezeichnet werden, als das Subject welches sie hat oder fühlt. Aber von der Natur von Körper und Geist kennen wir zufolge der besten jetzt existirenden Lehre nichts, als die Gefühle, welche der[75] erstere erregt und die der letztere erfährt; und wenn uns etwas weiteres bekannt wäre, so hat die Logik damit und mit der Art, wie die Kenntniss gewonnen wird, nichts zu schaffen. Mit diesem Resultat beschliessen wir diesen Theil unseres Gegenstandes, und gehen zur dritten, noch allein übrigen Classe benennbarer Dinge über.


III. Attribute; und erstens Eigenschaften.

§. 9. Aus dem was bereits über Substanz gesagt worden ist, lässt sich das über Attribut zu sagende leicht ableiten. Denn wenn uns von den Körpern nichts bekannt ist und nichts bekannt sein kann, als die Empfindungen, welche sie in uns oder in anderen erregen, so müssen diese Empfindungen alles sein, was wir zuletzt unter Attributen der Körper verstehen können; und die wörtliche Unterscheidung, welche wir zwischen den Eigenschaften der Dinge und den von ihnen erhaltenen Empfindungen machen, muss eher aus der Bequemlichkeit der Rede entspringen, als aus der Natur von dem, was der Name bezeichnet.

Die Attribute werden gewöhnlich unter drei Rubriken gebracht: unter Qualität, Quantität und Relation. Wir werden bald zu den zwei letzteren kommen, uns jedoch vorerst auf die erstere beschränken.

Als Beispiel wollen wir eine der sogenannten sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der Gegenstände, z.B. Weisse nehmen. Wenn wir einer Substanz, z.B. dem Schnee, Weisse zuschreiben, wenn wir sagen, der Schnee besitzt die Eigenschaft Weisse, was ist wirklich damit behauptet? Einfach, dass, wenn Schnee unseren Organen gegenwärtig ist, wir eine gewisse Empfindung haben, welche wir gewohnt sind, die Empfindung von weiss zu nennen. Aber wie wissen wir, dass Schnee vorhanden ist? Augenscheinlich durch die davon hergeleiteten Empfindungen und nicht anders. Ich schliesse, dass der Gegenstand zugegen ist, weil er mir eine Reihe von Empfindungen verursacht; und wenn ich ihm das Attribut Weisse zuschreibe, so meine ich damit nur, dass unter den diese Gruppe oder Reihe bildenden Empfindungen eine ist, welche ich die Empfindung von weiss nenne.

Dies ist die eine Ansicht, welche man von dem Gegenstand[76] haben kann; es giebt aber noch eine andere, hiervon verschiedene Ansicht. Man könnte sagen: es ist wahr, wir erkennen von den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen nichts als die Empfindungen, wel che sie in uns erregen; die Thatsache, dass wir von dem Schnee die besondere Empfindung empfangen, welche wir die Empfindung von weiss nennen, ist der Grund, auf den hin wir dieser Substanz die Eigenschaft Weisse zuschreiben; sie ist der einzige Beweis, dass sie diese Eigenschaft besitzt. Aber daraus, dass ein Ding der einzige Beweis von der Existenz eines andern Dinges ist, folgt nicht, dass beide ein und dasselbe sind. Das Attribut Weisse (so kann man sagen) ist nicht die Thatsache des Empfangens der Empfindung, sondern etwas in dem Gegenstand selbst, eine ihm inhärirende Kraft, etwas vermöge oder kraft dessen der Gegenstand die Empfindung hervorruft. Wenn wir behaupten, dass der Schnee das Attribut Weisse besitzt, so behaupten wir nicht bloss, dass die Gegenwart des Schnees diese Empfindung in uns erzeugt, sondern dass er dies durch und wegen dieser Kraft oder Eigenschaft thut.

Für die Zwecke der Logik ist es von keiner wesentlichen Bedeutung, welche von diesen Meinungen wir annehmen wollen. Die ganze Discussion des Gegenstandes gehört jenem schon so oft als Metaphysik angeführten Zweig der wissenschaftlichen Forschung an; es mag aber hier bemerkt werden, dass ich für die Lehre von der Existenz einer besondern Art von Entitäten, welche Eigenschaften (Qualitäten) genannt werden, nirgends einen Grund finden kann, als in einer Neigung des menschlichen Geistes, welche die Ursache vieler Täuschungen ist. Ich meine die Neigung, da, wo wir zwei nicht genau synonyme Namen finden, vorauszusetzen, dass sie die Namen von zwei verschiedenen Dingen sein müssen, während sie in Wirklichkeit Namen eines und desselben aber aus verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten Dinges sein können, was so viel sagen will, als unter verschiedenen Voraussetzungen in Beziehung auf die umgebenden Umstände. Weil Qualität und Sensation (Eigenschaft und Empfindung) nicht ohne Unterschied für einander gesetzt werden können, so nimmt man auch an dass sie nicht beide dasselbe Ding, nämlich den Eindruck oder das Gefühl bezeichnen können, mit dem wir durch unsere Sinne, bei Gegenwart eines Gegenstandes afficirt werden; obgleich wenigstens keine[77] Absurdität darin liegt, anzunehmen, dass diesem identischen Eindruck oder Gefühl der Name Empfindung gegeben werden kann, wenn an und für sich betrachtet, dagegen der Name Eigenschaft, wenn als von einem der vielen Gegenstände ausgehend betrachtet, die, wenn sie unseren Organen gegenwärtig sind, in unserm Geist unter verschiedenen anderen Empfindungen oder Gefühlen auch jene Empfindung erregen. Wenn nun dies als Voraussetzung zulässig ist, so bleibt es denen überlassen, welche für eine, Eigenschaft genannte, Entität per se streiten, zu zeigen, dass ihre Meinung vorzuziehen, und in der That nicht ein zehrendes Ueberbleibsel der scholastischen Lehre von dunklen Ursachen, nicht die Absurdität ist, welche Molière so lächerlich machte, als er einen seiner pedantischen Aerzte die Thatsache, dass »l'opium endormit«, durch den Ausspruch erklären liess, »parcequ'il a une vertu soporifique«.

Es ist klar, dass als der Arzt angab, dass das Opium »une vertu soporifique« hat, er die Thatsache, dass es »endormit«, nicht erklärte, sondern dass er sie nur noch einmal behauptete. Wenn wir in gleicher Weise sagen, der Schnee sei weiss, weil er die Eigenschaft Weisse besitzt, so behaupten wir die Thatsache, dass er die Empfindung von weiss in uns erregt, noch einmal, nur in einer kunstgerechteren Sprache. Wenn man sagt, die Empfindung müsste eine Ursache haben, so entgegne ich, ihre Ursache ist die Gegenwart der gesammten Erscheinungen, welche der Gegenstand genannt werden. Mit der Behauptung, dass, so oft der Gegenstand gegenwärtig ist, und unsere Organe im normalen Zustande sind, die Empfindungen stattfinden, haben wir alles gesagt, was wir von der Sache wissen. Nach dem Nachweis einer bestimmten und begreiflichen Ursache ist es unnöthig, noch eine verborgene Ursache anzunehmen, welche die wirkliche Ursache in den Stand setzt, ihre Wirkung hervorzubringen. Wenn man mich fragt, warum verursacht die Anwesenheit des Gegenstandes diese Empfindung in mir, so weiss ich es nicht; ich kann nur sagen, dass solches meine Natur und die des Gegenstandes ist, dass die Thatsache einen Theil der Einrichtung der Dinge ausmacht. Und dahin müssen wir zuletzt kommen, auch nach der Einschaltung jener imaginären Entität. Aus wieviel Gliedern die Kette von Ursachen und Wirkungen auch bestehen mag, die Art der Erzeugung[78] des einen Gliedes aus dem andern bleibt für uns gleich unerklärlich. Es ist ebenso leicht zu begreifen, dass der Gegenstand die Empfindung direct und auf einmal erzeugt, als dass er dieselbe Empfindung mit Hülfe von etwas anderem erzeugt, was das Vermögen sie zu erzeugen genannt wird.

Da die Schwierigkeiten, welche sich einer Annahme dieser Ansicht von dem Gegenstand entgegenstellen könnten, nicht zu beseitigen sind, ohne in Discussionen einzugehen, welche die Grenzen unserer Wissenschaft überschreiten, so begnüge ich mich mit einer flüchtigen Angabe derselben, und werde mich für die Logik einer Sprache bedienen, welche mit beiden Ansichten von der Natur der Eigenschaften verträglich ist. Ich werde sagen – was wenigstens keinen Streit zulässt - , dass die dem Gegenstand Schnee zugeschriebene Eigenschaft Weisse darauf gegründet ist, dass er in uns die Empfindung von weiss erregt, und indem ich die Sprache annehme, welche bereits von den Scholastikern für die Relationen genannte Art von Attributen gebraucht wurde, werde ich die Empfindung von weiss die Grundlage (das Fundament) der Qualität Weisse nennen. Für die Zwecke der Logik ist die Sensation der allein wesentliche Theil von der Bedeutung des Wortes, der einzige Theil, dessen Beweis uns interessirt. Wenn er bewiesen ist, so ist die Eigenschaft bewiesen; wenn ein Gegenstand eine Empfindung erregt, so besitzt er natürlich das Vermögen, sie zu erregen.


IV. Relationen (Beziehungen, Verhältnisse).

§. 10. Die Eigenschaften eines Körpers, sagten wir, sind die Attribute, welche auf die Empfindungen gegründet sind, die durch die Gegenwart dieses Körpers vermittelst unserer Organe in unserem Geist erregt werden. Wenn wir aber einem Gegenstand die Relation genannte Art Attribut zuschreiben, so muss die Grundlage des Attributs etwas sein, worin ausser ihm selbst und dem wahrnehmenden (percipirenden) noch andere Gegenstände betheiligt sind.

Da man ganz geeignet sagen kann, es existire eine Relation zwischen, irgend, zwei Dingen, denen zwei correlative Namen gegeben werten oder werden können, so können wir vielleicht entdecken,[79] was im Allgemeinen eine Beziehung (Relation) ausmacht, wenn wir die Hauptfälle aufzählen, in denen die Menschen correlative Namen gegeben haben, und wenn wir dabei beobachten, was diese Fälle gemeinsames haben.

Was also ist der Charakter, der so heterogenen und nichtübereinstimmenden Umständen gemeinsam ist, wie diese: ein Ding ähnlich dem andern; ein Ding unähnlich dem andern; ein Ding nahe einem andern; ein Ding weit von einem andern; ein Ding vor, hinter, neben einem andern; ein Ding grösser, gleich, kleiner als ein anderes; ein Ding die Ursache eines andern; ein Ding die Wirkung eines andern; eine Person der Herr, Diener, Sohn, Vater, Schuldner, Gläubiger, Herrscher, Unterthan, Sachwalter, Client eines andern u.s.f.?

Wenn wir für jetzt den Fall einer Aehnlichkeit (eine Relation, welche einer besondern Betrachtung bedarf) bei Seite setzen, so scheint allen diesen Fällen ein Ding, und nur eines gemeinsam zu sein, nämlich das, dass in einem jeden derselben eine Thatsache oder ein Phänomen existirt oder sich zuträgt, existirt hat oder sich zugetragen hat, oder man kann erwarten, dass es existirt oder sich zuträgt, in welches die zwei Dinge, von denen gesagt wird, dass sie gegenseitig in Relation stehen, als betheiligte Partheien eintreten. Diese Thatsache oder dies Phänomen ist es, was die aristotelischen Logiker das fundamentum relationis nannten. So ist in der Relation von grösser und kleiner das fundamentum relationis die Thatsache, dass die eine der zwei Grössen unter gewissen Bedingungen in die andere eingeschlossen wird, ohne den von der andern Grösse eingenommenen Raum gänzlich auszufüllen. In der Relation Herr und Diener ist das fundamentum relationis die Thatsache, dass der eine zum Nutzen oder auf Geheiss des andern gewisse Dienste geleistet hat oder zu leisten gezwungen ist. Man könnte die Beispiele ins Unbestimmte vermehren; es ist indessen schon ersichtlich, dass wenn man von zwei Dingen sagt, sie ständen in einer Beziehung, eine Thatsache oder eine Reihe von Thatsachen vorhanden ist, in welche beide eintreten; und dass wenn irgend zwei Dinge in einer Thatsache oder Reihe von Thatsachen eingeschlossen sind, wir diesen Dingen eine auf diese Thatsache gegründete gegenseitige Beziehung zuschreiben können. Selbst wenn sie nichts gemein haben, als was allen Dingen gemein ist,[80] dass sie Theile des Weltalls sind, so nennen wir dies eine Relation, eine Beziehung, und bezeichnen sie als Mitgeschöpfe, Mitwesen, Mitbewohner des Weltalls. Aber im Verhältniss als die Thatsache, in welche die zwei Gegenstände als Theile eintreten, vor einer mehr speciellen und eigenthümlichen, oder von einer mehr complicirten Natur ist, ist es auch die darauf gegründete Beziehung, und es lassen sich so viele Beziehungen denken, als es denkbare Arten von Thatsachen giebt, in welche zwei Dinge Zusammen eintreten können.

In derselben Weise also, wie eine Eigenschaft ein Attribut ist, das auf die Thatsache einer in uns durch den Gegenstand erzeugten gewissen Empfindung oder Empfindungen gegründet ist, ist ein Attribut, das auf irgend eine Thatsache gegründet ist, in welche der Gegenstand in Verbindung mit einem andern eintritt, eine Relation zwischen ihm und dem andern Gegenstand. Aber die Thatsache in dem letztern Fall besteht ganz aus derselben Art von Elementen wie die Thatsache in dem erstern Falle, nämlich aus Zuständen des Bewusstseins. Bei einer rechtlichen Relation, z.B. wie Gläubiger und Schuldner, Principal und Agent, Vormund und Mündel besteht das fundamentum relationis gänzlich aus Gedanken, Gefühlen und Wollen entweder der Personen selbst, oder anderer in derselben Reihe von Geschäften betheiligten Personen, wie z.B. die Absicht, welche sich ein Richter bilden würde, im Falle eine Klage wegen Verletzung der durch die Relation auferlegten gesetzlichen Verbindlichkeiten vor seinen Richterstuhl gebracht werden würde; dann die Handlungen, welche der Richter in Folge hiervon vornehmen würde, während Handlungen (wie wir bereits sahen) nur ein anderes Wart für Absichten auf die eine Wirkung folgt, und diese Wirkung nur ein anderes Wort für Sensationen oder andere, entweder uns selbst oder anderen verursachten Gefühlen ist. In den die Relation ausdrückenden Namen liegt nichts eingeschlossen, was sich nicht in Zustände des Bewusstseins auflösen liesse, indem ohne Zweifel äussere Gegenstände durchweg als die Ursachen vorausgesetzt werden, durch welche einige dieser Zustände des Bewusstseins erregt, und Geister als die Subjecte, durch welche sie alle erfahren werden; aber weder die äusseren Gegenstände noch der[81] Geist geben ihr Dasein in anderer Weise zu erkennen, als durch Zustände des Bewusstseins.

Die Fälle von Relation sind nicht immer so verwickelt wie die zuletzt angeführten. Die einfachsten aller Fälle von Relation sind diejenigen, welche durch die Wörter Antecedens und Consequens (Vorausgehendes und Folgendes), und durch das Wort gleichzeitig ausgedrückt werden.

Wenn wir z.B. sagen, die Morgendämmerung geht dem Sonnenaufgang voraus, so besteht die Thatsache, an welcher die beiden Dinge Morgendämmerung und Sonnenaufgang gemeinschaftlich betheiligt sind, nur aus den beiden Dingen selbst, kein drittes Ding tritt in die Thatsache oder das Phänomen ein, wir müssten denn das Aufeinanderfolgen, die Reihenfolge der zwei Dinge selbst ein drittes Ding nennen; aber das Aufeinanderfolgen ist nichts den Dingen selbst hinzugefügtes, es ist etwas in ihnen enthaltenes. Morgendämmerung und Sonnenaufgang geben sich unserem Bewusstsein durch zwei aufeinanderfolgende Empfindungen zu erkennen; Basar Bewusstsein von der Reihenfolge dieser Empfindungen ist keine dritte Empfindung oder Gefühl, was jenen hinzugefügt wird, wir haben nicht zuerst zwei Gefühle und sodann ein Gefühl von der Reihenfolge. Zwei Gefühle überhaupt haben, heisst sie entweder nacheinander oder gleichzeitig haben. Wenn Empfindungen oder andere Gefühle gegeben sind, so sind Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit die Bedingungen, das Entweder-Oder, welchem sie durch die Natur unserer Fähigkeiten unterworfen sind, und niemand war oder wird je im Stande sein, den Gegenstand weiter zu analysiren.

§.11. In einer gewissermassen ähnlichen Lage sind zwei andere Relationen, Aehnlichkeit und Unähnlichkeit. Ich habe zwei Empfindungen, von denen ich annehmen will, sie seien einfach, zwei Empfindungen von weiss, oder eine Empfindung von weiss und eine von schwarz. Die zwei ersteren Empfindungen nenne ich ähnlich, die zwei letzteren unähnlich. Was ist das, die Thatsache oder das Phänomen ausmachende fundamentum dieser Relation? Zuerst die zwei Empfindungen, und dann das, was wir das Gefühl einer Aehnlichkeit oder eines Mangels an Aehnlichkeit nen nen. Beschränken wir uns auf den erstern Fall. Aehnlichkeit ist offenbar ein Gefühl,[82] ein Zustand des Bewusstseins vom Beobachter. Ob das Gefühl der Aehnlichkeit zweiter Farben ein dritter Zustand des Bewusstseins ist, welchen ich nach den zwei Empfindungen der Farben habe, oder ob es (ähnlich dem Gefühl ihrer Reihenfolge) in den Sensationen selbst inbegriffen ist, bleibt der Erörterung überlassen. In beiden Fällen aber sind diese entgegengesetzten Gefühle von Aehnlichkeit und Unähnlichkeit Theile unserer Natur, und zwar Theile, die der Analyse so wenig fähig sind, dass sie bei einem jeden Versuch, unsere anderen Gefühle zu analysiren, vorausgesetzt werden. Aehnlichkeit und Unähnlichkeit müssen daher so gut wie Antecendenz und Sequenz (Vorhergehen und Folge), und Gleichzeitigkeit unter den Relationen als Dinge sui generis stehen. Es sind Attribute, die auf Thatsachen, d.h. auf Zustände des Bewusstseins gegründet sind, aber auf Zustände, die eigenthümlich unauflösbar und unerklärlich sind.

Aber obgleich Aehnlichkeit und Unähnlichkeit in nichts anderen aufgelöst werden können, so lassen sich zusammengesetzte Fälle von Aehnlichkeit und Unähnlichkeit in einfachere auflösen. Wenn wir von zwei aus Theilen bestehenden Dingen sagen, dass sie einander ähnlich sind, so lässt die Aehnlichkeit eine Analyse zu; sie besteht aus den gegenseitigen Aehnlichkeiten der verschiedenen Theile. Aus welch' grosser Menge von Aehnlichkeiten der Theile muss jene Aehnlichkeit zusammengesetzt sein, die uns veranlasst zu sagen, ein Portrait, oder eine Landschaft sei dem Original ähnlich. Wenn jemand die Geberden eines andern getreu nachahmt, aus wie vielen einfachen Aehnlichkeiten muss die allgemeine oder complexe Aehnlichkeit zusammengesetzt sein? Aehnlichkeit in der Reihenfolge der Körperstellungen, Aehnlichkeit in Stimme, oder in Accent und Intonation der Stimme, Aehnlichkeit in der Wahl der Worte und in den Gedanken oder den durch Worte, Mienen oder Geberden ausgedrückten Meinungen.

Alle Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, wovon wir irgend Kenntniss haben, löst sich in Aehnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Zuständen unseres eigenen Geistes, oder denen des Geistes eines andern auf. Wenn wir sagen, ein Körper sei einem andern ähnlich, so meinen wir in Wirklichkeit (da wir von den Körpern nichts erkennen als die Empfindungen, welche sie uns erregen), dass eine Aehnlichkeit zwischen den durch die zwei Körper erregten[83] Empfindungen, oder wenigstens zwischen einigen labilen dieser Empfindung besteht. Wenn wir sagen, zwei Attribute seien einander ähnlich, so meinen wir in Wirklichkeit (da wir von Attributen nichts erkennen als die Empfindungen oder Zustände des Gefühls, auf welche sie gegründet sind), dass diese Empfindungen oder Zustände des Gefühls einander gleichen. Wir können auch sagen, zwei Relationen seien einander ähnlich. Die Aehnlichkeit zwischen Relationen wird zuweilen Analogie genannt, indem dies eine der zahlreichen Bedeutungen dieses Wortes ausmacht. Die Relation, in welcher Priamus zu Hektor stand, d.h. die von Vater und Sohn, ist ähnlich der Relation, in der Philipp zu Alexander stand. Die Beziehung, in welcher Cromwell zu England stand, ist ähnlich der Beziehung, in welcher Napoleon zu Frankreich stand, obgleich nicht so sehr ähnlich, um dieselbe Relation genannt zu werden. In beiden Fällen muss die Meinung die sein, dass eine Aehnlichkeit zwischen den Thatsachen bestand, welche das fundamentum relationis ausmachten.

Diese Aehnlichkeit kann in allen denkbaren Abstufungen, von vollkommener Nichtunterscheidbarkeit an bis zu etwas ganz Unbedeutendem stattfinden. Wenn wir sagen, ein in dem Geist eines genialen Menschen angeregter Gedanke sei einem in die Erde gelegten Samenkorn ähnlich, weil der erstere eine Menge anderer Gedanken, und das letztere eine Menge anderer Samenkörner hervorbringt, so heisst das soviel, als dass zwischen der Relation eines erfindungsreichen Geistes und der in ihm enthaltenen Gedanken, und der Relation eines fruchtbaren Bodens und der in ihm enthaltenen Saat eine Aehnlichkeit besteht; die wirkliche Aehnlichkeit besteht, in den zwei fundamenta relationis in beiden ist ein Keim vorhanden, der durch seine Entwickelung eine Menge anderer ihm ähnlicher Dinge hervorbringt. Da nun wenn zwei Gegenstände zusammen an einem Phänomen betheiligt sind, dies eine Relation zwischen diesen Gegenständen ausmacht, so ist, wenn zwei andere Gegenstände an einem zweiten Phänomen betheiligt sind, die geringste Aehnlichkeit zwischen den beiden Phänomenen hinreichend, damit wir sagen, die beiden Relationen seien ähnlich, natürlich vorausgesetzt, dass die ähnlichen Punkte in jenen Theilen der zwei beziehlichen Phänomene liegen, die durch die relativen Namen mitbezeichnet werden.[84]

Da wir von der Aehnlichkeit sprechen, so ist es nöthig, einer Zweideutigkeit der Sprache zu erwähnen, gegen welche kaum jemand genugsam auf der Hut ist. Wenn Aehnlichkeit im höchsten Grad vorhanden ist und bis zur Nichtunterscheidbarkeit geht, so wird sie häufig Identität genannt, und die zwei ähnlichen Dinge heissen dieselben. Ich sage häufig, nicht immer, denn von zwei sichtbaren Gegenständen, von zwei Personen z.B. sagen wir nicht, sie seien dieselben, weil sie einander so ähnlich sind, dass wir sie mit einander verwechseln könnten; aber wir brauchen diese Ausdrucksweise immer, wenn wir von Gefühlen sprechen, wie wenn ich sage, der Anblick eines Gegenstandes errege mir heute dieselbe Empfindung wie gestern, oder dieselbe, welche er jemand anders erregt. Dies ist offenbar eine unrichtige Anwendung des Wortes dieselbe, denn das Gefühl, welches ich gestern hatte, ist dahin auf Nimmerwiederkehren; was ich heute habe, ist ein anderes Gefühl, dem frühem vielleicht genau ähnlich, aber doch von ihm unterschieden; auch ist es klar; dass zwei verschiedene Personen dasselbe Gefühl nicht in dem Sinne haben können, als wir von ihnen sagen, dass sie beide an demselben Tische sitzen. Es ist eine ähnliche Zweideutigkeit, wenn wir sagen, zwei Personen litten an derselben Krankheit, zwei Personen ständen in demselben Amt, und zwar nicht in dem Sinne, in welchem wir sagen, sie seien in demselben Abenteuer begriffen, oder sie segelten mit demselben Schiffe, sondern wenn wir damit sagen wollen, dass sie in genau ähnlichen Aemtern, obgleich vielleicht an von einander entfernten Orten stehen u.s.w. Es entsteht oft eine grosse Gedankenverwirrung dadurch, und viele Trugschlüsse werden bei sonst aufgeklärten Verstandeskräften dadurch hervorgerufen, dass manche die (an und für sich nicht immer zu vermeidende) Thatsache nicht genug beachten, dass sie denselben Namen gebrauchen, um so verschiedene Gedanken, wie Identität und nichtunterscheidbare Aehnlichkeit, auszudrücken. Unter den neueren Schriftstellern ist Whately der einzige, der die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied und die damit verbundene Zweideutigkeit gelenkt hat.

Mehrere, gewöhnlich mit anderen Namen belegte Relationen sind wirkliche Fälle von Aehnlichkeit, z.B. Gleichheit, was nur ein anderes Wort ist für die, gewöhnlich Identität genannte, genaue Aehnlichkeit, welche als zwischen Dinge in Beziehung auf Quantität[85] existirend betrachtet wird. Dieses Beispiel bietet einen geeigneten Uebergang zur dritten und letzten der drei Rubriken, unter die, wie bereits bemerkt, die Attribute gebracht werden.


V. Quantität.

§. 12. Wir wollen uns zwei Dinge denken, zwischen denen kein Unterschied (d.i. keine Unähnlichkeit) als nur in der Quantität besteht, z.B. eine Gallone Wasser und mehr als eine Gallone Wasser. Von einer Gallone Wasser erfahren wir die Anwesenheit wie von anderen äusserlichen Gegenständen durch eine Reihe von Sensationen, welche sie in uns erregt. Zehn Gallonen Wasser sind ebenfalls ein äusserer Gegenstand, dessen Anwesenheit wir in ähnlicher Weise erfahren; und da wir die zehn Gallonen Wasser nicht für eine Gallone Wasser halten, so ist es klar, dass die Reihe von Empfindungen in den beiden Fällen mehr oder weniger verschieden ist. In ähnlicher Weise sind eine Gallone Wasser und eine Gallone Wein zwei äussere Gegenstände, deren Gegenwart sich uns durch zwei von einander verschiedene Reihen von Empfindungen kundgiebt. Im ersteren Fall sagen wir indessen, dass der Unterschied in der Quantität liegt, im letztern, dass er in der Qualität liegt, während die Quantität Wasser und Wein dieselbe ist. Welches der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Fällen sei, hat die Logik nicht zu untersuchen, noch hat sie zu entscheiden, ob er einer Untersuchung fähig ist oder nicht. Für uns sind die folgenden Betrachtungen hinreichend. Es ist klar, dass die Empfindungen, welche ich von der Gallone Wasser empfange, und diejenigen, welche ich von der Gallone Wein empfange, nicht dieselben, d.h. nicht genau ähnlich sind; sie sind aber auch nicht ganz unähnlich, sie sind theils ähnlich, theils unähnlich, und das, worin sie ähnlich sind, ist genau das, worin allein die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser unähnlich sind. Dasjenige, worin die Gallone Wasser und die Gallone Wein einander ähnlich sind, und worin die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser einander unähnlich sind, wird ihre Quantität genannt. So wenig wie irgend eine andere Art von Aehnlichkeit und Unähnlichkeit unternehme ich es, diese Aehnlichkeit und Unähnlichkeit zu erklären. Meine Absicht ist, zu zeigen, dass sowohl wenn wir sagen, dass zwei Dinge[86] der Quantität nach, als wenn wir sagen, dass sie der Qualität nach verschieden sind, die Behauptung immer auf eine Verschiedenheit der von ihnen erregten Empfindungen gegründet ist. Niemand, glaube ich, wird sagen, dass zehn Gallonen Wasser zu sehen, heben, trinken, nicht eine andere Reihe von Empfindungen in sich einschliesst, als eine Gallone zu sehen, heben, trinken; oder dass das Sehen oder Handhaben eines Fussmaasses, und das Sahen oder Handhaben eines genau ähnlich verfertigten Yardmaasses dieselben Sensationen erregt. Ich versuche nicht zu sagen, welcher Art die Verschiedenheit in den Empfindungen ist, denn niemand kann dies sagen, obgleich sie jedermann kennt, so wenig man jemanden der niemals die Empfindung gehabt hat, sagen kam, was weiss ist. Aber die Verschiedenheit, so weit sie durch unsere Fähigkeiten erkennbar ist, liegt in unseren Empfindungen. Welche Verschiedenheit wir immerhin von den Dingen selbst aussagen mögen, sie ist in diesem wie in allen anderen Fällen ausschliesslich auf eine Verschiedenheit der in uns erregten Empfindungen gegründet.


VI. Schluss der Attribute.

§. 13., Alle unter Qualität und Quantität classificirten Attribute der Körper sind also auf die Empfindungen gegründet, welche wir von diesen erhalten, und können definirt werden als das Vermögen der Körper, diese Empfindungen in uns zu erregen. Es wurde gefunden, dass diese allgemeine Erklärung auf die meisten der unter die Rubrik Relation gebrachten Attribute anwendbar ist. Auch sie sind auf eine Thatsache oder eine Erscheinung gegründet, in welche die in Relation stehenden Gegenstände als Theilnehmer eintreten, während diese Thatsache oder Erscheinung keine Bedeutung und keine Existenz hat, als die Reihe von Empfindungen oder andere Zustände des Bewusstseins, durch welche sie sich kundgiebt, während die Relation einfach die Fähigkeit oder das Vermögen ist, welches der Gegenstand besitzt, sammt dem mit ihm in Correlation stehenden Gegenstand an der Erzeugung dieser Reihe von Empfindungen oder Zustände des Bewusstseins Theil zu nehmen. Bei gewissen eigenthümlichen Relationen, denen der Reihenfolge und Gleichzeitigkeit, der Aehnlichkeit[87] und Unähnlichkeit, mussten wir einen einigermaassen verschiedenen Charakter anerkennen. Da diese nicht auf eine von den in Relation stehenden Gegenständen selbst verschiedene Thatsache oder Erscheinung gegründet sind, so ist dieselbe Analyse bei ihnen nicht anwendbar. Aber diese Relationen, wenngleich nicht auf Zustände des Bewusstseins gegründet, sind selbst Zustände des Bewusstseins; Aehnlichkeit ist nichts anderes als unser Gefühl von Aehnlichkeit, Aufeinanderfolge nichts als unser Gefühl von Aufeinanderfolge; oder wenn dies bestritten würde (und wir können ohne die Grenze unserer Wissenschaft zu überschreiten, dies hier nicht erörtern), so ist wenigstens die Erkenntniss dieser Relationen, und sogar die Möglichkeit unserer Erkenntniss auf diejenigen Relationen beschränkt, welche zwischen Empfindungen oder anderen Zuständen des Bewusstseins stattfinden; denn obgleich wir Aehnlichkeit, Folge oder Gleichzeitigkeit den Gegenständen oder Attributen zuschreiben, so geschieht dies doch vermöge der Aehnlichkeit, Folge oder Gleichzeitigkeit in den Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins, welche diese Gegenstände erregen, und auf welche diese Attribute gegründet sind.

§. 14. Bei der vorhergehenden Untersuchung haben wir der Einfachheit wegen bloss Körper betrachtet und den Geist nicht berücksichtigt. Auf letzteren ist indessen mutatis mutandis alles anzuwenden, was wir oben gesagt haben. Die Attribute des Geistes sind so gut wie die der Körper auf Zustände des Gefühls oder des Bewusstseins gegründet; aber bei dem Geist haben wir sowohl seine eigenen Zustände als auch diejenigen zu betrachten, welche er in dem Geiste anderer erregt. Ein jedes Attribut eines Geistes besteht darin, dass er in einer bestimmten Weise selbst afficirt ist, oder andere Geister afficirt. An und für sich betrachtet, können wir von ihm nichts aussagen als die Reihen seiner eigenen Gefühle. Wenn wir von einem Geiste sagen, er sei devot, oder abergläubisch, oder nachdenklich, oder fröhlich, so meinen wir, dass die in diesen Wörtern eingeschlossenen Ideen, Emotionen oder Willensthätigkeiten einen häufig wiederkehrenden Theil der Reihen von Gefühlen oder Zuständen des Bewusstseins ausmachen, welche die empfindende Existenz dieses Geistes erfüllen.

Ausser den Attributen des Geistes, welche auf die Zustände[88] seines eigenen Gefühls gegründet sind, können wir ihm in derselben Weise wie bei den Körpern Attribute zuschreiben, welche auf die Gefühle gegründet sind, welche er in anderen Geistern erregt. Ein Geist erregt nicht wie ein Körper Empfindungen (Sensationen), aber er kann Gedanken oder Emotionen erregen. Das Wichtigste Beispiel von auf dieser Grundlage ruhenden Attributen besteht in dem Gebrauche von Wörtern, welche Lob oder Tadel ausdrücken. Wenn wir z.B. von einem Charakter, oder (mit anderen Worten) von einem Geiste sagen, er sei bewunderungswürdig, so meinen wir, dass die Betrachtung desselben das Gefühl der Bewunderung erregt; in der That meinen wir etwas mehr, denn das Wort schliesst nicht allein ein, dass wir Bewunderung fühlen, sondern auch, dass wir das Gefühl in uns gutheissen. In manchen Fällen werden dem Anschein nach nur ein, in Wirklichkeit aber zwei Attribute ausgesagt; das eine ein Zustand des Geistes selbst, das andere ein Zustand, womit der Geist anderer beim Denken daran afficirt wird; z.B. wenn wir von jemand sagen, er sei grossmüthig. Das Wort Grossmuth drückt einen gewissen Zustand des Geistes aus, da es aber ein Lob enthält, so drückt es auch aus, dass dieser Zustand des Geistes in uns einen andern geistigen Zustand erregt, welcher Beifall genannt wird. Die Aussage ist daher eine doppelte und hat folgenden Sinn: Gewisse Gefühle bilden gewöhnlich einen Theil der empfindenden Existenz eines Menschen und der Gedanke an diese seine Gefühle erregt in uns oder anderen das Gefühl des Beifalls.

In derselben Weise nun, wie wir dem Geiste auf Gedanken und Emotionen gegründete Attribute zuschreiben, können wir auch den Körpern nicht bloss auf Sensationen, sondern auch auf Gedanken und Emotionen gegründete Attribute zuschreiben, wie wenn wir z.B. von der Schönheit einer Bildsäule sprechen, indem das Attribut auf ein eigenthümliches Gefühl von Vergnügen, welches die Bildsäule in unserm Geiste erzeugt, gegründet ist, was nicht eine Sensation, sondern eine Emotion ist.


Allgemeine Resultate.

§. 15. Unsere Untersuchung der Mannigfaltigkeit von Dingen, welche Namen erhalten haben oder zu erhalten fähig sind, welche[89] entweder von Dingen ausgesagt wurden, oder ausgesagt werden können, oder welche selbst Gegenstand der Aussage werden können, ist nun zu Ende geführt.

Die Aufzählung begann mit den Gefühlen. Diese unterschieden wir genau von den Gegenständen, durch welche sie erregt, und Ton den Organen, durch welche sie wirklich oder der Voraussetzung nach übertragen werden. Wir unterschieden vier Arten von Gefühlen: Empfindungen (Sensationen), Gedanken, Gemüthsbewegungen (Emotionen) und Willensthätigkeiten (Wollen). Was man Wahrnehmungen nennt, ist nur ein besonderer Fall von Glauben, und Glaube ist eine Art Gedanke. Handlungen sind bloss Willensthätigkeiten, auf welche eine Wirkung folgt. Wenn es noch einen in diese Unterabtheilungen nicht eingeschlossenen Zustand des Geistes giebt, so hielten wir es nicht für nöthig oder geeignet, uns bezüglich seiner Existenz oder des ihm zukommenden Platzes hier in Erörterungen einzulassen.

Von den Gefühlen gingen wir zu den Substanzen über. Diese sind entweder Körper oder Geist. Ohne auf die Gründe der metaphysischen Zweifel einzugehen, welche in Beziehung auf die Existenz von Materie und Geist als objective Realitäten erhoben wurden, führten wir den Schluss an, in dem die besten Denker jetzt übereinstimmen, dass die Sensationen und die Ordnung ihres Eintretens alles ausmachen, was wir von der Materie wissen können, und dass während die Substanz Körper die unbekannte Ursache unserer Empfindungen ist, die Substanz Geist der unbekannte Recipient derselben ist.

Die einzige noch übrige Classe von benennbaren Dingen ist die der Attribute, deren es drei Arten giebt: Qualität, Relation und Quantität. Qualitäten werden wie Substanzen von uns nicht anders als durch die Empfindungen oder andere Zustände des Bewusstseins, welche sie erregen, erkannt; und während wir in Uebereinstimmung mit dem allgemeinen Gebrauche von ihnen als von einer unterschiedenen Classe von Dingen sprachen, zeigten wir, dass beim Prädiciren derselben niemand etwas anderes auszusagen meint, als jene Empfindungen oder Zustände des Bewusstseins, auf welche sie gegründet sind und durch welche sie allein definirt und beschrieben werden können. Relationen sind mit Ausnahme der einfachen Fälle von Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, Folge und Gleichzeitigkeit, ebenfalls auf irgend, eine Thatsache[90] oder Erscheinung, d.h. auf irgend eine mehr oder weniger complicirte Reihe von Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins gegründet. Die dritte Art von Attributen, die Quantität, ist offenbar auch auf etwas in unseren Empfindungen oder Zuständen des Gefühls vorhandenes gegründet, indem ohne allen Zweifel ein Unterschied in den Sensationen besteht, welche durch eine grössere oder kleinere Masse, oder durch einen grössern oder geringem Grad von Intensität in einem Gegenstände, der Sinne oder Bewusstsein hat, erregt werden. Alle Attribute sind daher für uns nichts als entweder unsere Empfindungen oder andere Zustände des Gefühls, oder etwas, das unauflöslich in diesen eingeschlossen liegt, und hiervon machen seihst die eben angeführten besonderen einfachen Relationen keine Ausnahme. Diese besonderen Relationen sind indessen so wichtig, und wenn sie auch Streng genommen zu den Zuständen des Bewusstseins gezählt werden könnten, so sind sie doch von den übrigen Zuständen des Bewusstseins so fundamental verschieden, dass es eine nutzlose Spitzfindigkeit wäre, sie unter diese gemeinsame Rubrik zu bringen, anstatt, wie erforderlich, sie besonders zu classificiren.

Als das Resultat unserer Analyse erhalten wir daher Folgende? als Aufzählung und Classification aller benennbaren Dinge:

1. Gefühle oder Zustände des Bewusstseins.

2. Der Geist, welcher diese Gefühle erfährt.

3. Die Körper oder äusseren Gegenstände, welche diese Gefühle erregen, sammt dem Vermögen oder den Eigenschaften, wodurch sie dieselben erregen; diese letzteren schliessen wir mehr in Uebereinstimmung mit der gewöhnlichen Ansicht und mehr darum ein, weil ihre Existenz im gewöhnlichen Sprachgebrauch (von dem nicht gut abzuweichen ist) als zugegeben angenommen wird, als weil die Anerkennung dieses Vermögens oder dieser Eigenschaften als reale Existenzen durch eine gesunde Philosophie geboten erscheint.

4. Die Aufeinanderfolgen (Successionen) und Coexistenzen, die Aehnlichkeiten und Unähnlichkeiten zwischen Gefühlen oder Zuständen des Bewusstseins. Diese Relationen, wenn sie auch als zwischen anderen Dingen bestehend betrachtet werden, bestehen in Wirklichkeit nur zwischen Zuständen des Bewusstseins, welche diese Dinge, wenn sie Körper sind, erregen, und wenn sie Geigt sind, entweder erregen oder erfahren.[91]

So lange nichts besseres vorhanden, kann dies als ein Ersatz für die misslungene Classification der Existenzen dienen, welche die Kategorien des Aristoteles genannt werden. Die praktische Anwendung wird sich ergeben, wenn wir die Untersuchung über den Inhalt der Urtheile beginnen, mit anderen Worten, wenn wir Untersuchen, was der Geist wirklich glaubt, wenn er einem Urtheile seine sogenannte Zustimmung giebt.

Da, wenn die Classification richtig ist, diese vier Classen alle benennbaren Dinge umfassen, so müssen sie oder einige von ihnen naturgemäss die Bedeutung aller Namen zusammensetzen, und aus ihnen oder einigen von ihnen besteht was wir eine Thatsache nennen.

Der Unterscheidung wegen wird eine jede Thatsache, welche nur aus Gefühlen oder aus als solche betrachteten Zuständen des Bewusstseins zusammengesetzt ist, häufig eine psychologische oder subjective Thatsache genannt, während eine jede Thatsache, welche entweder ganz oder zum Theil aus etwas davon verschiedenem, d.i. aus Substanzen und Attributen zusammengesetzt ist, eine objective Thatsache heisst. Wir können daher sagen, dass eine jede objective Thatsache auf eine entsprechende subjective gegründet ist und (ausser der ihr entsprechenden subjectiven Thatsache) für uns keine Bedeutung hat, es sei denn als ein Name für den unbekannten und unerklärlichen Vorgang, durch welchen jene subjective oder psychologische Thatsache herbeigeführt wird.[92]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 54-93.
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