Zweiundzwanzigstes Capitel.

Von den Gleichförmigkeiten der Coexistenz, welche nicht von Ursachen abhängen.

[117] §. 1. Die Ordnung, in welcher die Naturerscheinungen in der Zeit eintreten, ist entweder eine successive oder eine gleichzeitige, die Gleichförmigkeiten, welche in Beziehung auf dieses Eintreten bestehen, sind daher entweder Gleichförmigkeiten der Succession (der Folge) oder der Coexistenz (des Zugleichseins). Die Gleichförmigkeiten der Succession sind alle in dem Causalgesetz und seinen Folgen inbegriffen. Eine jede Naturerscheinung hat eine Ursache, worauf sie unveränderlich folgt, und hieraus leiten sich andere unveränderliche Sequenzen ab, sowohl zwischen den successiven Stufen derselben Wirkung, als auch zwischen Wirkungen, welche Ursachen entspringen, die unveränderlich aufeinanderfolgen.

Eine grosse Menge von Gleichförmigkeiten des Zugleichseins entsteht ganz auf dieselbe Weise, wie diese abgeleiteten Gleichförmigkeiten der Succession. Coordinirte Wirkungen derselben Ursachen coexistiren naturgemäss mit einander. Die Flut an einem Punkte der Erdoberfläche und die Flut an dem diametral entgegengesetzten Punkte sind gleichförmig simultane Wirkungen, welche aus der Richtung, in welcher die anziehende Kraft der Sonne und des Mondes auf das Wasser des Meeres wirkt, hervorgehen. Eine Sonnenfinsterniss für uns, und eine Erdfinsterniss für einen Beobachter auf dem Monde, sind gleichfalls unveränderlich coexistirende Naturerscheinungen, und ihre Coexistenz kann ebenfalls aus den Gesetzen ihrer Erzeugung abgeleitet werden.

Die Frage, ob nicht alle Gleichförmigkeiten der Coexistenz zwischen Naturerscheinungen auf diese Weise erklärt werden könnten, ist daher eine sehr natürliche. Es kann gar nicht bezweifelt[117] werden, dass zwischen Gleichförmigkeiten, welche selbst Wirkungen sind, die Coexistenzen nothwendig von den Ursachen dieser Naturerscheinungen abhängen müssen. Wenn sie unmittelbar oder entfernt Wirkungen derselben Ursache sind, so können sie nur Kraft einiger Gesetze oder Eigenschaften dieser Ursache coexistiren; wenn sie Wirkungen verschiedener Ursachen sind, so können sie nur coexistiren, weil ihre Ursachen coexistiren; und die Gleichförmigkeit der Coexistenz zwischen den Wirkungen, wenn eine solche vorhanden ist, beweist, dass diese besonderen Ursachen innerhalb der Grenzen unserer Beobachtung gleichförmig coexistirt haben.

§. 2. Diese Betrachtungen zwingen uns aber anzuerkennen, dass es eine Classe von Coexistenzen geben muss, welche nicht von Ursachen abhängen können, nämlich die Coexistenz der letzten Eigenschaften der Dinge, jener Eigenschaften, welche zwar die Ursachen aller Naturerscheinungen, aber nicht selbst durch irgend eine Naturerscheinung verursacht sind, und für welche sich nur durch das Zurückgehen auf den Ursprung aller Dinge eine Ursache finden liesse. Aber unter diesen letzten Eigenschaften giebt es nicht allein Coexistenzen, sondern auch Gleichförmigkeiten der Coexistenz. Es können allgemeine Urtheile aufgestellt werden, und es werden auch solche aufgestellt, welche behaupten, dass da, wo gewisse Eigenschaften gefunden werden, gewisse andere sich mit ihnen vorfinden. Wir bemerken einen Gegenstand, z.B. Wasser. Dass es Wasser ist erkennen wir natürlich aus einigen seiner Eigenschaften. Nachdem wir dies aber erkannt haben, sind wir im Stande, unzählige andere Eigenschaften desselben zu affirmiren, was wir nicht vermöchten, wenn es nicht eine allgemeine Wahrheit, ein Gesetz der Gleichförmigkeit in der Natur wäre, dass die Reihe von Eigenschaften, durch welche wir die Substanz mit Wasser identificirten, immer von jenen anderen Eigenschaften begleitet sind.

Unter Arten von Gegenständen versteht man, wie früher weitläufig erklärt wurde (Bd. I. C. VII.), jene Classen, welche sich nicht durch eine begrenzte und bestimmte, sondern durch eine unbestimmte und unbekannte Anzahl von Verschiedenheiten unterscheiden. Eine jede Proposition nun, welche etwas von einer Art behauptet, affirmirt eine Gleichförmigkeit des Zugleichseins. Da[118] wir von den Arten nichts kennen als ihre Eigenschaften, so ist die Art für uns die Reihe von Eigenschaften, durch welche sie identificirt wird und welche natürlich hinreichend sein muss, um sie von einer jeden andern Art zu unterscheiden.141 Wenn wir daher etwas von einer Art affirmiren, so affirmiren wir zugleich etwas beständig Coexistirendes mit den Eigenschaften, durch welche die Art erkannt wird, und dies ist der einzige Sinn der Behauptung.

Unter die Gleichförmigkeiten des Zugleichseins, welche in der Natur existiren, können daher alle Eigenschaften der Arten gezählt werden. Es ist indessen nicht das Ganze derselben von Verursachung unabhängig, sondern nur ein Theil. Einige sind letzte Eigenschaften, andere abgeleitete; von einigen kann keine Ursache nachgewiesen werden, während andere offenbar von Ursachen abhängen. So ist die atmosphärische Luft eine Art und eine ihrer unzweideutigsten Eigenschaften ist die Gasform; diese Eigenschaft hat indessen die Anwesenheit einer gewissen Menge gebundener Wärme als Ursache, und wenn diese Wärme hinweggenommen werden könnte (wie es bei den Versuchen von Faraday in Beziehung auf viele Gase geschah), so würde die Gasform ohne Zweifel verschwinden, so wie auch viele andere Eigenschaften, welche von dieser Eigenschaft abhängen oder von ihr verursacht werden.

In Beziehung auf alle Substanzen, welche chemische Verbindungen sind, und welche daher als Producte der Juxtaposition von Substanzen, die der Art nach von einander verschieden sind, angesehen werden können, hat man starke Gründe zu vermuthen, dass die specifischen Eigenschaften der Verbindungen von einigen der[119] Eigenschaften der Elemente als deren Wirkungen abhängen, obgleich man bisher nur geringe Fortschritte darin gemacht hat, eine unveränderliche Beziehung zwischen den ersteren und den letzteren nachzuweisen. Eine ähnliche Vermuthung wird noch stärker da vorhanden sein, wo der Gegenstand selbst, wie in dem Falle organischer Wesen, kein urerstes Agens, sondern eine Wirkung ist, die in Beziehung auf ihre Existenz selbst von einer Ursache oder von Ursachen abhängt. Es sind daher die Arten, welche in der Chemie einfache Substanzen oder elementare Agentien genannt werden, die einzigen Arten, deren Eigenschaften man mit Gewissheit als letzte betrachten kann, und von diesen Elementen sind die letzten Eigenschaften wahrscheinlich weit zahlreicher als wir jetzt erkennen, da eine jede Zerlegung der Eigenschaften ihrer Verbindungen in einfachere Gesetze im allgemeinen zu der Erkennung von Eigenschaften der Elemente führt, die von allen vorher bekannten unterschieden sind. Ein Resultat der Zerlegung der Gesetze der Himmelsbewegungen war die vorher unbekannte letzte Eigenschaft einer gegenseitigen Anziehung zwischen allen Körpern; die Zerlegung der Gesetze der Krystallisation, der chemischen Affinität, der Elektricität, des Magnetismus, so weit sie bis jetzt fortgeschritten ist, deutet auf verschiedene, den Partikeln, woraus die Körper zusammengesetzt sind, inhärirende Polaritäten; die relativen Atomgewichte der verschiedenen Körper wurden ermittelt, als man die Gleichförmigkeit der Gewichtsmengen, in denen sich diese Körper verbinden, in allgemeinere Gesetze auflöste u.s.w. Obgleich auf diese Weise die Zerlegung einer complexen Gleichförmigkeit in einfachere und mehr elementare Gesetze anscheinend die Zahl der letzten Eigenschaften vermindert, und in der That viele Eigenschaften hinwegfallen lässt: so sind wir dennoch gezwungen (da das Resultat dieser Vereinfachung ist, dass dadurch immer eine grössere Menge von verschiedenen Wirkungen desselben Agens nachgewiesen wird), eine um so grössere Anzahl von Eigenschaften in einem und demselben Gegenstände anzuerkennen, je weiter wir in dieser Richtung vorwärts gehen; die Coexistenz dieser Eigenschaften muss daher unter die letzten Allgemeinheiten der Natur gereiht werden.

§. 3. Es giebt demnach nur zwei Arten von Urtheilen, welche eine Gleichförmigkeit der Coexistenz zwischen Eigenschaften behaupten.[120] Entweder hängen die Eigenschaften von Ursachen ab oder nicht. Wenn sie von Ursachen abhängen, so ist das Urtheil, welches behauptet, dass sie coexistiren, ein abgeleitetes Gesetz der Coexistenz von Wirkungen, es ist, so lange es nicht in die Causalgesetze, von denen es abhängt, zerlegt worden ist, ein empirisches Gesetz und muss nach den Principien der Induction, denen dergleichen Gesetze unterworfen werden können, erprobt werden. Wenn anderseits die Eigenschaften nicht von letzten Ursachen abhängen, sondern letzte Eigenschaften sind, und wenn sie dann in Wahrheit unveränderlich coexistiren, so müssen sie alle letzte Eigenschaften von einer und derselben Art sein, und nur von diesen allein können die Coexistenzen als eine besondere Sorte von Naturgesetzen classificirt werden.

Wenn wir behaupten, dass alle Krähen schwarz sind, oder dass alle Neger ein wolliges Haar haben, so behaupten wir eine Gleichförmigkeit der Coexistenz. Wir behaupten, dass die Eigenschaft des Schwarzseins oder ein wolliges Haar zu besitzen, unveränderlich mit denjenigen Eigenschaften coexistirt, welche in gewöhnlicher Sprache oder in der angenommenen wissenschaftlichen Classification so angesehen werden, als machen sie die Classe der Krähen oder der Neger. Nimmt man nun an, die Schwärze sei eine letzte Eigenschaft der schwarzen Gegenstände, oder das wollige Haar sei eine letzte Eigenschaft der Thiere, die es besitzen, und nimmt man ferner an, diese Eigenschaften seien nicht Resultate einer Verursachung, sie seien nicht durch irgend ein Gesetz mit vorausgehenden Naturerscheinungen verknüpft: so müssen dies, wenn alle Krähen schwarz sind und alle Neger wolliges Haar haben, letzte Eigenschaften der Art Krähe oder Neger oder einer Art sein, welche dieselben einschliesst. Wenn dagegen die Schwärze oder das wollige Haar eine von Ursachen abhängige Wirkung ist, so sind diese allgemeinen Propositionen empirische Gesetze, und alles, was von dieser Classe von Generalisationen bereits gesagt worden ist, kann ohne Modification auch auf diese Propositionen angewendet werden.

Wir haben nun gesehen, dass bei allen Verbindungen – kurz bei allen Dingen, mit Ausnahme der elementaren Substanzen und der ersten Naturkräfte – die Präsumption ist, dass alle Eigenschaften in der That von Ursachen abhängen, und dass es unmöglich ist, in irgend einem Falle die Gewissheit zu haben, dass sie[121] es nicht sind. Es wäre daher nicht gerathen, für irgend eine Generalisation in Beziehung auf die Coexistenz von Eigenschaften einen Grad von Gewissheit zu verlangen, auf den sie, wenn die Eigenschaften vielleicht das Resultat von Ursachen sein sollten, keinen Anspruch hätte. Eine Generalisation in Beziehung auf Coexistenz, oder mit anderen Worten, in Beziehung auf Eigenschaften der Art kann eine letzte Wahrheit, aber sie kann auch eine bloss abgeleitete sein, und da sie in dem letzteren Falle eines jener abgeleiteten Gesetze ist, welche weder Causalgesetze, noch in die Causalgesetze, von denen sie abhängen, zerlegt worden sind, so kann sie keinen höheren Grad von Gewissheit besitzen, als einem empirischen Gesetze zukommt.

§. 4. Dieser Schluss wird bestätigt durch die Betrachtung einer grossen Unvollkommenheit, welche die Anwendung eines Systems von strenger und wissenschaftlicher Induction auf die letzten Gleichförmigkeiten der Coexistenz, in der Art wie sie die Gleichförmigkeiten der Succession zulassen, ausschliesst. Es fehlt einem solchen System die Grundlage. Es giebt kein allgemeines Axiom, das in demselben Verhältniss zur Gleichförmigkeit der Coexistenz stände, wie das Causalgesetz zur Gleichförmigkeit der Succession. Die auf die Bestimmungen von Ursachen und Wirkungen anwendbaren Methoden der Induction sind auf das Princip gegründet, dass alles, was einen Anfang hat, auch eine Ursache haben muss, dass unter den Umständen, welche bei dem Anfang eines Dinges existirten, sich gewiss irgend ein Umstand befindet, wovon die fragliche Wirkung eine Folge ist, und bei dessen Wiederholung sie ebenfalls mit Gewissheit wiederkehren würde. Aber bei der Untersuchung, ob irgend eine Art (wie Krähe) allgemein eine gewisse Eigenschaft besitzt (wie Schwärze), ist eine analoge Annahme nicht zulässig. Wir haben keine vorausgängige Gewissheit, dass die Eigenschaft etwas haben muss, was beständig mit ihr coexistirt, dass sie in derselben Weise ein unveränderlich mit ihr Coexistirendes haben muss, wie ein Vorgang ein unveränderliches Antecedens haben muss. Wenn wir Schmerz empfinden, so müssen wir uns in Umständen befinden, in denen wir, wenn sie sich genau wiederholen würden, immer Schmerz empfinden würden. Aber aus dem Bewusstsein der Schwärze folgt nicht, dass etwas vorhanden sein muss,[122] wovon die Schwärze ein beständiger Begleiter ist. Es ist daher eine Elimination nicht statthaft; weder eine Methode der Uebereinstimmung oder des Unterschiedes, noch der sich begleitenden Veränderungen (die nur eine Modification der Methode der Uebereinstimmung oder der Differenzmethode ist). Wir können nicht schliessen, dass die Schwärze, welche wir an den Krähen sehen, eine unveränderliche, beständige Eigenschaft der Krähe ißt, und zwar bloss desshalb, weil nichts Anderes gegenwärtig ist, wovon sie eine beständige Eigenschaft sein kann. Wir sind daher bei der Untersuchung der Wahrheit eines Urtheils, wie, »alle Krähen sind schwarz«, in keiner günstigeren Stellung, als wenn wir bei unserer Untersuchung der Verursachung gezwungen wären, als eine der Möglichkeiten zuzulassen, dass die Wirkung in diesem besondern Falle überhaupt ohne irgend eine Ursache entstanden sein dürfte.

Dass Bacon diese grosse Distinction übersehen hat, war, wie mir scheint, der Hauptirrthum in seiner Ansicht von der Induction. Er hielt das Princip der Elimination, jenes grosse logische Instrument, das er zuerst in Anwendung gebracht zu haben das Verdienst hat, in demselben Sinne und in derselben Weise auf die Untersuchung von Coexistenzen anwendbar, wie auf die der Succession von Naturerscheinungen. Er scheint gedacht zu haben, dass in derselben Weise, wie ein jeder Vorgang eine Ursache oder ein unveränderliches Antecedens, auch eine jede Eigenschaft eines Gegenstandes ein unveränderlich Coexistirendes hat, das er ihre Form nannte; und die Beispiele, welche er für die Anwendung und Erläuterung seiner Methode hauptsächlich wählte, waren Untersuchungen solcher Formen; es waren Versuche um zu bestimmen, in was alle diejenigen Gegenstände, welche in irgend einer allgemeinen Eigenschaft, wie Härte oder Weichheit, Trockenheit oder Feuchtigkeit, Hitze oder Kälte übereinstimmten, sich sonst noch ähnlich sähen. Dergleichen Untersuchungen konnten zu keinem Resultat führen. Die Gegenstände haben selten einen solchen Umstand gemein; sie stimmen gemeinlich in dem untersuchten Punkte überein und sonst in nichts. Eine grosse Anzahl von den Eigenschaften, welche, soweit wir vermuthen können, am wahrscheinlichsten wirklich letzte Eigenschaften sind, scheinen unzertrennliche Eigenschaften vieler verschiedenen Arten von Dingen zu sein, die in keiner andern Beziehung mit einander verbunden sind. Und was die Eigenschaften[123] betrifft, welche wir, da sie Wirkungen von Ursachen sind, im Stande sind einigermaassen zu erklären, so haben sie im allgemeinen mit den letzten Aehnlichkeiten oder Verschiedenheiten in den Gegenständen selbst nichts zu schaffen, sondern hängen von äusseren Umständen ab, unter deren Einfluss alle möglichen Gegenstände diese Eigenschaften zu zeigen fähig sind, wie es insbesondere mit jenen Lieblingsgegenständen von Bacon's wissenschaftlichen Forschungen, wie Hitze und Kälte, Härte und Weichheit, Festigkeit und Flüssigkeit, und manchen anderen Eigenschaften der Fall ist.

Bei der Abwesenheit eines allgemeinen Gesetzes der Coexistenz, welches dem allgemeinen, die Sequenzen beherrschenden Causalgesetz gleicht, werden wir daher auf die unwissenschaftliche Induction der Alten, auf die Induction per enumerationem simplicem ubi non reperitur instantia contradictoria verwiesen. Der Grund, dass wir glauben, alle Krähen seien schwarz, liegt darin, dass wir viele schwarze Krähen und niemals eine Krähe von einer andern Farbe gesehen haben. Es bleibt uns jetzt noch zu betrachten übrig, wieweit dieser Beweis reichen kann, und wie wir seine Stärke in einem gegebenen Falle zu schätzen haben.

§. 5. Zuweilen geschieht es, dass eine blosse Veränderung in der Art und Weise, wie eine Frage mit Worten ausgedrückt wird, obgleich sie in der That der ausgedrückten Meinung nichts hinzufügt, für sich schon ein bedeutender Schritt zur Lösung dieser Frage ist. Dieses findet, wie ich glaube, in dem vorliegenden Falle Statt. Der Grad von Gewissheit einer jeden Generalisation, welche auf keinem andern Beweise beruht als auf dem der Uebereinstimmung, soweit sie geht, aller vergangenen Beobachtung, ist nur eine andere Phrase für den Grad von Unwahrscheinlichkeit, dass irgend eine bestehende Ausnahme bisher unbeobachtet bleiben konnte. Der Grund unseres Glaubens, dass alle Krähen schwarz sind, wird auch die Unwahrscheinlichkeit gemessen, dass Krähen von einer andern Farbe bis auf den gegenwärtigen Augen blick existirt haben, ohne dass wir Kenntniss davon erhalten hätten. Wir wollen die Frage in einer andern Weise stellen und betrachten, was die Voraussetzung, es könne Krähen geben, welche nicht schwarz sind, ergiebt, und unter welchen Bedingungen wir dies als glaublich ansehen dürfen.[124]

Wenn es wirklich Krähen giebt, die nicht schwarz sind, so muss eines von beiden stattfinden: entweder muss der Umstand des Schwarzseins aller bisher beobachteten Krähen gleichsam ein Zufall gewesen sein, der mit irgend einem Merkmal der Art nicht im Zusammenhang steht; oder wenn es eine Eigenschaft der Art ist, so müssen die nicht schwarzen Krähen eine neue Art sein, eine bisher übersehene Art, obgleich sie in der allgemeinen Beschreibung inbegriffen ist, durch welche die Krähen bisher charakterisirt wurden. Die Wahrheit der ersten Voraussetzung wäre bewiesen, wenn wir zufällig unter schwarzen Krähen eine weisse entdeckten, oder wenn man fände, dass schwarze Krähen manchmal weiss werden. Die zweite wäre bewiesen, wenn man in Australien oder Centralafrika eine Species oder eine Gattung weisser oder grauer Krähen fände.

§. 6. Die erste der obenerwähnten Voraussetzungen schliesst nothwendig ein, dass die Farbe eine Wirkung von Ursachen ist. Wenn die Schwärze bei den Krähen, an denen sie beobachtet wurde, nicht eine Eigenschaft der Art, sondern wenn es im allgemeinen gleichgültig ist, ob sie unter den Eigenschaften der Dinge anwesend oder abwesend ist, so ist sie nicht eine letzte Thatsache in den Individuen selbst, sondern gewiss von einer Ursache abhängig. Es giebt ohne Zweifel viele Eigenschaften, welche von Individuum zu Individuum derselben Art, sogar derselben infima species oder niedrigster Art variiren. Eine Blume kann weiss oder roth sein, ohne in einer andern Beziehung zu differiren. Diese Eigenschaften sind aber keine letzten Eigenschaften, sondern sie hängen von Ursachen ab. Soweit als die Eigenschaften eines Dinges zu seiner eigenen Natur gehören und nicht aus Ursachen entspringen, die ausserhalb desselben existiren, sind sie in derselben Art immer dieselben.142 Man nehme z B. alle einfachen Substanzen und elementaren Kräfte, die einzigen Dinge, von denen wir mit Gewissheit wissen, dass einige von ihren Eigenschaften letzte sind. Die Farbe hält man allgemein für eine der veränderlichsten Eigenschaften, und doch[125] finden wir niemals, dass der Schwefel manchmal gelb und manchmal weiss ist, oder dass er überhaupt seine Farbe ändert, ausgenommen soweit die Farbe die Wirkung einer äusserlichen Ursache, wie der Art des darauf fallenden Lichtes, der mechanischen Anordnung der Partikeln (wie nach der Schmelzung) etc. ist. Wir finden nicht, dass bei derselben Temperatur das Eisen manchmal fest und manchmal flüssig, das Gold manchmal hämmerbar und manchmal spröde ist, dass der Wasserstoff sich manchmal mit dem Sauerstoff verbindet und manchmal nicht, oder dergleichen. Wenn wir von den einfachen Substanzen zu einer ihrer bestimmten Verbindungen übergehen, wie Wasser, Kalk, Schwefelsäure, so besteht dieselbe Beständigkeit ihrer Eigenschaften. Wenn Eigenschaften von Individuum zu Individuum variiren, so ist dies entweder bei einem blossen Gemenge (wie bei der atmosphärischen Luft oder bei Felsen), das aus heterogenen Substanzen zusammengesetzt ist und keine wirkliche Art ausmacht, oder bei organischen Wesen der Fall. Bei den letzteren findet sich die Veränderlichkeit in der That in einem hohen Grade vor. Thiere von derselben Species und Race, Menschen von demselben Alter, Geschlecht und aus demselben Lande, werden z.B. in Beziehung auf Gesicht oder Gestalt sehr verschieden sein. Da aber organische Wesen (der äusserst verwickelten Gesetze wegen, wovon sie beherrscht werden) viel veränderlicher sind, d.h. da sie dem Einfluss einer grössern Anzahl von Ursachen unterworfen sind, als alle anderen Naturerscheinungen, und da sie überdies selbst einen Anfang, also auch eine Ursache gehabt haben: so hat man Grund zu glauben, dass keine ihrer Eigenschaften letzte sind, sondern dass sie alle abgeleitete, durch irgend eine Ursache hervorgebrachte sind. Diese Vermuthung wird durch die Thatsache bestätigt, dass die Eigenschaften, welche von dem einen Individuum zu dem andern variiren, auch allgemein in demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten variiren, was, wie jeder andere Vorgang, eine Ursache voraussetzt und folglich involvirt, dass die Eigenschaften nicht von Ursachen unabhängig sind.

Wenn daher die Schwärze bei den Krähen bloss zufällig ist und sich verändern kann, während die Art dieselbe bleibt, so ist ihre An- oder Abwesenheit ohne Zweifel keine letzte Thatsache, sondern die Wirkung einer unbekannten Ursache, und in diesem[126] Falle ist die Allgemeinheit der Erfahrung, dass alle Krähen schwarz sind, ein hinreichender Beweis einer gemeinschaftlichen Ursache und erhebt daher die Generalisation zu einem empirischen Gesetz. Da es unzählige Beispiele in dem bejahenden und bis jetzt keines in dem negativen Sinne giebt, so müssen die Ursachen, wovon die Eigenschaft abhängt, überall in den Grenzen der gemachten Beobachtungen existiren, und das Urtheil kann innerhalb dieser Grenzen, und mit dem zulässigen Grad von Ausdehnung auf angrenzende Fälle als allgemein angenommen werden.

§. 7. Wenn zweitens die Eigenschaft in den Fällen, worin sie beobachtet wurde, nicht eine Wirkung von Ursachen ist, so ist sie eine Eigenschaft der Art, und in diesem Falle kann die Generalisation nur durch die Entdeckung einer neuen Art von Krähen beseitigt werden. Dass indessen eine besondere, bisher nicht entdeckte Art in der Natur existire, ist eine so oft realisirte Voraussetzung, dass sie keineswegs als unwahrscheinlich betrachtet werden darf. Nichts berechtigt uns, die Arten der Dinge, welche in der Natur existiren, zu beschränken. Die einzige Unwahrscheinlichkeit würde die sein, dass eine Art in Localitäten entdeckt werden dürfte, die wir Gründe haben für gänzlich durchforscht anzusehen, und sogar diese Unwahrscheinlichkeit hängt von dem Grade von Sichtbarkeit des Unterschiedes zwischen der neu entdeckten Art und allen anderen Arten ab, indem neue Arten von Mineralien, Pflanzen, und sogar Thieren, die vorher übersehen oder mit bekannten Species verwechselt worden sind, in den besuchtesten Localitäten noch fortwährend entdeckt werden. Aus diesem zweiten Grunde sowohl, als auch aus dem ersten kann die beobachtete Gleichförmigkeit der Coexistenz innerhalb der Grenzen nicht allein der wirklichen Erfahrung, sondern auch einer so genauen Erfahrung, wie sie die Natur des Falles verlangt, nur als ein empirisches Gesetz gelten. Und daher kommt es (wie in einem früheren Capitel bemerkt wurde), dass wir der artige Generalisationen bei der ersten Veranlassung so leicht aufgeben. Wenn irgend ein glaubwürdiger Zeuge aussagen würde, er hätte unter Umständen, die nicht unglaublich scheinen lassen, dass sie unserer Beobachtung entgehen konnten, eine weisse Krähe gesehen, so würden wir seiner Aussage vollen Glauben schenken.[127]

Es scheint daher, dass die Gleichförmigkeiten, welche in der Coexistenz der Naturerscheinungen stattfinden – sowohl diejenigen, welche wir Gründe haben als letzte zu betrachten, als auch diejenigen, welche aus Gesetzen noch nicht entdeckter Ursachen entspringen – nur als empirische Gesetze angenommen werden dürfen, dass sie nur als innerhalb der Grenzen von Zeit, Ort und Umständen, in denen die Beobachtungen gemacht wurden, oder in streng angrenzenden Fällen für wahr zu halten sind.

§. 8. In dem letzten Capitel haben wir gesehen, dass es einen Grad von Allgemeinheit giebt, bei welchem empirische Gesetze so gewiss werden als Naturgesetze, oder vielmehr bei welchem zwischen empirischen Gesetzen und Naturgesetzen nicht länger ein Unterschied besteht. In dem Maasse, als sich empirische Gesetze diesem Grade von Allgemeinheit nähern, werden sie gewisser, ihre Allgemeinheit wird zuverlässiger. Denn, erstens, je allgemeiner sie sind, wenn sie das Resultat von Ursachen sind (und wir können sogar bei der im gegenwärtigen Capitel abgehandelten Classe von Gleichförmigkeiten niemals Gewissheit haben, dass sie es nicht sind), um so grösser ist dann bewiesenermaassen der Raum, über den sich die nothwendigen Collocationen erstrecken, und innerhalb dessen keine Ursachen existiren, die den unbekannten Ursachen, wovon das empirische Gesetz abhängt, entgegenwirken könnten. Sagen, dass Etwas eine unveränderliche Eigenschaft einer sehr beschränkten Classe von Gegenständen ist, heisst sagen, dass es beständig eine zahlreiche und complexe Gruppe von unterscheidenden Eigenschaften begleitet; was, wenn Causalität überhaupt in der Sache betheiligt ist, eine Verbindung von vielen Ursachen beweist, und daher auch eine Neigung leicht verhindert zu werden, während der verhältnissmässig geringe Umfang der Beobachtungen es unmöglich macht vorauszusagen, bis zu welcher Ausdehnung unbekannte entgegenwirkende Ursachen durch die Natur vertheilt sein können. Wenn aber eine Generalisation in Beziehung auf eine sehr grosse Anzahl von Dingen als gültig befunden worden ist, so ist schon bewiesen, dass fast alle Ursachen, welche in der Natur existiren, keinen Einfluss darauf haben, dass sehr wenige Veränderungen in den Verbindungen von Ursachen sie bewirken können, indem die grössere Anzahl von möglichen Verbindungen[128] bereits in dem einen oder dem anderen der Fälle, worin sie wahr befunden, existirt haben muss. Wenn daher ein empirisches Gesetz ein Resultat einer Verursachung ist, so kann man sich um so mehr darauf verlassen, je allgemeiner es ist. Und sogar wenn es nicht ein Resultat einer Verursachung, sondern eine letzte Coexistenz ist, so ist, je allgemeiner es ist, je grösser die Erfahrung ist, wovon es abgeleitet wurde, die Wahrscheinlichkeit um so grösser, dass, wenn Ausnahmen existirt hätten, sich einige bereits gezeigt hätten.

Aus diesen Gründen wird ein weit stärkerer Beweis verlangt, um eine Ausnahme von einem der allgemeineren empirischen Gesetze darzuthun, als von einem der specielleren Gesetze. Wir würden ohne Schwierigkeit glauben, dass es eine neue Art Krähe, oder eine Art von Vögeln giebt, die den Krähen in den Eigenschaften, welche bisher als die Unterscheidungsmerkmale der Species Krähe betrachtet wurden, gleicht. Es wäre jedoch ein strengerer Beweis erforderlich, um uns von der Existenz einer Art Krähe zu überzeugen, welche Eigenschaften besitzt, die sich von einer anerkannt allgemeinen Eigenschaft der Vögel unterscheiden, und ein noch strengerer Beweis, wenn die Eigenschaften einer anerkannt allgemeinen Eigenschaft der Thiere widerstreiten würden. Und dies steht in Uebereinstimmung mit der durch den gemeinen Menschenverstand und die allgemeinere Praxis der Menschen empfohlenen Urtheilsweise; die Menschen sind für alles Neue in der Natur um so ungläubiger, je allgemeiner die Erfahrung ist, der das Neue zu widersprechen scheint.

§. 9. Aber sogar jene weiteren Generalisationen, welche umfassendere Arten einschliessen, indem sie eine grössere Anzahl und Mannigfaltigkeit von infimae species enthalten, sind nur empirische Gesetze, welche bloss auf einer Induction durch einfaches Aufzählen und nicht auf einem Eliminationsprocess beruhen, auf einem Process also, der auf diesen Fall ganz unanwendbar ist. Derartige Generalisationen sollten daher auf eine Prüfung aller in ihnen enthaltenen infimae species und nicht bloss auf die Prüfung eines Theiles derselben gegründet werden. Wir können nicht schliessen (wo Verursachung nicht in Betracht kommt), dass, weil ein Urtheil von einer Anzahl von Dingen wahr ist, die sich bloss darin gleichen,[129] dass sie Thiere sind, es darum auch von allen Thieren wahr ist. Wenn in der That etwas von solchen Species wahr ist, die sich mehr von einander selbst als eine jede von ihnen von einer dritten Species unterscheiden (besonders wenn diese dritte Species in den meisten ihrer bekannten Eigenschaften einen Platz zwischen den beiden ersteren einnimmt), so ist einige Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass dasselbe auch von dieser Zwischenspecies wahr sein wird; denn man findet oft, obgleich keineswegs allgemein, dass eine Art Parallelität in den Eigenschaften verschiedener Species bestehn, und dass ihr Grad von Unähnlichkeit in der einen Beziehung in irgend einem Verhältniss zu der Unähnlichkeit in einer andern Beziehung steht. Wir sehen diese Parallelität in den Eigenschaften der verschiedenen Metalle, in den Eigenschaften des Schwefels, Phosphors und des Kohlenstoffs, in denen von Sauerstoff, Chlor, Brom und Jod, in den natürlichen Familien der Pflanzen und Thiere etc. Aber es giebt unzählige Anomalien und Ausnahmen von dieser Uebereinstimmung, wenn überhaupt die Uebereinstimmung selbst etwas anderes ist als eine Anomalie und eine Ausnahme in der Natur.

Es dürfen daher allgemeine Urtheile in Beziehung auf die Eigenschaften höherer Arten, wenn sie nicht auf einen bewiesenen oder vermutheten Causalnexus gegründet sind, nur nach einer besonderen Prüfung einer jeden in der hohem Art eingeschlossenen Unterart gewagt werden. Und auch dann noch muss man bereit sein, diese Generalisationen bei dem Vorkommen einer neuen Anomalie, bei einem Vorkommen also, das, wenn die Gleichförmigkeit nicht von Ursachen abgeleitet ist, sogar bei dem allgemeinsten dieser empirischen Gesetze niemals als sehr unwahrscheinlich betrachtet werden kann, aufzugeben. So haben sich alle allgemeinen Urtheile, welche man versucht hat in Beziehung auf einfache Substanzen oder in Beziehung auf eine der Classen, die man von den einfachen Substanzen bildete, aufzustellen (ein Versuch, der oft gemacht wurde), bei dem Fortschritt der Erfahrung als nichtig oder als irrig erwiesen; eine jede Art einfacher Substanz bleibt mit ihrer eigenen Summe von Eigenschaften von den übrigen gesondert, indem sie eine gewisse Parallelität mit wenigen anderen und ihr am meisten ähnlichen Arten bewahrt. In Betreff organischer Wesen giebt es aber in der That einen Ueberfluss von Propositionen,[130] wovon ermittelt ist, dass sie von höheren Genera allgemein wahr sind, und in Beziehung auf welche es als höchst unwahrscheinlich zu betrachten ist, dass man von vielen derselben Ausnahmen entdecken wird. Aber diese sind, wie bereits bemerkt wurde, und wie wir allen Grund haben zu glauben, Wahrheiten, die von Causalität abhängen.

Gleichförmigkeiten der Coexistenz müssen daher nicht allein, wenn sie von Gesetzen der Succession abhängen, sondern auch, wenn sie letzte Wahrheiten sind, für logische Zwecke unter die empirischen Gesetze gezählt werden, und sind in jeder Beziehung auf dieselben Regeln zurückführbar, wie jene unzerlegten Gleichförmigkeiten, wovon bekannt ist, dass sie von Ursachen abhängen.[131]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 117-132.
Lizenz:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon