Zehntes Capitel.

Von der Vielfachheit der Ursachen und von der Vermischung der Wirkungen.

[506] §. 1. In der vorhergehenden Auseinandersetzung der vier Methoden der Beobachtung und des Experimentes, durch welche wir in einer Masse von coexistirenden Erscheinungen die einer gegebenen Ursache zugehörige besondere Wirkung, oder die besondere Ursache, wodurch eine gegebene Wirkung hervorgerufen wurde, zu unterscheiden suchen, war es der Einfachheit wegen nöthig, zuerst anzunehmen, diese analytische Methode unterliege keinen anderen Schwierigkeiten, als ihr ihrer Natur nach wesentlich inhäriren; es war daher nöthig uns eine Wirkung von der einen Seite als ausschliesslich an eine einzige Ursache gebunden, und von der andern Seite als unfähig mit einer andern zugleichseienden Wirkung vermischt und verwechselt zu werden, vorzustellen. Wir haben a b c d e, das Aggregat von in irgend einem Augenblicke existirenden Erscheinungen, als aus unähnlichen Thatsachen a, b, c, d und e bestehend betrachtet, für deren jede man eine und nur eine Ursache zu suchen hat, indem die Schwierigkeit nur darin liegt, diese eine Ursache aus der Menge von vorhergehenden Um ständen, A, B, C, D und E, herauszufinden. In der That ist die Ursache vielleicht keine einfache, sie kann aus einer Vereinigung von Bedingungen bestehen; wir haben aber angenommen, es gäbe bloss eine mögliche Vereinigung von Bedingungen, aus welcher die Wirkung hervorgehen kann.

Wenn die Sache sich so verhielte, so wäre es eine verhältnissmässig leichte Aufgabe, die Gesetze der Natur zu erforschen. Aber eine solche Voraussetzung ist in keiner Weise stichhaltig. Es ist vor Allem nicht wahr, dass dieselbe Naturerscheinung immer[506] von derselben Ursache hervorgebracht wird; die Wirkung a kann manchmal von A und manchmal von B herrühren. Zweitens sind die Wirkungen verschiedener Ursachen oft nicht unähnlich, sondern gleichartig und nicht durch bestimmbare Grenzen von einander unterschieden; A und B bringen vielleicht nicht a und b, sondern verschiedene Theile von der Wirkung a hervor. Die Dunkelheit und Schwierigkeit der Untersuchung der Gesetze der Naturerscheinungen wird besonders durch die Nothwendigkeit vermehrt, auf folgende zwei Umstände zu achten: Vermischung der Wirkungen, und Vielfachheit der Ursachen. Da die Betrachtung der letzteren einfacher ist, so wollen wir zuerst unsere Aufmerksamkeit auf sie richten.

Es ist also nicht wahr, dass eine Wirkung nur mit einer einzigen Ursache oder Vereinigung von Bedingungen zusammenhängen muss, dass eine jede Naturerscheinung nur in einer einzigen Weise erzeugt werden kann. Es giebt häufig mehrere unabhängige Arten, auf welche ein und dasselbe Phänomen hervorgebracht werden kann. Eine Thatsache kann das Consequens in verschiedenen unveränderlichen Sequenzen sein; sie kann mit derselben Gleichförmigkeit dem einen oder dem andern von verschiedenen Antecedentien oder Vereinigungen von Antecedentien folgen. Viele Ursachen können Bewegung erzeugen; viele Ursachen können gewisse Arten von Sensationen hervorbringen; viele Ursachen können den Tod hervorrufen. Eine gegebene Wirkung kann in Wirklichkeit von einer gewissen Ursache hervorgebracht und doch vollkommen fähig sein, ohne dieselbe hervorgebracht zu werden.

§. 2. Eine der wichtigsten Folgen der Vielfachheit der Ursachen ist, dass sie die eine unserer inductiven Methoden, die der Uebereinstimmung, unsicher macht. Um diese Methode zu erläutern, nahmen wir zwei Fälle an, A B C begleitet von a b c und A D E begleitet von a d e. Aus diesen Beispielen dürfte geschlossen werden, dass A ein beständiges Antecedens von a ist, und sogar dass es das unbedingte beständige Antecedens oder die Ursache ist, wenn wir sicher sein könnten, dass kein anderes, den zwei Fällen gemeinsames, Antecedens vorhanden ist. Damit uns diese Schwierigkeit nicht im Wege stehe, wollen wir annehmen, wir hätten ermittelt, dass die zwei Fälle wirklich kein gemeinsames[507] Antecedens haben, ausgenommen A. In dem Augenblicke jedoch, wo wir die Möglichkeit der Vielfachheit der Ursachen zulassen, wird der Schluss falsch, denn er schliesst die stillschweigende Voraussetzung ein, dass a in beiden Fällen durch dieselbe Ursache hervorgebracht worden sein muss. Wenn möglicherweise zwei Ursachen vorhanden gewesen sein können, so mögen sie z.B. C und E sein; die eine kann die Ursache in dem ersten Falle gewesen sein, die andere in dem letztern, während A in keinem dieser Fälle einen Einfluss hat.

Nehmen wir z.B. an, dass zwei grosse Künstler oder Philosophen, dass zwei äusserst selbstsüchtige oder äusserst grossmüthige Charaktere in Beziehung auf die Umstände ihrer Erziehung und Geschichte mit einander verglichen werden, und dass die zwei Falle nur in einem einzigen Umstand übereinstimmend befunden werden. Würde daraus folgen, dass dieser eine Umstand die Ursache der Eigenschaft war, welche beide Individuen charakterisirte? Gewiss nicht; denn der Ursachen, welche bei der Erzeugung eines gegebenen Charaktertypus wirken, sind unzählige; die zwei Individuen hätten in ihrem Charakter übereinstimmen können, obgleich ihre frühere Geschichte in keiner Weise Aehnlichkeit hatte.

Es ist dies daher eine charakteristische Unvollkommenheit der Methode der Uebereinstimmung, von welcher die Differenzmethode frei ist. Denn wenn wir zwei Fälle, A B G und B C, haben, von denen B C, b c giebt, was beim Hinzukommen von A in a b c verwandelt wird, so ist es gewiss, dass in diesem Falle wenigstens A entweder die Ursache von a, oder ein Theil seiner Ursache war, obgleich die Ursache, welche dasselbe in einem andern Falle hervorbringt, eine ganz verschiedene sein kann. Die Vielfachheit der Ursachen vermindert daher nicht allein nicht die Zuverlässigkeit der Differenzmethode, sondern macht nicht einmal eine grössere Anzahl von Beobachtungen oder Experimenten nöthig; zwei Fälle, der eine ein positiver, der andere ein negativer, sind meistens für die vollständigste und strengste Induction hinreichend. Nicht so dagegen bei der Methode der Uebereinstimmung. Die Schlüsse, zu welchen sie führt, wenn die Zahl der verglichenen Fälle gering ist, haben keinen realen Werth, ausgenommen da, wo sie als Fingerzeige zu Experimenten führen, welche zur Anwendung der Differenzmethode[508] Anlass geben, und zu Schlüssen, welche sie deductiv erklären und verificiren können..

Nur wenn die Beispiele ohne Ende vervielfältigt und mannigfaltig sind und immer dasselbe Resultat geben, erhält dieses Resultat einen hohen Grad von unabhängigem Werth. Wenn es nur zwei Fälle A B C und A D E sind, so ist, obgleich sie ausser A kein gemeinsames Antecedens haben, die Wirkung jedoch möglicherweise in beiden Fällen durch verschiedene Ursachen hervorgebracht sein kann, das Resultat nur eine geringe Wahrscheinlichkeit zu Gunsten von A, es mag Verursachung vorhanden sein, aber es ist fast eben so wahrscheinlich, dass es ein blosses Zusammentreffen, eine Coincidenz war. Je öfter wir aber die Beobachtung wiederholen, indem wir die Umstände verändern, um so mehr nähern wir uns einer Lösung dieses Zweifels. Denn wenn wir A F G, A H K etc., die alle nur darin ähnlich sind, dass sie den Umstand A enthalten, prüfen, und wenn wir finden, dass die Wirkung a in allen diesen Fällen ein Bestandtheil des Resultates ist, so müssen wir eines von beiden annehmen: entweder dass sie von A verursacht ist, oder dass sie so viel verschiedene Ursachen hat, als es Fälle giebt. Durch eine jede Hinzufügung eines Falles zu der Anzahl von Beispielen wird die Vermuthung zu Gunsten von A also verstärkt. Der Untersuchende wird natürlicherweise, wenn sich eine Gelegenheit darbietet, nicht vernachlässigen, A aus einer dieser Combinationen auszuschliessen, z.B. aus A H K, und, indem er H K gesondert prüfte die Differenzmethode zu Hülfe rufen. Durch die letztere Methode allein kann erforscht werden, dass A die Ursache von a ist; aber dass es entweder die Ursache oder eine andere Wirkung derselben Ursache ist, kann durch die Methode der Uebereinstimmung über einen jeden vernünftigen Zweifel erhoben werden, vorausgesetzt dass die Beispiele sehr zahlreich und von einander verschieden sind.

Nach einer wie grossen Vervielfältigung von mannigfaltigen Fällen, die alle nur in dem Antecedens A übereinstimmen, ist nun die Voraussetzung einer Vielfachheit von Ursachen widerlegt und der Schluss, dass a die Wirkung von A ist, seiner charakteristischen Unvollkommenheit entkleidet und zu einer vollgültigen Gewissheit erhoben? Dies ist eine Frage, deren Beantwortung nicht umgangen werden kann; ihre Betrachtung gehört jedoch in[509] die sogenannte Wahrscheinlichkeitstheorie, die den Gegenstand eines der folgenden Capitel bilden wird. Man sieht indessen sogleich, dass sich der Schluss bei einer gewissen Anzahl von Fällen zu einer praktischen Gewissheit erhebt, und dass daher die Methode durch ihre charakteristische Unvollkommenheit nicht radical fehlerhaft gemacht wird. Das Resultat dieser Betrachtungen ist jedoch nur, erstens eine neue Quelle des geringeren Werthes der Methode der Uebereinstimmung im Vergleich mit anderen Untersuchungsarten, und Gründe dafür anzugeben, dass man sich niemals mit ihren Resultaten zufriedenstelle, ohne zu suchen, sie entweder durch die Differenzmethode, oder dadurch, dass man sie deductiv mit einem bereits durch diese überlegene Methode erforschten Gesetze oder Gesetzen in Verbindung bringt, zu bestätigen. Wir lernen zweitens daraus die wahre Theorie des Werthes von einer blossen Anzahl von Fällen in der inductiven Forschung kennen. Die Vielfachheit der Ursachen ist der einzige Grund, warum blosse Zahlen von irgend einer Wichtigkeit sind. Es ist die Neigung unwissenschaftlicher Forscher, sich zu viel auf Zahlen zu verlassen, ohne die Fälle zu analysiren, ohne ihre Natur näher zu betrachten, um dadurch zu erforschen, welche Umstände durch dieselben eliminirt werden und welche nicht. Viele halten ihre Schlüsse mit einem gewissen Grade von Zuversicht der blossen Masse von Erfahrungen, auf welche sie sich zu stützen scheinen, proportional, ohne zu bedenken, dass durch das Hinzufügen von Fällen zu Fällen von derselben Art, d.h. unterschieden in nichts Anderm, als in bereits als unwesentlich anerkannten Punkten, der Wahrheit des Schlusses durchaus nichts hinzugefügt wird. Ein einziger Fall, in dem ein Antecedens, das in allen an dem Fällen vorhanden war, eliminirt ist, ist von grösserm Werthe, als die grösste Menge von Fällen, die nur nach ihrer Anzahl gerechnet werden. Es ist ohne Zweifel nöthig, dass wir uns durch eine Wiederholung der Beobachtung oder des Experiments versichern, dass kein Irrthum in Beziehung auf die einzelnen beobachteten Thatsachen begangen worden ist; und so lange wir uns hiervon nicht überzeugt haben, können wir, statt die Umstände zu verändern, nicht zu gewissenhaft dasselbe Experiment oder dieselbe Beobachtung ohne eine Aenderung wiederholen. Wenn aber diese Sicherheit einmal erreicht ist, so würde die Vervielfältigung von Fällen, die keine[510] weiteren Umstände ausschliessen, ganz nutzlos sein, vorausgesetzt dass bereits Fälle genug vorhanden sind, um die Annahme einer Vielfachheit von Ursachen auszuschliessen.

Es ist von Wichtigkeit zu bemerken, dass die besondere Modification der Methode der Uebereinstimmung, welche ich, da sie in gewissem Grade etwas von der Natur der Differenzmethode besitzt, »vereinigte Methode der Uebereinstimmung und des Unterschieds« genannt habe, an der eben angegebenen charakteristischen Unvollkommenheit nicht leidet. Denn in der vereinigten Methode wird nicht allein angenommen, dass die Fälle, in welchen a ist, nur darin übereinstimmen, dass sie A enthalten, sondern auch dass die Fälle, in denen a nicht ist, nur darin übereinstimmen, dass sie A nicht enthalten. Wenn dies nun der Fall ist, so muss A nicht allein die Ursache, sondern auch die einzig mögliche Ursache von a sein; denn gäbe es noch eine andere, z.B. B, so muss B in den Fällen, worin a nicht ist, so gut als A abwesend gewesen sein, und es wäre nicht wahr, dass diese Fälle nur darin übereinstimmen, dass sie A nicht enthalten. Dies giebt der vereinigten Methode einen grossen Vortheil vor der einfachen Methode der Uebereinstimmung. Es mag in der That scheinen, dass der Vortheil nicht sowohl der vereinigten Methode als einer ihrer zwei Prämissen (wenn man sie so nennen darf), der negativen nämlich, angehört. Wenn die Methode der Uebereinstimmung auf negative Fälle oder auf Fälle angewendet wird, in welchen ein Phänomen nicht stattfindet, so ist sie sicherlich frei von jener charakteristischen Unvollkommenheit, an welcher sie in dem bejahenden Falle leidet. Man könnte daher voraussetzen, dass die negative Prämisse als ein einfacher Fall der Methode der Uebereinstimmung behandelt werden könnte, ohne dass man damit eine bejahende Prämisse verbinden müsse. Aber obgleich dies dem Princip nach wahr ist, so ist es doch im allgemeinen ganz unmöglich, die Methode der Uebereinstimmung auf bloss negative Fälle ohne positive anzuwenden; es ist viel schwieriger, das Feld der Negation, als dass der Affirmation zu erschöpfen. Es werde z.B. die Frage gestellt: was ist die Ursache der Durchsichtigkeit der Körper? mit welcher Aussicht auf Erfolg könnten wir nun direct zu ermitteln suchen, worin die vielen nicht durchsichtigen Substanzen übereinstimmen? Wir könnten eher hoffen,[511] bei vergleichungsweise wenigen und bestimmten Arten von Gegenständen, die durchsichtig sind, einen Punkt der Uebereinstimmung zu finden; und wenn dies gelungen wäre, so würden wir ganz natürlich zur Untersuchung geführt, ob die Abwesenheit dieses einen Umstandes nicht genau der Punkt ist, in dem alle dunklen Gegenstände übereinstimmen.

Die vereinigte Methode der Uebereinstimmung und des Unterschieds, oder, wie ich sie nannte, die indirecte Differenzmethode (weil sie wie die eigentliche Differenzmethode so verfahrt, dass sie bestimmt, wie und worin die Fälle, in denen ein Phänomen vorhanden ist, sich von denen unterscheiden, worin es abwesend ist) ist daher nach der directen Differenzmethode das mächtigste der übrigbleibenden Instrumente der inductiven Forschung; und in den Wissenschaften, welche bei geringer oder gar keiner Hülfe durch das Experiment nur von der blossen Beobachtung abhängen, ist diese, bei der schönen Forschung über die Ursache des Thaues so wohl erläuterte Methode das vorzügliche Hülfsmittel, so weit die directe Berufung an die Erfahrung dabei in Betracht kommt.

§ 3. Wir haben bisher die Vielfachheit der Ursachen nur als eine mögliche Voraussetzung behandelt, welche, so lange sie nicht entfernt ist, unsere Inductionen unsicher macht, und wir haben nur die Mittel betrachtet, durch welche wir, wenn keine Vielfachheit in der That existirt, deren Nichtexistenz beweisen können. Wir müssen sie aber auch als einen in der Natur wirklich vorkommenden Fall betrachten, den, so oft er vorkommt, unsere Inductionsmethoden fähig sein müssen zu ermitteln und festzustellen. Hierzu ist indessen keine besondere Methode erforderlich. Wenn eine Wirkung in der That durch zwei oder mehrere Ursachen hervorgebracht werden kann, so ist das Verfahren, um dieselbe zu entdecken, in keiner Weise verschieden von dem, wodurch wir einzelne Ursachen entdecken. Sie können (erstens) als besondere Sequenzen durch besondere Reihen von Fällen entdeckt werden. Eine Reihe von Beobachtungen und Experimenten zeigt, dass die Sonne die Ursache der Wärme ist, eine andere, dass die Reibung es ist, eine andere, dass der Stoss, eine andere, dass Elektricität, eine andere, dass die chemische Thätigkeit eine Wärmequelle ist. Oder (zweitens) die Vielfachheit erscheint bei dem Vergleichen[512] einer Anzahl von Fällen, wenn wir suchen einen Umstand zu finden, in dem sie alle übereinstimmen und uns dies misslingt. Wir finden es unmöglich, in allen Fällen, wo wir einer Wirkung begegnen, einen gemeinsamen Umstand nachzuweisen. Wir finden, dass wir alle Antecedentien wegschaffen können; dass keines von ihnen in allen Fällen gegen wärtig, keines von ihnen zur Wirkung unumgänglich nöthig ist. Bei genauer Untersuchung scheint es indessen, dass obgleich keines von ihnen immer gegenwärtig, das eine oder das andere von mehreren immer gegenwärtig ist. Wenn wir bei einer weitem Analyse in diesen irgend ein gemeinsames Element entdecken können, so dürften wir im Stande sein, von ihnen zu irgend einer Ursache zu gelangen, welche der in der That wirkende Umstand in allen ist. So durfte und wird vielleicht entdeckt werden, dass bei der Erzeugung von Wärme durch Reibung, Stoss, chemische Action etc. die letzte Quelle eine und dieselbe ist. Wenn wir aber (wie fortwährend geschieht) diesen letzten Schritt nicht thun können, so müssen die verschiedenen Antecedentien vorläufig als unterschiedene Ursachen angesehen werden, wovon eine jede für sich hinreicht, die Wirkung hervorzubringen.

Wir schliessen hier unsere Bemerkungen über die Vielfachheit der Ursachen und gehen zu dem noch eigenthümlicheren und verwickelteren Falle der Vermischung der Wirkungen und der Interferenz der Ursachen über, einem Falle, der den grössten Theil der Verwickelung und Schwierigkeit des Studiums der Natur ausmacht, und mit dem die vier einzig möglichen Methoden der directen inductiven Forschung durch Beobachtung und Experiment meistentheils, wie sich nun ergeben wird, nicht fertig zu werden vermögen. Die Deduction allein ist hier fähig, die aus dieser Quelle entspringenden Verwickelungen zu lösen, und die vier Methoden können hier wenig mehr thun, als die Prämissen für unsere Deductionen zu schaffen.

§. 4. Ein Zusammenwirken zweier oder mehrerer Ursachen, die separat nicht einerlei Wirkung hervorbringen, sondern mit einander interferiren oder die ihre Wirkungen gegenseitig modificiren, findet, wie bereits erklärt wurde, auf zwei verschiedene Arten Statt. In dem einen Fall, der durch die vereinigte Wirkung verschiedener Kräfte in der Mechanik erläutert wird, werden[513] die besonderen Wirkungen aller Ursachen fortwährend hervorgebracht, sind aber mit einander verbunden und verschwinden in einer Totalwirkung. In dem andern, durch die chemische Action erläuterten Falle hören die besonderen Wirkungen ganz auf und es folgt ihnen ein ganz verschiedenes und durch ganze andere Gesetze regiertes Phänomen.

Von diesen Fällen ist der erstere beiweitem der häufigste, und dieser Fall ist es auch, der sich dem Angriffe unserer experimentellen Methoden meistens entzieht. Der andere, ein Ausnahmefall, kann ihnen unterworfen werden. Wenn die Gesetze der ursprünglichen Agentien ganz aufhören, und ein Phänomen erscheint, welches in Beziehung auf diese Gesetze ganz heterogen ist; wenn z.B. zwei luftförmige Substanzen, Wasserstoff und Sauerstoff, indem sie zusammengebracht werden, ihre besonderen Eigenschaften ablegen und die Wasser genannte Substanz erzeugen: so kann in einem solchen Falle die neue Thatsache einer experimentellen Untersuchung unterworfen werden wie ein anderes Phänomen, und die Elemente, von welchen man sagt, sie setzten dasselbe zusammen, können als die blossen Agentien seiner Erzeugung, als die Bedingungen, von denen es abhängt, die Thatsachen, welche seine Ursache ausmachen, betrachtet werden.

Die Wirkungen des neuen Phänomens, die Eigenschaften des Wassers z.B. werden durch den Versuch so leicht gefunden, als die Wirkungen einer jeden andern Ursache. Aber die Ursache desselben zu entdecken, d.h. die eigenthümliche Verbindung von Agentien, aus denen es hervorgeht, ist oft sehr schwierig. Es ist vor allem der Ursprung und die wirkliche Erzeugung des Phänomens unserer Beobachtung meistens unzugänglich. Wenn wir die Zusammensetzung des Wassers nicht eher hätten kennen lernen können, als bis wir Fälle sahen, in denen es wirklich aus Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wurde, so wären wir gezwungen gewesen, zu warten, bis irgend Einem der zufällige Gedanke gekommen wäre, einen elektrischen Funken durch eine Mischung der beiden Gase schlagen zu lassen, oder bis er ein brennendes Licht hineingebracht hätte, wenn auch bloss um zu sehen, was dabei geschieht. Wenn wir aber auch durch die Methode der Uebereinstimmung hätten bestimmen können, dass Sauerstoff und Wasserstoff gegenwärtig sind, wenn Wasser gebildet wird, so hätte doch[514] kein Versuch mit Sauerstoff und Wasserstoff allein, keine Kenntniss ihrer Gesetze uns in den Stand setzen können, deductiv zu schliessen, dass sie Wasser hervorbringen. Wir bedürfen eines specifischen Versuches mit den zwei Stoffen im verbundenen Zustande.

Bei diesen Schwierigkeiten würden wir im allgemeinen unsere Kenntniss der Ursachen dieser Classe von Wirkungen nicht einer besonders auf dieses Ziel gerichteten Untersuchung, sondern entweder dem Zufall, oder dem allmäligen Fortschreiten des Experimentirens mit den verschiedenen Verbindungen, deren die erzeugenden Agentien fähig Bind, zu verdanken gehabt haben, wenn nicht die, Wirkungen dieser Art zugehörige, Eigenthümlichkeit wäre, dass sie oft unter einer besondern Combination von Umständen ihre Ursachen reproduciren. Wenn Wasser aus der Juxtaposition von Sauerstoff und Wasserstoff entsteht, so oft dieselbe nahe und innig genug herzustellen ist, so werden auf der andern Seite unter gewissen Umständen Sauerstoff und Wasserstoff aus dem Wasser reproducirt; die neuen Gesetze nehmen plötzlich ein Ende und die Agentien erscheinen getrennt mit ihren eigenen besondern Eigenschaften, wie sie dieselben vorher besassen. Was man die chemische Analyse nennt, ist das Verfahren, wonach man die Ursachen einer Naturerscheinung unter ihren Wirkungen sucht, oder vielmehr unter den Wirkungen, die durch Action einer andern Ursache auf dieselbe hervorgebracht wurden.

Indem Lavoisier Quecksilber in einem lufthaltigen geschlossenen Gefässe bis auf eine hohe Temperatur erhitzte, fand er, dass das Quecksilber an Gewicht zunahm und zu dem wurde, was man damals rothen Präcipitat nannte, während die Luft, als sie nach dem Versuch geprüft wurde, an Gewicht verloren hatte und sich unfähig zeigte, das Leben oder die Verbrennung zu unterhalten. Als der rothe Präcipitat einer noch grössern Hitze ausgesetzt wurde, verwandelte er sich wieder in Quecksilber und gab ein Gas aus, welches das Leben und die Flamme unterhielt. Auf diese Weise erscheinen die Agentien, durch deren Verbindung rother Präcipitat erzeugt wurde, nämlich Quecksilber und das Gas, wieder als Wirkungen, die von dem erhitzten Präcipitat herrühren. Wenn wir Wasser vermittelst Eisenfeile zersetzen, so bringen wir zwei Wirkungen hervor, Rost und Wasserstoff; von dem Rost weiss man nun aus Versuchen mit seinen Bestandtheilen,[515] dass er eine Wirkung der Verbindung von Eisen und Sauerstoff ist; das Eisen gaben wir hinzu, aber der Sauerstoff musste aus dem Wasser erzeugt worden sein. Das Resultat ist daher, dass das Wasser verschwunden ist, und dass Sauerstoff und Wasserstoff an seiner Stelle erschienen sind; oder mit anderen Worten, die ursprünglichen Gesetze dieser luftförmigen Agentien, welche durch die Hinzufügung neuer, Eigenschaften des Wassers genannter, Gesetze suspendirt waren, traten wieder ins Leben, und die Ursachen des Wassers finden sich unter seinen Wirkungen.

Wo zwei Naturerscheinungen, zwischen deren Gesetzen oder Eigenschaften an sich betrachtet kein Zusammenhang nachgewiesen werden kann, gegenseitig Ursache und Wirkung sind, wo demnach eine jede fähig ist, der Reihe nach von der andern hervorgebracht zu werden, und eine jede bei der Erzeugung der andern selbst zu existiren aufhört (wie Wasser von Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wird, und Sauerstoff und Wasserstoff vom Wasser reproducirt werden), da ist die Verursachung der einen durch die andere, indem eine jede durch die Vernichtung der andern erzeugt wird, eigentlich eine Transformation. Die Idee von chemischer Zusammensetzung ist eine Idee von Transformation, aber von einer Transformation, die unvollständig ist, denn wir nehmen an, dass Sauerstoff und Wasserstoff als solche in dem Wasser gegenwärtig sind, und dass wir bei der erforderlichen Schärfe unserer Sinne im Stande wären, sie darin zu entdecken, eine Annahme (denn mehr ist es nicht), die einzig auf die Thatsache gegründet ist, dass das Gewicht des Wassers die Summe der Gewichte seiner einzelnen Bestandtheile ist. Wenn diese Ausnahme von dem Verschwinden der Gesetze der einzelnen Bestandtheile in der Verbindung nicht stattgefunden hätte; wenn die verbundenen Agentien in diesem einen besondern Gesetze des Gewichts ihre eigenen Gesetze nicht beibehalten, und ein vereinigtes Resultat, das der Summe ihrer besondern Resultate gleich ist, hervorgebracht hätten: so wären wir wahrscheinlich niemals zu dem Begriff gelangt, den wir jetzt mit dem Worte chemische Zusammensetzung verbinden, und wir würden in der Thatsache der Erzeugung von Wasser durch Sauerstoff und Wasserstoff, und der Erzeugung der letzteren aus dem Wasser, da die Transformation vollständig gewesen wäre, nichts als eine Transformation erblickt haben.[516]

In seiner »Correlation of Physical Forces (Wechselbeziehung der physikalischen Kräfte)«, einer Betrachtung, die anregender und reicher an zukünftigen Resultaten ist, als alle neueren physikalischen Betrachtungen, legt Herr Grove grosses Gewicht auf die Hypothese (denn mehr ist es bis jetzt nicht) von einer Beziehung zwischen physikalischen Kräften, welche ähnlich derjenigen ist, welche zwischen Wasserstoff und Sauerstoff auf der einen Seite und Wasser auf der andern Seite stattfindet; oder die mehr noch der wechselseitigen Beziehung zwischen jenen zusammengesetzten Substanzen gleicht, welche aus denselben Elementen in denselben Gewichtsverhältnissen bestehen, die aber in ihren sinnfälligen Eigenschaften von einander abweichen, wie Zucker, Stärke und Gummi. Es war bekannt dass die Wärme Elektricität, und dass die Elektricität Wärme erzeugen kann, dass mechanische Bewegung in bestimmten Fällen beide entwickelt und durch beide erzeugt wird, und so die übrigen. Herr Grove führt nun aus, dass mechanische Kraft, Elektricität, Magnetismus, Wärme, Licht und chemische Thätigkeit (wozu später noch Lebenskraft kam) nicht sowohl Ursachen von einander, als ineinander überführbar sind; dass sie alle Formen von einer und derselben Kraft sind, die sich nur in verschiedener Weise äussert. Eine solche Lehre könnte man leicht für ein Stück mystischer Metaphysik, für eine vorgebliche Entdeckung von etwas auf das letzte Wesen der sogenannten Kräfte, als Dinge an sich betrachtet, bezügliches halten. Herr Grove sieht aber ganz klar, dass solche Ansprüche eine Chimäre wären. Sein Ziel ist wohlerwogen und philosophisch, und in einer Weise ausgesprochen, der wenig fehlt, um philosophisch untadelhaft zu sein. Hier kann darüber bemerkt werden, dass wenn sich seine Lehre bestätigen sollte, so würden die verschiedenen Arten von Phänomenen, welche sie zu identificiren unternimmt, immer noch Ursachen von einander, und würden gegenseitig Ursachen und Wirkungen sein, was in der eigentlich Transformation genannten Form von Verursachung das erste Ingredienz ist. Es giebt indessen noch ein anderes Ingredienz; wenn die Ursache die Wirkung erzeugt hat, so muss die Wirkung die Ursache ohne eine Veränderung in der Quantität reproduciren können. Diese zweite Bedingung ist es, welche für die Verwandlung der Hypothese von Herrn Grove in eine wissenschaftliche[517] Theorie noch immer fehlt. Wenn Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt worden ist, so können Wasserstoff und Sauerstoff wieder in die gleiche Quantität Wasser verwandelt werden, aus der sie erzeugt wurden, um Hrn. Grove's Lehre zu beweisen müsste Wärme in Elektricität, Elektricität in chemische Thätigkeit, chemische Thätigkeit in mechanische Kraft, und mechanische Kraft wieder in dieselbe, beim Beginn der Reihe verausgabte Quantität Wärme verwandelt werden können. Wenn es bewiesen wäre, dass dies der Fall ist, so würde dadurch genau das festgestellt, was die von dem einfachen Fall gegenseitiger Verursachung unterschiedene Transformation ausmacht. Aber so lange dieses nicht bewiesen ist, können die von Herrn Grove in so belehrender Weise beigebrachten Thatsachen und Argumente nur als eine Vermuthung (wenn auch als eine sehr starke) gelten, dass diese quantitative Aequivalenz der Kräfteformen wirklich stattfindet. Die Kräfte identisch nennen schliesst nicht bloss ein, dass sie in einander überführbar sind, sondern auch dass die ursprünglichen Quantitäten nach einer jeden Anzahl von Ueberführungen unvermehrt und unvermindert wiedererscheinen, wie sie dies bei allen chemischen Verwandlungen und Rückverwandlungen thun; und diese Lehre, welche die Kraft für ebenso unzerstörbar hält als die Materie, scheint unter dem Namen der Erhaltung der Kraft allmälig aus dem Zustand der Hypothese in den eines philosophischen Satzes überzugehen. Sie ist aber noch weit entfernt, die Stellung einer festgestellten Wahrheit einzunehmen.107

In diesen Fällen also, wo die heteropathische Wirkung (wie wir sie in einem frühern Capitel – Cap. VII. §. 1 – nannten) nur eine Transformation ihrer Ursache ist, oder mit anderen Worten, wo die Wirkung und ihre Ursache gegenseitig Transformationen, wo sie gegenseitig in einander überführbar sind[518] da löst sich die Aufgabe, die Ursache zu finden, in die viel leichtere auf, eine Wirkung zu finden, was diejenige Art von Untersuchung ist, die durch den directen Versuch verfolgt werden kann. Es giebt aber noch andere Fälle von heteropathischen Wirkungen, auf welche diese Untersuchungsweise nicht anwendbar ist. Man nehme z.B. die heteropathischen Gesetze des Geistes, jenen Theil der Erscheinungen unserer geistigen Natur, welche eher chemischen als dynamischen Phänomenen ähnlich sind; wenn z.B. eine complexe Leidenschaft durch die Vereinigung verschiedener elementarer Impulse, oder eine complexe Gemüthsbewegung durch verschiedene einfache Freuden oder Leiden gebildet wird, wovon sie das Resultat ist, ohne das Aggregat derselben oder in irgend einer Weise homogen damit zu sein. Das Product entsteht in diesem Falle aus verschiedenen Factoren; die Factoren können jedoch nicht aus dem Product reproducirt werden, ähnlich wie ein Jüngling zum alten Mann werden, ohne dass der alte Mann zu einem Jüngling werden kann. Wir können nicht ermitteln, von welchen einfachen Gefühlen irgend einer von unseren complexen Geisteszuständen erzeugt wird, so wie wir die Bestandtheile einer chemischen Verbindung ermitteln, indem wir sie umgekehrt daraus entstehen lassen. Wir können daher diese Gesetze nur durch das langsame Verfahren, diese einfachen Gefühle selbst zu studiren, und nur dadurch entdecken, dass wir synthetisch durch Experimentiren mit den verschiedenen Combinationen, deren sie fähig sind, bestimmen, was sie durch ihre gegenseitige Wirkung auf einander fähig sind hervorzubringen.

§. 5. Man hätte voraussetzen können, die andere und augenscheinlich einfachere Varietät von gegenseitigen Interferenzen der Ursachen, bei der eine jede Ursache fortwährend ihre eigene besondere Wirkung nach demselben Gesetze wie im gesonderten Zustande ausübt, hätte der inductiven Forschung weniger Schwierigkeiten dargeboten, als diejenige, deren Betrachtung wir soeben beendigt haben. Sie bietet jedoch, so weit es die von der Deduction getrennte directe Induction betrifft, unendlich grössere Schwierigkeiten dar. Wenn durch ein Zusammenwirken von Ursachen eine neue Wirkung entsteht, die in keiner Beziehung zu den besondern Wirkungen jener Ursachen steht, so zeigt sich das[519] resultirende Phänomen wenigstens unverdeckt, indem es die Aufmerksamkeit auf seine Eigenthümlichkeit zieht, und unserer Erkenntniss seiner Gegenwart oder Abwesenheit in einer Anzahl von dasselbe umgebenden Erscheinungen kein Hinderniss darbietet. Es kann daher den Regeln der Induction leicht unterworfen werden, vorausgesetzt, dass solche Fälle erhalten werden können, wie sie diese Regeln verlangen. Das Nichteintreffen solcher Fälle, oder der Mangel an Mitteln, um sie hervorzubringen, ist die wahre und einzige Schwierigkeit bei solchen Untersuchungen, eine Schwierigkeit, die gewissermaassen eine physicalische und keine logische ist. Anders verhält es sich mit Fällen von dem, was im vorhergehenden Capitel Zusammensetzung der Ursachen genannt wurde. Hier hören die Wirkungen der besondern Ursachen nicht auf und machen anderen Platz, wodurch sie auch aufhören einen Theil der zu untersuchenden Naturerscheinung zu bilden, sie finden im Gegentheil immer Statt, jedoch vermischt und verdeckt durch die homogenen und eng verbundenen Wirkungen anderer Ursachen. Sie sind nicht mehr a, b, c, d, e neben einander bestehend und fortwährend einzeln wahrnehmbar, sie sind -+a, –a, 1/2b, –b, 2b etc.; einige von ihnen vernichten einander, während viele andere nicht unterscheidbar sind, sondern in einer Summe aufgehen und ein Resultat bilden, zwischen dem und den Ursachen, wodurch es hervorgebracht wurde, irgend eine bestimmte Beziehung durch Beobachtung nachzuweisen, oft eine unübersteigliche Schwierigkeit besteht.

Man hat gesehen, dass die allgemeine Idee von der Zusammensetzung der Ursachen die war, dass, obgleich zwei oder mehrere Gesetze interferiren und ihre Wirkungen scheinbar einander vereiteln oder modificiren, in Wahrheit doch alle erfüllt werden, indem die Collectivwirkung genau die ganze Summe der Wirkungen der Ursachen ist, wenn sie gesondert genommen werden. Ein bekannter Fall ist der, wo ein Körper, auf welchen zwei gleiche und entgegengesetzte Kräfte wirken, im Gleichgewicht erhalten wird. Eine von den Kräften allein wirkend würde ihn so und so weit nach Westen, die andere allein wirkend würde ihn genau so weit nach Osten führen; das Resultat ist dasselbe, als wenn er zuerst so weit nach Westen geführt worden wäre, als die eine Kraft ihn führen kann, und dann so weit zurück, als die andere Kraft ihn[520] führen könnte, d.h. genau auf dieselbe Stelle, indem er zuletzt da gelassen wird, wo er anfänglich war.

Alle Causalgesetze können auf diese Weise aufgehoben und scheinbar vernichtet werden, wenn sie mit anderen Gesetzen in Conflict gerathen, deren besondere Wirkungen den ihrigen entgegengesetzt, oder mehr oder weniger damit unverträglich sind. Daher scheinen fast bei einem jeden Gesetze viele Fälle, in denen dasselbe wirklich vollständig erfüllt wird, beim ersten Blick keine Fälle zu sein, in denen es wirksam ist. Es ist dies der Fall bei dem so eben angeführten Beispiele; in der Mechanik heisst eine Kraft nichts mehr und nichts weniger als eine Ursache der Bewegung, und doch kann die Summe der Wirkungen zweier Ursachen der Bewegung Ruhe sein. Ebenso bewegt sich ein Körper, auf den zwei Kräfte wirken, die zusammen einen Winkel bilden, in der Diagonale, und es scheint ein Paradoxon zu sein, wenn man sagt, die Bewegung in der Diagonale sei die Summe der Bewegungen in zwei anderen Linien. Bewegung ist indessen nur eine Veränderung des Ortes, und in einem jeden Augenblick ist der Körper genau an dem Orte, wo er gewesen wäre, wenn die Kräfte in abwechselnden Augenblicken statt in demselben Augenblicke gewirkt hätten (nur dass, wenn wir sie als abwechselnd wirkend annehmen, während sie in der That gleichzeitig wirken, wir ihnen natürlich die doppelte Zeit zugestehen müssen). Es ist daher evident, dass eine jede Kraft in einem jeden Augenblicke ihre volle Wirkung hatte, die ihr zukommt, und dass der modificirende Einfluss, von welchem man sagt, er werde durch die eine der zusammenwirkenden Ursachen in Beziehung auf die andere ausgeübt, betrachtet werden kann als ausgeübt, nicht auf die Thätigkeit der Ursache selbst, sondern auf die Wirkung, nachdem sie vollendet ist. Zu allen Zwecken der Voraussagung, der Berechnung, der Erklärung ihrer vereinigten Resultate können Ursachen, welche ihre Wirkungen verbinden, behandelt werden, als ob sie gleichzeitig eine jede ihre eigene Wirkung hervorbrächten, und als ob diese Wirkungen sichtbar coexistirten.

Da die Gesetze der Ursachen wirklich erfüllt werden, sowohl wenn den Ursachen durch entgegengesetzte Ursachen entgegengewirkt wird, als auch wenn sie ihrer eigenen ungestörten Action überlassen bleiben, so müssen wir die Vorsicht gebrauchen, die Gesetze[521] nicht mit solchen Worten auszudrücken, dass dadurch die Behauptung, sie wurden in jenen Fällen erfüllt, zu einem Widerspruch wird. Wenn man z.B. als ein Naturgesetz angeben würde, dass ein Körper, auf den eine Kraft wirkt, sich in der Richtung der Kraft und mit einer Schnelligkeit bewegt, die in geradem Verhältniss zu der Kraft und im umgekehrten zu seiner eigenen Masse steht; und wenn in Wirklichkeit einige Körper, auf welche eine Kraft wirkt, sich gar nicht bewegen, und einige, die sich bewegen, vom Beginn an durch die Wirkung der Schwere und anderer widerstrebender Kräfte verzögert und endlich ganz zum Stillstehen gebracht werden: so ist klar, dass der allgemeine Lehrsatz, obgleich er unter gewissen Voraussetzungen wahr wäre, die Thatsachen nicht ausdrücken würde, wie sie wirklich stattfinden. Um den Ausdruck des Gesetzes den wirklichen Erscheinungen anzupassen, müssen wir sagen, nicht dass sich der Gegenstand bewegt, sondern dass er das Bestreben hat, sich in der angegebenen Richtung und mit der erwähnten Geschwindigkeit zu bewegen. Wir könnten in der That unsern Ausdruck in einer andern Weise verwahren, indem wir sagen, dass sich der Körper auf diese Weise bewegt, wenn er nicht verhindert wird, oder so lange er nicht durch eine entgegenwirkende Ursache verhindert wird. Aber der Körper bewegt sich nicht allein auf diese Weise, wenn ihm nichts entgegenwirkt, er strebt sogar sich in dieser Weise zu bewegen, wenn ihm etwas entgegenwirkt; er übt in derselben Richtung noch dieselbe Kraft der Bewegung aus, als wenn sein erster Impuls nicht gestört worden wäre, und bringt dadurch genau eine äquivalente Quantität der Bewegung hervor. Dies ist sogar wahr, wenn die Kraft den Körper in dem absoluten Zustande von Ruhe lässt, in dem sie ihn anfänglich vorfand, wenn wir z.B. versuchen, einen Körper von dem Gewicht von drei Centner mit einer Kraft, die gleich einem Centner ist, zu heben. Denn wenn, während wir diese Kraft anwenden, der Wind, das Wasser oder ein anderes Agens eine weitere Kraft hinzuführt, welche zwei Centner nur wenig übersteigt, so wird der Körper gehoben werden, was beweist, dass die Kraft, welche wir anwandten, ihre volle Wirkung ausgeübt hat, indem sie einen äquivalenten Theil des Gewichts, das sie nicht gänzlich bezwingen konnte, neutralisirte. Und wenn der Gegenstand, während wir diese Kraft[522] von einem Centner in einer seiner Schwere entgegengegetzten Richtung auf ihn wirken lassen, auf eine Wagschale gebracht und gewogen wird, so findet man, dass er einen Centner an seinem Gewichte verloren hat, oder mit anderen Worten, man findet, dass er mit einer Kraft, die der Differenz der zwei Kräfte gleich ist, nach unten drückt.

Diese Thatsachen werden durch den Ausdruck Bestreben ganz richtig bezeichnet. Alle Causalgesetze müssen daher, da sie alle einer Entgegenwirkung aus gesetzt sind, in Worten ausgedrückt werden, die nur ihr Bestrehen, und nicht ihre wirklichen Resultate ausdrücken. In jenen Wissenschaften der Verursachung, die eine richtige Nomenclatur besitzen, giebt es specielle Worte, die ein Streben nach der eigenthümlichen Wirkung zeigen, von der die Wissenschaft handelt; so ist in der Mechanik Druck synonym mit Streben nach Bewegung, und man behandelt die Kräfte nicht als wirklich Bewegung erzeugend, sondern als Druck ausübend. Eine ähnliche Verbesserung der Terminologie würde in vielen anderen Zweigen der Wissenschaft sehr nützlich sein.

Die Gewohnheit, dieses nothwendige Element in der genauen Bezeichnung der Naturgesetze zu vernachlässigen, gab Veranlassung zu dem sehr verbreiteten Vorurtheil, dass alle allgemeinen Wahrheiten Ausnahmen zulassen; die Schlüsse der Philosophie erfuhren dadurch ein unverdientes Misstrauen, wenn sie dem Urtheile von solchen unterworfen wurden, die keine Philosophen waren. Die rohen Generalisationen, welche sich aus der gewöhnlichen Beobachtung ergeben, haben gemeinlich Ausnahmen, aber die Principien der Wissenschaft, oder mit anderen Worten, die Causalgesetze haben keine. »Was man für die Ausnahmen eines Princips hält« (um bei einer andern Gelegenheit gebrauchte Worte anzuführen) ist immer ein anderes und unterschiedenes Princip, das in das erstere einschneidet; irgend eine andere Kraft, die gleichsam an die erstere anstösst und sie von ihrer Richtung ablenkt. Es giebt kein Gesetz und eine Ausnahme dazu, so dass das Gesetz in neun und neunzig Fällen und die Ausnahme in einem wirkt. Es sind zwei Gesetze, wovon ein jedes möglicherweise in allen hundert Fällen wirkt, und die durch ihr vereinigtes Wirken eine gemeinschaftliche Wirkung hervorbringen. Wenn die Kraft, welche, da sie die am wenigsten sichtbare von den beiden ist, die störende[523] Kraft genannt wird, in irgend einem Falle über die andere Kraft hinreichend vorwaltet, um den Fall zu bilden, der gewöhnlich eine Ausnahme genannt wird, so wirkt dieselbe störende Kraft wahrscheinlich in vielen anderen Fällen, die Niemand Ausnahmen nennen wird, als modificirende Ursache.

»Wenn man auf diese Weise sagen würde, es sei ein Naturgesetz, dass alle schweren Körper nach der Erde fallen, so würde man auch wahrscheinlich sagen, der Widerstand der Atmosphäre, der einen Luftballon am Fallen hindert, mache den Ballon zu einer Ausnahme jenes angeblichen Naturgesetzes. Das wahre Gesetz ist aber, dass alle schweren Körper zu fallen streben; hiervon giebt es keine Ausnahme, und weder Sonne noch Mond sind davon ausgenommen, denn wie jeder Astronom weiss, streben sogar die letztern mit einer Kraft, die der gleich ist, womit die Erde nach ihnen strebt, nach der Erde zu. In dem besondern Falle vom Ballon könnte man vielleicht aus einem Missverstehen des Gesetzes der Schwere von dem Widerstand der Luft sagen, er überwiege das Gesetz; aber seine störende Wirkung ist in einem jeden andern Falle ganz ebenso thatsächlich vorhanden, indem er den Fall aller Körper verzögert, wenn er ihn auch nicht verhindert. Die Regel und die sogenannte Ausnahme theilen sich nicht in die Fälle; eine jede von ihnen ist eine umfassende Regel, die sich auf alle Fälle erstreckt. Es ist oberflächlich und den richtigen Grundsätzen der Nomenclatur und Classification zuwider, das eine von diesen mitwirkenden Principien eine Ausnahme von dem andern zu nennen. Eine Wirkung, genau von derselben Art und aus derselben Ursache hervorgehend, sollte nicht in zwei verschiedene Kategorien gesetzt werden, bloss weil eine andere, sie überwiegende Ursache existirt oder nicht existirt«.108

§. 6. Demnach haben wir nun zu betrachten, nach welcher Methode diese complexen aus den Wirkungen vieler Ursachen bestehenden Wirkungen zu studiren sind; wie wir im Stande sein werden,[524] eine jede Wirkung auf das Zusammenwirken von Ursachen, wodurch sie erzeugt wurde, zurückzuführen, und die Umstände ihrer Wiederkehr, die Umstände, unter denen man erwarten darf, dass sie wieder eintreffen wird, zu bestimmen. Die Bedingungen einer Naturerscheinung, welche aus der Zusammensetzung von Ursachen hervorgehen, können entweder deductiv oder experimentell untersucht werden.

Es ist einleuchtend, dass der Fall einer complexen Wirkung der deductiven Forschungsweise fähig ist. Das Gesetz einer Wirkung dieser Art ist das Resultat der Gesetze der besondern Ursachen, von deren Combination es abhängig ist, und daher an sich fähig, von diesen Gesetzen abgeleitet zu werden. Man nennt die Methode die aprioristische. Die andere, oder die Methode a posteriori, geht nach den Regeln der experimentellen Forschung zu Werke. Indem sie die ganze Vereinigung von mitwirkenden Ursachen, welche eine Naturerscheinung erzeugen, als eine einzige Ursache betrachtet, strebt sie diese Ursache in gewöhnlicher Weise durch Vergleichung der Fälle zu bestimmen. Diese zweite Methode zerfällt in zwei verschiedene Arten. Wenn sie bloss die Fälle von einer Wirkung gegen einander hält, so ist sie eine Methode der reinen Beobachtung. Wenn sie die Ursachen behandelt und verschiedene Combinationen derselben in der Hoffnung versucht, die genaue Combination, welche die Totalwirkung hervorbrachte, endlich zu treffen, so ist sie eine experimentelle Methode.

Um die Natur dieser drei Methoden noch vollständiger aufzuklären und um zu bestimmen, welche von ihnen den Vorzug verdient, wird es zweckmässig sein (nach einer Lieblingsmaxime des Lord-Kanzlers Eldon, der eine tiefere Philosophie ihren Beifall nicht versagen wird, obgleich sie von den Philosophen oft lächerlich gemacht wurde), »sie in Umstände zu kleiden«. Wir werden zu diesem Ende einen Fall wählen, der bis jetzt zwar kein sehr glänzendes Beispiel von dem Erfolge dieser drei Methoden darbietet, der aber umsomehr geeignet ist, die ihnen inhärente Schwierigkeit in das geeignete Licht zu setzen. Der Gegenstand der Untersuchung sei, die Bedingungen der Gesundheit und Krankheit des menschlichen Körpers, oder (grösserer Einfachheit wegen) die Bedingungen der Genesung von einer gegebenen Krankheit zu ermitteln, und um die Aufgabe noch mehr zu beschränken, so sei[525] sie auf die einfache Frage zurückgeführt: ist eine gewisse Arznei (Quecksilber z.B.) ein Mittel gegen diese Krankheit oder nicht?

Die deductive Methode würde nun von bekannten Eigenschaften des Quecksilbers und von bekannten Gesetzen des menschlichen Körpers ausgehen, und von diesen ausgehend, würde sie zu entdecken suchen, ob das Quecksilber auf den Körper, wenn er sich im vorausgesetzten kranken Zustande befindet, in einer Weise wirkt, dass es die Gesundheit herstellt. Die experimentelle Methode würde einfach in so viel Fällen als möglich Quecksilber geben, indem sie Alter, Geschlecht, Temperament und andere Eigenthümlichkeiten der körperlichen Constitution, die besondere Form oder Abweichung der Krankheit, das besondere Stadium oder ihren Fortschritt etc. etc. aufzeichnen, und indem sie bemerken würde, in welchen dieser Fälle es eine heilsame Wirkung hervorgebracht hat, und mit welchen Umständen es bei dieser Gelegenheit verbunden war; oder sie würde die Fälle der Genesung mit Fällen von Nichtgenesung vergleichen, um Fälle zu finden, welche in allen anderen Beziehungen übereinstimmen und nur in der Thatsache verschieden sind, dass Quecksilber gegeben oder nicht gegeben wurde.

§. 7. Dass die letzte der drei Methoden auf den obigen Fall anwendbar sei, hat noch Niemand ernstlich behauptet. Schlüsse von Werth sind in Beziehung auf einen so verwickelten Gegenstand auf jenem Wege noch niemals erhalten worden. Das Aeusserste, was man dabei erreichen könnte, wäre ein vager, allgemeiner Eindruck für oder gegen die Wirksamkeit des Quecksilbers, ein Eindruck, der keinen reellen Nutzen besässe, und nach dem wir uns nicht richten können, er müsste denn durch die eine der zwei anderen Methoden bestätigt werden. Nicht dass die Resultate, welche diese Methode zu erhalten strebt, nicht von dem höchst möglichen Werth wären, wenn sie über haupt erhalten werden könnten. Wenn alle Fälle von Genesung, welche sich in einer auf eine grosse Anzahl von Fällen ausgedehnten Prüfung darbieten, Fälle wären, in denen Quecksilber gegeben wurde, so dürften wir mit Vertrauen nach dieser Erfahrung generalisiren, und wir würden einen Schluss von wirklichem Werth erhalten. Aber in einem Falle dieser Art können wir nicht hoffen, eine solche Basis für eine Generalisation[526] zu erhalten. Der Grund hiervon ist derselbe, der als die charakteristiche Unvollkommenheit der Methode der Uebereinstimmung ausmachend angegeben worden ist: die Vielfachheit der Ursachen. Sogar wenn wir annehmen, das Quecksilber strebe die Krankheit zu heilen, so streben auch so viele andere Ursachen, sowohl natürliche als künstliche, die Krankheit zu heilen, dass es gewiss reichlich Fälle von Genesung geben wird, in denen kein Quecksilber gegeben wurde, es müsste denn in der That die Praxis bestehen, es in allen Fällen zu geben, bei welcher Voraussetzung man es in den Fällen von Ausbleiben ebenso finden würde.

Wenn eine Wirkung aus der Vereinigung vieler Ursachen hervorgeht, so kann der Antheil, welchen eine jede derselben bei der Determination der Wirkung hat, im allgemeinen nicht gross sein, und es ist nicht wahrscheinlich, dass die Wirkung, sogar in ihrer Anwesenheit oder Abwesenheit und noch weniger in ihren Veränderungen, irgend einer von den Ursachen auch nur annähernd folgen wird. Die Genesung von einer Krankheit ist ein Vorgang, zu dem in einem jeden Falle viele Einflüsse mitwirken müssen. Das Quecksilber kann ein solcher Einfluss sein; aber wegen der Thatsache, dass es noch viele andere Einflüsse giebt, wird es sich nothwendig oft treffen, dass, obgleich Quecksilber gegeben wurde, der Patient aus Mangel an den anderen mitwirkenden Einflüssen nicht genesen, und dass er oft genesen wird, ohne dass Quecksilber gegeben wurde, indem die anderen günstigen Einflüsse ohne dasselbe wirksam genug waren. Es werden daher weder die Fälle von Genesung bei dem Eingeben von Quecksilber, noch werden die Fälle von Nichtgenesung bei dem Nicht-Eingeben desselben übereinstimmen. Es ist viel, wenn wir aus vielfältigen und genauen Berichten von Hospitälern und dergleichen schliessen können, dass mehr Fälle von Genesung und weniger von Nichtgenesung statthaben, wenn Quecksilber gegeben wird, als wenn es nicht gegeben wird, ein Resultat von sehr untergeordnetem Werth sogar als ein Wegweiser in der Praxis, und ganz werthlos als ein Beitrag zu der Theorie des Gegenstandes.

Nachdem so die Nichtanwendbarkeit der Methode der einfachen Beobachtung zur Ermittelung der Bedingungen von Wirkungen, die von vielen zusammenwirkenden Ursachen abhängen, erkannt ist, wollen wir untersuchen, ob wir von dem andern[527] Zweige der a posteriori-Methode einen grössern Nutzen ziehen können, von dem Zweige nämlich, welcher so verfährt, dass er verschiedene, entweder künstlich hervorgebrachte oder in der Natur gefundene Combinationen direct versucht und bemerkt, was sie für eine Wirkung haben; z.B. indem er die Wirkung des Quecksilbers wirklich versucht, und zwar in so vielen Fällen als nur immer möglich. Biese Methode unterscheidet sich von der so eben geprüften dadurch, dass sie unsere Aufmerksamkeit direct auf die Ursachen oder Agentien leitet, statt sie auf die Wirkung, die Genesung von einer Krankheit, zu leiten. Und da, als eine allgemeine Regel, die Wirkungen der Ursachen unserm Studium viel zugänglicher sind als die Ursachen der Wirkungen, so ist es natürlich, zu denken, dass diese Methode von einem bessern Erfolg begleitet sein wird, als die erstere.

Die Methode, welche wir gegenwärtig betrachten, heisst die empirische Methode, und um sie richtig zu beurtheilen, müssen wir annehmen, dass sie vollständig und nicht unvollständig empirisch sei. Wir müssen alles von ihr ausschliessen, was der Natur nicht des experimentellen, sondern des deductiven Verfahrens ähnlich sehen könnte. Wenn wir z.B. mit einem gesunden Individuum Versuche mit Quecksilber ma chen, um die allgemeinen Gesetze seiner Wirkung auf den menschlichen Körper zu bestimmen, und dann aus diesen Gesetzen ableiten, wie es auf Personen wirken würde, die von einer gewissen Krankheit afficirt sind, so mag dies in der That eine wirksame Methode sein, es ist aber Deduction. Die experimentelle Methode leitet das Gesetz eines complexen Falles nicht von den einfacheren Gesetzen ab, welche sich zu seiner Erzeugung vereinigen, sondern sie macht ihre Experimente direct mit dem complexen Falle. Wir müssen von aller Kenntniss der einfacheren Bestreben, der modi operandi des Quecksilbers im einzelnen ganz abstrahiren; unser Experimentiren muss dahin zielen, eine directe Antwort auf die specifische Frage zu erhalten: hat das Quecksilber oder hat es nicht das Bestreben, die besondere Krankheit zu heilen?

Wir wollen daher sehen, inwiefern dieser Fall die Beobachtung jener Regeln des Experimentirens zulässt, die man in anderen Fällen nöthig findet zu beobachten. Wenn wir ein Experiment ersinnen, um die Wirkung eines gegebenen Agens zu erforschen,[528] so giebt es gewisse Vorsichtsmaassregeln, die wir, soweit wir immer können, niemals unterlassen. Zuerst führen wir das Agens in eine Reihe von Umständen ein, die wir genau erforscht haben. Es braucht kaum bemerkt zu werden, wie weit diese Bedingung davon entfernt ist, in irgend einem Falle, der mit den Erscheinungen des Lebens zusammenhängt, realisirt zu sein; wie weit wir davon entfernt sind zu wissen, welches alle die Umstände sind, die in irgend einem Falle, wo einem lebenden Wesen Quecksilber eingegeben wird, präexistiren. Obgleich in den meisten Fällen unübersteiglich, so dürfte diese Schwierigkeit es doch nicht in allen Fällen sein; es giebt manchmal (obgleich, wie ich glaube, niemals in der Physiologie) ein Zusammenwirken von vielen Ursachen, bei dem wir gleichwohl genau wissen, was die Ursachen sind. Aber wenn wir von diesem Hinderniss befreit sind, so begegnen wir einem noch ernsteren. In anderen Fällen, in Fällen wo wir beabsichtigen, ein Experiment anzustellen, halten wir es nicht für hinreichend, dass in dem Falle kein Umstand vorhanden sei, dessen Gegenwart uns unbekannt ist, wir verlangen auch, dass keiner von den uns bekannten Umständen Wirkungen habe, die man mit den Wirkungen des Agens, dessen Eigenschaften wir erforschen wollen, verwechseln könnte. Wir geben uns die grösste Mühe, alle Ursachen auszuschliessen, die einer Verbindung mit den gegebenen Ursachen fähig wären; oder wenn wir gezwungen sind, irgend solche Ursachen zuzulassen, so bemühen wir uns, sie so herzurichten, dass wir ihren Einfluss berechnen können, so dass die Wirkung der gegebenen Ursache nach Abzug jener anderen Wirkungen als ein rückständiges Phänomen erscheint.

Diese Vorsichtsmaassregeln sind nicht anwendbar auf Fälle wie wir sie nun betrachten. Da das Quecksilber in unserm Experiment mit einer unbekannten Menge Einfluss habender Umstände versucht wird (und es mag sogar eine bekannte Menge sein), so schliesst die einfache Thatsache ihres Einflusshabens ein, dass sie die Wirkung des Quecksilbers verdecken, und uns das Erkennen seiner Wirkung oder Nichtwirkung entziehen. Wenn wir nicht bereits wussten, was und wie viel einem jeden andern Umstande zugeschrieben werden muss (d.h. wenn wir nicht die Aufgabe, zu deren Lösung wir die Mittel suchen, als bereits gelöst annehmen), so können wir nicht sagen, dass jene anderen[529] Umstände nicht unabhängig und sogar trotz des Quecksilbers die ganze Wirkung hervorgebracht haben. Die Differenzmethode in der gewöhnlichen Weise ihrer Anwendung, indem sie nämlich den Zustand der Dinge nach dem Experiment mit dem Zustande vergleicht, der ihm voranging, ist auf diese Weise bei der Vermischung von Wirkungen ganz nutzlos, weil andere Ursachen als diejenigen, deren Wirkung wir zu bestimmen suchen, während des Uebergangs thätig waren. Was die andere Art von Anwendung der Differenzmethode betrifft, wonach man nicht denselben Fall in zwei verschiedenen Perioden, sondern verschiedene Fälle vergleicht, so ist dieselbe in dem gegenwärtigen Beispiele ganz chimärisch. Bei so verwickelten Erscheinungen ist es fraglich, ob zwei Fälle, welche in allen Beziehungen mit Ausnahme einer einzigen ähnlich sind, je vorkamen; und kämen sie vor, so wäre es uns nicht möglich zu wissen, dass sie einander genau ähnlich sind.

Ein wissenschaftlicher Gebrauch der experimentellen Methode in diesen verwickelten Fällen steht daher hier ganz ausser aller Frage. In dem günstigsten Falle können wir durch eine Reihe von Versuchen nur entdecken, dass eine gewisse Ursache sehr oft von einer gewissen Wirkung begleitet ist. Denn bei einer dieser vereinigten Wirkungen ist der Antheil, welches ein jedes der influirenden Agentien an ihrer Erzeugung hat, wie wir vorhin bemerkt haben, im allgemeinen nur gering, und es muss eine mächtigere Ursache sein, als die meisten Ursachen es sind, wenn sogar das Bestreben, welches sie wirklich ausübt, nicht durch andere Bestreben in fast so vielen Fällen verhindert, als es erfüllt wird.

Wenn von Seiten der experimentellen Methode so wenig geschehen kann, um die Bedingungen einer Wirkung vieler combinirten Ursachen in der Medicin zu erforschen, so ist diese Methode noch weniger auf eine Classe von Erscheinungen anwendbar, die noch verwickelter sind, als sogar die Erscheinungen der Physiologie, es sind dies die Phänomene der Politik und Geschichte. Hier existirt die Vielfachheit der Ursachen in fast grenzenlosem Uebermaasse, und die Wirkungen sind grösstentheils unentwirrbar mit einander verflochten. Um die Verlegenheit zu vermehren, beziehen sich Forschungen in den politischen Wissenschaften meistens auf die Erzeugung von Wirkungen einer sehr umfassenden Art, wie z.B.[530] öffentliches Wohl, öffentliche Sicherheit, öffentliche Moral u. dgl. Es sind dies Resultate, welche direct oder indirect mit plus oder mit minus fast von einer jeden in der menschlichen Gesellschaft existirenden Thatsache, oder einem jeden vorkommenden Ereigniss afficirt werden können. Die gewöhnliche Vorstellung, dass in Gegenständen der Politik die sicheren Methoden diejenigen der Bacon'schen Induction seien, dass nicht allgemeines Urtheilen, sondern die specifische Erfahrung der wahre Führer sei, wird einst angeführt werden als ein unzweideutiges Zeichen des niederen Zustandes der speculativen Geisteskräfte des Zeitalters, welches sie zuliess. Was kann lächerlicher sein, als jene Parodie experimenteller Schlüsse, welcher man gewöhnt ist nicht allein in der populären Discussion, sondern in den schwerfälligen Abhandlungen zu begegnen, in denen die Angelegenheiten der Völker das Thema bilden. »Wie kann ein Gesetz, eine Institution schlecht sein,« fragt man, »wenn die Nation dabei prosperirte?« »Wie können diese oder jene Ursachen zu dem Wohlstand eines Landes beigetragen haben, wenn ein anderes Land ohne sie prosperirte?« Wer ohne die Absicht zu betrügen von einem derartigen Schlüsse Gebrauch macht, sollte in die Schule zurückgeschickt werden, um die Elemente irgend einer der leichteren Naturwissenschaften zu erlernen. Dergleichen Denker ignoriren die Vielfachheit der Ursachen in dem Falle selbst, der das ausgezeichnetste Beispiel davon darbietet. So wenig könnte aus einer möglichen Vergleichung individueller Beispiele in einem solchen Falle geschlossen werden, dass sogar die Unmöglichkeit, in Beziehung auf die socialen Phänomene künstliche Experimente zu machen, ein Umstand, welcher der direct inductiven Forschung sonst so nachtheilig ist, in diesem Falle kaum einen neuen Grund des Bedauerns abgiebt. Denn wenn wir auch mit einer Nation oder dem Menschengeschlechte, mit so wenig Bedenken als Hr. Magendie mit Hunden oder Kaninchen, künstliche Experimente anstellen könnten, so würden wir doch nie dahin gelangen, zwei Fälle in jeder Beziehung identisch zu machen, mit Ausnahme der Anwesenheit oder Abwesenheit irgend eines bestimmten Umstandes. Die grösste Annäherung an ein Experiment im philosophischen Sinne ist in der Politik die Einführung eines neuen wirksamen Elementes in nationale Angelegenheiten durch irgend eine specielle[531] und nachweisbare Maassregel der Regierung, wie die Einführung oder die Aufhebung eines besondern Gesetzes. Wo aber so viele Einflüsse thätig sind, erfordert es einige Zeit, bevor der Einfluss einer neuen Ursache auf nationale Phänomene sichtbar werden kann; und da die in einem so ausgedehnten Kreise wirkenden Ursachen nicht allein unendlich zahlreich, sondern auch in einem Zustande fortwährender Veränderung sind, so ist es immer gewiss, dass ehe die Wirkung der neuen Ursache sichtbar genug wird, um Gegenstand der Induction zu sein, viele von den influirenden Umständen sich so verändert haben werden, dass das Experiment dadurch fehlerhaft wird.

Da also zwei von den drei möglichen Methoden für das Studium von Phänomenen, die aus der Verbindung von vielen Ursachen hervorgehen, der Natur des Falles nach, untauglich und illusorisch sind: so bleibt nur noch die dritte, – diejenige, welche die Ursachen separat betrachtet, und die Wirkung nach der Vergleichung der verschiedenen Bestreben, welche sie hervorbringen, berechnet, mit kurzen Worten, die deductive oder aprioristische Methode. Die weitere Betrachtung dieses geistigen Processes erfordert ein Capitel für sich.[532]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 506-533.
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