Einleitung.

§. 1. In der Art und Weise, wie die Schriftsteller die Logik zu definiren pflegen, herrscht eine eben so grosse Verschiedenheit, als in der Behandlung des Details derselben. Dies ist naturgemäss bei einem jeden Gegenstande zu erwarten, über welchen die Schriftsteller vermittelst ein und derselben Sprache verschiedene Ideen auszudrücken haben. Die Ethik und die Jurisprudenz unterliegen so gut wie die Logik derselben Bemerkung. Fast ein jeder Schriftsteller hat eine verschiedene Ansicht über einige der Einzelheiten, welche diese Zweige des Wissens anerkanntermaassen einschliessen; ein jeder hat seine Definition so geformt, dass er von vorn herein seine eigenen besonderen Lehrsätze angiebt, und zuweilen zu deren Gunsten als wahr annimmt, was noch zu beweisen ist.

Diese Verschiedenheit ist nicht sowohl ein zu beklagendes Uebel, als ein unvermeidliches und gewissermaassen eigenthümliches Resultat des unvollkommenen Zustandes jener Wissenschaften. Es ist nicht zu erwarten, dass eine Uebereinstimmung in Beziehung auf die Definition eines Dinges stattfinde, bevor eine Uebereinstimmung in Betreff des Dinges selbst stattfindet. Ein Ding definiren heisst: aus dem Ganzen seiner Eigenschaften diejenigen wählen, welche durch dessen Namen bezeichnet und ausgesprochen werden sollen; bevor wir daher im Stande sind, zu bestimmen, welche von diesen Eigenschaften zu diesem Zwecke die geeignetsten sind, müssen wir mit denselben wohl bekannt sein. In dem Falle einer so verwickelten Anhäufung von Einzelheiten, wie sie[1] in dem enthalten sind, was den Namen einer Wissenschaft verdient, ist die Definition, mit der wir beginnen, selten diejenige, welche eine ausgedehntere Kenntniss des Gegenstandes als die geeignetste erscheinen lässt. Bevor wir die Einzelheiten selbst kennen, können wir nicht über die genaueste und umfassendste Weise, sie durch eine allgemeine Beschreibung zu umschreiben, entscheiden.

Erst nach einer ausgedehnten und genauen Bekanntschaft mit den Details der chemischen Erscheinungen fand man es möglich, eine rationelle Definition der Chemie zu geben; die Definition der Wissenschaft des Lebens und der Organisation ist immer noch ein Gegenstand des Streites. So lange die Wissenschaften unvollkommen sind, müssen die Definitionen an ihren Unvollkommenheiten Theil nehmen, und wenn die ersteren fortschreiten, so müssen es auch die letzteren. Von der Definition, die einem wissenschaftlichen Gegenstand vorangeht, kann man daher nur erwarten, dass sie das Ziel unserer Untersuchungen definire, und die Definition, welche ich nun von der Wissenschaft der Logik geben werde, beansprucht nichts mehr, als eine Darlegung der Frage zu sein, welche ich mir selbst vorgelegt habe, und welche dieses Buch zu beantworten versucht. Der Leser hat die Freiheit, gegen eine solche Definition der Logik Einwendungen zu machen, es ist indessen auf alle Fälle eine richtige Definition von dem Gegenstande dieses Werkes.

§. 2. Die Logik ist oft die Kunst des Schliessens genannt worden. Ein Schriftsteller (Erzbischof Whately), welcher mehr als eine jede andere lebende Persönlichkeit beigetragen hat, um das Studium derselben wieder auf die Stufe der Achtung zu erheben, von welcher es bei der gebildeten Classe unseres eigenen Landes herabgesunken war, hat die obige Definition mit einer Verbesserung angenommen, er hat die Logik definirt: als die Wissenschaft sowohl, als die Kunst des Schliessens, indem er durch den ersteren Namen die Analyse des geistigen Processes zu bezeichnen meint, welcher stattfindet, wenn wir Schlüsse ziehen, durch den letzteren aber die Regeln für die richtige Ausführung der auf diese Analyse gegründeten Processe. Man kann die Zulässigkeit diese Berichtigung nicht bezweifeln. Ein richtiges Verständniss des geistigen Processes selbst, der Bedingungen, von welchen er abhängig ist, und[2] der Stufen, aus welchen er besteht, ist die einzige Basis, auf welche sich ein für die Ausführung dieses Processes geeignetes System von Kegeln möglicherweise gründen kann. Die Kunst setzt nothwendigerweise Wissen voraus; die dem Zustande der Kindheit entwachsene Kunst setzt wissenschaftliches Wissen voraus; und wenn eine jede Kunst nicht den Namen der Wissenschaft trägt, auf welche sie sich stützt, so ist dies nur, weil oft mehrere Wissenschaften erforderlich sind, um das Grundwerk einer einzigen Kunst zu bilden. So verwickelt sind die Bedingungen, welche unsere praktische Thätigkeit regieren, dass, um uns in den Stand zu setzen ein Ding zu thun, es oft nöthig ist, die Natur und die Eigenschaften vieler Dinge zu wissen.

Die Logik umfasst also sowohl die Wissenschaft des Schliessens als auch eine auf diese Wissenschaft gegründete Kunst. Aber das Wort Schliessen enthält wiederum, ähnlich den meisten anderen wissenschaftlichen Ausdrücken, im gewöhnlichen Sprachgebrauch eine Menge Zweideutigkeiten. In der einen seiner Bedeutungen bezeichnet es das Syllogisiren oder die Schlussweise, welche man (mit hinreichender Genauigkeit für den gegenwärtigen Zweck) das Schliessen vom Allgemeinen auf das Besondere nennen kann. In einer andern Bedeutung heisst Schliessen einfach, irgend eine Behauptung aus anderen, bereits zugegebenen Behauptungen folgern, und in diesem Sinne hat die Induction so gerechte Ansprüche auf den Namen Schliessen, wie die Beweise der Geometrie.

Die über Logik Schreibenden haben im Allgemeinen die erstere Bedeutung des Ausdruckes vorgezogen; die letztere und umfassendere Bedeutung ist es, deren ich mich zu bedienen gedenke. Ich thue es vermöge eines Rechtes, welches ich für jeden Schriftsteller in Anspruch nehme, des Rechtes nämlich, von seinem eigenen Gegenstande irgend eine beliebige vorläufige Definition zu geben.

Es werden sich aber, wie ich glaube, im Verlauf unserer Untersuchungen genügende Gründe dafür entwickeln, dass dies nicht bloss die vorläufige, sondern dass es auch die letzte Definition sein sollte. Sie schliesst auf alle Fälle keine willkürliche Aenderung an der Bedeutung des Wortes ein; denn mit dem allgemeinen Gebrauche der englischen Sprache (und wohl auch der deutschen, d. U.) stimmt die weitere Bedeutung besser überein, als die engere.

[3] §. 3. Aber Schliessen scheint sogar nicht in der weitesten Bedeutung, deren das Wort fähig ist, alles das zu umfassen, was in der besseren oder auch nur in der geläufigeren Vorstellung von dem Umfang und dem Inhalt unserer Wissenschaft eingeschlossen liegt. Der Gebrauch des Wortes Logik, um die Theorie der Argumentation zu bezeichnen, rührt von den Aristotelischen, oder wie sie gewöhnlich genannt werden, den scholastischen Logikern her.

Aber auch bei ihnen, in ihren systematischen Abhandlungen nämlich, bildete die Argumentation nur den Gegenstand des dritten Theiles; die beiden ersten handelten von den Wörtern und den Urtheilen (Propositionen); unter der einen oder der andern dieser Rubriken wurde auch die Definition und die Eintheilung (divisio) begriffen. Von einigen wurden diese vorläufigen Themata offenbar nur wegen ihres Zusammenhanges mit dem Schliessen, und als eine Vorbereitung für die Lehre und die Regeln des Syllogismus eingeführt. Sie wurden jedoch mit grösserer Ausführlichkeit und Weitläufigkeit behandelt, als für diesen Zweck allein nöthig war. Neuere Schriftsteller über Logik haben im Allgemeinen den Ausdruck so verstanden, wie er von dem geschickten Verfasser der Port-Royal-Logik gebraucht wurde, d.h. als gleichbedeutend mit der Kunst zu Denken. Auf diese Bedeutung beschränkt er sich nicht bloss in Büchern und bei wissenschaftlichen Forschern; sogar in der gewöhnlichen Conversation schliessen die mit dem Worte Logik verbundenen Ideen zum wenigsten Präcision der Sprache und Genauigkeit der Classification ein, und wir hören vielleicht Manche öfter von einer logischen Anordnung oder von logisch definirten Ausdrücken, als von logisch aus Prämissen abgeleiteten Schlüssen sprechen. Auch wird oft Mancher ein grosser Logiker oder ein Mann von gewaltiger Logik genannt, nicht der Genauigkeit seiner Deductionen, sondern der umfassenden Beherrschung der Prämissen wegen, indem ihm die für die Erklärung einer Schwierigkeit oder die Widerlegung eines Sophismas nöthigen allgemeinen Urtheile reichlich und schnell zur Hand sind, kurz, weil er reiches Wissen für den argumentativen Gebrauch leicht beherrscht. Ob wir uns daher zu der Behandlungsweise derjenigen, welche aus dem Gegenstande ein besonderes Studium gemacht haben oder zum Brauch der populären Schriftsteller und der gewöhnlichen Sprechweise bekennen, so schliesst das Bereich der[4] Logik immerhin mehrere Geistesoperationen ein, welche man gewöhnlich nicht als in der Bedeutung der Wörter Schliessen und Argumentiren eingeschlossen betrachtet.

Die Wissenschaft würde alle diese verschiedenen Operationen umfassen, und durch eine sehr einfache Definition würde noch ein weiterer Vortheil erreicht werden, wenn wir durch eine, von hohen Autoritäten sanctionirte, Ausdehnung der Bedeutung des Wortes die Logik definiren würden »als die Wissenschaft, welche von den Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit handelt«; denn diesem letzten Zweck sind Benennung, Classification, Definition, und alle anderen Operationen, über welche die Logik jemals eine Herrschaft beanspruchte, wesentlich dienstbar. Sie können alle als Kunstgriffe betrachtet werden, welche uns befähigen sollen, die nöthigen Wahrheiten zu wissen, und zwar genau in dem Augenblicke zu wissen, wo wir ihrer bedürfen. Diese Operationen dienen in der That auch noch anderen Zwecken, z.B. dem Zweck, unser Wissen Anderen mitzutheilen. Aber unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wurden sie niemals als dem Bereich der Logik zugehörig angesehen. Die Leitung der eigenen Gedanken ist der einzige Gegenstand der Logik, die Mittheilung dieser Gedanken an Andere ist die Sache der Rhetorik in dem weiteren Sinne, in welchem diese Kunst von den Alten aufgefasst wurde, oder auch die Sache der noch ausgedehnteren Kunst der Erziehung. Die Logik nimmt nur Kenntniss von unseren Geistesoperationen in dem Maasse als sie uns selbst zum Wissen und zur Herrschaft über dieses Wissen behufs der eigenen Anwendung führt. Wenn es in dem ganzen Weltall nur ein einziges vernünftiges Wesen gäbe, und dieses Wesen wäre der vollkommenste Logiker: so würde die Wissenschaft und die Kunst der Logik für dieses einzige Wesen dieselbe sein wie für das ganze Menschengeschlecht.

§. 4. Wenn aber die vorher geprüfte Definition zu wenig einschloss, so fallt die nun gegebene in den entgegengesetzten Fehler.

Wir erkennen die Wahrheiten auf zweierlei Weise: manche werden direct und von selbst erkannt, manche vermittelst anderer Wahrheiten. Die ersteren sind Gegenstand der Anschauung (Intuition) oder des Bewusstseins,1 die letzteren der Folgerung.[5] Die durch Anschauung erkannten Wahrheiten sind die ursprünglichen Prämissen, aus denen alle anderen gefolgert werden. Da sich unsere Zustimmung zu dem Schluss auf die Wahrheit der Prämissen gründet, so könnten wir niemals durch Schliessen zu irgend einer Erkenntniss gelangen, wenn nicht etwas dem Schliessen Vorausgehendes erkannt werden könnte.

Beispiele von Wahrheiten, die uns durch das unmittelbare Bewusstsein bekannt werden, sind: unsere körperlichen Empfindungen und geistigen Gefühle. Ich weiss direct aus meiner eigenen Erkenntniss, dass ich gestern geärgert wurde und heute hungrig bin. Beispiele von Wahrheiten, die wir nur vermittelst des Folgerns erkennen, sind: Ereignisse, welche während unserer Abwesenheit stattfanden; die von der Geschichte aufgezeichneten Begebenheiten oder die Lehrsätze der Mathematik. Die beiden ersteren folgern wir aus dem beigebrachten Zeugniss oder aus den noch vorhandenen Spuren jener vergangenen Ereignisse; die letzteren aus den Prämissen, welche in den Büchern über Geometrie unter dem Titel Lehrsätze und Axiome enthalten sind. Was wir nur immer zu erkennen fähig sind, gehört der einen oder der andern dieser Classen an, muss in der Anzahl der ursprünglichen Data oder der Schlüsse, welche daraus gezogen werden können, enthalten sein.

Mit den ursprünglichen Datis oder letzten Prämissen unserer Erkenntniss, mit ihrer Zahl oder Natur, der Art, in welcher wir zu ihnen gelangen, oder den Mitteln, durch welche sie unterschieden werden können, hat die Logik, so wie ich die Wissenschaft verstehe, direct wenigstens, nichts zu thun. Diese Fragen sind zum Theil nicht Gegenstand der Wissenschaft überhaupt, zum Theil einer ganz andern Wissenschaft.

Was wir durch das Bewusstsein (durch die Anschauung) erkannt haben, schliesst die Möglichkeit des Zweifels aus, was jemand körperlich oder geistig sieht oder fühlt, davon ist er sicher, dass er es sieht oder fühlt. Behufs solcher Wahrheiten bedarf es keiner Wissenschaft; keine Kunstregeln können unser Wissen in dieser[6] Beziehung gewisser machen, als es an und für sich ist. Für diesen Theil unserer Erkenntniss giebt es keine Logik.

Wir mögen uns aber einbilden, dass wir sehen oder fühlen, was wir in Wirklichkeit folgern. Newton sah die Wahrheit vieler Sätze der Geometrie ohne die Beweise zu lesen, aber gewiss nicht ohne dass die letzteren durch seinen Geist blitzten. Von einer Wahrheit oder einer supponirten Wahrheit, welche wirklich das Ergebniss einer sehr raschen Folgerung ist, kann es scheinen, als wäre sie intuitiv erkannt. Die Denker der entgegengesetztesten Schulen stimmten lange darin überein, dass dieser Irrthum in dem so gewöhnlichen Fall des Sehens thatsächlich begangen wird. Nichts scheinen wir directer zu erkennen, als die Entfernung eines Gegenstandes von uns. Man hat indessen schon längst erkannt, dass das, was das Auge gewahrt, höchstens eine verschieden gefärbte Fläche ist; dass wenn wir uns einbilden, eine Entfernung zu sehen, wir in der That nur gewisse Abwechselungen von scheinbarer Grösse und Färbung sehen, und dass unsere Schätzung der Entfernung eines Gegenstandes das Resultat einer Vergleichung (die so rasch gemacht wird, dass wir uns dessen nicht bewusst sind) zwischen der Grösse und Farbe des Gegenstandes ist, wie sie zur Zeit erscheinen, und der Grösse und Farbe desselben, oder ähnlicher Gegenstände, wie sie in unserer Nähe oder auch wie sie erschienen, als ihre Entfernung durch andere Mittel erwiesen wurde. Die Perception der Entfernung durch das Auge, welche der Intuition so ähnlich sieht, ist also in Wirklichkeit eine auf Erfahrung gegründete Folgerung, und noch dazu eine Folgerung, welche wir zu machen lernen, und welche wir in dem Maasse als unsere Erfahrung wächst mehr oder weniger richtig machen, obgleich sie in gewöhnlichen Fällen so schnell stattfindet, dass sie genau jenen Wahrnehmungen des Gesichtes gleichkommt, welche wirklich intuitiv sind, nämlich den Wahrnehmungen der Farbe.2[7] Von der Wissenschaft, welche die Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit erklärt, ist demnach die Frage ein wesentlicher Theil: welche Thatsachen sind Gegenstand der Anschauung und des Bewusstseins, und welche sind ein Ergebniss des blossen Folgerns? Diese Frage wurde indessen niemals als ein Theil der Logik betrachtet. Sie findet ihren Platz in einem wohl unterschiedenen Theil der Wissenschaft, dem vielmehr der Name Metaphysik zukommt, in jenem Theil der speculativen Philosophie, welcher zu bestimmen sucht, welcher Theil von dem Geistesgeräthe ursprünglich zu dem Geist gehört, und welcher Theil aus Material besteht, das von aussen beigebracht wurde. Dieser Wissenschaft gehören die grossen und vielbesprochenen Fragen über die Existenz der Materie, die Existenz des Geistes und des Unterschiedes zwischen ihm und der Materie, die Realität zwischen Zeit und Raum als Dinge ausserhalb des Geistes und unterscheidbar von den Gegenständen, von denen man sagt, sie existiren in ihnen, d.i. in Raum und Zeit. Denn bei dem gegenwärtigen Zustand der Discussion dieser Gegenstände wird fast allgemein zugegeben, dass die Existenz der Materie oder des Geistes, der Zeit oder des Raumes ihrer Natur nach des Beweises nicht fähig ist, und dass, wenn wir etwas von diesen erkennen, es durch unmittelbare Anschauung sein muss. Derselben Wissenschaft gehören die Untersuchungen über die Natur der Vorstellung, der Wahrnehmung, des Gedächtnisses und des Glaubens an; es sind dies alles Operationen des Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit, mit welchen aber, als Phänomene des Geistes, der Logiker eben so wenig zu thun hat, als mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, sie in einfachere Phänomene zu zerlegen. Auch die folgenden und alle analogen Fragen müssen jener Wissenschaft zugewiesen werden: Wie weit sind unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Empfindungen angeboren, wie weit Resultate der Association; sind Gott und Pflicht Realitäten, deren Existenz uns vermöge der Beschaffenheit unserer Vernunft a priori klar ist, oder sind unsere Ideen von ihnen erworbene Vorstellungen, deren Ursprung wir verfolgen und erklären können; und ferner die Realität der Gegenstände selbst, eine Frage nicht des Bewusstseins oder der Anschauung, sondern des Beweisens und Schliessens.

Das Bereich der Logik muss auf jenen Theil unserer Erkenntniss[8] beschränkt werden, der aus Folgerungen aus vorherbekannten Wahrheiten besteht, gleich gültig, ob diese vorausgehenden Data allgemeine Urtheile oder besondere Beobachtungen und Wahrnehmungen sind. Die Logik ist nicht die Wissenschaft des Glaubens, sondern die Wissenschaft des Beweises oder der Evidenz. Soweit der Glaube sich auf den Beweis zu stützen vorgiebt, ist es die Aufgabe der Logik, ein Prüfemittel zu liefern, wodurch bestimmt werden kann, ob derselbe wohl begründet ist oder nicht; mit den Ansprüchen jedoch, welche irgend ein Urtheil auf den Beweis (die Evidenz) der Anschauung hin, d.i. also ohne Beweis in dem eigentlichen Sinn des Wortes, auf Glauben macht, hat die Logik nichts zu schaffen.

§. 8. Da bei weitem der grösste Theil unseres Wissens, sei es allgemeiner Wahrheiten oder besonderer Thatsachen, offenbar aus Folgerungen besteht, so ist fast das Ganze nicht allein der Wissenschaft, sondern auch der menschlichen Handlungsweise überhaupt der Autorität der Logik unterworfen. Folgerungen ziehen ist das grosse Geschäft des Lebens genannt worden. Ein jeder hat täglich, stündlich, in jedem Augenblick Thatsachen zu prüfen, welche er nicht direct beobachtet hat, und zwar nicht zu dem allgemeinen Zweck der Vermehrung seines Wissens, sondern weil die Thatsachen selbst für seine Interessen und Beschäftigungen von Wichtigkeit sind. Die Geschäfte der Magistratsperson, des militärischen Befehlshabers, des Seefahrers, des Arztes oder des Landwirths bestehen nur in der Beurtheilung von Beweisen (der Evidenz) und in dem Handeln danach. Sie alle haben gewisse Thatsachen zu bestimmen, um sodann gewisse Regeln anzuwenden, welche sie entweder selbst erfunden, oder welche ihnen andere als eine Richtschnur vorgeschrieben haben; und je nachdem sie dies gut oder übel thun, erfüllen sie gut oder übel die Pflichten ihres Berufes. Es ist dies die einzige Beschäftigung, von welcher der Geist niemals befreit ist, und ist der Gegenstand, nicht der Logik, sondern der Erkenntniss im Allgemeinen.

Die Logik ist indessen nicht einerlei mit Wissen, obgleich das Feld der Logik ebenso ausgedehnt ist, als das des Wissens. Die Logik ist der gemeinsame Richter aller besonderen Untersuchungen; sie unternimmt es nicht, Beweise zu finden, sondern zu bestimmen,[9] ob sie gefunden worden sind. Die Logik beobachtet weder, noch erfindet oder entdeckt sie, sondern sie urtheilt und richtet. Es ist nicht die Sache der Logik, dem Wundarzt zu erklären, von welchen Erscheinungen ein gewaltsamer Tod begleitet ist, er muss dies von seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder von der seiner Vorgänger in dieser besondern Beschäftigung lernen; aber die Logik sitzt darüber zu Gericht, ob diese Beobachtung und Erfahrung hinreichend ist, um seine Regeln, und ob seine Regeln hinreichend sind, um sein Verfahren zu rechtfertigen. Sie liefert Ihm keine Beweise, aber sie lehrt ihm, was diese zu Beweisen macht, und wie er sie zu beurtheilen hat. Sie lehrt nicht, dass irgend eine besondere Thatsache eine andere beweist, sondern sie zeigt, welchen Bedingungen alle Thatsachen entsprechen müssen, um andere Thatsachen zu beweisen. Die Entscheidung, ob eine gegebene Thatsache diese Bedingungen erfüllt, oder ob in einem gegebenen Falle Thatsachen aufzufinden sind, welche sie erfüllen, gehört ausschliesslich der besondern Kunst oder Wissenschaft, oder unserer Kenntniss des besondern Gegenstandes an.

In diesem Sinne ist die Logik, was Bacon so bezeichnend ars artium nennt, die Wissenschaft der Wissenschaft selbst. Alle Wissenschaft besteht aus Datis und aus Schlüssen, die aus diesen Datis gezogen wurden, aus Beweisen und aus dem, was durch diese bewiesen wird; die Logik zeigt nun aber, welche Beziehungen stattfinden müssen zwischen Datis und dem, was aus ihnen geschlossen werden kann, zwischen einem Beweis und dem, was damit bewiesen werden kann. Wenn solche unumgängliche Beziehungen stattfinden und genau bestimmt werden können, so muss ein jeder besondere Zweig der Wissenschaft sowohl, als ein jedes Individuum bei der Führung seiner Geschäfte sich danach richten, und zwar bei Strafe, falsche Folgerungen oder Schlüsse zu ziehen, welche nicht auf die Realität der Dinge gegründet sind. Was nur immer zu irgend einer Zeit richtig geschlossen worden ist, welches Wissen wir nur immer auf anderm Wege als durch unmittelbare Anschauung erworben haben, hängt von der Beobachtung der Gesetze ab, deren Untersuchung dem Bereich der Logik angehört. Sind die Schlüsse richtig, und ist das Wissen ein reelles, so sind jene Gesetze bewusst oder unbewusst beobachtet worden.

[10] §. 6. In Beziehung auf die oft angeregte Frage wegen der Nützlichkeit der Logik brauchen wir also keine weitere Lösung zu suchen. Wenn eine Wissenschaft der Logik existirt, oder existiren kann, so muss sie nützlich sein. Wenn es Regeln giebt, nach denen sich jeder Verstand in einem jeden Fall, in welchem er richtig geschlossen hat, wissentlich oder unwissentlich richtet, so scheint es kaum nöthig zu erörtern, ob es wahrscheinlicher ist, dass einer diese Regeln beobachten wird, wenn er sie kennt, als wenn er sie nicht kennt.

Eine Wissenschaft kann ohne Zweifel auf eine gewisse Höhe gebracht werden ohne die Anwendung einer andern Logik, als derjenigen, welche alle Menschen, die einen gesunden Verstand besitzen, im Verlauf ihrer Studien empirisch erlangen. Die Menschen urtheilten über den Beweis, und zwar häufig ganz richtig, ehe die Logik eine Wissenschaft war, auch würden sie dieselbe sonst niemals zu einer Wissenschaft haben machen können; sie führten grosse mechanische Arbeiten aus, ehe sie die Gesetze der Mechanik kannten. Es giebt aber eine Grenze sowohl in Beziehung auf das, was die Mechaniker ohne die Grundsätze der Mechanik, als auf das, was die Denker ohne die Grundsätze der Logik zu leisten vermögen. Wenige ungewöhnlich begabte Individuen mögen die Resultate der Wissenschaft anticipiren, der grösste Theil der Menschen aber muss entweder die Theorie von dem, was er thut, verstehen, oder er muss Regeln haben, welche von denjenigen, welche die Theorie verstanden haben, aufgestellt worden sind. Bei dem Fortschreiten der Wissenschaft von der leichtesten zu der schwierigsten Aufgabe hatte jeder grosse Schritt vorwärts gewöhnlich, als seinen Vorläufer oder als seinen Begleiter und seine nothwendige Bedingung, eine entsprechende Verbesserung in den Begriffen und den Principien der Logik, wie sie von den besten Denkern aufgefasst wurde. Und wenn mehrere der schwierigeren Wissenschaften noch in einem so mangelhaften Zustand sind; wenn in ihnen nicht allein so wenig bewiesen wird, sondern wenn der Streit über das wenige Bewiesene sogar nicht enden zu wollen scheint: so liegt der Grund vielleicht darin, dass die logischen Begriffe der Menschen noch nicht jenen Grad von Ausdehnung und Genauigkeit erlangt haben, welche für die Beurtheilung[11] des jenen besonderen Theilen der Wissenschaft zugehörigen Beweises erforderlich sind.

§. 7. Die Logik ist also die Wissenschaft von den Verstandesoperationen, welche zur Schätzung des Beweises dienen, sowohl des Processes selbst von unbekannten Wahrheiten zu bekannten zu schreiten, als auch von allen anderen geistigen Operationen, welche hierbei Hülfe leisten. Sie schliesst daher die Operation des Benennens ein, denn die Sprache ist sowohl ein Instrument des Gedankens, als auch ein Mittel, die Gedanken mitzutheilen. Sie schliesst ebenso die Definition und Classification ein, denn diese Operation (wenn wir nur unsern eigenen Geist und nicht den von Anderen in Betracht ziehen) dient nicht allein dazu, unsere Beweise und die Schlüsse aus ihnen unvergänglich und dem Gedächtniss zugänglich zu erhalten, sondern auch die Thatsachen, welche wir zu einer beliebigen Zeit untersuchen wollen, so anzuordnen, dass wir im Stande sind, deutlicher wahrzunehmen, welcher Beweis vorhanden ist, und dass wir in unserm Urtheil über dessen Zulänglichkeit dem Irrthum weniger ausgesetzt sind. Es sind daher Operationen, welche speciell zur Schätzung des Beweises dienen, und fallen als solche in das Bereich der Logik. Es giebt noch andere mehr elementare Processe, wie Vorstellung, Gedächtniss und dergleichen, welche bei dem Denken in Betracht kommen; es ist indessen nicht nöthig, dass die Logik von ihnen besondere Kenntniss nehme, indem sie mit der Aufgabe des Beweisens in keiner andern speciellen Verbindung stehen, als dass sie dieselben, wie alle anderen an den Verstand gerichteten Aufgaben, voraussetzt.

Unser Ziel also ist der Versuch einer richtigen Analyse des geistigen, Schliessen und Folgern genannten, Processes, und derjenigen geistigen Operationen, welche denselben erleichtern sollen; so wie auch, auf diese Analyse gestützt und pari passu mit ihr, ein System von Regeln aufzustellen, um die Zulänglichkeit eines gegebenen Beweises, wodurch ein gegebenes Urtheil bewiesen werden soll, zu prüfen. In Beziehung auf den ersten Theil dieses Unternehmens versuche ich nicht, die in Frage stehenden Geistesoperationen in ihre letzten Elemente zu zerlegen. Es ist hinreichend, wenn die Analyse, so weit sie geht, richtig ist, und wenn[12] sie für die praktischen Zwecke einer als eine Kunst betrachteten Logik weit genug geht. Die Trennung eines verwickelten Phänomens in seine Bestandtheile gleicht durchaus nicht einer zusammenhängenden Kette von Beweisen. Wenn ein Glied eines Argumentes bricht, so fällt das Ganze zu Boden; aber ein Schritt vorwärts in einer Analyse bleibt bestehen, und besitzt einen unabhängigen Werth, wenn wir auch niemals einen zweiten Schritt vorwärts thun können. Die Resultate der analytischen Chemie sind nicht weniger werthvoll, wenn man die Entdeckung machen sollte, dass alles, was wir jetzt einfache Substanzen nennen, in der That Verbindungen sind. Auf jeden Fall sind alle anderen Dinge aus diesen Elementen zusammengesetzt; ob die Elemente selbst eine weitere Zerlegung zulassen, ist an und für sich eine wichtige Frage sie berührt aber nicht die Gewissheit der bis zu diesem Punkt gelangten Wissenschaft.

Ich werde demnach versuchen, den Process des Folgerns und die demselben untergeordneten Processe nur so weit zu analysiren, als es erforderlich ist, um den Unterschied zwischen einer richtigen und einer unrichtigen Ausführung dieser Processe zu bestimmen. Der Grund einer solchen Beschränkung meiner Absicht ist klar. Es ist von den Gegnern der Logik bemerkt worden, dass wir unsere Muskeln nicht dadurch stärken, dass wir ihre Anatomie studiren. Die Thatsache ist aber nicht ganz richtig angegeben, denn wenn der Gebrauch einer unserer Muskeln durch örtliche Schwäche oder andere physische Mängel fehlerhaft wird, so mag die Kenntniss ihrer Anatomie für die Heilung wohl nöthig werden. Jene Einwürfe wären in dessen ganz gerecht, wenn wir in einer Abhandlung über die Logik die Analyse des Processes des Schliessens über den Punkt hinaus führen würden, bei welchem eine Ungenauigkeit, welche sich eingeschlichen haben könnte, ersichtlich wird. Wenn wir (um den Vergleich fortzusetzen) körperliche Uebungen erlernen, so müssen wir die Bewegungen des Körpers so weit analysiren, als es nöthig ist, um zwischen auszuführenden und nicht auszuführenden Bewegungen zu unterscheiden. Bis zu einer ähnlichen Ausdehnung, und nicht weiter, muss der Logiker die geistigen Processe analysiren, welche die Logik angehen. Eine jede weitere Analyse nun dem Metaphysiker überlassen werden, welcher bei diesem, wie bei jedem andern Theil unserer geistigen[13] Natur entscheidet, was letzte Thatsachen sind, und was in andere Thatsachen zerlegbar ist. Auch glaube ich, dass man finden wird, dass die Schlüsse, zu denen das vorliegende Werk gelangt, in keiner nothwendigen Verbindung mit irgend besonderen Ansichten bezüglich der letzten Analyse stehen. Die Logik ist ein gemeinsamer Grund, auf welchem sich die Anhänger von Hartley und von Reid, von Locke und von Kant begegnen und die Hände reichen können. Besondere und einzelne Meinungen aller dieser Denker werden ohne Zweifel gelegentlich bestritten werden, indem sie alle sowohl Logiker als auch Metaphysiker waren, aber das Feld, auf welchem sie ihre Hauptschlachten lieferten, liegt ausserhalb der Grenzen unserer Wissenschaft.

Es kann in der That nicht behauptet werden, dass logische Principien für jene abstrusen Untersuchungen gänzlich bedeutungslos sein können, auch ist es möglich, dass die Anschauung, welche wir von der Aufgabe der Logik haben, für die Annahme der einen Ansicht über diese vielbestrittenen Gegenstände günstiger stimmt, als für die andere; denn indem die Metaphysik ihre eigene Aufgabe zu lösen sucht, muss sie Mittel gebrauchen, über deren Gültigkeit die Logik zu entscheiden hat. Ihr Verfahren besteht ohne Zweifel so lange als möglich bloss in einer genauem und aufmerksamem Befragung unseres Bewusstseins, oder besser gesagt, unseres Gedächtnisses, und so weit ist sie der Logik nicht unterworfen; wo aber diese Methode für die Erreichung des Zweckes ihrer Untersuchungen unzureichend ist, muss sie wie andere Wissenschaften zu dem Beweise greifen. Aber von dem Augenblicke an, wo diese Wissenschaft Folgerungen aus dem Beweise zu ziehen beginnt, wird die Logik der oberste Richter darüber, ob ihre Folgerungen wohl begründet sind, oder welche andere Folgerungen es sein würden.

Dies stellt indessen keine nähere und auch keine andere Beziehung zwischen der Logik und der Metaphysik her, als zwischen der Logik und allen anderen Wissenschaften besteht; und ich kann mit gutem Gewissen versichern, dass kein in diesem Werke ausgesprochener Satz in der Absicht angenommen worden ist, um vorgefasste Meinungen in irgend einem Zweige des Wissens oder Untersuchens, worüber die speculative Welt noch unentschieden[14] ist, aufzustellen, oder auch nur wegen der Verwendbarkeit des Satzes zu einem solchen Zwecke.3[15]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 1-17.
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