1. Kapitel. Die kosmologische Periode.

  • [22] Literatur: S. A. BYK, Die vorsokratische Philosophie der Griechen in ihrer organischen Gliederung, 2. Tle., Leipzig 1875-77. – P. TANNERY, Pour l'histoire de la science hellène (Paris 1887). – J. BURNET, Early greek philosophy (2. Aufl. London 1908).

Den nächsten Hintergrund für die Anfänge der griechischen Philosophie[22] haben die kosmogonischen Dichtungen gebildet, welche die Vorgeschichte des gegebenen Weltzustandes in mythischer Einkleidung vortragen wollten und dabei die herrschenden Vorstellungen über die stetigen Wandlungen der Dinge in der Form von Erzählungen der Weltentstehung zur Geltung brachten. Je freier sich dabei die individuellen Ansichten entwickelten, um so mehr trat zu Gunsten der Betonung dieser bleibenden Verhältnisse das zeitliche Moment des Mythos zurück, und es schälte sich schließlich die Frage heraus, was denn nun der allen zeitlichen Wechsel überdauernde Urgrund der Dinge sei und wie er sich in diese einzelnen Dinge verwandle oder sie in sich zurückverwandle.

An der Lösung dieser Frage hat zunächst die milesische Schule der Naturforschung im 6. Jahrhundert gearbeitet, aus der uns als die drei Hauptvertreter Thales, Anaximandros und Anaximenes bekannt sind. Mancherlei offenbar seit lange in der Praxis der seefahrenden Jonier angesammelte Kenntnisse und viele eigene, oft feinsinnige Beobachtungen standen ihnen dabei zu Gebote; auch haben sie sich gewiß an die Erfahrung der orientalischen Völker, insbesondere der Aegypter, gehalten, mit denen sie in so nahen Beziehungen standen64. Mit jugendlichem Eifer wurden diese Kenntnisse zusammengetragen Das Hauptinteresse fiel dabei auf die physikalischen Fragen, insbesondere auf die großen Elementarerscheinungen, für deren Erklärung viele Hypothesen ersonnen wurden, daneben aber hauptsächlich auf geographische und astronomische Probleme, wie die Gestalt der Erde, ihr Verhältnis zum Gestirnhimmel, das Wesen von Sonne. Mond und Planeten und Art wie Ursache ihrer Bewegung. Dagegen finden sich nur schwache Zeichen eines der organischen Welt und dem Menschen zugewendeten Erkenntnistriebes.

Solcher Art waren die Erfahrungsgegenstände der ersten »Philosophie«. Ganz fern stand sie dem ärztlichen Wissen, das sich allerdings nur auf technische Kenntnisse und Kunstfertigkeiten beschränkte und als priesterlich gehütete Geheimlehre in Orden und Schulen, wie denjenigen von Rhodos, Kyrene, Kroton, Kos und Knidos, überliefert wurde. Die antike Medizin, die ausdrück lich eine Kunst, aber keine Wissenschaft sein wollte (Hippokrates), ist erst spät und nur ganz vorübergehend mit der philosophischen Gesamtwissenschaft in Berührung gekommen. (S. unten Kap. 2 und § 17, 6.) Vgl. HÄSER, Lehrbuch der Geschichte der Medizin I, 2. Aufl., Jena 1875.

Ebenso selbständig gehen neben den Anfangen der antiken Philosophie diejenigen der Mathematik einher. Die Sätze, weiche den Milesiern zugeschrieben werden, machen mehr den Eindruck einzeln aufgeraffter Kenntnisse, als eigener Forschungsergebnisse und sind ganz außer Beziehung zu ihren sonstigen Lehren. Auch in den Kreisen der Pythagoreer sind offenbar die mathematischen Studien zunächst für sich selbst betrieben worden um dann freilich um so energischer in die Behandlung der allgemeinen Probleme hineingezogen zu werden. Vgl. G. CANTOR, Geschichte der Mathematik I (Leipz. 1880) M. SIMON, Gesch. d. Mathem. im Altertum (Berl. 1909).


Die Bemühungen der Milesier, den einheitlichen Weltgrund zu bestimmen, führten aber schon bei Anaximander über die Erfahrung hinaus zur Konstruktion eines metaphysischen Erklärungsbegriffs, des »Unendlichen«, und lenkten damit die Wissenschaft von der Untersuchung der Tatsachen auf begriffliche Ueberlegungen ab. Während Xenophanes, der Begründer der eleatischen Schule, die Folgerungen zog, welche sich aus dem philosophischen[23] Begriffe der Welteinheit für das religiöse Bewußtsein ergaben, zersetzte Heraklit im schweren Ringen mit dunklen, religiös gefärbten Anschauungen die Voraussetzung einer bleibenden Substanz und ließ nur ein Gesetz des Wechsels als letzten Inhalt der Erkenntnis bestehen. Um so schärfer aber bildete auf der andern Seite die eleatische Schule in ihrem großen Vertreter Parmenides den Begriff des Seins zu der rücksichtslosen Schroffheit aus, die in der folgenden Generation der Schule durch Zenon verteidigt und nur durch Melissos einigermaßen abgeschwächt wurde.

Sehr bald aber traten nun eine Reihe von Forschern hervor, welche das durch diese Entfaltung der ersten metaphysischen Gegensätze beiseite geschobene Interesse der erklärenden Naturwissenschaft von neuem in den Vordergrund rückten. Sie gingen zu diesem Behufe wieder in umfassenderer Weise auf eine Bereicherung der Kenntnisse aus, wobei sie mehr als vorher Beobachtungen, Fragen und Hypothesen aus dem Bereiche des Organischen und Physiologischen ins Auge faßten, und sie suchten mit ihren erklärenden Theorien zwischen den begrifflichen Gegensätzen von Heraklit und Parmenides zu vermitteln.

Aus diesen Bedürfnissen entstanden gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts nebeneinander und mit mancherlei positiven und polemischen Beziehungen zueinander die Lehren von Empedokles, Anaxagoras und Leukippos, dem Begründer der atomistischen Schule von Abdera. Die Mannigfaltigkeit dieser Theorien und ihre offenkundige Abhängigkeit voneinander beweist bei der räumlichen Entfernung, in der die einzelnen Männer und Schulen sich befanden, bereits eine große Lebhaftigkeit des Austausches und des literarischen Betriebes, dessen Bild sich um so reicher gestaltet, je mehr man bedenkt, daß die sichtende Ueberlieferung offenbar nur die Erinnerung an das Bedeutendste aufbewahrt hat und daß jeder der uns bekannt gebliebenen Namen in Wahrheit einen ganzen Kreis wissenschaftlicher Arbeit bedeutet.

Eine eigentümliche Nebenstellung hatten während der gleichen Zeit die Pythagoreer, welche das durch den Gegensatz von Heraklit und den Eleaten gegebene metaphysische Problem gleichfalls aufnahmen, seine Lösung aber mit Hilfe der Mathematik zu finden hofften und durch die Zahlenlehre, als deren erster literarischer Vertreter Philolaos bekannt ist, der weiteren Bewegung des Denkens eine Reihe der wichtigsten Motive hinzufügten. Auch machte sich die ursprünglich praktisch-religiöse Tendenz des Bundes in ihren Lehren dadurch fühlbar, daß sie den Wertbestimmungen schon einen größeren Einfluß auf das theoretische Denken einräumten. Zwar haben sie so wenig, wie die ganze Philosophie dieser Periode, eine wissenschaftliche Behandlung ethischer Fragen versucht, aber die Kosmologie, welche sie auf ihre mit Hilfe der Mathematik bereits sehr weit entwickelten astronomischen Vorstellungen gründeten, ist doch zugleich von ästhetischen und ethischen Motiven durchdrungen.

Aus der milesischen Schule sind uns nur die drei Namen Thales, Anaximadros, Anaximenes überliefert. Danach scheint diese Schule in der damaligen Hauptstadt Joniens während des ganzen 6. Jahrhunderts geblüht zu haben und mit der Stadt selbst, welche 494 nach der Schlacht von Lade durch die Perser verwüstet wurde, zu Grunde gegangen zu sein.

Thales, aus altem Handelsgeschlechte, soll die Sonnenfinsternis 585 vorausgesagt haben und hat die Invasion der Perser in der Mitte des 6. Jahrhunderts überlebt. Vielleicht hatte er Aegypten gesehen; an mathematischen und physikalischen Kenntnissen[24] fehlte es ihm nicht. Schriften von ihm hat schon Aristoteles nicht gekannt.

Anaximandros scheint wenig jünger gewesen zu sein; von seiner Schrift peri physeôs ist nur ein seltsames Bruchstück erhalten. Vgl. NEUHÄUSER (Bonn 1883). – BÜSGEN, Ueber das apeiron des A. (Wiesbaden 1867).

Die Lebenszeit des Anaximenes ist schwierig zu bestimmen, sie fällt wahrscheinlich etwa 560-500. Auch aus seiner Schrift peri physeôs ist fast nichts erhalten.

Die spärlichen Nachrichten über die Theorien der Milesier verdanken wir außer Aristoteles (im Anfang der Metaphysik) hauptsächlich dem Kommentar des Simplikios. Vgl. H. RITTER, Geschichte der jonischen Philosophie, Berlin 1821. – R. SEYDEL, Der Fortschritt der Metaphysik unter den ältesten jonischen Philosophen, Leipzig 186. – Neuerdings hat W. H. ROSCHER die pseudo-hippokratische Schrift peri hebdomasôn mit überzeugenden Gründen in die Literatur der ältesten milesischen Wissenschaft gewiesen (Hebdomadenlehren. Leipzig 1906, und Abhandl. der philol.-hist. Klasse der Sächs. Ges. d. Wiss. 1911).

An die Spitze der eleatischen Schule pflegt Xenophanes gesetzt zu werden, der jedenfalls an ihrer Begründung beteiligt war. Geboren um 570 in Kolophon, floh er 546 bei der persischen Eroberung Joniens und fand als wandernder Rhapsode seinen Unterhalt und zuletzt in dem von flüchtigen Joniern gegründeten Elea eine bleibende Stätte. Er ist nach 480 gestorben. Die Fragmente seiner teils gnomischen, teils philosophischen Dichtungen hat KARSTEN (Amsterdam 1835) gesammelt. Ueber Ihn FR. KERN (Naumburg 1864, Oldenburg 1867. Danzig 1871, Stettin 1874 und 77). – J. FREUDENTHAL (Breslau 1866).

Parmenides (etwa 515 geb.), ein Eleat aus vornehmer Familie, bedeutende, auch politisch wirksame Persönlichkeit, dem Pythagoreerbunde nicht fernstehend, schrieb um 470. Die Fragmente seines Lehrgedichts haben PEYRON (Leipzig 1810) und H. STEIN (Leipzig 1864) gesammelt. Vgl. H. DIELS, P. Lehrgedicht, griechisch und deutsch (Berlin 1897).

Zenons (etwa 490-430) verlorene Schrift war, vermutlich die erste, in Kapitel eingeteilt und dialektisch geordnet. Auch er stammte aus Elea.

Melissos war der samische Feldherr, der 442 über die Athener siegte. Ueber seinen persönlichen Zusammenhang mit der eleatischen Schule ist nichts bekannt. A. PAUST De M. fragmentis (Bonn 1889).

Die geringen Schriftfragmente der Eleaten werden durch Berichte des Aristoteles, Simplikios u. u. einigermaßen ergänzt. Die sehr vorsichtig, zu benutzende pseudoaristotelische Schrift De Xenophane Zenone Gorgia (Arist. Beri. Ausg. 974 ff.; vgl. darüber neuerdings H. DIELS, Abh. d. Berl. Akad. 1900) berichtet im ersten Kapitel vermutlich über Melissos, im zweiten aus sehr durcheinander gewürfelten Quellen über Zenon, im dritten über Gorgias.

Herakleitos von Ephesos, »der Dunkle«, etwa 536-470, gab die hohe Stellung, welche er seiner Geburt verdankte, aus Widerwillen gegen, die immer mehr zur Herrschaft gelangende Demokratie auf und schrieb in vornehmer Zurückgezogenheit und grollender Muße während des letzten Jahrzehnts seines Lebens eine Schrift, deren Verständnis schon die Alten für schwierig erklärten und von der uns nur Bruchstücke von oft sehr großer Vieldeutigkeit erhalten sind. Gesammelt und gesichtet von P. SCHUSTER (Leipzig 1873) und J. BYWATER (Oxford 1877). Er ist wie es scheint der erste der von der wissenschaftlichen Einsicht aus das öffentliche Leben zu reformieren und die Gefahren der Anarchie zu bekämpfen unternahm: selbst eine herbe, strenge Persönlichkeit, predigte er das Gesetz der Ordnung, das wie in der Natur so auch im Menschenleben herschen solle. – Vgl. FR. SCHLEIERMACHER (Ges. W. III. Abt. Bd. 2, S. 1-146). – F. LASSALLE (2 Bde., Berlin 1858). – J. BERNAYS (Ges. Abhandlungen Bd. I 1885). – H. DIELS (H. griechisch und deutsch, Berlin 1901). – G. SCHÄFER, Die Philosophie H.s und die moderne H.-Forschung (Leipzig und Wien 1902).

Der erste Dorier in der Geschichte der Philosophie ist Empedokles von Agrigent, etwa 490-430, als Staatsmann, Arzt und Wundertäter eine priesterlich und seherhaft angesehene Persönlichkeit, auch wohl nicht ohne Beziehungen zu der sizilischen Rednerschule, aus der die Namen Korax und Tisias bekannt sind; er hat außer seinen Katharmen ein Lehrgedicht hinterlassen, dessen Fragmente von STURZ (Leipzig 1805), KARSTEN (Amsterdam 1838) und STEIN (Bonn 1852) herausgegeben wurden.

Anaxagoras aus Klazomenae (500 bis nach 430) ist gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts in Athen ansässig geworden, wo er mit Perikles befreundet wurde. Im Jahre 434 mußte er, der Asebie angeklagt, die Stadt verlassen und gründete eine Schule in Lampsakos. Seine wissenschaftlichen Beschäftigungen waren wesentlich der Astronomie zugewandt; mit Vernachlässigung irdischer Interessen soll er den Bimmel für sein Vaterland und die Betrachtung der Gestirne für seine Lebensaufgabe erklärt haben. Von seinen Schülern werden Metrodoros und Archelaos genannt. Die Fragmente seiner[25] Schrift peri physeôs haben SCHAUBACH (Leipzig 1827) und SCHORN (Bonn 1829) gesammelt. Vgl. BREIER (Berlin 1840), ZÉVORT (Paris 1843).

Von der Persönlichkeit des Leukippos ist so wenig bekannt, daß schon im Altertum selbst seine Existenz bezweifelt wurde. Die große Ausführung der atomistischen Lehre durch Demokrit (s. cap. III) hatte ihren Urheber völlig verdunkelt. Doch sind die Spuren des Atomismus in der gesamten Gedankenbildung nach Parmenides sicher zu erkennen. Leukippos, in Abdera, wenn nicht geboren, so doch als Haupt der Schule tätig, aus der später Protagoras und Demokrit hervorgingen, muß ein vielleicht sogar etwas älterer Zeitgenosse von Empedokles und Anaxagoras gewesen sein. Ob er etwas geschrieben hat, insbesondere den megas diakosmos und peri nou, die das Altertum dem corpus democriteum einverleibte, bleibt trotz großer Wahrscheinlichkeit unsicher. Vgl. DIELS Verh. der Stett. Philol.-Vers. 1886. – A. BRIEGER, Die Urbewegung der Atome (Halle 1884). – H. LIEPMANN, Die Mechanik der leukipp-demokritischen Atome (Leipzig 1885).

Der pythagoreische Bund ist gegen Ende des 6. Jahrhunderts zuerst in den Städten Großgriechenlands als eine religiös-politische Genossenschaft hervorgetreten. Sein Gründer war Pythagoras aus Samos, der, etwa 580 geboren, nach langen Reisen, die ihn vermutlich auch nach Aegypten führten, die aristokratische Stadt Kroton zum Ausgangspunkte eines Reformationsversuchs machte, dessen Ziel eine Läuterung des sittlichen und religiösen Lebens sein sollte. Von den inneren Verhältnissen des Bundes sind wir erst durch späte Erzählungen (Jamblichus, De vita Pythagorica und Porphyrius, De vita Pythagorae, herausgegeben von KIESLING, Leipzig 1815-1819) unterrichtet, deren Glaubwürdigkeit bedenklich ist: sicher aber scheint zu sein, daß schon der alte Bund seinen Mitgliedern bestimmte Verpflichtungen auch für das Privatleben auferlegte und eine gemeinsame Beschäftigung mit geistigen Dingen, insbesondere mit Musik und Mathematik, einführte. Die äußeren Verhältnisse des Bundes gestalteten sich infolge seiner politischen Stellung (worüber B. KRISCHE, Göttingen 1830) zwar anfangs sehr günstig, indem nach Eroberung des demokratischen Sybaris, 509, Kroton eine Art hegemonischer Bedeutung in Großgriechenland gewann; mit der Zeit aber zogen die Pythagoreer in den leidenschaftlichen Parteikämpfen dieser Städte den kürzeren und erlitten mehrfach heftige Verfolgungen, die den Bund während des 4. Jahrhunderts schließlich zersprengten.

Auf Pythagoras selbst, der etwa 500 starb, sind philosophische Lehren nicht zurückzuführen, so sehr auch spätere Mythenbildung ihn zum Ideal aller hellenischen Weisheit zu machen suchte (E ZELLER in Vortr. u. Abhandl. I, Leipzig 1865). Platon und Aristoteles wissen nur von einer Philosophie der Pythagoreer. Als ihr Hauptvertreter erscheint Philolaos, der etwas jünger als Empedokles und Anaxagoras gewesen zu sein scheint: über seine Lebensumstände ist fast nichts bekannt; auch die Fragmente seiner Schrift (ges. von BOECKH, Berlin 1819, vgl. C. SCHAARSCHMIDT, Bonn 1864) unterliegen vielfachen Zweifeln.

Von sonstigen Anhängern des Bundes sind nur die Namen bekannt. die spätesten Vertreter gerieten in ein so nahes Verhältnis zur platonischen Akademie, daß sie in philosophischer Hinsicht fast ganz darin aufgingen. Unter ihren ist Archytas von Tarent, der bekannte Gelehrte und Staatsmann, zu nennen. Ueber dessen ebenfalls sehr zweifelhafte Fragmente vgl. G. HARTENSTEIN (Leipzig 1833), FR. PETERSEN (Zeitschr. f. Altertumsk. 1836), O. GRUPPE (Berlin 1840), FR. BECKMANN (Berlin 1844).

Die Nachrichten über die Lehre der Pythagoreer sind, zumal in den spätern Berichten, durch so viel fremde Zusätze getrübt, daß vielleicht an keinem Punkte der antiken Philosophie die Feststellung des Tatsächlichen so vielen Schwierigkeiten begegnet wie hier. Selbst wenn man jedoch das Zuverlässigste (Aristoteles und seine bestunterrichteten Erklärer, besonders Simplikios) herausschält, so bleiben, namentlich im einzelnen, viele dunkle Punkte und widerspruchsvolle Angaben übrig (vgl. ROTHENBÜCHER, Das System der Pythagoreer nach den Angaben des Aristoteles, Berlin 1867). Der Grund davon liegt vermutlich darin, daß in der zeitweilig sehr ausgebreiteten Schule verschiedene Richtungen nebeneinander herliefen, und daß in diesen der allgemeine Grundgedanke, dessen Urheberschaft bei Philolaos zu suchen sein dürfte, verschiedene Ausführung fand. Es wäre verdienstvoll, eine solche Sonderung zu versuchen.

H. RITTER, Geschichte der pythagoreischen Philosophie, Hamburg 1826. – E. CHAIGNET, Pythagore et la philosophie pythagoricienne, 2 Bde., Paris 1873.

Gegen Ende dieser Periode und im Verlaufe des ganzen 5. Jahrhunderts sind die verschiedenen metaphysischen und physischen Theorien von den sog. jüngeren Physiologen zu naturwissenschaftlichen Lehren kombiniert worden, die zugleich eine scientifische Grundlage der Medizin sein sollten. Die erste Anregung dazu scheint von einem den Pythagoreern nahe stehenden Arzte, Alkmaion von Kroton, ausgegangen zu sein. Als Typus dieser Verschmelzung gilt die pseudo-hippokratische Schrift [26] peri diaitês Der bedeutendste Naturforscher unter diesen philosophischen Eklektikern war Diogenes von Apollonia. Ueber sein Leben ist so wenig bekannt, daß es sogar zweifelhaft ist, welches Apollonia seine Heimat war. Von seinen Schriften lag schon dem Simplikios (Phys. 32 v. 151, 24 D.) nur die peri physeôs vor. Die Fragmente haben SCHORN (Bonn 1829) und PANZERBIETER (Leipzig 1830) gesammelt.

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 22-27.
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