1. Kapitel. Erste Periode

[224] (bis etwa 1200)


  • Literatur: W. KAULICH, Geschichte der scholastischen Philosophie, I. Teil. Prag 1863.

Die Gedankenrichtung, in der sich die mittelalterliche Philosophie wesentlich bewegt und in der sie dasjenige erzeugt hat, wodurch sie die Wissenschaft[224] des Altertums in prinzipieller Hinsicht fortführte, war ihr durch die Lehre Augustins vorgeschrieben. Dieser hat das Prinzip der Innerlichkeit, welches sich in der gesamten Schlußentwicklung der antiken Wissenschaft vorbereitete, zum erstenmal in den beherrschenden Mittelpunkt des philosophischen Denkens gerückt, und darum gebührt ihm in der Gesamtgeschichte der Philosophie die Stellung des Anfangsgliedes einer neuen Entwicklungsreihe: denn die Zusammenschürzung aller Linien der patristischen wie der hellenistischen Philosophie seiner Zeit, die er abschließend vollzog, war doch nur möglich durch ihre bewußte Vereinigung in einem neuen Gedanken, welcher selbst der Keimpunkt der Philosophie der Zukunft werden sollte. Aber erst einer ferneren Zukunft: an seinen Zeitgenossen und an den nächsten Jahrhunderten ging seine philosophische Originalität wirkungslos vor über. In dem Umkreise der alten Kultur war die schöpferische Kraft des Denkens erloschen, und die neuen Völker mußten erst mit der Zeit in die wissenschaftliche Arbeit hineinwachsen.

In den Kloster- und Hofschulen, welche die Stätten dieser neu beginnenden Geisteskultur bildeten, mußte Schritt für Schritt neben den für die Ausbildung der Kleriker nötigsten Künsten die Erlaubnis zur Lehre der Dialektik erobert werden. Für diesen elementar-logischen Unterricht besaß man jedoch in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters nur die zwei wenigst bedeutenden Schriften des aristotelischen Organon, De categoriis und De interpretatione, in lateinischer Uebersetzung mit der Einleitung des Porphyrios und einer Anzahl von Kommentaren der neuplatonischen Zeit, insbesondere denjenigen des Boëthius. Für die sachlichen Kenntnisse (des Quadrivium) dienten die Kompendien des ausgehenden Altertums, von Marcianus Capella, Cassiodor und Isidor von Sevilla. Von den großen Originalwerken der alten Philosophie war nur der platonische Timaeus in der Uebersetzung des Chalcidius bekannt.

Unter diesen Umständen richtete sich der wissenschaftliche Schulbetrieb in der Hauptsache auf das Erlernen und Einüben des formal-logischen Schematismus, und die Behandlung auch der sachlichen Teile der Erkenntnis, insbesondere des religiösen Dogmas, welches ja als ein wesentlich in sich Abgeschlossenes und inhaltlich Unantastbares galt, ging darauf hinaus, das Gegebene und Ueberlieferte in den Formeln und nach den Regeln der aristotelisch-stoischen Logik durchzuarbeiten und darzustellen: auf formale Ordnung, auf Bildung und Einteilung der Gattungsbegriffe, auf korrekte Schlußfolgen mußte dabei das Hauptgewicht fallen. Wie im Orient durch Johannes Damascenus die antike Schullogik systematisch in den Dienst einer streng gegliederten Entwicklung der Kirchenlehre gestellt wurde, so geschah es auch in den Schulen des Abendlandes.

Indessen hatte dieses in den Verhältnissen der Ueberlieferung begründete Treiben nicht nur den didaktischen Wert einer Denkübung im Aneignen des Stoffes, sondern auch die Folge, daß sich die Anfänge des selbständigen Nachdenkens auf die Frage nach der realen Bedeutung der logischen Beziehungen richten mußten, und so tauchen denn schon früh in der abendländischen Literatur Untersuchungen über das Verhältnis des Begriffs zum Wort einerseits und zur Sache anderseits auf.

Eine Verstärkung erfuhr diese Problembildung durch eine eigentümliche[225] Komplikation. Neben der kirchlichen Lehre bestand, halb noch geduldet und halb verdammt, eine mystische Ueberlieferung des Christentums in neuplatonischer Form. Sie ging auf Schriften zurück, die, im fünften Jahrhundert entstanden, dem ersten Bischof von Athen, Dionysins Areopagita, zugeschrieben wurden, und sie gewann weitere Verbreitung, als diese Schriften im neunten Jahrhundert von Johannes Scotus Eriugena übersetzt und zur Grundlage seiner eigenen Lehre gemacht wurden. In dieser aber bildete einen Hauptpunkt jene Gleichsetzung der verschiedenen Grade der Abstraktion mit den Stufen der metaphysischen Realität, welche schon im älteren Platonismus und Neuplatonismus aufgestellt worden war (vgl. § 20, S).

Infolge dieser Anregungen trat während der nächsten Jahrhunderte die Frage nach der metaphysischen Bedeutung der Gattungsbegriffe in den Mittelpunkt des philosophischen Denkens. Um sie gruppierten sich die übrigen logisch-metaphysischen Probleme, und nach ihrer Beantwortung entschied sich die Parteistellung der einzelnen Denker. Man bezeichnet diese Bewegung als den Universalienstreit. In der grollen Mannigfaltigkeit der Ansichten treten hauptsächlich drei Richtungen hervor: der Realismus, welcher die selbständige Existenz der Gattungen behauptet, ist die Lehre des Anselm von Canterbury, des Wilhelm von Champeaux und der eigentlichen Platoniker, unter denen Bernhard von Chartres hervorragt. Den Nominalismus, der in den Universalien nur gemeinsame Bezeichnungen sehen will, vertritt in dieser Zeit hauptsächlich Roscellinus. Eine vermittelnde Ansicht endlich, welche Konzeptualismus oder Sermonismus genannt worden ist, knüpft sich vornehmlich an Abaelard.

Diese Streitigkeiten kamen hauptsächlich in den Disputationen an den Pariser Hochschulen zum Austrage, welche für diese Zeit und bis in den folgenden Zeitraum hinein den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Europa gebildet haben. Die mit allen Künsten dialektischer Gewandtheit geführten Kämpfe übten auf dies Zeitalter eine ähnlich faszinierende Gewalt aus. wie dereinst die Redekämpfe der Sophisten und der sokratischen Kreise auf die Griechen. Hier wie dort war die Unbefallgenheit des Volksbewußtseins gebrochen, und hier wie dort bemächtigte sich weiter Lebenskreise ein fieberhafter Durst nach Wissen und ein leidenschaftliches Begehren, an solchem bisher ungewohnten Geistesspiele teilzunehmen. Weit über die Kreise der Keriker hinaus, die bis dahin die Träger der wissenschaftlichen Ueberlieferung gewesen waren, kam der so geweckte Trieb nach Erkenntnis zum Durchbruch.

Allein diese Ueberlebendigkeit der dialektischen Entwicklung fand auch sogleich mannigfache Gegnerschaft. In der Tat barg sie in sich selbst eine ernstliche Gefahr. Es fehlte dieser glänzenden Betätigung des abstrakten Denkens an allen Grundlagen realer Kenntnis: mit ihren Distinktionen und Konklusionen führte sie gewissermaßen in der freien Luft ein gauklerisches Spiel, das zwar die formalen Geisteskräfte in förderliche Bewegung setzte, aber trotz aller Wendungen und Windungen nicht zu inhaltlicher Erkenntnis führen konnte. Daher erging von verständigen Männern wie Gerbert die Mahnung von jenem Formalismus abzulassen und sich der sorgsamen Erforschung de Natur und den Aufgaben der praktischen Kultur zuzuwenden.

Während aber ein solcher Ruf noch ziemlich ungehört verhallte, stieß,[226] die Dialektik auf einen eindringlicheren Widerstand bei der Frömmigkeit des Glaubens und bei der kirchlichen Gewalt. Es konnte nicht ausbleiben, daß die logische Verarbeitung der Glaubensmetaphysik und die Konsequenzen der in dem Universalienstreit entwickelten Ansichten mit dem Dogma in Widerspruch gerieten; und je mehr sich dies wiederholte, um so mehr erschien die Dialektik nicht nur dem einfach frommen Sinne überflüssig, sondern auch im kirchlichen Interesse gefährlich. In dieser Meinung ist sie, zum Teil mit äußerster Heftigkeit, von den orthodoxen Mystikern bekämpft worden; der streitbarste unter ihnen war Bernhard von Clairvaux, während die Victoriner sich von den Auswüchsen des dialektischen Uebermutes zum Studium des Augustinzurückwandten und den reichen Schatz der inneren Erfahrung, den dessen Schriften enthalten, zu heben suchten: dabei jedoch leiteten sie die Grundgedanken seiner Psychologie mehr aus dem Metaphysischen in das Empirische hinüber.

Aurelius Augustinus (354-430). zu Thagaste in Numidien geboren und dort, wie in Madaura und Karthago zum Juristen ausgebildet, machte in seiner zum Teil wilden und unstäten Jugend fast alle Standpunkte der damaligen wissenschaftlich-religiösen Bewegung durch. Sein Vater Pabricius gehörte der alten Religion, seine Mutter Monica dem Christentum an er selbst suchte zuerst im Manichäismus für seine brennenden Zweifel religiöse Kühlung, fiel dann in den akademischen Skeptizismus, den er aus Cicero früh eingesogen hatte, ging von diesem allmählich zur neuplatonischen Doktrin über und wurde endlich durch den Mailänder Bischof Ambrosius für das Christentum gewonnen, dessen Philosoph er werden sollte. Eine tief leidenschaftliche Naturanlage paarte sich in ihm nicht nur mit dialektischer Gewandtheit und scharfer Verstandeskraft, sondern auch mit philosophischem Grübelsinn und weitem geistigen Blick, der nur zuletzt durch die kirchliche Parteistellung eingeengt und durch den mächtigen Willen beschränkt wurde. Als Priester und später als Bischof von Hippo Regius (391) ist er praktisch und literarisch unermüdlich für die Einheit der christlichen Kirche und Lehre tätig gewesen; insbesondere hat sich seine Dogmatik in dem donatistischen und dem pelagianischen Streite ausgebildet. – Unter seinen Werken (in der Migneschen Sammlung 16 Bde. Paris 1835 ff.) kommen für seine Philosophie hauptsächlich in Betracht die Autobiographie Confessiones (Vgl. A. HARNACK, 1888; G. MISCH, Gesch. der Autobiogr. I 402 ff.). ferner Contra Academicos, De beata vita, De ordine, Soliloquia, De quantitate animae. De libero arbitrio, De trinitate, De immortalitate animae, De civitate Dei. – Vgl. C. BINDEMANN, Der hlg. A. 3 Bde. (1844-1869). – F. NOURISSON, La philosophie de St. A. (Paris 1865). – FR. BÖHRINGEN, Kirchengeschichte in Biographien, XI. Bd. in 2 Tl. (Stuttgart 1877/78). – A. DORNER, A. (Berlin 1873). – W. DILTHEY, Einleitung in die Geisteswissenschaften I. (Leipzig 1883) S. 322 ff. – J. STORTZ, Die Philos. des hlg. A. (Freiburg 1892). – J. MARTIN, St. A. (Paris 1901).


Die Eisagôgê eis tas katêgorias von Porphyrios (herausg. von BUSSE, Berlin 1887) hat in ihrer Uebersetzung durch Boëthius den äußeren Anlaß zu dem Universalienstreit gegeben. Boëthius (470-525) hat außerdem durch seine Uebersetzungen und Kommentare der beiden aristotelischen und einer Anzahl ciceronianischer Schriften auf das früheste Mittelalter gewirkt. Zu seinen Büchern traten als erste Schulschriften noch andere die unter dem Namen Augustins umliefen. Vgl. PRANTL, Gesch. d. Log. im Abendl. II. und A. JOURDAIN, Recherches critiques sur l'âge et l'origine des traductions latines d'Aristote. Paris 2. Aufl. 1843.

Unter den Realencyklopädien des ausgehenden Altertums behandelt Marcianus Capella (aus Karthago in der Mitte des fünften Jahrhunderts) in seinem Satyricon (hrsg. v. EYSSENHARDT, Leipzig 1866) nach der wunderlichen Einleitung De nuptiis Mercurii et philologiae die sieben Artes liberales, von denen bekanntlich in dem weiteren Schulbetrieb Grammatik, Rhetorik und Dialektik das Trivium. Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik (auch mit Einschluß der Poetik) das Quadrivium bildeten. Einen wertvolleren Kommentar zum Marc. Capella schrieb später Scotus Eringena (hrsg. von B. HAURÉAU, Paris 1861). – Des Cassiodorus Senator (480-570) Institutiones divinarum et saecularium lectionum und De artibus ac disciplinis litterarum liberalium (Werke Paris 1588) und des Isidorus Hispalensis (gest. 636) Originum sive Etymologiarum libri XX (in Mignes Sammlung) stehen bereits völlig auf theologischem Boden. – Für die Verwendung der antiken Schullogik im Dienste der Systematisierung der Kirchenlehre[227] hat Johannes Damascenus (um 700) in seiner Pêgê gnôseôs (Werke Venedig 1748) das klassische Beispiel gegeben.

Während die Stürme der Völkerwanderung über den Kontinent brausten, hatte sich das wissenschaftliche Studium auf die britischen Inseln, insbesondere nach Irland geflüchtet und fand später in der Schule zu York durch Beda Venerabilis eine gewisse Blüte. Von hier wurde die gelehrte Bildung durch Alcuin auf Veranlassung von Karl dem Großen dem Festlande zurückgewonnen, neben den Episcopal- und den Klosterschulen entstand die Palatinalschule, deren Sitz von Karl dem Kahlen in Paris fixiert wurde. Vgl. K. WERNER, Beda der Ehrwürdige und seine Zeit (Wien 1876); DERS., Alcuin und sein Jahrhundert (Wien 1876). Die wichtigsten Klosterschulen waren die von Fulda und Tours. An ersterer wirkte Rabanus (Rhaban) Maurus (aus Mainz 776-856, De universo libri XXII), und studierte Eric (Heiricus) von Auxerre; aus ihr gingen (Ende des neunten Jahrhunderts) Remigius von Auxerre und vermutlich auch der Verfasser des Kommentars Super Porphyrium (abgedr. in Cousins Ouvrages inédits d'Abélard, Paris 1836) hervor. In Tours folgte auf Alcuin als Abt Fredegisus, dessen Brief De nihilo et tenebris (in Mignes Sammlung Bd. 105) erhalten ist. Später hat das Kloster zu St. Gallen (Notker Labeo, gest. 1022) einen Hauptherd der wissenschaftlichen Tradition gebildet.

Vgl. zu den literarischen Verhältnissen auch die Histoire littéraire de la France, sowie G. GRÖBER, Grundriß der romanischen Philologie II, 97-432.


Die dem Areopagiten (vgl. Act. Apost. 17, v. 34) zugeschriebenen Schriften (worunter hauptsächlich peri mystikês theologias und peri tês iherarchias ouraniou; in der Migneschen Sammlung, deutsch von ENGELHARDT, Sulzbach 1823) zeigen dieselbe Vermischung christlicher und neuplatonischer Philosophie, wie sie im Orient (in den Nachwirkungen des Origenes) vielfach und besonders charakteristisch bei dem Bischof Synesios (um 400; Vgl. R. VOLKMANN, S. von Cyrene, Berlin 1869) zu Tage trat. Jene Schriften des Pseudo-Dionysius, die vermutlich dem fünften Jahrhundert entstammen, werden zuerst 532 unter Bestreitung ihrer Echtheit erwähnt; doch wurde die letztere von Maximus Confessor (580-662; De variis difficilioribus locis patrum Dionysii et Gregorii, hrsg. von OEHLER, Halle 1857) verteidigt.

In der Anlehnung an diese Mystik entwickelt sich die erste bedeutende wissenschaftliche Persönlichkeit des Mittelalters in Johannes Scotus Eriugena (Erigena, Jerugena, aus Irland; etwa 810-880), von dessen Leben soviel sicher bekannt ist, daß er von Karl dem Kahlen an die Pariser Hofschule berufen wurde und an ihr eine Zeitlang tätig war Er übersetzte die Schriften des Areopagiten, schrieb gegen GOTTSCHALK die Schrift De praedestinatione und legte seine Ansichten in dem Hauptwerk De divisione naturae (deutsch von NOACK, Leipzig 1870-76) nieder. Die Werke bilden in Mignes Sammlung Bd. 122. Vgl. über ihn TH. CHRISTLIEB (Leipzig 1860), J. HUBER (München 1861).


Anselm von Canterbury (1033-1109) stammte aus Aosta, wirkte lange Zeit in dem normannischen Kloster Bec und wurde 1093 zum Erzbischof von Canterbury berufen. Von seinen Werken (bei Migne Bd. 155) sind in philosophischem Betracht außer der Schrift Cur deus homo? besonders wichtig, das Monologium und das Proslogium. Diese beiden sind mit der Gegenschrift des Mönchs Gaunilo (im Kloster Marmoutier in der Nähe von Tours) Liber pro insipiente und der Replik Anselms von C. HAAS (Tübingen 1863) herausgegeben. Vgl. CH. RÉMUSAT, A. de C., tableau de la vie monastique et de la lutte du pouvoir spirituel avec le pouvoir temporel au 11me siècle (2. Aufl. Paris 1868). DOMET DE VORGES, H. A. (Paris 1901).

Wilhelm von Champeaux (1121 als Bischof von Châlons s/M. gestorben) war ein vielgehörter Lehrer an der Kathedralschule zu Paris und begründete die Studien in dem Augustinerkloster zu St. Viktor daselbst. Ueber seine philosophischen Ansichten sind wir hauptsächlich durch seinen Gegner Abaelard unterrichtet; seine logische Schrift ist verloren. Vgl. E. MICHAUD, G. de Ch. et les écoles de Paris au 12me siècle (Paris 1868).

Der Platonismus des früheren Mittelalters lehnte sich wesentlich an den Timaeus und gab, zumal unter dem Einflusse der neuplatonischen Umdeutung, der Ideenlehre eine dem ursprünglichen Sinne nicht völlig entsprechende Form. Die bedeutendste Erscheinung in dieser Richtung ist Bernhard von Chartres (in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts): sein Werk »De mundi unversitate sive megacosmus et microcosmus« ist von B. S. BANACH (Innsbruck 1876) herausgegeben: neuerdings ist jedoch seine Autorschaft bezweifelt und das Werk einem Bernhard Silvestris (auch Bernhard von Tours) zugeschrieben worden. Daneben ist Bernhards Bruder Thierry von Chartres, der Verfasser des Heptateuchon, zu nennen weitere Anhänger dieser Richtung sind Wilhelm von Conches (Magna de naturis philosophia: Dragmaticon philosophiae); vgl. K. WERNER, Die Kosmologie und Naturlehre des scholastischen[228] Mittelalters (Wie 1873) und Walter von Mortage; in demselben Geiste schrieb auch Adélard von Bath (De eodem et diverso; Quaestiones naturales). Vgl. A. CLERVAL, Les écoles de Chartres au moyen-âge (Chartres 1895). C. HUIT Le platonisme au moyen-âge (Annales de Philos. chrétienne, N. S. T. 20 ff.).

Roscellinus aus Armorica (Bretagne) ist als Lehrer an verschiedenen Orten. besonders in Locmenach, wo Abaelard sein Zuhörer war, hervorgetreten und hat seine Ansichten auf dem Konzil zu Soissons (1092) widerrufen müssen. Von ihm selbst ist nur ein Brief an Abaelard (gedruckt in den Abhandl. der bayr. Akad. 1851) erhalten; die Quellen für seine Lehren sind Anselm, Abaelard und Johannes von Salisbury. Ueber ihn PICAVET (Paris 1896), F. BUONAUTI (Riv. stor. crit. d. sc. teol. 1908).

Abaelard (Abailard), die eindruckvollste und einflußreichste Erscheinung unter den Denkern dieser Zeit, war 1079 zu Pallet (Grafsch. Nantes) geboren, ein Schüler von Wilhelm von Champeaux und Roscellin. Seine eigene Lehrtätigkeit entfaltete sich in Melun und Corbeil, am erfolgreichsten aber in Paris an der Kathedralschule und an der logischen Schule St. Geneviève. Die dialektische Virtuosität, der er seinen Erfolg und seinen Ruhm verdankte, tauschte ihn selbst und seine Zeit über den geringen sachlichen Gehalt seines Wissens hinweg: anderseits konnten die freieren und kühneren Ueberzeugungen die er durch die Scharfe seines Verstandes auf ethischem und religiösem Gebiete gewonnen hatte, den Gegendruck seines Zeitalters nicht überwinden, weil sie an seiner eitlen, marklosen Persönlichkeit nicht den genügenden Rückhalt fanden. Das nicht unverschuldete Unglück, worin ihr sein bekanntes Verhältnis zu Heloise stürzte. und die Konflikte, in weiche ihn seine Lehre mit der kirchlichen Macht, hauptsächlich, auf Anstiften des unermüdlichen Verfolgers Bernhard von Clairvaux, brachten (Synoden zu Soissons 1121 und Sens 1141), ließen den unruhigen Mann nicht zur vollen Abklärung seines Geistes gelangen und veranlaßten ihn, in verschiedenen Klöstern Ruhestätten zu suchen: er starb 1142 in S. Marcel bei Châlons s/S. Vgl. seine »Historia calamitatum mearum« und seinen Briefwechsel mit Heloise (M. CARRIÈRE, A. u. H. 2. Aufl. Gießen 1853). Seine Werke hat V. COUSIN in zwei Bänden (Paris 1849-59), dazu Ouvrages inedits (Paris 1836) herausgegeben. Darunter sind hervorzuheben seine Dialektik, Indroductio in Theologiam. Theologia Christiana, Dialogus inter philosophum. Christianum et Judaeum, die Schrift Sie et non und die ethische Abhandlung Scito te ipsum. Vgl. CH. d. RÉMUSAT, A. (2 Bde., Paris 1845). S. M. DEUTSCH, P. A., ein kritischer Theolog des 12. Jahrhunderts (Leipzig 1883). A. HAUSRATH, Peter Abälard (Leipzig 1893).

Dem Abaelard nahe stehen eine Anzahl (von V. COUSIN veröffentlichter) anonymer Abhandlungen, so ein Kommentar zu De interpretatione, ferner die Abhandlungen »De intellectibus« und »De generibus et speciebus« (die letztere stammt möglicherweise von Joscellinus, einem 1151 gestorbenen Bischof von Soissons): verwandt ist auch die philosophisch-theologische Stellung von Gilbert de la Porrée (Gilbertus Porretanus gestorben 1154 als Bischof von Poitiers), der in Chartres und Paris lehrte und von Bernhard von Clairvaux in die Verfolgung Abaelards hineingezogen wurde. Außer einem Kommentar zu Pseudo-Boëthius »De trinitate« und »De duatus naturis in Christo« schrieb er später den vielkommentierten Abriß »De sex principiis«. Vgl. über ihn A. BERTHAUD (Paris 1892).

Die im kirchlichen Sinne bedenklichen Konsequenzen der »Dialektik« zeigen sich schon früh besonders bei Berengar von Tour (999-1088) dessen Abendmahlslehre von Lancfranc (1005-1089, in Bec und Canterbury Vorgänger Anselms) bekämpft wurde. Dieser ist vermutlich der Verfasser des früher dem Anselm zugeschriebenen (und unter dessen Werken gedruckten) »Elucidarium sive dialogus summam totius theologiae complectens«. In diesem Kompendium tritt zuerst das Bestreben hervor, unter Ablehnung der dialektischen Neuerungen den ganzen Umfang des kirchlich Festgestellten in der Form eines logisch geordneten Lehrbuches wiederzugeben. Hieraus sind später die Arbeiten der Summisten hervorgegangen, unter denen der bedeutendste Petrus Lombardus (gestorben 1164 als Bischof von Paris) ist. Seine »Libri IV sententiarum« bilden bei Migne Bd. 192. Unter den früheren wäre etwa Robert Pulleyn (Robert Pullus, gestorben 1150), unter den späteren Peter von Poitiers (gestorben 1250) und ganz besonders Alain de Lille (Alanus ab Insulis, gestorben 1203) zu erwähnen. Des letzteren theologische Werke, hauptsächlich De arte et articulis fidei catholicae, und sein Gedicht Anticlaudianus dürfen als die umfassendste Darstellung des Bildungsstandes seiner Zeit gelten (vgl. über ihn BAUMGARTEN, Münster 1896). Es zeigen sich hier schon formell und sachlich die Anfänge des Einflusses, den die Uebersetzung aristotelischer und arabisch-jüdischer Schriften ausübte: hierin war bereits in der Mitte des 12. Jahrh. Dominicus Gundasalvi (als Christ Johannes Hispanus) tätig, von dem vielleicht auch die Schrift De unitate et uno herrührt; vgl. P. CORRENS in Bäumkers Beiträgen I.

[229] Gerbert (als Papst Sylvester II. 1003 gestorben) hat das Verdienst, auf die Notwendigkeit mathematischen und naturwissenschaftlichen Studiums energisch hingewiesen zu haben. Er hatte in Spanien und Italien Kunde von der Arbeit der Araber erhalten und erwarb sich eine von seinen Zeitgenossen angestaunte und beargwöhnte Fülle von Kenntnissen. Vgl. K. WERNER, G. von Aurillac, die Kirche und Wissenschaft seiner Zeit (2. Aufl. Wien 1881) und F. PICAVET (Paris 1897). – Gleich ihm hat sein Schüler Fulbert (gest. 1029 als Bischof von Chartres) von der Dialektik zur einfachen Frömmigkeit zurückgerufen, und in demselben Sinne wirkte Hildebert von Lavardin (1057-1183, Bischof von Tours).


Im großen Stil geschah dasselbe durch die orthodoxe Mystik des zwölften Jahrhunderts. Als ihr eifrigster Vertreter begegnet uns Bernhard von Clairvaux (1091-1153). Unter seinen Schriften ragen De contemtu mundi und De gradibus humilitatis hervor (Ausgabe von MABILLON, zuletzt Paris 1839 f.). Vgl. NEANDER, Der heilige B. und seine Zeit (3. Aufl. 1865); MORISON, Life and times of St. B. (London 1868). – STORRS, B. v. C. (London 1894).

Von wissenschaftlicher Fruchtbarkeit ist die Mystik bei den Victorinern, den Leitern der Klosterschule St. Victor in Paris. Der bedeutendste ist Hugo von St. Victor (als Graf von Blankenburg im Harz 1096 geboren, 1141 gestorben). Unter den Werken (bei Migne Bd. 175-177) ist das wichtigste De scaramentis fidei christianae; für die mystische Psychologie kommen hauptsächlich das Soliloquium de arrha animae, De arca Noe und De vanitate mundi, außerdem aber das encyklopädische Werk Eruditio didascalica in Betracht. Vgl. A. LIEBNER, H. v. St. V. und die theologischen Richtungen seiner Zeit (Leipzig 1836). – A. MIGNON H. d. St. V. (Paris 1895).

Sein Schüler Richard von St. Victor (ein Schotte, 1173 gestorben) schrieb De statu und De eruditione hominis interioris, De praeparatione animi ad contemplationem, De gratia contemplationis. Die Werke bilden bei Migne Bd. 194. Vgl. W. A. KAULICH, Die Lehren des H. und R. von St. V. (in den Abhandlungen der Böhm. Ges. d. Wiss. 1863 f.). – Dessen Nachfolger Walter von St. Victor hat sich in einer wenig wissenschaftlichen Polemik gegen die ketzerische Dialektik (In quatuor labyrinthos Franciae) hervorgetan.


Am Schlusse dieses Zeitraumes treten die Anfänge einer humanistischen Reaktion gegen die Einseitigkeit des Schulbetriebes in Johannes von Salisbury (Johannes Saresberiensis, gestorben 1180 als Bischof von Chartres) hervor, dessen Schriften Policraticus und Metalogicus (Migne Bd. 199) eine wertvolle Quelle für das wissenschaftliche Leben der Zeit bilden. Vgl. C. SCHAARSCHMIDT,.J. S. nach Leben und Studien, Schriften und Philosophie (Leipzig 1862).

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 224-230.
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