VII. Teil.

Die Philosophie des neunzehnten Jahrunderts.

  • [523] Literatur: M. J. MONARD. Denkrichtungen der neueren Zeit. Bonn 1879.
    A. FRANCK, Philosophes modernes étrangers et français. Paris 1873.
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    TH. RIBOT, La psycholovie anglaise contemporaine. Paris 1870.
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    J. TH. MERZ, History of Eur. thought in the 19. cent. 2 Bde. Edinb. 1904.
    Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrh., Festschrift für Kuno Fischer, herausgeg. von W. WINDELBAND, 2. Aufl. Heidelberg 1908.

Die Geschichte der philosophischen Prinzipien ist mit der Entwicklung der deutschen Systeme an der Grenzscheide zwischen den beiden vorigen Jahrhunderten abgeschlossen. Eine Uebersicht über die darauf und daraus folgende Entwicklung, in der wir noch heute stehen, ist weit mehr literarhistorischen, als eigentlich philosophischen Interesses. Denn wesentlich und wertvoll Neues ist seitdem nicht zu Tage getreten. Das 19. Jahrhundert war weit davon entfernt, ein philosophisches zu sein: es ist in dieser Hinsicht etwa mit dem 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. oder mit dem 14. und 15. Jahrhundert n. Chr. zu vergleichen. Wollte man in Hegels Sprache reden, so müßte man sagen, daß der Weltgeist dieser Zeit, in der Wirklichkeit so sehr beschäftigt und nach außen gerissen, abgehalten ist, sich nach innen und auf sich selbst zu kehren und in seiner eigentümlichen Heimat sich selbst zu genießen.1058 Ausgebreitet[523] freilich genug und ebenso bunt in allen Farben schillernd ist die philosophische Literatur des 19. Jahrhunderts: reich gewuchert auf allen Feldern der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens, der Dichtung und der Kunst hat der Same der Ideen, der uns aus den Tagen der Blüte des geistigen Lebens herüberwehte; in einer fast unübersehbaren Fülle wechselnder Verbindungen haben sich die Gedankenkeime der Geschichte zu vielen Bildungen von persönlich eindrucksvoller Besonderheit zusammengefunden; aber selbst Männer wie Hamilton und Comte, wie Rosmini und Lotze haben ihre Bedeutung doch schließlich nur in der geistvollen Energie und der feinfühligen Umsicht, womit sie typische Gedankenformen der Geschichte zu neuer Lebendigkeit gestaltet haben, und auch der allgemeine Gang, den das Probleminteresse und die Begriffsbildung des letzten Jahrhunderts genommen haben1059, bewegt sich in den Bahnen historisch überkommener und höchstens in ihrem empirischen Ausdruck neu geformter Gegensätze.

Denn das entscheidende Moment in der philosophischen Bewegung des 19. Jahrhunderts war zweifellos die Frage nach dem Maß von Bedeutung, welches die naturwissenschaftliche Auffassung der Erscheinungen für die gesamte Welt- und Lebensansicht in Anspruch zu nehmen hat. Der Einfluß, den diese Spezialwissenschaft auf die Philosophie und das allgemeine Geistesleben gewonnen hat, ist im 19. Jahrhundert anfänglich gehemmt und zurückgedrängt worden, nachher aber zu einer um so größeren Macht angewachsen. Die Metaphysik des 17. und deshalb auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts standen im großen und ganzen unter der Herrschaft des naturwissenschaftlichen Denkens: die Auffassung der allgemeinen Gesetzmäßigkeit alles Wirklichen, die Aufsuchung einfachster Elemente und Formen des Geschehens, die Einsicht in die beständige Notwendigkeit, die allem Wechsel zu Grunde liegt, bestimmte die theoretische Forschung und damit auch die beurteilende Ansicht über alles Einzelne, dessen Wert an dem »Natürlichen« gemessen wurde. Der Ausbreitung dieser mechanischen Weltbetrachtung trat die deutsche Philosophie mit dem Grundgedanken entgegen, daß alles so Erkannte nur die Erscheinungsform und das Vehikel einer sich zweckvoll entwickelnden Innenwelt sei, und daß das wahre Begreifen des Einzelnen die Bedeutung zu bestimmen habe, die ihm in einem zweckvollen Lebenszusammenhang zukommt. Die historische Weltanschauung war das Resultat der Gedankenarbeit, worin das »System der Vernunft« entworfen werden sollte.

Diese beiden Mächte ringen im geistigen Leben unserer Zeit miteinander, und in ihrem Kampfe sind alle Argumente aus den früheren Perioden der Geschichte der Philosophie in den mannigfachsten Zusammenstellungen aufgeboten, aber keine wesentlich neuen Prinzipien ins Feld geführt worden. Und wenn sich dabei zeitweilig der Sieg auf die Seite des Demokritismus neigen zu wollen schien, so waren es hauptsächlich zwei Motive, die ihm im neunzehnten Jahrhundert günstig gewesen sind. Das erste ist wesentlich intellektueller Natur[524] und dasselbe, welches auch in den geistiger lebenden Zeiten der früheren Jahrhunderte wirksam war: es ist die anschauliche Einfachheit und Klarheit, die Sicherheit und Bestimmtheit naturwissenschaftlicher Einsichten, welche, mathematisch formulierbar und jederzeit in der Erfahrung aufweisbar, alle Zweifel und Meinungen und alle Mühe des deutenden Denkens auszuschließen verspricht. Weit wirksamer aber ist in unseren Tagen die handgreifliche Utilität der Naturwissenschaft gewesen. Die mächtige Umgestaltung der äußeren Lebensverhältnisse, die sich in rapidem Fortschritt vor unseren Augen vollzieht, unterwirft den Intellekt des Durchschnittsmenschen widerstandslos der Herrschaft der Denkformen, denen er so große Dinge verdankt, und deshalb leben wir in dieser Hinsicht unter dem Zeichen des Baconismus (vgl. oben § 30, 2).

Anderseits hat das gesteigerte Kulturbewußtsein unserer Zeit alle die Fragen wach und lebendig erhalten, die sich auf den Wert des gesellschaftlichen und des geschichtlichen Lebens für das Individuum beziehen. Je mehr die politische und die soziale Entwicklung der europäischen Menschheit in das Stadium der Massenwirkungen eingetreten ist, je ausgesprochener sich die bestimmende Gewalt der Gesamtheit über den einzelnen auch geistig geltend macht, um so mehr ringt auch in den philosophischen Ueberlegungen das Individuum gegen die Uebermacht der Gesellschaft: der Kampf zwischen der historischen und der naturwissenschaftlichen Weltanschauung und Lebensauffassung ist am heftigsten an der Stelle entbrannt, wo es sich schließlich entscheiden soll, in welchem Maße das Einzelwesen den Wertinhalt seines Lebens sich selbst oder den übergreifenden Zusammenhängendes Ganzen verdankt. Universalismus und Individualismus sind, wie in der Renaissance, wiederum heftig aufeinander gestoßen. –

Sollen nun aus der philosophischen Literatur des 19. Jahrhunderts in kurzer Zusammenfassung diejenigen Bewegungen herausgehoben werden, in welchen jener charakteristische Gegensatz seine bedeutendste Erscheinung gefunden hat, so handelt es sich in erster Linie um die Frage, in welchem Sinne und in welchen Grenzen das Seelenleben der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise unterworfen werden kann: denn an diesem Punkte zuerst muß über das Anrecht dieser Denkformen auf philosophische Alleinherrschaft entschieden werden. Deshalb ist über Aufgabe, Methode und systematische Bedeutung der Psychologie nie mehr gestritten worden als im 19. Jahrhundert, und als der einzig mögliche Ausweg ist schließlich die Beschränkung dieser Wissenschaft auf eine rein empirische Behandlung erschienen: so hat sie, als die letzte unter den besonderen Disziplinen, ihre Ablösung von der Philosophie wenigstens prinzipiell vollzogen.

Dieser Vorgang aber hatte allgemeinere Voraussetzungen: im Rückschlag gegen den hoch gespannten Idealismus der deutschen Philosophie fließt durch das 19. Jahrhundert ein breiter Strom materialistischer Weltanschauung, welche sich um die Mitte des Zeitraums, zwar ohne neue Gründe oder Erkenntnisse, aber mit desto leidenschaftlicherer Emphase aussprach: seitdem freilich ist sie, gerade von der ernsteren Naturforschung verlassen, in ihren Ansprüchen auf wissenschaftliche Geltung sehr viel bescheidener geworden und[525] hat sich damit geholfen, daß sie um so wirksamer im Gewande skeptischer und positivistischer Vorsicht umgeht.

Zu den bedeutsamsten Auszweigungen dieser Denkrichtung gehört zweifellos das Bestreben, auch das gesellschaftliche Leben des Menschen, die geschichtliche Entwicklung und die allgemeinen Verhältnisse des geistigen Daseins unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Mit dem wenig glücklichen Namen der Soziologie eingeführt, hat sich diese Richtung zu einer eigenen Art von Geschichtsphilosophie auszubilden gesucht, welche die in den Ausgängen der Aufklärungsphilosophie angelegten Gedanken (vgl. oben § 37, 6) auf breiteren tatsächlichen Grundlagen ausführen zu können meint.

Auf der andern Seite hat aber auch die historische Weltanschauung ihre kräftige Wirkung auf die Naturforschung nicht verfehlt. Die von der Naturphilosophie postulierte Idee einer Geschichte der organischen Welt fand in der empirischen Forschung eine höchst eindrucksvolle Verwirklichung. Die methodischen Prinzipien, die dazu geführt hatten, dehnten sich wie von selbst auch auf andere Gebiete aus, und in den entwicklungsgeschichtlichen Theorien schienen sich historische und naturwissenschaftliche Weltansicht so weit einander nähern zu wollen, als es ohne eine neue übergreifende philosophische Idee möglich ist.

Nach der Seite des Individuums endlich haben die Anregungen, welche in dem Kulturproblem des 18. Jahrhunderts steckten, dazu geführt, zeitweilig die Frage nach dem Werte des Lebens in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses zu rücken. Eine pessimistische Stimmung mußte überwunden werden, damit sich aus diesen Diskussionen die tiefere und reinere Frage nach dem Wesen und Inhalt der Werte überhaupt herauslösen und so die Philosophie, wenn auch auf sehr wunderlichen Umwegen, zu dem kantischen Grundproblem der allgemeingültigen Werte zurückkehren konnte.

Die Erneuerung des Kantianismus hat aber das Geschick erfahren, daß sie zunächst durch die Interessen des naturwissenschaftlichen Denkens auf die Erkenntnistheorie eingeengt wurde: und deren ausgesprochen empiristische Zuspitzung führte auf der einen Seite zu positivistischen Umbildungen, auf der andern Seite zur Auflösung der philosophischen Probleme in psychologische. So breitete sich, wie in der Zeit vor Kant, einige Jahrzehnte lang namentlich auf den deutschen Universitäten eine verderbliche Vorherrschaft des Psychologismus aus. Erst die aufgeregten Zustände des Lebens, die eine neue Weltanschauung erheischten, haben ein vertieftes Verständnis der kantischen Lehre in ihrer Gesamtheit mit sich gebracht und damit die Bewegungen der gegenwärtigen Philosophie eingeleitet, die darauf hinauslaufen, auch die übrigen Lehren des deutschen Idealismus für die philosophische Durchdringung der Kulturprobleme zurückzugewinnen.

Aus der philosophischen Literatur des 19. Jahrhunderts dürften etwa folgende Hauptpunkte herauszuheben sein:

In Frankreich teilte sich zunächst die herrschende Ideologie (vgl. oben § 33, 6 f) in einen mehr physiologischen und einen mehr psychologischen Zweig. In der Richtung von Cabanis wirkten hauptsächlich die Pariser Aerzte, wie Ph. Pinel (1737-1826; Nosographie philosophique, 1798), F. J. V. Broussais (1772-1888, Traité de physiologie, 1822 f.; Traité de l'irritation et de la folie, 1828) und der Begründer der Phrenologie, Pr. Jos. Gall (1758-1828; Recherches sur le systeme nerveux en géneral[526] et sur celui du cerveau en particulier, 1809, mit Spurzheim zusammen redigiert). – Den Gegensatz bildete physiologisch die Schule von Montpellier: Barthez (1734 bis 1806; Nouveaux élemens de la science de l'homme 2. Aufl., 1806). Ihr traten bei M. F. X. Bichat (1771-1802, Recherches physiologiques sur la vie et la mort, 1800), Bertrand (1795-1831, Traité du somnambulisme, 1823) und Buisson (1766-1805; De la division la plus naturelle des phénomènes physiologiques, 1802). Dem entsprach die Ausbildung der Ideologie bei Daube (Essai d'idéologie, 1803) und besonders bei Pierre Laromiguière (1756-1847; Leçons de philosophie, 1815-1818) und seinen Schülern Fr. Thurot (1768-1832; De l'entendement et de la raison, 1830) und J. J. Cardaillac (1766-1845; Etudes elementaires de philosophie, 1830). – Vgl. PlCAVET, Les idéologues. Paris 1891.

Eine Richtung von umfangreicher historischer Bildung und tieferer Psychologie beginnt mit M. J. Degérando (1772-1842, De la generation des connaissances humaines, Berlin 1802, Histoire comparée des systèmes de philosophie, 1804) und hat ihr Haupt in F. P. Gonthier Maine de Biran (1766-1824; De la décomposition de la pensée, 1805, Les rapports du physique et du moral de l'homme, gedr. 1834; Essais sur les fondemens de la psychologie 1812; Oeuvres philosophiques éditées par V. Cousin, 1841; Oeuvres inédites éditées par E. Naville, 1859; Nouvelles oeuvres inedites ed. par A. Bertrand, 1887. Vgl. über ihn A. LANG, Köln 1901; A. KÜHTMANN, Bremen 1901). In diese (auch von A. M. Ampère vertretene) Lehre münden die Einflüsse der schottischen und der deutschen Philosophie durch P. Prévost (1751-1839), Ancillon (1766-1837), Royer-Collard(1763-1845), Jouffroy (1796-1842) und vor allen Victor Cousin (1792-1867; Introduction a l'histoire générale de la philosophie, 7. Aufl., 1872; Du vrai, du beau et du bien 1845, Oeuvr. compl. Paris 1846 ff.; vgl E. FUCHS, Die Philos. V. C. s, Berlin 1847, J. E. ALAUX, La philosophie de Mr. Cousin, Paris 1864, P. JANET, V. C. et son oeuvre, Paris 1885, BARTHÉLEMY-ST. HILAIRE, V. C., 3 Bde., Paris 1885). Die zahlreiche und namentlich durch ihre historischen Arbeiten ausgezeichnete Schule, welche Cousin gründete pflegt die spiritualistische oder eklektische genannt zu werden. Sie war die offizielle Philosophie seit der Juli-Revolution und ist es zum Teil noch heute. Zu ihren auf geschichtlichem Gebiete gründlich und geschmackvoll mit Erfolg tätigen Anhängern gehören Männer wie Ph. Damiron, Jul. Simon, E. Vacherot, Ch. Secrétan, H. Martin, A. Chaignet, Ad. Franck, B. Hauréau, Ch. Bartholmèss, E. Saisset, P. Janet, E. Caro etc. Zu einer gewissen theoretischen Eigenart hat sich daraus F. RAVAISSON erhoben (Morale et metaphysique, in der Revue de mét. et de mor. 1893).

Ihre Hauptgegner waren die Philosophen der kirchlichen Partei, deren Theorie als Traditionalismus bezeichnet zu werden pflegt. Neben Chateaubriand (Le génie du Christianisme, 1802; vgl. CH. LADY BLENNERHASSET, Ch., Mainz 1903), Jos. de Maistre (1753-1821, Essai sur le principe générateur des constitutions politiques, 1810; Soirees de St. Pétersbourg 1821; Du Pape, 1829, vgl. über ihn FR. PAULHAN, Paris 1893) und J. Frayssinous (1775-1841, Défense du Christianisme, 1823) steht hier im Vordergrunde V. G. A. de Bonald (1753-1841, Théorie du pouvoir politique et religieux, 1796; Essai analytique sur les lois naturelles de l'ordre social, 1800, Du divorce, 1801, De la philosophie morale et politique du 18 siècle; Oeuvres compl., 15 Bde. Paris 1816 ff.). In wunderlich phantastischer Weise ist der Traditionalismus von P. S. Ballanche vorgetragen worden (1776-1847; Essai sur les institutions sociales, 1817, La palingénésie sociale; Oeuvres completes. 5 Bde., Paris 1883), Anfangs vertrat diese Richtung auch H. F. R. de Lamennais (1782-1854) in seinem Essai sur l' indifférence en matière de religion (1817); später mit der Kirche zerfallen (Parole d'un croyant, 1834), stellte er (»Esquisse d'une philosophie« 4 Bde., 1841-1846) ein umfassendes System der Philosophie auf, welches zum Teil das Schellingsche Identitätssystem, zum Teil den italienischen Ontologismus zum Vorbild hatte.

Unter den philosophischen Vertretern des Sozialismus (vgl. L. STEIN, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich, Leipig 1849 ff.; FR. MUCKLE, Geschichte der sozialistischen Ideen im 19. Jahrh., 2 Bde. Lpzg. 1909) ist der bedeutendste Cl. H. de St. Simon (1760-1825; Introduction aux travaux scientifiques du 19 siecle, 1807, Reorganisation de la société européenne, 1814; Système industriel, 1821 f., Nouveau christianisme, 1825; Oeuvres choisies, 3 Bde., 1859; über ihn und seine Schule G. WEILL Par. 1894 u. 96, FR. MUCKLE, Jena 1908). Von den Nachfolgern seien genannt: Bazard, (Doctrine de St. Simon, 1829); B. Enfantin (1796-1864; La religion St. Simonienne 1831), Pierre Leroux (1798-1871; Refutation de l'eclecticisme, 1839; De l'humanité 1840); J. Reynaud (1806 bis 1863; Ciel et terre, 1854) und Ph. Buchez (1796-1866, Essai d'un traité complet de philosophie au point de vue du catholicisme et du progres, 1840).

Die interessanteste Sonderstellung nimmt Aug. Comte ein, 1798 zu Montpellier geboren, 1857 vereinsamt in Paris gestorben: Cours de philosophie positive (6 Bde., Paris[527] 1840-1842); Système de politique positive (Paris 1851-1854), in dessen Anhang auch die charakteristischen Jugendschriften, namentlich Plan des travaux scientifiques necessaires pour réorganiser la société (1824) abgedruckt sind; Catéchisme positiviste (1853), vgl. LITTRÉ, C. et la philosophie positive, Paris 1888; J. ST. MILL, C. and positivism, London 1865, J. RIG, A. C., la philosophie positive résumée, Paris 1881, E. CAIRD, The social philosophy and religion of C., Glasgow 1885; TSCHITSCHERIN, Philosophische Forschungen, aus dem Russischen (Heidelberg 1899); LÉVY-BRÜHL, La philosophie d 'A. C. (Paris 1900, deutsch von MOLENAAR, Leipzig 1902); G. MISCH, Die Entstehung des französischen Positivismus (Arch. f. Gesch. d. Philos. XIV, 1901). G. CANTECOR, Le positivisme (Paris 1904).

In der Folgezeit ist Comtes Stellung einflußreicher und zum Teil beherrschend geworden: an seinem Positivismus, den E. Littré(1801-1881; La science au point de vue philosophique, Paris 1873), systematisch vertrat, lehnten sich in freierer Anpassung bedeutende Schriftsteller wie H. Taine (1828-1892; Philosophie de l' art, 1865; De l' intelligence, 1870, vgl. über ihn G. BARZELLOTTI, Rom 1895) und Ern. Renan (1823-1892; Questions contemporaines, 1868; L' avenir de la science, 1890); ebenso steht unter Comtes Einfluß die Entwicklung der empirischen sog.»experimentalen« – Psychologie, als deren Führer der Herausgeber der Revue philosophique, Th. Ribot, zu betrachten ist (vgl. außer seinen historischen Arbeiten über englische und deutsche Psychologie die Untersuchungen über Vererbung, über die Abnormitäten des Gedächtnisses, des Willens, der Persönlichkeit etc.) und zum Teil auch die Soziologie, wie sie R. Worms, G. Tarde, E. Dürkheim u. a. auszubilden bemüht sind (vgl. Année sociologique seit 1894). Auch die entwicklungsgeschichtlichen Theorien die hauptsächlich J. M. Guyau ausgeführt hat (1854-1888; Esquisse d'une morale, 1885; L' irreligion de l'avenir, 1887, L' art au point de vue sociologique, 1889, über ihn A. FOUILLÉE, Par. 1889) gehören in diesen Zusammenhang.

Die weitaus bedeutendste Erscheinung unter den späteren Vertretern der Philosophie in Frankreich war Ch. Renouvier (1818-1903; Essais de critique generale 2. Aufl., 1875-1896; Esquisse d' une classification systematique des doctrines philosophiques, 1885 f.; La philosophie analytique de l' histoire, 1896; La nouvelle monadologie, 1899; Les dilemmes de la metaphysique, 1901; Le personalisme 1902, vgl. G. SÉAILLES La philos. de R., Paris 1905): die von ihm gesuchte Synthesis von Kant und Comte hat in der Année philosophique (seit 1889) ihr literarisches Organ. Verwandt mit ihm sind unter den gegenwärtigen Vertretern der franz. Phil. J. Lachelier und sein Schüler E. Boutroux (De la contingence des lois de la nature, Paris 1895). Die selbständigste und bedeutendste Erscheinung in der gegenwärtigen französischen Philosophie ist Henri Berson (Essai sur les données immédiates de la conscience, Matière et mémoire, Introduction a la métaphysique, L'evolution créatrice; alle deutsch Jena 1908 ff. Vgl. A. Steenbergen, H. B.s intuitive Philosophie, Jena 1909).


In England setzte sich die Associationspsychologie durch Thomas Brown auf Männer wie Thomas Belsham (1750-1829; Elements of the philosophy of the human mind, 1801), John Fearn (First lines of the human mind, 1820) und viele andere fort, sie fand auch hier in physiologischen und phrenologischen Theorien wie bei G. Combe (A system of phrenology, Edinburgh 1825), Sam. Bailey (Essays on the pursuit of truth, 1829, The theory of reasoning, 1851, Lettres on the philosophy of human mind, 1855) und Harriet Martineau (Letters on the laws of man's nature and development, 1851) Unterstützung und erhielt ihre volle Ausbildung durch James Mill (Analysis of the phenomena of the human mind, 1829; vgl. über ihn A. BAIN, London 1882) und seinen Sohn J. Stuart Mill (1806-1873; System of logic ratiocinative and inductive, 1843; Utilitarianism, 1863; Examination of Sir W. Hamilton's philosophy, 1865, posthum Nature, 1874; Ethische Fragmente, hrsg. von Ch. Douglas, 1897. Vgl. H. TAINE, Le positivisme anglais, Paris 1864 L. COURNEY, Life of M., London 1889; CH. DOUGLAS, J. St. M., Edinb. und Lond. 1895, S. SAENGER, J. St. M., Stuttg. 1901). Nahe steht dieser Richtung auch Alex. Bain, (The senses and the intellect, 1856; Mental and moral science, 1868, The emotions and the will, 1859). Den verwandten Utilitarismus vertreten G. Cogan (Philosophical treatise on the passions, 1802; Ethical questions, 1817); John Austin (1790-1859, The philosophy of positive law, 1832), G. Cornwall Lewis (A treatise on the methods of observation and reasoning in politics, 1852). Vgl. LESLIE STEPHEN, The English Utilitarians (London 1900); einen modifizierten Utilismus lehrte Henry Sidawick (1833-1900, Methods of Ethics, zuerst 1875. Practical Ethics, London 1898). Nahe stand diesen Richtungen auch der bekannte Historiker G. Grote.

Die schottische Philosophie (vgl. ANDR. SETH, Edinb. 1890) hatte nach Dugald Stewart und James Mackintosh (1764-1832; Dissertation on the progress of ethical philosophy, 1880) zunächst unbedeutende Vertreter wie Abercrombie (1781[528] bis 1846: Inguiry conc. the intellectual powers, 1830; Philosophy of the moral feelings, 1833), Chalmers (1780-1847) und wurde namentlich als akademische Lehre dem Cousinschen Eklektizismus genähert durch den auch schon von Hamilton beeinflußten Henry Calderwood (Philosophy of the Infinite, 1854), J. D. Morell (An historical and critical view of the speculative philosophy of Europe in the 19th century, 1846), auch H. Wedgwood (On the development of the understanding, 1848).

Eine weitere Bereicherung der Gesichtspunkte trat durch die Bekanntschaft mit der deutschen Literatur ein für welche Sam. Tayl. Coleridge (1772-1834), W. Wordsworth (1770-1850) und vor allem Thomas Carlyle (1795-1881, Past and present 1843, vgl. v. SCHULZE-GÄVERNITZ, C.s Welt- und Gesellschaftsanschauung, Dresd. 1893, P. HENSEL, Th. C., Stuttgart, 2. Aufl. 1900) tätig waren. In der Philosophie machte sich dies zunächst durch den Einfluß von Kant geltend, dessen Erkenntnislehre auf J. Herschel (On the study of natural philosophy, 1831) und besonders auf W. Whewell (Philosophy of the inductive sciences, 1840) wirkte.

In verständnisvoller Reaktion gegen diese Einwirkung hat die schottische Philosophie eine wertvolle Umbildung durch Sir William Hamilton erfahren (1788-1856; Discussions on philosophy and litterature, 1852; On truth and error, 1856; Lectures on metaphysics and logic, 1859; Ausgaben von Reids und Stewarts Werken; vgl. M. VEITCH, S. W. H., the man and his philosophy, Edinburgh and London, 1883). In seiner Schule scheidet sich der eigentliche Agnostizismus, den hauptsächlich M. L. Mansel (1820 bis 1871; Metaphysics or the philosophy of consciousness, 1860) vertritt, von einer andern, der eklektischen Metaphysik zuneigenden Richtung: M. Veitch, R. Lowndes (Introduction to the philosophy of primary beliefs, 1865), Leechman, M'c Cosh u. a.

Einer besonderen Anregung Hamiltons entsprang eine Richtung, welche die formale Logik als einen symbolischen Kalkül auszubilden sucht: ihr gehören an G. Boole (The mathematical analysis of logic, 1847; An analysis of the laws of thought, 1854); De Morgan (Formal logic, 1847); Th. Spencer Baynes (An essay on the new analytic of logical forms, 1850); W. Stanley Jevons (Pure Logic, 1864; Principles of science 1874); J. Venn (Symbolie logie, 1881; Logie of chanee, 1876; Principles of logic, 1889). Vgl darüber A. Riehl (Vierteljahrschr. f. wiss. Philos., 1877) und L. Liard (Die neuere englische Logik, deutsch von Imelmann, Berlin 1880).

Unter dem Einfluß teils Kants, teils des späteren deutschen Theismus steht der Religionsphilosoph James Martineau, ähnlich W. Newman, A. C. Fraser u. a. Der deutsche Idealismus in seiner ganzen Entwicklung und in seiner metaphysischen Gestaltung, besonders in der Hegelschen Form, hat seit Hutchinson Stirling (The secret of Hegel, 1865) eine lebhafte idealistische Bewegung hervorgerufen, deren Führer Th. Hill Green (gest. 1882, Introduction to Humes Treatise, 1875, Prolegomena to Ethics, 1883) war; zu ihr zählen ferner F. H. Bradley (Appearenee and reality, 2. Aufl. 1897), W. Wallace, Th. H. Hodgson, E. Caird u. a.

Diese Umbildungen stehen unter dem Prinzip der Entwicklung: dasselbe Prinzip wurde für die Erforschung der organischen Natur maßgebend durch Ch. Darwin (Origin of species by means of natural selection, 1859; Descent of man, 1871); allgemeiner formuliert und zur Grundlage eines umfassenden »Systems der synthetischen Philosophie« gemacht wurde es von Herbert Spencer (1820-1903; First principles, 1862; Principles of Biology, 1864-1867; Principles of Psychology, 1870-1872; Principles of Sociology 1876-1896; Principles of morality, 1879-1893; vgl. über ihn O. GAUPP, Stuttgart 1897). Zu derselben Richtung gehören hauptsächlich noch Männer wie Wallace T. H. Lewes, G. J. Romanes etc.; auch Sidgwick (s. oben) kann hierher gerechnet werden. Nahestehen außerdem die meisten der englischen Positivisten, wie H. Huxley (Evolution and ethics 1893), J. Tyndall und J. C. Maxwell, H. Maine etc.

Mit dem entwicklungsgeschichtlichen Relativismus und Utilismus hängen auch die erkenntnistheoretischen Ansichten zusammen, die unter dem Namen des Pragmatismus mit verschiedenen Nuancen lebhafte Bewegung in der amerikanisch- englischen Literatur hervorgerufen haben: die Haupttypen sind charakterisiert durch C. S. Peirce (What pragmatism is, Monist 1907), W. James (Pragmatism 1905, deutsch von Jerusalem. 1908) und F. Schiller (Humanism 1903, deutsch 1911). Vgl. W. WINDELBAND, Der Wille zur Wahrheit (Heidelberg 1910). Nahe steht den pragmatistischen Theorien auch das interessante und vielseitige Werk von H. Vaihinger, Die Philosophie des Als-ob (Berlin 1911).


Mehr noch als die französische war lange Zeit die italienische Philosophie des 19. Jahrhunderts durch politische Motive bestimmt und dabei in dem Inhalte der zu solchen Zwecken verarbeiteten Gedanken teils von der französischen, teils von der deutschen Philosophie abhängig. Anfänglich herrschte in Männern wie Gioia (1766 bis 1829) oder seinem Freunde Romagnosi (1761-1835) die Weltansicht der Encyklopädisten[529] in praktischer und theoretischer Hinsicht, während schon bei Pasquale Galluppi (1771-1846; Saggio filosofico sulla critica delle conoscenze umane, 1820 ff.; Filosofia della volontà, 1832 ff.) kantische Einflüsse, freilich unter der psychologistischen Form des Leibnizschen virtuellen Eingeborenseins sich geltend machen.

Später war die meist von Klerikern entwickelte Philosophie wesentlich von der politischen Verbindung des Papsttums mit dem demokratischen Liberalismus beeinflußt indem der Rationalismus sich mit dem Offenbarungsglauben vereinigen wollte. Die eigenartigste und persönlich liebenswürdigste Erscheinung dieser Richtung ist Antonio Rosmini-Serbati (1796-1855, Nuovo saggio sull' origine delle idee, 1830; Principj della scienza morale, 1831, posthum Teosofia, 1859 ff., Saggio storico-critico sulle categorie e la dialettica, 1884, vgl. über ihn F. X. KRAUS, Deutsche Rundschau 1890). Noch ausgesprochener geht die Verknüpfung platonischer, cartesianischer und schellingscher Ideen auf einen Ontologismus, d.h. auf eine apriorische Seinslehre, aus bei Vincenzo Gioberti (1801-1852, Degli errori filosofichi di Rosmini, 1842; Introduzione alla filosofia, 1840, Protologia, 1857; vgl. SPAVENTA, La filosofia di G., 1863). Diese ganze Entwicklung hat Terenzo Mamiani mitgemacht (1800-1885; Confessioni di un metafisico, 1865); ihr folgten auch mit Anschluß an deutsche und französische Philosopheme Luigi Ferri (1826-1895), Labanca, Bonatelli u. a.

Als Gegner fand diese Richtung einerseits den strammen Orthodoxismus von Ventura (1782-1861), Taparelli und Liberatore (Della conoscenza intellettuale, 1865), anderseits den politisch-radikalen Skeptizismus, wie ihn Giuseppe Ferrari (1811-1866 La filosofia della rivoluzione, 1851) und Antonio Francki (La religione del 19. secolo, 1853) vertreten. Die kantische Philosophie wurde durch Alf. Testa (1784-1860, Della critica della ragione pura, 1849 ff.), erfolgreicher durch C. Cantoni (1840-1906; vgl. oben S. 446), E. Tocco, S. Turbiglio u. a., Hegels Lehre durch A. Vera(1813-1885), B. Spaventa (1817-1883) und Fr. Fiorentino, Comtes' Positivismus durch Männer wie Cataneo, Ardigo, Labriola eingeführt. Eine eigenartig idealistische Entwicklung hat vom Hegelianismus aus Benedetto Croce gekommen; seine groß angelegte und tief gedachte Filosofia dello spirito liegt jetzt in drei Bänden vor: Estetica (3. Aufl.), Logica (2. Aufl.), Filosofia della pratica (Bari 1909).


In Deutschland – vgl. JOH. ED. ERDMANN, Grundriß II, Anhang §§ 331 ff. 4. Aufl. bes. von Benno Erdmann, S, 728 ff. – breiteten sich im dritten und vierten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zunächst die Schulzusammenhänge aus. Am geschlossensten und stabilsten erwies sich Herbarts Anhängerschaft; in ihr ragen hervor: M. Drobisch (Religionsphilosophie, 1840; Psychologie, 1842, Die moralische Statistik und die menschliche Willensfreiheit, 1867), R. Zimmermann (Aesthetik, Wien 1865) L. Strümpell (Hauptpunkte der Metaphysik, 1840; Einleitung in die Philosophie, 1886), T. Ziller (Einleitung in die allgemeine Pädagogik, 1856). Eine besondere Auszweigung der Schule bildet die sog. Völkerpsychologie, wie sie M. Lazarus (Leben der Seele, 1856 f.) und H. Steinthal (Abriß der Sprachwissenschaft, I, Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft, 1871) eröffnet haben: vgl. deren gemeinsames Programm im 1. Bde. der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. – Verwandt war dieser Richtung die Lehre von A. Spir (1837-1890; Denken und Wirklichkeit, Leipzig 1873, Ges. Schriften Leipzig 1883-85, neue Ausgabe 1910, vgl. über ihn H. CLAPARÈDE, Par. 1899).

Die Hegelsche Schule hat den Segen der Dialektik reichlich an sich erfahren sie ging an religiösen Gegensätzen schon in den dreifiiger Jahren auseinander. Unbeirrt davon sind die bedeutenden Historiker der Philosophie ihren Weg gegangen: Zeller und Prantl, Erdmann und Kuno Fischer. In der Mitte zwischen den Parteigegensätzen stehen mit selbständigerem Denken K. Rosenkranz (1805-1879; Wissenschaft der logischen Idee, 1858 f) und Friedrich Theodor Vischer (1807-1887 Aesthetik, 1846-1858; Auch Einer, 1879).

Der »rechten Seite« der Schule Hegels, die sich gegen die pantheistische Auffassung wehrte und die metaphysische Bedeutung der Persönlichkeit betonte, traten solche Denker nahe, welche in freierem Verhältnis zu Hegel Fichtesche und Leibnizsche Motive aufrechterhielten, so J. H. Fichte (Sohn des Schöpfers der Wissenschaftslehre, 1797 bis 1879; Beiträge zur Charakteristik der neueren Philosophie, 1829, Ethik, 1850 ff.

Anthropologie, 1856); C. Fortlage (1806-1881; System der Psychologie, 1855), Christ. Weisse (1801-1866; System der Aesthetik, 1830 bezw. 1871; Grundzüge der Metaphysik, 1835; Das philosophische Problem der Gegenwart, 1842; Philosophie des Christentums, 1855 ff.); H. Ulrici (1806-1884; Das Grundprinzip der Philosophie, 1845 f., Gott und die Natur. 1861; Gott und der Mensch, 1866); ferner E. Thrandorf (1782-1863), Mor. Carrière (1817-1895) u. a. Ihnen verwandt war einerseits R. Rothe (1797 bis 1867; Theologische Ethik, 2. Aufl. 1867-1871; vgl. über sein spekulatives System H.[530] Holtzmann, 1899), der in einer originellen Mystik vielerlei Anregungen der idealistischen Entwicklung sinnig verwob, und anderseits A. Trendelenburg, der als Prinzip den Begriff der »Bewegung« setzte und damit Hegels Philosophie zu bekämpfen meinte, sein Verdienst aber in der Anregung aristotelischer Studien hat (1802-1872; Logische Untersuchungen, 1840; Naturrecht, 1860; über ihn R. Eucken, 1902).

Zu den »Linken« unter den Hegelianern gehören Arnold Ruge (1802-1880; mit Echtermeyer Herausgeber der Halleschen Jahrbücher, 1838-1840 und der Deutschen Jahrbücher, 1841 f, Ges. Schriften, 10 Bde., Mannheim 1846 ff.), Ludwig Feuerbach (1804 bis 1872, Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, 1830; Philosophie und Christentum, 1839, Wesen des Christentums, 1841, Wesen der Religion, 1845; Theogonie, 1857; Ges. Werke, 10 Bde., Leipzig 1846 ff., neue Ausgabe von Bolin und Jodl, Stuttgart 1905 ff. Vgl. K. GRÜN, L. P., Leipzig 1874; FR. JODL, L. F., Stuttg. 1904), David Friedrich Strauß (1808-1874, Das Leben Jesu, 1835, Christliche Glaubenslehre, 1840 ff; Der alte und der neue Glaube, 1872; Ges. Schriften, 12 Bde., Berlin 1876 ff. Vgl. A. HAUSRATH, D. Fr. Str. und die Theologie seiner Zeit, Heidelberg 1876 und 1878; S. Eax, D. Fr. Str., Stuttg. 1899, TH. ZIEGDER, D. Fr. Str., 2 Bde. Straßburg 1908).

Aus dem Materialismusstreit sind zu erwähnen: K Moleschott (Kreislauf des Lebens 1852), Rudolf Wagner (Ueber Wissen und Glauben, 1854; Der Kampf um die Seele, i857) C. Vogt (Köhlerglaube und Wissenschaft, 1854; Vorlesungen über den Menschen, 1863), L. Büchner (Kraft und Stoff, 1855). Verwandt ist dem Materialismus der extreme Sensualismus, wie ihn H. Czolbe (1819-1873; Neue Darstellung des Sensualismus, 1855, Grundzüge der extensionalen Erkenntnistheorie, 1875) ausgebildet und F. Ueberweg (1826-1871), ursprünglich der Benekeschen Richtung verwandt, später angenommen hat (vgl. A. LANGE. Gesch. d. Mat. I1, 2, 4) – ebenso der sog. Monismus, den mit Hilfe der Selektionstheorie E. Haeckel (geb. i834, Natürliche Schöpfungsgeschichte, 1868; Die Welträtsel, 1899; vgl. LOOFS, Anti-Häckel, 1900, und FR. PAULSEN, E. H. als Philosoph, Preuß. Jahrb. 1900) zu entwerfen versucht hat, – endlich die sozialistische Geschichtsphilosophie, deren Begründer Fr. Engels (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888; Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884) und K. Marx (Das Kapital, 1867 ff.) sind, vgl. über die letzteren R. STAMMLER, Wirtschaft und Recht, 1896; G. MASARYK, Die philosophischen und soziologischen Grundlagen des Marxismus, 1899; L. WOLTMANN, Der historische Materialismus, 1900, H. SCHWARZ, Der moderne Materialismus, 1904 K. VORLÄNDER, Kant und Marx, 1911; J. PLENGE, Marx u. Hegel, 1911. –

Die weitaus bedeutendste Erscheinung unter den Epigonen der deutschen Philosophie war Rud. Herm. Lotze (1817-1881, Metaphysik, 1841, Logik, 1842; Medizinische Psychologie, 1842; Mikrokosmus, 1856 ff.; System der Philosophie, I Logik, 1874, II Metaphysik, 1879; vgl. O. CASPARI, H. L. in seiner Stellung zur deutschen Philosophie 1883; E. v. HARTMANN, L.s Philosophie, Berlin 1888; H. SCHOEN, La métaphysique de L., Paris 1902; G. MISCH, Einleitung zur Neuausgabe der Logik, Leipz. 1912).

Interessante Nebenerscheinungen sind: G. Th. Fechner (1801-1887; Nanna 1848; Physikal. und philos. Atomenlehre, 1855; Elemente der Psychophysik, 1860; Drei Motive des Glaubens, 1863, Vorschule der Aesthetik, 1876, Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht, 1879, vgl. über ihn K. LASSWITZ, Stuttg. 1896; W. WUNDT, Leipzig 1901, W. WINDELBAND, Allg. d. Biogr. 1909) und Eug. Dühring (geb. 1833, Natürliche Dialektik, 1865; Wert des Lebens, 1865, Kursus der Philosophie, 1875 und 1894 ff.; Logik und Wissenschaftstheorie, 1878, Der Ersatz der Religion, 1883). – Von katholischer Seite haben sich an der Entwicklung der Philosophie beteiligt: Fr. Hermes (1775-1831; Einleitung in die christkatholische Theologie, 1819), Bernh. Bolzano (1781-1848; Wissenschaftslehre, 1837, vgl. M. PALAGYI, Kant und B., Halle, 1902, H. BERGMANN Das philosophische Werk B. 's, Halle 1909), Anton Günther (1785-1863, Ges. Schriften, Wien 1881; P. KNOODT, A. G., Wien 1881) und Wilhelm Rosenkrantz (1821 bis 1874, Wissenschaft des Wissens, 1866).

Um die Mitte des Jahrhunderts sehr erlahmt, hat sich das philosophische Interesse in Deutschland wieder stark gehoben durch die Verknüpfung des Kantstudiums mit naturwissenschaftlichen Bedürfnissen. Das erstere, durch Kuno Fischers Werk angeregt (1860), rief eine Richtung hervor die in mannigfachen Nüancen als Neukantianismus bezeichnet wird, Ihr gehören hauptsächlich A. Lange (1828-1875, Gesch. d, Mater., 1866, 8. Aufl. 1908) und O. Liebmann (1840-1912; Analysis der Wirklichkeit, 4. Aufl. 1911, Gedanken und Tatsachen, 2 Bde. 1882-1901) an; auf theologischem Gebiet vertrat sie Alb. Ritschl (Theologie und Metaphysik, 1881).

Die theoretische Physik ist für die Philosophie bedeutsam geworden hauptsächlich durch Rob. Mayer (Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur, 1845; Ueber das mechanische Aequivalent der Wärme, 1850; vgl. über ihn A. Riehl in den SigwartAbhandlungen,1900); H. Helmholtz (Physiologische Optik, 1886; Tatsachen in der Wahrnehmung,[531] 1879; L. GOLDSCHMIDT, Kant und Helmholtz, Hamburg 1898; L. KÖNIGSBERGER, H. v. H., 3 Bde., Braunschweig 1902/3, FR. CONRAT, H. ' psycholog. Anschauungen, Halle 1904); W. Mach (Die Analyse der Empfindungen, 2. Aufl. Jena 1900; über ihn R. HÖNIGSWALD, Berlin 1903), H. Hertz (Prinzipien der Mechanik, Leipzig 1894, neue Aufl. 1910).

Aus physiologischen Anfängen heraus hat sich Wilh. Wundt (geb. 1837) zu einem umfassenden System der Philosophie entwickelt von seinen zahlreichen Schriften seien erwähnt: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1873 f., Logik 1880 f., Ethik, 1886: System der Philosophie, 1889; Grundriß der Psychologie, 1897; Völkerpsychologie, 1900 bis 1904; vgl. E. KÖNIG, W. W. (Stuttgart 1901), R. EISLER (Leipzig 1902).

Der kantianisierenden Erkenntnistheorie trat der Realismus in J. v. Kirchmann (Philosophie des Wissens, 1864) und der Positivismus in C. Göring (System der kritischen Philosophie, 1874 f.), E. Laas (Idealismus und Positivismus, 1879 ff.) und zum Teil auch in A. Riehl (Der philosophische Kritizismus, 1876 ff.) entgegen. Eine verwandte Richtung unter dem Namen des Empiriokritizismus verfolgte R. Avenarius (Kritik der reinen Erfahrung, 1888-1890; Der menschliche Weltbegriff, 1891; vgl. OSC. EWALD, Berlin 1905). Aehnlich sind auch die Auffassungen der sog. immanenten Philosophie von W. Schuppe (Erkenntnistheoret. Logik, Bonn 1878) u. a.

Wie bei diesen die begrifflichen Formen der Naturforschung, so sind anderseits die Interessen der historischen Weltanschauung maßgebend für Forscher wie Rud. Eucken (Die Einheit des Geisteslebens, 1888, Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt, 1896; Der Wahrheitsgehalt der Religion, 1901, Ges. Aufsätze, 1903, Der Sinn und Wert des Lebens, 1908), H. Glogau (Abriß der philosophischen Grundwissenschaften, 1880) und W. Dilthey (1833-1911, Einleitung in die Geisteswissenschaften 1883). Einen vermittelnden Standpunkt nahm Chr. Sigwart (1 830-1 904; Logik, 2. Aufl. 1893) ein.

Von vereinzelten der allgemeinen Literatur näher stehenden Persönlichkeiten sind hauptsächlich zwei zu erwähnen:

E. v. Hartmann (1842-1906), der durch seine »Philosophie des Unbewußten« (1869) großes Aufsehen machte und sodann durch eine große Reihe von Schriften hindurch (hauptsächlich: Das Unbewußte vom Standpunkt der Deszendenztheorie, 1872 Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, 1879, Die Religion des Geistes, 1882, Aesthetik, 1887 f.; Kategorienlehre, 1897, Geschichte der Metaphysik, 1900, Die Weltanschauung der modernen Physik, 1902; System der Philosophie im Grundriß posthum 1909 vgl. über ihn ARTH. DREWS, 1902, LEOP. ZIEGLER, 1910) zu immer mehr geschlossener Wissenschaftlichkeit sich durchgearbeitet hat, während er hinter sich eine teils pessimistische, teils mystische Popularphilosophie entfesselte, als deren Typen einerseits Mainländer (Philosophie der Erlösung, 1874 f), anderseits Du Prel (Philosophie der Mystik, 1884 f.) gelten können.

Fr. Wilh. Nietzsche (1844-1900), dessen leidenschaftlich bewegte Gedankenentwicklung in ihren wechselnden Stadien durch folgende Auswahl aus seinen zahlreichen Schriften (Gesamtausgabe Leipzig 1895 ff.) charakterisiert wird: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik 1872 Unzeitgemäße Betrachtungen, 1873-1876, Menschliches – Allzumenschliches, 1876 – 1880, Also sprach Zarathustra, 1883 f.; Jenseits von Gut und Böse, 1886; Zur Genealogie der Moral, 1887; Götzendämmerung, 1889. Vgl. über ihn AL. RIEHL, Stuttgart, 2. Aufl., 1897, R. RICHTER N., sein Leben und sein Werk Leipzig 1903; Osc. EWALD, N.s Lehren in ihren Grundbegriffen, Berlin 1903; A. DREWS. N.s Philos., Heidelberg 1904; K. JOËL, N. und die Romantik (Jena 1904), E. SEILLIÈRE: Apollon ou Dionyse, Paris 1905; G. SIMMEL, Schopenhauer und Nietzsche, Leipzig 1907

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 523-532.
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