VI. Teil.

Die deutsche Philosophie.

  • [444] Literatur: Zu der Literatur auf S. 291 und 366 kommen hier hinzu:
    H. M. CHALYBAEUS, Historische Entwicklung der spekulativen Philosophie von Kant bis Hegel. Dresden 1837.
    F. K. BIEDERMANN, Die deutsche Philosophie von Kant bis auf unsere Tage Leipzig 1842 f.
    K. L. MICHELET, Entwicklungsgeschichte der neuesten deutschen Philosophie. Berlin 1843.
    C. FORTLAGE, Genetische Geschichte der Philosophie seit Kant. Leipzig 1852.
    O. LIEBMANN, Kant und die Epigonen. Stuttgart 1868.
    FR. HARMS, Die Philosophie seit Kant. Berlin 1876.
    A. S. WILLM, Histoire de la philosophie allemande depuis Kant jusqu'à Hegel. Paris 1846 ff.
    H. LOTZE, Geschichte der Aesthetik in Deutschland. München 1868.
    E. v. HARTMANN, Die deutsche Aesthetik seit Kant. Berlin 1886.
    Vgl. auch JULIAN SCHMIDT. Geschichte der deutschen Literatur von Leibniz bis auf unsere Zeit.

Eine glückliche Vereinigung mehrfacher geistiger Bewegungen hat zu Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine Blüte der Philosophie hervorgebracht, welche in der Geschichte des europäischen Denkens nur mit der großen Entfaltung der griechischen Philosophie von Sokrates bis Aristoteles zu vergleichen ist. In einer intensiv und extensiv gleich mächtigen Entwicklung hat der deutsche Geist während der kurzen Spanne von vier Jahrzehnten (1780-1820) eine Fülle großartig entworfener und allseitig ausgebildeter Systeme der philosophischen Weltanschauung erzeugt, wie sie auf so engem Raume nirgends wieder zusammengedrängt sind: und in allen diesen schürzen sich die gesamten Gedanken der vorhergehenden Philosophie zu eigenartigen und eindrucksvollen Gebilden zusammen. Sie erscheinen in ihrer Gesamtheit als die reife Frucht eines langen Wachstums, aus der, noch bis heute kaum erkennbar, die Keimungen einer neuen Entwicklung sprießen sollen.

Diese glänzende Erscheinung hatte ihre allgemeine Ursache in der unvergleichlichen Lebendigkeit des Geistes, womit die deutsche Nation damals die Kulturbewegung der Renaissance, die in ihr durch äußere Gewalt unterbrochen war, mit neuer Kraft wieder aufnahm und zur Vollendung führte. Sie erlebte – ein Vorgang ohne gleichen in der Geschichte – den Höhepunkt ihrer innerlichen Entwicklung zu derselben Zeit, wo ihre äußere Geschichte den niedersten Stand erreichte. Als sie politisch machtlos darniederlag, schuf sie ihre weltbezwingenden Denker und Dichter. Die siegreiche Kraft aber lag gerade in dem Bunde zwischen Philosophie und Dichtung. Die Gleichzeitigkeit von Kant und Goethe, und die Verknüpfung ihrer Ideen durch Schiller – das sind die entscheidenden Züge jener Zeit. Durch diese Gemeinschaft der höchsten Kulturarbeit, in der sich Dichtung und Philosophie[444] gegenseitig zu glänzenden Schöpfungen förderten, ist das deutsche Volk von neuem zu einer Nation geworden: hierin hat es die Substanz seines Geistes wiedergefunden; aus ihr sind die intellektuellen und die moralischen Kräfte geflossen, durch die es im Laufe des folgenden Jahrhunderts in den Stand gesetzt wurde, diese seine neu gewonnene Nationalität auch in der Außenwelt zur Geltung zu bringen.

Die Geschichte der Philosophie ist deshalb all dieser Stelle auf das engste mit derjenigen der allgemeinen Literatur verflochten, und die Beziehungen und Anregungen laufen zwischen beiden fortwährend hin und her. Dies tritt charakteristisch in der gesteigerten und schließlich entscheidenden Bedeutung hervor, welche in diesem Zusammenhange den ästhetischen Problemen und Begriffen zufiel. Für die Philosophie eröffnete sich damit eine neue Welt, die sie bisher nur mit gelegentlichen Ausblicken gestreift hatte und von der sie nun wie von dem gelobten Lande Besitz nahm: sachlich wie formell gelangten in ihr die ästhetischen Prinzipien zur Herrschaft, und die Motive des wissenschaftlichen Denkens verschlangen sich mit denen der künstlerischen Anschauung zur Erzeugung großartiger begrifflicher Weltdichtungen.

Der bestrickende Zauber, den damit die Literatur auf die Philosophie ausübte, beruhte hauptsächlich auf der historischen Universalität. Mit Herder und Goethe beginnt, was wir nach ihnen die Weltliteratur nennen: das bewußte Herausarbeiten der eigenen Bildung aus der Aneignung aller großen Gedankenschöpfungen der gesamten menschlichen Geschichte. Als Träger dieser Aufgabe erscheint in Deutschland die romantische Schule. Und in Analogie dazu entwickelte sich auch die Philosophie aus der Fülle der historischen Anregungen heraus: sie griff mit bewußter Vertiefung auf die Ideen des Altertums und der Renaissance zurück, sie versenkte sich verständnisvoll auch in solche Gedankengänge, welche die Aufklärung von sich gewiesen hatte, und sie endete in Hegel damit, sich selbst als die systematisch durchdringende und gestaltende Zusammenfassung alles desjenigen zu begreifen, was der Menschengeist bisher gedacht hat.

Für diese gewaltige Arbeit aber bedurfte es einen neuen begrifflichen Grundlage, ohne die alle jene Anregungen der allgemeinen Literatur ihre lebendige Einheit nicht hätten finden können und deshalb wirkungslos geblieben wären. Diese philosophische Kraft, den Ideenstoff der Geschichte zu bemeistern, wohnte der Lehre Kants inne und das ist ihre unvergleichlich hohe historische Bedeutung. Kant hat durch die Neuheit und durch die Größe seiner Gesichtspunkte der folgenden Philosophie nicht nur die Probleme, sondern auch die Wege zu ihrer Lösung vorgeschrieben: er ist der allseitig bestimmende und beherrschende Geist. Die Arbeit seiner nächsten Nachfolger, worin sich sein neues Prinzip nach allen Seiten auseinanderlegte und mit Assimilation der früheren Systeme historisch auslebte, wird nach ihrem bedeutsamsten Merkmale am besten unter dem Namen des Idealismus zusammengefaßt.

Daher behandeln wir die Geschichte der deutschen Philosophie in zwei Kapiteln, von denen das erste Kant und das zweite die Entwicklung des Idealismus umfaßt. In der Gedankensymphonie jener vierzig Jahre bildet die kantige Lehre das Thema und der Idealismus dessen Ausführung.[445]

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 444-446.
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