Sandstreuvorrichtungen

[300] Sandstreuvorrichtungen, Sandkasten (sandboxes; sabliers, sablières), Einrichtungen an der Lokomotive, die dem Führer ermöglichen, durch Bestreuen der Schienen mit Sand die Adhäsion zu vermehren (s. hierüber auch die Art. Adhäsion, Besanden der Schienen).

Im allgemeinen bestehen die S. aus Sandbehältern, von denen der Sand durch Rohre (Sandrohre) auf die Schienen geleitet wird. Bei den gewöhnlichen S. sind die in den Sandkasten angebrachten Ausflußöffnungen durch Schieber oder Ventile verschließbar, deren Betätigung vom Führer aus durch Zugstangen oder Kurbeln (Sandkastenzug) erfolgt.


Bei den Dampfsandstreuvorrichtungen und den mittels Druckluft betriebenen S., bei denen der Sand durch die Wirkung eines Dampfstrahls bzw. Luftstrahls der jeweiligen Berührungsstelle zwischen Rad und Schiene zugeführt wird, sind Sandventile oder Schieber nicht erforderlich und genügt es, für die Ingangsetzung bzw. Abstellung der S. das betreffende Dampf- bzw. Luftventil zu öffnen bzw. zu schließen.


In Abb. 168 (Sandkasten im Schnitt) bedeutet S1 den Sandkasten, S den Sandschieber, A den Ausflußstutzen, R die Sandrohre, H die Hebel, an denen der Sandkastenzug angeschlossen ist.

Bezüglich der äußeren Form, Gestalt und Art des Verschlusses der Austrittsöffnung und der Stelle, wo der Sandkasten angebracht ist, besteht eine große Verschiedenheit in der Ausführung; dies ist in erster Linie auf die Eigenschaften des der betreffenden Bahn zu Gebote stehenden Sandes zurückzuführen.

Scharfkantiger, von Lehm, Kalk und Erde freier, trockener Quarzsand kann ohne besondere[300] Vorkehrungen und Schüttelvorrichtungen durch lange, oft und scharf die Richtung ändernde Rohrleitungen den Schienen zugeführt werden.

Sand, der mit Lehm und anderen Bestandteilen vermengt ist, größere Steine und organische Verunreinigungen enthält, ist für ein verläßliches Arbeiten nicht geeignet. Er kann jedoch durch Sieben, Waschen und Trocknen bzw. Rösten in brauchbaren Zustand gebracht werden.

Nachdem unreiner Sand durch Feuchtigkeit gänzlich unbrauchbar wird, ist auf einen guten Verschluß des Sandkastens besonders zu achten.

Der Sandkasten ist immer so gebaut, daß der Sand zur Austrittsöffnung auf einem schiefen Boden hingeführt wird (Abb. 169 u. 170). Diese Führung genügt bei scharfkantigem, trockenem, reinem Quarzsand, muß aber bei unreinem Sand noch durch besondere Vorrichtungen unterstützt werden, sei es durch Förderschnecken, durch eingehängte Ketten, die durch Bewegung des Schiebers den Sand aufrühren, durch wirkliche Rührdorne oder Zapfen an der Schieberwelle (Abb. 169 u. 170).

Der Sandkasten wird auf dem Kesselrücken, (Abb. 171), auf der Plattform oder zwischen dem Rahmen gelagert. Die Sandrohre sind so zu führen, daß sie möglichst wenige Krümmungen aufweisen.

Die Lagerung des Sandkastens auf dem Kesselrücken bietet den Vorteil, daß der Sand durch die ausstrahlende Kesselwärme besser trocken gehalten werden kann, als in den auf der Plattform oder zwischen dem Rahmen angebrachten Sandkasten (Abb. 172). Durch die Anordnung auf dem Kesselrücken wird jedoch die Füllung des Kastens erschwert. Die auf der Plattform oder zwischen den Rahmen angeordneten Sandkasten erfordern beim Füllen einige Achtsamkeit, damit nicht Sand auf das Triebwerk (Lager und Zapfen) gelangt, sind aber besonders geeignet zur Anbringung von Dampfsandstreuapparaten oder anderen Vorrichtungen, durch die vermittels Druckluft – bei Vorhandensein von Druckluftbremsen und Luftpumpen – der Sand der Schiene zugeführt wird.

In der Regel sollte der Sand vor die erste Adhäsionsachse gestreut werden.

Ist aber der Sandkasten aus zwingenden Gründen derart angeordnet, daß nur durch lange, wenig Gefälle gebende Rohrleitungen die erste Adhäsionsachse erreicht werden kann, so wird der Sand der zweiten Achse zugeführt.

Es ist zweckmäßig, beide Maschinenseiten gleichzeitig mit Sand zu versehen, wenn auch die Anordnung einer Kupplung der Sandkastenschieber und ihre Betätigung durch einen[301] Zug oft große Schwierigkeiten bietet; denn einseitiges Sandgeben, bei dem nur auf einer Maschinenseite die Adhäsion plötzlich erhöht wird, wirkt nicht allein auf Lager und Zapfen schädlich, sondern ist auch oft Ursache des Verbiegens von Kuppelstangen.


Das Sandgeben soll die Aufmerksamkeit des Führers nicht zu sehr von seinen anderen Obliegenheiten ablenken. Es sind daher Bauarten zu bevorzugen, die auch bei längerem Offenhalten nicht zu viel, nicht haufenweise den Sand auf die Schienen führen. Einrichtungen, die den Sand durch anhaltendes Drehen an einer Kurbel dem Sandrohr zuführen, sind aus diesem Grund nur bei sehr schlechtem lehmigen Sand am Platz. Die klimatischen und Steigungsverhältnisse mancher Bahnen sind oft derart, daß ausgesprochenes, lang dauerndes Rädergleiten gar nicht eintreten darf, wenn der Zug, ohne Verspätung zu machen, befördert werden soll; hier ist es Aufgabe der S., das Eintreten des Rädergleitens überhaupt nicht zuzulassen, nicht aber das bereits eingetretene Rädergleiten zu beheben.


In einfacher, sicherer Weise wird bei gutem' trockenem Sand das sparsame ununterbrochene Sandgeben durch eine entsprechende Form der Sandaustrittsöffnung erreicht. Es eignet sich hierfür das Dreieck oder die Birnform (Abb. 173), wodurch bei entsprechend großem Weg des Hebels im Führerhaus doch nur eine kleine Öffnung erzielt wird.

Bei Tenderlokomotiven werden oft 2 Sandkasten angebracht, einer für Vorwärtsfahrt, einer für Rückwärtsfahrt; meistens aber genügt es, einen Sandkasten anzuordnen, der durch 4 Rohre und einen Zug je nach Bedarf das vordere oder rückwärtige Kuppelräderpaar mit Sand versieht. S., die nur ein Anstellen und keine weite e Aufmerksamkeit seitens des Lokomotivführers bedürfen, sind entweder mechanisch oder durch Dampf oder Druckluft betrieben. Die durch einen Dampf- oder Luftstrahl betriebenen Sandstreuer haben den Vorteil, daß der Sand direkt an die Berührungsstelle zwischen Rad und Schiene gelangt und daher der Sand nicht wie bei den einfachen, den Sand nur durch das Sandrohr auf die Schiene frei herabfallen lassenden Sandstreueinrichtungen durch Wind vorzeitig weggeblasen wird, bevor noch das Rad die besandete Stelle erreicht hat.

Unter die die Zufuhr von Sand mechanisch bewirkenden Sandstreuer gehören die von Helmholtz und von Haas. Bei ersterem wird durch Übertragung der Bewegung von der Steuerung oder dem Triebwerk eine Schnecke in Bewegung gesetzt, bei letzterem besorgt das Aufrühren des Sandes und Betätigen des Sandschiebers ein Dampfkolben, der stoßweise Dampf von einer Dampfzylinderseite der Lokomotive erhält.

Unter den Dampfsandstreuern ist jener von Holt-Gresham (Abb. 174 u. 175) der verbreitetste.


Derselbe besteht aus einer am Sandkasten angebrachten Sandtreppe (Abb. 174) und dem am Ende des Sandrohrs befestigten Bläser (Abb. 175). Diesem Bläser wird durch ein Ventil oder Hahn Dampf zugeführt. Infolge der im Sandrohr entstehenden Luftverdünnung reißt der bei dem Deckel der Sandtreppe eintretende Luftstrom den Sand mit und führt ihn, mit dem Dampf des Bläsers vermischt, unter das Rad.


Ein mit Druckluft betriebener Sandstreuer rührt von Brüggemann her (Abb. 176).


Die Streudüse s liegt im Sandkasten und erhält durch die Leitung 3 aus dem Hauptbehälter der Druckluftbremse Druckluft, welche den vorgelagerten Sand aufwirbelt und in das Sandrohr S treibt. Durch den Anschluß 2 wird Luft eingeführt, um den vor der Streudüse etwa festgelagerten Sand zu lockern.


Ähnliche Ausführungen stammen von Leach und Lentz. Die Dampf- und Luftsandstreuer[302] arbeiten nur dann verläßlich, wenn völlig trokkener und lehmfreier Sand, am besten gewaschener Quarzsand oder gepochte Hochofenschlacke verwendet wird. Um Sand mit Dampf oder Luft zu streuen und auch die Möglichkeit zu besitzen, beim Versagen dieser Vorrichtung auch noch direkt den Sand auf die Schiene zu bringen, bezweckt der Sandstreuer von Rihosek (Abb. 177), bei dem durch Betätigung mit Dampf oder Druckluft der aus dem Sandkasten durch das Sandrohr kommende Sand durch die durch die untere Öffnung entgegenströmende Luft zum größten Teil in die Düse abgelenkt wird. Wird die Zufuhr von Dampf oder Druckluft abgestellt, so fällt der Sand direkt auf die Schiene.

Rihosek.

Abb. 168.
Abb. 168.
Abb. 169.
Abb. 169.
Abb. 170.
Abb. 170.
Abb. 171.
Abb. 171.
Abb. 172.
Abb. 172.
Abb. 173.
Abb. 173.
Abb. 174.
Abb. 174.
Abb. 175.
Abb. 175.
Abb. 176.
Abb. 176.
Abb. 177.
Abb. 177.
Quelle:
Röll, Freiherr von: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, Band 8. Berlin, Wien 1917, S. 300-303.
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