Feyerabend, Sigmund

[240] Feyerabend, S. Die Blütezeit des Frankfurter Buchhandels sah auch ein Geschäft schnell und zu größter Ausdehnung sich entfalten, aber auch ebenso schnell wieder verschwinden – es war Sigmund Feyerabend, der bedeutendste Verleger der genannten Blüteperiode.

Sigmund Feyerabend erblickte zu Heidelberg im Jahre 1528 das Licht der Welt und war der Sohn des Malers Aegidius Feyerabend. Sigmund verlebte seine Kindheit in Augsburg und ergriff als Beruf die Form- und Holzschneidekunst; er hielt sich, um seine Kenntnisse zu bereichern, viel in fremden Ländern, namentlich in Italien, auf. Am 14. August 1559 verehelichte er sich mit der Patriziertochter Magdalena Borckhauer und konnte nunmehr sein Geschäft begründen. Als trefflicher Formschneider bekannt, hatte er bereits im gleichen Jahre Holzschnitte geliefert für den deutschen[240] Virgil des bei David Zöpfel erschienenen »Virgilius Maro, 13 Bücher von dem teuren Helden Enea« (vergl. Ebert 23787). Von 1560 ab finden wir Feyerabend geschäftlich verbunden mit den beiden unter sich verschwägerten Druckern Zöpfel und Rasch. Den berühmten Nürnberger Formschneider Virgil Solis wußte Feyerabend zur Mitillustrierung seines ersten bedeutenden Unternehmens, der »Bilderbibel« eines Prachtwerkes, welches das Höchste in Schönheit des Druckes und reicher Ausstattung der damaligen Zeit lieferte und den Titel »Biblia, das ist die gantze Heylige Schrifft teutsch D. Marth. Luth. Samp einem Register und schönen Figuren 3 Theile Frankfurt 1560 Fol.« führte. Um das Werk zu Ende führen zu können, hatten die Verleger Zöpfel und Rasch bereits 1559 eine Hypothek von 990 fl. auf ihre Häuser aufgenommen. Der damalige Pfalzgraf Friedrich III. hatte den 3 Herausgebern ein Privilegium auf 6 Jahre für dieselbe erteilt. Kaum nach Jahresfrist wurde eine neue Auflage nötig. 1560 erschien in demselben Verlage noch eine andere Sammlung von Illustrationen »Biblische Figuren des alten und neuen Testaments gantz künstlich gerissen durch Virgilium Solis 2 Tle.« 2. Aufl. 1562 (vergl. Ebert 21421).

Auch mit den Druckern Weigand Han und Nicolaus Bassaeus (Bassée) stand Feyerabend in Geschäftsverbindung. Mit Weigand Han verlegte er 1560 das Heldenbuch, von welchem bereits früher verschiedene Ausgaben an anderen Orten erschienen waren; mit Nicolaus Bassée gab er 1562 ein Rätselbüchlein heraus.

Neue Geschäftsverbindungen Feyerabends mit Weigand Han und Georg Rab ließen die spätere Verbindung, die urkundlich unter dem Namen die »Companei« bekannt ist, entstehen. Rab stammte aus Scheidenburg in Sachsen und war Buchdrucker in Pforzheim gewesen; 1561 suchte er beim Rate die Aufnahme als Frankfurter Bürger nach und erlangte dieselbe. Ostermesse 1561 kaufte er von der Witwe Gülfferich und von Weigand Han das Haus »Zum Krug« mit der Druckerei, welche drei Pressen enthielt, zusammen für 2250 Gulden und ging mit beiden Verkäufern einen Gesellschaftsvertrag ein, welcher 1562 endgültig abgeschlossen wurde. Han starb im Herbst 1562. Georg Rab führte das Geschäft mit den Erben des Verstorbenen weiter. Letztere bestanden aus der Mutter von Han, der Witwe Gülfferich, seiner Witwe Katharina und fünf minderjährigen Kindern.

Gleichzeitig war Feyerabend mit Simon Hüter aus Zwickau in Verbindung getreten, der von dort als Buchdrucker nach Frankfurt a. M. gezogen war.[241]

Feyerabends Eintritt in die »Companei« brachte neues Leben in das Geschäft. Für die Illustrierung der Verlagswerke wurde an Stelle des durch Tod abgegangenen V. Solis Jost Amman aus Zürich gewonnen, der die Zeichnungen lieferte, während die Holzschnitte von Heinrich Offenbach, Hans Grav und andern gefertigt wurden.

Eine geschäftliche Verfehlung Feyerabends, nämlich die Nichteinholung des Ratsimprimaturs für seine 1564 erschienenen »Newen Zeitungen den Türkischen Absagebrief an die Ro. Keys. Mtt. betr.« brachte ihm eine fünftägige Haftstrafe im Stadtturm ein.

Aus dieser Zeit datiert auch die Herausgabe der herrlichen deutschen Foliobibel (allerdings noch im Verlage der »Companei«), über welche die Verleger in der Vorrede sagen: »Damit aber der Christliche Läser denselben vnsern angewandten Fleiß in jetziger Franckfurter Bibel erkenne, So haben wir erstlich, so vil die Figuren belangt, die alten mit den Leisten (dieweil sie vielen misfallen) hinweg gethan vnd an derselben statt ganz neuwe, schöne, künstliche (wie denn ein so edel theuwer Werck desselben wohl wehrt) zurichten lassen, durch welche wir sonderlich dem gemeinen Mann, vnd der lieben Jugent die Historie desto eigentlicher vnd verständiger für die augen stellen vnd eynbilden haben wöllen.«

1565 trat in der »Companei« eine Aenderung ein. Die Witwe Han schied aus, sie heiratete den Buchdrucker Rebart aus Jena, der als Leiter einer Druckerei in Jena später eine zweite Druckerei für den Herzog Johann Friedrich in Gotha errichtete; er mußte verschiedene Broschüren drucken über den »Echter« Grumbach, welchem der Fürst, trotz des Kaisers Verbot, Schutz und Schirm gewährt hatte. Kurfürst August, welcher zum Vollstrecker der über Johann Friedrich wegen Begünstigung Grumbachs verhängten Acht ernannt worden war, hatte kaum die Mitschuld Rebarts erfahren, als er das Geschäft in Gotha sperren ließ, die Bücher konfiszierte und den »Ladengesellen« an den Pranger stelle. Rebart soll im Herbst 1567 auf einer Reise nach Sachsen in Gotha festgenommen und mit Ketten belastet nach Dresden abgeführt worden sein, wo er fast neun Monate lang in strengster Haft gehalten wurde. 1568 kam er ganz nach Frankfurt a. M. und erweiterte sein jetzt neu ins Leben gerufenes Geschäft durch Ankauf anderer Verlagswerke; er starb im September 1570. Seine Witwe ging im folgenden Jahre nach Jena und übernahm das dortige Geschäft.

Als 1568 die Witwe Gülfferich starb, wurde ihr Verlagsanteil an Simon Hüter und Thomas Rebart verkauft. Mit diesem Verkauf[242] war der erste Schritt zur Auflösung der »Companei« gethan, welche im nächsten Jahre erfolgte.

Feyerabends Verbindung mit Simon Hüter brachte u. a. folgende Verlagswerke hervor: »Fronsperger, von Kayserlichen Kriegsrechten«, wovon im Verlauf von zwei Jahren zwei Auflagen erschienen, ferner »Julius Cäsar, verdeutscht von Ringmann«, »Plinius, Naturgeschichte«, »Die berühmten Frauen des Boccatio« und Rüxners »Turnierbuch«. Hüter löste 1568 die Geschäftsverbindung mit Feyerabend durch Zahlung von 1500 fl. ab. Trotzdem er anfangs gute Geschäfte machte, sodaß er von den Erben seines Schwagers Han einen Teil von dessen Buchhandel, wenn auch nur auf Kredit, kaufen konnte, war er nicht dauernd vom Glück begünstigt. Sein Ruin wurde hauptsächlich durch Feyerabend, dem er sein Haus gegen geliehenes Geld verpfändet hatte, herbeigeführt. Nachdem dieser das Haus übernommen hatte, konnte Hüter sich nicht mehr halten und entfloh. 1575 suchte er in seiner Vaterstadt Zwickau um Errichtung einer Druckerei nach, die ihm aber verweigert wurde. Später befand er sich in Leipzig als Buchführer. –

Anscheinend wegen einer ihn auf der Leipziger Messe getroffenen Beschlagnahme eines seiner Verlagswerke, allerdings eines Nachdruckes, nämlich der Carionschen Chronik, gab Feyerabend von 1568 ab manche Bücher mit dem Namen seines Sohnes Hieronymus Feyerabend (geb. 1563) als Verleger heraus.

1573 trat für Feyerabend noch ein anderes bedeutungsvolles Ereignis ein: Ein Vetter Feyerabends, Johann Feyerabend aus Schwäbisch-Hall, ließ sich gegen Ende 1573 in Frankfurt nieder. Sigmund nahm sich desselben alsbald an und half ihm ein Geschäft begründen, indem er ihm und Melchior Schwarzenberger einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Verlages käuflich überließ. Schon 1574 wurde dieses Compagniegeschäft wieder gelöst, die Besitzer verständigten sich mit Nicolaus Bassée dahin, daß er ihnen das Geschäft abkaufte. Dieser mußte aber zur Sicherstellung des Kaufbetrages, Feyerabend für sich und seine Erben »ihren Buchhandel wie sie denselben von ihnen Hern Melchior Schwartzenbergern und Hans Feyerabennden, wie obgemelt, erkaufft haben,« in der Weise verpfänden, daß Sigmund bei Nichteinhaltung der Zahlungstermine ohne weitere gerichtliche Klage berechtigt sei, diesen Handel wieder als Eigentum zu übernehmen.

Die andauernden Vergrößerungen des S. Feyerabendschen Geschäftes nötigte den Besitzer 1574 wiederholt beim Rat vorstellig[243] zu werden: »Nachdem er nit Platz hab seine Bücher zulegen, daß man Ime In dem Casten vorn an der newen Mauern einen Paw zuerrichten wölle, dahin Er seine Bücher legen könne, mit dem Erbieten Jars 45 Gulden daraus zugeben« welche Bitte der Rat aber unberücksichtigt ließ.

1567 verstreute Feyerabend bereits 6000 Gulden, 1577 war er im Stande, den Schatzungseid abzulehnen und somit die höchste Schatzung zu zahlen, was einem Vermögen von mindestens 16000 Gulden gleichkommt. 1579 erwarb er zwei Häuser, »zum Rendel« in der Töngesgasse, und »zum kleinen Stalburg« auf dem Liebfrauenberge; letzteres ließ er niederreißen und an dessen Stelle ein neues erbauen. Er mag nun wohl mit weitausschauenden Plänen in die Zukunft geblickt haben; doch mußte er sehr bald den Schmerz erleben, daß sein ältester Sohn ihm im Jahre 1581 in dem Alter von 181/2 Jahren durch den Tod geraubt wurde; sein zweiter Sohn stand damals noch im Kindesalter. Der 52jährige rührige Geschäftsmann überwand den Schicksalsschlag und wandte sich mit erneuter Thatkraft dem Geschäfte zu. Nachdem er sein Haus »zum Rendel mit Vorteil wieder verkauft hatte, bezog er sein neues stattliches Haus.

Nur kurze Zeit konnte sich Feyerabend des ruhigen Besitzes seines neu gekauften Hauses erfreuen. Schon 1583 war er nicht mehr im Stande, die Steuer von 25 Gulden, sondern »nach Abzug böser Schulden« nur 13 Gulden zu bezahlen. Bald darauf verpfändete er sein Haus dem »Kremer« Pithan, gegen ein Anleihen von 1000 Gulden, um mit seinem Vetter Johann eine »newe Biblia cum Summariis« drucken zu können. Für diese Bibel suchten beide beim Rat um ein Privilegium »In 6 oder 8 Jahren nit zutrucken« nach, welches genehmigt wurde. Die Bibel hätte Ostern 1585 zur Messe gebracht werden können, wenn es nicht beiden am Nötigsten, an Geld, gefehlt hätte. Sigmund Feyerabends Verhältnisse hatten sich noch mehr verschlechtert, so daß er 1584 beim Rate darum nachsuchte, ihm 6000 Gulden gegen 5 Prozent vorzustrecken, damit er ein Corpus juris canonici et civilis drucken könne, was ihm bewilligt wurde.

Feyerabends Vetter Johann hatte sich seines Geschäfts nicht recht angenommen und es ging immer mehr zurück, als zuletzt Sigmund mit in den Strudel gezogen wurde. Um seinen gesunkenen Kredit wieder zu heben, associirte sich Sigmund 1585 mit zwei vermögenden Bürgern, dem Säckler Heinrich Dackh und dem Apotheker Peter[244] Fischer. Die drei Associés übernahmen das Arrangement von Johanns zerrüttetem Vermögen, das von 5000 auf 1000 Gulden gesunken war. Johann selbst suchte nach dem Tode seiner Frau durch eine zweite Heirat 1586 seine Finanzen zu heben und konnte dann seine Druckerei weiter betreiben, wenn auch sein Vetter Sigmund, dessen Kredit bald wieder gehoben war, keine engere Geschäftsverbindung mehr mit ihm einging, sondern ihn nur als Drucker für seine Verlagswerke beschäftigte.

Sigmund Feyerabend gehört zu denjenigen Verlegern, von welchen die zahlreichsten Signete bekannt sind. Als Grundidee hatte er das Symbol der Fama gewählt mit der Devise: Si cupis ut celebri stet tua fama loco pervigiles habeas oculos animumque sagacem. Für seine verschiedenen Verbindungen waren die Zeichen natürlich verschieden, so mit Arion auf dem Delphin (für Feyerabend und Oporinus in Basel), Fama mit Amphitrite (F. und Hüter), Fama mit Hahn und Rabe (für F., Han und Rab); für F., Tack und Fischer wurden um eine Weltkugel die Fama, Fides und Labor gereiht, versehen mit dem Distichon: Sedulus instar apum si sis fidei que probatus, Spes bona quod super hinc aethera notus eris. Die Signete ließ Feyerabend von Künstlern wie J. Ammann, V. Solis, M. Lorch u. a. zeichnen.

Carl Sigmund Feyerabend war bei dem Tode seines Vaters am 22. 4. 1590 noch minderjährig. Er bat daher den Frankfurter Rat, er möchte wegen der Wichtigkeit des von der Familie geerbten Buchhandels Vormünder aufstellen, was der Rat auch that. Durch einen Faktor wurde das Geschäft auf gemeinsame Rechnung weitergeführt, doch fehlte es bald an Betriebskapital.

Carl Sigmund, der keine Freude am Buchhandel hatte, lebte ohne Sorgen in den Tag hinein und als seine Vormünder ihn von dem mißlichen Stande des Geschäfts unterrichteten, ließ er dasselbe ganz im Stich und wurde Soldat.

Das Feyerabendsche Geschäft war nach Sigmunds Tode regelmäßig weitergeführt worden. Leiter des Geschäfts waren der Faktor Hieronymus Korb (gest. 1604), dem der ehemalige Buchdruckergeselle Romanus Beatus als »Ladendiener« untergeben war.

Obwohl dieselben durch Neuigkeiten und neue Auflagen das Geschäft auf dem alten Standpunkte zu erhalten suchten, gelang dies doch nicht, denn es fehlte die einheitliche Leitung, durch welche Sigmund Feyerabend sein Geschäft in die Höhe gebracht hatte. Dazu kam der bedeutende Aufwand des Junkers Carl Sigmund.[245]

Nachdem nämlich Carl Sigmund das Geschäft allein übernommen hatte, nahm er von einem Dr. Ruland 5000 Gulden unter der Bedingung auf, daß der Gläubiger, wenn das Geld nicht binnen 10 Jahren zurückgezahlt sei, den ganzen Verlag, den Ballen durchschnittlich zu 10 Gulden gerechnet, übernehmen sollte.

Thatsächlich hat Carl Sigmund das Geschäft nicht mehr auf die frühere Höhe zu heben gewußt, er brachte auch wenig Neues auf den Markt. Von 1604 bis 1608 sind nur 12 Verlagsartikel von ihm bekannt geworden, wovon einer in Goslar gedruckt wurde. Am 15. 6. 1609 starb er; von dem Geschäft, das in seinem letzten Lebensjahre unter der Firma Feyerabends Nachfolger betrieben wurde, fehlt von da jede Spur.

Feyerabends Biograph, H. Pallmann, mutmaßt, daß Peter Mauß, welcher Carl Sigmund eine Reihe von Jahren als Sachwalter beigestanden hat, das Geschäft übernommen hat. Er ist 1609 als Petrus Musculus et Cons. zum erstenmal in den Meßkatalogen als Verleger verzeichnet.

Quellen: H. Pallmann, S. F. Frankfurt a. M. 1881

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 2. Berlin/Eberswalde 1903, S. 240-246.
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