Gerstenberg, Johann Daniel

[309] Gerstenberg, J. D. Johann Daniel Gerstenberg entstammt einer thüringischen Landwirtsfamilie und wurde am 26. März 1758 in Frankenhausen geboren. Sein Vater hatte unter den Schrecknissen des siebenjährigen Krieges hart gelitten; Brand, Mißwuchs und Krankheiten waren hinzugekommen, sodaß er seinen Kindern Geld und Gut nicht hinterlassen konnte. Johann Daniel sollte nach[309] den Wünschen seines Vaters Wundarzt werden, seine Lehrer rieten ihm jedoch zum wissenschaftlichen Berufe, dem er dann auch folgte. Einige Gönner unterstützten ihn hierbei; als diese aber plötzlich starben, sah sich der Zwanzigjährige nur auf seine eigene Kraft angewiesen. Auf einer Reise nach Hannover kam er auch nach Hildesheim, wurde dort als Chorschüler des Andreanum-Gymnasiums aufgenommen und hielt sich mit Stundengeben über Wasser. Auf einer Wanderung nach Leipzig, 1786, stürzte er in Schafstedt bei Querfurt von dem Reisewagen und brach das linke Schlüsselbein; während der Kur machte er die ersten Versuche in der musikalischen Komposition, die ihm während der folgenden Studienjahre in Leipzig eine Quelle ausreichender Einkünfte wurden. Er studierte dort die Rechte; da er sich indes mit dem Fach nicht befreunden konnte, so nahm er 1788 eine Stelle als Hauslehrer bei einem Dr. Ellisen in Kiew (Rußland) an. Dort blieb er bis zum Jahre 1791, um dann seinen Wohnsitz nach St. Petersburg zu verlegen, wo er sich als Buchhändler etablierte. Er gründete am 26. März 1792 in St. Petersburg eine Buchhandlung und Musiknotenstecherei. 1793 associierte er sich mit seinem Freunde F. A. Dittmar, gab aber 1795 das Petersburger Geschäft auf und ging nach Gotha, wo er nur die Notenstecherei fortsetzte. Im nächsten Jahre siedelte er aus Gesundheitsrücksichten nach Hildesheim über, um sein Sortimentsgeschäft fortzuführen, wozu er im folgenden Jahre durch eine namhafte Summe das Buchhandelsprivilegium erwarb. 1807 übernahm Gerstenberg pachtweise auf 10 Jahre von dem Vorpächter J. C. L. Tuchtfeld die sogenannte »Ratsdruckerei«, deren Anfänge bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zurückreichen. –

1598 oder 99 errichtete der Magistrat der Stadt Hildesheim im Kloster der Vaterherren (Hieronymiten), das damals den Juden verpfändet war, vom Magistrat aber eingelöst wurde, eine Druckerei. Infolge Einspruches des Fürstbischofs räumte der Magistrat das Kloster wieder und verlegte die Druckerei in ein Nebengebäude des bereits 1550 säkularisirten Dominikanerklosters St. Pauli, wo 1601 Andreas Hantzsch zuerst wieder druckte. Das letzte mit seinem Namen bezeichnete Werk stammt aus dem Jahre 1609. Von 1618-1643 druckte Joachim Gössel, aus dessen Offizin im Anfange des 30-jährigen Krieges die erste Zeitung des Fürstentums Hildesheim hervorging. Gössels Erben setzten das Geschäft fort; sie druckten 1649 eine Hildesheimische Gerichtsordnung. 1650 erwarb die Druckerei Julius Geißmar (gest. 1652) dessen Witwe sie[310] 1656 an Erich Ramm abtrat. 1667 übernahm das Geschäft Jacob Müller, Sohn des Helmstedter Buchdruckers Henning Müller, von dessen Witwe es 1670 Johann Ludolf Ebel überkam. 1685 finden wir Michael Geißmar als Ratsbuchdrucker; bei ihm wurde von 1705-09 ein »Hildesheimer Relations-Courier« gedruckt (siehe weiter unten). Nach Geißmars Tode, 1726, wurde die Offizin nach dem Sacke in des Johann Andreas Matthäi Behausung verlegt, der den Verlag des Gesangbuches »Evangelischer Liederkern« fortsetzte. 1741 erscheint C. J. H. Harz als privilegierter Ratsbuchdrucker. Dieser veranstaltete 1741 den ersten von Dr. Owenus besorgten hildesheimischen Bibeldruck, der in 10 Jahren einen Absatz von 18000 Exemplaren fand. 1754 verkaufte Harz die Druckerei an den Magistrat der Altstadt Hildesheim, der sie dem lutherischen Waisenhause bestimmte, wohin sie nunmehr verlegt wurde. Von nun ab wurde die Altstädter oder Martini-Waisenhausbuchdruckerei von Faktoren verwaltet, bis sie wie oben berichtet, 1807 erstmals an Gerstenberg pachtweise, dann 1826 in Erbpacht gegeben wurde. 1807 erwarb Gerstenberg das Privilegium zur Herausgabe der Hildesheimer Stadtzeitung. Dieselbe war 1705 von dem Hamburger Buchdrucker Hermitz unter dem Titel »Hildesheimer Relations-Courier« gegründet worden; Hermitz wurde von dem Magistrat ein Privilegium zum »Zeitungs- und Avisendruck« erteilt, und ließ er erst in der Rats-Buchdruckerei (siehe oben) später in der eigenen Druckerei wöchentlich zweimal sein Blatt drucken und nannte es alsdann »Hildesheimische Stadtzeitung«. Sein Privilegium ging 1748 auf seinen Schwiegersohn Ch. L. Lüdemann und im Jahre 1763 auf dessen Sohn Chr. Ludwig Lüdemann über. Von diesem übernahm dann Gerstenberg das Blatt, vorerst auf 3 Jahre gegen eine Jahresabgabe von 30 Thalern; die Zeitung hatte damals 300 Abonnenten. Während der westfälischen Herrschaft hatte das Blatt häufig mit Zensurschwierigkeiten zu kämpfen, wurde auch auf kurze Zeit ganz unterdrückt. Seitdem aber 1815 Hildesheim Hannover angegliedert wurde, ist die »Hildesheimer Allgemeine Zeitung und Anzeiger« ohne Unterbrechung weiter erschienen. –

J. D. Gerstenberg starb am 7. Dezember 1841, das Geschäft übernahm sein ältester Sohn Constantin Gerstenberg (geb. 1794), der seinerseits die Firma 1854 seinen Söhnen Albert Gerstenberg (geb. 1825, gest. 1882) und Bruno Gerstenberg (geb. 1827, gest. 1899) überließ. Senator Albert Gerstenberg hat seine Arbeitskraft lange Jahre für das kommunale und politische Leben zur Verfügung gestellt. Von[311] seinen Mitbürgern zum Bürgervorsteher gewählt, bekleidete er lange Zeit auch den Vorsitz der Handelskammer; den Wahlkreis Hildesheim-Peine hat er nach der Annexion in zwei Sessionen im preußischen Landtag vertreten.

Auch mit Verlag beschäftigte sich die Firma Gerstenberg. Unter ihren etwa 400 Verlagsartikeln, unter denen sich eine Reihe Schulbücher befinden, sind hervorzuheben: Hübner, System des allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten, 1800; Beiträge zur Hildesheimschen Geschichte, 3 Bände, 1828-1830; Koken, Beiträge zur niedersächsischen Geschichte, 1833; Lüntzel, Geschichte der Diözese und Stadt Hildesheim, 2 Bände 1857; Wachsmuth, Geschichte vom Hochstift und Stadt Hildesheim, 1863; Holzer, Der Hildesheimer antike Silberfund 1880; G. Roemer, geolog. Verhältnisse der Stadt Hildesheim, 1883; der Gypsfußboden im Dome zu Hildesheim, 1886; Der 1000jährige Rosenstock am Dome zu Hildesheim, 1892; von Bodungen, Ueber Moorwirthschaft, 1880; Salfeld, Die Kultur der Heidflächen, 1882; C. Bittmann, Zur Entwicklung der deutschen Rübenzuckerindustrie, 1884; Doebner, Urkundenbuch der Stadt Hildesheim, 8 Bände, 1881-1901; Henning Brandis' Diarium, Hildesheimische Geschichten 1471-1528, herausgegeben von Ludwig Hänselmann, 1896, Fortsetzung herausgegeben von Buhlers, 1903; v. Brockdorff, Beiträge über das Verhältnis Schopenhauers zu Spinoza, 1900, und die Probleme der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung der Sinnenwelt, 1901; Ortsgesetze der Stadt Hildesheim, zusammengestellt von L. Götting, 1903; Die Stammtafeln des Geschlechts derer von Rössing, von August Freiherrn von Rössing, 1901 u.s.w.

Außer der politischen Zeitung giebt die Firma Gebr. Gerstenberg das »Evengelisch-lutherische Gesangbuch der Hannoverschen Landeskirche« und alljährlich einen Hannoverschen Kalender heraus. Außerdem erscheint in ihrem Kommissionsverlage der »Hannoversche Volksschulbote«, gegenwärtig im 46. Jahrgange.

Gegenwärtige Besitzerin der Firma ist eine Kommanditgesellschaft bestehend aus der Witwe des Senators Albert Gerstenberg, Louise geb. Einfeld und deren ältestem Sohne, Dr. phil. Albert Gerstenberg, als persönlich haftendem Gesellschafter.

Quellen: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1882, 1892; Verlagskataloge 1827, 1832, 1838, 1847, 1860; Unterhaltungsblatt zur Hildesheimischen Zeitung 1892; Dr. C. L. Grotefend, Geschichte der Buchdruckereien in den Hanoverschen und Braunschweig. Landen, Hannover 1840.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 2. Berlin/Eberswalde 1903, S. 309-312.
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