Hertz, Wilhelm

[431] Hertz, W. Wilhelm Ludwig Hertz, einer der hervorragendsten Berliner Verlagsbuchhändler, wurde am 26. Juni 1822 als Sohn eines Apothekers, der damals ein kaufmännisches Geschäft in Drogeriewaren in Hamburg betrieb, geboren. Er besuchte nach Absolvierung einiger Klassen einer höheren Knabenschule und der Cauerschen Anstalt in Charlottenburg das Friedrich-Werdersche Gymnasium in Berlin. Seiner Neigung nach wäre er gern Maler geworden. Mit 18 Jahren trat er als Lehrling in die Sortimentsbuchhandlung von Stange in Berlin ein, kam aber, da dieses Geschäft innerhalb Jahresfrist einging, zu Frommann nach Jena, um hier seine Lehre fortzusetzen. Es erscheint selbstverständlich, daß er in einem Hause, daß noch ganz erfüllt war von Erinnerungen an die Zeit, in der Deutschlands größter Dichter hier ein und ausging, und in dem er mit zur Familie gerechnet wurde, sich nicht allein wohl fühlte, sondern auch bestimmende Eindrücke für sein späteres Leben empfing (vergl. das Frommannsche Haus und seine Freunde 2. Aufl. Stuttgart 1889) neben einer tüchtigen fachlichen Bildung. 1844 wandte sich Hertz nach Hamburg und trat als Gehilfe bei Perthes, Besser & Mauke ein.

Drei Jahre später, 1847, erwarb Hertz die von G. Eichler 1829 gegründete und 1837 an Wilhelm Besser (geb. 1809, gest. 1848) übergegangene Berliner Sortiments-Buchhandlung (mit der Besser sein 1835 in Hamburg gegründetes Geschäft vereinigt hatte), für welche er nunmehr Bessersche Buchhandlung (W. Hertz) firmierte.

Den ersten Schritt zu selbständigem Verlage that er mit der Publikation von Usedoms Politischen Briefen, die Aufsehen erregten und guten Absatz fanden. Jetzt begann eine intensive, weit ausgebreitete Verlagstätigkeit, die Hertz mit seinem Verständnis für das Schrifttum zu verbinden wußte, in des Wortes wahrster Bedeutung, denn der Sortimenter wußte, daß der Name Hertz auf einem Buche ein Programm für ihn war. Als junger Student trat im Jahre 1850 Paul Heyse in Beziehung zum Hertzschen Hause, das sich zu einem Mittelpunkt eines vornehmen litterarischen Kreises, in dem z.B. K. von Schlözer, C. L. Bethmann u. a. verkehrten, entwickelte. Zwischen Heyse und Hertz knüpfte sich bald ein[431] Band inniger Freundschaft, das sich über 50 Jahre treu bewährte. Neben Heyses Werken in einer Gesamtausgabe von 29 Bänden erschien eine lange Reihe von Einzelausgaben, beginnend mit dem Jahre 1850. Th Fontane ließ neben einer Reihe von Romanen seine unvergleichlichen Schilderungen der Mark Brandenburg (4 Bände 1. Aufl. 1862) bei Hertz erscheinen; auf den Wanderungen Fontanes durch die Mark war Hertz oftmals sein Begleiter und fixierte in seinem Skizzenbuch, was Fontane mit der Feder beschrieb. – Durchblättern wir den Verlagskatalog, so finden wir aus dem Gebiete der schönwissenschaftlichen Litteratur eine Reihe glänzender Vertreter: Emanuel Geibel (Classisches Liederbuch, 6. Aufl. 1896); Gottfried Keller, der vorher bei zwei Verlegern, Vieweg und Göschen, nicht einschlagen wollte (gesammelte Werke, 10 Bände; nachgelassene Schriften, sowie Kellers Lebensbeschreibung, herausgegeben von Jakob Baechtold); Otto Roquette; Ad. Wilbrandt; Fanny Lewald; W. von Kügelgen (Jugenderinnerungen eines alten Mannes, 20. Aufl. 1900); Helene Böhlau; Oskar von Redwitz; Hans Hopfen. Zu ihnen gesellte sich Julian Schmidt mit seiner 5-bänd. Geschichte der deutschen Litteratur (1886-96); G. v. Loeper mit seinen Goetheschriften; Hermann Grimm mit seinen ästhetischen und kunstgeschichtlichen Forschungen (Goethe, 6. Aufl. 1899; Leben Michelangelos, 2 Bde., 8. Aufl. 1898; Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, 4. Aufl. 1890). Ueberaus reich sind Geschichts- und Memoirenwerke vertreten: Dr. L. Hahn (Geschichte des preuß. Vaterlandes, 25. Aufl. 1900); Fürst Bismarcks Leben, 5 Bde. 1878-1890; Ernst II, Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, Aus meinem Leben, 6. Aufl. 1889; B. G. Niebuhr; W. Wattenbach (Deutschlands Geschichtsquellen, 2 Bde., 6. Aufl. 1893/4); K. von Schlözer, L. v. Gerlach, Dr. K. Freiherr von Richthofen. Weiter ließen ihre Schriften bei Hertz erscheinen: die Juristen Dr. Fr. F. Stahl und F. Hch. Geffcken; der Orientalist Carl R. Lepsius (Totenbuch der Aegypter, 1862, sowie eine weitere Reihe Schriften betr. Aegypten); die Altphilologen Ernst Curtius (Altertum und Gegenwart, 3 Bände), Martin Hertz und Adolf Kirchhoff; die Theologen Rud. Stier, Dr. B. Weiß, J. A. Dorner; der Geologe J. Roth (und im Anschluß hieran nennen wir die »Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft« 1849 uff.). Hertz verlegte gute Uebersetzungen alter Klassiker: Aischylos (übersetzt von J. G. Droysen, 4. Aufl. 1884); Anakreon, Aristoteles Politik (übers. von Jacob Bernays) und ausländischer Dichtungen, namentlich Dante und Ariost, übersetzt von Gildemeister. Bei ihm erschien seit 1859 das Centralblatt für die[432] gesamte Unterrichtsverwaltung u.s.w. Insgesamt umfaßt sein Verlag mehr als 1000 Werke von teilweise ganz erheblichem Umfange. Vom Jahre 1854 bis 1880 gehörte Hertz dem Vorstande des Börsenvereins der deutschen Buchhändler an, 1879/80 als dessen erster Vorsteher. Hertz war Mitgründer der Korporation der Berliner Buchhändler und ist 29 Jahre in der Verwaltung des Vereins thätig gewesen. Viele Jahre verwaltete er das mühevolle Amt des Vorsitzenden des Unterstützungsvereins Deutscher Buchhändler und Buchhandlungsgehilfen in Berlin.

1875 nahm Hertz seinen Sohn Hans Adolf Hertz als Teilhaber in die Firma auf. Hans Hertz wurde am 17. 4. 1848 zu Berlin geboren, besuchte das Friedrich-Werdersche Gymnasium und widmete sich dann dem Kaufmannsstande. Nach einer kurzen Lehrzeit im Geschäfte seines Vaters ging er als Gehilfe nach Stuttgart, machte den Feldzug 1870/71 mit und konditionierte danach noch bei Seidel & Sohn in Wien und Mauke Söhne in Hamburg. Hans Hertz verstarb bereits am 15. 10. 1895, sodaß der Vater wieder das ganze Geschäft allein übernehmen mußte.

Nach dem am 5. Juni 1901 erfolgten Tode von W. Hertz ging der Verlag an die Erben über, die ihn im Herbst desselben Jahres an die J. G. Cottasche Buchhandlung in Stuttgart (s. d. Artikel) abtraten.

Litteratur: Adreßbuch für den deutschen Buchhandel 1902; Jahresbericht der Korporation Berliner Buchhändler 1900/01; Vossische Zeitung 1901; Bericht der Korporation Berliner Buchhändler 1901/02.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 3. Berlin/Eberswalde 1905, S. 431-433.
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