Wischnu [2]

Fig. 299: Wischnu
Fig. 299: Wischnu

[450] Wischnu, (Ind. M.), einer der höchsten indischen Götter, die zweite Person der indischen Dreieinigkeit: der Erhalter. Sein Cultus ist in Indien sehr[450] allgemein verbreitet; er ist das Alles durchdringende Wesen, die allgemeine Weltseele im Glauben seiner Verehrer. Unser Bild stellt diesen Gott, auf der Schlange Schecha liegend, vor. Sie hat sich in drei mächtige Ringe zusammen gerollt, einen Polsterthron bildend, und ihr fünffacher Kopf erhebt sich als Baldachin über dem Haupte des Gottes. Des Gottes Hauptschmuck ist pyramidal, und gleicht dem des Brama und anderer erhabener Götter: auf der Stirn trägt er drei weisse Striche, welche sich auf der Nasenwurzel zu einem Dreieck vereinigen, ein Symbol, das alle Bekenner seines Cultus tragen und täglich erneuern. Mit einer seiner Hände macht er das Zeichen der Beruhigung; in zweien andern Händen trägt er glänzende Edelsteine, wie er denn überhaupt sehr reich geschmückt ist. Ein langer Rosenkranz fällt ihm bis auf die Kniee herab. Seines Daseins höchster Zweck war die Beglückung der Welt, und zu dessen Erreichung hat er sich zehn Hauptverwandlungen unterworfen. - Die erste dieser Awataras (Verkörperungen) heisst Matsy awatara, d.i. W.'s Verkörperung als Fisch. Die Geschichte dieser Verwandlung ist unter Matsy awatara gegeben. - Ueber die zweite Verkörperung W.'s, als Schildkröte, s. man den Art. Kurma awatara. - In der dritten Incarnation, Wara awatara, rettete W., als Eber gestaltet, die Erde aus den sieben unterirdischen Welten (Patukas), wohin sie, in ein Blatt zusammengerollt, der furchtbare Riese Heraunhi Aksana geborgen hatte. Es ist diess wahrscheinlich ein Symbol der Urbarmachung der Erde nach einer Sündfluth; dem Eber werden Feuerzeichen beigelegt, weil Wasser und Feuer, oder Feuchtigkeit und Wärme, in Kampf und Verbindung mit einander das Feste hervorbringen. - W.'s vierte Verkörperung, Narasinha awatara (als Mensch-Löwe), geschah zur Bekämpfung eines Frevlers, der ihn und seine Macht geläugnet. Nachdem nämlich zwei Genien, die den Götterpalast hüteten, sieben heilige büssende Braminen (Maharschi) beleidigt, hatte einer der beiden bösen Genien sich zur Sühne allen möglichen Selbstpeinigungen unterworfen, war büssend von Stufe zu Stufe, und endlich, während 50 Millionen Jahren, zum Obersten aller bösen Geister gestiegen. Darauf, von Brama zum Herrscher des Weltalls gemacht, ward er übermüthig, denn ihm war Unverwundbarkeit vor Menschen und Thieren, selbst vor Götterhänden, Sicherheit im Himmel und auf Erden, bei Tag und Nacht, verliehen worden. Desshalb geschah auch weder von Gott, noch von Menschen, noch von einem Thiere, sondern von W. als Mensch-Löwe, als Halbthier, des Riesen Bezwingung; auch erfolgte sie weder bei Tag, noch bei Nacht, sondern in der Dämmerung, auch nicht in und nicht ausser dem Hause, sondern auf der Schwelle; des bösen Genius Sohn hatte, ein eifriger Verehrer W.'s, den Vater von dessen Allgegenwart zu überzeugen gesucht, dieser, ihn verspottend und dieselbe läugnend, hatte zum Beweise mit dem Schlachtbeil eine Granitsäule gespalten, fragend, ob W. auch dort sei. Da sprang nun W. in der schrecklichen Gestalt des Löwenmannes heraus und riss dem Frevler die Eingeweide aus dem Leibe, ihn damit erwürgend. - Wumana awatara ist die fünfte Verkörperung des W., in der Gestalt des Bramen oder Lingamzwerges. Der Riese Bali, ein Feind der Götter, lebt im Kampf mit diesen. Als bramanischer Zwerg erscheint W. vor ihm und bittet ihn um drei Fuss breit Landes, um daselbst den Göttern opfern zu dürfen; der Riese verspricht, die Bitte zu erfüllen, da nimmt der Gott seine Göttergestalt an, bedeckt mit einem Fuss die ganze Erde, mit dem andern den ganzen Raum zwischen Himmel und Erde, und wieder mit dem ersten tritt er des Riesen Kopf in die Patalas (Unterwelt). - Es folgt nun die sechste Verwandlung, Parashurama. In dem zweiten der vier Weltalter der Indier lebte ein heiliger Bramine. Dschamadagni, welchem Indra, der Sonnengott, die himmlische Kuh Kamdewa, zur Obhut übergehen hatte. Eines Tages hatte sich Kartawirya (oder Schawkawser), ein mächtiger König, auf der Jagd verirrt und kam zu des Einsiedlers Wohnung, welcher ihm, mit Hülfe der heiligen Kuh, ein glänzendes Fest veranstalten konnte. Verwundert über dessen Pracht, ward dem König der gewünschte Aufschluss, indem der Einsiedler ihm die Kuh zeigte, deren sich Kartawirya mit Bitten, und endlich mit Gewalt zu bemächtigen suchte. Parashurama, der Sohn des Dschamadagni, eilte hinzu, um dem Vater beizustehen, und es begann ein Kampf, welchen die übernatürliche Kraft des Königs lange zweifelhaft machte, bis er doch endlich besiegt und getödtet wurde, worauf Parashurama ihm den Kopf abschnitt. Jetzt begann ein langer Krieg zwischen der Kriegerkaste, welcher der König angehörte, und der zahlreichen Braminenfamilie des Einsiedlers, welcher dadurch beendigt ward, dass Parashurama in einundzwanzig Schlachten die ganze Kaste, vom jüngsten Kinde bis zum ältesten Greise, ausrottete, und die Besitzungen derselben den Braminen überwies; allein diese selbst verstiessen den durch so viel Blutvergiessen seiner Heiligkeit Beraubten aus der Braminenkaste; er zog sich auf den Berg Gotarna Malai, oder Hi-Malai zurück, welcher, hoch im Innern von Indien gelegen, vom Meere bespült ward. Parashurama bat den Gott des Meeres, ihm ein Stück Landes abzutreten, so weit, als ein Pfeil von seinem Bogen fliegen würde; zu spät ward er durch den heiligen Büsser Narada in Kenntniss davon gesetzt, dass Parashurama eine Verkörperung, eine Menschwerdung des W. sei, und dass sein Pfeil über die Grenzen des Oceans hinwegfliegen würde, ihn durch sein unbesonnenes Versprechen des Reiches beraubend. Der Gott der Wellen sandte eine weisse Ameise, einen Termiten, ab, um die Bogensehne W.'s zu zernagen, damit sie reisse, wenn derselbe den Bogen spannen wolle; es geschah, allein die abgeschnittene Bogensehne hatte noch so viel Kraft, um den Pfeil bis zum Cap Comorin zu schnellen, bis auf welches der Ocean sogleich den Boden verliess. Die vom Wasser geräumte Küste wurde Malaiam oder Malabar genannt, d.h. Fuss des Malai, weil sie zu Füssen des Gebirges Malai (Hi-Malai oder Himalaya) liegt. - Rama awatara war die siebente Verkörperung des W., welche dem Wechselreich der Priester und der Krieger ein Ende macht. Rama, oder Ramatschandra, oder Schri-Rama, war ein gewaltiger Held, berühmt durch die Eroberung von Ceylon und eine Menge grosser Thaten. Er befestigte die Herrschaft der Krieger und rettete die Welt aus ihrem Zwiespalt. Er ward in der uralten Stadt Ayodhya geboren; mit einem Heer von Pavianen oder Waldmenschen, deren Anführer Hanumat war, durchzog er Indien; die Affen bauten ihm aus mächtigen Felsstücken eine Brücke von der Spitze der Halbinsel nach Ceylon; die Trümmer davon sind noch zu sehen, sie heissen Rama's Brücke, woraus die Portugiesen Adamsbrücke gemacht haben. Das Gedicht Ramayana von Walmiki erzählt des Gottes Thaten; sie sollen eine so auffallende Aehnlichkeit mit den Zügen des Bacchus nach Indien haben, dass man glaubt, die Dionysien des Nonnus seien nur eine Copie des Ramayana. - Ueber die achte Awatara siehe Krischna. - Die neunte war diejenige, in welcher er als Buddha erscheint. - Die zehnte Verkörperung des Gottes ist diejenige, welche jetzt erwartet wird: Kalenki awatara: ein edles Gottross, von einem himmlischen Führer geleitet; es hilft sich durch seine Flügel fort, denn es steht nur auf drei Füssen und hat den vierten stets erhoben; es erscheint auf der Erde nur, um diesen vierten Fuss niederzusetzen und damit die ganze Erde zu zermalmen, worauf sie untergeht und einer neuen, schöneren Schöpfung Platz macht. Bis dahin schläft W., auf dem Milchmeer schwimmend, auf dem zusammengerollten Ringe der fünfköpfigen Schlange. - Vor mehreren Jahren machte ein ungestalteter Cretin mit schrecklich grossem Kopfe, dem eines Rosses sehr ähnlich, viel Aufsehen in Indien, weil er für diese letzte Verkörperung W.'s gehalten wurde; dazu war er wahnsinnig, was die Achtung vor ihm noch sehr vermehrte, denn in Asien, von der Türkei angefangen, gelten Verrückte für gottbegeisterte Heilige. Die brittische Regierung hob den Menschen auf und verwahrte ihn in einem Hospital, und seit dieser Zeit hat man die gefürchtete zehnte Erstehung W.'s wieder vergessen.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 450-451.
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