1. As (wenn) man schert die Schäfalech, zittern die Lämelech. (Jüd.-deutsch. Brody.)
Wenn man die Schäfchen schert, zittern die Lämmchen.
2. Ein vorwitziges Schäfchen frisst der Wolf.
Frz.: Brebis mal gardée du loup est tost happée. (Masson, 361.)
3. Schäfchen am Himmel und ein geschminktes Gesicht dauern beide nicht lange.
Frz.: Tems moutonné et femme fardée ne sont pas de longue durée.
4. Wenn Schäfchen am Himmel stehen, kann man ohne Schirm spazieren gehen.
Anders in Südeuropa, wo unsere Windwolken die Form der Schäfchen anzunehmen scheinen; daher die Regel: Brebis, qui paraissent is cieux font temps pluvieux ou venteux. Schon Virgil und Aratus hielten die vellera lanae für Anzeichen des Regens. (Vgl. Dove, Witterungsverhältnisse, Berlin 1842, 22.)
Engl.: If woolly fleeves strew the heavenly way, be sure no rain disturb the summer day.
*5. Er hat sein Schäfchen aufs Trockene (Grüne) gebracht. (S. ⇒ Pfeife 42 und ⇒ Schnitt.) – Blum, 348; Eiselein, 543; Simrock, 8821; Körte, 5213a; Frischbier2, 3240; Braun, I, 3755.
»Er hat seine Schaffe aufs Trockene bracht.« (Mathesy 70a.) Bei vorhandener Gefahr hat er sich und das Seinige gerettet, in Sicherheit gebracht; er hat so viel erworben, als zu seinem anständigen Bestehen erforderlich ist. Der Hamburger sagt: »Ha hett syne Saken upt Dröge bracht.« Damit will er aber im Gegensatze der obigen hochdeutschen Redensart sagen: »Er hat das Seine verthan.« Dr. Eckstein im Feuilleton der Schlesischen Zeitung, 1872, Nr. 306, behauptet, es müsse heissen: Er hat sein Schiffchen ins Trockene gebracht, es sei nur die ungenaue Uebersetzung einer ursprünglich niederdeutschen Redensart: sin schepken = sein Schiffchen. Auf diese Ableitung hat schon Eiselein hingewiesen; da im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen Scef und Schef = Schiff (navis) bedeuten, bemerkt er, »könne man versucht werden, das ›Schäflein‹ der sprichwörtlichen Redensart für ›Scheflein‹ oder ›Scheflin‹ zu halten und dem Sprichwort den passenden Sinn des lateinischen: Naves in valo sunt; Res omnis in vado est, beizulegen.« Allein er setzt auch gleichzeitig hinzu, dass sich dawider der altherkömmliche Begriff, den man mit der Redensart überall zu verbinden pflege, auflehne; man habe vielmehr ejne rhetorische Figur anzunehmen, nach der das Ganze für den Theil gesetzt ist und der Sinn sei: Er hat sein Schäflein geschoren und die Wolle ins Trockene gebracht, eine Auslegung, der auch die lateinische Redensart: De lana cogitat sicca (Binder II, 705) entspricht. Mir scheint aber auch diese Verbindung gar nicht nothwendig, da die Redensart: Er hat sein Schäfchen geschoren und: Er hat sein Schäflein im Trockenen, sich einzeln viel einfacher erklären lassen, ohne erst altdeutsche Weisheit hinein zu verflechten. Sobald es Regen droht, will der Schäfer mit seiner Heerde ins Trockene, weil die Schafe, ohne Schaden zu nehmen, keine Nässe vertragen. Wer seine Schafe im Trockenen hat, hat sein Vermögen sichergestellt. Und wer seine Schäfchen geschoren hat, der hat seinen Vortheil, seinen Gewinn gezogen.
Frz.: Il s'est mis à l'abri de la plui. (Kritzinger, 544a.)
Holl.: Hij heeft zijne schaapjes op het drooge. (Harrebomée, II, 239a.)
Lat.: In portu navigo. (Terenz.) (Binder II, 1460.) – In vado omnis res est. (Terenz.) (Philippi, I, 208.) – Rem tutari. (Philippi, II, 154.)
*6. Er hat sein Schäfchen dabei geschoren. – Klix, 80.
Er hat seinen Gewinn gemacht.
Frz.: Il a bien plu dans son ecuelle. (Masson, 17.) – Il a du foin dans ses sabots. (Lendroy, 1339.) – Il a fait danser l'anse du panier. – Il a fait sa pelote (sa vendange, son août). – Il a fait ses choux gras. (Kritzinger, 144b.) – Il en a tiré de bonnes nippes. – Il s'est bien emplumé. – Il pond sur ses oeufs.
Holl.: Hij weet zijne schaapjes te scheren. (Harrebomée, II, 239a.)
[70] *7. Er weiss seine Schafchens zu scheren. – Frischbier2, 3241; Hennig, 223.
Versteht seinen Vortheil, weiss es am rechten Ende anzugreifen, um seinen Beutel zu füllen.
*8. He gêt sinem Schäpken na. – Dähnert, 399b.
Er ist gern bei dem Mädchen, das er liebgewonnen hat.
*9. He wêt sin Schöpken got to scheren. (Mecklenburg.) – Frommann, II, 223; Eichwald, 1641; Dähnert, 399b.
Er weiss einen Schnitt zu machen. Auch von Sporteln und dergleichen Einnahmen gesagt.
*10. Hei hädd sin Schöppkes in 't Dröge. (S. ⇒ Karren 79.) (Kleve.) – Firmenich, I, 382, 10; Bagel, 55; ostfriesisch bei Eichwald, 1642; Bueren, 533; Kern, 829; Stürenburg, 210b; Hauskalender, II.
11. Je weisser die Schäfchen am Himmel gehn, je länger bleibt das Wetter schön. – Payne, 29.
12. Lassen sich Schäfchen am Himmel sehn, wir schönem Morgen entgegengehn.
It.: Il ciel pecorin, promette un bel mattin. (Giani, 357.)
[1697] 13. Schäfchen, die hoch am Himmel weiden, immer nur gute Tage bedeuten. – Egerbote, 1876, Mai.
14. Wenn in Schäfchen der Himmel sich hüllt ein, wird abends oder morgens Regen sein.
It.: Aria pecorina se non piove la sera, piove la mattina. (Giani, 358.)
15. Wenn wir Schäfchen am Himmel entdecken, füllen sich die Wasserbecken.
It.: Cielo a pecorelle, acqua a catinelle. (Giani, 358.)
Buchempfehlung
Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica
746 Seiten, 24.80 Euro
Buchempfehlung
1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.
396 Seiten, 19.80 Euro