Die Horatier

[462] Die Horatier, ein merkwürdiges Dreiblatt in der Geschichte der Römer. Diese waren in einem Streite mit den Albanern begriffen, und sie kamen zuletzt überein, durch einen Zweikampf das Schicksal der einen oder der andern Parthei entscheiden zu lassen. Zufälligerweise gab es – so erzählt wenigstens Dionysius von Halikarnaß – zwei Schwestern, deren Eine an einen Römer, die Andere an einen Albaner verheirathet war, und von welchen jede zu Einer Zeit drei Söhne geboren hatte. Diese wählte man jetzt um so eher zu Kämpfern, und dies waren denn von Seiten der Römer die Horatier, und von Seiten der Albaner die Curiatier. Eine große Ebene zwischen beiden Heeren wurde zum Kampfplatz gewählt. Lange blieb der Sieg zweifelhaft, denn beide kämpften mit gleicher Tapferkeit. Jetzt fielen zwei der Horatier, und schon jubelten laut die Feinde, als der Eine noch übrige und unverwundete Horatier zum Schein die Flucht ergriff: die mehr oder weniger verwundeten drei Curiatier konnten nur, je nachdem es ihre Wunden erlaubten, einzeln und getrennt [462] ihm nachfolgen, und so gelang es ihm, dem nicht Verwundeten, einen nach dem andern zu erlegen, und seinem Vaterlande den Sieg und die Oberherrschaft über Alba zu verschaffen. Mit den Waffen der Ueberwundenen kehrte dieser Horatier nach Rom, gleichsam im Triumphe zurück; aber hier war es, wo er seine Helbenthat aus Uebereilung wieder befleckte. Seine Schwester, die Verlobte von einem der erlegten Curiatier, brach bei dem Anblick jener Waffen in Verzweiflung und in die härtesten Vorwürfe gegen den Mörder ihres Verlobten aus, und er – ermordete sie im Zorn auf der Stelle. Wegen dieser That wurde er zum Tode verurtheilt, allein auf Vorstellung des Vaters, der die beiden andern Söhne fürs Vaterland eingebüßt hatte, wurde zwar das Todesurtheil aufgehoben, der Verbrecher aber verurtheilt, unter das Joch (eine der schimpflichsten Stafen – s. d. Art. Jugum in den Nachtr.) hinwegzugehen, und dadurch zugleich für ehrlos erklärt. Jenes Joch blieb auch auf der Stelle, wo die Strafe vollzogen wurde, zum immerwährenden Andenken stehen, und führt den Namen: Sororium Tigillum.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 7. Amsterdam 1809, S. 462-463.
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