Bibelübersetzungen

[68] Bibelübersetzungen. An der Spitze der deutschen Bibelübersetzungen steht die gotische des Bischofs Ulfilas, gest. 388; zur osteuropäischen Kirche gehörend, die ihren Völkern den Gebrauch der eigenen Sprache immer zuliess, konnte der gotische Bischof sein Missionsgeschäft mit einer Bibelübersetzung krönen; nach einer alten Nachricht soll er die ganze Bibel übersetzt haben, die Bücher der Könige ausgenommen, die er ihres kriegerischen Geistes wegen für die Goten gefährlich erachtete. Erhalten sind aus dem alten Testament wenige Bruchstücke aus Esra und Nehemia, aus dem neuen Testament grössere Teile der Evangelien, der Briefe an die Römer, Korinther, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus und Philemon. Die Übersetzung legt einen griechischen Text zu Grunde mit Spuren des lateinischen. Neueste Ausgabe von Bernhardt, Halle 1875. Eine altd. Übersetzung der Bibel oder auch nur des neuen Testaments giebt es nicht; dagegen hat man seit dem 8. Jahrh., abgesehen von poetischen Bearbeitungen biblischer Bücher, wie Heliand und Otfrieds Evangelienbuch, Bruchstücke einer Übersetzung des Evangeliums Matthäi und eine vortreffliche Übersetzung von Tatians (Ammonius) Evangelienharmonie, die an der Fuldaer Klosterschule entstanden ist. Die Psalmen des St. Gallischen Mönches Notker Labeo um 1000 und sein verlorener Hiob[68] sind wie das Hohe Lied des Fuldaer Mönches Williram nicht bloss Übersetzung, sondern Kommentar zugleich. Die höfische Zeit hat, abgesehen von gereimten Bearbeitungen, fast nichts auf diesem Gebiete geleistet, erst das 14. Jahrh. kennt wieder eigentliche Bibelübersetzungen, doch noch lange ohne eingreifende Wirkung. Als erster Bibelübersetzer wird 1343 ein Matthias von Beheim, Mönch zu Halle, genannt. Der Buchdruck förderte solche Werke, und bis zum Jahre 1518 kennt man 14 in hochdeutscher Sprache erschienene Bibelübersetzungen, sämtlich in Folio, die vier ersten ohne Ort und Jahr, nämlich 1) Mainz, J. Fust und P. Schöffer, 1462 (?), Strassburg, H. Eggesteyn um 1466 (?). 2) Strassburg, J. Mentel um 1466. 3) Augsburg, Jod. Pflanzmann um 1475. 4) Nürnberg, Frisner u. Sensenschmid um 1470. 5) Augsburg, o.J. um 1470, Günther Zainer. 6) Augsb. 1477, Günther Zainer (?). 7) Augsburg, Anton Sorg 1477. 8) Augsburg, Anton Sorg 1480. 9) Nürnberg, Ant. Koburger 1483. 10) Strassburg 1485. 11) Augsb. Hans Schönsperger 1487. 12) Augsb. H. Schönsperger 1490. 13) Augsb. Hans Otmar 1507. 14) Augsb. H. Otmar 1518. Siehe Joh. Kehrein, Zur Geschichte der deutschen Bibelübersetzung vor Luther, Stuttg. 1851. Allen diesen Übersetzungen lag die Vulgata zu Grunde; die Üebertragung ist überall ein und dieselbe und hat in ihren verschiedenen Teilen sehr verschiedenen Wert. Erst Luther baute auf den hebräischen und griechischen Urtext. Er beginnt 1517 mit den sieben Busspsalmen, denen andere kleine Stücke, Vater unser, 10 Gebote und dgl. folgen. Erst 1521 fasste Luther den Plan, die ganze Bibel zu verdolmetschen; 1522 erschien zu Wittenberg das neue Testament in Fol. mit Holzschnitten, ohne Angabe des Druckers (Melch. Lotther), der Jahrzahl und des Übersetzers, im gleichen Jahre eine zweite Auflage mit Drucker und Jahrzahl, 1523 erschien der erste Teil des alten Testaments, 5 Bücher Mose, 1532 mit den Propheten der Schluss; die ganze Bibel 1534 bei Hans Lufft in Wittenberg in 6 Teilen. Für die zahlreich folgenden Ausgaben verbesserte Luther stets wieder; besonders mit Unterstützung seiner Freunde Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Cruziger, Aurogallus und Rörer kam die zweite Hauptausgabe 1541 zu Stande. Die letzte Ausgabe Luthers, welche die Grundlage der spätern Lutherschen Bibelübersetzungen ist, stammt aus 1544 und 1545. Originalausgaben des neuen Testaments, alle zu Wittenberg, bis um 1527 bei Melch. Lotther, dann bei Hans Lufft, gest. 1584, gedruckt, erschienen von 1522–1523 16, Nachdrücke 54, zu Augsburg 14, Strassburg 13, Basel 12, ähnlich die übrigen Teile und später die ganze Bibel. Die Verzögerung der Lutherschen Bibel veranlasste auch kombinierte Bibeln, darunter die Wormser 1529 mit den Propheten von Ludwig Hetzer und Hans Denck, und die Züricher bei Christoffel Froschauer, mit lutherischem Text, soweit er vorlag, und fremdem für die noch fehlenden Stücke. Siehe Mezger, Geschichte der deutschen Bibelübersetzungen in der schweizerisch-reformierten Kirche, Basel 1876. Die Grundsätze, nach denen Luther verdolmetschte – übersetzen ist erst später aufgekommen – findet man in seinem Sendschreiben über das Dolmetschen 1530 und in der Schrift Von Ursachen des Dolmetschen 1531. Parallel mit der Lutherschen Übersetzung geht bloss die Zürcherische von Leo Jud, als ganze Bibel zuerst 1530 bei Christoffel Froschauer. Die ersten katholischen Übersetzungen sind das neue Testament von Hier. Emser, Dresden 1527, die Bibel von Dr. Eck, Ingolstadt 1537, und diejenige des Dominikaners J. Dietenberger,[69] Mainz 1534; überarbeitet erscheint sie später unter dem Namen katholische Bibel. Von spätern deutschen Bibelübersetzungen sind besonders erwähnenswert: Die Berleburger Bibel, 1726–39 in Berleburg, westfälischer Bezirk Arnsberg, von J.F. Haug und a., erschienen, in der Absicht, den mystisch-schwärmerischen Bestrebungen der Zeit biblischen Grund und damit Ansehen zu verschaffen, ohne zweite Auflage, und die Wertheimer Bibel, Wertheim 1735, von Joh. Lorenz Schmidt, wovon nur die fünf Bücher Mosis gedruckt worden sind, im Dienste der nacktesten Freidenkerei abgefasst; siehe Hettner, Lit. Gesch. III. Erstes Buch, Abschnitt 2. Über deutsche Bibelübersetzungen überhaupt Fritzsche, in Herzogs Realencykl.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 68-70.
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