Winde und Weltgegenden

Winde und Weltgegenden

[1085] Winde und Weltgegenden in der Kunst. Das Altertum gab den Winden volle Persönlichkeit und erwies ihnen göttliche Verehrung; in Bildwerken erscheinen sie ungeflügelt oder mit Flügeln versehen, teils in ganzer Figur, teils nur mit halbem Leibe sichtbar; gern blasen sie auf einer Muscheltrompete, wobei sie, um den ausgehenden Windstoss einen Rückhalt zu geben, die Hand an das Hinterhaupt legen; selten und spät ist die Vorstellung der Winde als Köpfe, aus deren Munde Strahlen hervortreten. Die christliche Kunst stützte sich bei der Verwendung der Winde auf den Vorgang der heiligen Schrift, namentlich bei der Fahrt Christi auf dem galiläischen Meer, wo er den Wind und das Meer bedrohte, aber auch bei anderm Unwetter, z.B. als Jonas ins Meer geworfen wurde. Zu einer höhern Auffassung erhebt sich die Darstellung der Winde, wenn bei den letzten Dingen die vier Winde erscheinen, Offenb. 7, 1, gleichwie bei der Weltschöpfung die vier Weltgegenden vorgestellt worden sind; aus diesen wehen nach der Anschauung des alten Testamentes die vier Winde. Das christliche Mittelalter hat die Winde meist bloss durch einen Kopf dargestellt, von dessen Munde ein Hauch ausgeht, selten durch Tierköpfe. Als Naturerscheinung kommen die vier Winde zur Darstellung in deutschen Kalendern seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, so zwar, dass an die Erklärung ihrer Eigenschaften und ihres Einflusses auf den Körper sich die Ermahnung knüpft: »und also wenn die Winde kommen, so mag sich ein jeder darnach halten;« der dazu gehörende Holzschnitt stellt die Winde als blasende Köpfe dar, in einem Kreise angebracht.

Die Winde dienen auch zur Veranschaulichung der Weltgegenden, sowohl im alten Testament als im klassischen Altertum. Doch hat das letztere die vier Winde durch Hinzufügung der Zwischenwinde auf eine Windrose von acht oder von zwölf Winden erweitert. Auf das Mittelalter ging die 12 strahlige Windrose über, mit folgenden Namen: (Siehe folgende Seite.)

Es sind dieselben Winde, für welche Karl d. Gr. nach dem Leben Einhards deutsche Namen aufstellte: und zwar nannte er den Subsolanus: ostroniwint, den eurus ostsundroni, den euroauster sundostroni, den auster sundroni, den austroafricum sundwestroni, den africus westsundroni,[1085] den zephyrxts westroni, den eurus westnordroni, den circius nordwestroni, den septemtrio nordroni, den aquilo nordostroni, den vulturnus ostnordroni. Andere einfache Windnamen im Altdeutschen sind nach Grimm Grammatik III. 390 altn. byr; pîsa für den scharfen Nordwind, noch schweizerisch als bîse erhalten. Die Weltgegenden wurden übrigens im Mittelalter nicht bloss durch die Winde, sondern auch unmittelbar persönlich dargestellt, in halber Figur, verschiedenfarbig bekleidet. Piper, Mythologie der christl. Kunst II. S. 433–474.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 1085-1086.
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