Egoismus

[159] Egoismus (nlt. und franz. v. lat. ego = ich) heißt eigentlich Ichtum, Selbstsucht, Eigennutz. Man kann einen doppelten Egoismus unterscheiden, den theoretischen und den praktischen. Der theoretische Egoismus, jetzt gewöhnlich Solipsismus genannt, ist die Lehre, daß nur das eigene Ich existiere, und daß die übrige Welt nur Vorstellung des Ichs, Phänomen für dasselbe sei. Ein solcher Standpunkt ist z.B. die logische Konsequenz des Immaterialismus von Berkeley (1685 bis 1753), der das Sein im Wahrgenommenwerden bestehn läßt (esse = percipi), obwohl Berkeley selbst diese Theorie nicht konsequent durchgebildet hat (siehe Liebmann, Analysis der Wirklichkeit, 1876, S. 19ff.); ein solcher Standpunkt ist auch die Konsequenz der Lehre Fichtes (1762-1814), soweit das Fichtesche Ich als persönliches Einzel-Ich gefaßt wird. Goethe läßt im Faust II, 2 den Baccalaureus Mephistopheles gegenüber den sich zum Egotheismus steigernden Gedanken des Solipsismus vertreten: »Die Welt sie war nicht, eh' ich sie erschuf; die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf; mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf; da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen, die Erde grünte, blühte mir entgegen« usw. Aller theoretischer Egoismus hat aber etwas Unpraktisches, im Leben Undurchführbares an sich. – Der praktische Egoismus ist nach Kant (Anthropologie § 2) ein dreifacher, der logische, ästhetische und moralische. »Der logische Egoist hält es für unnötig, sein Urteil auch am Verstande anderer zu prüfen.« »Der ästhetische Egoist ist derjenige, dem sein eigener Geschmack schon genügt.« »Der moralische Egoist (ist) der, welcher alle Zwecke auf sich selbst einschränkt,[159] der keinen Nutzen worin sieht, als in dem, was ihm nützt auch wohl als Eudämonist bloß im Nutzen und der eigenen Glückseligkeit, nicht in der Pflichtvorstellung, den obersten Bestimmungsgrund seines Willens setzt. Denn weil jeder andere Mensch sich auch andere Begriffe von dem macht, was er zur Glückseligkeit rechnet, so ist's gerade der Egoismus, der es so weit bringt, gar keinen Probierstein des echten Pflichtbegriffs zu haben, als welcher durchaus ein allgemein geltendes Prinzip sein muß. Alle Eudämonisten sind daher praktische Egoisten.« Den moralischen, rücksichtslosen Egoismus meinen wir im allgemeinen, wenn wir das Wort Egoismus gebrauchen. Vom Egoismus ist zu unterscheiden die Selbstliebe. (Siehe Selbstliebe und Eigenwert.) Dem Egoismus entgegengesetzt ist der Altruismus (s. d.) oder Tuismus (s. d.) oder nach Kant der Pluralismus (s. d.).

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 159-160.
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