Langeweile

[321] Langeweile ist das Gefühl der Unlust, welches von außen her aus mangelhafter Beschäftigung, von innen her aus der Bewußtseinsleere entspringt. Unser Bewußtsein bedarf im wachen Zustande des Inhalts und der Betätigung. Wenn wir mit etwas zu tun haben, sei es mit einer Arbeit, sei es mit einem Spiel, so hat unser Bewußtsein Beschäftigung von außen her, und wir merken nichts von der Zeit. Haben wir dagegen nichts zu tun und hat unser Bewußtsein auch in sich selbst nichts, womit es sich beschäftigt, so empfindet es die Gegenwart als nichtig. Ähnliches geschieht, wenn auch in geringerem Grade, wenn unser Bewußtsein zwar nicht unbeschäftigt ist, aber die ihm gebotene Anregung nicht genügt. Zwei Gründen entstammt daher die Langeweile, wenn sie von außen kommt: entweder dem Mangel an jeder uns anregenden Beschäftigung, oder der Langsamkeit und Eintönigkeit der Vorstellungen, die sich der forteilenden Erwartung darbieten. Außerdem erwächst sie aber aus der Leerheit des Seelenlebens von innen her. Vermindert wird sie durch angeborne Lebendigkeit und phlegmatisches Temperament. Minder entwickelte Tiere, das Kind in der ersten Lebensperiode, der Wilde langweilen sich nicht, während sich das heranwachsende, nicht genügend beschäftigte und noch nicht viel selbst denkende Kind oft langweilt; daher hat Helvetius scherzhaft gesagt, der Mensch unterscheide sich dadurch vom Affen, daß er sich langweilen könne. Dagegen ist es ein Zeichen von geistiger Regsamkeit und innerer Selbsttätigkeit, also die Norm bei dem gebildeten Erwachsenen, sich überhaupt nicht zu langweilen. In der Ethik Schopenhauers (1788 bis 1860) spielt der Begriff der Langweile bei der Begründung des Pessimismus eine Rolle. Der Wille strebt nach einem. Glück, das ihm stets versagt bleibt, und gelangt, zwischen Not und Langweile hin und her geworfen, nie zur Befriedigung. Daher bleibt als einziges ethisches Ziel die Verneinung des Willens[321] zum Leben. Vgl. Nahlowsky, d. Gefühlsleben. § 12. 2. Aufl. 1884. Kant, Anthropol. § 57. Drobisch, Empir. Psychol. § 61. J. E. Erdmann, Ernste Spiele. 2. Aufl. Berl. 1870.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 321-322.
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