Als ich ein Kind war

[78] 1811.


Als ich ein Kind war,

Was sah ich für Farben!

Himmlische Schimmer

Glänzten im Abendschein,

Glänzten im Morgenrot,

Und wann der Schlaf sanft

Einwiegte die Äuglein,

Gingen nicht Sonnen und Sterne

Dem träumenden Seelchen

Auf? Götterlichter,

Ach! der himmlischen Heimat

Selige Spiegel?


Als ich ein Kind war,

Was fand ich für Blumen!

Nicht bloß die blauen

Lieblichen Veilchen,

Nicht dich, rote Rose,

Blumenkönigin allein,

Nicht euch, ihr schneeweißen

Unschuldskinder, Lilien, allein –

Ach! noch zehntausend

Andere und andere

Schöner und duftender

Blühten da auch hier unten.

Wo sind sie blieben?
[78]

Als ich ein Kind war,

Was hatt' ich für Gespielen!

War nie allein

Einsam im grünen Wald,

Einsam im Felde.

Wer warst du, bunte Blume?

Wer du, kleines Bäumchen?

Und du, in den Zweigen

Singendes Vöglein?

Waret ihr nicht Engel

Freundliche Engel Gottes,

Mitfühlend, mitspielend?

Ach! du, die so schön war,

Junge lebendige Welt,

Wo gingst du hin?


Als ich ein Kind war,

Was hatt' ich für Träume!

Kann ich es nennen,

Was Namen nicht hat?

Kann ich euch zeigen,

Unvergängliche Bilder

Himmlischer Schönheit?

O meine Sehnsucht

Kennet euch noch und die nimmer

Rastende Liebe.


Himmlischer Vater,

Du, der uns alle

Seine Kinder nennet,

Dessen Geisteratems

Gebilde wir sind,

O mache mich wieder

Wie ein unschuldiges Kind!

Ach! nur ein Lallen,

Ein leises Stammeln

Jener Gefühle!

Jener Kinderspiele!

Nur einen Schimmer

Jener Gestalten!

Einen Ton jener Klänge!

O warum blieb ich

Nicht ewig ein Kind?

Quelle:
Ernst Moritz Arndt: Werke. Teil 1: Gedichte, Berlin u.a. 1912, S. 78-79.
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