Die Brille

Die Brille

[158] Des Mittags, als es zwölfe war,

Setzt sich zu Tisch der Herr Aktuar.


Die Brille

Er schaut bedenklich, ernst und stille,

Die Suppe an durch seine Brille.
[158]

Die Brille

Und durch die Brille, scharf und klar,

Entdeckt er gleich ein langes Haar.


Die Brille

»Nun!« – sprach die Frau – »das kann wohl mal passieren!

Hast du mich lieb, so wird's dich nicht genieren!«
[159]

Die Brille

Er aber kehrt sich schleunigst um

Und holt die Flasche, die voll Rum.


Die Brille

Er trinkt und ist so sehr verstockt,

Daß selbst die Wurst ihn nicht verlockt.
[160]

Die Brille

»Ach!« denkt die Frau, »wie wird das enden!«

Und sucht die Flasche zu entwenden.


Die Brille

Doch hierin kennt er keinen Spaß:

»Gleich stell' sie her! Sonst gibt es was!«
[161]

Die Brille

Und schon ergreift er mit der Hand

Den Stock, der in der Ecke stand.


Die Brille

Die Frau versucht zu fliehn; indes

Der Hakenstock verhindert es.
[162]

Die Brille

Ein Schlag, gar wohlgezielt und tüchtig,

Trifft und zerbricht die Flasche richtig.


Die Brille

Nun nimmt die Frau die Sache krumm

Und kehrt sich zur Attacke um.[163]

Die Brille

Sie hat die Brill' und freut sich sehr,

Der Mann steht da und sieht nichts mehr.


Die Brille

Er tappt herum als blinder Mann,

Ob er den Feind nicht finden kann.


Die Brille

[164] Und tappt in seiner blinden Wut –

Autsch! – an des Ofens heiße Glut.


Die Brille

Er dreht sich um und allbereits

Brennt ihn der Ofen anderseits.
[165]

Die Brille

Nun aber wird die Wut erst groß –

Was es auch sei – er haut drauf los.


Die Brille

Die Suppenschüssel, Wurst und Glas

Wird ruiniert, der Hund wird naß.
[166]

Die Brille

Und Frau und Hund entfliehn; doch er

Fällt mit dem Stuhl schnell hinterher.


Die Brille

Voll Eifer will er nach, und ach!

Rennt an die Tür mit großem Krach.


Die Brille

[167] Nun ist's zu Ende mit dem Rasen;

Das rote Blut rinnt aus der Nasen.


Die Brille

Und demutsvoll und flehentlich

Bemüht er um die Brille sich.
[168]

Die Brille

Er nimmt mit Freud' und Dankgefühl

Die Brille von dem Besenstiel.


Die Brille

So triumphiert das brave Weib. –

Die Wurst hat Tapp, der Hund, im Leib.
[169]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 158-170.
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