Neuntes Kapitel

[67] Dem hohen lyrischen Poeten

Ist tiefer Schmerz gewiß vonnöten;

Doch schwerlich, ach, befördert je

Das ganz gewöhnliche Wehweh,

Wie Bählamm seines zum Exempel,

Den Dichter in den Ruhmestempel.


Neuntes Kapitel

Die Backe schwillt. – Die Träne quillt.

Ein Tuch umrahmt das Jammerbild.


Verhaßt ist ihm die Ländlichkeit

Mit Rieken ihrer Schändlichkeit,

Mit Doktor Schmurzels Chirurgie,

Mit Bäumen, Kräutern, Mensch und Vieh,

Und schmerzlich dringend mahnt die Backe:

Oh, kehre heim! Doch vorher packe! –


Neuntes Kapitel

[67] Gern möcht er still von dannen scheiden,

Gern jede Ovation vermeiden,

Allein ihm bleibt bei seiner Fahrt

Ein Lebewohl nicht ganz erspart.


Neuntes Kapitel

Meckmeck! so schallt's aus jener Ecke;

Meckmeck! ruft einer durch die Hecke,[68]

Meckmeck! so schmettert's in der Näh,

Und Riekens Ziege macht mähhäh! –


Da wundert sich wohl mancher sehr,

Wie's möglich sei, daß ein Malör

So schleunige Verbreitung finde.

Der Weise schweigt. Er kennt die Gründe. –


Als Bählamm sein Coupé erreicht,

Wird ihm verhältnismäßig leicht.


Neuntes Kapitel

'ne Frau, 'n Kind und eine Tasche,

Worin die Gummistöpselflasche,

Sind unsers Reisenden Begleiter.

Der Säugling zeigt sich äußerst heiter.

Er strebt und webt mit Händ und Füßen,

Er läßt sein Mäulchen überfließen;

Er ist so süß, daß fast mit Recht

Ein Junggesell ihn küssen möcht.[69]

O weh! Die Fröhlichkeit entweicht.

Wohlmeinend wird ihm dargereicht

Das Glas, woraus er sich ernährt;


Neuntes Kapitel

Er lehnt es ab; er ist empört;

Und penetrant, gleich der Trompete,

Klagt er in Tönen seine Nöte. –

Die Mutter seufzt. Der Trank ist kalt.

Wohl uns! Hier hat man Aufenthalt.


Neuntes Kapitel

»Ach!« – bat sie – »halten S' ihn mal eben,

Ich muß ihm etwas Warmes geben!«[70]

Sie eilt hinaus ins Restaurant.

Der Zug hält drei Minuten lang.


Neuntes Kapitel

Einsteigen! Fertig! Pfüt! – Und los,

Mit seinem Säugling auf dem Schoß,

Mit dicker Backe, wehem Zahn,

Rollt er dahin per Eisenbahn

Der Heimat zu und trifft um neun

Präzise auf dem Bahnhof ein. –

Der Säugling, des Gesanges müde,

Ruht aus von seinem Klageliede,

Umhüllt mit einer warmen Windel,

Auf Bählamms Arm als stilles Bündel.

Trotzdem hat Bählamm das Bestreben,

Ihn möglichst baldig abzugeben.
[71]

Neuntes Kapitel

Der Schaffner, ohne Mitgefühl,

Bedankt sich höflich, aber kühl.


Neuntes Kapitel

Desgleichen auch der Bahnverwalter;
[72]

Neuntes Kapitel

Desgleichen auch der Mann am Schalter.


So muß er sich denn wohl bequemen,

Sein Bündel mit nach Haus zu nehmen.


Neuntes Kapitel

»Der Papa kommt!« so rufen hier

Die frohen Kinder alle vier.[73]

»Und« – sprach die Mutter – »gebt mal acht!

Er hat was Schönes mitgebracht!«


Neuntes Kapitel

Jedoch bei näherer Belehrung

Wie wenig schätzt sie die Bescherung.


Neuntes Kapitel

»Oh!« – ruft sie – »Aber Balduin!«

Dann wird's ihr vor den Augen grün.
[74]

Neuntes Kapitel

Zum Glück in diesem Ungemach

Kommt bald des Knaben Mutter nach.

Zwar ist die Flasche kalt wie nie,


Neuntes Kapitel

Doch weil's pressiert, so nimmt er sie. –

Der Abschied war nicht sehr beschwerlich,

Was auch bei Bählamm sehr erklärlich;

Denn gerne gibt man aus der Hand

Den Säugling, der nicht stammverwandt.[75]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 4, Hamburg 1959, S. 67-76.
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