Die Lady von Campion-Hall

[403] »Was klinget und singet vor meinem Schloß?

Was woget so bunt? – Ein Zigeunertroß!

Mein Gemahl ist in London, der strenge Lord,

Mit Hunden wohl hetzte der sie fort!

Ich aber, ich will – her ist's gar lang –

Mich einmal letzen an Tanz und Sang.«


Und herab die Terrasse die Lady schritt, –

Ihr Fuß war klein und leicht ihr Tritt:

Sie winkt mit dem Fächer, – der Reigen beginnt:

Wie flattern die schwarzen Locken im Wind,

Wie schmettert die Zimbel, das Tamburin,

Wie brausen und sausen die Paare dahin!
[403]

Da tritt mit der Laute der Fiedler zu ihr:

»O Lady, fair Lady, nun lausche du mir!

Des Tanzes nur achtet dein Schloßgesind – –

Gedenkst du noch Schottlands, Berthalind?«

Da wurde vor Schreck sie blaß und rot:

»Du, Edgar? Mein Edgar? O läg' ich tot.«


»Tot lagst du drei Jahre beim eisigen Greis:

Nun sollst du erwachen zum Leben heiß.

Sie haben gebrochen mein Ritterschloß,

Doch blieb mir die Laute, das Schwert, das Roß:

Und mein ward die Heide, das Waldmoos weich

Und aller Zigeuner Königreich!


Dein Bett ist von Silber, dein Kamm von Gold,

Demanten dir decken den Busen hold,

Dich trägt die Sänfte von Pardelfell,

Dein Spiegel Kristall von Venedig hell: – –

Komm mit! Komm mit! laß alles zurück,

Nur Lieb' ist Leben und Glanz und Glück.


Dein Bett wird das duftige Heidekraut,

Statt Demanten dir Perlen die Mainacht taut,

Deine Sänfte mein Arm, dein Spiegel der See,

Dein Kamm meine Finger, dein Gespiel das Reh,

Dein Kissen diese vieltreue Brust, –

Dein Los – nie ausgeschöpfte Lust.«


Und der Mond ging auf über Campion-Schloß:

Da jagt in den Tann ein schwarzbraun Roß:

Der Hunde Gebell, der geketteten, hallt.

Ein Mantel fliegt und ein Schleier wallt:

Jetzt sind sie verschwunden – sie ritten zu zweit: –

Wer will sie erspähen? – Die Welt ist weit!

Quelle:
Felix Dahn: Gesammelte Werke. Band 5: Gedichte und Balladen, Leipzig 1912, S. 403-404.
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