Der Turmkauz

[516] Schnee hüllt das Land. – Grundtief füllt Eis den Main. –

Durch kalte Nachtluft leuchtet, – sonder Ende –

In höh'rem Glanz, als sonst der Sterne Schein: – –

Das ist die Nacht der Jahreswende.


Geh', Münsterturmwart, ruhe diese Nacht!

Dich lös' ich ab in deiner luft'gen Zelle:

Selb zweit mit meiner Harfe halt' ich Wacht,

Bis daß mich grüßt die Morgenhelle.


Dorthin den Weinkrug und die Ampel: hier

Den Speer und deine lange Turmdrommete:

Geh nur und schlaf: ich halte Wache dir

Mit Sang und Sinnen und Gebete. – –
[516]

Rings ruht die Stadt. – Nur auf der Burg glimmt rot

Des Gauwarts Licht. – Rings Kälte, Nacht und Schweigen, –:

Wie anders einst zu Rom uns Neujahr bot

Das Volk mit Tanz und Flötenreigen.


Lau ist die Nacht dort, wie bei uns im Mai!

Wie glatt die Lispler Gruß und Handschlag fälschen:

»Salut a voi!« – Da plötzlich: Mordgeschrei!

Und über uns die Wut der Welschen!


Das war das röm'sche Neujahr! – Heimatland: –

Da lob' ich dich, trotz Eis und Frost! – – Was ächzet

Vor'm Fenster dort? – Der Turmkauz! – Übler Fant!

Er kündet Unheil, wo er krächzet.


»Was wachst du, Mann,

Den Tag heran,

Den Tag vom neuen Jahre?

Unheil verrann,

Unheil hebt an

Von Wiege bis zur Bahre.


Die Lieb' ist Lust!

Treu keine Brust:

Es gleißt die Welt in Lügen:

Der Freund liebt sich:

Er liebt nicht dich:

Laß dich den Schein nicht trügen.


Das Reich zerrinnt,

Und Rom gewinnt,

Der Kaiser beugt den Scheitel:

Die Welt ist schal:

Ja, sie ist Qual:

Reich, Lieb' und Sang sind eitel.«
[517]

Husch, höllisch Nachtgekrächz, entweich' hiedann!

Sonst, Unhold, schlag' ich nach dir mit dem Speere – –

Ha sieh: Es tagt! Es tagt! die Nacht verrann,

Die Sonne steigt! Dem Herrn die Ehre!


Falsch war der Unkenruf! Es siegt das Licht:

Nicht eitel sind Lieb', Sang und deutsche Krone:

Den echten Mann reut seiner Schmerzen nicht:

Er trägt tief in sich, was ihm lohne.


Das Fenster auf! – Komm, Wachtdrommete mein:

Weit soll das deutsche Land den Ruf vernehmen:

Was feig und falsch, was niedrig und gemein,

Das soll mein Morgenlied verfemen.


Was kühn und treu, was edel, hoch und rein,

Soll sieghaft stehn gen alle Höllenstreiche:

Heil, junges Jahr! Dein Willkommgruß soll sein:

Dem Kaiser Heil und Heil dem Reiche.

Quelle:
Felix Dahn: Gesammelte Werke. Band 5: Gedichte und Balladen, Leipzig 1912, S. 516-518.
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