Alte Geschichte

[275] »Lieben, wies nicht Andre können,

Will ich dich, mein Kind,

Wenns die Götter nur vergönnen,

Und nicht neidisch sind.«


Sprach zu Hero einst Leander,

Als er sie gesehn,

»Lieben wollen wir einander,

Bis wir untergehn!«


Zwischen hohem Felsenufer

Rauscht das wilde Meer,

Worte tauschen helle Rufer

Nimmer hin und her.


Doch hinüber schwamm Leander,

Wenn die Sonne sank,

Und die Heißgeliebte fand er

Drüben liebekrank.
[275]

Und das Mädchen flog vom Thurme,

Wo sie lauschend stand,

Niedersah zum Wellensturme,

Nieder auf den Strand.


War genesen von dem Harme,

Als er kam gesund,

Preßt den Jüngling in die Arme,

Küßte wild den Mund.


Wie so graus die Wasser toben!

Mein Leander da?

Sei gepriesen, laß dich loben,

Amathusia!


»Dir am Busen, dir am treuen,

Heißen laß mich ruhn,

Seine Schlummerkörner streuen

Lasse Morpheus nun!« –


Wieder wachen auf die Sorgen,

Denn es bleicht der Mond;

Und es zittert schon der Morgen

Ueberm Hellespont.


Lebe wohl, du mußt hinüber –

Doch die andre Nacht

Kommst du wieder o mein Lieber?

Deine Hero wacht!
[276]

»Komme wieder, meine Süße,

Sollst mich morgen sehn!

Mich behüten deine Küsse

Vor dem Untergehn.«


Und die Meereswogen schlagen

Zischend um ihn her –

Das Lebendige zu tragen

Weigert sich das Meer.


Drunten auf dem Felsenbette

Lacht der falsche Gott,

Seine Weiber um die Wette

Ueben sich im Spott.


In der Jünglingsbrust zusammen

Bricht der kecke Sinn;

Die erstarrten Glieder schwammen

Willenlos dahin.


Stille wars – die Winde ruhten;

Ungerührt und groß,

Ueber spiegelglatten Fluthen

Glänzte Helios.


Habt ihr, jammert eine Mutter,

Hero nicht gesehn?

Jammernd sah man eine Mutter

An dem Meere stehn.

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Leben und Liebe, Frankfurt a.M. 1856, S. 275-277.
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