Friedrich Rotbart

[84] Tief im Schoße des Kyffhäusers

Bei der Ampel rotem Schein

Sitzt der alte Kaiser Friedrich

An dem Tisch von Marmorstein.


Ihn umwallt der Purpurmantel,

Ihn umfängt der Rüstung Pracht,

Doch auf seinen Augenwimpern

Liegt des Schlafes tiefe Nacht.


Vorgesunken ruht das Antlitz,

Drin sich Ernst und Milde paart;

Durch den Marmortisch gewachsen

Ist sein langer, goldner Bart.


Rings wie eh'rne Bilder stehen

Seine Ritter um ihn her,

Harnischglänzend, schwertumgürtet,

Aber tief im Schlaf wie er.


Heinrich auch, der Ofterdinger,

Ist in ihrer stummen Schar,

Mit den liederreichen Lippen,

Mit dem blondgelockten Haar.


Seine Harfe ruht dem Sänger

In der Linken ohne Klang;

Doch auf seiner hohen Stirne

Schläft ein künftiger Gesang.[84]


Alles schweigt, nur hin und wieder

Fällt ein Tropfen vom Gestein,

Bis der große Morgen plötzlich

Bricht mit Feuersglut herein;


Bis der Adler stolzen Fluges

Um des Berges Gipfel zieht,

Daß vor seines Fittichs Rauschen

Dort der Rabenschwarm entflieht.


Aber dann wie ferner Donner

Rollt es durch den Berg herauf,

Und der Kaiser greift zum Schwerte,

Und die Ritter wachen auf.


Laut in seinen Angeln dröhnend

Tut sich auf das eh'rne Tor;

Barbarossa mit den Seinen

Steigt im Waffenschmuck empor.


Auf dem Helm trägt er die Krone

Und den Sieg in seiner Hand;

Schwerter blitzen, Harfen klingen,

Wo er schreitet durch das Land.


Und dem alten Kaiser beugen

Sich die Völker allzugleich

Und aufs neu' zu Aachen gründet

Er das heil'ge deutsche Reich.

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 1, Leipzig und Wien 1918, S. 84-85.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon