Zweiter Auftritt

[103] TASSO.

Ist dir's erlaubt die Augen aufzuschlagen?

Wagst du's umherzusehn? Du bist allein!

Vernahmen diese Säulen was sie sprach?[103]

Und hast du Zeugen, diese stummen Zeugen

Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt

Die Sonne sich des neuen Lebenstages,

Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.

Herniedersteigend hebt die Göttin schnell

Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis

Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!

Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!

Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,

Und dieses Glück ist über alle Träume.

Der Blindgeborne denke sich das Licht,

Die Farben wie er will, erscheinet ihm

Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.

Voll Mut und Ahndung, freudetrunken, schwankend

Betret ich diese Bahn. Du gibst mir viel,

Du gibst, wie Erd und Himmel uns Geschenke

Mit vollen Händen übermäßig reichen,

Und forderst wieder, was von mir zu fordern

Nur eine solche Gabe dich berechtigt.

Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen,

Und so verdienen, daß du mir vertraust.

Was tat ich je, daß sie mich wählen konnte?

Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?

Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.

Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken

Sei ewig meine Seele ganz geweiht!

Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!

Sie sende mich. Müh und Gefahr und Ruhm

In fernen Landen aufzusuchen, reiche

Im stillen Hain die goldne Leier mir,

Sie weihe mich der Ruh und ihrem Preis:

Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen;

Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie.

O hätt ein tausendfaches Werkzeug mir

Ein Gott gegönnt, kaum drückt ich dann genug

Die unaussprechliche Verehrung aus.

Des Malers Pinsel und des Dichters Lippe,

Die süßeste, die je von frühem Honig

Genährt war, wünscht ich mir. Nein, künftig soll[104]

Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Menschen

Sich einsam, schwach und trübgesinnt verlieren!

Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.

O daß die edelste der Taten sich

Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben

Von gräßlicher Gefahr! Ich dränge zu

Und wagte gern das Leben, das ich nun

Von ihren Händen habe – forderte

Die besten Menschen mir zu Freunden auf,

Unmögliches mit einer edeln Schar

Nach ihrem Wink und Willen zu vollbringen.

Voreiliger, warum verbarg dein Mund

Nicht das was du empfandst, bis du dich wert

Und werter ihr zu Füßen legen konntest?

Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.

Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein

Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,

Als halb und halb zu wähnen, daß man wohl

Es habe fordern dürfen. Blicke freudig,

Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt!

Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder

In unbekannte, lichte Zukunft hin.

– Schwelle Brust! – O Witterung des Glücks

Begünstge diese Pflanze doch einmal!

Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen

Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten.

O daß sie Frucht, o daß sie Freuden bringe!

Daß eine liebe Hand den goldnen Schmuck

Aus ihren frischen reichen Ästen breche!


Quelle:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 5, Hamburg 1948 ff, S. 103-105.
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